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Fitze, Fitze, Fotze

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Stimmt gar nicht. Meine Oma fährt meistens mit dem Bus. Auf Straßen. Ohne Eier drumherum. Und überhaupt: Ich kenne keinen einzigen Menschen, der im Hahngehege lustige Kreise fährt. Was für ein Unsinn! Aber, irgendwer schon das schon machen. Irgendjemand fährt im Hühnerstall Motorrad, Motooorrad.

Alle meine Entchen schwimmen auf dem See. Ich habe Entchen?! Nein. Ich habe eine Katze. Die macht zwar ihr Schwänzchen in die Höh‘, schwimmt aber nicht. Die macht nur „miau“. Immer dieses „miau“. Weiß nicht, was die an dem findet. Der hat fünfzig Millionen Chinesen getötet! Gut, bei einer Milliarde Einwohnern fällt das nicht so auf. Trotzdem! Mao, Mao? Ich sage ja auch nicht den ganzen Tag „Hitler, Hitler“. Na, Johannes, wie geht’s dir? Hitler! Zum hier essen oder mitnehmen? Hitler! Wo kämen wir denn da hin! Hitler fährt im Hühnerstall Motorrad. Alle meine Hitlers schwimmen auf dem See, IQ unter Durchschnitt, Ärmchen in die Höh‘. Ist ja albern.

Abgesehen davon müsste es heißen: Mutter Naturs Entchen schwimmen auf dem See. Aber soweit denkt ja niemand! Meins, meins, meins; meine Entchen! So ein Quak! So ein schlechtes Wortspiel! Werden wir kurz wieder ernst: Es ist doch. Schon im Kindergarten werden wir auf den Kapitalismus vorbereitet. Und ene, mene, mu, raus bist du; auf der Reise ins Konsumharem zieht dir immer jemand den Stuhl weg. Und auf dem Boden der Tatsachen kommt niemand vorbei und schenkt dir die T-Aktie. Da kannste lange drauf warten. Das Leben ist kein Waldorfkindergarten, sonst wären Formulare aus Filz und bei „Deutschland sucht den Superstar“ würden die Teilnehmer Eurythmie tanzen und das „Viva la Waldorf“-Lied singen. Das es übrigens wirklich gibt. Ich möchte daraus zitieren:

Das hier ist unser Liebeslied
für die Schule am Vollkorn-Kiez.
12 Jahre ein Volksfest für Freaks,
von den Waldis gibt’s jetzt dicke Beats.

Ich finde schön, dass diese Menschen am Vollhonk-Kiez so kreativ und selbstironisch sind. Ob es jetzt freiwillig lustig ist oder nicht, spielt keine Rolle. Außerdem: Es gibt in der Historie der scheinbar harmlosen Lieder über Randgruppen viel schlimmere Beispiele. Nehmen wir etwa „Zehn kleine Negerlein“. Ein Lied, in dem Schwarze als dumm, unzivilisiert und dumm dargestellt werden. Das ist an sich schon so weltfremd und rassistisch, dass sich auch unsere Haare kräuseln müssten. Okay, Sklaverei gibt es offiziell nicht mehr, aber Intoleranz ist für die meisten noch immer im doppelten Wortsinne ein Fremdwort. Die moderne Version der zehn kleinen Negerlein müsste folgendermaßen klingen:

Zehn kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund zogen mal hierher,
da kamen Geschlechtspartnerinnen vorbei und schon waren sie viel mehr.

Tausend kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund wollten dann studieren,
„nein, aber oh, sie kommen aus dem Kongo, können wir sie zum Bongospielen animieren?“

frug ein Frackträger namens Dr. Soundso,
nun sitzen die Meute bei McDonald’s rum und putzt da das Klo.

Und hier gilt nun das gleiche wie bei „Mitten im Leben“: ich wünsche, es wäre Satire. Sprich: überzogen. Doch: Das Leben da draußen ist nicht wie in Kinderliedern, es ist teilweise viel schlimmer. Um davon abzulenken, erzähle ich nun einen Witz:
Was ist weiß, rechteckig und überflüssig? Dieser Text! Hahahahaha!

Warum ich diesen Unsinn hier dennoch erzähle? Hitler. Und jetzt gehe ich. Aber nicht mit meiner Laterne, ihr Doofen.

Vom Radioübertragungsfußballgott und Anderem

Ich weiß noch, früher. Da habe ich stets die WDR2-Konferenz der Fußball-Bundesliga im Radio gehört (Manni Breuckmann!) und mich auf die Sportschau gefreut, um dort dann zu sehen, wie die Tore, die ich mir zuvor nur vorgestellt hatte, in Wirklichkeit gefallen sind. Fantasie und Fußball, das passte nicht nur der Alliteration wegen sehr gut zusammen. Außerdem hatte man so vom Spieltag doppelt und fünffach was: hören, vorstellen, warten, gucken, verstehen. Heute stelle ich mich da dümmer an. Wenn ich heutzutage am Samstagnachmittag erfolgreich das Internet nach möglichst ruckelfreien, arabischen Live-Streams der Bundesliga-Konferenz durchforste, weiß ich zwar früher Bescheid, aber zu was für einem Preis? Das abendliche Sportschau-Schauen macht dann viel weniger Spaß, denn, klar, man kennt ja fast alles schon. Nur sieht man es mit weniger Pixeln, beziehungsweise mit mehr – diese Erklärung würde aber jetzt zu weit führen.

Doch: ja, früher, da war ich deutlich klüger und fantasievoller. Wenn beispielsweise der ehemalige Leverkusener „Staubsauger“ Carsten Ramelow eins seiner seltenen Tore erzielt hat, dann habe ich mir das in meinen Gedanken seltsamerweise immer sehr gestolpert ausgemalt. So, als wäre es ein Versehen, dass er den Ball über die Linie befördert hätte. Ein abgefälschter Verlegenheitsschuss, ein angeschossenes Körperteil oder ein zufälliges Zucken Richtung Tor nach einem verunglückten Eckball: ein Versehen eben. Ups, Tor! Später in der Sportschau wurden etwaige Rätsel aufgelöst, und: nur sehr selten fielen die Tore so wie vermutet. Carsten Ramelow, Radioübertragungsfußballgott. Was er heute macht, weiß wahrscheinlich nur noch seine Familie. Ich grüße ihn an dieser Stelle, schließlich bin ich mir sicher, dass er täglich seinen Namen in eine Internet-Suchmaschine tippt, um zu sehen, ob sich noch überhaupt noch jemand an ihn erinnert. Ja, Carsten! Hier! Ich erinnere mich. Grüße.

Manchmal habe ich aber auch auf die WDR2-Konferenz verzichtet, um mich abends von den Toren und Ergebnissen überraschen zu lassen. So wusste ich noch nicht einmal, ob meine Lieblingsspieler überhaupt auf dem Platz standen, ob sympathische Mannschaften gegen unsympathische gewinnen konnten oder ob Diverses geschah! Nervenkitzel! Man konnte aber auch damals schon anhand der Reihenfolge der zusammengefassten Partien ablesen, welches Spiel besonders ereignis- und torreich verlaufen sein mag. Gut, das Bayern-Spiel gab und gibt es aus Gründen fast immer am Schluss, aber wenn etwa Wolfsburg gegen Freiburg als erstes Spiel gezeigt wurde, dann deutete vieles auf ein torloses Remis hin. Jedoch ging diese Rechnung nicht immer auf, ich war schon damals nicht so gut in Mathematik und Sendungsabläufen.

Und nun wieder der Blick darauf, wie es heute ist: Spannung erhalten? Äußert schwierig, wenn man sich zur Bundesligazeit im Internet tummelt. In sozialen Netzwerken fliegen einem ungefragt zahlreiche Tormeldungen um die Ohren („TOOOOOR!!! POLDIIIIII! FC!! <3″) und auf Newsportalen tickern die Ticker ungebremst, was sich auf den mir damals noch unbekannten Fußballplätzen in Augsburg, Hoffenheim oder Mainz ergeben hatte. Der beste Trick ist, komplett alle Medien zu meiden und etwas Ungewöhnliches zu tun. Spazieren gehen, Bücher lesen, Pfandflaschen wegbringen. Ich halte übrigens nicht viel von Dosen- und Flaschenpfand. Pfandflaschen gibt es nur, damit man sie zeitvertreibend wegbringen kann. Überhaupt: Geld für eine leere Hülle erhalten? Man bringt doch auch leere Pizzaschachteln nicht zurück zur Pizzaria Amalfi. Und falls doch, habe ich extrem hohe Schulden. Ganz ohne Handy-Vertrag oder Sky-Abonemment. Womit ich galant zurück zum Thema Fußball übergeleitet habe. Ich bin so ein Fuchs.

Also, Fußball. Früher: Radio und Fantasie. Heute: beides viel zu selten. Tore fallen trotzdem. Nur Carsten Ramelow, der spielt nicht mehr.

Ein Floehrchen gibt Tönchen

Wie ich in Minuten der Langeweile herausgefunden habe, kann ich mit beinahe jedem meiner Körperteile Geräusche erzeugen.

Pups!
Quak!
Und padautz!
Ich bin ein Instrument! So schön.

Sehr praktisch und gesund ist, dass man mich nicht bespielen muss. Ich bin ein sich selbst spielendes Gerät. Niemand muss mich zupfen oder mit Stöcken auf mich schlagen oder in mich hinein blasen. Wie schön auch das ist! Niemand muss in Johannes hinein blasen! Der kann das alles alleine! Lass den mal. Wenn eine Gitarre das auch könnte, wäre das für Gitarrenspieler nicht so gut.

Manchmal gebe ich auch Konzerte. Zwei Stunden lang. Nur mein Korpus und ich. Das siamesische Kapelle. Kurios. Zu zweit und doch allein. Was außergewöhnlich viel Körperbeherrschung und Konzentration verlangt. Für einen allein wäre es möglicherweise zu viel, aber mein Körper und ich, wir kennen uns schon seit Geburt, sind ein eingespieltes Team und teilen uns die Arbeit sehr gut auf. Ich denke mir einen Befehl aus und über, öhm, diverse Prozesse werden diese Informationen dann an die einzelnen Körperteile weitergeleitet. Muss man nicht verstehen. Jahrelange Übung, Expertengeschwafel.

Mein erstes abendfüllendes Programm trägt übrigens einen Titel, der nach diesem Relativsatz der Weltöffentlichkeit präsentiert wird: „Körperklangwelten“. Hehe.

Wäre ich eine Frau, würde ich es folgendermaßen nennen: „Ton: Scheide, Fersen.“ Sehr lustig, diese Anspielung. Schade, dass die Frau kein exklusives Körperteil besitzt, welches sich prima auf „Scherben“ reimt. „Knerben“, beispielsweise. So könnte etwa diese, noch namenlose, wahrscheinlich stets schwitzende Mulde unterhalb der Brust heißen. Knerben. Davon wird man noch viel hören. Übrigens: der Wikipedia-Eintrag zu „Frau“ ist (ziemlich genau) doppelt so lang wie der zu „Mann“. Wer möchte, kann diese Information gerne behalten und einen lustigen Mann/Frau-Witz daraus machen. Ich will das nicht, ist nicht mein Stil. Und was ich eigentlich sagen wollte: Bereits am Titel einer Veranstaltung erkennt der Fachmann, wie gut der Abend wird. Kommen wir also nun zu den Körperklangwelten.

Ich beginne mit der Nase, damit alle erkennen, dass ich es kann. Ich halte mir das linke Nasenloch zu und puste virtuos ein wenig Luft hinaus. Guck mal, da fliegt ein Popel in die erste Reihe! Hui! Der erste Höhepunkt des Abends! Wobei man mit einer solchen Aussage eigentlich alle anderen Momente des Abends diskreditiert. Denn jede Sekunde meiner großen Schau ist ein Höhepunkt für sich. Zum Beispiel wenn ich die komplette Bob Dylan-Diskografie mit Fingerknacken nachspiele. Oder wenn ich durch wildes Bauchtrommeln die gleichen Klangteppiche ausbreite wie das WDR-Sinfonieorchester. Das muss man erstmal können, um es zu können.

Ich möchte nicht zu viel vorab verraten, aber zeitweise, da wackle sehr laut mit den Ohren, was nur wenige Menschen können. Man muss es sehr schnell tun; Wind ist sehr leise und gemein. Aber eine ganze Tonleiter mit den Ohren erwackeln, das ist große Kunst. Ganz im Gegenteil zum Klassiker „mit den Achseln pupsen“. Lange keinen mehr gesehen, der das gemacht hat. Generell scheint der gute, alte Furz langsam aus der Mode zu kommen. Flatulenz ist wohl nicht mehr en vogue. Es ist an den Hipstern, diesen Trend zu stoppen. Die mögen doch generell alles, was sonst niemand Vernünftiges mag: Club Mate, Apple oder Löcher in der Hose. Warum dann nicht auch Achselpupsen? Berlin-Kreuzberg, ich zähle auf dich!

Uninteressant ist auch Folgendes: viele finden es schwierig, ein passendes Ende zu finden. Das Leben endet ja netterweise einfach so, aber alles andere? Hier ein Rat: Alles muss mit irgendeinem Kracher enden. Peng! Sehr praktisch dabei: Ein guter Schluss kann den vorherigen Unsinn ungemein aufwerten und vergessen machen. Beispiel. Dein Referat über den zweiten Weltkrieg ist dröge, unspannend und „Hitler“ in einem ernsten Kontext sagen macht keinen Spaß? Dann sag doch als letzten Satz einfach Folgendes: „Und mein Opa war bei diesem ganzen Scheiß live dabei und hat von allem gewusst, dieser Schelm, ahahaha!“. Die Reaktionen werden unterschiedlich ausfallen, aber wenigstens wird es welche geben. Funktioniert auch nicht nur, wenn man Deutscher ist.

Und womit einen Konzertabend ausklingen lassen? Nun, ich mache es so: „One Moment in Time“, intoniert durch Husten. Wegen Whitney Houston. Sehr witzig, sehr kreativ! Und für alle Beteiligten immer noch besser als wenn jemand in mich hinein blasen würde. In diesem Sinne: tröööt!

Eins, zwei, drei, Erdbeerkäse und Aa

Ich wache in einem Wald auf. Wie gewohnt zähle ich zunächst meine Beine und komme ausnahmsweise auf vier. Nach kurzem Überlegen komme ich nur auf eine einzige plausible Erklärung: Scheiße, ich bin das letzte Einhorn! Meiner gigantischen Erektion zufolge befinde ich mich zudem in der Brunftzeit. Und weil ich ja das letzte Einhorn bin und körperliche Liebe zu anderen Tieren ablehne, entscheide ich mich für Masturbation. Von Ohr bis Huf unfassbar geil wichse ich ein bisschen ins Geäst, spritze in kleine Gewässer und am Ende des Tages tut mein Horn so weh, dass ich mich auf eine kleine Bank kauere und stundenlang weine.

Meine Damen und Herren, ich hoffe, diese gute Einleitung hat Sie prima unterhalten. Doch möglicherweise hat nichts mit dem folgenden Text zu tun. Gleiches gilt für die Überschrift. Das Stichwort ist: Manipulation. Das Wort „Manipulation“ kommt aus dem Keltischen und bedeutet „trügerische Absicht“ oder auch „Verwerfung“; manch ein Linguist beteuert gar, die Germanen hätten es synonym für „Wahnsinn“ verwendet. Und all das behaupte ich. Wer könnte mir widersprechen, ohne das Internet zu befragen? Wenige. Wer könnte von sich sagen, dass er noch nie auf irgendeine Manipulation hereingefallen ist? Niemand. Und wer kann mir sagen, wer uns Kleingeister am häufigsten korrumpiert? Medien? Politiker? Osteuropäische Fußball-Schiedsrichter? Ja, okay, die alle natürlich auch, aber jetzt mal über was Anderes, natürlich: Werbung. Vorhang auf, Glotze an.

Ba, ba, ba, ba – „Babybel“ ist Käse. Käse ist gelb, obwohl Milch weiß ist.
Be, be, be, be, – „Becel pro activ“ ist Margarine. Margarine nennt man im Volksmund auch „Kunstbutter“, obwohl sie künstlerisch vollkommen wertlos ist.
Bi, bi, bi, bi – „Bionade“ ist ein Getränk. Getränke sind Genussmittel, obwohl „Bionade Quitte“ da Anderes verspricht.
Bo, bo, bo, bo – „Bofrost“ ist ein Tiefkühlkostlieferant. Tiefkühlkostlieferanten bringen Fertiggerichte, die ja mal überhaupt gar nicht verzehrfertig geliefert werden – Tiefkühlpommes etwa muss man zuvor backen, frittieren oder wenigstens warm lutschen.
Und Bu, bu, bu, bu – „Butterfinger“ ist ein Schokoriegel. Ein Nestlé-Schokoriegel mit einer Erdnusskrokantdecke auf Erdnussbuttercreme, umhüllt von zarter Schokolade. Ein Nestlé-Schokoriegel, welcher in Deutschland seit 1999 nicht mehr verkauft wird. Weil gentechnisch manipulierter Mais im Riegel steckt.

Ha! Da sind wir wieder beim Thema. Ich kenne ein Ehepaar, das kauft sich jeden Morgen am Kiosk gleich drei Zeitungen, damit es sich aus all den Lügen bequem die eigene Wahrheit puzzlen kann. Drei Chancen auf Realität. Gucken wa mal. Kim Jong-il ist in einem Zug vor Erschöpfung gestorben, er hatte einen Herzinfarkt oder aber er wurde von Jesus in den Himmel bestellt, damit sie gemeinsam Weihnachten feiern können – ja, was denn nun? Das hängt ganz davon ab, welche Zeitung man liest und welchem Nachrichtensprecher man am meisten vertraut. Die sagen dies, da steht das, Aussage gegen Aussage, Lüge gegen Lüge, Unsinn gegen Quatsch! Osama Bin Laden und die Mondlandung gab es nie. Die Titanic ist nicht untergegangen, sondern außerplanmäßig hinab nach Atlantis gefahren. Adolf Hitler hatte ein Ufo und wohnt jetzt zusammen mit Elvis Presley auf dem Jupiter, wo sie alle drei Wochen ein großes Scrabble-Turnier ausrichten. Ohne Vokale! Ja! Kann doch alles sein! Beim Scrabble bringt das Wort „Wahrheit“ dreizehn Punkte, Unglückszahl!, „Vertuschungsmanöver“ jedoch, kein Scheiß; zweiundvierzig Punkte. 42! Die Antwort auf alles! Zufall?

PeterLicht kommt vorbei und singt: „Wir gehen durch die Straßen und glauben kein Wort, von den Worten, die an den Wänden stehen.“ Ein kluger Typ, dieser Typ. Und dann reitet PeterLicht auf dem allerletzten Einhorn durch die abgelegenen Industriestraßen in Willich-Münchheide und überall kleben Plakate von Kleinkünstler-Tourneen und dann diese Buchstabensammlungen wie FDP, SPD, CDU, ACAB und ein geföhnter Lokalpolitiker grinst sich mit seinem Überzeugungs-Grinsen die Zukunft zurecht. Das Einhorn hält an und pinkelt der Zukunft in den Mund. Kompagnon PeterLicht singt wieder: „Die Zukunft leuchtet schon und wir halten unsere Hände in ihre wärmenden Ränder.“ Das muss man sich mal vorstellen, der viel zu unbekannte Musiker PeterLicht und das letzte Einhorn stehen in einem Industriegebiet irgendwo am Niederrhein und sie patschen ihre Hände bzw. Hufe an eine Wand. Das ist schon etwas kurios. Hat aber wirklich so stattgefunden. Vielleicht. Und dann klingelt Peters Telefon. Gott ist dran. Er sagt:

Da, da, da, da – Da macht ihr aber ganz schönen Unsinn!
De, de, de, de – Dem armen Politiker in den Mund pieseln, das ist doch keine Satire mehr, das ist
Di, di, di, di – Die endgültige Verdummung meiner kleinen Schöpfung!
Do, do, do, do – Donnerstag habt ihr die Sauerei wieder in Ordnung gebracht, sonst gibt es einen Tsunami!
Du, du, du, du – duuut, duuuut, duuut. Aufgelegt.

Wir sind hip, hip; hurra!

Neulich war ich aus Versehen in Düsseldorf auf der Königsallee, dem Paradies der Popanzen mit prallem Portmonee. Stichwort: Lederfetisch mal anders. Doch die Königsallee wird niemals mit ihrem richtigen Namen angesprochen, denn so wie niemand zu einem Ulrich Ulrich oder zu einem Hans-Peter Hans-Peter sagt, so haben auch die Gäste der dekadenten Einzelhandelsschleuse für ihr Markenmekka einen kurzen Kosenamen. Getreu der Devise: „Zeit ist Geld“ sagen sie schlicht: Kö. Ein Ka, ein Öh, reicht. Ansonsten wird hier nicht viel gespart; man protzt und klotzt, und wenn doch mal einer kleckert, dann ist das Kunst oder nur ein dummer Zufall. Überall eine Feinkostbar und Klamotten, Cafés an jeder Ecke gibt es „Iced Caramel Macchiato“ und Handtaschen mit ungewöhnlichen Namen. Alles nix für mich. Ich spaziere vorbei an einem Kind in Begleitung seines in einen wichtigen Anzug steckenden Vaters. Der Kopf des Kindes ist eingehüllt in eine rote Eisbärmütze, die wohl suggerieren soll, dieses Kind würde täglich fünf Stunden lang Skifahren in St. Moritz oder St. Hans-Peter oder wo auch immer. Unerwartet werde ich Zeuge eines Skandals.

Eisbärmütze und Anzug flanieren an einem seltenen Kiosk vorbei und der Nachwuchs äußert einen Wunsch. Statt „Strawberry Cheesecake“ von „Ben & Jerry’s“ zur Abwechslung soll heute mal ein „Mini Milk“ mit Vanillegeschmack sein, aber ohne echte Vanille drin. „Mini Milk“. Für den Anzug klingt das gefährlich proletarisch nach Einzimmer-Plattenbau-Snack für Trainingshosen-Ottos. Anders gesagt: Eine falsche Welt bricht für ihn zusammen. Doch der reiche Anzug beugt sich, damit die Eisbärmütze nicht auf die feinen Leinen-Fußstulpen weint. In der Geldbörse nur ein gelber Schein. Den will der Anzug nicht in so einem ranzigen Kleinartikel-Schuppen mit dem einfallslosen Namen „Trinkhalle“ verjubeln. Er sucht einen Geldautomaten, um sich einen Zehneuroschein abzuheben. So wird der große Schein bewahrt, haha, Wortwitz. Beim guten, alten Papier gegen Ware-Tausch mit dem Kioskmann sagt der Anzug lässig: „Stimmt so.“

Und dann singen die teuer umhüllten Königsallee-Körper leise ihr einziges Lied:

Wir sind hip hip, hurra!
Wir stecken unsere Euter
in den teuersten Wonderbra,
und es ist doch wunderbar
wenn die wahren Wunder bar bezahlt werden,
yah!

Zumindest stelle ich mir das Lied der Dekadenz so vor. Rap mit einfachen Reimen, eingängig, irgendwas mit Titten, aber cool. Zurück zur Szenerie.

Plötzlich stehe ich vor einer menschlichen Schlange. Eingekesselt von diesen trennenden, roten Wurst-Bändchen stehen rund fünfzig Gestalten und Gestaltinnen rum und ich habe keine Ahnung, warum. Ich traue mich auch kaum, irgendeinen Schlangenmenschen anzusprechen. Alle scheinen beschäftigt. Sie machen: tipp, tipp, tipp, klingeldingeldu, zapp, zapp, düdeldüdeldü; sprich: sie spielen mit mobilen Telefonen, die klüger sind als sie selbst. Warum stehen alle hier herum? Umsonst wird es nichts geben, Ich stecke mir eine Zigarette an und lausche folgendem, aufklärenden Dialog zwischen zwei jungen Mädchen.

„Ey! Geilomat! Endlich ein Abercrombie & Fitch-Laden bei uns hier in Düsseldorf!“
„Endlich, jau! Die sind immer voll geil, diese Läden, war noch nie in einem drin!“
„Ja! Geil! Ich hol mir gleich einen Douglass Mountain-Hoodie, die sehen voll krass aus! So direkt aus New York so! Fast so geil wie die Sachen von Hollister!“

Und ich denke: oh weh, oh weh. Mit mehr Mini Milk in der Kindheit wäre das vielleicht nicht passiert.

Von mir aus kann ja jeder anziehen, was er will – und wenn es Leute gibt, die blöd genug dafür sind, für einen „coolen“ Markennamen horrende Preise zu zahlen, dann wird der Kapitalismus eben vorbildlich gelebt. Die einen bestellen sich Klamotten aus der „Rumpfkluft“-Kollektion des Duos Katz & Goldt, die anderen wollen lieber einen Douglass Mountain-Hoodie von A&F. Das Problem bei diesem Abercrombie & Fitch-Zeug ist jedoch, dass man sich mit dieser Kleidung einen Stempel anzieht. Genauer gesagt, den Stempel „Möchtegern, kann aber nich“. Vergleichbares gilt übrigens für die „Ed Hardy“–“Mode“, die aber sagt: „Möchte auch, kann aber mal so was von gar nich“. In Amerika gibt es eine Reality-Show namens „Jersey Shore“ und deren Hauptdarsteller sind geistig reichlich beschränkte, stereotype Testosteron-Luftballons. Eine dieser Figuren trug in der Sendung häufig Abercrombie & Fitch und dem Konzern war diese ungewollte Negativ-Werbung so peinlich, dass man „Mr. Sorrentino“ einen Millionenbetrag bot, damit er ihre Kleidung in Zukunft nicht mehr trage. Das ist sehr lustig, finde ich. Höhö.

Früher gab es diese A&F-Sachen nur in New York und man konnte Menschen, die schon mal in New York waren, an eben diesen Fummeln erkennen. Und an „I ♥ NY“-Shirts. In der heutigen Zeit hat sich das geändert. Nix mehr mit „exklusiv an der upper east side“. Heute kann sich auch Ulrich aus dem Ostseeort Hohenfelde A&F kaufen, um sich endlich modisch und gesellschaftlich ganz oben zu fühlen, obwohl er maximal gedanklich in New York gewesen ist.

Hauptsache: hip, hip, hurra!

Im Eingangsbereich des neuen Düsseldorfer Flagshipstores stehen Menschen und lassen sich für die Nachwelt von ihren klugen Telefonen fotografieren. Theoretisch. Ein junger Herr scheitert erstaunlich hilflos daran, auf seinem Handy die Fotokamera-Applikation zu finden. Von hinten ruft jemand: „Macht mal hinne da, ihr seid doch doof im Kopf!“ Ich nicke und denke: Stimmt so.

Schlechtes Gewissen

Regentage sagen niemals Adieu zum Verlangen.“ (Jacques Palminger)

Das Schönste, was ich heute gesehen habe, war eine Taube. Eine Taube, die ihren Kopf rhythmisch und zugleich stupide von hinten nach vorn geschoben hat, weil sie es kann – und sonst außer gucken, kacken, fliegen, picken nicht viel mehr. Tauben werden kollektiv gehasst, doch sie sind harmlos, reden weniger Scheiße als die allermeisten von uns und der Fehler liegt nicht in ihrer Existenz, sondern in unserer Betrachtung.

Dazu ein paar Beispiele aus meinem eigenen, unwichtigen Leben.

Als Kind habe ich auf meinem roten Bobbycar weit, weit mehr als siebzehn Ameisen überfahren. Entschuldigung, ihr Krabbelfreunde. Weil ich mich nicht bücken wollte, habe ich Pusteblumen gepflückt und erst dann die Pollen über die Felder fliegen lassen. Verzeihung, ihr Wildgewächse. Und jetzt trage ich schwarz-weiße Schuhe von Adidas, weil sie mich an Fußballschuhe aus einer Zeit, die ich aktiv nicht miterlebt habe, erinnern. Sollte ich diesen Satz jemals irgendwo vorlesen, so werden fünfzig Prozent des Publikums auf meine Schuhe schauen. Sie werden verpassen, wie ich im Gesicht eine traurige und ehrliche Grimasse forme. Für die Kinder, die diese Treter geknüpft haben. Denn darum geht es mir. Aber: It’s not your fault, children of Bangladesh.

Cause I am just a little guy
in a crazy world
full of madness and sadness,
and we will go on upon
our endless journey of tragedy
until we see the sea
beyond the „knowledge of good and evil-tree“.
Der Baum heißt auf Deutsch „Baum der Erkenntnis“, Digger. Denk da mal drüber nach.

Mühsam mit Schulenglisch verfasste Bekenntnisse eines Mörders; die Wahrheit ans statt hinter des Licht zu führen ist eine unangenehme Gabe der Vernunft. Wer vor narzisstischer Freude platzt, soll danach auch die Sauerei wegputzen oder wegkärchern oder wenigstens mit dem Handkehrer die Gefühls-Fusel von sich wegschieben – so wie man überhaupt immer die Schuld von sich weist, weil immer die Anderen den schweren Rucksack der Sünde aufsetzen müssen. Trotzdem sagt ständig irgendein Spinner, er hätte Rücken. Nur ernsthaft belasten will ihn niemand. Schon der lustige Jesus sagte: Wer ohne Schuld ist, soll den ersten Stein schmeißen und nicht nur wegen einer bestimmten Szene des grandios verfilmten „Leben des Brian“ verspreche ich, dass uns alle dann ein Steinhagel begraben wird. Wir werden wimmern und die Situation kolossal verkennen; nur das Äußere lässt sich mit Photoshop optimieren, nicht das Innere. Lasst euch lieber vom Lauf der Sonne verdunkeln, nicht von all dem Unsinn, der rechts und links und hinten und vorne lauert und sich von euren Gehirnzellen ernährt, verdammtnochmal.

Dann: Kunst- und Dunstpause.

Fabian ergreift Partei gegen die Stille und sagt jubelnd: „Ich habe jetzt eine Waschmaschine!“ und gemeinsam sitzen wir auf einem Baumstamm, vertreiben uns die Zeit mit Wundern über Dinge.

Ich sage: Vielleicht wäre es besser, wir wären alle Tauben. Dann könnte man sich wirklich aussuchen, worauf man scheißen würde.

Ob nun
auf den Reichs-, Bundes- oder Landtag,
oder auf den Mon-, Diens- oder Mittwoch,
oder auf die Stätten, in denen wir uns wie an Ketten unseren Tagelohn erarbeiten,
oder wir koten auf den immer gleichen Alltag,
oder auf den Tag, der auf den Tag folgt, an dem wir uns endlich verändern wollen,
oder auf den Taxifahrer,
oder doch nur auf den Nachbarn, der einem immer die kostenlose Zeitung vom Sonntag stibitzt, obwohl man doch noch den Media Markt-Prospekt nach günstigen Spielfilmen durchstöbern wollte.

Sei klug, spare hier und da ein paar Euro. Sei klüger, spare dir hier und da einen Kommentar. Oder sei ganz einfach und doch so schwierig: der Klügste und denke nicht nur dann nach, wenn jemand etwas von dir will, sondern auch vorher, nachher und zwischendurch. Denken ist schön, denke ich mir und manchmal muss man sich auch mal die Welt schön denken, denn sie ist es nicht. Aus Gründen.

Dennoch will ich hier jetzt nicht ewig weitermachen mit dem Waschen der schmutzigen Wäsche. Das soll Fabian machen. Denn der hat jetzt eine Waschmaschine.

Eine sichere Bank

Vielleicht wird der ein oder andere mitbekommen haben: Wir befinden uns in einer Zeit der Krise, der Ungewissheit, der Sorgen. Alle von klein bis groß fragen sich zurecht: Was ist denn jetzt morgen? Weltuntergang? Schwarzer Montag? Oder Samstag? Manch ein kluger Kopf ist bereits daran zerbrochen. – Wie ein lustiger Millionär namens Hape Kerkeling bereits im September 1991, also einen Monat vor meiner Geburt, feststellte, ist das ganze Leben ein Quiz. Daher gibt es nicht nur Fragen, sondern auch Antworten. Theoretisch zumindest. Praktisch gibt es nur ein dem Laien namentlich gänzlich unbekanntes und scheinbar zufällig zusammengepuzzeltes Gremium, das diese Antworten dann berufswegen auch sucht. Gut, ganz so wie beim Jauch ist es hier nicht. Die 50:50-Chance ist vielleicht ein wenig zu riskant. Das Publikum fragen kommt ebenso nicht in Frage, denn das hat ja ohnehin keine Ahnung. Jemanden anrufen wurde versucht, ergebnislos – Silvio Berlusconi etwa hat ja auch in anderen Themengebieten alle Hände voll zu tun; keine Zeit. Und es gibt hier nicht nur Antwortmöglichkeit A, B, C oder D. Es sind vielmehr viel mehr Lösungen als uns das Alphabet Buchstaben schenkt – selbst, wenn man Ä, Ö, Ü und das scharfe S mitzählen würde. Aber: immerhin. Da sind welche, die suchen nach Lösungen. Und ein zerzauster Hippie namens Jesus versprach vor knapp 2000 Jahren, also rund 1991 Jahre vor meiner Geburt, dass diejenigen, die suchen, auch finden werden. Nur wann, das hat uns der heilige Sohn Gottes natürlich nicht gesagt.

So sitzen sich die wichtigen Leute schon seit Monaten auf ihren Ledersitzen die Popos wund und kommen zu keinem verdammten Ergebnis. Dabei sind doch alle so fleißig: Auf „Meetings“ wird die „Big Question“ gestellt, der „Masterplan“ wird gesucht, aber weil uns kleinen Leuten ewig keine Ergebnisse präsentiert werden, kann das alltägliche „Brainstorming“ doch nicht die kognitive Ruhe vor dem Sturm sein! Die entscheiden doch nichts, da oben die! Die mampfen doch nur Häppchen vom reichhaltigen „Catering“-Angebot, bezahlt von uns! Und wir können nicht mehr einschlafen, weil uns die Ungewissheit plagt. Wie soll es denn jetzt weitergehen? Antworten haben viele parat, doch so ganz koscher sind die mir nicht. Tagtäglich geben sogenannte „Very Important Persons“ in der „yellow press“ hanebüchene „Statements“ zur Lage der Nation ab, pff. Pseudokritische Meinungen werden zu simplen „Give-Aways“, die man einfach so in die Öffentlichkeit pustet, weil das ja jetzt jeder macht, weil jeder was dazu sagen kann und jeder davon betroffen ist.

Ahnung haben dabei leider die allerwenigsten. Aber Hauptsache, man hat sein „Feedback“ als Prominenter prominent in einer kleinen Kolumne platziert, damit auch Frau Schlütkewömpel am Frühstückstisch sagen kann: „Oh, Friedhelm, schau mal hier! Der Sky du Mont, der hat auch was dazu gesagt! Er ist zwar keiner vom Fach und ich verstehe die Hälfte nicht, aber toll! Toll, dass er sich da mal zu Wort meldet!“. Wenn ich mich früher, in der Schule, in Mathematik zu Wort gemeldet habe, dann habe ich auch viel geredet, jedoch zumeist inhaltlich relativ wenig gesagt. Denn es gibt Themen, bei denen solche man sich bei akutem Mangel an Fachwissen auch einfach mal zurückhalten. An dieser Stelle schöne Grüße an meine langjährige Mathelehrerin Frau Franck: Frau Franck, ich weiß immer noch nicht, wie man den Abstand eines Vektors zu einer Ebene berechnet, geschweige denn, was das alles überhaupt heißt. Und damit muss ich mich auch – „Gott“ sei Dank! – gar nicht mehr beschäftigen, weil mein Alltag inzwischen von größeren, finanzkräftigen Problemen bestimmt wird.

Es ist doch so: Unser mehr oder weniger geliebtes Europa ist, wie der anglizismenfreundliche Fachmann sagt, am „Vagina Way“, also am Scheideweg. Gut, dass es Leute gibt, die sich dagegen erheben. Das einfache Volk geht endlich mal wieder außerhalb von Fußball-Weltmeisterschafen auf die Straße, protestiert, macht sich Sorgen, Schilder werden beschriftet, Plakate werden vor Fernsehkameras ausgerollt, da ist ja richtig was los, heidewitzka, Revolution liegt in der Luft! Aber was uns dann doch fehlt, ist ein einziger, toller, kluger, redegewaltiger und -gewandter Typ, der sich hinstellt und sich auch zutraut, für die Massen einzustehen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen! Einen Helden brauchen wir! Einen Retter! Einen Die sehr, sehr gute Nachricht ist: nach dem diesen Kerl muss man nicht mehr suchen, denn er spricht gerade zu euch. Ja, verdammt! Komm! Ich mach es! Ich kann es! Ich will es! Ja! Ich bin eine sichere Bank!

Ich werde die Moderation von „Wetten, dass“ übernehmen! Heureka!

Verpissen

„Hömma, Monsieur, dat iss mein Pissoir, wo du deinen kleinen Kollegen da reinhältst! Tu ma ganz schnell gucken, dat du den da weghängst! Sonst zeig ich dir meine Rechte und meine Linke, da kannsu dir sicher sein, du Pimpf.“

Ich schaue verdutzt. Um dem Mann, der diese klugen Worte sprach, in die Augen zu sehen, muss ich meine Nase relativ weit oben heben. Seine Arme sind doppelt so dick wie meine und bei ihm sind es Muskeln, bei mir Fett. Zu meinem Glück muss ich nicht besonders dringend, so dass ich den Harndrang aufhalten und den Kerl ansprechen kann:

„Ist ja gut, ist ja gut. Ich gebe nach. So wie ich übrigens immer nachgebe, weil ich genau so klein bin wie ich aussehe.

Beispiel.

Wenn ich etwas lesen möchte, da aber nur Zeitungen sind, die mir wehleidig die Nachrichten von gestern aufwärmen, so wie ein Fertiggericht in der Mikrowelle fressfertig gedreht wird und ich lese diese blöde Blätter dann trotzdem, weil die um mich herum gegebene Langeweile nicht zu schätzen weiß und mich ablenken will von irgendetwas, was mich ja eigentlich doch nur peripher stört. Hinter der Süddeutschen steckt eben nicht immer ein kluger Kopf, manchmal versteckt man sich auch einfach hinter ihr. Und Nichtstun in der Straßenbahnfahren ist ein zu wenig respektiertes Privileg. Nun ja.

Weiteres Beispiel fürs Nachgeben.

Wenn ich etwas zu kritisieren haben möchte, da aber nur ein paar große Dinge sind, über die sich das Beschweren ernsthaft lohnen würde, dann nehme ich mir eben diese Großbaustellen vor und sage ‚Gesellschaft, pff, doof‘ oder ‚Politiker, hm, korrupt‘ oder ‚Medienlandschaft, joa, verseucht‘ und komme gar nicht erst in die verwegene Gelegenheit, da mal konstruktiv im Detail drüber nachzudenken, weil ich Kopfschmerzen als Konsequenzen fürchte. So bleibt alles wie vorher, niemandem ist geholfen, erst recht nicht mir. Aber wenigstens konnte ich motzen. Dem kann ich nicht nachgeben, weil ich schwach bin.

Und noch ein Beispiel dafür.

Wenn ich etwas zu essen haben möchte, da aber nur ein McDonald’s ist, wo ich dann Kühe, Kartoffeln und Cola konsumiere und mir nachher denke: Meine Güte, Jung, wo ist dein Idealismus geblieben? Wolltest du nicht die Welt verbessern und wenn du das nicht hinkriegen würdest, wenigstens du selbst sein? Und dann kommt man ungewollt in diese unschöne Phase, in der man sich fragt, wer dieses ‚Ich‘ überhaupt ist, sein will und sein kann. Manch einer liest dann ein Buch von Richard David Precht, die Bibel oder zumindest jemand Anderem die Leviten, damit man sich beweisen kann, dass immerhin der Körper verdammt stark ist. Genau wie du jetzt.

Doch so das Leben als oberflächliche Phrase zu definieren lässt wenig Spielraum für eigene Interpretationen, denn etwas derart Komplexes wie unser verdammtes Leben herunterzubrechen auf derart simple Formeln ist eine ziemliche Milchmädchenrechnung.“

Mein pinkelndes Gegenüber sieht mich an, als spräche ich serbokroatisch. Hat mich wohl nicht verstanden. Vielleicht ist er betrunken. Ich gebe ihm noch eine Chance.

„Okay, okay, lass es mich anders ausdrücken: wer boxen tun will, weil der andere so total böse ist und so und halt mal voll das Falsche macht, dann darf man nicht den Fehler machen und auch so voll das Falsche tun und den dann boxen, weil boxen dann auch total dumm ist und wir müssen viel mehr schmusen und uns gegenseitig in der Suche nach einer besseren Gesellschaft unterstützen und dann kann man sich auch mal Fragen stellen, zum Beispiel: Welche Kinder haben deine Hose genäht und leben diese Menschen überhaupt noch? Wer hat den Klostein da drüben hergestellt? In welchem Land der Erde findet man Fliesen wie die die um uns herum überhaupt noch modern und überhaupt und überhaupt und überhaupt. Gedanken machen ist das Zauberwort, beziehungsweise sind die Zauberwörter, je nachdem, welche Rechtschreibreform man nun favorisieren möchte, ist ja auch völlig egal, ich glaube, ich verhasple mich total, was ich eigentlich von Anfang an nur sagen wollte: Hau mich nicht auf die Fresse, ich will nur Pipi machen.“

Der Typ zieht sich den Reißverschluss seines Hosenstalls zu und sagt:

„Hömma, ich hab zwar nur zwei, drei Sätze verstanden, aber du hast da schon ganz schön schlaue Sachen gesagt, zwischendurch. Das mit dem Leben und so, hier das mit McDonald’s, das stimmt, ich ess‘ da auch manchmal. Na ja, du biss schon nen ganz feiner Kerl. Kannst hier pissen, wenne wills. Machet jut!“

Dann zieht er die Spülung seines Lieblingspissoirs und geht.

Kulturausdehnung

Kultur.

Ein äußert dehnbarer Begriff. Der zwei Vokale wegen.

Kuuuuultuuuuuur.

Kennste? Kennste! Jut.
Oh, hass ma welche jemacht?
Jeschrieben hasse also! Och jut.
Warste da fleißig jewesen?
Konnteste wat zu Papier bringen?
Bisse jetz sonne Art Stiftmusiker?
Enn Wortjongleur,
enn Satzbausteineinbrecher,
enn Phrasenverdrescher,
enn Worthülsenaufbrecher
unn Buchstabenfetischist?
Dann liecht da bei dir inner Butze nu sicher irgendwo nen Stapel Kultur rum!
Und nun fragste dich wohin damit.
Pass op, ich vertäll et dir:
Expansion. Expansion!

Dat heißt janz konkret:
Brich auf zu Kultur-Tourneen, schaffe Kultur-Nähen und –Fernen, pack deine Kunst unter die Arme und reiche deine Hände den kulturell reichlich Armen. Du wirst sehen: Teilen macht Spaß, aber meiden macht Hass! Meide also nichts und niemanden! Nimm alle mit! Sei ein menschgewordenes Reisebusunternehmen für Ausflüge in die lustige, bunte Welt der Metaphern, Enjambements und Pamphlete. Reise mit deinem Kulturkoffer in fremde Gefilden und erfahre etwas über die Vorzüge anderer Orte! Jede Stadt hat irgendetwas zu bieten – und wenn es nur die Autobahnausfahrten sind! Lerne alles kennen und lass dich kennenlernen! Denn dann gibt es einen kolossalen kulturellen Austausch der Kultursäfte! Du musst die guten Gedanken der anderen einfach nur abmelken und dir schmecken lassen, so komisch das auch klingt. Und dann: Prost, Cheers, Terviseks, Kippis, Salud und Santé; hau überall weg den Scheiß! Oder, lass es mich so erklären:

Öb dü nü im Östen weilst
ünd dört deinä Täxtö deilst.
Ob du die Noordseeeeküste
verwöhnst mit einer deiner Künste.
Oderr nach Polen fährst
und denen deinen Kopf erklärrst.
Oder du reist nach Holland
und lässt dich überraschen.
Ob duh noon nack America flieckst,
oder in Hannover singst und tanzt und liest.
Wesentlich ist nur: das Wesen der Kultur.

Erzeuge also Kunstdunst. Schüttle ungeschüttelte Hände und putze auch mal saubere Klinken. Und: pflanze Ideen in fremde Köpfe. Löse Gedanken aus. Sei der fehlende Impuls. Die Macht des Worts wird zwar vielerorts klein gemacht, aber auch Kleines kann man wieder groß werden lassen. Sei die Gießkanne! Lass dich von Kunstnebel umgeben, anstrahlen, anlachen und ansehen. Komm, los, lass dich doch mal ansehen! Fakten auf den Tisch packen: was kannst du? Nein, nein, das ist kein Vorwurf, sondern lediglich eine Erörterung, ein Ausmessen deines Horizonts. Ich möchte bloß wissen, was dich interessant macht. Jedoch, sag nicht, dass du nichts kannst und ein Nichts bist; ein bisschen Selbstvertrauen wäre nicht verkehrt. Jeder kann irgendwas. Schornsteinfeger können Schornsteine fegen, Fußbodenleger können Fußböden legen, Grasnarbenkorrektoraten können fehlerhafte Grasnarben korrigieren. Aber das sind alles bloß Nebenberufe. Dein Hauptberuf ist und bleibt: Mensch.

Und was kann der Mensch? Das versuche ich ja gerade zu erklären. Und, bevor ich in die Verlegenheit der Gelegenheit nutze und mich in Gedichten, Klamauk und Dialekten zu erklären versuche, sage ich einfach so, wie es ist: der Mensch kann Kunst, kann Kultur, kann und muss auch. Und soll ich dir zum Abschluss noch erklären, welchen großen Vorteil dieser ganze Quatsch hat? Ich denke, ich soll. Nun gut: in der Kunst gibt es keine Fehler.

Also, Gesäß hoch, verdammt! Tu mir keinen Gefallen, sondern einfach nur etwas, was viel zu selten gemacht wird: das Richtige. Bitte. Danke.

Viva la Faszination

Die Form der Faszination ist immer ein Kreis. Das Runde dreht sich mit Tempo Dreitausendvierundreißig und schwurbelt sich fleißig in absurde Vergnügungshöhen, um uns davon abzulenken, dass die Tiefe tiefer ist als die Höhe hoch. Ohne Ecken und Kanten wird die Begeisterung für Banales auf gleichförmige Art kanalisiert und fährt ohne Kurven auf den Ursprung zurück, um mit einer gehörigen Portion Anlauf die gleichen Gefühle auszulösen wie zuvor und gerade jetzt und in jedem Moment, dem man dem Faszinierenden mit naivem Leichtsinn schenkt. Und irgendwann Krämpfe bekommt. Weil kein Reifen sich immer dreht. Weil jeder Käse mal gegessen ist. Und irgendwann in höchster Höhe das Flugzeugbegleitungsmädchen vor einem steht, das Glücksrad stoppt und den Freudentaumel-Flug für beendet erklärt. Das darf man der Dame nicht übel nehmen, es ist einfach ihr beschissener Job. Sie muss uns daran erinnern, dass kein Platz für all die schönen Dinge ist. Manche wirft man weg und ersetzt sie. Gut, dass es da das gute, alte Unterbewusstsein gibt. Dieser Kompost der Erinnerungen behält den ein oder anderen Fetzen und wenn mutig ein bisschen nachdenkt, spuckt er manchmal vergangene Faszinationen aus und man kann sich den wichtigen Fragen der eigenen Person stellen:

Wo sind all meine Pokémonkarten hin?
Ich möchte an meiner glitzernden Glurak-Karte riechen, vielleicht duftet sie noch wie am ersten Tag.

Warum finde ich die Musik der Schlümpfe nicht mehr lustig?
Ich bin doch beim „Mambo mit den Schlümpfen“ immer so fröhlich in meinem Zimmer umher gesprungen, was ich heute nicht mehr mag.

Wer hat meine Benjamin Blümchen-Kassetten?
Benjamin, du lieber Elefant, komm bitte zurück, törööö!

In welchen Kisten liegen meine Pixi-Bücher?
Ich vermisse Geschichten wie „Conni beim Zahnarzt“ oder „Bernd strickt Taschentücher“.

Wie konnte ich so dumm sein, meinen Nintendo 64 in einem ranzigen Dreckslochgeschäft gegen lächerliche zwanzig Euro einzutauschen? Da wäre doch mindestens noch ein Fünfer mehr drin gewesen.

Wieso habe ich früher in Schalke-Bettwäsche geschlafen?
Weil es keine vom KFC Uerdingen gab, okay.

Wie konnten mich meine zahlreichen Verflossenen einfach so durch andere Typen ersetzen?
Okay, wahrscheinlich so wie ich sie, aber immerhin tat ich das mehr als adäquat!

Aber weshalb kann ich das Intro von „Darkwing Duck“ nicht mehr auswendig?
Er war Zauberduck und Räucherduck und Maskenduck und mehr und im Nu verschwand er, zusammen mit Käpt‘n Balu und seiner Crew, der Gummibärenbande und all den anderen alten Freunden, bei denen ich mich längst mal wieder melden müsste.

Warum habe ich die ersten neunzehn Jahre meines Lebens nicht stetig gespart?
Ich könnte mir heute doch so viele tolle Dinge kaufen.

Die dann aber auch irgendwann in Kellerkisten verstauen und langsam ergrauen lassen würde. Alles vergeht. Der Kreis kann auch stehen bleiben. Das Manifest der Faszination ist ein wirres Objekt so wie ein Hütchenspieler. Es trickst dich aus. Es stellt dir Fallen. Er vertauscht, ohne dass du es merkst und am Ende hast du meistens verloren. Es kann dir aber auch die besten Gefühle der Welt bescheren. Für fünf Minuten. Für drei Wochen. Für neunzehn Jahre. Und in deinem ganzen, verdammten Leben. Und so schließt sich der Kreis. Faszinierend.

Zurückgeblieben um zu nicht bleiben

Fährt man in Hamburg ohne Kopfhörer im Ohr von Altona nach Bramfeld, so erhält man von einer Computerstimme alle zwei Minuten eine freundliche, aber bestimmte Bitte hinterher geworfen. Sie lautet: „Zurückbleiben, bitte“. Gewiss ist dies hier räumlich zu verstehen; schließlich stören Fahrgäste, die auf den letzten Drücker die Schiebetüre aufreißen wollen, die Weiterfahrt nicht erst dann, wenn ihre Gliedmaßen von der strengen Automatik der Einstiegspforte abgetrennt worden sind. Das richtige Leben sieht personifiziert Zuspätkommen nicht besonders gerne und bestraft gnadenlos, in dem es die Unpünktlichen sprichwörtlich das Beste (hier: die Abfahrt Richtung Osten) verpassen lässt. Zudem muss Rücksicht genommen werden auf diejenigen in der Straßenbahn, die kein Blut sehen wollen, sollen, können. Gerade in Hamburg, wo man sich in gefühlt jeder zweiten Straße mit vielen Bannern, Aufklebern und witzigen Mülleimersprüchen als „Umwelthauptstadt Europas 2011″ feiert. Mal ganz davon abgesehen, dass einzelne Arme und Beine nur in den seltensten Fällen über eine gültige Fahrkarte verfügen, somit illegal sind und zur Strafe eigentlich ins Gefängnis, Zuchthaus oder wenigstens in eine Vorstellung vom „König der Löwen“ müssten. Es hocken ohnehin schon zu viele Arme in Hamburgs widerlichen Musicalpalästen herum. Das locker und routiniert gehauchte „Zurückbleiben, bitte“ dient also dem Manifestieren von Sicherheit, Ordnung, Fahrplan, Gesundheit, nebenbei dem Legalitätsprinzip und letztlich ganz sicher auch noch der guten Laune. Denn nur ein pünktliches, nach den gleichen Regeln fahrendes Kollektiv ist ein homogenes. Würde man auf jeden warten und alle mitnehmen, käme man ja nie ans Ziel.

Es stellt sich mir also zwangsläufig die Frage, ob „Zurückbleiben, bitte“ auch als Gesellschaftsmodell funktionieren würde. Ob wir dann alle glücklich wären. Ob wir trotz Zurückbleiben zum Ziel kommen würden, wo auch immer unsere Endhaltestelle wohl liegen mag, vielleicht ja auch im Osten. Ob wir dann beim Aufstehen beide Daumen in Richtung Sonne heben würden, weil es uns so gut ginge, weil wir uns zugehörig fühlen würden, weil wir den Stumpfsinn als Trumpf in allem akzeptiert und bejaht hätten. Als Zurückgebliebene müssten wir nicht mehr an dem ganzen Sinn und Unsinn zweifeln, wir würden es einfach hinnehmen, genauso wie man im Kiosk das Wechselgeld entgegen nimmt, einsteckt und dann vergisst. Man weiß schließlich nie genau, wie viel Münzgeld im Portmonee klimpert, nur über die Scheine hat man einen groben Überblick. So wäre es auch in einer Welt der Zurückbleiber. Man wüsste, wer da oben regiert und auf Dinge reagiert, aber das Agieren würde niemals tiefer hinterfragt werden, denn solche Kleinigkeiten, die hätten schon irgendwie seine Richtigkeit. Man hat selbst dafür gesorgt, dass es so ist wie es nun einmal nun und immer ist und mit Zweifeln würde man über die ein oder andere Ecke ungemütlicherweise sich selbst kritisieren, die eigene Wahl in Frage stellen und wer will das schon: sich selbst den Spiegel vorhalten und nach Narben suchen. Auf dem Planeten der Zurückgebliebenen hängt man lieber alle Spiegel ab; ist ja auch viel gesünder, in den Fernseher oder in bunte Hefte zu gucken. Da informieren wir uns dann über die bunte, feine Welt, für die wir auch irgendwo mitgestaltet haben, also doch gewissermaßen ein Spiegelbild, aber ein einfacheres, gemütlicheres, weil komplett kritikloses.

Die Gesichter lachen allesamt, damit das so bleibt, malen wir mit dem Filzstift die Konturen nach, dann malen wir den männlichen Gestalten noch ein Hitlerbärtchen unter die Nase, stecken das in die Schublade „Vergangenheitsbewältigung“, weil man niemals vergessen darf, soll, wird – wonach wir uns dann deutlich besser fühlen, nochmal ins Portmonee greifen, dann überlegen, wo das Geld dann geblieben ist, ausnahmsweise ein bisschen grübeln und denken, uns bemühen und verrenken, bis wir endlich erkennen: es ist bei den Falschen zurückgeblieben. Und wo wir schon einmal beim Erkennen sind, hören wir nicht damit auf: verdammter Scheißfick, hier, nun, jetzt, gerade, just in diesem Moment umgeben uns schon ziemlich viele Zurückgebliebene! Hm. Waren wohl schon zu viele Leute in Hamburg.

Und ihr findet Poposex pervers?

Höher, schneller, weiter. Das reicht vielen heute nicht mehr. Nur drei Sachen auf einmal? Das konnte doch schon das Überraschungs-Ei bieten. Ist das Überraschungs-Ei nicht längst überholt? Es gibt bestimmt schon irgendeine Kinderleckerschmerei mit vier Überraschungen auf einmal. Von Kellogg’s, oder so. Jetzt neu: die Kellogg’s Frosties wecken nicht nur den Tiger in dir, sondern auch den Bären, den Puma und den Stirnlappenbasilisken. Mit einer duften, kurzweilig Vergnügen bereitenden Plastikfigur in jeder sechsten Packung! Kann ich mir gut vorstellen. Denn das als Einleitung missbrauchte „Schneller, weiter, höher“ wurde still und unheimlich auf weitere Adjektive erweitert. Einfach nur schneller zu sein als irgendjemand anders ist doch auch total superöde, also quasi der gesellschaftliche Superduper-GAU pur. Um als einigermaßen okayes Individuum akzeptiert zu werden, muss man heutzutage auch noch geiler, klüger, straßentauglicher und reicher sein als der Nachbar. Aber wenn man sagt, dass Schönheitsoperationen, die nur der Porenvergrobung dienen, grober Unfug und ungrober Fug sind, dann bekommt man vereinzelten Applaus, vielleicht ein paar Schmunzler aus der hintersten Ecke und ein paar, die sich über die Neologismen wundern – aber die große Masse wird zustimmen. Um sich, bei spontanem Lottogewinn oder großzügiger Erberei, dann doch die paar kleinen Problemzonen am schlabbrigen Körper glätten zu lassen. Natürlich aufnahmslos für sich selbst. Für sein Selbstvertrauen. Und nicht zuletzt für die große, offiziell nach inneren Werten lechzende Masse.

Zurück zu „Weiter, höher, schneller“. Wenn man dieses verbale Trio des sozialen Dauerantriebs in die heutige Zeit übersetzt, nimmt man nicht mehr den öden Komparativ, sondern vertraut dem weitaus meinungsstärkeren Superlativ. Am höchsten, am schnellsten, am weitesten! Es wird nicht mehr akzeptiert, dass irgendjemand irgendetwas irgendwie besser macht als man selbst. Jeder versucht, sich mit den vermeintlich Besten eines Fachs zu duellieren, was naturgemäß zu vielen enttäuschenden Niederlagen und niederlegenen Enttäuschungen führt. Doch damit nicht genug. Gerne greift man auch auf hellseherische Kräfte zurück und gibt einer der schlimmsten Worthülsenfrüchte unserer Zeit eine Herberge: „aller Zeiten“. Dieses Suggerieren einer ewigen Allgemeingültigkeit ist, um ein bisschen albern zu werden, generell am falschesten. Rennfahrer, Kurzstreckensprinter und Seifenkistenpiloten sind nun nicht mehr nur schneller als andere, nicht bloß am schnellsten, nicht bloß diejenigen, die in einem lediglich der Unterhaltung dienendem Wettkampf die wenigste Zeit für das Bewegen von A nach B verschwendet haben; nein. Sie sind die Flottesten aller verdammten Zeiten. Präsens, Präteritum, Plusquamperfekt. Bis irgendwann ein neuer Getriebener den Weltrekord bricht, temporär ganz oben auf dem Siegertreppchen der Evolution stehen darf.

Und da hat man ihn nun als Poster an der Wand hängen, glotzt dem Schnellsten aller Zeiten neidisch auf das glatte Säuglingspopogesicht, sabbert Pfützen ins Wohnzimmer, liest dann im Plastikstuhl des Sportlers Biografie, fein garniert mit dem offiziellen Höher-Weiter-Schneller-Energiegetränk, man gehorcht seinen Worten, kauft ihm anschließend seine Lieblingsklamotten nach, erzählt im Bekanntenkreis von ihm als hätte er im eigenen Garten fleißig die Grashalme gestutzt, geht ins Fitnesscenter, besucht das ein oder andere offene Casting, versucht, Kontakte zu knüpfen zu denen da oben, wo man auch hin will, wo man die Superlativen bekommt und die Trauben, die hängen ganz schön hoch, aber man will ja auch höher und dann danach immer weiter, immer weiter, damit man für alle Zeiten ist und dann, dann hat man es angeblich geschafft. Und ich für meinen Teil finde Überraschungs-Eier immer noch ziemlich prima.

An den Mund gelegt

Ich begegnete dem Volksmund und wir redeten nicht über viel, nur ein paar Oberflächlichkeiten und Floskeln wurden ausgetauscht: man kann nicht sagen, dass wir befreundet sind oder uns einigermaßen gut kennen. Wir treffen nur ab und an aufeinander wie zwei Schienbeine beim Fußball, wahrscheinlich wundern wir uns gegenseitig über den anderen; ich für meinen Teil auf alle Fälle. Er sagt immer so komische und unfreiwillig dumme Dinge, der Volksmund. Neulich also nästelte ich an meiner Umhängetasche, da flog er wieder an mir vorbei. Er flüsterte mir brüllend ins Ohr: „Ohne Moos nichts los!“. Einige Sekundenbruchteile hielt ich inne, ließ mir diese Buchstabenkombination durch den Kopf gehen, ich grübelte, verübelte, dachte, lachte, verbrachte viel Zeit damit, meine Meinung zu diesem Satz möglichst treffend auf den Punkt zu bringen. Zurück blieb ein hallendes: Nö. Ohne Moos ist trotzdem was los. Man kann auch ohne Geld was aus sich, dem Freitagabend und dem Leben machen. Siehe Jesus. Siehe Martin Semmelrogge. Siehe da! Da halte ich es lieber mit den Billiardfreunden, welche nach dem maximal zweideutigen Credo „Ohne Stoß nichts los“ leben. Oder man ist eher ein Freund der Baukunst, dann kann man sich bei Huckleberry Finn bedienen: Ohne Holz kein Floß. Ohne Esche keine Depesche. Ohne Mahagoni keine Macaroni. Ohne Teak keine T-Aktie. Ich schweife ab, aber ich mag Holz, weil es mich nicht anspricht. Perfekt. So mag ich das als Misanthrop.

Ein spontan veröffentlichtes Fragment aus der vorletzten Woche

Echt? Potzblitz, ich hätte dich drei Jahre jünger geschätzt. Was ist das da unter deinem Auge? Mach doch mal was für die Schule! Ist das ein Bier- oder ein Sportverweigerbauch? Rauchst du schon lange? Wie wäre es mal mit neuen Schuhen? Du stinkst. Wie ist deine Einstellung zu Frisuren? Bist du eher der Ja- oder der Nötyp? Willst du nicht auch mal was Politisches schreiben? Geh doch mal früher ins Bett. Die Klobürste ist nicht nur zum Spaß existent! Socken bitte umkrempeln! Wenn du mal dein eigenes Geld verdienst, wird sich dein Lebensstil aber ganz schön verändern und zwar ins Negative, mein Freund! Einmal in der Woche Müll runterbringen ist ja wohl das Mindeste! Wieso machst du eigentlich nichts mehr mit dem Icksüpsilonn, der war doch früher immer so nett! Du nuschelst, rede mal deutlicher! Diese Hose trägst du schon seit Donnerstag! Willst du das hier stehenlassen bis es schimmelt? Lange macht das das Scharnier nicht mehr mit! ~ Stop. Tilde. Jetzt mal unter uns. Du suchst und suchst und suchst und findest dann das Haar in der Suppe meines Charakters. Aber wusstest du, dass sie dann immer noch schmeckt? Vielleicht laufe ich nicht so von A nach B, wie man das von mir erwartet. Aber Grüß, Grüß Gesellschaft, hier bin ich, dein Feind. Ich bin faul, desinteressiert und meine Meinung klaue ich gern aus Fernsehsendungen, Internetforen und aus Gesprächen mit Schlaueren. Aber weißt du was, ich kann auch anders! Peng, eigene Meinung.

Jetzt komme ich, der Reformator des Seins! Schön hart pflüge ich euch die Moralkeule in den Arsch – und zwar in der Missionarsstellung! Mich regt das nämlich morgens bis abends so tierisch auf, wie ihr immerzu uninteressante Dinge mitteilt und alte Muster so miteinander verstrickt, dass etwas „Neues“ entsteht. Wirklich. Gemeine, ihr!

Die Mühe vor dem Sturm

Du hast dir ihr aktuelles Album käuflich in einem Fachgeschäft erworben, um die Musikindustrie ein wenig langsamer sterben zu lassen. Aber besagte Nelly Furtado gab dem libyschen Zauseldiktatoren Gaddafi samt faschistischer Gefolgschaft ein Privatkonzert und dafür erhielt die kleine, harmlos singende Portugiesin mehr Geld, als du je in einen Media Markt wirst schleppen können. Auch andere Popmusik-Popanzen wie etwa Lionel Richie und Beyoncé Knowles schmusten singend mit der Gaddafi-Familie. Die erfolgreichsten Künstler unserer Zeit sind also mietbare Wanderzirkusse, die du dir bei Bedarf temporär auf den Wohnzimmerteppich bestellen kannst. Egal wie du heißt oder welche Minderheiten du auf Kamelen verfolgst. Was kannst du als Zweckkäufer da mit dem Kauf einer CD schon zum Erhalt der künstlerischen Freiheit und Vielfalt leisten? Nichts. Außer: bessere Musik hören.

Du pflegst Hasstiraden gegen deine Nachbarin, weil deren Tochter ihren fünften Geburtstag bei McDonald’s feiern will und nichts dagegen unternommen wird, dass die hungrige Kindergartenarmee die Feier des Tages mit braunem Fleischmatsch angeht. Wusstest du, dass es noch nie einen Krieg zwischen zwei Ländern mit McDonald’s-Fresslöchern gab? Denk mal darüber nach. Fast Food macht vielleicht dumm, aber auch Frieden. Wenn erst einmal alle Länder der Welt mit Cheeseburgern und Happy Meals versorgt sind, werden wir alle fett, aber gemütlich und friedlich auf den Tod warten. Was ist also schon daran auszusetzen, dass Kinder Ronald McDonald für den besten Koch der Welt halten. Du selbst schwörst auf Kochmarionetten wie Tim Mälzer und Johann Lafer und findest es nicht einmal verwerflich, dass diese Vollhonks Werbung für Fertigbrühe und Tiefkühlscheiße machen. Findest du da nicht einen kleinen Widerspruch? Der Quatsch, den du da täglich in dich hinein schaufelst, ist genauso synthetisch wie die McDonald’s-Speisekarte. Alles ist voller Chemie, voller Ungesundheit; jenseits des guten Geschmacks ist jenseits von Edeka1. Und was kannst du Leckermäulchen dagegen tun? Nichts. Außer hungern.

Du duscht jeden Tag zweimal, manchmal häufiger, kaufst dir kistenweise von der Stiftung Warentest empfohlene Cremes und Körperpflegemittel und an deine Haare kommt nur ein halb-wässriger Chemiematsch, den du für auf Hawaii geerntete Kokosnussmilch hältst. Doch tief in dir drin, in deinem Darm, wohnen 3,3 Millionen Bakterien. Sie wuseln und gedeihen fröhlich und ewig und unbeschwert und über deinen teuren Drang nach oberflächlicher Reinheit würden sie lachen, wenn sie könnten. Können sie aber nicht, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, deinen Verdauungstrakt als Spielplatz zu benutzen. Dein Darm ist ein sonnenloses Sammelbecken für Keime, Parasiten und Bakterienkot. Und was kannst du Saubermann dagegen machen? Nichts. Außer: sterben.

Du gräbst im Sandkasten nach Schätzen, du hasst Gutmenschen, du suchst im Kornfeld nach vierblättrigen Kleeblättern, du bist fünf Minuten vor der planmäßigen Abfahrt an der Bushaltestelle du lachst nur über Heinz Erhardt und Loriot, du schreibst bissige Leserbriefe an den „Spiegel“ und hoffst, damit deinen politischen Einfluss zu vergrößern, du findest Witze über Randgruppen gemein, du trennst deinen Müll nach Farben, du zählst voller Vertrauen nie das Wechselgeld, du schaltest den Fernseher nur für die Tagesschau ein, du findest, dass man dies und das ja wohl noch sagen dürfte in unserem Land, ja und du würdest die NPD verbieten – wenn du könntest; du würdest eine Revolution anführen – wenn du wüsstest wie; täglich würdest ganz verrückte Dinge tun – wenn du überhaupt irgendetwas wüsstest; und vor allem wirst du dich von diesen Zeilen hier nicht angesprochen fühlen. Du glaubst noch, dass du etwas verändern kannst, weil du Optimist bist, wenn es um deine Wirkung auf diesen Planeten geht. Du weißt zwar, dass du weder Rad noch Viereck neu erfinden kannst. Aber dass man den Kreis noch runder und besser machen kannst, bezweifelst du nicht im Geringsten. Kleinschritt-Fortschritt nennst du das. Du vergisst das Hinterfragen der Meinungen, die du dir von anderen abgeschaut hast. Du bist das Falsche im Richtigen.

Denn ich und du und sie und wir und er und ihr, wir können das große Ganze nicht ändern. Das Kollektiv rennt blind Frackträgern mit Gel im Haar hinterher, lacht aber über den Rattenfänger von Hameln. Und? Was können wir Tagediebe und Nachtschläfer daran ändern? Nichts. Außer: uns selbst ändern.

  1. Inspiriert durch den Text „Jenseits von Edeka“ vom wunderbaren Florian Cieslik

Ein Text über Hüte mit exakt zweihundert i

Aufgesetzt und abgelehnt. Der alte Hut ist ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der man sich noch vor dem Himmel und dem Haarausfall fürchtete. Gleichsam schützte er das Hirn. Den ewigen Feind, dem Kopfschmerzorgan mit dem Anrecht auf exklusive Gedanken, Informationen und Gefühle. Wer einen Hut trug, der zog auch die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Seht her, mein Schädel, der wird noch gebraucht! Ich muss ihn beschützen, manchmal fallen Steine vom Himmel oder Tauben oder deren Stoffwechsel und da braucht man Schutz. Aber bitte nicht mit einem Helm, Helme sind unsexy. Früher sagte man noch „unchic“, aber wenn man „unchic“ aufschreibt, sieht man, dass es komisch aussieht, weil man dieses Wort nicht mehr liest oder spricht und dieses Adjektiv wird bald aussterben wie die Dinosaurier oder Dampflokomotiven und so auch der Hut und vielleicht stirbt ja auch das Gehirn aus, denn man braucht heute ja nur noch ganz wenige kluge Einzelpersonen, die unseren Alltag mit ihren Erfindungen heiter und easy und locker und toll machen und wie lang soll dieser Satz denn noch werden, mal sehen, mir fällt sicher noch was ein, vielleicht eine lustige, popkulturelle Anspielung, nein, doch nicht, Satz zu Ende. Ging ja gerade noch mal gut.

Gut ist auch der Hut, eine Überleitung wie aus einem nobelpreisverwöhnten Spitzenroman. Zur Entspannung aber nun ein paar kurze Sätze ohne Bezug zum Rest des Textes: Er setzte sich hin. Margarete kochte einen Kaffee. Die USB-Ladekabel von Apple sind sehr untoll, die gehen immer schnell kaputt. So. Wo war ich stehen geblieben. Hier auf der Bühne. Mit einem Text über Hüte. Richtig. Ich mag Hüte. Obwohl ich selten einen trage. Meine Frisur passt nicht zu einem Hut. Köpfe müssen langhaarig oder objektiv schön oder gut geformt sein, damit ein Hut nicht aussieht wie ein Deckel oder wie der verzweifelte Versuch, sich von anderen abzuheben, so ein Hut macht ja in der Regel auch größer, ich persönlich mag ja Jagdhüte, die strahlen so eine gewisse Gefahr aus und Gefahr ist gut, ich möchte böse wirken, damit die Leute über meine kümmerliche Körpergröße hinwegsehen und auf keine dummen Gedanken kommen, so wie ich, schließlich sollte es uns Menschen egal bis fast egal sein, wie wir auf andere wirken, aber so funktionieren wir nun mal nicht.

Schuld hat unser Gehirn. Es hat sich in die falsche Richtung entwickelt, wahrscheinlich eine spontane Mutation, früher hätte es sowas nicht gegeben, da waren alle chic und nicht sexy, das hatte viel mehr Stil, mein Opa sieht heute noch besser aus als eine Busladung Schulkinder. Und wie kam es dazu? Natürlich, der bald folgende Abschlusssatz ist doch offensichtlich, das ist hier doch ein Plädoyer für die Hüte, da wird wohl ein positives Ende folgen, aber ich will mein Publikum nicht enttäuschen, abgesehen davon ist es mir egal, ob ihr alle Hüte tragt, ich sehe euch sowieso nie wieder und falls doch, erkenne ich euch nicht, also macht doch, wonach euch ist und lasst euch nicht von mir beeinflussen, wer bin ich schon und wer werde ich sein, kann euch doch auch egal sein, so wie ohnehin alles egal ist, selbst wenn man mal Taubenaa auf den Kopf bekommt. Dann duscht man eben. Aber bitte ohne Hut. Der geht sonst kaputt.

Hätte jemand anders den Text geschrieben, so hätte ich nur Hass für ihn übrig

Was ist, wenn der Wetterbericht lügt und es morgen schneit, hagelt und kracht? Nichts ist.
Was ist, wenn der Bäcker morgen früh seine Brötchenpreise um einen Cent erhöht? Nichts ist.
Aber was ist, wenn man denkt, dass morgen wie übermorgen und gestern wie heute wird und all die vielen Tage im Kalender einer grauen Symmetrie folgen, während der Sonnenaufgang gleichzeitig ein -untergang ist. Und es sich für uns gewiss nicht lohnt, morgen von der Matratze zu rollen, weil unten ja doch nur Alltagspflege und Nahrungsaufnehmerei auf uns warten. Fragezeichen. Ist dann nichts? Nicht doch. Wer so denkt, leidet an zu viel Grau. Wer so denkt, sollte sich professionell aufräumen lassen. Der eigene Kopf ist nur ein Wohnraum, wie das Schlafzimmer und die Gästetoilette. Alles braucht in den richtigen Abständen eine emsige Putzfrau. Staub und Flausen müssen weggewischt werden. Ab und an raus mit den bis zur Verzweiflung ausgequetschten Gedanken. Hier oben drin sein dürfen ist ein Privileg für ausgewählte Weisheiten, die in großer Kleinstarbeit mit dem kleinen Löffel aus der großen Buchstabensuppe geangelt worden sind. Und das ungebetene Arschloch darf kein Dauergast werden. Er wird pinkeln, kneifen und keifen und als Miete wird er dir Kopfschmerzen und Musik von The Cure bringen. Wo man singt, da lass dich nieder und wo etwas sinkt, da verlasse nicht das Schiff, sondern repariere den Mast. Oben ist wichtig. Der Rest ist Mode. Nur ein formatiertes Hirn ist ein gesundes Hirn.

Und nein, ich möchte nicht als Hobbypsychologe den warnenden Finger hoch heben und auch nicht in die Wunde stopfen. Ich will nur ein bisschen vom Frohmut, der mich derzeit beim Langewachsein, Liegenbleiben und Grinsen begleitet, verschenken. Jeder sollte in meinen Kanon der naiven Partymusik einstimmen können. Abgesehen davon bin ich komplett übermüdet, ich schlief die letzten Tage konsequent zu wenig, zu kurz, zu ungenau, zu wälzend, auch zu unregelmäßig und zu krumm, zu schnarchend, zu ungewollt, zu langsam, wahrscheinlich auch zu wach, zu stehend oder zu laut, aber vor allem schlief ich: zufrieden. Und von der schönen Welt zugedeckt. Schlaf gut, du Grau und wach nie wieder auf.

Gerissen und von der Steuer abgesetzt

Hilfe! Mein Dachstuhl brennt! Jemand muss für mich die Feuerwehr anrufen! Ob ich das nicht selber erledigen könne? Sicher, aber ich bin nicht der Typ, der Probleme gerne selber löst. Gelernt habe ich diese Technik im Internet: wächst mein Bedürfnis nach Hilfe, so tippe ich mein Problem in eine Suchmaschine und irgendwer wird schon die Lösung haben. Schwierig wird es, wenn man Zeuge eines neuen, zumindest online nie dagewesenen Problems wird. Hilfe! Mein Dachstuhl brennt! Einfache Haushaltstipps gibt es da nicht. Halt nur die Feuerwehr. Oder Feuerlöscher, je nach Größe des Feuers. Hm. Ob ich mich anstrengen sollte, ein weiteres Beispiel zu kreieren? Eins mit ganz viel Spektakel und Humor und Idee? Gut, wie wäre es mit folgendem: Hülfe! Meine Schwiegermutter kann mich nicht gut leiden und verwehrt mir den sexuellen Zugang zu ihrer Tochter! Ob das neu ist? Tipptipptipp, mal sehen: ungefähr 109.000 Ergebnisse bei Google. Mist. Und ja, natürlich habe ich mich eines ganz, ganz alten und flachen Witzgerüstes bedient: dem der Schwiegermutter. Haha, ja, Schwiegermütter, lustig, das ist ja immer schwierig mit denen, hahaha, jaja, kenntmanja. Ich hasse Witze zum Sichdrinwiederfinden. Bei Sat1 laufen am Samstagmorgen derartige Comedyshows aus dieser sehr tiefen Humorschublade permanent. Die Pointe kennt man immer schon, bevor sie, gekennzeichnet von Bandlachern, offenbart wird. Schrecklich. Früher mochte ich sowas. Früher trug ich aber auch grüne Hosen aus dem Kaufhof. Ich habe noch irgendwo eine CD von „Supa Richie“-Matze Knop und eine von Mirco Nontschew besitze ich wahrscheinlich sogar fast exklusiv, denn außer mir erinnern sich höchstens sieben und maximal acht Menschen noch an dieses schaurige Werk mit dem Titel „Das Album“. Oh, neues Problem: zu guter Humor. Verdammter Dammbruch, was nun? Ganz klar: Max Goldt, Heino Jaeger und Heinz Strunk. Drei ganz große, kann man bei Unwissenheit ja mal googeln.

Ein bisschen Belehrungsdrang ist immer. Nach Bus- und Bahnfahrten immer besonders. Wenn es nach mir geht, lesenhörenessentrinkenbesprechen Leute immer die falschen Dinge. Es fehlt mir an Gelassenheit, wobei ich voll von Ärger bin. Ich rede mir ein, dass das irgendwie dazugehört, das sich selber besser finden. Aber das möchte ich gar nicht weiter ausführen. Betroffenheitsprosa, getippt von pubertären Fingern, kann ich nämlich auch sehr wenig leiden und wenn ich diesen Text übermorgen oder später nochmal lese, möchte ich mich ungern selbst nicht mehr mögen. Ärgerlich, dieser Text schippert wieder in einen Strudel, den ich nicht aufhalten kann. Morgen schreibe ich lieber wieder eine absurde Kurzgeschichte mit Blödsinn. Blödsinn kann ich. Hat jemand Wortwünsche? Baue gerne irgendein lustiges Wort ein, zum Beispiel Freiluftgebäude oder Organisationstalent.

Übrigens, wenn man erst gar nicht heiratet, hat man gar keine Schwiegermutter. Ein simpler, ganz neuer Tipp! Kostenlos von mir! Für euch! Nehmt ihn euch! Bitte sehr! Macht was draus! Lieben kann man sich ja auch so.

Wie einfallslos: ein Text übers Rauchen

Fast immer in der Weltgeschichte ist es doch so: irgendjemand kommt und macht einem die Freude an Freudebringendem kaputt. Da waren zum Beispiel die Ägypter, die Spaß an Sklaverei und Diebstahl hatten. Padautz, schon kam der alte Mose, teilte irgendein Gewässer und dann waren Leibeigene verboten. Rückblickend vielleicht nicht so verkehrt, aber als Ägypter hätte ich mich ganz schön veräppelt gefühlt. Kein Wunder, dass die Nilmenschen anschließend alle bescheuert geworden sind. Stichwort Einbalsamierungen und Pyramiden. So ein Unfug. Aber komme ich nun endlich zum Thema, zum Rauchen.

Um den Rauchern die Freude am Rauchen zu nehmen, bedurfte es ebenfalls eines Bärtigen: Jean-Pierre Filou. Herr Filou trug nicht nur Bart und einen schönen Nachnamen spazieren, nein, sonst wäre er auch sicher nicht berühmt geworden. Ruhm erlangte besagter französischer Gesundheitspräsident Mitte der 60er-Jahre mit der These, dass jeder Mensch sterben würde, sobald er eine bestimmte Anzahl an Zigaretten rauchte. Da flog den Lebenden natürlich der Hut hoch, ihre Münder formten ein fürchtendes „O“ und die manchmal nicht mal halb aufgerauchten Zigaretten fielen vor Schreck auf den Boden. Die Angst wuchs durch die Ungewissheit: Monsieur Filou nannte keine genaue Zahl. Nach wie vielen Kippen gehe ich denn nun drauf? lautete damals die Frage ohne Antwort. Ich weiß von Hausfrauen, die begannen, Strichlisten über ihr Quarzverhalten zu führen. Quatschidee. Zählen ab der ersten Fluppe wäre richtig gewesen. Rückwirkend zählen ist unmöglich. Ich wüsste gerne, wie viele Kippen ich seit meiner ersten Packung Marlboro weggequalmt habe. Aber nur, weil die Zahl sicher erschreckend hoch wäre. Ich lasse mich immer gerne von Zahlen schocken, lieber als von Lebensverkürzungstheorien oder anderem philosophischen Tinnef. Wie gruselig ist z.B. 9348! Oder 128! Oder 1933! Und 9999 erst! Hilfe!

Jeder Raucher weiß, dass der Moment, in dem man die stinkende Ungesundheit in seinen Körper flattern lässt, ein sehr schöner ist. Dieser Moment, wenn das Nikotin in den eigenen Körper eindringt, es ist wie eine Spritze des Glücks. Also kann ich mir die Sechzigerjahremenschen nicht erklären. Feuerzeug und Gauloises oder L&M oder Lucky Strike oder Malboro oder eine Selbstgedrehte aus der Hosentasche gefummelt, Kippe anzünden, sich zwei Züge genehmigen, froh sein. Und dann? Bimmelbimmel, dann kommt der Leichenwagen. Ein Tod durch Zigaretten garantiert demnach den glücklichen Tod, denn vor dem Bimmelbimmel kam ja das Frohsein! Hey, Sechzigerjahremenschen, wiegeilistdasdenn, glücklich sterben? Auf zur endlosen Fahrt ins Grinseland. Unfreiwillige Passivraucher sterben hingegen unfroh und ohne bimmelbimmel. Selbst schuld. Rauchen ist eben auch posthum total geil. Und ich könnte trotzdem jederzeit ohne. Ja. So ist das. Selbstverständlich. Dazu folgender Schwank: Mark Twain hat zwar Tom Sawyer verbrochen, aber als Entschuldigung hat er die feine Weisheit erfunden, dass mit dem Rauchen aufhören einfach sei, er habe es schließlich schon hundertmal geschafft. Solche Sprüchlein finden wir Raucher fast so töfte wie das Rauchen an sich. Sie legitimieren unsere Sucht. Ein bisschen. Wir lachen hustend über sowas. Bescheuert. Eigentlich sind wir fast schon eine Sekte. Ob Tom Cruise raucht? Oder ob Jesus geraucht hat? Hätte es damals Zigarettenautomaten gegeben, wäre er Stammkunde gewesen. Ganz sicher. Johannes Heesters hat neulich dem Rauchen aufgehört, habe ich gelesen. Herzlichen Glückwunsch. Idiot. Ich glaube, er hatte fast herausgefunden, von welcher Anzahl Zigaretten der witzige Franzose Filou damals gesprochen hatte.

Dann rauche ich eben weiter. Im Sinne der Wissenschaft. Prost!, oder wie wir Raucher sagen: Hust, hust!

Kopfschmerz beginnt im Herzen

An diesem Tag, an dem ich der Straßenlaterne beim Angeknipstwerden zusehen konnte, fragte mich meine Begleitung, ob es witzig sei, wenn man eine Fantasorte „Fanta Morgana“ nennen würde. Nein, sagte ich. Schade, sagte sie. Und fügte hinzu, dass mein Humor generell ein sehr eigenartiger sei. Ob sie sich selbst für eigenartig hielte, fragte ich sie. Nein, antwortete sie. Noch viel schader, sagte ich. „Schade“ lässt sich nicht steigern, sagte sie. Weil du solche Anmerkungen verteilst und zudem über das Falsche lachst, gehe ich selten mit dir spazieren, sagte ich. Ich gehe ungern spazieren, sagte sie. Siehst du, sagte ich. Und wusste: der Weg zum Zigarettenautomaten wird in Zukunft einsamer. Nein, ich hatte nicht sie verloren, sondern sie mich, redete ich mir stolz ein. Es kann nicht jeder permanent begeistert von mir sein, weiß ich heute. Denn gerade den eigenen Geist soll man möglichst lückenlos durchleuchten, bevor er vor lauter Flausen unsichtbar und ätzend geworden ist. Selbstwusstsein ist nämlich oft ein freches Gut. Man muss doch auch zittern dürfen, wenn man mal bewusst lügt oder sich unwohl ist beim Wechselgeldzählen.

Wer sich selbst vertraut, der kennt sich selbst zu gut oder wenig oder schon viel zu lange. Für diese Erkenntnis brauchte ich Jahre, genauer gesagt die zähen Jahre der Pubertät. In dieser Zeit trifft man den Alkohol, die Abkehr von einst heiligen Kuscheltieren und dennoch, hoffentlich, die Liebe. Am besten sogar die Liebe zu sich selbst, weil man selbst immer das größte Arschloch bleibt. Weil man sich nicht meldet. Weil man Pfandflaschen wegwirft. Weil man versucht, mit fremden Federn zu fliegen. Ich aber will fortan spontan sein und dennoch zielgerichtet. Das freundliche Wort gepaart mit dem Gedanken ist das Ziel. Der Gedanke an das Gemütliche, an die Zuverlässigkeit der Straßenlaternen und an die Gelassenheit. Pinkelt dir mal einer vor die Haustür, so mach den Gartenschlauch an, nicht den Pinkler. Er wollte dir nichts Böses. Er wollte nur er selbst sein. Er hatte wohl einfach nicht genug Selbstbewusstsein. Oder zu viel? Mache Dinge, die sind so verquer. Aber „Fanta Morgana“ ist mir heute durchaus einen Schmunzler wert. Es tut mir leid, Zigarettenmädchen.