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Ein Floehrchen gibt Tönchen

Wie ich in Minuten der Langeweile herausgefunden habe, kann ich mit beinahe jedem meiner Körperteile Geräusche erzeugen.

Pups!
Quak!
Und padautz!
Ich bin ein Instrument! So schön.

Sehr praktisch und gesund ist, dass man mich nicht bespielen muss. Ich bin ein sich selbst spielendes Gerät. Niemand muss mich zupfen oder mit Stöcken auf mich schlagen oder in mich hinein blasen. Wie schön auch das ist! Niemand muss in Johannes hinein blasen! Der kann das alles alleine! Lass den mal. Wenn eine Gitarre das auch könnte, wäre das für Gitarrenspieler nicht so gut.

Manchmal gebe ich auch Konzerte. Zwei Stunden lang. Nur mein Korpus und ich. Das siamesische Kapelle. Kurios. Zu zweit und doch allein. Was außergewöhnlich viel Körperbeherrschung und Konzentration verlangt. Für einen allein wäre es möglicherweise zu viel, aber mein Körper und ich, wir kennen uns schon seit Geburt, sind ein eingespieltes Team und teilen uns die Arbeit sehr gut auf. Ich denke mir einen Befehl aus und über, öhm, diverse Prozesse werden diese Informationen dann an die einzelnen Körperteile weitergeleitet. Muss man nicht verstehen. Jahrelange Übung, Expertengeschwafel.

Mein erstes abendfüllendes Programm trägt übrigens einen Titel, der nach diesem Relativsatz der Weltöffentlichkeit präsentiert wird: „Körperklangwelten“. Hehe.

Wäre ich eine Frau, würde ich es folgendermaßen nennen: „Ton: Scheide, Fersen.“ Sehr lustig, diese Anspielung. Schade, dass die Frau kein exklusives Körperteil besitzt, welches sich prima auf „Scherben“ reimt. „Knerben“, beispielsweise. So könnte etwa diese, noch namenlose, wahrscheinlich stets schwitzende Mulde unterhalb der Brust heißen. Knerben. Davon wird man noch viel hören. Übrigens: der Wikipedia-Eintrag zu „Frau“ ist (ziemlich genau) doppelt so lang wie der zu „Mann“. Wer möchte, kann diese Information gerne behalten und einen lustigen Mann/Frau-Witz daraus machen. Ich will das nicht, ist nicht mein Stil. Und was ich eigentlich sagen wollte: Bereits am Titel einer Veranstaltung erkennt der Fachmann, wie gut der Abend wird. Kommen wir also nun zu den Körperklangwelten.

Ich beginne mit der Nase, damit alle erkennen, dass ich es kann. Ich halte mir das linke Nasenloch zu und puste virtuos ein wenig Luft hinaus. Guck mal, da fliegt ein Popel in die erste Reihe! Hui! Der erste Höhepunkt des Abends! Wobei man mit einer solchen Aussage eigentlich alle anderen Momente des Abends diskreditiert. Denn jede Sekunde meiner großen Schau ist ein Höhepunkt für sich. Zum Beispiel wenn ich die komplette Bob Dylan-Diskografie mit Fingerknacken nachspiele. Oder wenn ich durch wildes Bauchtrommeln die gleichen Klangteppiche ausbreite wie das WDR-Sinfonieorchester. Das muss man erstmal können, um es zu können.

Ich möchte nicht zu viel vorab verraten, aber zeitweise, da wackle sehr laut mit den Ohren, was nur wenige Menschen können. Man muss es sehr schnell tun; Wind ist sehr leise und gemein. Aber eine ganze Tonleiter mit den Ohren erwackeln, das ist große Kunst. Ganz im Gegenteil zum Klassiker „mit den Achseln pupsen“. Lange keinen mehr gesehen, der das gemacht hat. Generell scheint der gute, alte Furz langsam aus der Mode zu kommen. Flatulenz ist wohl nicht mehr en vogue. Es ist an den Hipstern, diesen Trend zu stoppen. Die mögen doch generell alles, was sonst niemand Vernünftiges mag: Club Mate, Apple oder Löcher in der Hose. Warum dann nicht auch Achselpupsen? Berlin-Kreuzberg, ich zähle auf dich!

Uninteressant ist auch Folgendes: viele finden es schwierig, ein passendes Ende zu finden. Das Leben endet ja netterweise einfach so, aber alles andere? Hier ein Rat: Alles muss mit irgendeinem Kracher enden. Peng! Sehr praktisch dabei: Ein guter Schluss kann den vorherigen Unsinn ungemein aufwerten und vergessen machen. Beispiel. Dein Referat über den zweiten Weltkrieg ist dröge, unspannend und „Hitler“ in einem ernsten Kontext sagen macht keinen Spaß? Dann sag doch als letzten Satz einfach Folgendes: „Und mein Opa war bei diesem ganzen Scheiß live dabei und hat von allem gewusst, dieser Schelm, ahahaha!“. Die Reaktionen werden unterschiedlich ausfallen, aber wenigstens wird es welche geben. Funktioniert auch nicht nur, wenn man Deutscher ist.

Und womit einen Konzertabend ausklingen lassen? Nun, ich mache es so: „One Moment in Time“, intoniert durch Husten. Wegen Whitney Houston. Sehr witzig, sehr kreativ! Und für alle Beteiligten immer noch besser als wenn jemand in mich hinein blasen würde. In diesem Sinne: tröööt!

Das Leben eines Künstlers

Wenn ich mein Kommen ankündige, dann malen die Veranstalter Superlative auf die Plakate.
Plakate, auf Stromkästen geklebt und mit meinem Tausendsassa-Gesicht beklebt.

Jeder soll es sehen, jeder soll meine Fresse sehen; „die größte Supershow der Totalen, Unterhaltung pur,
Literatur at it’s best, das feine Kulturhäppchen für Zwischendurch und Jeden, neunzehn Uhr ist Einlass“.

Wenn dann alle über mein Kommen informiert sind, tauschen die Leute fleißig Papierscheine gegen Abreißkarten.
Abreißkarten, die der Abreißmann am Tag des Abreißens abreißen wird, weil er es kann.

Seht! Er kommt! Er bringt uns Kleinkunst mit! Endlich! Die heilige Messe der Kleinkunst!
Nur Kleinkunst vermag unseren Alltag aufzufetzen! Hurra, hurra! Kleinkunst!!

Und wenn ich dann in den Ort komme, schmeißen die Leute mit Konfetti.
Konfetti, ausgestanzt aus Originalschriften von Ovid. Oder Micky Maus. Oder Ähnlichem.

Hinter der Bühne gönne ich mir zwei Schlücke Trüffellikör, den Rest gieße ich ins Künstler-Bidet;
zwei knapp bekleidete, westeuropäische Mädchen klopfen ans Fenster – ich weise sie ab, weil ich es kann.

Wenn ich dann in Zeitnot komme, vierzig Minuten im Verzug bin und noch meine Texte sortiere,
sortiere ich meine neunhundert besten Texte ganz nach hinten, ich will die Leute ja nicht zu sehr verwöhnen.

Begleitet von vierzehn turmhohen und muskelverzierten Sicherheitsleuten trabe ich schließlich auf die Bühne;
um meinem Publikum ein paar wichtige Gesten vorführen zu können, trage ich Schuhe mit vierzig Zentimeter Absätzen.

Wenn ich komme, stellen sich die Leute rabiat applaudierend auf ihre Stühle.
Stühle, die es ihnen ermöglichen, mir, dem Künstler, näher zu sein.

Neunminütiger Begrüßungsapplaus, ganz ordentlich, ich verneige mich, werfe meinen
Zylinder wichtig in die Lüfte, fange ihn mit Augen zu („Wahnsinn! Und das in den Schuhen!“ ruft jemand aus dem Publikum) und dann lese ich ein Gedicht auf Estnisch vor.

Es trägt den Titel: „Jello“.

Jello.
Talv tuleb ja peeretan,
Ma vihkan hooaega
minu publik on loll nagu leib,
oma raha, et osta jama.

Und jedes Wort ist wahr. Jedes Wort klingt wie Poesie. Auf deutsch heißt in etwa so viel wie:

Wackelpudding.
Der Winter kommt und pupst,
ich hasse die Jahreszeiten,
mein Publikum ist doof wie Brot,
von eurem Geld kaufe ich mir Unsinn.

Und jedes Wort ist wahr. Jedes Wort klingt wie Poesie; solange man es nur so sagt, dass es niemand versteht.
Wilder Applaus, weil ich nicht nur bilingual, sondern omnilingual bin und jede Sprache der Welt spreche.

In allen jemals gesprochenen Sprachen der Geschichte bedanke ich mich also bei meinem Publikum für den beschissenen Abend,
mein Programm neigt sich dem Ende zu; ein Gedicht muss ja wohl reichen, nächstes Jahr werde ich wiederkommen, dann gibt es noch eins. Auf armenisch.

Wenn ich dann gehe, hüpfen die Leute vor Begeisterung die Sitzvierecke der Stühle kaputt,
meine vierzehn Bodyguards geben in meinem Namen Autogramme und alle sagen stolz:

Wahnsinn! Das war ja wohl mit kilometerweitem Abstand die größte Supershow der Totalen, Unterhaltung purpur, Literatur at it’s motherfuckin‘ best, das allerfeinste Kulturhäppchen seit Rémy Belleau. yabadabaduh!

Und wenn ich dann aufwache, in Ennepetal vor neun Leuten lese – ohne Konfetti, ohne Zylinder, ohne Trüffellikör,
aber mit einem Becher Fanta in der Hand – dann denke ich: Alter, Kleinkunst. Hurra, hurra!

Womit man nicht rechnen konnte

Alles
beginnt
charmant.
Der
emsige
Filou,
genannt,
hihi,
„I-Dötzchen“,
jubiliert.
Klasse!
Lernen!
Mathematik,
natürlich!
Ob
Prozente,
Quadratwurzeln,
Radius,
Sinuskurve,
Tangentengleichungen.
Umformungen,
Vektorberechnung!
Warte.
X-Achsen,
Y-Achsen?
Zeitverschwendung.

Aber damit kann man in der ersten Klasse einfach noch nicht rechnen.