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Fitze, Fitze, Fotze

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Stimmt gar nicht. Meine Oma fährt meistens mit dem Bus. Auf Straßen. Ohne Eier drumherum. Und überhaupt: Ich kenne keinen einzigen Menschen, der im Hahngehege lustige Kreise fährt. Was für ein Unsinn! Aber, irgendwer schon das schon machen. Irgendjemand fährt im Hühnerstall Motorrad, Motooorrad.

Alle meine Entchen schwimmen auf dem See. Ich habe Entchen?! Nein. Ich habe eine Katze. Die macht zwar ihr Schwänzchen in die Höh‘, schwimmt aber nicht. Die macht nur „miau“. Immer dieses „miau“. Weiß nicht, was die an dem findet. Der hat fünfzig Millionen Chinesen getötet! Gut, bei einer Milliarde Einwohnern fällt das nicht so auf. Trotzdem! Mao, Mao? Ich sage ja auch nicht den ganzen Tag „Hitler, Hitler“. Na, Johannes, wie geht’s dir? Hitler! Zum hier essen oder mitnehmen? Hitler! Wo kämen wir denn da hin! Hitler fährt im Hühnerstall Motorrad. Alle meine Hitlers schwimmen auf dem See, IQ unter Durchschnitt, Ärmchen in die Höh‘. Ist ja albern.

Abgesehen davon müsste es heißen: Mutter Naturs Entchen schwimmen auf dem See. Aber soweit denkt ja niemand! Meins, meins, meins; meine Entchen! So ein Quak! So ein schlechtes Wortspiel! Werden wir kurz wieder ernst: Es ist doch. Schon im Kindergarten werden wir auf den Kapitalismus vorbereitet. Und ene, mene, mu, raus bist du; auf der Reise ins Konsumharem zieht dir immer jemand den Stuhl weg. Und auf dem Boden der Tatsachen kommt niemand vorbei und schenkt dir die T-Aktie. Da kannste lange drauf warten. Das Leben ist kein Waldorfkindergarten, sonst wären Formulare aus Filz und bei „Deutschland sucht den Superstar“ würden die Teilnehmer Eurythmie tanzen und das „Viva la Waldorf“-Lied singen. Das es übrigens wirklich gibt. Ich möchte daraus zitieren:

Das hier ist unser Liebeslied
für die Schule am Vollkorn-Kiez.
12 Jahre ein Volksfest für Freaks,
von den Waldis gibt’s jetzt dicke Beats.

Ich finde schön, dass diese Menschen am Vollhonk-Kiez so kreativ und selbstironisch sind. Ob es jetzt freiwillig lustig ist oder nicht, spielt keine Rolle. Außerdem: Es gibt in der Historie der scheinbar harmlosen Lieder über Randgruppen viel schlimmere Beispiele. Nehmen wir etwa „Zehn kleine Negerlein“. Ein Lied, in dem Schwarze als dumm, unzivilisiert und dumm dargestellt werden. Das ist an sich schon so weltfremd und rassistisch, dass sich auch unsere Haare kräuseln müssten. Okay, Sklaverei gibt es offiziell nicht mehr, aber Intoleranz ist für die meisten noch immer im doppelten Wortsinne ein Fremdwort. Die moderne Version der zehn kleinen Negerlein müsste folgendermaßen klingen:

Zehn kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund zogen mal hierher,
da kamen Geschlechtspartnerinnen vorbei und schon waren sie viel mehr.

Tausend kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund wollten dann studieren,
„nein, aber oh, sie kommen aus dem Kongo, können wir sie zum Bongospielen animieren?“

frug ein Frackträger namens Dr. Soundso,
nun sitzen die Meute bei McDonald’s rum und putzt da das Klo.

Und hier gilt nun das gleiche wie bei „Mitten im Leben“: ich wünsche, es wäre Satire. Sprich: überzogen. Doch: Das Leben da draußen ist nicht wie in Kinderliedern, es ist teilweise viel schlimmer. Um davon abzulenken, erzähle ich nun einen Witz:
Was ist weiß, rechteckig und überflüssig? Dieser Text! Hahahahaha!

Warum ich diesen Unsinn hier dennoch erzähle? Hitler. Und jetzt gehe ich. Aber nicht mit meiner Laterne, ihr Doofen.

Vom Radioübertragungsfußballgott und Anderem

Ich weiß noch, früher. Da habe ich stets die WDR2-Konferenz der Fußball-Bundesliga im Radio gehört (Manni Breuckmann!) und mich auf die Sportschau gefreut, um dort dann zu sehen, wie die Tore, die ich mir zuvor nur vorgestellt hatte, in Wirklichkeit gefallen sind. Fantasie und Fußball, das passte nicht nur der Alliteration wegen sehr gut zusammen. Außerdem hatte man so vom Spieltag doppelt und fünffach was: hören, vorstellen, warten, gucken, verstehen. Heute stelle ich mich da dümmer an. Wenn ich heutzutage am Samstagnachmittag erfolgreich das Internet nach möglichst ruckelfreien, arabischen Live-Streams der Bundesliga-Konferenz durchforste, weiß ich zwar früher Bescheid, aber zu was für einem Preis? Das abendliche Sportschau-Schauen macht dann viel weniger Spaß, denn, klar, man kennt ja fast alles schon. Nur sieht man es mit weniger Pixeln, beziehungsweise mit mehr – diese Erklärung würde aber jetzt zu weit führen.

Doch: ja, früher, da war ich deutlich klüger und fantasievoller. Wenn beispielsweise der ehemalige Leverkusener „Staubsauger“ Carsten Ramelow eins seiner seltenen Tore erzielt hat, dann habe ich mir das in meinen Gedanken seltsamerweise immer sehr gestolpert ausgemalt. So, als wäre es ein Versehen, dass er den Ball über die Linie befördert hätte. Ein abgefälschter Verlegenheitsschuss, ein angeschossenes Körperteil oder ein zufälliges Zucken Richtung Tor nach einem verunglückten Eckball: ein Versehen eben. Ups, Tor! Später in der Sportschau wurden etwaige Rätsel aufgelöst, und: nur sehr selten fielen die Tore so wie vermutet. Carsten Ramelow, Radioübertragungsfußballgott. Was er heute macht, weiß wahrscheinlich nur noch seine Familie. Ich grüße ihn an dieser Stelle, schließlich bin ich mir sicher, dass er täglich seinen Namen in eine Internet-Suchmaschine tippt, um zu sehen, ob sich noch überhaupt noch jemand an ihn erinnert. Ja, Carsten! Hier! Ich erinnere mich. Grüße.

Manchmal habe ich aber auch auf die WDR2-Konferenz verzichtet, um mich abends von den Toren und Ergebnissen überraschen zu lassen. So wusste ich noch nicht einmal, ob meine Lieblingsspieler überhaupt auf dem Platz standen, ob sympathische Mannschaften gegen unsympathische gewinnen konnten oder ob Diverses geschah! Nervenkitzel! Man konnte aber auch damals schon anhand der Reihenfolge der zusammengefassten Partien ablesen, welches Spiel besonders ereignis- und torreich verlaufen sein mag. Gut, das Bayern-Spiel gab und gibt es aus Gründen fast immer am Schluss, aber wenn etwa Wolfsburg gegen Freiburg als erstes Spiel gezeigt wurde, dann deutete vieles auf ein torloses Remis hin. Jedoch ging diese Rechnung nicht immer auf, ich war schon damals nicht so gut in Mathematik und Sendungsabläufen.

Und nun wieder der Blick darauf, wie es heute ist: Spannung erhalten? Äußert schwierig, wenn man sich zur Bundesligazeit im Internet tummelt. In sozialen Netzwerken fliegen einem ungefragt zahlreiche Tormeldungen um die Ohren („TOOOOOR!!! POLDIIIIII! FC!! <3″) und auf Newsportalen tickern die Ticker ungebremst, was sich auf den mir damals noch unbekannten Fußballplätzen in Augsburg, Hoffenheim oder Mainz ergeben hatte. Der beste Trick ist, komplett alle Medien zu meiden und etwas Ungewöhnliches zu tun. Spazieren gehen, Bücher lesen, Pfandflaschen wegbringen. Ich halte übrigens nicht viel von Dosen- und Flaschenpfand. Pfandflaschen gibt es nur, damit man sie zeitvertreibend wegbringen kann. Überhaupt: Geld für eine leere Hülle erhalten? Man bringt doch auch leere Pizzaschachteln nicht zurück zur Pizzaria Amalfi. Und falls doch, habe ich extrem hohe Schulden. Ganz ohne Handy-Vertrag oder Sky-Abonemment. Womit ich galant zurück zum Thema Fußball übergeleitet habe. Ich bin so ein Fuchs.

Also, Fußball. Früher: Radio und Fantasie. Heute: beides viel zu selten. Tore fallen trotzdem. Nur Carsten Ramelow, der spielt nicht mehr.

Ein Floehrchen gibt Tönchen

Wie ich in Minuten der Langeweile herausgefunden habe, kann ich mit beinahe jedem meiner Körperteile Geräusche erzeugen.

Pups!
Quak!
Und padautz!
Ich bin ein Instrument! So schön.

Sehr praktisch und gesund ist, dass man mich nicht bespielen muss. Ich bin ein sich selbst spielendes Gerät. Niemand muss mich zupfen oder mit Stöcken auf mich schlagen oder in mich hinein blasen. Wie schön auch das ist! Niemand muss in Johannes hinein blasen! Der kann das alles alleine! Lass den mal. Wenn eine Gitarre das auch könnte, wäre das für Gitarrenspieler nicht so gut.

Manchmal gebe ich auch Konzerte. Zwei Stunden lang. Nur mein Korpus und ich. Das siamesische Kapelle. Kurios. Zu zweit und doch allein. Was außergewöhnlich viel Körperbeherrschung und Konzentration verlangt. Für einen allein wäre es möglicherweise zu viel, aber mein Körper und ich, wir kennen uns schon seit Geburt, sind ein eingespieltes Team und teilen uns die Arbeit sehr gut auf. Ich denke mir einen Befehl aus und über, öhm, diverse Prozesse werden diese Informationen dann an die einzelnen Körperteile weitergeleitet. Muss man nicht verstehen. Jahrelange Übung, Expertengeschwafel.

Mein erstes abendfüllendes Programm trägt übrigens einen Titel, der nach diesem Relativsatz der Weltöffentlichkeit präsentiert wird: „Körperklangwelten“. Hehe.

Wäre ich eine Frau, würde ich es folgendermaßen nennen: „Ton: Scheide, Fersen.“ Sehr lustig, diese Anspielung. Schade, dass die Frau kein exklusives Körperteil besitzt, welches sich prima auf „Scherben“ reimt. „Knerben“, beispielsweise. So könnte etwa diese, noch namenlose, wahrscheinlich stets schwitzende Mulde unterhalb der Brust heißen. Knerben. Davon wird man noch viel hören. Übrigens: der Wikipedia-Eintrag zu „Frau“ ist (ziemlich genau) doppelt so lang wie der zu „Mann“. Wer möchte, kann diese Information gerne behalten und einen lustigen Mann/Frau-Witz daraus machen. Ich will das nicht, ist nicht mein Stil. Und was ich eigentlich sagen wollte: Bereits am Titel einer Veranstaltung erkennt der Fachmann, wie gut der Abend wird. Kommen wir also nun zu den Körperklangwelten.

Ich beginne mit der Nase, damit alle erkennen, dass ich es kann. Ich halte mir das linke Nasenloch zu und puste virtuos ein wenig Luft hinaus. Guck mal, da fliegt ein Popel in die erste Reihe! Hui! Der erste Höhepunkt des Abends! Wobei man mit einer solchen Aussage eigentlich alle anderen Momente des Abends diskreditiert. Denn jede Sekunde meiner großen Schau ist ein Höhepunkt für sich. Zum Beispiel wenn ich die komplette Bob Dylan-Diskografie mit Fingerknacken nachspiele. Oder wenn ich durch wildes Bauchtrommeln die gleichen Klangteppiche ausbreite wie das WDR-Sinfonieorchester. Das muss man erstmal können, um es zu können.

Ich möchte nicht zu viel vorab verraten, aber zeitweise, da wackle sehr laut mit den Ohren, was nur wenige Menschen können. Man muss es sehr schnell tun; Wind ist sehr leise und gemein. Aber eine ganze Tonleiter mit den Ohren erwackeln, das ist große Kunst. Ganz im Gegenteil zum Klassiker „mit den Achseln pupsen“. Lange keinen mehr gesehen, der das gemacht hat. Generell scheint der gute, alte Furz langsam aus der Mode zu kommen. Flatulenz ist wohl nicht mehr en vogue. Es ist an den Hipstern, diesen Trend zu stoppen. Die mögen doch generell alles, was sonst niemand Vernünftiges mag: Club Mate, Apple oder Löcher in der Hose. Warum dann nicht auch Achselpupsen? Berlin-Kreuzberg, ich zähle auf dich!

Uninteressant ist auch Folgendes: viele finden es schwierig, ein passendes Ende zu finden. Das Leben endet ja netterweise einfach so, aber alles andere? Hier ein Rat: Alles muss mit irgendeinem Kracher enden. Peng! Sehr praktisch dabei: Ein guter Schluss kann den vorherigen Unsinn ungemein aufwerten und vergessen machen. Beispiel. Dein Referat über den zweiten Weltkrieg ist dröge, unspannend und „Hitler“ in einem ernsten Kontext sagen macht keinen Spaß? Dann sag doch als letzten Satz einfach Folgendes: „Und mein Opa war bei diesem ganzen Scheiß live dabei und hat von allem gewusst, dieser Schelm, ahahaha!“. Die Reaktionen werden unterschiedlich ausfallen, aber wenigstens wird es welche geben. Funktioniert auch nicht nur, wenn man Deutscher ist.

Und womit einen Konzertabend ausklingen lassen? Nun, ich mache es so: „One Moment in Time“, intoniert durch Husten. Wegen Whitney Houston. Sehr witzig, sehr kreativ! Und für alle Beteiligten immer noch besser als wenn jemand in mich hinein blasen würde. In diesem Sinne: tröööt!

Eins, zwei, drei, Erdbeerkäse und Aa

Ich wache in einem Wald auf. Wie gewohnt zähle ich zunächst meine Beine und komme ausnahmsweise auf vier. Nach kurzem Überlegen komme ich nur auf eine einzige plausible Erklärung: Scheiße, ich bin das letzte Einhorn! Meiner gigantischen Erektion zufolge befinde ich mich zudem in der Brunftzeit. Und weil ich ja das letzte Einhorn bin und körperliche Liebe zu anderen Tieren ablehne, entscheide ich mich für Masturbation. Von Ohr bis Huf unfassbar geil wichse ich ein bisschen ins Geäst, spritze in kleine Gewässer und am Ende des Tages tut mein Horn so weh, dass ich mich auf eine kleine Bank kauere und stundenlang weine.

Meine Damen und Herren, ich hoffe, diese gute Einleitung hat Sie prima unterhalten. Doch möglicherweise hat nichts mit dem folgenden Text zu tun. Gleiches gilt für die Überschrift. Das Stichwort ist: Manipulation. Das Wort „Manipulation“ kommt aus dem Keltischen und bedeutet „trügerische Absicht“ oder auch „Verwerfung“; manch ein Linguist beteuert gar, die Germanen hätten es synonym für „Wahnsinn“ verwendet. Und all das behaupte ich. Wer könnte mir widersprechen, ohne das Internet zu befragen? Wenige. Wer könnte von sich sagen, dass er noch nie auf irgendeine Manipulation hereingefallen ist? Niemand. Und wer kann mir sagen, wer uns Kleingeister am häufigsten korrumpiert? Medien? Politiker? Osteuropäische Fußball-Schiedsrichter? Ja, okay, die alle natürlich auch, aber jetzt mal über was Anderes, natürlich: Werbung. Vorhang auf, Glotze an.

Ba, ba, ba, ba – „Babybel“ ist Käse. Käse ist gelb, obwohl Milch weiß ist.
Be, be, be, be, – „Becel pro activ“ ist Margarine. Margarine nennt man im Volksmund auch „Kunstbutter“, obwohl sie künstlerisch vollkommen wertlos ist.
Bi, bi, bi, bi – „Bionade“ ist ein Getränk. Getränke sind Genussmittel, obwohl „Bionade Quitte“ da Anderes verspricht.
Bo, bo, bo, bo – „Bofrost“ ist ein Tiefkühlkostlieferant. Tiefkühlkostlieferanten bringen Fertiggerichte, die ja mal überhaupt gar nicht verzehrfertig geliefert werden – Tiefkühlpommes etwa muss man zuvor backen, frittieren oder wenigstens warm lutschen.
Und Bu, bu, bu, bu – „Butterfinger“ ist ein Schokoriegel. Ein Nestlé-Schokoriegel mit einer Erdnusskrokantdecke auf Erdnussbuttercreme, umhüllt von zarter Schokolade. Ein Nestlé-Schokoriegel, welcher in Deutschland seit 1999 nicht mehr verkauft wird. Weil gentechnisch manipulierter Mais im Riegel steckt.

Ha! Da sind wir wieder beim Thema. Ich kenne ein Ehepaar, das kauft sich jeden Morgen am Kiosk gleich drei Zeitungen, damit es sich aus all den Lügen bequem die eigene Wahrheit puzzlen kann. Drei Chancen auf Realität. Gucken wa mal. Kim Jong-il ist in einem Zug vor Erschöpfung gestorben, er hatte einen Herzinfarkt oder aber er wurde von Jesus in den Himmel bestellt, damit sie gemeinsam Weihnachten feiern können – ja, was denn nun? Das hängt ganz davon ab, welche Zeitung man liest und welchem Nachrichtensprecher man am meisten vertraut. Die sagen dies, da steht das, Aussage gegen Aussage, Lüge gegen Lüge, Unsinn gegen Quatsch! Osama Bin Laden und die Mondlandung gab es nie. Die Titanic ist nicht untergegangen, sondern außerplanmäßig hinab nach Atlantis gefahren. Adolf Hitler hatte ein Ufo und wohnt jetzt zusammen mit Elvis Presley auf dem Jupiter, wo sie alle drei Wochen ein großes Scrabble-Turnier ausrichten. Ohne Vokale! Ja! Kann doch alles sein! Beim Scrabble bringt das Wort „Wahrheit“ dreizehn Punkte, Unglückszahl!, „Vertuschungsmanöver“ jedoch, kein Scheiß; zweiundvierzig Punkte. 42! Die Antwort auf alles! Zufall?

PeterLicht kommt vorbei und singt: „Wir gehen durch die Straßen und glauben kein Wort, von den Worten, die an den Wänden stehen.“ Ein kluger Typ, dieser Typ. Und dann reitet PeterLicht auf dem allerletzten Einhorn durch die abgelegenen Industriestraßen in Willich-Münchheide und überall kleben Plakate von Kleinkünstler-Tourneen und dann diese Buchstabensammlungen wie FDP, SPD, CDU, ACAB und ein geföhnter Lokalpolitiker grinst sich mit seinem Überzeugungs-Grinsen die Zukunft zurecht. Das Einhorn hält an und pinkelt der Zukunft in den Mund. Kompagnon PeterLicht singt wieder: „Die Zukunft leuchtet schon und wir halten unsere Hände in ihre wärmenden Ränder.“ Das muss man sich mal vorstellen, der viel zu unbekannte Musiker PeterLicht und das letzte Einhorn stehen in einem Industriegebiet irgendwo am Niederrhein und sie patschen ihre Hände bzw. Hufe an eine Wand. Das ist schon etwas kurios. Hat aber wirklich so stattgefunden. Vielleicht. Und dann klingelt Peters Telefon. Gott ist dran. Er sagt:

Da, da, da, da – Da macht ihr aber ganz schönen Unsinn!
De, de, de, de – Dem armen Politiker in den Mund pieseln, das ist doch keine Satire mehr, das ist
Di, di, di, di – Die endgültige Verdummung meiner kleinen Schöpfung!
Do, do, do, do – Donnerstag habt ihr die Sauerei wieder in Ordnung gebracht, sonst gibt es einen Tsunami!
Du, du, du, du – duuut, duuuut, duuut. Aufgelegt.

Wir sind hip, hip; hurra!

Neulich war ich aus Versehen in Düsseldorf auf der Königsallee, dem Paradies der Popanzen mit prallem Portmonee. Stichwort: Lederfetisch mal anders. Doch die Königsallee wird niemals mit ihrem richtigen Namen angesprochen, denn so wie niemand zu einem Ulrich Ulrich oder zu einem Hans-Peter Hans-Peter sagt, so haben auch die Gäste der dekadenten Einzelhandelsschleuse für ihr Markenmekka einen kurzen Kosenamen. Getreu der Devise: „Zeit ist Geld“ sagen sie schlicht: Kö. Ein Ka, ein Öh, reicht. Ansonsten wird hier nicht viel gespart; man protzt und klotzt, und wenn doch mal einer kleckert, dann ist das Kunst oder nur ein dummer Zufall. Überall eine Feinkostbar und Klamotten, Cafés an jeder Ecke gibt es „Iced Caramel Macchiato“ und Handtaschen mit ungewöhnlichen Namen. Alles nix für mich. Ich spaziere vorbei an einem Kind in Begleitung seines in einen wichtigen Anzug steckenden Vaters. Der Kopf des Kindes ist eingehüllt in eine rote Eisbärmütze, die wohl suggerieren soll, dieses Kind würde täglich fünf Stunden lang Skifahren in St. Moritz oder St. Hans-Peter oder wo auch immer. Unerwartet werde ich Zeuge eines Skandals.

Eisbärmütze und Anzug flanieren an einem seltenen Kiosk vorbei und der Nachwuchs äußert einen Wunsch. Statt „Strawberry Cheesecake“ von „Ben & Jerry’s“ zur Abwechslung soll heute mal ein „Mini Milk“ mit Vanillegeschmack sein, aber ohne echte Vanille drin. „Mini Milk“. Für den Anzug klingt das gefährlich proletarisch nach Einzimmer-Plattenbau-Snack für Trainingshosen-Ottos. Anders gesagt: Eine falsche Welt bricht für ihn zusammen. Doch der reiche Anzug beugt sich, damit die Eisbärmütze nicht auf die feinen Leinen-Fußstulpen weint. In der Geldbörse nur ein gelber Schein. Den will der Anzug nicht in so einem ranzigen Kleinartikel-Schuppen mit dem einfallslosen Namen „Trinkhalle“ verjubeln. Er sucht einen Geldautomaten, um sich einen Zehneuroschein abzuheben. So wird der große Schein bewahrt, haha, Wortwitz. Beim guten, alten Papier gegen Ware-Tausch mit dem Kioskmann sagt der Anzug lässig: „Stimmt so.“

Und dann singen die teuer umhüllten Königsallee-Körper leise ihr einziges Lied:

Wir sind hip hip, hurra!
Wir stecken unsere Euter
in den teuersten Wonderbra,
und es ist doch wunderbar
wenn die wahren Wunder bar bezahlt werden,
yah!

Zumindest stelle ich mir das Lied der Dekadenz so vor. Rap mit einfachen Reimen, eingängig, irgendwas mit Titten, aber cool. Zurück zur Szenerie.

Plötzlich stehe ich vor einer menschlichen Schlange. Eingekesselt von diesen trennenden, roten Wurst-Bändchen stehen rund fünfzig Gestalten und Gestaltinnen rum und ich habe keine Ahnung, warum. Ich traue mich auch kaum, irgendeinen Schlangenmenschen anzusprechen. Alle scheinen beschäftigt. Sie machen: tipp, tipp, tipp, klingeldingeldu, zapp, zapp, düdeldüdeldü; sprich: sie spielen mit mobilen Telefonen, die klüger sind als sie selbst. Warum stehen alle hier herum? Umsonst wird es nichts geben, Ich stecke mir eine Zigarette an und lausche folgendem, aufklärenden Dialog zwischen zwei jungen Mädchen.

„Ey! Geilomat! Endlich ein Abercrombie & Fitch-Laden bei uns hier in Düsseldorf!“
„Endlich, jau! Die sind immer voll geil, diese Läden, war noch nie in einem drin!“
„Ja! Geil! Ich hol mir gleich einen Douglass Mountain-Hoodie, die sehen voll krass aus! So direkt aus New York so! Fast so geil wie die Sachen von Hollister!“

Und ich denke: oh weh, oh weh. Mit mehr Mini Milk in der Kindheit wäre das vielleicht nicht passiert.

Von mir aus kann ja jeder anziehen, was er will – und wenn es Leute gibt, die blöd genug dafür sind, für einen „coolen“ Markennamen horrende Preise zu zahlen, dann wird der Kapitalismus eben vorbildlich gelebt. Die einen bestellen sich Klamotten aus der „Rumpfkluft“-Kollektion des Duos Katz & Goldt, die anderen wollen lieber einen Douglass Mountain-Hoodie von A&F. Das Problem bei diesem Abercrombie & Fitch-Zeug ist jedoch, dass man sich mit dieser Kleidung einen Stempel anzieht. Genauer gesagt, den Stempel „Möchtegern, kann aber nich“. Vergleichbares gilt übrigens für die „Ed Hardy“–“Mode“, die aber sagt: „Möchte auch, kann aber mal so was von gar nich“. In Amerika gibt es eine Reality-Show namens „Jersey Shore“ und deren Hauptdarsteller sind geistig reichlich beschränkte, stereotype Testosteron-Luftballons. Eine dieser Figuren trug in der Sendung häufig Abercrombie & Fitch und dem Konzern war diese ungewollte Negativ-Werbung so peinlich, dass man „Mr. Sorrentino“ einen Millionenbetrag bot, damit er ihre Kleidung in Zukunft nicht mehr trage. Das ist sehr lustig, finde ich. Höhö.

Früher gab es diese A&F-Sachen nur in New York und man konnte Menschen, die schon mal in New York waren, an eben diesen Fummeln erkennen. Und an „I ♥ NY“-Shirts. In der heutigen Zeit hat sich das geändert. Nix mehr mit „exklusiv an der upper east side“. Heute kann sich auch Ulrich aus dem Ostseeort Hohenfelde A&F kaufen, um sich endlich modisch und gesellschaftlich ganz oben zu fühlen, obwohl er maximal gedanklich in New York gewesen ist.

Hauptsache: hip, hip, hurra!

Im Eingangsbereich des neuen Düsseldorfer Flagshipstores stehen Menschen und lassen sich für die Nachwelt von ihren klugen Telefonen fotografieren. Theoretisch. Ein junger Herr scheitert erstaunlich hilflos daran, auf seinem Handy die Fotokamera-Applikation zu finden. Von hinten ruft jemand: „Macht mal hinne da, ihr seid doch doof im Kopf!“ Ich nicke und denke: Stimmt so.

Schlechtes Gewissen

Regentage sagen niemals Adieu zum Verlangen.“ (Jacques Palminger)

Das Schönste, was ich heute gesehen habe, war eine Taube. Eine Taube, die ihren Kopf rhythmisch und zugleich stupide von hinten nach vorn geschoben hat, weil sie es kann – und sonst außer gucken, kacken, fliegen, picken nicht viel mehr. Tauben werden kollektiv gehasst, doch sie sind harmlos, reden weniger Scheiße als die allermeisten von uns und der Fehler liegt nicht in ihrer Existenz, sondern in unserer Betrachtung.

Dazu ein paar Beispiele aus meinem eigenen, unwichtigen Leben.

Als Kind habe ich auf meinem roten Bobbycar weit, weit mehr als siebzehn Ameisen überfahren. Entschuldigung, ihr Krabbelfreunde. Weil ich mich nicht bücken wollte, habe ich Pusteblumen gepflückt und erst dann die Pollen über die Felder fliegen lassen. Verzeihung, ihr Wildgewächse. Und jetzt trage ich schwarz-weiße Schuhe von Adidas, weil sie mich an Fußballschuhe aus einer Zeit, die ich aktiv nicht miterlebt habe, erinnern. Sollte ich diesen Satz jemals irgendwo vorlesen, so werden fünfzig Prozent des Publikums auf meine Schuhe schauen. Sie werden verpassen, wie ich im Gesicht eine traurige und ehrliche Grimasse forme. Für die Kinder, die diese Treter geknüpft haben. Denn darum geht es mir. Aber: It’s not your fault, children of Bangladesh.

Cause I am just a little guy
in a crazy world
full of madness and sadness,
and we will go on upon
our endless journey of tragedy
until we see the sea
beyond the „knowledge of good and evil-tree“.
Der Baum heißt auf Deutsch „Baum der Erkenntnis“, Digger. Denk da mal drüber nach.

Mühsam mit Schulenglisch verfasste Bekenntnisse eines Mörders; die Wahrheit ans statt hinter des Licht zu führen ist eine unangenehme Gabe der Vernunft. Wer vor narzisstischer Freude platzt, soll danach auch die Sauerei wegputzen oder wegkärchern oder wenigstens mit dem Handkehrer die Gefühls-Fusel von sich wegschieben – so wie man überhaupt immer die Schuld von sich weist, weil immer die Anderen den schweren Rucksack der Sünde aufsetzen müssen. Trotzdem sagt ständig irgendein Spinner, er hätte Rücken. Nur ernsthaft belasten will ihn niemand. Schon der lustige Jesus sagte: Wer ohne Schuld ist, soll den ersten Stein schmeißen und nicht nur wegen einer bestimmten Szene des grandios verfilmten „Leben des Brian“ verspreche ich, dass uns alle dann ein Steinhagel begraben wird. Wir werden wimmern und die Situation kolossal verkennen; nur das Äußere lässt sich mit Photoshop optimieren, nicht das Innere. Lasst euch lieber vom Lauf der Sonne verdunkeln, nicht von all dem Unsinn, der rechts und links und hinten und vorne lauert und sich von euren Gehirnzellen ernährt, verdammtnochmal.

Dann: Kunst- und Dunstpause.

Fabian ergreift Partei gegen die Stille und sagt jubelnd: „Ich habe jetzt eine Waschmaschine!“ und gemeinsam sitzen wir auf einem Baumstamm, vertreiben uns die Zeit mit Wundern über Dinge.

Ich sage: Vielleicht wäre es besser, wir wären alle Tauben. Dann könnte man sich wirklich aussuchen, worauf man scheißen würde.

Ob nun
auf den Reichs-, Bundes- oder Landtag,
oder auf den Mon-, Diens- oder Mittwoch,
oder auf die Stätten, in denen wir uns wie an Ketten unseren Tagelohn erarbeiten,
oder wir koten auf den immer gleichen Alltag,
oder auf den Tag, der auf den Tag folgt, an dem wir uns endlich verändern wollen,
oder auf den Taxifahrer,
oder doch nur auf den Nachbarn, der einem immer die kostenlose Zeitung vom Sonntag stibitzt, obwohl man doch noch den Media Markt-Prospekt nach günstigen Spielfilmen durchstöbern wollte.

Sei klug, spare hier und da ein paar Euro. Sei klüger, spare dir hier und da einen Kommentar. Oder sei ganz einfach und doch so schwierig: der Klügste und denke nicht nur dann nach, wenn jemand etwas von dir will, sondern auch vorher, nachher und zwischendurch. Denken ist schön, denke ich mir und manchmal muss man sich auch mal die Welt schön denken, denn sie ist es nicht. Aus Gründen.

Dennoch will ich hier jetzt nicht ewig weitermachen mit dem Waschen der schmutzigen Wäsche. Das soll Fabian machen. Denn der hat jetzt eine Waschmaschine.

Eine sichere Bank

Vielleicht wird der ein oder andere mitbekommen haben: Wir befinden uns in einer Zeit der Krise, der Ungewissheit, der Sorgen. Alle von klein bis groß fragen sich zurecht: Was ist denn jetzt morgen? Weltuntergang? Schwarzer Montag? Oder Samstag? Manch ein kluger Kopf ist bereits daran zerbrochen. – Wie ein lustiger Millionär namens Hape Kerkeling bereits im September 1991, also einen Monat vor meiner Geburt, feststellte, ist das ganze Leben ein Quiz. Daher gibt es nicht nur Fragen, sondern auch Antworten. Theoretisch zumindest. Praktisch gibt es nur ein dem Laien namentlich gänzlich unbekanntes und scheinbar zufällig zusammengepuzzeltes Gremium, das diese Antworten dann berufswegen auch sucht. Gut, ganz so wie beim Jauch ist es hier nicht. Die 50:50-Chance ist vielleicht ein wenig zu riskant. Das Publikum fragen kommt ebenso nicht in Frage, denn das hat ja ohnehin keine Ahnung. Jemanden anrufen wurde versucht, ergebnislos – Silvio Berlusconi etwa hat ja auch in anderen Themengebieten alle Hände voll zu tun; keine Zeit. Und es gibt hier nicht nur Antwortmöglichkeit A, B, C oder D. Es sind vielmehr viel mehr Lösungen als uns das Alphabet Buchstaben schenkt – selbst, wenn man Ä, Ö, Ü und das scharfe S mitzählen würde. Aber: immerhin. Da sind welche, die suchen nach Lösungen. Und ein zerzauster Hippie namens Jesus versprach vor knapp 2000 Jahren, also rund 1991 Jahre vor meiner Geburt, dass diejenigen, die suchen, auch finden werden. Nur wann, das hat uns der heilige Sohn Gottes natürlich nicht gesagt.

So sitzen sich die wichtigen Leute schon seit Monaten auf ihren Ledersitzen die Popos wund und kommen zu keinem verdammten Ergebnis. Dabei sind doch alle so fleißig: Auf „Meetings“ wird die „Big Question“ gestellt, der „Masterplan“ wird gesucht, aber weil uns kleinen Leuten ewig keine Ergebnisse präsentiert werden, kann das alltägliche „Brainstorming“ doch nicht die kognitive Ruhe vor dem Sturm sein! Die entscheiden doch nichts, da oben die! Die mampfen doch nur Häppchen vom reichhaltigen „Catering“-Angebot, bezahlt von uns! Und wir können nicht mehr einschlafen, weil uns die Ungewissheit plagt. Wie soll es denn jetzt weitergehen? Antworten haben viele parat, doch so ganz koscher sind die mir nicht. Tagtäglich geben sogenannte „Very Important Persons“ in der „yellow press“ hanebüchene „Statements“ zur Lage der Nation ab, pff. Pseudokritische Meinungen werden zu simplen „Give-Aways“, die man einfach so in die Öffentlichkeit pustet, weil das ja jetzt jeder macht, weil jeder was dazu sagen kann und jeder davon betroffen ist.

Ahnung haben dabei leider die allerwenigsten. Aber Hauptsache, man hat sein „Feedback“ als Prominenter prominent in einer kleinen Kolumne platziert, damit auch Frau Schlütkewömpel am Frühstückstisch sagen kann: „Oh, Friedhelm, schau mal hier! Der Sky du Mont, der hat auch was dazu gesagt! Er ist zwar keiner vom Fach und ich verstehe die Hälfte nicht, aber toll! Toll, dass er sich da mal zu Wort meldet!“. Wenn ich mich früher, in der Schule, in Mathematik zu Wort gemeldet habe, dann habe ich auch viel geredet, jedoch zumeist inhaltlich relativ wenig gesagt. Denn es gibt Themen, bei denen solche man sich bei akutem Mangel an Fachwissen auch einfach mal zurückhalten. An dieser Stelle schöne Grüße an meine langjährige Mathelehrerin Frau Franck: Frau Franck, ich weiß immer noch nicht, wie man den Abstand eines Vektors zu einer Ebene berechnet, geschweige denn, was das alles überhaupt heißt. Und damit muss ich mich auch – „Gott“ sei Dank! – gar nicht mehr beschäftigen, weil mein Alltag inzwischen von größeren, finanzkräftigen Problemen bestimmt wird.

Es ist doch so: Unser mehr oder weniger geliebtes Europa ist, wie der anglizismenfreundliche Fachmann sagt, am „Vagina Way“, also am Scheideweg. Gut, dass es Leute gibt, die sich dagegen erheben. Das einfache Volk geht endlich mal wieder außerhalb von Fußball-Weltmeisterschafen auf die Straße, protestiert, macht sich Sorgen, Schilder werden beschriftet, Plakate werden vor Fernsehkameras ausgerollt, da ist ja richtig was los, heidewitzka, Revolution liegt in der Luft! Aber was uns dann doch fehlt, ist ein einziger, toller, kluger, redegewaltiger und -gewandter Typ, der sich hinstellt und sich auch zutraut, für die Massen einzustehen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen! Einen Helden brauchen wir! Einen Retter! Einen Die sehr, sehr gute Nachricht ist: nach dem diesen Kerl muss man nicht mehr suchen, denn er spricht gerade zu euch. Ja, verdammt! Komm! Ich mach es! Ich kann es! Ich will es! Ja! Ich bin eine sichere Bank!

Ich werde die Moderation von „Wetten, dass“ übernehmen! Heureka!

Verpissen

„Hömma, Monsieur, dat iss mein Pissoir, wo du deinen kleinen Kollegen da reinhältst! Tu ma ganz schnell gucken, dat du den da weghängst! Sonst zeig ich dir meine Rechte und meine Linke, da kannsu dir sicher sein, du Pimpf.“

Ich schaue verdutzt. Um dem Mann, der diese klugen Worte sprach, in die Augen zu sehen, muss ich meine Nase relativ weit oben heben. Seine Arme sind doppelt so dick wie meine und bei ihm sind es Muskeln, bei mir Fett. Zu meinem Glück muss ich nicht besonders dringend, so dass ich den Harndrang aufhalten und den Kerl ansprechen kann:

„Ist ja gut, ist ja gut. Ich gebe nach. So wie ich übrigens immer nachgebe, weil ich genau so klein bin wie ich aussehe.

Beispiel.

Wenn ich etwas lesen möchte, da aber nur Zeitungen sind, die mir wehleidig die Nachrichten von gestern aufwärmen, so wie ein Fertiggericht in der Mikrowelle fressfertig gedreht wird und ich lese diese blöde Blätter dann trotzdem, weil die um mich herum gegebene Langeweile nicht zu schätzen weiß und mich ablenken will von irgendetwas, was mich ja eigentlich doch nur peripher stört. Hinter der Süddeutschen steckt eben nicht immer ein kluger Kopf, manchmal versteckt man sich auch einfach hinter ihr. Und Nichtstun in der Straßenbahnfahren ist ein zu wenig respektiertes Privileg. Nun ja.

Weiteres Beispiel fürs Nachgeben.

Wenn ich etwas zu kritisieren haben möchte, da aber nur ein paar große Dinge sind, über die sich das Beschweren ernsthaft lohnen würde, dann nehme ich mir eben diese Großbaustellen vor und sage ‚Gesellschaft, pff, doof‘ oder ‚Politiker, hm, korrupt‘ oder ‚Medienlandschaft, joa, verseucht‘ und komme gar nicht erst in die verwegene Gelegenheit, da mal konstruktiv im Detail drüber nachzudenken, weil ich Kopfschmerzen als Konsequenzen fürchte. So bleibt alles wie vorher, niemandem ist geholfen, erst recht nicht mir. Aber wenigstens konnte ich motzen. Dem kann ich nicht nachgeben, weil ich schwach bin.

Und noch ein Beispiel dafür.

Wenn ich etwas zu essen haben möchte, da aber nur ein McDonald’s ist, wo ich dann Kühe, Kartoffeln und Cola konsumiere und mir nachher denke: Meine Güte, Jung, wo ist dein Idealismus geblieben? Wolltest du nicht die Welt verbessern und wenn du das nicht hinkriegen würdest, wenigstens du selbst sein? Und dann kommt man ungewollt in diese unschöne Phase, in der man sich fragt, wer dieses ‚Ich‘ überhaupt ist, sein will und sein kann. Manch einer liest dann ein Buch von Richard David Precht, die Bibel oder zumindest jemand Anderem die Leviten, damit man sich beweisen kann, dass immerhin der Körper verdammt stark ist. Genau wie du jetzt.

Doch so das Leben als oberflächliche Phrase zu definieren lässt wenig Spielraum für eigene Interpretationen, denn etwas derart Komplexes wie unser verdammtes Leben herunterzubrechen auf derart simple Formeln ist eine ziemliche Milchmädchenrechnung.“

Mein pinkelndes Gegenüber sieht mich an, als spräche ich serbokroatisch. Hat mich wohl nicht verstanden. Vielleicht ist er betrunken. Ich gebe ihm noch eine Chance.

„Okay, okay, lass es mich anders ausdrücken: wer boxen tun will, weil der andere so total böse ist und so und halt mal voll das Falsche macht, dann darf man nicht den Fehler machen und auch so voll das Falsche tun und den dann boxen, weil boxen dann auch total dumm ist und wir müssen viel mehr schmusen und uns gegenseitig in der Suche nach einer besseren Gesellschaft unterstützen und dann kann man sich auch mal Fragen stellen, zum Beispiel: Welche Kinder haben deine Hose genäht und leben diese Menschen überhaupt noch? Wer hat den Klostein da drüben hergestellt? In welchem Land der Erde findet man Fliesen wie die die um uns herum überhaupt noch modern und überhaupt und überhaupt und überhaupt. Gedanken machen ist das Zauberwort, beziehungsweise sind die Zauberwörter, je nachdem, welche Rechtschreibreform man nun favorisieren möchte, ist ja auch völlig egal, ich glaube, ich verhasple mich total, was ich eigentlich von Anfang an nur sagen wollte: Hau mich nicht auf die Fresse, ich will nur Pipi machen.“

Der Typ zieht sich den Reißverschluss seines Hosenstalls zu und sagt:

„Hömma, ich hab zwar nur zwei, drei Sätze verstanden, aber du hast da schon ganz schön schlaue Sachen gesagt, zwischendurch. Das mit dem Leben und so, hier das mit McDonald’s, das stimmt, ich ess‘ da auch manchmal. Na ja, du biss schon nen ganz feiner Kerl. Kannst hier pissen, wenne wills. Machet jut!“

Dann zieht er die Spülung seines Lieblingspissoirs und geht.