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Archiv der Kategorie 'Prosa, Gedanken und Unwahres'

Die dreiteilige Reißzwecke

Neulich wurde ich gefragt, warum ich denn nur albernen Unfug schreiben würde und nicht, zum Beispiel, unalbernen Fug. Mit eben selbigen – und mit Recht! – habe ich mich an einem etwas anderen Text versucht. So mit Romantik (wtf, lol!) und so. Das Werk trägt den sehr guten Titel „Die Reißzwecke“. Hier die erste Version, inklusiver einiger Anspielungen auf jemanden, auf den ich anspiele.

Es war einmal eine handelsübliche Reißzwecke an einem für sie unüblichen Ort. Sie lag auf dem warmen Asphalt einer wenig befahrenen Straße im Osten Schleswig-Holsteins nahe der kleinen Gemeinde Schleinitz an der Potz. Häufig, wenn die Sonne unterging, dachte die kleine Zwecke darüber nach, wie es hätte sein können. Sie hätte bei ihren gutsituierten Freunden in einer Schreibtischschublade aus Teak oder Tropenholz liegen können, doch stattdessen lag sie einsam und nutzlos auf der Straße herum wie [hier bitte passendes Beispiel einfügen]. Das Schicksal macht auch vor Büroartikeln nicht halt. Melancholiefördernd kommt hinzu, dass am Straßenrand Maiskolben wuchsen. Sie tanzen vergnügt und gelb im lauen Wind. Bis schließlich Joseph kam und die Halunken erntete. Joseph war mal Kranführer gewesen, doch nun war er der Maiskolbenmann, der Mais in die Welt hinaus trug. Unsere Reißzwecke wäre gerne wie der Mais. Oder wie Joseph. Weltenbummler und nützlich. Monatelang hoffe sie, der Laster, von dem sie einst fiel, käme irgendwann zurück, um sie einzusammeln. Vergeblich. Hätte sie Tränendrüsen, so würde sie viel weinen. Doch eines Tages, es war ein Mittwoch (oder auch nicht), da kam ein grüner Ford Mondeo vorbei und fuhr unachtsam mit dem linken Vorderreifen über die Reißzwecke. Sie bohrte sich tief ins Profil, wo sie übrigens bis heute steckt. Der Fahrer des Fahrzeugs war zufälligerweise ein afrikanischer König. Und so kam die Reißzwecke dann doch noch in den Genuss, die Welt zu entdecken.

Für eine erste Version ganz gut, dachte ich. Doch dann wollte ich eine „Johannes-Version“ schreiben, die mit allerlei Albernheiten aufwartet und bescheuert ist. Herausgekommen ist folgende, zweite Version:

Es war einmal eine Reißzwecke, die auf einer wenig befahrenen Straße im Disneyland Resort Paris herumlag. In ihrem früheren Leben war die Reißzwecke ein Tannenzapfen gewesen, woran sie sich gut erinnerte, denn sie war Buddhist. Nun war sie traurig. Manchmal kamen Goofy und Minnie Maus vorbei, allerdings nur, um die Reißzwecke neckisch zu kitzeln, nicht um ihr zu helfen. Und so lag sie dann da, die olle Zwecke – ohne, dass sie einen Zweck erfüllte, höhö. Manchmal weinte die Reißzwecke ganz viele Tränen, die sich flink wie Buzz Lightyear in einen reißenden Bach entwickelten, in welchem auch Arielle, die Meerjungfrau gerne nackig badete; übrigens hat Gerüchten zufolge die Seine hier ihren Ursprung. Armes Reißzweckchen. Erschwerend kommt dann noch hinzu, dass am Straßenrand das Musical „König der Löwen“ probte und die Reißzwecke Musicals scheiße fand. Wäre sie mal lieber ein Teak-Schreibtisch oder Mais oder Kranführer geworden oder so. Doch eines Tages, es war sehr sicher ein Mittwoch, da kam plötzlich eine ganze Fahrzeugkolonne vorbei. Vorneweg natürlich der Papst im Papamobil, dahinter ein fliegender Teppich mit Aladdin drauf, gefolgt von den Flintstones, dem A-Team-Bus, Wolfgang Schäuble, „K.I.T.T.“ aus Knight Rider, dem Mannschaftsbus von Fortuna Düsseldorf, Mary Poppins und abgeschlossen wurde die Parade mit Caspar, Melchior und Balthasar, die auf einem Bobbycar sitzend Aristocats-Witze improvisierten. Die Reißzwecke, gar nicht dumm, nutzte die Gunst der Stunde und pieckste sich in Aladdins Teppich, wo sie noch heute steckt und von wo aus sie die Welt erkundet. Gut für sie, denn im Disneyland ist es ziemlich öde und Goofy stinkt.

Bescheuert, aber vielleicht noch etwas zu lang. Daher schrieb ich auch noch eine dritte, kurze Version:

Es war einmal eine Reißzwecke, die irgendwo herumlag und in die weite Welt hinaus wollte. Doch leider hatte sie AIDS und starb. Schade.

So. Aber welche Version ist nun die beste?

Vorstellungsgespräch

Huiuiui, Vorstellungsgespräch. Ausnahmsweise war ich zu einer einstelligen Uhrzeit aufgestanden, tags zuvor hatte ich mir sogar ein Hemd gebügelt. Also ich würde mich nehmen, so viel stand fest. Selbstbewusst trat ich ein. Ich schüttelte eine wichtige Hand, setzte mich hin und noch vor meinem ersten Wort bot man mir ein Glas Wasser an. Ja, vielen Dank, sehr gerne; sehr gastfreundlich die Leute hier, durchaus! Prost! Und es war ein leckeres Wasser, ein sehr leckeres Wasser. Mjamm, mjamm, mjamm! Ich hatte gerade erst meinen ersten Schluck genommen, da stellte mir mein Gegenüber plötzlich eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet war:

„Wer sind Sie denn?“

Hm. Ich dachte ein paar Sekunden nach, weil nicht schon der erste Satz eine Lüge sein sollte. Dann stand ich auf, kratze mich staatsmännisch am Kopf und beantwortete die Frage so gut ich konnte:

„Was bin ich, wer bin ich, wieso, weshalb, warum, fidibum.
Nun: Mein Name ist Johannes und ich bin schwarz. Zudem bin ich Jude. Aber auch: eine Frau. Genauer noch: Ich bin eine Türkin. Ich bin also eine jüdische Afro-Germanin mit zusätzlichem Bonus-Bosporus-Migrationshintergrund – um es ‚korrekt‘ zu sagen und modern zu sein und blablabla. Achso, und ich bin schwul. Und behindert. Und klug. Und sehr, sehr schön. Und, und, und ich sehe, dass sie ein wenig verwundert sind. Zurecht. Das steht so schließlich nicht in meinem Lebenslauf. Da steht nur drin, dass ich ein Praktikum hinter mir habe. Das ist vielleicht auch richtig, aber nicht wichtig. Sehen Sie, ich bin ein kleiner Teil unserer bunten Gesellschaft. Das finde ich gut. Doch als was bin ich hier? Als Mensch. Als Facettenreicher im Facettenreich. Das habe ich wiederum mir nicht ausgesucht. Jetzt bin ich es eben. Bleibe es wohl auch.

Obwohl heute ja so einiges möglich ist, habe ich in naher Zukunft beispielsweise nicht vor, mich zu einem Tier umoperieren zu lassen. Wäre ja auch für uns beide etwas komisch, wenn jemand in Ihren Betrieb käme und dann säße da eine Giraffe im Anzug, hehe. Ganz zu schweigen vom Krawattenproblem, so lange Krawatten gibt es nirgendwo, obwohl manch einer ja gerne mal so ’nen Hals hat, wenn Sie verstehen, was ich meine, hahaha! Kleiner Scherz. Dieser Witz wurde Ihnen präsentiert von: Johannes. Aber ich bin ein wenig abgeschweift, Verzeihung.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie mich fragen, was ich bin, dann muss ich Ihnen ehrlich sagen: Alles. Alles ein bisschen. Manchmal fühle ich mich mongoloid, dann wieder wie ein junger Springinsfeld, ja, mönchmöhl föhle öch möch sögahr wie ein Östdoitschör. Kommt alles vor. Dass ich so manisch schizophren bin, liegt vor allem an meinem Geburtsjahr. Einfach nur tolerant sein ist nicht hip genug für Menschen meines Alters! Wir vom Jahrgang 1991 sind postmoderne Toleranz-Faschisten! Wir akzeptieren nicht bloß, wir sind! 2012 ist das Jahr 0 der ehrlichen Akzeptanz. Bis dahin war es ein weiter Weg, aber mal ehrlich: Menschen in Schubladen stecken ist sooo 1933. Einfach nur mit allen schmusen und auskommen ist sooo 1968. Und zu betonen, dass wir doch alle gleich sind, ist auch längst überholt, das muss man nicht mehr sagen. Aber wir sind anders! Für uns sind alle noch mehr als gleich! Wir sind gleicher! Wir sind die erste Generation, die ‚gleich‘ steigern kann! Und wo alle gleicher sind, da muss ich es ihnen gleichtun!

Gleicher unter Gleichen! Mann gleich Frau! Fleischfresser gleich Veganer! Sie gleich ich. Die simple Mathematik einer funktionierenden Gesellschaft! Übrigens gäbe es auch keine Kriege mehr, denn wer kämpft schon gegen sich selbst? Nur Dumme. Und Dumme gibt es unter Gleichen nicht, weil alle dumm, aber eben auch schlau zugleich sind. Gedankenkommunismus, wenn Sie so wollen. Es fände quasi eine Vergesellschaftung des rationalen Denkens statt. Ich weiß, auch das ist ein wenig verwirrend, ich fasse deswegen leicht verständlich zusammen: Einsetzen statt aussetzen. Verstehen statt [hier bitte passendes Verb einfügen]. Und wenn Sie mich nun fragen, wer ich bin, dann muss ich schlussendlich sagen: Ich bin Sie. Ich bin alles. Ich bin jeder.“

So sprach ich und dachte: Ganz großes Kino, also ich würde mich sowasvonaufjedenfall nehmen! Doch nun wurde es spannend. Der Mann mir gegenüber legte seine Hände auf den Tisch und sagte: „Gut, aber ‚jeden‘ nehmen wir hier nicht. Außerdem denke ich, dass Sie für den Job als Zeitungsbote leicht überqualifiziert sind. Sie erzählen viel Unsinn und argumentieren völlig schief. Sie bauen Zusammenhänge, wo keine sind und das mit der Giraffenkrawatte habe ich immer noch nicht verstanden. Sie sind ein Kauz. Ein lügender Kauz. Gehen Sie doch in die Politik oder werden Sie Comedian oder so etwas in der Art. Ich jedenfalls kann Sie hier nicht gebrauchen, tut mir leid.“

Ich erhob mich, trank noch einen letzten Schluck Wasser und ging. Und bis heute vermute ich, dass er mich nur aus einem Grund nicht einstellen wollte: Weil ich schwarz bin.

Kann Spuren von Restalkohol enthalten

Es begab sich, dass eine deutsche Mutter drei Kinder warf. Hintereinander und untenrum nackt. Das Wunder der Geburt entfaltete sich wie eine Ziehharmonika, nur lauter. Beim Pressen wurde ge-ooooht, ge-aaaaht und gepresslufthämmert. Was vollkommen okay ist. Drei Kinder auf einmal, das ist mehr als doppelt so viel wie die durchschnittliche deutsche Durchschnittsmutter im Durchschnitt per Kaiserschnitt auf die Welt schmeißt. Respekt! Ich hätte das aus Gründen nicht gekonnt. Die deutsche Mutter hat mir einiges voraus! Und im kühlen Lampengeflacker des Werner Schulze-Erdel-Hospitals wurde es dann eine wahre Nachwuchstrilogie; eine Drillingsgeburt in drei gleich großen aktentaschengroßen Akten. Die Hebamme, gelernte Kellnerin, nahm die dreiteilige Brut auf einmal auf, legte sie beiseite und wunderte sich währenddessen über den kuriosen Verlauf der Geburt: Getreu der deutschen Tugend „Ordnung“ hatte sich Mutter Natur in Kooperation mit Vater Mammon nämlich etwas überlegt.

So fielen die Filiusse und Filia gemäß ihrer finanziellen Zukunft aus der mütterlichen Mumu heraus. Es ist wie es ist wie es ist wie es ist, es ist folgendermaßen: Das Erstgeborene trägt exklusiv die traurige Last des Erstgeborenen – die anderen nicht. So wurde das erste Kind arm geboren, das zweite so mittel und das dritte reich. Und das Reichste bekam auch als einziges Kind einen Namen geschenkt, weil die Mutter sparen musste. Jüngst verlor sie wegen ihres irrational expandierenden Bauches sogar ihren Arbeitsplatz als menschliches Korrektiv bei „Lafer! Lichter! Lecker!“. Wie inspirierend diese Arbeit für sie gewesen war, zeigt jedoch die Namenswahl für das reichste Kind. Es wurde geschlechtsneutral auf den Namen „Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran“ getauft.

Was zu ungeahnten Schwierigkeiten im Kindergarten führte. Obwohl die anderen Kinder selbst mehr Bindestriche als Vokale in ihren Vornamen trugen, waren sie kognitiv nicht dazu in der Lage, sich den leckeren Namen zu merken. Dabei hätten sie ihn in jedem gut sortierten Supermarkt nachlesen können. So erhielt Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran schnell beziehungsweise fix den tollkühnen und toll kurzen Spitznamen „Tütensauce“. Und schwuppdischwabbeldiwuppwupp, ausgestattet mit diesem sehr guten Namen lief es auch gleich viel besser für Tütensauce. Es war ihm nun beispielsweise ein Leichtes, Mitspieler für sein flippiges Traktor-Quartett zu finden und auch sonst entwickelte sich Tütensauce prächtig.

Mit vier Jahren hatte es bereits seinen ersten eigenen Kaufladen. Mit fünf Jahren führte es ein komplettes Kasperletheater. Und mit gerade einmal sechs Jahren untersuchte es als „Dr. Tütensauce“ diverse Kinderkörper auf Herz, Nieren und Kitzeligkeit. Ausgestattet mit diesem runden Teil, an welches so ein an den Ohren endender Schlauch angeschlossen ist – Klugscheißer nennen diese Vorrichtung „Plastik-Stethoskop“ – stellte es verlässlich fest, ob jemand lebte oder eben nicht mehr. Und siehe da! Der ganze Kindergarten lebte! Dank und wegen und mit Tütensauce. Für seine Mutter zurecht ein Grund für das Fühlen von ehrlichem Stolz.

Ebenfalls tröstete es sie darüber hinweg, dass der Spender des Drillingssamens zu dieser Zeit gesellschaftlich einen schweren Stand besaß. Tütensauces Vater hatte ein mittelmäßiges Gedicht über Israel geschrieben und die Leute hatten sich anschließend mächtig darüber aufregt; wahrscheinlich, weil es sich nicht reimte. Immerhin hatte Tütensauce durch ihn ein gewisses Bisschen künstlerisches Talent geerbt. Es malte gern und gut wie ein begabter Schimpanse, manchmal fanden am hauseigenen Kühlschrank Vernissagen statt. Zudem tanzte es wunderbar Ballett. Weswegen Tütensauce in diversen Theaterstücken mitspielen durfte: in „Wilhelm Tell“ spielte es den Apfel, in „Faust“ einen heftigen Luftzug und in „Don Carlos“ einen Baum.

Weniger erfolgreich verlief hingegen leider das Heranwachsen seiner weiterhin namenlosen Geschwister. Ach ja, die waren ja auch noch da, mag der geneigte Textkonsument nun denken. Ähnlich dachten auch die Eltern. Schatten-Geschwister, irgendwie existent, natürlich auch geliebt, aber eben nur im Hintergrund. Sie lernten gerade erst das Lesen und verwechselten dabei ständig O und Q, was mitunter zu lustigen Neologismen wie „Ouoatschkqpp“ führte. Ganz schön arm! Aber man hätte es schon bei der Geburt erkennen können: Reich sein hilft. Und mit dieser nicht sonderlich neuen Erkenntnis endet dieser Text; gewiss jedoch nicht die Geschichte des unglaublichen Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran. Ein Typ der Meisterklasse! Von ihm wird man noch viel hören! Oder essen, falls er denn irgendwann mal Koch wird. Guten Appetit!

Sacksuppe

Lies diese Zeilen und vergiss sie wieder.
Jeder Text hier ist nur ein Fertiggericht aus Fragmenten,
gut angereichert mit Dingen, die du nicht lesen willst,
verfeinert mit Anspielungen, die du nicht verstehst,
und das Endprodukt ist nur Wortwichse, die dir ins Gesicht spritzt.
Du musst es wegwischen.

Dein Taschentuch ist die Zeit, sie reinigt dich und
lässt dich vergessen und treibt dich zurück auf deine einsame Insel;
wo du unbenommen und weich im Nehmen
die Etikette verfolgst so als wärst du ein Luftballon,
der den Himmel sucht, aber vorher platzt.
Du musst wegschwimmen.

Wir haben nicht grundlos Grenzen auf die Landkarten gemalt,
denn dir dienen die Schranken als Wegweiser;
exakt ebenda erwartet dich Glück, da wo das Fremde gurrt,
wo der Horizont nicht in ein Korsett gezwängt
nach Puste schnappt, sondern weiter geht, weiter, weiter, weg.
Du musst dich ausziehen.

Nicht Kleider machen Leute, sie geben es nur vor;
eine Trainingshose ist pragmatisch, ein Trikot ist pathetisch,
doch beides bist du nicht des Stoffes wegen.
Weil sich auch hinter Lumpen eine Idee verstecken kann,
ist die Optik ein böser Diener der Vorurteile.
Du musst die Augen schließen.

Die Fantasie ist ein Freizeitpark mit Rutschen nur nach oben,
du kannst fliegen, ficken, Fliegen ficken oder den Himmel finden;
den Mut, den du auf der Straße nicht aufbringst,
kannst du dir hier in die Waagschale legen und das
ewige Gleichgewicht der Gesellschaft revolutionieren.
Du musst zur Revolution werden!

Verkörpere die Veränderung!
Baue dir Luftschlösser, die mehr Verstand kosten würden als Miete,
lege deinen Finger in die Wunde und male den Teufel an die Wand,
sonst wird beides ignoriert und todgeschwiegen und die heile Welthülle dehnt sich aus,
fahre aus der Haut, bis du jedes angefressene Gramm Dummheit verlierst,
sei kein Moralapostel, werde ein Jünger der Vernunft,
bewaffne dich mit Toleranz, ziehe aber nicht in den Krieg gegen den Krieg und
lege dich nicht in Ketten, sondern an den Strand, aber passe auf:
die Sonne kann dir nicht nur Wärme geben, sondern auch Hautkrebs.
Niemand will dir etwas Gutes, sonst hätten sie es längst getan.

Mein Tipp für dich ist also folgender:
Creme dich ein mit deiner eigenen (Gedanken-)Pisse,
nur die ist unverfälscht
und frei von fremden Flausen.
Sei lieber dein eigener Idiot als einer von ihnen.

Wenn du jedoch zu faul bist
und lieber ein Luftballon sein willst:
lies auch dann diese Zeilen.
Aber bitte: vergiss sie wieder.
Die nächste Ejakulation kommt bestimmt.

Polemik und Exkremente

Etwas Großes leisten.
Sich etwas Großes leisten.
Groß werden im Kopf!
Nicht das Leben imitieren
und mal Pipi in die Augen zaubern,
nicht nur an die Nachbarswand
oder in die Regenrinne.

Und dann groß machen wie
damals auf dem Kinderklo,
das lustige Melodien spielt,
wenn man was abgesetzt hat.
Aktion und Reaktion!
Absatz und Rendite!
Abdrücken muss sich wieder lohnen, Steuern rauf!

Die Abfälle ins Töpfchen,
den Unsinn ins Köpfchen.
„Für Elise“ auf einem Kinderklavier spielen,
mit Elise auf einem Flügel die Welt retten.
Oder wenigstens dort mit ihr schlafen.
Dafür ist die Welt doch da!
Elise auch. Seid furchtbar und belehret euch!

Bitte, da habt ihr jetzt ein Ziel.
Macht etwas daraus,
ich selbst bin leider verhindert,
weil leicht bis schwer geistig behindert,
sonst wäre ich ja kein Autor, rofllolxd.
Aber jetzt ist Schluss.
Ich muss groß.

Fitze, Fitze, Fotze

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Stimmt gar nicht. Meine Oma fährt meistens mit dem Bus. Auf Straßen. Ohne Eier drumherum. Und überhaupt: Ich kenne keinen einzigen Menschen, der im Hahngehege lustige Kreise fährt. Was für ein Unsinn! Aber, irgendwer schon das schon machen. Irgendjemand fährt im Hühnerstall Motorrad, Motooorrad.

Alle meine Entchen schwimmen auf dem See. Ich habe Entchen?! Nein. Ich habe eine Katze. Die macht zwar ihr Schwänzchen in die Höh‘, schwimmt aber nicht. Die macht nur „miau“. Immer dieses „miau“. Weiß nicht, was die an dem findet. Der hat fünfzig Millionen Chinesen getötet! Gut, bei einer Milliarde Einwohnern fällt das nicht so auf. Trotzdem! Mao, Mao? Ich sage ja auch nicht den ganzen Tag „Hitler, Hitler“. Na, Johannes, wie geht’s dir? Hitler! Zum hier essen oder mitnehmen? Hitler! Wo kämen wir denn da hin! Hitler fährt im Hühnerstall Motorrad. Alle meine Hitlers schwimmen auf dem See, IQ unter Durchschnitt, Ärmchen in die Höh‘. Ist ja albern.

Abgesehen davon müsste es heißen: Mutter Naturs Entchen schwimmen auf dem See. Aber soweit denkt ja niemand! Meins, meins, meins; meine Entchen! So ein Quak! So ein schlechtes Wortspiel! Werden wir kurz wieder ernst: Es ist doch. Schon im Kindergarten werden wir auf den Kapitalismus vorbereitet. Und ene, mene, mu, raus bist du; auf der Reise ins Konsumharem zieht dir immer jemand den Stuhl weg. Und auf dem Boden der Tatsachen kommt niemand vorbei und schenkt dir die T-Aktie. Da kannste lange drauf warten. Das Leben ist kein Waldorfkindergarten, sonst wären Formulare aus Filz und bei „Deutschland sucht den Superstar“ würden die Teilnehmer Eurythmie tanzen und das „Viva la Waldorf“-Lied singen. Das es übrigens wirklich gibt. Ich möchte daraus zitieren:

Das hier ist unser Liebeslied
für die Schule am Vollkorn-Kiez.
12 Jahre ein Volksfest für Freaks,
von den Waldis gibt’s jetzt dicke Beats.

Ich finde schön, dass diese Menschen am Vollhonk-Kiez so kreativ und selbstironisch sind. Ob es jetzt freiwillig lustig ist oder nicht, spielt keine Rolle. Außerdem: Es gibt in der Historie der scheinbar harmlosen Lieder über Randgruppen viel schlimmere Beispiele. Nehmen wir etwa „Zehn kleine Negerlein“. Ein Lied, in dem Schwarze als dumm, unzivilisiert und dumm dargestellt werden. Das ist an sich schon so weltfremd und rassistisch, dass sich auch unsere Haare kräuseln müssten. Okay, Sklaverei gibt es offiziell nicht mehr, aber Intoleranz ist für die meisten noch immer im doppelten Wortsinne ein Fremdwort. Die moderne Version der zehn kleinen Negerlein müsste folgendermaßen klingen:

Zehn kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund zogen mal hierher,
da kamen Geschlechtspartnerinnen vorbei und schon waren sie viel mehr.

Tausend kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund wollten dann studieren,
„nein, aber oh, sie kommen aus dem Kongo, können wir sie zum Bongospielen animieren?“

frug ein Frackträger namens Dr. Soundso,
nun sitzen die Meute bei McDonald’s rum und putzt da das Klo.

Und hier gilt nun das gleiche wie bei „Mitten im Leben“: ich wünsche, es wäre Satire. Sprich: überzogen. Doch: Das Leben da draußen ist nicht wie in Kinderliedern, es ist teilweise viel schlimmer. Um davon abzulenken, erzähle ich nun einen Witz:
Was ist weiß, rechteckig und überflüssig? Dieser Text! Hahahahaha!

Warum ich diesen Unsinn hier dennoch erzähle? Hitler. Und jetzt gehe ich. Aber nicht mit meiner Laterne, ihr Doofen.

Vom Radioübertragungsfußballgott und Anderem

Ich weiß noch, früher. Da habe ich stets die WDR2-Konferenz der Fußball-Bundesliga im Radio gehört (Manni Breuckmann!) und mich auf die Sportschau gefreut, um dort dann zu sehen, wie die Tore, die ich mir zuvor nur vorgestellt hatte, in Wirklichkeit gefallen sind. Fantasie und Fußball, das passte nicht nur der Alliteration wegen sehr gut zusammen. Außerdem hatte man so vom Spieltag doppelt und fünffach was: hören, vorstellen, warten, gucken, verstehen. Heute stelle ich mich da dümmer an. Wenn ich heutzutage am Samstagnachmittag erfolgreich das Internet nach möglichst ruckelfreien, arabischen Live-Streams der Bundesliga-Konferenz durchforste, weiß ich zwar früher Bescheid, aber zu was für einem Preis? Das abendliche Sportschau-Schauen macht dann viel weniger Spaß, denn, klar, man kennt ja fast alles schon. Nur sieht man es mit weniger Pixeln, beziehungsweise mit mehr – diese Erklärung würde aber jetzt zu weit führen.

Doch: ja, früher, da war ich deutlich klüger und fantasievoller. Wenn beispielsweise der ehemalige Leverkusener „Staubsauger“ Carsten Ramelow eins seiner seltenen Tore erzielt hat, dann habe ich mir das in meinen Gedanken seltsamerweise immer sehr gestolpert ausgemalt. So, als wäre es ein Versehen, dass er den Ball über die Linie befördert hätte. Ein abgefälschter Verlegenheitsschuss, ein angeschossenes Körperteil oder ein zufälliges Zucken Richtung Tor nach einem verunglückten Eckball: ein Versehen eben. Ups, Tor! Später in der Sportschau wurden etwaige Rätsel aufgelöst, und: nur sehr selten fielen die Tore so wie vermutet. Carsten Ramelow, Radioübertragungsfußballgott. Was er heute macht, weiß wahrscheinlich nur noch seine Familie. Ich grüße ihn an dieser Stelle, schließlich bin ich mir sicher, dass er täglich seinen Namen in eine Internet-Suchmaschine tippt, um zu sehen, ob sich noch überhaupt noch jemand an ihn erinnert. Ja, Carsten! Hier! Ich erinnere mich. Grüße.

Manchmal habe ich aber auch auf die WDR2-Konferenz verzichtet, um mich abends von den Toren und Ergebnissen überraschen zu lassen. So wusste ich noch nicht einmal, ob meine Lieblingsspieler überhaupt auf dem Platz standen, ob sympathische Mannschaften gegen unsympathische gewinnen konnten oder ob Diverses geschah! Nervenkitzel! Man konnte aber auch damals schon anhand der Reihenfolge der zusammengefassten Partien ablesen, welches Spiel besonders ereignis- und torreich verlaufen sein mag. Gut, das Bayern-Spiel gab und gibt es aus Gründen fast immer am Schluss, aber wenn etwa Wolfsburg gegen Freiburg als erstes Spiel gezeigt wurde, dann deutete vieles auf ein torloses Remis hin. Jedoch ging diese Rechnung nicht immer auf, ich war schon damals nicht so gut in Mathematik und Sendungsabläufen.

Und nun wieder der Blick darauf, wie es heute ist: Spannung erhalten? Äußert schwierig, wenn man sich zur Bundesligazeit im Internet tummelt. In sozialen Netzwerken fliegen einem ungefragt zahlreiche Tormeldungen um die Ohren („TOOOOOR!!! POLDIIIIII! FC!! <3″) und auf Newsportalen tickern die Ticker ungebremst, was sich auf den mir damals noch unbekannten Fußballplätzen in Augsburg, Hoffenheim oder Mainz ergeben hatte. Der beste Trick ist, komplett alle Medien zu meiden und etwas Ungewöhnliches zu tun. Spazieren gehen, Bücher lesen, Pfandflaschen wegbringen. Ich halte übrigens nicht viel von Dosen- und Flaschenpfand. Pfandflaschen gibt es nur, damit man sie zeitvertreibend wegbringen kann. Überhaupt: Geld für eine leere Hülle erhalten? Man bringt doch auch leere Pizzaschachteln nicht zurück zur Pizzaria Amalfi. Und falls doch, habe ich extrem hohe Schulden. Ganz ohne Handy-Vertrag oder Sky-Abonemment. Womit ich galant zurück zum Thema Fußball übergeleitet habe. Ich bin so ein Fuchs.

Also, Fußball. Früher: Radio und Fantasie. Heute: beides viel zu selten. Tore fallen trotzdem. Nur Carsten Ramelow, der spielt nicht mehr.

Ein Floehrchen gibt Tönchen

Wie ich in Minuten der Langeweile herausgefunden habe, kann ich mit beinahe jedem meiner Körperteile Geräusche erzeugen.

Pups!
Quak!
Und padautz!
Ich bin ein Instrument! So schön.

Sehr praktisch und gesund ist, dass man mich nicht bespielen muss. Ich bin ein sich selbst spielendes Gerät. Niemand muss mich zupfen oder mit Stöcken auf mich schlagen oder in mich hinein blasen. Wie schön auch das ist! Niemand muss in Johannes hinein blasen! Der kann das alles alleine! Lass den mal. Wenn eine Gitarre das auch könnte, wäre das für Gitarrenspieler nicht so gut.

Manchmal gebe ich auch Konzerte. Zwei Stunden lang. Nur mein Korpus und ich. Das siamesische Kapelle. Kurios. Zu zweit und doch allein. Was außergewöhnlich viel Körperbeherrschung und Konzentration verlangt. Für einen allein wäre es möglicherweise zu viel, aber mein Körper und ich, wir kennen uns schon seit Geburt, sind ein eingespieltes Team und teilen uns die Arbeit sehr gut auf. Ich denke mir einen Befehl aus und über, öhm, diverse Prozesse werden diese Informationen dann an die einzelnen Körperteile weitergeleitet. Muss man nicht verstehen. Jahrelange Übung, Expertengeschwafel.

Mein erstes abendfüllendes Programm trägt übrigens einen Titel, der nach diesem Relativsatz der Weltöffentlichkeit präsentiert wird: „Körperklangwelten“. Hehe.

Wäre ich eine Frau, würde ich es folgendermaßen nennen: „Ton: Scheide, Fersen.“ Sehr lustig, diese Anspielung. Schade, dass die Frau kein exklusives Körperteil besitzt, welches sich prima auf „Scherben“ reimt. „Knerben“, beispielsweise. So könnte etwa diese, noch namenlose, wahrscheinlich stets schwitzende Mulde unterhalb der Brust heißen. Knerben. Davon wird man noch viel hören. Übrigens: der Wikipedia-Eintrag zu „Frau“ ist (ziemlich genau) doppelt so lang wie der zu „Mann“. Wer möchte, kann diese Information gerne behalten und einen lustigen Mann/Frau-Witz daraus machen. Ich will das nicht, ist nicht mein Stil. Und was ich eigentlich sagen wollte: Bereits am Titel einer Veranstaltung erkennt der Fachmann, wie gut der Abend wird. Kommen wir also nun zu den Körperklangwelten.

Ich beginne mit der Nase, damit alle erkennen, dass ich es kann. Ich halte mir das linke Nasenloch zu und puste virtuos ein wenig Luft hinaus. Guck mal, da fliegt ein Popel in die erste Reihe! Hui! Der erste Höhepunkt des Abends! Wobei man mit einer solchen Aussage eigentlich alle anderen Momente des Abends diskreditiert. Denn jede Sekunde meiner großen Schau ist ein Höhepunkt für sich. Zum Beispiel wenn ich die komplette Bob Dylan-Diskografie mit Fingerknacken nachspiele. Oder wenn ich durch wildes Bauchtrommeln die gleichen Klangteppiche ausbreite wie das WDR-Sinfonieorchester. Das muss man erstmal können, um es zu können.

Ich möchte nicht zu viel vorab verraten, aber zeitweise, da wackle sehr laut mit den Ohren, was nur wenige Menschen können. Man muss es sehr schnell tun; Wind ist sehr leise und gemein. Aber eine ganze Tonleiter mit den Ohren erwackeln, das ist große Kunst. Ganz im Gegenteil zum Klassiker „mit den Achseln pupsen“. Lange keinen mehr gesehen, der das gemacht hat. Generell scheint der gute, alte Furz langsam aus der Mode zu kommen. Flatulenz ist wohl nicht mehr en vogue. Es ist an den Hipstern, diesen Trend zu stoppen. Die mögen doch generell alles, was sonst niemand Vernünftiges mag: Club Mate, Apple oder Löcher in der Hose. Warum dann nicht auch Achselpupsen? Berlin-Kreuzberg, ich zähle auf dich!

Uninteressant ist auch Folgendes: viele finden es schwierig, ein passendes Ende zu finden. Das Leben endet ja netterweise einfach so, aber alles andere? Hier ein Rat: Alles muss mit irgendeinem Kracher enden. Peng! Sehr praktisch dabei: Ein guter Schluss kann den vorherigen Unsinn ungemein aufwerten und vergessen machen. Beispiel. Dein Referat über den zweiten Weltkrieg ist dröge, unspannend und „Hitler“ in einem ernsten Kontext sagen macht keinen Spaß? Dann sag doch als letzten Satz einfach Folgendes: „Und mein Opa war bei diesem ganzen Scheiß live dabei und hat von allem gewusst, dieser Schelm, ahahaha!“. Die Reaktionen werden unterschiedlich ausfallen, aber wenigstens wird es welche geben. Funktioniert auch nicht nur, wenn man Deutscher ist.

Und womit einen Konzertabend ausklingen lassen? Nun, ich mache es so: „One Moment in Time“, intoniert durch Husten. Wegen Whitney Houston. Sehr witzig, sehr kreativ! Und für alle Beteiligten immer noch besser als wenn jemand in mich hinein blasen würde. In diesem Sinne: tröööt!

Durchgeplantes Düdeldüdeldü

Ich bin ein Mann der Strukturen. Mein Körper hat Struktur, meine Texte haben Struktur und wenn ich das alte Stilmittel der Aufzählungen bemühe, dann nenne ich immer exakt drei Dinge, weil jede gut strukturierte Aufzählung das so macht. Eins, zwei, drei; ene, mene, mu und Glumanda, Glutexo, Glurak; zum Beispiel. Doch die schönste Struktur der Weltgeschichte der Strukturen habe ich in meinen Alltag eingewebt. Denn, wenn ich nicht gerade fremde Städte oder Bühnen mit meiner Anwesenheit beehre, halte ich mich strikt an einen auditiven Plan, den ich mir selbst ausgedacht habe, weil ich so verdammt kreativ bin. Die Spannung steigt, mein Plan geht so: Ich höre jeden Tag nur eine einzige Musiksparte. Abwechselnd und vorbestimmt. Stichwort: Fatalismus statt musikalisches Durcheinander! Um es zu konkretisieren: Mein Kalender gibt mir also vor, was ich höre. Was konventionellen Erdenbürgern außergewöhnlich ungewöhnlich erscheinen mag.

Schließlich ist anzunehmen, dass die meisten Leute nur das hören, was sie auch hören wollen. Aber so bin ich nicht. Ich brauche strenge Zwänge und obskure Strukturen, sonst langweile ich mich und das muss ja wirklich nicht sein, schließlich bin ich, wie bereits erwähnt, kreativ und zudem ein reisender Bühnenpoet. Die Leute zahlen bisweilen Geld dafür, nur um mich zu sehen und zu hören. Was ich verstehen kann. Schließlich liegt auch in meinem Zimmer stets ein Hut auf dem Boden, damit ich mir, wenn ich mich wieder einmal selbst gut unterhalten habe, einen kleinen Obolus zukommen lassen kann. Was zwar auch wieder sehr kreativ ist, jedoch kann man davon nicht leben, ich lande meistens bei plus/minus null. Doch ich schweife ab.

Montag.
Die Woche soll gut starten, deswegen ist der Montag auch der Tag für richtig, richtig gute deutsche Musik mit tollen Texten und virtuos gespielten Instrumenten, abseits der bis zum Klang-Tod mit platten Metaphern penetrierten Dienstleistungs-Schnulzen, die einem sonst so aus dem Radio ins Ohr geschwabbelt kommen. An dieser Stelle ein unherzliches: Fick dich, Tim Bendzko! Wenn Worte deine Sprache wären, dann hättest du vielleicht auch mal was zu sagen, stattdessen spülst du nur abgehangene Plattitüden in deine Texte, du singende Spülmaschine, du! Montags höre ich also nur sehr selten etwas.

Dienstag.
Um dann wieder zu guter Laune zu gelangen, ist der Dienstag der Tag der Musiker, die in ihren Texten deutsch und englisch mischen dürfen, weil sie es können. Sprich: Am Dienstag höre ich nur „Ja, Panik“. Die kommen aus Österreich und wohnen jetzt in Berlin. Österreichische Künstler, die irgendwann nach Berlin ziehen und dort dann erfolgreich werden. Hm. Dazu fallen mir absolut keine Witze und Vergleiche ein. Übrigens, ihr 2011er-Album „DMD KIU LIDT“ ist eines der besten Alben der letzten Jahre. Ernsthaft jetzt. Muss ja nicht immer alles Halligalli und hihihi sein hier.

Mittwoch.
Auch nicht am Mittwoch. Im Gegenteil. Ich mag Alliterationen, daher heißt dieser Tag bei mir nur „Melancholie-Mittwoch“. Traurige Songs über Liebe und so ein Gedöns. Ich mache mir dann eine heiße Tasse Schokolade (Milka, Sorte „Kuhflecken“), setze mich vor den Fernseher bei eingelegter Kaminfeuer-DVD und weine ein bisschen. Ja, ich weine. Das muss man doch mal zugeben! Ich weine. Manchmal bitterlich, manchmal süß-sauer, aber immer: zurecht. Ehrliche Tränen am Nachmittag. Auch ich habe eine romantische Seite in mir, so wie Bücher von Charles Bukowski.

Donnerstag.
Oh, Kontrastprogramm: Volksmusik. Überschwemmung der gespielten guten Laune. Akkordeons, ahahah, ist das euer Ernst? Volksmusik ist die ur-deutsche Flut, vor der uns selbst Noah nie retten würde. Hm, Volksmusik am Donnerstag. Möglicherweise ist diese Regel vom Abendprogramm des mitteldeutschen Rundfunks beeinflusst. Ja, das kann sein. Gut, dass ich donnerstags fast nie zu Hause bin.

Freitag.
Geilo, Wochenende! Natürlich muss ich freitags etwas Fetziges hören. Heavy Metal! Meine Haare wachsen pro Tag kurioserweise etwa um sieben Zentimeter, was wahrscheinlich ein lustiger Gendefekt ist. Er zwingt mich dazu, jede Woche zum Frisör zu gehen. Aber natürlich nur an Samstagen, damit ich an Metal-Freitagen noch wuchtig meine gigantische Haarpracht durch die Lüfte gleiten lassen kann. Es kommt vor, dass ich an Freitagen auf manche Menschen verstörend wirke. Aber das ist okay. Wie gesagt, obskure Strukturen finde ich total töfte.

Samstag und Sonntag verzichte ich komplett auf Musik. Der Mensch muss auch verzichten können. So wie dieser Text. Er hat kein Ende. Er geht immer weiter und wiederholt sich. Jede Woche. Ständig. Das kann anstrengend sein. Immerhin hat er eine gute Struktur.

Der Philofant

Mal Nachrichten

Guten Abend, meine Damen und Herren.

Hamburg.
Bei einer zunächst harmlos wirkenden Grundsatzdiskussion über Ethik, gleichgeschlechtliche Fortpflanzung und die Zukunft von süßem Kaffee-Gebäck starben bei einer Studentenfete in Hamburg-Altona zu später Stunde etwa zwölf Millionen Gehirnzellen. Darunter drei deutsche. Finanziell von uns abhängige Experten gehen davon aus, dass der bereits mehrfach vorbestrafte und pervers hoch besteuerte Alkohol im Spiel gewesen sei. Bestärkt wird diese These durch den selbst für Studenten ungewöhnlich beißenden Mundgeruch einiger Opfer. Zeugen berichten zudem von sehr schlechter Musik, die bis tief in die Nacht sogar noch in der Nachbarwohnung vernommen werden konnte. Akut tatverdächtig seien, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, der widerliche Whiskey von „netto“, diverse Produkte mit dem Etikett „Karlskrone“ und eine kanadische Kapelle namens „Nickelback“. Doch auch ein terroristischer Hintergrund könne zu diesem frühen Zeitpunkt der Ermittlungen noch nicht ausgeschlossen werden.

Die Staatsanwaltschaft warnt aus diesem Anlass vor allem dumme Menschen dringlich davor, durch den Konsum von Pseudorockmusik und billigem Alkohol das eigene Denken weiter einzuschränken. Die Gesellschaft habe schon genug doofe Heinis, die sich bei „Starbucks“ über große grüne Strohhalme und das kostenlose WLAN-Netz freuen würden. Es wird empfohlen, sich in Zukunft bei anbahnenden Diskussionen in geselliger Runde auf bewährte Dinge wie Party-Pumpernickel und Leitungswasser zurück zu besinnen. Dies würde die Gesprächskultur in Deutschland nachhaltig verbessern, außerdem schmecke Pumpernickel entgegen der landläufigen Meinung hervorragend und rege den Stoffwechsel angenehm an. Des Weiteren prüfe der Ermittlungsausschuss derzeit, inwieweit der Band „Nickelback“ mithilfe der Genfer Konventionen das Veröffentlichen von Langspielplatten außerhalb Kanadas verboten werden könne. Deutschen „Nickelback“-Fans bliebe dann zwar nur noch die Möglichkeit des Imports, aber das würden die beiden wohl noch schaffen, so der Sprecher weiter.

Auch ein Prominenter Befürworter dieser Maßnahme steht parat: Finanzminister Wolfgang Schäuble prangerte an, die Jugend solle sich lieber wieder auf richtigen Rock ‚n‘ Roll besinnen. Schließlich käme auch er nur bei ehrlichen Rockern wie Deep Purple oder Led Zeppelin so richtig in Fahrt. Überdies könne er das Spirituosen-Sortiment von Edeka empfehlen, das wäre „relativ günstig und vor jeder CDU-Ratssitzung ein echter Hit“, so Schäuble auf seiner Facebook-Fanseite. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle ließ bereits verlauten, ihm würde dies gefallen.

Hören Sie dazu nun einen Kommentar unserer estnischen Putzhilfe:
„Mul on väga hea meel olla televisioonis. Teiselt puuetega inimeste WC-s ei ole WC-paberit ei ole enam. Tere, emme! Üks, kaks, kolm, näkileib.“

Nachdenkliche Worte in einer Zeit, die viele Menschen unsicher werden lässt. Lesen Sie zusätzlich auch unser großes Online-Spezial auf www.irgendwasmitnachrichten.de: „Rockmusik und Schnaps – was die 68er unserer Jugend voraus hatten (und was nicht, Stichwort putzige Katzenvideos auf YouTube)“. Das Wetter fällt heute aus, die Sonne hat keinen Bock.

Guten Abend.

Vielleicht lügt Musik nicht

Mitte der Neunziger. Wir zwei saßen im Auto, sind irgendwo hingefahren und haben Frank Zappa gehört. Genauer gesagt, „Joe’s Garage“:

It wasn‘t very large
There was just enough room
to cram the drums
In the corner over by the Dodge

„Joe’s Garage“ ist ein Song über einen Typen, der mit seinen Kumpels Rockmusik in einer dreckigen Garage macht. Plötzlich werden die Jungs um Joe mit ihrer Musik erfolgreich und berühmt. „Joe ist Englisch für Johannes“, hast du mir erzählt und mich dann gefragt, ob wir die nächste Ausfahrt nehmen sollten, damit ich Pipi machen kann. Ich habe mit dem Kopf geschüttelt und weiter der Musik gelauscht. Ohne, dass ich auch nur ein weiteres Wort des Textes verstehen konnte, dachte ich: „Joe’s Garage“ ist dann ja wohl mein Song. Ich wollte Trommler werden in einer Rock ‚n‘ Roll-Band. So wie Joe. Freunde hatte ich, eine Garage und Instrumente hätten sich sicher auch irgendwie auftreiben lassen. Bis dahin würde ich eben mit Stiften und Löffeln auf allem herum trommeln, was sich nicht schnell genug retten könnte. Ich glaube, für genau diese Situationen hat man Federmäppchen und kleine Schwestern.

Aber was ist letztlich aus meiner Musikkarriere geworden? Nichts. Meine Schwester ließ ich – was das betrommeln angeht – in Frieden, rudimentäres Gitarre spielen lernte ich erst spät mit siebzehn Jahren. Um es dann schnell wieder aufzugeben, weil du mir zwar einen guten Musikgeschmack, aber kein musikalisches Talent vererbt hast. So wurde aus mir dann doch kein zweiter Jimmy Page, nicht mal ein dritter oder wenigstens tausendster. „Stairway to Heaven“ werde ich niemals covern können. Immerhin, die Akkorde für ein fetziges „Im Frühtau zu Berge“ könnte ich bestimmt auch heute noch jederzeit greifen. Es sind ja auch nur drei: D7, G und C. Fallera, fallera.

Doch darum dreht es sich hier nicht, so wie es damals schon nicht darum ging, wirklich ein Schlagzeuger zu werden. Es geht nur darum, im Leben einen Traum zu haben. Wo auch immer der herkommt. Einfach nur das machen, was einem Spaß macht. Der scheinbar unerfüllbare Wunsch vieler Menschen: den monotonen Alltag gegen ein polyfones Füllhorn voller Abwechslung tauschen. Mal hier, mal da und welcher Tag morgen ist, weiß man erst, wenn man Zeitung gelesen hat. Wenn man so will, lebe ich derzeit so. Offiziell bin ich arbeitslos, inoffiziell jedoch ein freier Autor für mich selbst. Wodurch ich genug Zeit habe, um Texte zu schreiben und sie deutschlandweit zur allgemeinen Belustigung auf Kleinkunstbühnen oder in Kneipen vor Unbekannten vorzutragen. Ich bin quasi eine ewige Ein-Mann-Band und Worte sind mein einziges Instrument.

Mal lauschen die Leute meinen Kompositionen konzentriert, manchmal warten sie nur auf das Ende des Textes, um sich ein Bier holen zu können. Es ist immer anders. Nicht jeder Satz sitzt und vielleicht sind nicht alle meine Gedanken so klug und neu, dass ich hunderte Kilometer dafür fahren müsste, um sie zu teilen. Trotzdem gibt es am Ende jeder meiner Texte Applaus. Mal lauter, mal leiser, mal nur aus Höflichkeit. Mehr kann ich nicht verlangen. Und ob ich Kunst bin oder mache, ob ich unterhalte oder nerve, sollen von mir aus andere entscheiden, wenn sie denn unbedingt wollen. Ich mache nur das, was auch Joe getan hat.

Am Ende seines, na ja, unseres, Liedes zerbricht seine Band übrigens am Erfolg und Diversem. Joe schwört der Musik endgültig ab und nimmt eine Arbeitsstelle als Bäckerlehrling an. Niemand kann sagen, ob es bei mir nicht auch irgendwann so laufen wird. Erst recht konntest du es damals nicht, als du mir diesen Song im Auto vorgespielt hast, ohne Hintergedanken, einfach nur so, weil er dir gefiel. Mehr als zehn Jahre später lasse es jetzt darauf ankommen, dass es bei mir irgendwie klappt. Weil ich nichts Anderes kann. Weil ich nichts Anderes will. Aber ob ich auch von dir Applaus erhalten würde, das würde ich gern erfahren können. Ich kann es aber nicht und daran haben wir beide keine Schuld. Und das ist vielleicht das Schlimmste daran.

Guess you only get one chance in life
To play a song that goes like…

Klatsch klatsch, klatsch, klatsch, klatsch.

[Zitate aus „Joe’s Garage“ von Frank Zappa]

Freund von Klischees und funkelnden Jacken

In Tante Gerdas Tanzcafé ist heute großer Ü50-Abend. Das heißt für Bernd: raus aus den Adiletten, rein in die alte Glitzerjacke. Sie glitzert und funkelt wie damals, als man ihn landauf landab nur den „Boogie-Bernd“ nannte und Parties noch Feten hießen. Früher, da war Bernd der Held in seinem Freundeskreis. Schließlich war er der Älteste und kam so immer am einfachsten an die drei wichtigsten Drogen: Zigaretten, Schnaps und Frauen. Jetzt, in 2012, ist wenig Heroisches geblieben. Nicht der Zahn der Zeit hat an ihm genagt, es war wohl eher ein komplettes Gebiss. Sein Gewicht hat sich verdoppelt; sein Äußeres ähnelt längst einem überdimensionalen, geplatzten Fußball, aus dem Arme und Beine so mitleidig und beiläufig herauslauern wie Salzstangen aus einem Mettigel.

Bernd hat ein Problem: er altert. Er altert jedoch nicht so gut wie manch ein Super Nintendo-Spiel oder ein Led Zeppelin-Album, nein. Vielmehr altert er eben, wie es Menschen leider meistens tun: unwürdig. Wenn das Leben ihn gezeichnet hat, dann ist es ein verdammt beschissener Maler. Es ist längst nicht mehr alles Bernd, was glänzt. Doch er flüchtet sich gern zurück in diese wilde Zeit von damals, die Siebziger, ach Gottchen waren die dufte! Bernd stopft seine Füße in fesche Lederschuhe und macht sich glitzernd auf zu Tante Gerdas Tanzcafé.

Am Eingang steht ein gelangweilt durch die Straßen blickender Taxifahrer. Als Bernd eintreten will, wird er gefragt, wie lange er bleiben wolle. Bis er umfalle, antwortet Bernd. Der Taxifahrer entgegnet: „Sagen wir, halb zwölf?“, Bernd schüttelt nur den Kopf und betritt stumm das Tanzlokal. An der Wand ein Plakat zur Veranstaltung: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich biegen“. Drinnen angekommen erklingt Musik. John Paul Young, „Love is in the Air“. Bernd ist auf dem Weg zur Theke und wippt dabei lustig im Takt. Er bestellt sich ein Bier. Ein richtiges Bier. Eins ohne Zitronen, Äpfel, Kirschen, Grapefruit und all diesem Obstzeug, kurz: eins, bei dessen Geschmack Hopfen und Malz noch nicht verloren sind. Bernd mag es als Filou der alten Schule eben klassisch. Dann guckt er. Und guckt. Und guckt. Auf der Tanzfläche bewegen sich rund zwanzig rüstige Körper, die meisten unfreiwillig komisch und: allein. Selbst die großzügig parfümierten Damen. Riechen kann man ihre Bemühungen aber auch so. 4711 is in the Air. Liebe nicht.

Und dann wird gezappelt.

Wackel, du Wackelpeter, klapp die Achseln auf und zu!
Tanz, du Tanzmarie, rock den Rock und stepp den Schuh!

Wenn man zwischen den Songs ganz genau hinhört, kann man ganz leise ein paar Knochen knirschen hören. Bernd hingegen vernimmt etwas Anderes: „Boogie-Bernd! Da ist BOOGIE-BERND!!“, ruft ertönt es aus einer Ecke. Irgendjemand nimmt dies zum Anlass, am CD-Player auf Lied zwölf zu schalten. Es scheint unausweichlich. Baccara, „Yes Sir, I can Boogie“. Das ist Bernds Stichwort! Er stolpert in die Mitte des Raumes, wo er von roten und grünen Lampen ausleuchtet wird. Boogie, Boogie, all night long! Seine Glitzerjacke reflektiert jeden Lichtpartikel und wenn man den eigenen Kopf auf die Seite legt, lässt sich Bernd in seiner Glitzerjacke nur schwerlich von der Discokugel unterscheiden. Boogie, Boogie, whole life long! Seine dem fortgeschrittenen Alter geschuldete, etwas krude Interpretation des Boogie gefällt den Anwesenden ganz gut. Boogie, Boogie, Bernd hat’s im Blut! Sie klatschen und freuen sich und wähnen sich zurück in 1977.

Die kompletten vierzig Sekunden lang. Der Song läuft weiter, Bernd braucht eine Pause. Um ihn herum bildet sich eine begeisterte Kölnisch Wasser-Duftwolke. Seine alten Fans sind auch seine neuen Fans, auch wenn es immer noch alte Fans sind. Anders gesagt: Er hat es eben immer noch drauf! Die Legende Boogie-Bernd lebt. Weil sich eben auch altes Eisen noch ein bisschen biegen kann.

Bernd schaut auf seine Uhr. Es ist halb zwölf. Er setzt sich ins Taxi und fährt nach Hause.

Über die Breite und Tiefe von Treibsand

Ich setzte mich also auf einen Hydranten. Nackt. Fleißig bahnte sich das Wasser den Weg durch meinen Körper. So wurde meine Lunge sauber und ich zum Fisch. Langsam. Zwischen meinen Fingern und Fußnägeln bildeten sich Schwimmhäute, auf meinem Kopf wuchsen die ersten Schuppen. Mein kompletter Körper deformierte sich, verdammt, mein Schicksal ließ mich scheinbar zu einem Tiefseefisch werden. Na gut. Ich verlor die Fähigkeit zu stehen und fiel um. Plumps, wie ein Idiot. Ich zappelte. Menschen kamen vorbei. Sie nutzten ihre Zeigefinger, um zeigend auf mich zu zeigen. „Guten Tach, helft mir!“, wollte ich sagen, doch aus meinem Mund kam nur Luft. Überhaupt, Luft: als Mensch hatte ich sie möglicherweise viel zu wenig geschätzt. Sie war kostenlos und überall, so wie man es sich von WLAN oder Gebäck wünscht. Fürs Schätzen war es nun zu spät. Jetzt mochte ich Luft nicht mehr. Ich liebte von nun an Wasser. Wasser ist total geil und superduper, dachte ich. Der Hydrant hatte mir viel davon geschenkt, doch noch immer war ich durstig. Ungeahnt durstig sogar. Und gierig. Ich wollte keine lumpige 1,5l-Flasche von Apollinaris oder ja!, ich wollte auch keinen kleinen Tümpel mit Provinzfischen, ich wollte das beschissene, riesige Meer! Über hier nicht näher erläuterte Wege kam ich dann in selbiges. Es war wie im Märchen. Wasser, soweit man gucken konnte. Paradiesisch. Da drin konnte man Blubberbläschen machen, Purzelbäume schwimmen und, das gefiel mir am Fischsein besonders, es gab keine Portmonees, Ausweise und Mobiltelefone, die man verlieren konnte. Man hatte nur sich selbst und seine glitschige Würde. Der Ozean, die bessere Gesellschaft. Keiner konnte gefeuert werden, alle waren arbeitslos. Keiner hatte Schulden beim Kreditinstitut, alle waren pleite. Unter Wasser gab es keine Krisen und Diktatoren, keine Verträge und Ämter. Nur das Sein. Erstmals fühlte ich, was es heißt, die Natur zu lieben. Bis ich mich genauer ansah. So ein Scheißdreck, als Fisch hat man ja gar keinen Penis! Ich schwamm nach oben und ertränkte mich in Luft.

Eins, zwei, drei, Erdbeerkäse und Aa

Ich wache in einem Wald auf. Wie gewohnt zähle ich zunächst meine Beine und komme ausnahmsweise auf vier. Nach kurzem Überlegen komme ich nur auf eine einzige plausible Erklärung: Scheiße, ich bin das letzte Einhorn! Meiner gigantischen Erektion zufolge befinde ich mich zudem in der Brunftzeit. Und weil ich ja das letzte Einhorn bin und körperliche Liebe zu anderen Tieren ablehne, entscheide ich mich für Masturbation. Von Ohr bis Huf unfassbar geil wichse ich ein bisschen ins Geäst, spritze in kleine Gewässer und am Ende des Tages tut mein Horn so weh, dass ich mich auf eine kleine Bank kauere und stundenlang weine.

Meine Damen und Herren, ich hoffe, diese gute Einleitung hat Sie prima unterhalten. Doch möglicherweise hat nichts mit dem folgenden Text zu tun. Gleiches gilt für die Überschrift. Das Stichwort ist: Manipulation. Das Wort „Manipulation“ kommt aus dem Keltischen und bedeutet „trügerische Absicht“ oder auch „Verwerfung“; manch ein Linguist beteuert gar, die Germanen hätten es synonym für „Wahnsinn“ verwendet. Und all das behaupte ich. Wer könnte mir widersprechen, ohne das Internet zu befragen? Wenige. Wer könnte von sich sagen, dass er noch nie auf irgendeine Manipulation hereingefallen ist? Niemand. Und wer kann mir sagen, wer uns Kleingeister am häufigsten korrumpiert? Medien? Politiker? Osteuropäische Fußball-Schiedsrichter? Ja, okay, die alle natürlich auch, aber jetzt mal über was Anderes, natürlich: Werbung. Vorhang auf, Glotze an.

Ba, ba, ba, ba – „Babybel“ ist Käse. Käse ist gelb, obwohl Milch weiß ist.
Be, be, be, be, – „Becel pro activ“ ist Margarine. Margarine nennt man im Volksmund auch „Kunstbutter“, obwohl sie künstlerisch vollkommen wertlos ist.
Bi, bi, bi, bi – „Bionade“ ist ein Getränk. Getränke sind Genussmittel, obwohl „Bionade Quitte“ da Anderes verspricht.
Bo, bo, bo, bo – „Bofrost“ ist ein Tiefkühlkostlieferant. Tiefkühlkostlieferanten bringen Fertiggerichte, die ja mal überhaupt gar nicht verzehrfertig geliefert werden – Tiefkühlpommes etwa muss man zuvor backen, frittieren oder wenigstens warm lutschen.
Und Bu, bu, bu, bu – „Butterfinger“ ist ein Schokoriegel. Ein Nestlé-Schokoriegel mit einer Erdnusskrokantdecke auf Erdnussbuttercreme, umhüllt von zarter Schokolade. Ein Nestlé-Schokoriegel, welcher in Deutschland seit 1999 nicht mehr verkauft wird. Weil gentechnisch manipulierter Mais im Riegel steckt.

Ha! Da sind wir wieder beim Thema. Ich kenne ein Ehepaar, das kauft sich jeden Morgen am Kiosk gleich drei Zeitungen, damit es sich aus all den Lügen bequem die eigene Wahrheit puzzlen kann. Drei Chancen auf Realität. Gucken wa mal. Kim Jong-il ist in einem Zug vor Erschöpfung gestorben, er hatte einen Herzinfarkt oder aber er wurde von Jesus in den Himmel bestellt, damit sie gemeinsam Weihnachten feiern können – ja, was denn nun? Das hängt ganz davon ab, welche Zeitung man liest und welchem Nachrichtensprecher man am meisten vertraut. Die sagen dies, da steht das, Aussage gegen Aussage, Lüge gegen Lüge, Unsinn gegen Quatsch! Osama Bin Laden und die Mondlandung gab es nie. Die Titanic ist nicht untergegangen, sondern außerplanmäßig hinab nach Atlantis gefahren. Adolf Hitler hatte ein Ufo und wohnt jetzt zusammen mit Elvis Presley auf dem Jupiter, wo sie alle drei Wochen ein großes Scrabble-Turnier ausrichten. Ohne Vokale! Ja! Kann doch alles sein! Beim Scrabble bringt das Wort „Wahrheit“ dreizehn Punkte, Unglückszahl!, „Vertuschungsmanöver“ jedoch, kein Scheiß; zweiundvierzig Punkte. 42! Die Antwort auf alles! Zufall?

PeterLicht kommt vorbei und singt: „Wir gehen durch die Straßen und glauben kein Wort, von den Worten, die an den Wänden stehen.“ Ein kluger Typ, dieser Typ. Und dann reitet PeterLicht auf dem allerletzten Einhorn durch die abgelegenen Industriestraßen in Willich-Münchheide und überall kleben Plakate von Kleinkünstler-Tourneen und dann diese Buchstabensammlungen wie FDP, SPD, CDU, ACAB und ein geföhnter Lokalpolitiker grinst sich mit seinem Überzeugungs-Grinsen die Zukunft zurecht. Das Einhorn hält an und pinkelt der Zukunft in den Mund. Kompagnon PeterLicht singt wieder: „Die Zukunft leuchtet schon und wir halten unsere Hände in ihre wärmenden Ränder.“ Das muss man sich mal vorstellen, der viel zu unbekannte Musiker PeterLicht und das letzte Einhorn stehen in einem Industriegebiet irgendwo am Niederrhein und sie patschen ihre Hände bzw. Hufe an eine Wand. Das ist schon etwas kurios. Hat aber wirklich so stattgefunden. Vielleicht. Und dann klingelt Peters Telefon. Gott ist dran. Er sagt:

Da, da, da, da – Da macht ihr aber ganz schönen Unsinn!
De, de, de, de – Dem armen Politiker in den Mund pieseln, das ist doch keine Satire mehr, das ist
Di, di, di, di – Die endgültige Verdummung meiner kleinen Schöpfung!
Do, do, do, do – Donnerstag habt ihr die Sauerei wieder in Ordnung gebracht, sonst gibt es einen Tsunami!
Du, du, du, du – duuut, duuuut, duuut. Aufgelegt.

Wir sind hip, hip; hurra!

Neulich war ich aus Versehen in Düsseldorf auf der Königsallee, dem Paradies der Popanzen mit prallem Portmonee. Stichwort: Lederfetisch mal anders. Doch die Königsallee wird niemals mit ihrem richtigen Namen angesprochen, denn so wie niemand zu einem Ulrich Ulrich oder zu einem Hans-Peter Hans-Peter sagt, so haben auch die Gäste der dekadenten Einzelhandelsschleuse für ihr Markenmekka einen kurzen Kosenamen. Getreu der Devise: „Zeit ist Geld“ sagen sie schlicht: Kö. Ein Ka, ein Öh, reicht. Ansonsten wird hier nicht viel gespart; man protzt und klotzt, und wenn doch mal einer kleckert, dann ist das Kunst oder nur ein dummer Zufall. Überall eine Feinkostbar und Klamotten, Cafés an jeder Ecke gibt es „Iced Caramel Macchiato“ und Handtaschen mit ungewöhnlichen Namen. Alles nix für mich. Ich spaziere vorbei an einem Kind in Begleitung seines in einen wichtigen Anzug steckenden Vaters. Der Kopf des Kindes ist eingehüllt in eine rote Eisbärmütze, die wohl suggerieren soll, dieses Kind würde täglich fünf Stunden lang Skifahren in St. Moritz oder St. Hans-Peter oder wo auch immer. Unerwartet werde ich Zeuge eines Skandals.

Eisbärmütze und Anzug flanieren an einem seltenen Kiosk vorbei und der Nachwuchs äußert einen Wunsch. Statt „Strawberry Cheesecake“ von „Ben & Jerry’s“ zur Abwechslung soll heute mal ein „Mini Milk“ mit Vanillegeschmack sein, aber ohne echte Vanille drin. „Mini Milk“. Für den Anzug klingt das gefährlich proletarisch nach Einzimmer-Plattenbau-Snack für Trainingshosen-Ottos. Anders gesagt: Eine falsche Welt bricht für ihn zusammen. Doch der reiche Anzug beugt sich, damit die Eisbärmütze nicht auf die feinen Leinen-Fußstulpen weint. In der Geldbörse nur ein gelber Schein. Den will der Anzug nicht in so einem ranzigen Kleinartikel-Schuppen mit dem einfallslosen Namen „Trinkhalle“ verjubeln. Er sucht einen Geldautomaten, um sich einen Zehneuroschein abzuheben. So wird der große Schein bewahrt, haha, Wortwitz. Beim guten, alten Papier gegen Ware-Tausch mit dem Kioskmann sagt der Anzug lässig: „Stimmt so.“

Und dann singen die teuer umhüllten Königsallee-Körper leise ihr einziges Lied:

Wir sind hip hip, hurra!
Wir stecken unsere Euter
in den teuersten Wonderbra,
und es ist doch wunderbar
wenn die wahren Wunder bar bezahlt werden,
yah!

Zumindest stelle ich mir das Lied der Dekadenz so vor. Rap mit einfachen Reimen, eingängig, irgendwas mit Titten, aber cool. Zurück zur Szenerie.

Plötzlich stehe ich vor einer menschlichen Schlange. Eingekesselt von diesen trennenden, roten Wurst-Bändchen stehen rund fünfzig Gestalten und Gestaltinnen rum und ich habe keine Ahnung, warum. Ich traue mich auch kaum, irgendeinen Schlangenmenschen anzusprechen. Alle scheinen beschäftigt. Sie machen: tipp, tipp, tipp, klingeldingeldu, zapp, zapp, düdeldüdeldü; sprich: sie spielen mit mobilen Telefonen, die klüger sind als sie selbst. Warum stehen alle hier herum? Umsonst wird es nichts geben, Ich stecke mir eine Zigarette an und lausche folgendem, aufklärenden Dialog zwischen zwei jungen Mädchen.

„Ey! Geilomat! Endlich ein Abercrombie & Fitch-Laden bei uns hier in Düsseldorf!“
„Endlich, jau! Die sind immer voll geil, diese Läden, war noch nie in einem drin!“
„Ja! Geil! Ich hol mir gleich einen Douglass Mountain-Hoodie, die sehen voll krass aus! So direkt aus New York so! Fast so geil wie die Sachen von Hollister!“

Und ich denke: oh weh, oh weh. Mit mehr Mini Milk in der Kindheit wäre das vielleicht nicht passiert.

Von mir aus kann ja jeder anziehen, was er will – und wenn es Leute gibt, die blöd genug dafür sind, für einen „coolen“ Markennamen horrende Preise zu zahlen, dann wird der Kapitalismus eben vorbildlich gelebt. Die einen bestellen sich Klamotten aus der „Rumpfkluft“-Kollektion des Duos Katz & Goldt, die anderen wollen lieber einen Douglass Mountain-Hoodie von A&F. Das Problem bei diesem Abercrombie & Fitch-Zeug ist jedoch, dass man sich mit dieser Kleidung einen Stempel anzieht. Genauer gesagt, den Stempel „Möchtegern, kann aber nich“. Vergleichbares gilt übrigens für die „Ed Hardy“–“Mode“, die aber sagt: „Möchte auch, kann aber mal so was von gar nich“. In Amerika gibt es eine Reality-Show namens „Jersey Shore“ und deren Hauptdarsteller sind geistig reichlich beschränkte, stereotype Testosteron-Luftballons. Eine dieser Figuren trug in der Sendung häufig Abercrombie & Fitch und dem Konzern war diese ungewollte Negativ-Werbung so peinlich, dass man „Mr. Sorrentino“ einen Millionenbetrag bot, damit er ihre Kleidung in Zukunft nicht mehr trage. Das ist sehr lustig, finde ich. Höhö.

Früher gab es diese A&F-Sachen nur in New York und man konnte Menschen, die schon mal in New York waren, an eben diesen Fummeln erkennen. Und an „I ♥ NY“-Shirts. In der heutigen Zeit hat sich das geändert. Nix mehr mit „exklusiv an der upper east side“. Heute kann sich auch Ulrich aus dem Ostseeort Hohenfelde A&F kaufen, um sich endlich modisch und gesellschaftlich ganz oben zu fühlen, obwohl er maximal gedanklich in New York gewesen ist.

Hauptsache: hip, hip, hurra!

Im Eingangsbereich des neuen Düsseldorfer Flagshipstores stehen Menschen und lassen sich für die Nachwelt von ihren klugen Telefonen fotografieren. Theoretisch. Ein junger Herr scheitert erstaunlich hilflos daran, auf seinem Handy die Fotokamera-Applikation zu finden. Von hinten ruft jemand: „Macht mal hinne da, ihr seid doch doof im Kopf!“ Ich nicke und denke: Stimmt so.

Schlechtes Gewissen

Regentage sagen niemals Adieu zum Verlangen.“ (Jacques Palminger)

Das Schönste, was ich heute gesehen habe, war eine Taube. Eine Taube, die ihren Kopf rhythmisch und zugleich stupide von hinten nach vorn geschoben hat, weil sie es kann – und sonst außer gucken, kacken, fliegen, picken nicht viel mehr. Tauben werden kollektiv gehasst, doch sie sind harmlos, reden weniger Scheiße als die allermeisten von uns und der Fehler liegt nicht in ihrer Existenz, sondern in unserer Betrachtung.

Dazu ein paar Beispiele aus meinem eigenen, unwichtigen Leben.

Als Kind habe ich auf meinem roten Bobbycar weit, weit mehr als siebzehn Ameisen überfahren. Entschuldigung, ihr Krabbelfreunde. Weil ich mich nicht bücken wollte, habe ich Pusteblumen gepflückt und erst dann die Pollen über die Felder fliegen lassen. Verzeihung, ihr Wildgewächse. Und jetzt trage ich schwarz-weiße Schuhe von Adidas, weil sie mich an Fußballschuhe aus einer Zeit, die ich aktiv nicht miterlebt habe, erinnern. Sollte ich diesen Satz jemals irgendwo vorlesen, so werden fünfzig Prozent des Publikums auf meine Schuhe schauen. Sie werden verpassen, wie ich im Gesicht eine traurige und ehrliche Grimasse forme. Für die Kinder, die diese Treter geknüpft haben. Denn darum geht es mir. Aber: It’s not your fault, children of Bangladesh.

Cause I am just a little guy
in a crazy world
full of madness and sadness,
and we will go on upon
our endless journey of tragedy
until we see the sea
beyond the „knowledge of good and evil-tree“.
Der Baum heißt auf Deutsch „Baum der Erkenntnis“, Digger. Denk da mal drüber nach.

Mühsam mit Schulenglisch verfasste Bekenntnisse eines Mörders; die Wahrheit ans statt hinter des Licht zu führen ist eine unangenehme Gabe der Vernunft. Wer vor narzisstischer Freude platzt, soll danach auch die Sauerei wegputzen oder wegkärchern oder wenigstens mit dem Handkehrer die Gefühls-Fusel von sich wegschieben – so wie man überhaupt immer die Schuld von sich weist, weil immer die Anderen den schweren Rucksack der Sünde aufsetzen müssen. Trotzdem sagt ständig irgendein Spinner, er hätte Rücken. Nur ernsthaft belasten will ihn niemand. Schon der lustige Jesus sagte: Wer ohne Schuld ist, soll den ersten Stein schmeißen und nicht nur wegen einer bestimmten Szene des grandios verfilmten „Leben des Brian“ verspreche ich, dass uns alle dann ein Steinhagel begraben wird. Wir werden wimmern und die Situation kolossal verkennen; nur das Äußere lässt sich mit Photoshop optimieren, nicht das Innere. Lasst euch lieber vom Lauf der Sonne verdunkeln, nicht von all dem Unsinn, der rechts und links und hinten und vorne lauert und sich von euren Gehirnzellen ernährt, verdammtnochmal.

Dann: Kunst- und Dunstpause.

Fabian ergreift Partei gegen die Stille und sagt jubelnd: „Ich habe jetzt eine Waschmaschine!“ und gemeinsam sitzen wir auf einem Baumstamm, vertreiben uns die Zeit mit Wundern über Dinge.

Ich sage: Vielleicht wäre es besser, wir wären alle Tauben. Dann könnte man sich wirklich aussuchen, worauf man scheißen würde.

Ob nun
auf den Reichs-, Bundes- oder Landtag,
oder auf den Mon-, Diens- oder Mittwoch,
oder auf die Stätten, in denen wir uns wie an Ketten unseren Tagelohn erarbeiten,
oder wir koten auf den immer gleichen Alltag,
oder auf den Tag, der auf den Tag folgt, an dem wir uns endlich verändern wollen,
oder auf den Taxifahrer,
oder doch nur auf den Nachbarn, der einem immer die kostenlose Zeitung vom Sonntag stibitzt, obwohl man doch noch den Media Markt-Prospekt nach günstigen Spielfilmen durchstöbern wollte.

Sei klug, spare hier und da ein paar Euro. Sei klüger, spare dir hier und da einen Kommentar. Oder sei ganz einfach und doch so schwierig: der Klügste und denke nicht nur dann nach, wenn jemand etwas von dir will, sondern auch vorher, nachher und zwischendurch. Denken ist schön, denke ich mir und manchmal muss man sich auch mal die Welt schön denken, denn sie ist es nicht. Aus Gründen.

Dennoch will ich hier jetzt nicht ewig weitermachen mit dem Waschen der schmutzigen Wäsche. Das soll Fabian machen. Denn der hat jetzt eine Waschmaschine.

Für Sportsfreunde

Im Fernsehen ein „Plock“. Und Rolf Kalb kommentiert auf Eurosport mit sonorer Stimme: „Wauisaui, Ronnie O’Sullivan mit einem 42er-Break, Jimmy White braucht jetzt Snooker.“ Hm. Danke, Rolf Kalb. Ein sehr interessanter Satz, über den ich in dieser trüben Novembernacht lange nachdenke. Denn ich bin mir nicht sicher, ob überhaupt irgendjemand auf dieser Welt Snooker wirklich braucht. Denn Snooker ist eine krude, recht ereignislose Abart der Randsportart Billard. Eine Variation einer Randsportart, das muss man sich mal vorstellen, wie kurios, hohoho! Das kann ich selbstverständlich auch bildlich erklären, weil ich nämlich ein intellektueller Autor bin: Snooker ist nicht mehr am Tellerrand, sondern vielmehr beim Besteck beheimatet, so weit weg ist dieser elitäre Queue-Quatsch vom Rest der Sportwelt. Dass man dieses Gestoße dann auch noch live im Fernsehen zeigt, ist in etwa so, als würde man auch die Ennepetaler Kreismeisterschaften im Hüppekästchen übertragen. Live in Sat1. In HD. „Das große Hüppekästchen-Wetthüpfen“, kommentiert von Johannes B. Kerner.

Ich weiß nicht, ob sich irgendein Thünnes dieses Spektakel am Sonntagnachmittag ansehen würde. Aber woher soll man das so genau wissen in einer Zeit, in der das Berliner Olympiastadion nur noch von zwei Leuten gefüllt wird: zum einen von einem senilen, alten Mann mit einer mammutbaumgroßen Angst vor Pimmelmützen und zum Anderen von einem Typen, der seit Jahren so viel Geld mit so alten Mann/Frau-Kalauern verdient, dass man den Papst fast modern nennen könnte. Ich weiß, Mario Barth-Kritik ist mindestens so von 2006 wie Jürgen Klinsmann, aber es ist mir immer noch ein großes Bedürfnis, vor dieser kulturschädigenden Gestalt zu warnen. Denn weil Herr Barth stets die selbe Kleidung trägt – ein orangefarbenes T-Hemd – ist gerade für Kinder die Verwechslungsgefahr sehr groß. Deswegen hier ein Tipp, liebe Kinder: der Typ in orange, der ist böse, und der Typ in grün, das ist Christoph Biemann von der Sendung mit der Maus, der ist nett, der erklärt uns die Welt. Vielleicht müsste man ihn mal fragen, was dieses Snooker ist und vor allem: warum.

Das, liebe Leser, war eine Überleitung, mit der ich zurück zum eigentlichen Thema komme, die Älteren werden sich erinnern: es ging hier mal um Snooker. Nicht, dass ich etwas gegen Snooker hätte, sonst würde ich es mir nicht ansehen, rofl, wiedummwäredasdenn. Aber ich möchte jetzt, hier in aller Öffentlichkeit an der Relevanz dieses Präzisionssports zweifeln. Ich meine, wie häufig passiert beispielsweise Folgendes: man sitzt mit seinem/r Partner/in am Frühstückstisch, ärgert sich über das zu flüssige Eigelb (oder so) und sagt: „Mensch, Schnuffelinchen, wie der John Higgins gestern den vierten Frame gewonnen hat, das war ganz, ganz tolles Tennis. Ich finde, dafür hat er den Laureus Sport-Award verdient! Reich mir doch bitte mal die Butter.“ Abgesehen davon, dass ich so gut wie nie frühstücke, kann ich mich nicht an derartige Dialoge erinnern. Und ich bin noch jung, ich erinnere mich an alles. Also, wirklich an alles. Ich weiß etwa noch, wie ich 2001 bei Bekannten in Trier von der Mondlandung erfuhr, oder wie mir meine Großeltern 1997 im Auto von der Nichtexistenz des Weihnachtsmann berichteten, oder wie man mir erst letzte Woche mitteilte, dass es in Deutschland doch tatsächlich noch Rechtsradikale gebe. Ach was. Das ist ja mal ein dolles Ding.

Und nun folgt etwas, was dieser Geschichte gut tut: es passiert etwas. Bis gerade eben war es in meinem E-Mail-Postfach ruhig. Zu ruhig. Bis mich plötzlich eine elektronische Buchstaben-Post erreicht, die mein Leben verändern wird. Ein virtueller Brief voller ehrlicher Liebe, ganz persönlich, nur für mich. Der Absender: „GMX Best Price“. Manch ein böser Mensch vermutet hinter so einem Absender gerne mal einen Reklamepixelhaufen, doch diese Mail ist anders. Sie enthält einen Hinweis, den ich nicht ignorieren kann. Während ich nervös mit dem Löffel ein paar gefährliche Strudel in meinen Kaffee drehe, lese ich langsam die Betreffzeile besagter Schicksalspost: „Gratis Mini-Rennbahn mit Looping und Rundenmesser: jetzt FOCUS lesen! 8 Ausgaben frei Haus + 30% sparen! +++ Hohe Zinsen für Ihr Tagesgeld“. Leckmichamarsch, wiegeilistdann! Und das um diese Uhrzeit! Mit dem Satiremagazin „Focus“ kann ich zwar nicht viel anfangen, aber wenn ich die 30 gesparten Focus-Abonnement-Prozente mit den hohen Zinsen für mein Tagesgeld verrechne, bin ich bald stinkereich! Yeah! Und dazu die kostenlose Mini-Rennbahn mit Looping und Rundenmesser! Ich sehe mich jetzt schon in meinem Zimmer sitzen und fleißig ein paar Runden drehen! DAS wird dann echter Sport!

Und falls Rolf Kalb Zeit und Lust hat, kann er das Ganze gerne kommentieren.

Gedanken zur Lage der Situation

Und ich liege viel herum und meistens richtig.

Wenn ich mehr Haare an den Füßen hätte,
könnte ich als Teppich arbeiten.
Mal ganz symmetrisch gedacht.

Wenn ich dann ein fliegender Teppich wäre,
könnte ich im Orient ein gefeierter Held sein.
Oh, du schöne Mythologie!

Wenn ich dann ein Held wäre,
könnte ich mir Autogramm- und Visitenkarten drucken lassen.
Wegen meiner Prominenz.

Und dann kämest du – aber
nicht gezielt, sondern ganz
aus Zufall und versehentlich
vergucken wir uns ineinander.

Wenn du dann nach einem Autogramm frügest,
könnte ich dir diesen Wunsch erfüllen.
Wegen meines Kugelschreibers.

Wenn du dann lesen und wissen würdest, wer ich bin,
müsstest du nicht die Katze im Sack heiraten.
Oh, du schöner Aphorismus!

Wenn du dann meine Katze bist,
dann würde ich an deiner Stelle auf dem Teppich bleiben.
Mal ganz gemütlich gedacht.

Und dann lägen wir viel herum und alles bliebe: richtig.

Er

Flötend und den Mond betrachtend läuft er über den Bürgersteig, bis ihn ein Laternenpfahl zu Boden zieht. Dass es auf Wegen auch Hindernisse geben kann, hatte er in seinem jugendlichen Leichtsinn nicht bedacht. Mit dem Hinterkopf voraus knallt er längs auf den kühlen Asphalt, wo er Ameisen und gelesenen Zeitungen unfreiwillig Gesellschaft leistet. Ganz unten angekommen ist er, willkommen heißt ihn niemand. Noch bevor er sich Gedanken darüber machen kann, ob er verletzt oder sogar tot ist, verliert er mit einem Mal alles, was sich an ihm zu vermissen lohnt: sein Bewusstsein, seine Sinne, seinen Verstand und alle anderen mühsam angeeigneten kognitiven Fähigkeiten. Als hätte jemand bei ihm im Gehirn einen Schalter umgelegt und von „an“ zu „aus“ gestellt.

Unfähig, wie Gott ihn einst schuf, liegt demgemäß seine mit Trenchcoat und Jeans verzierte, dumme Hülle jetzt einfach nur noch so herum. Dabei wollte er doch nur nach Hause. Jetzt ist er endgültig ganz woanders. Dort, wo man weder tot, noch lebendig ist. Dort, wo niemand unbedingt hinreisen möchte, weil niemand weiß, wo genau es ist und wie es dort wohl sein mag. Für diese Zwischenwelt jenseits vom Diesseits (und andersherum) gibt es keinen Reiseführer und keine Erlebnisberichte. Und wie eine Opfer-Verhöhnung erscheint es, dass die Straßenlaterne kaum Licht in die Nacht bringt, aber gerade ihn noch ausreichend ausleuchtet. So, als solle einjeder ihn liegen sehen müssen. Ihn, den umgefallenen Tunichtgut.

Noch ist er auf eine undefinierbare Art und Weise anwesend, aber das alte „Aktion-Reaktion“-Spiel des Lebens funktioniert nicht mehr. Alles ist deaktiviert, ausgestöpselt, man könnte sogar sagen: sein Sein ist paralysiert. Die Granitplatte ist kalt, doch er kann sie nicht spüren. Der Wind weht sanft und freundlich über seine Glieder, doch er nimmt ihn nicht wahr. Eine schwangere Katze tappst unsicher über seinen runden Bauch und er würde sie gewiss gerne begrüßen oder streicheln, füttern oder verjagen, ärgern oder wenigstens ignorieren, doch er kann nur noch: nichts. Und mit Nichts lässt sich die Katze natürlich nicht beeindrucken. Sie missbraucht ihn kurz als Brücke, dann ist er reichlich uninteressant geworden. Sie läuft auf die andere Straßenseite, legt sich neben eine Mülltonne und drückt der Erde drei neue Katzenkinder aus sich heraus. Sie jauchzen und stolpern und kneifen sich ihre kleinen Augen zu, fast, als wäre es im Katzeninnern schöner als auf diesem Planeten. Süß, würde er denken, wenn er denn noch denken könnte.

Es beginnt zu regnen. Sein Trenchcoat verteidigt tapfer nur die ersten paar Regentropfen, immer mehr Wasser verteilt sich in sympathischer, aber gemeiner Willkür auf seinem Körper. Er wird weich. Er wird zu einem nassen, ungewollten Klumpen Fleisch. Die Ameisen verkriechen sich in ihre kleinen, feinen Löcher. Und er kauert begossen am Tellerrand der Gesellschaft; bloß darauf wartend, dass sich Ratten und Fruchtfliegen häppchenweise durch ihn durch futtern. Tagelang könnte er als Mahlzeit dienen, immerhin, es winkt ihm eine so wohl nicht gewünschte Zukunft als quasi ewiges Gericht. Der Weg dorthin wird ihm bereits bereitet. Er verwest jede Sekunde ein kleines Bisschen mehr, hilflos und wie im Koma. Sekunden, Minuten, Stunden vergehen. Der Lauf der Dinge schreitet unaufhaltsam und dennoch langsam voran, so wie eine junge Schildkröte, die die Welt umrunden will. Trottend, aber beständig.

Schließlich taucht die Sonne am Horizont auf. Der computergesteuerte Zehnstunden-Leucht-Rhythmus schaltet die Lampe der Straßenlaterne ab. Sonnenlicht reicht, Anzeichen von Leben verdichten sich. Die ersten Autos fahren vorbei, viele noch mit angeschalteten Scheinwerfern. Und die Frühaufsteher hocken hinter ihren Lenkrädern und fahren zur Arbeit, zum just im Motel betrogenen Ehepartner oder sonst irgendwohin, wo man hin muss oder kann oder will. Aber immerhin, Menschen. Ist das seine Rettung? Nein, das Schicksal serviert Pustekuchen. Geholfen wird ihm nicht. Niemand hält an und sieht nach. Vielleicht denken die Leute, das sei Kunst, das müsse so. Vielleicht denken die Leute, er würde schlafen und das wäre nun mal sein Lieblingsschlafplatz. Vielleicht denken die Leute aber auch generell noch nichts Kluges zu dieser Uhrzeit und die ersten, zaghaften Gedanken des so jungen Tages schweifen nicht bis an den Bordstein ab.

Irgendein Vogel irgendeiner Vogelart springt irgendeinen Baum irgendeiner Baumart hinunter und pickt dem Bewusstlosen auf der Stirn herum. Auf selbiger hat sich über Nacht ein kleiner, blauer Fleck gebildet. Und plötzlich scheint das Leben zurück in seinen Körper zu gelangen, er bewegt langsam seine Arme und der Vogel fliegt in Angst vor einer Bedrohung davon. Mit Mühe schafft er, sich aufzurichten und der erste Gedanke, der ihm nach dieser nassen, langen, ungemütlichen Nacht kommt, ist: „Gute Güte, nie wieder Alkohol.“, woraufhin er sich kurz schüttelt und irgendwo einen Kaffee trinken geht.

Eine sichere Bank

Vielleicht wird der ein oder andere mitbekommen haben: Wir befinden uns in einer Zeit der Krise, der Ungewissheit, der Sorgen. Alle von klein bis groß fragen sich zurecht: Was ist denn jetzt morgen? Weltuntergang? Schwarzer Montag? Oder Samstag? Manch ein kluger Kopf ist bereits daran zerbrochen. – Wie ein lustiger Millionär namens Hape Kerkeling bereits im September 1991, also einen Monat vor meiner Geburt, feststellte, ist das ganze Leben ein Quiz. Daher gibt es nicht nur Fragen, sondern auch Antworten. Theoretisch zumindest. Praktisch gibt es nur ein dem Laien namentlich gänzlich unbekanntes und scheinbar zufällig zusammengepuzzeltes Gremium, das diese Antworten dann berufswegen auch sucht. Gut, ganz so wie beim Jauch ist es hier nicht. Die 50:50-Chance ist vielleicht ein wenig zu riskant. Das Publikum fragen kommt ebenso nicht in Frage, denn das hat ja ohnehin keine Ahnung. Jemanden anrufen wurde versucht, ergebnislos – Silvio Berlusconi etwa hat ja auch in anderen Themengebieten alle Hände voll zu tun; keine Zeit. Und es gibt hier nicht nur Antwortmöglichkeit A, B, C oder D. Es sind vielmehr viel mehr Lösungen als uns das Alphabet Buchstaben schenkt – selbst, wenn man Ä, Ö, Ü und das scharfe S mitzählen würde. Aber: immerhin. Da sind welche, die suchen nach Lösungen. Und ein zerzauster Hippie namens Jesus versprach vor knapp 2000 Jahren, also rund 1991 Jahre vor meiner Geburt, dass diejenigen, die suchen, auch finden werden. Nur wann, das hat uns der heilige Sohn Gottes natürlich nicht gesagt.

So sitzen sich die wichtigen Leute schon seit Monaten auf ihren Ledersitzen die Popos wund und kommen zu keinem verdammten Ergebnis. Dabei sind doch alle so fleißig: Auf „Meetings“ wird die „Big Question“ gestellt, der „Masterplan“ wird gesucht, aber weil uns kleinen Leuten ewig keine Ergebnisse präsentiert werden, kann das alltägliche „Brainstorming“ doch nicht die kognitive Ruhe vor dem Sturm sein! Die entscheiden doch nichts, da oben die! Die mampfen doch nur Häppchen vom reichhaltigen „Catering“-Angebot, bezahlt von uns! Und wir können nicht mehr einschlafen, weil uns die Ungewissheit plagt. Wie soll es denn jetzt weitergehen? Antworten haben viele parat, doch so ganz koscher sind die mir nicht. Tagtäglich geben sogenannte „Very Important Persons“ in der „yellow press“ hanebüchene „Statements“ zur Lage der Nation ab, pff. Pseudokritische Meinungen werden zu simplen „Give-Aways“, die man einfach so in die Öffentlichkeit pustet, weil das ja jetzt jeder macht, weil jeder was dazu sagen kann und jeder davon betroffen ist.

Ahnung haben dabei leider die allerwenigsten. Aber Hauptsache, man hat sein „Feedback“ als Prominenter prominent in einer kleinen Kolumne platziert, damit auch Frau Schlütkewömpel am Frühstückstisch sagen kann: „Oh, Friedhelm, schau mal hier! Der Sky du Mont, der hat auch was dazu gesagt! Er ist zwar keiner vom Fach und ich verstehe die Hälfte nicht, aber toll! Toll, dass er sich da mal zu Wort meldet!“. Wenn ich mich früher, in der Schule, in Mathematik zu Wort gemeldet habe, dann habe ich auch viel geredet, jedoch zumeist inhaltlich relativ wenig gesagt. Denn es gibt Themen, bei denen solche man sich bei akutem Mangel an Fachwissen auch einfach mal zurückhalten. An dieser Stelle schöne Grüße an meine langjährige Mathelehrerin Frau Franck: Frau Franck, ich weiß immer noch nicht, wie man den Abstand eines Vektors zu einer Ebene berechnet, geschweige denn, was das alles überhaupt heißt. Und damit muss ich mich auch – „Gott“ sei Dank! – gar nicht mehr beschäftigen, weil mein Alltag inzwischen von größeren, finanzkräftigen Problemen bestimmt wird.

Es ist doch so: Unser mehr oder weniger geliebtes Europa ist, wie der anglizismenfreundliche Fachmann sagt, am „Vagina Way“, also am Scheideweg. Gut, dass es Leute gibt, die sich dagegen erheben. Das einfache Volk geht endlich mal wieder außerhalb von Fußball-Weltmeisterschafen auf die Straße, protestiert, macht sich Sorgen, Schilder werden beschriftet, Plakate werden vor Fernsehkameras ausgerollt, da ist ja richtig was los, heidewitzka, Revolution liegt in der Luft! Aber was uns dann doch fehlt, ist ein einziger, toller, kluger, redegewaltiger und -gewandter Typ, der sich hinstellt und sich auch zutraut, für die Massen einzustehen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen! Einen Helden brauchen wir! Einen Retter! Einen Die sehr, sehr gute Nachricht ist: nach dem diesen Kerl muss man nicht mehr suchen, denn er spricht gerade zu euch. Ja, verdammt! Komm! Ich mach es! Ich kann es! Ich will es! Ja! Ich bin eine sichere Bank!

Ich werde die Moderation von „Wetten, dass“ übernehmen! Heureka!

FWT 2011

(Hinweis für sehr junge Menschen, Fernsehverweigerer und andere Leser: es ist für die Lektüre dieses Textes sinnvoll, von der Existenz der Serie „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ zu wissen.)

Ein Fernsehrelikt aus der guten, alten Zeit
war eingenickt und hat nicht mitgekriegt,
dass es ein paar Jahre übersprungen hat.
Und da liegt es nun, im Dunkel der Stadt.
Obacht, es erwacht.

Schuhu, schuhu.
Guten Morgen und guten Tach.
Ich bin das Fliewatüüt.
Ich kann fliegen wie ein Zeppelin,
schwimmen wie ein morsches Stück Holz
und Autofahren wie, öhm: ein Auto.
Falls Sie mich bis eben noch nicht kannten,
möchte ich Ihnen dennoch hiermit das „Du“ anbieten.
Bitte sehr.

Und nun zu mir.
Ich komme aus der Vergangenheit.
Ich weiß nicht so genau, wie ich hergekommen bin.
Da war so ein helles, grelles Licht
und dann
Huiuiui, huiuiui, huiuiuiui!

Es wundert sich, es sieht sich um,
es sieht sich um den Verstand gebracht.
Unser armes Fliwatüüt,
so sehr es sich auch müht,
weiß nicht, was ihm blüht.
Es guckt und schluckt und denkt:

Alles ist so anders hier.
Riesige Automobile, große, alberne Häuser und ich wüsste auch nicht,
wo ich hier mir hier mit meiner scheckkartengroßen Telefonkarte telefonieren könnt.
Und viel wichtiger:
Wo sind die ganzen Kaugummiautomaten hin?
Mir steht der Sinn nach einem Himbeer-Kaubonbon für fünf Pfennig!
Jawohl.
Die extreme Lage lässt mich sogar daran denken,
zehn Pfennig für so etwas auszugeben.
Denn ich finde, dass Himbeer-Kaubonbons sehr, sehr lecker sind.
Die Himbeere ist schließlich das aller-, allerknorkeste bzw. am Knorkesten seidende Gemüse im ganzen Gebiet.
Ich schwöre auf meine tollen Flügel.

Aber, ich sagte es bereits einmal, alles ist ja so anders hier.
Wunderei, wunderei.

In der von ihm bewohnten Zeit
war die Welt noch schnell erklärt,
Jungen trugen Hosen, Mädchen ein Kleid,
und es war der Mann, der Auto fährt.
Beziehungsweise fuhr. Mist. Egal. Weiter.

Owei, owei, was ist denn das.
Ich höre Stimmen in meinem Kopf.
Da reimt jemand.
Reime sind böse.
Robbi, Tobbi und ich, wir kamen damals auch ohne welche aus.
Wir sind doch nicht Goethe hier.
Ich will jetzt Himbeere, bitte.
Ohne Himbeeren geht es mir schlecht.
Total unknorke, wie man bei uns im Westen zu sagen pflegt.
Es schmerzt.
Es schmerzt.
Auuuuaaa, uuuuuahhhh, uauuuuahhhhuuuuahhhh.
Au.

Dem Fliwatüüt ergeht es schlecht,
es kommt 2011 nicht mehr zurecht,
es vermisst die Dinge, die damals gut waren,
und die große Menge, die ihm beim Fliegen zusah,
die ist heute erwachsen und reif und alt. Zu Alt?
Früher konnte man faxen,
heute macht man das per Mail,
man hörte die Nachtigall noch trapsen,
heute isses dafür zu schnell. Zu schnell!
Wir eilen und beeilen, doch verweilen nicht,
schnellerhöherweiter ist das Credo der Masse,
statt Klasse im Fernsehen ein Fatzke weise spricht:

Früher, da war alles besser.

Aber nein, Kollege, du täuscht dich kolossal,
Dinge so zu pauschalisieren ist tierisch trivial,
es war nicht besser, aber auch nicht schlechter,
es war einfach nur anders und vor allem nicht gerechter.

Ich könnte jetzt tausend kluge Beispiele nennen,
doch du, liebes Fliwatüüt, musst schon selbst erkennen,
dass die Welt sich immer drehen wird und wenn
dir nicht schwindelig werden soll,
dann musst du dich eben mitdrehen.
Sonst bist du von gestern.
Das willst du nicht.
In zwanzig Jahren ist das Heute die gute, alte Zeit
und dann wird man zurückdenken:
an das iPhone, Mensch, was ist das doch für ein stupider, kleiner Kasten;
an Jörg Pilawa, herrje, was ist das nur für ein sympathischer Moderator;
an die FDP, ach ja, die gab es ja auch mal.
Geschichte wird nicht geschrieben, sie wird gemacht.
Von dir, von mir, von allen.
Du musst es nur zulassen.

Und weißt du was?
Es gibt die alten Folgen von „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ jetzt als restaurierte Neufassung für knapp achtzehn Euro auf DVD im Internet zu kaufen. Und was das mit dem Euro, DVD und diesem Internet auf sich hat, das erkläre ich dir vielleicht ein anderes Mal. Nur so viel: ohne ging es uns nicht besser. Aber anders.

Das Märchen von der zweifelhaften Begegnung des Waldschrates mit einem kleinen Mädchen

Es war einmal ein bärtiger Waldschrat, der saß im Wald auf einem Baumstamm und knabberte an ein paar Ästen. Er rief immerzu: „Ich bin Ästhet, ich bin Ästhet!“, denn sein Sinn für Wortspiele war mindestens so ausgeprägt wie andere Dinge, die sehr ausgeprägt sind. Die Tiere im Wald konnten seine Scherze jedoch weder schätzen, geschweige denn verstehen. Regelmäßig sprangen die Eichhörnchen hinfort, wenn der Waldschrat des Weges kam. Er war unbeliebt, ungepflegt, unbekleidet, aber immerhin auch äußerst unterhaltsam, wenn man denn mit schrulligen, stinkenden, nackten Gestalten mehr anfangen kann als nichts. Und nun begibt es sich, dass sich aus Gründen ein kleines Mädchen im Wald verlaufen hat. Sie trägt ein grünes Kleid mit weißen Kreisen drauf, dennoch hat sie gute Laune. Eine Kompass-Armbanduhr aus dem Yps-Magazin unterstützt ihren noch kindlichen Orientierungssinn. Zwischendurch wirft sie sich den Inhalt einiger Tüten Urzeitkrebse-Futter in den Hals, denn das ist, was außer den Urzeitkrebsen selbst kaum einer weiß, ziemlich schmackhaft. Es gibt übrigens Urzeitkrebse-Futter mit den Geschmacksrichtungen Pommes Schranke, Fanta und (für die Gourmets): Roastbeef. Was für unser Märchen zunächst irrelevant erscheinen mag, doch jede gute Geschichte erzählt auf dem Weg hin zum letzten Satz einige, winzige Details, welche dem Konsumenten unwichtig vorkommen, damit diese Dinge, wenn sie denn nochmal vorkommen, für einen „Aha, soso, achja-Moment“ sorgen. Wenn etwa Hauptkommissar Frank Thiel im Tatort Münster zu Beginn der Sendung einen Eierschneider in seiner linken Jackentasche versteckt, dann wird das im Laufe der Ermittlungen einmal Sinn ergeben.

Zurück zum Märchen. Überraschenderweise gelangt das kleine Mädchen nun an die Lichtung des ast-essenden Waldschrates. „Oh! Heda, Süße, komm doch mal rum!“, ruft der Waldschrat, um danach anzumerken, dass seine Definition von „süß“ im Zusammenhang mit Kindern eine juristisch Einwandfreie ist: „Keine Sorge, ich tue dir nichts, ich bin Astheist!“, das Mädchen denkt dann lustigerweise: „Gott sei Dank“ und trabt langsam hin zum freundlichen Nackedei. „Hallo, Waldtyp mit kleinem Pimmel“, sagt das Mädchen. „Guten Tach, Stadtmädchen mit dem potthässlichen Kleid“, sagt der Waldschrat, „Willkommen im Establishment!“. Schnell werden die zwei Freunde. Der Waldschrat vertraut dem Mädchen vertrauensvoll an, dass er etwas vermisst. „Ich sehne mich nach Kapitalismus und Bahnhöfen; komm, lass uns was spielen!“, schlägt er vor und holt eine Hosentaschen-Version von Monopoly aus dem Geäst. „Oh, die Sonderausgabe ‚Estland‘!“, freut sich das Mädchen. Und wie sie dann so spielen, wächst im Kopf des Mädchens eine Frage heran. „Du, wo wir hier gerade so spielen, da frage ich mich, ob du weißt, wo Goethe gewohnt hat. Meinst du, er hatte ein Haus auf der Goethestraße? Das wäre ja toll gewesen für ihn, ich meine, ein Haus in der Straße, die so heißt wie man selber, das wäre doch totale Spitzenklasse, voll cool und so!“. Der Waldschrat antwortet lässig: „Wir sitzen hier übrigens gerade in der Waldschrat-Allee“.

Das Mädchen ist begeistert, die Stunden vergehen wie im Flug. Als die Sonne dann schon längst untergegangen ist, fragt der Waldschrat: „Sag mal, hast du Hunger, kleine Freundin? Hier, da hast du einen Ast, guten Appetit“. Doch das Mädchen scheint wenig begeistert zu sein. „Magst du etwa kein Ast? Ich hätte auch noch Geäst, Stöcke, Rinde, Holz oder Baum vorrätig.“ Das Mädchen schüttelt ihren Kopf langsam von rechts nach links nach rechts nach links. Der Waldschrat hakt nach: „Was ist los? Fehlt dir das Besteck? Hier, da hast du eine Astgabel“. Zwei Eichhörnchen haben die Szenerie beobachtet, schütteln beschämt mit dem Kopf, hoppeln davon. Und das Mädchen schaut immer noch traurig auf den Boden. „Ja, tut mir leid, ich kann dir sonst nichts Leckeres anbieten“, entschuldigt sich der Waldschrat und würzt das Gespräch mit ein wenig Melancholie: „Ich hätte ja auch gerne mal wieder Stadtessen, so eine Portion Roastbeef auf der Zunge, was wäre das töfte!“. Und das, liebe Leser, ist nun euer ganz persönlicher „Aha, soso, achja-Moment“. Denn es folgt natürlich, dass das Mädchen fröhlich ein Tütchen Urzeitkrese-Futter mit Roastbeef-Geschmack hervor zieht. „Hurra! Juchee!“ rufen sie gemeinsam und strecken die Münder in die Luft, um sich den Tütcheninhalt möglichst zelebrierend in den Hals schütten zu können.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schütten sie noch heute.

Verpissen

„Hömma, Monsieur, dat iss mein Pissoir, wo du deinen kleinen Kollegen da reinhältst! Tu ma ganz schnell gucken, dat du den da weghängst! Sonst zeig ich dir meine Rechte und meine Linke, da kannsu dir sicher sein, du Pimpf.“

Ich schaue verdutzt. Um dem Mann, der diese klugen Worte sprach, in die Augen zu sehen, muss ich meine Nase relativ weit oben heben. Seine Arme sind doppelt so dick wie meine und bei ihm sind es Muskeln, bei mir Fett. Zu meinem Glück muss ich nicht besonders dringend, so dass ich den Harndrang aufhalten und den Kerl ansprechen kann:

„Ist ja gut, ist ja gut. Ich gebe nach. So wie ich übrigens immer nachgebe, weil ich genau so klein bin wie ich aussehe.

Beispiel.

Wenn ich etwas lesen möchte, da aber nur Zeitungen sind, die mir wehleidig die Nachrichten von gestern aufwärmen, so wie ein Fertiggericht in der Mikrowelle fressfertig gedreht wird und ich lese diese blöde Blätter dann trotzdem, weil die um mich herum gegebene Langeweile nicht zu schätzen weiß und mich ablenken will von irgendetwas, was mich ja eigentlich doch nur peripher stört. Hinter der Süddeutschen steckt eben nicht immer ein kluger Kopf, manchmal versteckt man sich auch einfach hinter ihr. Und Nichtstun in der Straßenbahnfahren ist ein zu wenig respektiertes Privileg. Nun ja.

Weiteres Beispiel fürs Nachgeben.

Wenn ich etwas zu kritisieren haben möchte, da aber nur ein paar große Dinge sind, über die sich das Beschweren ernsthaft lohnen würde, dann nehme ich mir eben diese Großbaustellen vor und sage ‚Gesellschaft, pff, doof‘ oder ‚Politiker, hm, korrupt‘ oder ‚Medienlandschaft, joa, verseucht‘ und komme gar nicht erst in die verwegene Gelegenheit, da mal konstruktiv im Detail drüber nachzudenken, weil ich Kopfschmerzen als Konsequenzen fürchte. So bleibt alles wie vorher, niemandem ist geholfen, erst recht nicht mir. Aber wenigstens konnte ich motzen. Dem kann ich nicht nachgeben, weil ich schwach bin.

Und noch ein Beispiel dafür.

Wenn ich etwas zu essen haben möchte, da aber nur ein McDonald’s ist, wo ich dann Kühe, Kartoffeln und Cola konsumiere und mir nachher denke: Meine Güte, Jung, wo ist dein Idealismus geblieben? Wolltest du nicht die Welt verbessern und wenn du das nicht hinkriegen würdest, wenigstens du selbst sein? Und dann kommt man ungewollt in diese unschöne Phase, in der man sich fragt, wer dieses ‚Ich‘ überhaupt ist, sein will und sein kann. Manch einer liest dann ein Buch von Richard David Precht, die Bibel oder zumindest jemand Anderem die Leviten, damit man sich beweisen kann, dass immerhin der Körper verdammt stark ist. Genau wie du jetzt.

Doch so das Leben als oberflächliche Phrase zu definieren lässt wenig Spielraum für eigene Interpretationen, denn etwas derart Komplexes wie unser verdammtes Leben herunterzubrechen auf derart simple Formeln ist eine ziemliche Milchmädchenrechnung.“

Mein pinkelndes Gegenüber sieht mich an, als spräche ich serbokroatisch. Hat mich wohl nicht verstanden. Vielleicht ist er betrunken. Ich gebe ihm noch eine Chance.

„Okay, okay, lass es mich anders ausdrücken: wer boxen tun will, weil der andere so total böse ist und so und halt mal voll das Falsche macht, dann darf man nicht den Fehler machen und auch so voll das Falsche tun und den dann boxen, weil boxen dann auch total dumm ist und wir müssen viel mehr schmusen und uns gegenseitig in der Suche nach einer besseren Gesellschaft unterstützen und dann kann man sich auch mal Fragen stellen, zum Beispiel: Welche Kinder haben deine Hose genäht und leben diese Menschen überhaupt noch? Wer hat den Klostein da drüben hergestellt? In welchem Land der Erde findet man Fliesen wie die die um uns herum überhaupt noch modern und überhaupt und überhaupt und überhaupt. Gedanken machen ist das Zauberwort, beziehungsweise sind die Zauberwörter, je nachdem, welche Rechtschreibreform man nun favorisieren möchte, ist ja auch völlig egal, ich glaube, ich verhasple mich total, was ich eigentlich von Anfang an nur sagen wollte: Hau mich nicht auf die Fresse, ich will nur Pipi machen.“

Der Typ zieht sich den Reißverschluss seines Hosenstalls zu und sagt:

„Hömma, ich hab zwar nur zwei, drei Sätze verstanden, aber du hast da schon ganz schön schlaue Sachen gesagt, zwischendurch. Das mit dem Leben und so, hier das mit McDonald’s, das stimmt, ich ess‘ da auch manchmal. Na ja, du biss schon nen ganz feiner Kerl. Kannst hier pissen, wenne wills. Machet jut!“

Dann zieht er die Spülung seines Lieblingspissoirs und geht.

Im Kiosk

Es gibt viele Arten, sich zu begrüßen. Manch einer sagt „Hallihallöchen“, andere sagen „Heidiho“, wieder andere heben einfach nur wortlos die Hand. Und Britta sagt „Tach Matze, einmal wie immer“, wenn sie ihren Stammkiosk an der Höflerstraße betritt. Britta hat über ihren Körper ein Zelt aus Baumwolle gespannt, ihre Haare fliegen durch die Luft als wären die Wolken magnetisch. An ihren Füßen kleben zwei pappige Gesundheitsschuhe, die nicht mehr so aussehen, als könnten sie ihrem Namen noch gerecht werden. Sie macht sich keine Gedanken darüber, wie sie das Haus verlässt und das sieht man ihr auch ganz gut an. „Hallihallöchen Britta“, sagt Kioskkoryphäe Matze und greift zielsicher ins Regal hinter sich. Er legt eine Packung blaue Pall Mall und eine BILD-Zeitung auf den Tisch. So wie immer eben. Aber pardauz, plötzlich interveniert Britta: „Nein, heute mal die roten, also die starken, bitte. Als Bigpack.“

Matze kratzt sich verwundert den Kopf, ein paar Schuppen rieseln herunter.

„Wieso das? Bist du krank? Ist jemand gestorben?“
„Guck mal da in die Zeitung.“
„Ja, hm, die FDP rutscht bundesweit unter die magische 1%-Hürde und die frivole Frohnatur Fiona hat schöne…hm…mhh…“
„Nein, nein, guck dir die Lottozahlen an!“
„Schau mal, Fiona steht auf erfolgreiche Geschäftsmänner mit Humor. Erfolgreich ist mein zweiter Vorname und ich kenne ein paar Witze, ich bin doch lustig, oder?“
„Äh, jetzt guck doch mal, Lotto, da unten steht’s doch!“
„Wie wäre es mit dem hier? Was ist gelb und trinkt viel Bier?“
„Homer Simpson?“
„Nein, eine Barnane! Haha! Der wird Fiona gefallen! Hahahaha!“

Matze röchelt vor Lachen, Britta nästelt an ihrem Baumwolle-Zelt herum. Sieh mal einer an, da war irgendwo eine Tasche eingenäht, erstaunlich. Sie zieht einen Lottoschein hervor. „Da! Vier Richtige! Ich bin reich, ich bin reich!“. Sie dreht vor Freude tanzend ein paar Kreise auf dem Kioskboden. „Und jetzt habe ich Hunger! Matze, tu mir mal ein Raider!“ und weil Matze sich inzwischen wieder beruhigt hat, kann er auch antworten.

„Raider heißt nicht mehr Raider.“
„Dann eben ein Twix!“
„Twix heißt nicht mehr Twix, Twix heißt jetzt ‚Pausenduo‘.“
„Dann eben ein Pausenduo!“
„Zum hier essen oder mitnehmen?“
„Sehr witzig!“
„Sag ich doch!“

Britta nimmt sich ein Raiderpausenduotwix, packt es aus, legt sich einen Riegel auf den Tisch und verlangt nach Messer und Gabel, weil man das in ihren neuen Kreisen eben so handhabt mit dem Essensverzehr. Stichwort Manieren. Beiläufig reicht Matze ihr das, was sie verlangt. Dann widmet er sich wieder dem Seite 1-Mädchen der BILD. Britta mampft, Matze gafft. Der gemütlichste Kiosk der Welt. Im Radio singt Jürgen Marcus ein Lied, von dem er wohl selbst nicht mehr weiß, dass er es mal gesungen hat.

„Reiche mir nun die Zigaretten, Matze! Ich verschwinde!“

Matze antwortet nicht, er zeigt nur mit dem Finger auf den Tisch, wo besagte Zigarettenschachtel liegt. An seinem Ohr sein Handy: er will die BILD-Redaktion anrufen, um zu erfragen, wo Fiona wohnt. Britta nimmt davon keine Notiz, sie geht zur Kiosktüre und ist im Begriff, sich zu verabschieden. Und es gibt viele Arten, sich zu verabschieden. Manch einer sagt „Tschüssikowski!“, andere sagen „Adieu mit ö!“, wieder andere heben einfach nur wortlos die Hand. Und Britta sagt: „Tschüss Matze, ich kaufe mir jetzt eine Yacht!“.

Ungreifbare Musik

Konzert. Ich habe mich erwartungsfreudig in einer alten Bahnhofshalle eingefunden. Obwohl diese Räume hier seit Jahren keinen Bahnhofshallendienst mehr verrichten, riecht es, wie man es auch von aktuellen Bahnhofshallen gewohnt ist, nach: Pipi. In meinem Kopf stelle ich mir vor, wer hier alles schon an die Wand gepinkelt haben könnte. Menschen, die inzwischen Karriere gemacht haben. Menschen, die längst tot sind. Menschen, die geplatzt wären, hätten sie in ihrer Not nicht an die Backsteinwände gewendet. Diese Wände hier erzählen mehr Geschichten, als ich je schreiben werde. Mein Respekt vor Wänden wächst immens. Und für all diese Gedanken habe ich gerade reichlich Zeit, denn der eigentliche Grund für meine Anwesenheit, die Musik, wird noch nicht gespielt.

Überhaupt, die Musik.

Ich schätze sie so sehr wie keine andere Kunstform. Denn es ist so einfach und doch so schwierig, sie zu erzeugen. Im Grunde genommen genügen ein paar richtige Fingerbewegungen. Entweder man macht [hier virtuoses Fingergezappel vorstellen] oder [wildes Fingergezappel] oder [total wahnsinniges Fingergezappel plus cooler Gesichtsausdruck] und schwupps, Kunst. Wahrscheinlich kann man jeden Kunst-Erzeugnisprozess derart frech klein reden, aber weder bei Buch oder Bild ist der Vergleich von Ursache und Wirkung so beeindruckend wie bei Musik. Sie löst im bestmöglichen Falle derart viele Gefühle, Gedanken und Körperspannungen aus, dass sich vergleichbare Künste schämend in die Ecke stellen würden, wenn sie könnten. Um dies dem Leser näher zu bringen, wähle ich einen Vergleich: wenn beispielsweise Literatur auf mich wirkt wie eine leckere Flasche Bier, dann ist Musik mindestens ein 20l-Liter Fass schottischer Whiskey, in welches reihenweise Aufputschmittel und halsfreundliche „Rachendrachen“-Bonbons gekippt worden ist. Zu letztgenannten Wick-Bonbons, welche es früher immer in der Apotheke gab, wenn ich artig gewesen bin, komme ich, weil nun ein paar bärtige Männer auf die Bühne tappsen und wild husten. Sieh mal einer an, die Herrn Musiker sind da.

Und genau vierzehn Leute sind gekommen, um sie sich anzuhören. Beschämend wenig, aber ich muss mir keinen Vorwurf gefallen lassen, ich bin hier. Ohne ein ‚Hallo! Wir sind diese, machen das, hier kommt Lied 1, viel Spaß!‘ beginnt nun das Konzert. Ich schließe die Augen. Die wummenden Klänge lösen noch viel mehr aus, wenn man dies tut. Und das muss und darf man sich dann so vorstellen: man fährt mit geschätzt fünfhundert Kilometern pro Stunde auf einer endlos nach geradeaus führenden Autobahn und links und rechts neben der Fahrbahn explodieren wahllos Häuser, Kühe und Gebirge. Krabumm! Eine Explosion, die scheinbar niemals endet, dann aber doch. Zwischen den Liedern murmelt der singende Gitarrist ein unmotiviertes „Thank you“ ins Mikrofon und der Hall, der auf seiner Stimme liegt, lässt es zu einem „Thank you-uh-uh-uh“ werden. „Bitte schön, gern!“, rufe ich auf die Bühne. Ohne Hall.

Nicht, dass ich musikjournalistische Ambitionen hätte, aber ich bin Klugscheißer genug, um die Musik der bärtigen Hustenden als psychedelischen Krautrock zu definieren. Ein Schlagzeuger, zwei Bassisten und ein Gitarrist, der ab und an Textfetzen ins Mikrofon haucht, wobei man jedoch kein Wort versteht. Manch einer würde den Klangteppich, den diese Gestalten in den miefigen Ex-Bahnhofshallen auslegen, als Krach bezeichnen. Doch diese Art der Musik hat einen Trick, den man erst durchschauen muss: Jeder Musiker spielt seine eigene Melodie und scheißt darauf, was die Kollegen gerade so fabrizieren. So entstehen Lieder ohne Refrain, dafür aber mit schreibe und sage vier Melodien, aus denen sich der Zuhörer die liebste herausfiltern kann. Eigentlich, so könnte man meinen, ist dann doch für alle was dabei. Weit gefehlt. Diese Musik ist nur etwas für Leute, die einer bestimmten „Szene“ angehören oder wenigstens angehören wollen. Ich bin eine Mischung aus beidem, zudem alleine hier und wie so oft: der mit Abstand jüngste. Gewissermaßen bin ich die Szene in der Szene, worauf ich ein bisschen stolz bin.

Ganz vorne tanzt allein ein Typus Konzertbesucher, der sich wahrscheinlich auf jedem gottverdammten Konzert der Welt entdecken lässt. Es ist die mittelalte Frau mit den langen, braunen Haaren, die sich wie wild zu den Tönen bewegt und scheint, als hätte sie sämtliche Drogen der Welt in der richtigen Dosis zu sich genommen. Egal, ob vierzehn oder vierzehn mal neunzehn Zuschauer: es ist immer exakt eine – nie zwei oder null! – dieser Damen anwesend und meistens wird sie irgendwann vom Sicherheitsdienst ermahnt, weil sie versucht, sich eine Zigarette anzuzünden. Nicht so heute. Sie raucht und schwingt in Trance durch die Gegend. Wahrscheinlich heißt sie Brigitte. So kann sich nur eine Brigitte verhalten, stelle ich mir zumindest vor. Eine Gabi täte so etwas nicht. Eine Gabi stünde dort hinten, würde sich über den Geruch beschweren und nach zwei Liedern genervt nach Hause traben. Nicht so meine Brigitte! Tanz, Brigitte, tanz! Brigitte hat’s verstanden.

Nach gut einer Stunde Beschallung mit gefühlt tausend Dezibel schließt der Krachgarten Eden dann. Ich taumle auf die Straße und vermisse den Krach. In meinen Ohren fiepst ein temporärer Tinnitus, den ich als alter Konzerthase aber längst kenne. Noch verschwindet der unangenehme Ton nach einiger Zeit, aber irgendwann einmal wird er sich bei regelmäßigen Konzertgängern für immer ins Ohr einnisten. Dies ist dann sozusagen das körperinterne Gütesiegel dafür, dass man einen verdammt guten Musikgeschmack hat. Eine unsichtbare Auszeichnung. Gefällt mir.

Die Straßen sind komplett leer, ich gehe auf die Mitte der Fahrbahn, renne panisch nach vorn und versuche, auf Tempo fünfhundert zu beschleunigen, komme aber auf nur auf zwölf. Ich schließe die Augen und da ist: nichts. Tja, ärgerlich. Das kann nur: die Musik.

Die unglaubliche Reise zweier Hirschkäfer auf einer Scheibe Knäckebrot

Einleitung:
Hirschkäfer im Allgemeinen tun normalerweise nur das, was sie normalerweise im Allgemeinen so tun: mit dem Mundwerkzeug an Dingen herumschnipseln, sinnfrei von A nach B, C, und D krabbeln, ab und zu Geschlechtsverkehr. Doch ich würde nicht von diesen Tierchen berichten, wenn es heute nicht grundlegend anders wäre. Doch dazu später (und im Namen des Textes) mehr. Und noch ein kleiner Hinweis: in Hirschkäferfamilien ist der Brauch, seinem Nachwuchs Namen zu geben, nicht verbreitet. Aber im Folgenden werden die Hirschkäfer spaßeshalber Ernie und Bert genannt, damit ich ein oder zwei Sesamstraße-Witze einbauen kann. Und nun viel Vergnügen mit der unglaublichen Reise von zwei Hirschkäfern auf einer Scheibe Knäckebrot.

Hauptteil:
Es waren einmal zwei Hirschkäfer, die vergnügten sich damit, eine Eiche sinn- und pausenlos hinauf und hinab zu krabbeln. Der eine Käfer namens Ernie war etwas dicker und kleiner als der andere, welcher den typischen Hirschkäfer-Namen Bert trug. Es ist ungeklärt, ob die beiden Geschwister, gute Freunde oder homosexuell sind – auf alle Fälle krabbeln sie die Eiche regelmäßig als Paar hoch und wieder herunter. Jedoch schlafen sie in getrennten Holzstückbetten. Nun begibt es sich aus reiner, spontaner Laune, dass ein Lastkraftwagen voller Knäckebrote an den Hirschkäfern vorbei fährt. Und als dieser mit seinen insgesamt schreibe und sage vier Reifen über einen kieselsteingroßen Kieselstein ruckelt, fällt eine Packung Knäckebrot mit Karamellgeschmack heraus, fliegt lustig durch die Luft und weil Gravitation und Gott es so wollen, widerfährt einem mit Bürobedarf beladenen Kleintransporter auf der Nebenspur das gleiche Kieselsteinschicksal, so dass eine Schere herausflattert, grußlos einen Riss in der Knäckebrotverpackung produziert und nun ist es an der Zeit, dass dieser viel zu lange Satz endlich mit einer reichlich offensichtlichen Information beendet wird: eine einzige Scheibe Knäckebrot landet vor den Mandibeln (Fachwissen: das sind diese Greifzangen vorne am Kopf der Viecher) der Hirschkäfer. Bert ist froh über die Abwechslung und heißt sie willkommen, Ernie folgt alsbald.

Ihnen war nie zuvor ein Knäckebrot begegnet, daher wissen sie so recht nichts mit dem Vollkornrechteck anzufangen. Stundenlang beraten sie sich; die Sonne geht auf und unter und etwa zweikommavier Tage vergehen, bis Ernie in seinem kleinen Hirschkäferhirn endlich eine halbwegs okaye Idee entwickelt hat. Aber gut Ding will Weile haben, sagen Volksmund und Großmütter. Ernie schlägt nun vor, aus dem Knäckebrot ein Floß zu machen und die Pfütze entlang der Straße als Unterfläche für die Knäckebrotoberfläche zu nutzen. „Au yeah!“, sagt Bert in Hirschkäfersprache und hält diesen Vorschlag für das Intelligenteste, was Ernie je gesagt hat, er spricht diesen Gedanken aber nicht aus. „Ich halte diesen Vorschlag für das Intelligenteste, was du je gesagt hast, Ernie!“. Okay, er sagt es doch. Und dann greifen sie sich das Knäckebrot und tragen es triumphierend hinab zur Pfütze, welche komplett mit Wasser befüllt war. Nur eine nasse Pfütze ist eine gute Pfütze.

Da sitzen die beiden Freunde also auf ihrem Knäckebrotkreuzer und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Ernie, mal ganz kreativ, tauft das Knäckebrot auf den Namen „Emm-ess-bar“. Sie fahren die Pfütze, die vielleicht die schönste Pfütze der Welt ist, herunter und ein paar Ameisen schießen vom Bordstein aus Fotos als Erinnerung an diese schöne Reise. Ernie sagt voller Freude: „Ich bin so froh und frei, ich fühle mich wie ein Quietscheentchen in der Badewanne!“, doch Bert muss ihn in seiner Glückseligkeit stören: „Aber gibt es denn auch Tauben bei dir in der Badewanne, Ernie? Sieh mal da, eine riesengroße Tauben-Armee! Sie fliegt direkt auf uns zu! Aarrraagahghaaaghhhh“. Und damit hatte Bert recht. Zwei Tauben hatten die Reisenden entdeckt und freuten sich über das schwimmende Essen, welches auf Essen schwamm. Aber, juhu: trotz angemessener Panik behielten Ernie und Bert den Überblick. Emsig machten sie von ihren Flügeln Gebrauch, stürzten sich auf die Tauben und kniffen ihnen mit ihren Beißgeweihen die Schnäbel ab. Das gefiel den Tauben nicht gut. Angepisst flogen sie wieder davon.

Nachdem sich Ernie und Bert beruhigt hatten, wurde Bert ein wenig patzig: „Einfach so eine bedrohte Tierart angreifen, ist nicht besonders human. Die blöden Tauben können doch irgendwelche Tiere essen, von denen es sowieso schon viel zu viele auf dieser Erde gibt. Zum Beispiel sich selbst.“ – Ernie hielt diesen Vorschlag für äußert amüsant, daher folgt als Reaktion auch das ernietypisches Ernielachen: [hier bitte ernietypisches Ernielachen vorstellen]. Endlich ist auf dem Knäckebrotfloß wieder Ruhe eingekehrt. Doch diese wertvolle Ruhe währt nicht lange: denn wie Bert mit seinen sehr, sehr guten Hirschkäferaugen schon aus der Ferne erkennen kann, schippern die zwei Passagiere auf einen Abfluss zu. Vollkommen zurecht warnt er Ernie: „Ernie, da, oweiowei, ein Abfluss! Unser wunderschönes, nach Karamell schmeckendes Knäckebrot wird dort hinein stürzen!“.

Noch bevor Döspaddel Ernie den Ernst der Lage realisieren kann, bleibt das Knäckebrot plötzlich stehen. Das Wasser hatte die tapfere Scheibe so durchweicht, dass es nun wie ein Waschlappen im Spülbecken liegen bleibt. „Was los? Haben wir einen Anker dabei?“, fragt Ernie. Bert verzichtet auf eine Antwort auf diese wirklich dumme Frage. Stattdessen schlägt er vor, zurück zur Eiche zu fliegen. Er habe plötzlich eine unglaublich große Lust auf sinn- und pausenloses Hinauf- und Hinabkrabbeln. Ernie hält diese Idee für das Intelligenteste, was Bert je gesagt hat und sagt das dann auch. Also fliegen unsere Freunde die Straße wieder hinunter, zurück zur allbekannten Eiche. Und wenn sie nicht gestorben sind, krabbeln sie noch heute.

Ausleitung:
Das war sie also, die unglaubliche Reise von zwei Hirschkäfern auf einer Scheibe Knäckebrot. Doch was können wir aus dieser Geschichte mitnehmen? Was lehrt sie uns fürs Leben? Wo ist die versteckte Moral? Gut, ich will ganz offen sein: nirgends. Entschuldigung.

Das Quiztaxi kann nun einmal nicht überall gleichzeitig sein

„Sagen Sie mal, wieso läuft das Taxameter eigentlich auch dann weiter, wenn wir an einer Ampel stehen?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert das Böse: „Ist halt so.“

Sie stehen an der Kreuzung zwischen Ostwall und Marktstraße. Die Laternen arbeiten, es ist Nacht. Der Taxibeförderung-in-Anspruch-Nehmer ist zu faul und zu reich, um die drei Kilometer nach Hause zu laufen. Wer kann, der kann. Das Taxameter zeigt sechs Euro und zehn Cent. Portokasse, das sind lediglich Peanuts/Erdnüsse für ihn. Apropos Knabbersüßzeug: Er wirft sich ein paar Weingummi in den Schlund und hat gleich schon die nächste Frage auf Lager.

„Sagen Sie mal, wieso haben hier die Weingummihersteller den Schriftzug ‚Vodka‘ auf die Oberfläche gepresst, wo doch ganz offensichtlich kein Vodka in dieser runden Süßigkeit enthalten ist?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

„Okay, gut, aber, sagen Sie mal, wieso sind alle Taxis aus dem Hause Mercedes, wo es doch so viele andere gute, tolle, deutsche Automarken gibt; so ein Taxi-Porsche, das hätte doch mal was – und vor allem: Stil?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert immer noch der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

Die Ampel springt auf grün, das Auto mit dem gelben Schild fährt den Ostwall hinauf. Aus dem Funkgerät des Taxifahrers kommen alle paar Sekunden Krefelder Straßennamen gekrächzt. Breite Straße, Lewerenzstraße, Tiergartenstraße, Horstdyk, Hilfe, Hilfe, holt diese Leute doch jemand ab! Manchmal kotzt einer auf die Ledersitze, manchmal versucht einer ohne zu zahlen zu flüchten, manchmal ist es sogar ganz angenehm. Und heute ist es so, wie es ist. Das Taxi fährt nun eine Linkskurve, rumpelt langsam in die Rheinstraße. Vorbei an leer stehenden Geschäften, vorbei an Geldautomaten, vorbei an Tauben, die sich selbst mit ein paar Brotkrümeln füttern.

„Sagen Sie mal, was würden Sie tun, wenn Sie eine Taube wären? Ich würde ja jeden Tag auf McDonald’s kacken. Kann diesen Schuppen nicht leiden; das ist gar kein richtiges Restaurant, die tun nur so. Ein Pseudorestaurant ist das doch. Für Leute, die die Fischgabel nicht von der Aufschnittgabel unterscheiden können. Dort bekommt man noch nicht einmal ein Schälchen mit Brotscheiben und Kräuterbutter, oder haben Sie schon mal einen Brotkorb bei McDonald’s bekommen? Haben Sie bestimmt nicht! Die wissen nicht einmal, wie man Kräuterbutter überhaupt buchstabiert! Ich schon! K, R, hm, Ä, U, T, E, R, B, U, Doppel-T, E, R. Ha!“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nicht, in seinen Augen flackert überhaupt nichts mehr: „Wenn ich eine Taube wäre, wäre sich bestimmt irgendeine Taube nicht dafür zu schade, mich zu fragen, was ich tun würde, wenn ich ein Mensch wäre. Und ich sage Ihnen eins:“, nun dreht er seinen Kopf doch noch, natürlich, nach rechts: „Ich würde dann bestimmt nicht antworten: Taxifahren.“

Während sie über die Uerdinger Straße fahren, übt sich der Gast in einem erstaunten, aber lautlosen Ausdruck des Verständnisses. Er scheitert auf eine wenig würdevolle Art und Weise. Dialog gescheitert. Sie biegen in die Zielstraße ein, Portmonee-Rascheln ist das einzige Geräusch weit und breit. Acht Euro vierzig, beim letzten Mal war der Weg vom Hauptbahnhof zur Mozartstraße billiger. Doch der Fahrgast moniert beim Aussteigen etwas Anderes: „Sagen Sie mal, kennen Sie das Lied ‚ICE‘ von Rainald Grebe? Da singt er die Zeile: ‚die Wahrheit sagt dir jeder Taxifahrer‘, aber das ist wohl komplett gelogen. Ich bin ehrlich enttäuscht, wissen Sie das?“

Der Taxifahrer schmunzelt in sich hinein, nimmt das abgezählte Honorar in Empfang und dann muss er auch schon weiter zur Weberstraße, wo ein betrunkenes Pärchen auf ihn wartet. Seinen Gast will er aber trotzdem noch verabschieden: „Enttäuschungen kommen vor, denn, wissen Sie: das ist halt so.“ Und dann fährt er fort.

Irre Alte

Ein Tattergreis schwingt
seinen Gehstock durch die Luft.
Er wäre gern ein Hubschrauber.
Wer will ihm das verübeln!
Niemand will das.

Ein Großmütterchen strickt
seit zwanzig Jahren einen Schal.
Sie wird niemals fertig werden.
Wer will ihr das verübeln!
Niemand will das.

Es herrscht Ruhe.

Alle machen ihr Ding.
Alle dürfen sie selbst sein.
Und niemand muss.

Alle können.
Alle könnten.
Theoretisch.

Keiner will mehr sein.
Keiner will mehr sein.
Praktisch.

Alltagstrott
ohne Trotzdem,
ohne Aber,
ohne Wenn,
ohne Antrieb.

Zu alt, zu irre,
zu spät, zu spät,
zu kalt, zu kirre,
zu spät, viel zu spät.

Endstation Rentnerpsychiatrie.

Hier nun
kollektiv durchdrehen
ohne aufzufallen.

Hier nun
Irrenstatus einsehen
ohne entgegensetzen.

Hier nun
auf den Tod warten.

Wo bleibt er denn,
der verdammte Sensemann;
wer kann denn da noch
wichtiger sein und
dringender sein und
ehrlicher auf das
allerletzte irdische Urteil warten.
Niemand kann das.

Bernd spielt
statt ‚Bunga, Bunga‘
nur noch ‚Bingo, Bingo‘.

Walter war Opernsänger,
er kannte die Texte aller Schlager,
von Willi Fritsch bis Zarah Leander.
Heute hat er Alzheimer
und vergisst regelmäßig
seinen berühmten Namen.

Hilde fängt statt Männern
nun nur noch Fliegen,
mit dem Wasserglas,
und schaut den Tieren
tagelang
beim Sterben zu.

Sie wartet,
und wartet,
und wartet,
und wartet,
bis die Viecher
nach ihrem letzten Riecher
eingefangen und hilflos,
ihr Leben los sind.

Täglich beneidet sie die Fliegen.
Wer will ihr das verübeln!
Niemand will das,
in der Endstation Rentnerpsychiatrie.

Zehn Tage Hitler

Die Äl­te­ren wer­den sich ge­wiss noch gut an das Jahr 1983 er­in­nern. Be­son­ders drei Dinge wer­den ihnen im Ge­dächt­nis ge­blie­ben sein: zum einen der 5:0-​Heim­sieg von Bayer Uer­din­gen gegen Darm­stadt (und der damit ver­bun­de­ne Auf­stieg in die Bun­des­li­ga) und zum an­de­ren: der Skan­dal um die an­geb­li­chen Ta­ge­bü­cher von Adolf H. im Fak­ten­ma­ga­zin „Stern“. Die ge­fälsch­ten Bände waren un­ge­rech­net etwa fünf Mil­lio­nen Euro teuer; der Stern muss­te sei­ner­zeit fast neun­hun­dert Mal­bo­ro-​An­zei­gen schal­ten, um die­sen Ver­lust auf­zu­fan­gen. Und die Welt­be­völ­ke­rung trau­er­te: Zi­ga­ret­ten­wer­bung, pff, da wären uns ein paar in­ti­me Ge­heim­nis­se aus dem Füh­rer­bun­ker aber reich­lich lie­ber ge­we­sen. Man rauch­te und wein­te – bis zum heu­ti­gen Tage. Denn, wie ich hier nun kos­ten­los ver­kün­de, be­fin­den sich die ech­ten Ta­ge­bü­cher in mei­nem Be­sitz. Und weil ich mir aus Geld nichts mache, werde ich nun hier ex­klu­siv einen Aus­zug aus den brau­nen Bü­chern prä­sen­tie­ren. Bitte sehr:

12. April 1944
Habe heute ver­sucht, Blon­die den Hit­ler­gruß bei­zu­brin­gen. Doch das elen­de Vieh wei­ger­te sich. Vielleicht hat es auch einfach die falsche Rasse. Es war aber auch total un­kon­zen­tiert! Ich hoffe, ich finde noch eine End­lö­sung für die­ses Kon­zen­tra­ti­ons­pro­blem. Da müss­te ich doch noch ir­gend­was auf Lager haben… Au­ßer­dem habe ich noch ein biss­chen Schif­fe ver­sen­ken im bri­ti­schen Ge­wäs­ser ge­spielt, aber lei­der ver­lo­ren. Churchill, dieser elende Cheater! Lol!

13. April 1944
Hein­rich rief mich heute Mit­tag an. Er be­rich­te­te mir davon, be­ruf­lich einen Juden ge­trof­fen zu haben. Ich er­schrak, meine Ver­füh­rer­lip­pen form­ten ein lau­tes ‚Wie­so­das­denn­dual­ter­va­ter­lan­des­ver­rä­terrr!‘. Aber Hein­rich, die­ser Schelm, fügte hinzu, wie er den Juden ge­trof­fen hatte: durch den Kopf. Ich lach­te sehr. Hein­rich ist wirk­lich ein her­vor­ra­gen­der Wit­ze­er­zäh­ler. Arrow to the knee, ein Klassiker.

14. April 1944
Neu­ig­kei­ten von der Front. Ach ja, Krieg, stimmt, da war doch noch was. Zehn­tau­send un­se­rer Män­ner sind in Le­nin­grad ge­fal­len. Ja, meine Güte, dann sol­len sie halt wie­der auf­ste­hen! Ich habe jedoch ver­an­lasst, den Ka­me­ra­den zwan­zig­tau­send Pflas­ter mit Blüm­chen­mus­ter zu­kom­men zu­las­sen. Bin ja kein Un­mensch.

15. April 1944
End­lich Sonn­tag! Habe Eva ge­fragt, ob wir nicht mal wie­der Ge­schlechts­ver­kehr haben könn­ten – ich wün­sche mir doch so sehr einen klei­nen Verfüh­rer­sohn. Eva lach­te nur und hat mich ge­fragt, ob denn schon wie­der Weih­nach­ten wäre. So eine Frech­heit! Ist sie Franz Beckenbauer oder was! Und Blon­die, diese dumme Töhle, kann den Füh­rer­gruß immer noch nicht!

16. April 1944
Klug wie ich bin, habe ich heute ein neues Ge­setz er­dacht. Unter Pa­ra­graph 18181818, Absatz 888888Periode8 ist jetzt fest­ge­legt, dass das Weih­nachts­fest von nun an am 17. April ge­fei­ert wird. Eva weiß noch nichts von ihrem Glück, mor­gen werde ich sie über­ra­schen. Das wird sehr, sehr gut.

17. April 1944
Was hatte ich mich auf die­sen Tag ge­freut! Weih­nach­ten! Das Fest der Liebe! Im gan­zen Reich bau­ten die Kin­der Schnee­män­ner aus Asche, die Leute schenk­ten sich ge­gen­sei­tig hübsch ver­zier­te Kör­per­tei­le (oder was sie sonst noch so auf den Stra­ßen fin­den konn­ten) und ich freu­te mich dar­auf, mei­nen, zu­ge­ge­ben, klei­nen Adolf in Eva ein­mar­schie­ren zu las­sen. Doch Evas Mumu wagte einen Putsch, sie woll­te sich mir nicht öff­nen. So etwas darf nie, nie wieder passieren! Abends bat ich dann Gott um Hilfe, aber er ant­wor­te­te mir nicht. Dar­über wun­der­te ich mich kurz, aber ich hätte mir ja ei­gent­lich den­ken kön­nen, dass der keine Zeit hat, wenn sein Sohn ge­ra­de Ge­burts­tag fei­ert. Wie dumm von mir. Aber auch ein Füh­rer ist nicht un­fehl­bar.

18. April 1944
Ich traf mich heute mit Jo­seph, dem alten Spas­ti vom Nie­der­rhein, um ihm mein Leid zu kla­gen. Jo­seph war sehr ein­fühl­sam, wir tran­ken ge­mein­sam drei ari­sche Kan­nen Kaf­fee und dann frug er mich: „Willst du die to­ta­le Auf­mun­te­rung?“ und na­tür­lich wil­lig­te ich ein. Eine to­ta­le Auf­mun­te­rung ist die kür­zes­te Auf­mun­te­rung. Er er­zähl­te mir, ich bräuch­te mir keine Sor­gen um Evas Mumu zu ma­chen, die wäre nicht immer so tro­cken. Na dann.

20. April 1944
Ge­burts­tag! Juhu! Jubeldubeldei! Alle meine Freun­de sind ge­kom­men und wir haben zu dritt eine tolle Fete bei mir im Füh­rer­bun­ker. Hein­rich schenkt mir ein Ei. Ein rohes Ei! Wozu? Ich weiß es nicht, ver­dammt! Aber alle an­de­ren fan­den es lus­tig, also habe auch ich ein biss­chen mit­lei­dig ge­schmun­zelt. Bin ja immer noch kein Un­mensch. Dann hat jemand gepupst. Man gab mir die kollektive Schuld! Doch ich war das nicht! Das Gas kam aus einem Gestapo! Scha­de nur, dass Eva und Jo­s­peh nicht zu mei­ner Feier ge­kom­men sind. Wo sie bloß sind?

21. April 1944
Heute habe ich etwas ge­lernt: wenn Blon­die auf dem Rü­cken liegt, ge­lingt ihr an­nä­hernd der Füh­rer­gruß. Ich bin stolz auf sie. Gab ihr zur Be­loh­nung ein paar Ha­ken­kreuz­kek­se und EssEss-Papier. Im deut­schen Reich soll nie­mand hun­gern! Achso, Eva ist üb­ri­gens wie­der auf­ge­taucht. Und als nach­träg­li­ches Ge­burts­tags­ge­schenk brach­te sie mir einen neuen Film von Leni (nicht Lenin!) mit. Auf DVD. Ach nein, die gibt es ja noch nicht. Also im Super8-Format. Der Film scheint eine Liebeskomödie zu sein: „Wie ich in Auschwitz mein Herz verlor – und alle anderen Organe auch“.

22. April 1944
Eva will nicht fi­cken, der Krieg geht mir auf den ein­ei­igen Sack, alles läuft ein­fach schei­ße im Mo­ment. Daher lenke ich mich ein wenig ab. Hein­rich hat mir zum Ge­burts­tag eine Schall­plat­te mit ent­ar­te­ter Musik mit­ge­bracht. Ich höre sie nun schon seit Stun­den und tanze flip­pig dazu. Und dann stelle ich fest, dass ich eine ganz schön arme Wurst bin. Allerdings nicht knackig wie Wiener oder würzig wie Krakauer, sondern mehr so wie die in Schweinskopfsülze. Owei. Hoffentlich liest das hier niemand jemals.

Joa, ups.

Life on Stage

(gestern, da gab es einen sehr schönen Poetry Slam in Frankfurt; dort sind auch dieses Bild und dieser Gedanke entstanden.)

Später Erfolg

Eine lebensbejahende Geschichte, in der prinzipiell nichts passiert

Mark greift nach einem alten T-Shirt, um sich den Schweiß von der Stirn zu streifen. Eine Mücke landet rückwärts auf seinen Rücken und macht Rast. Da, auf deinem Rücken, Mark, auf dem Rücken, Mark, eine Mücke! Mark! Es ist ihm egal. An diesem freien Sommersonntag sitzt er unbekleidet auf seinem Ledersofa und lässt sich durchs Nichts aus der Ruhe bringen. Mark, vierundvierzigjährig wie er nun einmal ist, hat kaum noch Haare und einen dicken Bauch. Sonst gibt es nicht viel zu beschreiben, soweit ich das in meiner Rolle des allwissenden Erzählers von meiner Warte aus erspähen kann. Der Fernseher ist ausgeschaltet, die Nadel des Plattenspielers steht arbeitslos in der Luft herum und Mark hat auch keine Frau, die ihm Gesprächsanreize oder wenigstens ein kühles Bier bringen könnte. Wir wissen also nun bereits, was Mark nicht tut, nicht einschaltet und nicht besitzt. Doch was gibt es sonst noch zu entdecken in seiner Wohnung? Hm, mal sehen. Da sind noch vier Wände um ihn herum, Luft sowieso, auch sonst so wie so oft nur das Übliche. Teppich, Stuhl, Decke, Tisch, Tischdecke und liebevoll, aber schlampig mit kümmerlichen Herzchen bestickte Stuhlkissen. Schauen wir uns das Sammelsurium auf seinem Tisch genauer an. Kerzen, Gläser, Schimmelkäse, Schimmelkäsehobel, Silberlöffel, Silbergabeln, Silbermesser, Silbermarmorkuchengabel, Silberschimmelkäsepiekser – oder kurz: Silberbesteck für jeden Anlass – zudem Ordner, Servietten, Serviettenspender, Serviettenzusammenhaltnadel – oder kurz: Serviettenallerlei. Alles, was man braucht, brauchte oder mal brauchen könnte. Marks Tisch ist sehr gut, eine glatte eins.

Kommen wir zum Sims. Auf besagtem Sims liegen eine gesäßfreundliche Thrombosehose, eine vertrocknete Rose, eine knotenlose Wollknäuelsoße, eine leblose Sammelfigur von Miro Klose in Jubelpose, die ein oder andere Modechose, eine Brotdose und ein Ziegelstein. Oder, um auch diese Aufzählung kurz zusammenzufassen: auf Marks Sims ist ordentlich was los. Außerdem erblicke ich dort noch eine Fernbedienung für das Fernsehgerät, also sozusagen ein Fernseherfernsteuerungsgerät. Auf der Taste namens 1 ist die ARD, auf der 2 das ZDF und weil Mark ein arg lustiger Schelm ist, lässt sich bei ihm auf der 3 „Das Vierte“ finden. Auf dem Boden sehe ich ein Katzenklo samt Katzenstreu für den nicht unmöglichen Fall, dass Mark eine Katze zuläuft. Einen Namen für die Katze hätte Mark auch schon: Bello. Wie gesagt, Mark hat einen ausgezeichneten Sinn für Humor, für welchen er auch überregional sehr geschätzt wird. Aber weiter im Text. Da sind noch Gitarre, Steckdosenleiste, Stehlampe, Bromeliengewächs samt dazugehörigem Pflanzentopf mit dazu dazugehöriger Erde drin, Regale, Regalfüllmaterial, also Bücher und CDs und DVDs und Videokassetten und unschöne Mitbringsel aus dem letzten Urlaub, und dann sind da Gardinen am Fenster und ja, das Fenster ist natürlich auch noch da, das hatte ich in meiner Aufzählung vergessen.

Und dann ist da eben noch dieses verdammte Sofa, welches Mark im doppelten Sinne besitzt. Er ist alleine, aber nicht einsam. Er trägt keine Unterhose, fühlt sich aber nicht nackt. Er hat nichts zu tun. Aber ihm ist nicht langweilig. Er schaut sich um. Wundert sich über den ganzen Plunder um ihn herum. Wie er zu dem ganzen Zeug gekommen ist, weiß er zum Teil nicht mehr. Wann er für den Schimmelkäsehobel noch einmal Verwendung hat, weiß er auch nicht. Er weiß eigentlich ziemlich wenig. Das stört ihn nicht. Draußen plärren ein paar Kinder herum, weil ihr Plastikball scheinbar unwiederbringlich unter einen PKW gerollt ist. Das stört ihn nicht. Er besitzt keinen Ventilator und der Schweiß verwandelt seinen Körper in eine Wildwasserbahn für Kleinstbakterien. Stört ihn nicht. Doch: Oh! Mark! Da! Oh! Mark! Da! Oh! Da! Mark! Guck! Die Mücke verlässt seinen Rücken, fliegt noch ein bisschen wirr und irr durch die Gegend, bis sie endlich den Fensterspalt erreicht und an der Miro Klose-Figur vorbei ins Freie fliegen kann. Wahnsinn, denkt sich Mark, da hat das Leben für die Mücke ja doch noch einen Funken Freude parat gehabt. Er freut sich und weiß: ein Sonntag, der einen solchen Gedanken entstehen lässt, kann schöner nicht sein.

Andere Ansichten anhimmeln

Die Beobachtung

Linus und Annette liegen im Stadtpark auf einer Wiese und schauen sich die Sterne an. Der Rasen ist ein wenig nass vom Regen des Nachmittags, ihre Rücken sind feucht. Linus ist nachlässig mit Hemd und Jeans bekleidet, Annette trägt ein rotes Kleidchen ohne was drunter. Minutenlang schweigen sie, bis Annette ihren linken Zeigefinger so nach oben streckt, dass ein 90°-Winkel entsteht.

„Da oben ist der große Wagen, dort ist der kleine Bär, dahinten siehst du die Luftpumpe“, sagt sie.
„Die Luftpumpe?“, fragt er.
„Ja, die Luftpumpe. Dahinten, neben der Wolke, die aussieht wie ein trächtiges Schaf. Nicolas Louis de Lacaille, ein französischer Astronom, hat sie irgendwann im 18. Jahrhundert entdeckt.“
„Verrückt. Woher weißt du das?“
„Ich war dabei.“

Linus geht nicht darauf ein. Er weiß, dass Annette so etwas nicht zum Spaß behauptet. Sie ist irre. Sie glaubt, damals wirklich dabei gewesen zu sein. Wahrscheinlich würde sie auf Nachfrage auch noch behaupten, 1785 mit dem Astrologie-Typen geschlafen zu haben. Sie hat einen tollen Körper und mit ihren zweiundzwanzig Jahren ist sie naturgemäß noch gut in Schuss. Ohne ihren wüsten Verstand hätte sie sicher was Besseres abbekommen als den arbeitslosen und unschönen Linus. Nun hängt sie an ihm wie Jesus am Kreuz: leidend, zu Unrecht und bis zum Tod. Pech gehabt. Aber, verdammt: eine Luftpumpe! Im Himmel! Das ist nicht mehr kurios, das ist schon hochgradig bescheuert. Als den Menschen die mythologischen Gestalten ausgegangen waren, mussten sie wohl technische Errungenschaften nehmen, um irgendwelche Sternenkonstellationen zu benennen. Heute würden diese Bilder wahrscheinlich iPad, Xbox 360 und Faxgerät heißen. Dann doch lieber eine Luftpumpe.

Linus nimmt noch einen Schluck aus der Küstennebel-Flasche. Der Anis-Geschmack segelt durch seinen Mund. Er hustet wild.

„Schmeckt gut“, sagt er.
„Dass du immer saufen musst“, sagt sie.
„Glaubst du, dass die Leute das früher nicht taten? Dein komischer Franzose da, der hat bestimmt auch gesoffen wie ein Elefant. Sonst hätte er bestimmt keine Luftpumpe im Himmel gesehen.“
„Nicolas hat nicht getrunken. Und er war zärtlicher, als du es dir mit deinem Spatzenhirn überhaupt vorstellen kannst.“
„Dann war er also ein Idiot.“

Linus greift wieder zur Flasche, spuckt ein bisschen in der Gegend herum. Dann greift er nach seiner Tasche, zieht eine Pistole hervor. Er steht auf und brüllt: „Nimm das, Luftpumpe!“ Er ballert blind und wild und unkontrolliert in den Nachthimmel. „Gib mir Deckung, ich knall auch noch die Heizdecke, den Reisewecker und den gottverdammten Schraubenzieher ab! Die ganze, irre Sippe!“, Annette zappelt panisch und stumm wie ein frisch gefangener Fisch an der Leine auf dem Rasen herum. Der Park ist menschenleer, keiner nimmt Notiz vom dargebotenen Schauspiel. Nur ein paar Vögel flattern aufgeregt umher. Linus springt auf dem feuchten Boden herum; es wirkt, als würde er ungelenk tanzen. „Und was ist mit dem Mond? Der kotzt mich auch an, wie er da so stumm auf stolz und wichtig tut! Peng, peng!“ Die Munition ist längst verschossen, doch Linus ist in Rage und drückt weiter ab. Bis er schließlich ausrutscht. Er landet schmerzverzerrt auf seinem Rücken: „Argh, verdammte Scheiße! Diese beschissenen Sterne sind einfach zu weit weg, sie drücken sich vor ihrem Schicksal! Angsthasen, alle! Arrgh!“.

„Geschieht dir recht, du hättest fast noch jemanden umgebracht!“, keucht Annette.
„Wen hätte ich denn treffen sollen? Ein paar Fliegen vielleicht!“, antwortet Linus.
„Auch Fliegen haben ein Recht auf ihr Leben!“

Linus setzt sich mit letzter Kraft aufrecht hin.

„Schau mal, Kleines. Uns Menschen wird ständig eingetrichtert, dass wir jeden Tag leben sollen, als wäre es unser letzter. Weil das Leben so kostbar und kurz ist. Aber was soll so eine Fliege dann bloß sagen? Die lebt nur ein paar Tage und ist zu blöd dazu, eine Glasscheibe als solche zu erkennen. Die flattern dann also herum, stören, nerven und nur wenn sie Glück haben, finden sie jemanden zum Ficken. Dann ficken die ein bisschen, nur um danach wieder ziellos durch die Gegend zu fliegen. Es gibt so viele dieser Viecher. Und kaum eine hat wirklich was zu tun. Glaubst du, die wären ernsthaft traurig, wenn ich ihr trostloses Leben beenden würde? Ich glaube kaum.“

Annette trinkt ihren ersten Schluck Küstennebel. Sie schraubt die Flasche nicht wieder zu und schmeißt sie unachtsam auf den Rasen zurück. Dann fragt sie: „Was ist der Unterschied zwischen dir und einer Fliege?“

„Ich weiß, wie eine Glasscheibe aussieht und ich habe eine Pistole. Komm, lass uns nach Hause gehen, diese beknackten Sternbilder widern mich an!“

Linus greift nach Annettes Arm und sie verlassen den Stadtpark. Die Vögel sitzen in ihren Baumkronen und zwitschern wieder ihre Lieder. Es war wieder einmal kein guter Abend gewesen.

Die Milch machte es

Benommen, aber glücklich taumle ich vor meine Haustür. Es war eine klasse Nacht gewesen, drüben, bei Sinan im Keller. Ein Würgereiz steigt in mir auf. Irgendwie schaffe ich es, das Abendessen im Vorgarten unserer Nachbarn abzulegen. Die Vögel zwitschern in ihren Baumkronen; ich stelle mir vor, sie würden auf diese Art Applaus spenden. Danke, danke. Ich klatsche in die Hände, verbeuge mich und strecke meinen Daumen in Richtung Himmel. Ihr seid alle meine Freunde, was wäre ich nur ohne euch! Ach, Natur, du gefällst mir. Mit einem Eichenblatt wische ich mir meinen Mund zurecht, dann setze ich mich vor die Tür und schaue zu, ob sich irgendwo etwas regt. Nichts. Alles tot. Ich vermisse die Morgenstunden, in denen ich dem Milchmann begegnete. Wobei es eher ein Milchmännlein war, denn er hatte es maximal auf fünfzehn Lenzen gebracht. Immer, wenn ich ihn auf seinem Klapprad ankommen sah, versteckte ich mich hinter einem Baum, um ihm dann, wenn er zur Haustür ging, zwei Flaschen aus seinem Anhänger zu stibitzen. Zwei Flaschen Milch reichen für eine Woche und weil ich in meinen besten Tagen bestimmt jeden zweiten Morgen auf der Pirsch war, konnte ich mich damals den reichsten Mann der Stadt nennen. Keine Ahnung, was die Menschen an Milch finden, aber der Tauschkurs im Pub von Mike war immer: eine Flasche Milch, eine halbe Packung filterlose Zigaretten. Einmal wäre der Milchdiebstahl aber sogar fast in die Hose gegangen, weil ich mich blöd anstellte, doch wohl vor lauter Ehrfurcht hat das Milchmännlein nur mit offenem Mund den Kopf genickt und ist weitergefahren. Von den paar Mark, die er damals für seinen Dienst mag ausgezahlt bekommen haben, konnte er unmöglich reich geworden sein. Und dann noch die ständigen Diebstähle meinerseits. Würde mich nicht wundern, wenn er heute vor dem Dom säße, um dort mit sich selbst zu reden. Ich fand den Jungen echt prima.

Milchmänner gibt es nicht mehr, die Leute kaufen ihre Milch jetzt im Supermarkt. Warum auch immer. Vielleicht bin ich mitschuldig. Hätte ich damals gewusst, dass ich mir meine allmorgendliche Zukunft zerstören würde, wäre ich wahrscheinlich weniger forsch gewesen. Es macht mich ein bisschen stolz, behaupten zu können, die Welt ein bisschen verändert zu haben. An diesem Vorhaben sind viele andere längst und auf ewig gescheitert. Aber verdammt, nun bin ich morgens immer allein. Es gibt zwar noch den Typen, der die Zeitung bringt, aber bei dem ist eben außer einem Haufen sinnlos bedrucktes Papier nichts zu holen. KRAWALLE IN LONDON – VIER MENSCHEN TOT. Solche Schlagzeilen tauscht niemand gegen Zigaretten. Abgesehen davon ist der Zeitungsbote knapp zwei Meter groß. Man hat wohl gelernt, dass man einem Halbstarken keine Ware in die Arme drückt, wenn da draußen noch Gestalten wie ich ihr Unwesen treiben. Ich stecke mir eine Pall Mall an. Nicht, dass ich etwas gegen Kotze hätte. Aber dass sie einem den Genuss einer Zigarette vermasselt, nehme ich der Magensäure übel. Ich bräuchte etwas, womit ich meinen Mund ausspülen konnte. Früher konnte ich das immer machen, natürlich, mit der Milch. Melancholie, fick dich ins Knie, du kriegst mich nie klein! Neben mir liegt noch die Zeitung von gestern, der Nachbar wollte sie wohl nicht lesen. Mal sehen. SCHWARZER MONTAG AN DER BÖRSE – REICHSTER MANN DER WELT VERLIERT 4,7 MILLIARDEN. Übel, Kumpel. Ich nehme mir die Zeitung, zerfleddere sie zu einem schönen Häufchen und halte mein Feuerzeug an die Sportseite. Erst brennen die Fußballer, dann die schwarzen Saxophonisten auf der Kulturseite und schließlich ist auch der Politikteil in Flammen aufgegangen. FDP WILL ARBEITSLOSENGELD FÜR ÄLTERE KÜRZEN. Es gibt so verdammt viele Gründe dafür, nicht alt zu werden.

Drüben auf der anderen Straßenseite regt sich endlich etwas. Eine alte Dame stolziert mit ihrem Zwergpinscher von rechts nach links. Sie hebt ihre kleine Nasen nach oben, als schwebe sie über den Dingen und dem Hundekot, der ihr alle paar Schritte begegnet. Ich rufe „Wuff, wuff!“. Nichts geschieht. Ich lege nach: „Passen Sie auf, Fräulein, die FDP schmiedet Pläne gegen Sie!“. Es scheint ihr nichts auszumachen. Sie geht einfach weiter, bis sie schließlich aus meinem Blickfeld entkommen ist. Ich hoffe, sie übersieht heute noch einen Fladen Hundescheiße. Ich überlege kurz, ihr nachzugehen, um mal nach ihrer Enkelin zu sehen. Aber dieses Vorhaben wird jäh dadurch gestört, dass nun ein grüner Volkswagen angefahren kommt. Obwohl es längst hell geworden ist, hat er die Scheinwerfer angeworfen. Er hält vor dem Haus der Nachbarn. Ich stehe auf, um die Geschehnisse besser beobachten zu können. Mein Rücken zwickt und zwackt. Ein kräftiger Mann mit Zeitungen unter dem Arm läuft zum Briefkasten der Nachbarn, dabei rümpft er böse seine Nase. Verzeihung, Kumpel, das war dann wohl ich. Ich sehe, dass im Auto noch eine junge Dame sitzt. Jetzt fahren die also schon zu zweit raus, erstaunlich. Sie soll wohl auf die Blätter und die Karre aufpassen, während ihr Kollege die Zeitungen in Schlitze schmeißt. Na, dann will ich mal sehen, wie gut sie ihren Job drauf hat. Ich sprinte so schnell und schmerzfrei es geht zum Auto, öffne die Tür, setze mich stinkend neben sie und frage: „He, Süße, wohin soll’s gehen?“. Sie hat lange, braune Haare, ein gutes Gesicht und weiter komme ich nicht, da sie schreit und mir mit ihren zarten Händen im Gesicht herumfuchtelt. Ihr Kollege kommt hinzu, gibt mir einen gewaltigen Tritt in den Rücken. Scheiße, Achillesferse. Ich falle aus dem Auto hinaus, nehme noch ein paar Beschimpfungen in Empfang und dann braust das Papierauslieferungs-Pärchen davon.

Einige Minuten lang bleibe ich auf dem Asphalt liegen, Stichwort Regeneration. Schließlich richte ich mich irgendwie wieder auf. Kontrolliere zunächst, ob noch alles an Ort und Stelle ist: Zigaretten in der rechten Hosentasche, check. Haustürschlüssel in der linken Hosentasche, check. Vor mir auf dem Boden liegt eine Zeitung. Ich schaue aufs Datum und sie ist von heute. Ich lese die Schlagzeile: WELTMACHT USA VERLIERT AN MACHT UND GELD – ZEITEN ÄNDERN SICH.

Das dufte Pärchen

Freitagnacht im Ulmer Süden. Ich hocke auf einem Plastikstuhl, rauche, trinke, öde mich selbst an. Um mich herum lauter uninteressante Geräusche: Chartsmusik, Gespräche über den Unsinn des Lebens und wenn man genau hinhört, kann man im Gebüsch zwei junge Menschen ficken hören. Beide keuchen, es klingt nach harter Arbeit. Ab und zu läuft jemand lachend an mir vorbei.

- „Sag mal, bumsen dahinten welche im Busch?“
- „Jep.“

Ich nehme ein paar Schlücke aus der Flasche. In der Hoffnung, dass der Lustmolch mit seiner Handykamera in Richtung Busch los stürmen würde. Weit gefehlt, er traut sich wahrscheinlich nicht. Zumindest er sieht so aus, als kenne er das dargebotene Schauspiel nur aus dem Internet.

- „Hehehe, krassgeil, wer denn?“

Meine Güte, jetzt hau ab! Aber eine sehr gute Frage. Ich glaube, der Typ ist ein zwanzigjähriger großer Bruder von irgendwem, den ich flüchtig kenne. So Marke Wasserballer. Durchtrainierter Oberkörper, untrainiertes Gehirn, kleiner Penis. Ich vermute ja, die jungen Mädels nehmen die fehlenden Zentimeter gern in Kauf, weil sie denken, die ständige Bearbeitung der Hoden beim Wasserballspielen mache die Kerle impotent und man bräuchte deswegen kein Gummi. So dumm kann eigentlich selbst eine 14-Jährige nicht sein, könnte man denken. Doch, kann sie. Aber diese kleine Dame hier kannte ich nicht, aber ich hatte sie kurz in ihrem Minirock durch den Garten taumeln gesehen; sie hatte gute Beine. Das konnte man selbst hier im Dunkeln gut erkennen. Von mir aus könnte die zwei Stunden einfach nur im Kreis vor mir herlaufen. Das hätte Klasse. Und hoffentlich ist der Typ wirklich impotent, sonst wird die Kleine schwanger und dick, das würde ich ihren Beinen nicht gönnen. Außerdem wäre sie dann wahrscheinlich vom Markt.

- „Na ja, das ist bestimmt der Markus, der steckt seinen Pimmel derzeit in alle, die nicht bei drei auf dem Baum sind!“
- „Mir wäre lieber, sie säße jetzt auf einem Baum. Dann hätte ich Ruhe und was zu gucken.“
- „Haha, ja! Ist schon doof, dass sie nicht uns genommen hat, oder? Ich würde ja auch mal gern, du weißt schon.“
- „Wahrscheinlich hast du da recht.“
- „Genau, haha! Vielleicht will sie danach ja noch eine Runde!“
- „Kann sein.“
- „Also ich stehe bereit! Haha, ’stehen‘, verstehst du? Hahaha! Ich geh dann mal wieder rein, abchecken, wie so die Lage ist. Hau rein!“

Würde ich gern, Typ, würde ich gern. Und jetzt hau endlich ab. Tatsächlich, er stiehlt sich davon. Keine Ahnung, was er nun vorhat, ich sitze mit dem Rücken zum Haus. Wahrscheinlich geht er jetzt auf die Toilette und melkt sich ab. Soll er doch. Drüben im Busch ist es leise geworden, alles wendet sich zum Guten. Nur nicht für den Wasserballer, für den jetzt der unangenehme Part folgt: er muss noch ein bisschen mit ihr schmusen, ihr Komplimente machen und ihr sagen, wie besonders dieser Augenblick doch ist. Das Übliche eben. Vor und nach jedem Fick das gleiche Desaster. Immerhin ist es hier nun einigermaßen still, ich mache es mir wieder gemütlich. Oben leuchten die Sterne und unten trinke ich Bier. Doch die Ruhe währt nicht lange. Ein Stelzen von einem Mann marschiert von der Seite auf mich zu. Er trägt ein Holzfällerhemd, aber so schmächtig wie er da so rumwatschelt, hat der noch nicht einmal genug Kraft, um eine Axt überhaupt über dem Boden halten zu können. Er ist ein Idiot, er weiß, dass er einer ist und er weiß auch, dass ich einer bin, also ziehe ich ihn magisch an; der Mensch ist kein Magnet. Dennoch, wo verdammt kam der nun wieder her?

- „He, du Lappen! Prost!“
- „Cheers.“
- „Sag mal, was willst du jetzt eigentlich machen nach dem Sommer?“

Oh nein, er hatte es wirklich gefragt und ich sitze in der Falle. Keine Musik, der ich mich hingeben könnte, kein wichtiges Telefongespräch, keine Fluchtmöglichkeit. Also gut, wenn der Teufel schon einmal da ist.

- „Kann sein, dass ich mit Wasserball anfange.“
- „Achso, ja, ja, gut, sportlich bist du ja! Dann frag doch mal den Markus, der spielt doch beim TuS Neu-Ulm.“
- „Der kann nicht, der ist arbeiten.“
- „Okay, okay.“

An dieser Stelle müsste unser Gespräch eigentlich beendet sein. Stattdessen holt Holzfällerbohne nochmal aus:

- „Ich gehe ja für drei Monate nach Australien, bevor ich anfange, hier zu studieren. Die Universität Augsburg hat mich angenommen, astrein, oder?“
- „Haben die in Australien etwa zu viele Bäume? Ich dachte, da brennt dauernd irgendein Wald.“
- „Was?“
- „Schon gut. Viel Glück da unten.“
- „Danke! Ich geh dann mal wieder Party machen, tschüssi!“

„Tschüssi“, wie süß. Aber der Typ ist wirklich ein Schlitzohr. Er hatte mich doch nur angesprochen, um zu prahlen. Schön den Oberkörper aufpumpen und darauf herumtrommeln; so ein Affe. Gut, dass er sich jetzt ins Ausland verpisst. So wie viele andere Gurken auch. Die denken, dass ihnen das irgendwas bringen würde. Hier in Deutschland haben sie noch nichts geleistet, nichts kennengelernt und nichts getaugt, also fliehen sie in andere Länder und machen da den gleichen Scheiß wie hier auch. Wie das Land heißt, in dem man scheißt, schläft und frisst, ist doch letztlich auch egal. Er wird sich in Australien doch sowieso deutsche Freunde suchen, mit seinem iPhone die ganze Zeit auf deutschen Internetseiten surfen und wegen seines Hemdes wird man über ihn lachen, aber das ist er ja wahrscheinlich gewohnt. Seine größte australische Erfahrung wird es sein, ab und zu im Supermarkt ein paar Einheimische zu treffen und sie dann zu fragen, in welcher Abteilung die Zäpfchen stehen. Tja, einmal Idiot, immer Idiot. Eigentlich kann er auf die Toilette gehen und sich dem Spinner von vorhin anschließen. Der eine hat keine Eier, der andere keinen Schwanz. Die gäben ein ziemlich duftes Pärchen ab.

Und dann kommt der Wasserballer aus dem Gebüsch. Von seinem Fang keine Spur, schade. Er schwitzt und zwinkert mir zu.

- „Glückwunsch.“
- „Danke. Hast du mal eine Zigarette?“

Von mir aus. Ich gebe ihm eine, Feuer hat er selber. Er scheint mich zu kennen:

- „Sag mal, ich hab gehört, du liest Bukowski?“
- „Yeah.“
- „Bist du auch so ein Arschloch wie er?“
- „Yeah.“
- „Steht dir nicht. Sei lieber du selbst.“

Und dann lässt er mich wieder allein.

Guten Appetit, Erdlöwe!

Und wie das Chamäleon so saß
auf seinem favorisierten Hügel,
da nahm Gottes Finger Maß
und zauberte ihm zwei Flügel.

Die Erklärung lieferte Gott anbei:
„Lieber Freund, ich hasse Fliegen.
Also flieg los mit deiner Flügel zwei,
um diese endlich zu besiegen!“

Der einstige Erdlöwe aber wollte
Fliegen nicht fliegend bekriegen:
„Ach, Gott, da bist du zu spät,
denn ich bin leider auf Diät.“

Sagte er und verschwand geschwind,
wechselte die Farbe,
wurd‘ somit unsichtbar
und flog glücklich mit dem Wind.

Gespräch bei Fuß

Guten Abend, meine Damen und Herren. Im Folgenden präsentiere ich Ihnen einen Ausschnitt aus einem fiktiven Gespräch. Der Dialog hat so nie stattgefunden, aber mit der Macht der Vorstellungskraft bzw. der Kraft der Vorstellungsmacht kann man sich bildlich vorstellen, wie sich zwei Menschen – etwa in einem Café – gegenüber sitzen und folgende Worte austauschen:

Person A: Weißt du, wofür ich gerade ziemlich viel Mitgefühl aufbringe?
Person B: Norwegen?
Person A: Nein, beziehungsweise doch, aber das meine ich nicht. Ich meine: Schuhe.
Person B: Schuhe?
Person A: Schuhe.
Person B: Schuhe?!
Person A: Ja, Schuhe.
Person B: Schuhe also.
Person A: Genau. Schuhe.
Person B: Du erwartest jetzt bestimmt von mir, dass ich nachfrage, wieso.
Person A: Das ist richtig.
Person B: Dann werde ich dir diesen Gefallen mal tun.
Person A: Danke.
Person B: Keine Ursache.
Person A: Jetzt frag schon.
Person B: Okay.
Person A: Gut.
Person B: Wieso um alles in der Welt hast du Mitgefühl für Schuhe?
Person A: Gut, dass du nachfragst. Nun, es ist so: ich sah heute Morgen durch Zufall, wie eine relativ dicke Frau ihre Sandalen ausgezogen hat.
Person B: Ich ahne, worauf du hinaus willst und stelle jetzt schon fest, dass du ein riesengroßer Idiot bist.
Person A: Nein, nein, warte, die Geschichte geht doch noch weiter. Also, diese Frau hat ihre Sandalen – übrigens welche mit Kreuzriemenbefestigung, sehr chic – dann pflichtbewusst irgendwo hingestellt und ich konnte einen Blick auf die Sohlen werfen. Und ich frage dich: wie viel muss man wiegen, damit man mit seinem Fuß einen schwarzer Abdruck auf die Sohle stempelt? Als wäre die Sohle aus Knete!
Person B: Das passiert bei mir auch manchmal; das ist halt so, wenn man seine Schuhe häufig spazieren trägt. Schuhe sind Nutzgegenstände und kein Haustier.
Person A: Hm, ja, gut, aber ist das nicht schlimm für so einen Schuh, wenn er täglich mit schätzungsweise zweihundert Kilo belastet wird? Permanent? Das ist doch nicht schön.
Person B: Hmm.
Person A: Schuhe sind genauso vom Glück abhängig wie wir. Schnell stellt sich heraus, ob man vom Zufall verwöhnt worden ist oder eben nicht. Sieh mal, meine Schuhe zum Beispiel, die sind richtig glücklich. Ich fahre viel Bus und Bahn, sie kommen also schön viel in der Welt herum, ich lasse sie ziemlich häufig einfach nur herumbaumeln und mute ihnen nicht viel Arbeit zu. Wenn mir meine Schuhe zuzwinken könnten, würden sie es tun.
Person B: Natürlich würden sie das.
Person A: Genau.
Person B: Ja.
Person A: Aber es gibt denkbar viele schlimme Schicksale für so einen Schuh und damit meine ich nicht nur besonders dicke Besitzer, sondern auch ganz andere, verdammt reiche zum Beispiel. Wenn so ein schweineteurer Schweinelederschuh von Paris Hilton gekauft wird und in einem riesigen Schuhschrank landet. Was ist das dann? Massenschuhhaltung! Das kann so einem Schuh doch nicht gefallen.
Person B: Paris Hilton? Gibt es die noch?
Person A: Bestimmt. Aber das ist doch jetzt hier völlig irrelevant.
Person B: Es gab eine Zeit, in der war Paris Hilton jeden Tag im Fernsehen und in den Zeitungen und alle haben ihr vorgeworfen, dass sie mit Nichtstun bekannt und berühmt geworden ist. Jetzt macht sie wahrscheinlich immer noch Nichts, aber wir bekommen davon nichts mit. Das finde ich sehr angenehm.
Person A: Das tut nichts zur Sache. Lass uns beim Thema bleiben.
Person B: Bei Schuhen?
Person A: Genau.
Person B: Bei Schuhen also.
Person A: Ja.
Person B: Und du findest, dass Schuhe quasi wie Menschen sind?
Person A: Korrekt, aber auch nur quasi. Ich will nur sagen, dass man sich auch mal dessen bewusst werden muss, was man da Sensibles unter seine Füße stülpt. So ein Schuh muss gehegt und gepflegt werden.
Person B: Weißt du, mit welchem Argument ich deine ganzen Geschichten von traurigen und glücklichen Schuhleben entkräften kann?
Person A: Nein.
Person B: Tjaha.
Person A: Aber du erwartest jetzt bestimmt von mir, dass ich nachfrage, welches Argument das wäre.
Person B: Das ist richtig.
Person A: Hm.
Person B: Dann frag mal.
Person A: Nein, sag’s halt einfach.
Person B: Gut. Also. Halt dich fest: Schuhe leben nicht. Sie haben kein Leben. Kein glückliches, kein trauriges, gar keins.
Person A: Noch viel schlimmer! Die armen Schuhe!
Person B: Du bist doch bescheuert.
Person A: Kann sein. Aber lieber bescheuert sein als sich überhaupt keine Gedanken machen.
Person B: Sieh mal dahinten, der Obdachlose. Sag mal, hast du Mitleid mit ihm?
Person A: Nein. Und ich finde, er sollte sich mal Arbeit suchen. Und Schuhe.
Person B: Damit hast du eigentlich alles gesagt.
Person A: Eigentlich.
Person B: Was fehlt denn noch?
Person A: Ich möchte dir noch erzählen, wie ich gestern

Nein, halt, stop. Wir klinken uns an dieser Stelle aus. Das war genug Dialogerfinderei für heute. Guten Abend.

Abgefahren!

Zu den eigenartigsten Erfahrungen, die man unterwegs so sammeln kann, gehört es, in einer fremden Stadt ein Autokennzeichen mit dem Kürzel der Heimatstadt zu entdecken. Was wollen die denn hier? Haben die sich verfahren? Oder sind die umgezogen und nicht umgemeldet? Wer sind denn „die“? Man wird es nicht herausfinden können, nur darüber wundern ist selbstverständlich möglich. Und quasi unumgänglich, weil man sich nicht darauf vorbereitet hat, derart abseits in der Ferne mit der eigenen, öden Heimat konfrontiert zu werden. Gut, das gilt vielleicht nicht für Berliner, Hamburger oder Kölner. Aber wenn man umgekehrt als Krefelder nach Berlin fährt und dort dann gemütlich rauchend und nichts befürchtend an dem parkenden Kennzeichen „KR-ABC-123″ vorbei spaziert, sieht das schon wieder anders aus. Was wollen die denn hier? Haben die sich verfahren? Und wer, verdammt, sind denn nun „die“?

Ich möchte es wissen, bitte.

Altes aus der Anstalt

Es klappst die Mühle
mit rauchendem Dach.
Durch den Kaminschacht
flieht der Rauch in die Freiheit.
Dahin, wo wir Insassen nicht mehr hineinpassen.
Dahin, wo wir mal wer waren bevor wir Ware wurden.
Dahin, wo man uns einst Verrücktsein attestiert hat.
Aber im schlechtesten Wortsinne.
Und jetzt bitte ich um Antworten.
Qualm darf hinaus, darf raus, darf weg.
Aber wieso dürfen wir uns nicht ins Freie begeben?
Wie Luft behandelt werden kennen wir längst.
Der Unterschied liegt wahrscheinlich im Detail.
Er wird uns aber nicht verraten, er ist wohl geheim.
Und Düdeldüdeldüdeldüüüüh,
wir sind verrückt (,) erklärt hat man es uns nicht!

Wir sind negative Superlative,
wir sind Unsuperlative,
wir sind die schlechtesten Beispiele,
die man mit Suchen nur finden kann.
Wir sind plemmplemm.
Wie haben eine Matschbirne.
Wir spielen den ganzen, lieben, langen, alten, guten Tag
mit Bauklötzen und reden wirres Zeug.
Wir beißen in Finger und reißen an Haaren,
wir scheißen im Stehen und wenn ihr einen Reim
erwartet, zeigen wir auf euch mit dem Zeigefinger.
So wird der Zeigefinger zum Mittelfinger,
da wir mittels des Fingers zeigen, dass ihr
das einfallslose Einfaltspinsel-Gesindel seid.
Ätschätschätsch, wir schießen zurück!
Und Düdeldüdeldüdeldüüüh,
ihr seid verrückt (,) erklärt sich von selbst!

Wir gestikulululululieren und artikulalalalalalieren
nicht wir ihr. Sonst würdet ihr uns ja verstehen.
Oder glauben, uns zu verstehen.
Das wollen wir nicht. Wir sind ja nicht blöd.
Wir sind ja nicht gaga. Auf keinen Fall.
Sonst würden wir uns euch ja ergeben.
Das wollen wir nicht. Wir sind ja nicht dumm.
Geist ist geil! Auf jeden Fall!
Aber noch sind wir ganz, ganz unten.
Und ihr seid ganz, ganz oben, erteilt Befehle,
stopft uns in Arme diskriminierende Fummel,
nehmt uns Blut ab, ihr Blutsauger!, ihr verdammten
Blutsauger werft uns Pillen in den Schlund,
unter dem Vorwand der Gesundheit.
Und Düdeldüdeldüdeldüüüüh,
alle sind verrückt verrückt verrückt, mit zwei r und keinem p!

Los! Los! Los! Losloslos!
Springt über eure langweiligen Schattengestelle!
Schlachtet den inneren Schweinehund
mit der Axt der Vernunft,
dann raus mit den längst lockeren Schrauben,
wir feiern ein großes Fest ohne Latten am Zaun,
ohne Tassen im Schrank, aber mit mehr als
fünf Sinnen, von welchen wir dann sind,
und lasst uns alle durchdrehen und einsehen,
dass alle alle alle meschugge sind
und alle alle alle neben mir hier in der Zelle
willkommen geheißen werden können.
Sollen. Müssen. Alle. Mit.
Weil wir so viel Wissenswertes wissen,
was kaum einer weiß und nie wissen wird.
Ich zum Beispiel weiß es, ich weiß es, ich weiß
weiß weiß weiß weiß weiß weißweißweiß ich
weiß w e ei ißßß iiii w eiiiiiii ß ei ß
eis eßßßßß ich weiiiß es!

Aber was weiß ich?
Was weiß ich denn.
Was weiß ich denn.
Weiß ich es wirklich? Weiß nicht.
Oder wusste ich es nur?
Ist es in Rauch aufgegangen,
den Kaminschacht hoch,
hinaus in die freie Welt?
Liegt nun der Sinn des Lebens in der Luft?
Liegt nun mein Sinn des Lebens in der Luft?
Oder singt und klingt nur ein leises
Düdeldüdeldüdeldüüüüh?
Woher soll ich das wissen?
Ich bin doch bloß verrückt.
Ich bin doch bloß einer von euch.
Ich bin doch bloß.
Ich bin doch.
Ich bin doch, bin doch, bin doch.
Ich bin.
Ich bin ich.

Und
vollkommen
fertig.

Die Feuer-Wehr

Na nü, na na.

Der Feuerwehrskörper verlässt rasch den nun falschen Ort.
Und die Sirene heult einsam ihr einziges Lied:

Na nü, na na.

Man fährt dahin, wo es jetzt richtig
und Anwesenheit wichtig ist.
Fährt dahin, wo vielleicht eine Eva Feuer fängt
oder ein Horst lichterloh brennt.
Fährt Kurven, aber nicht im Kreis;
überholt legal aufgemotzte Kirmeskarren,
und die Besatzung ist rot,
aber nicht von der Antifa;
will dennoch Leben retten,
ist aber kein Rettungsschwimmer,
vor allem keiner in einer viel zu engen,
eiereinkneifenden Unterhose an
einem viel zu dicht besiedelten Szene-Strand
im Süden, da unten,
wo die Sonne viel häufiger das tut,
was den Feuerwehrmännern mit ihren
weder praktischen, noch ansehnlichen
Unnützhüten täglich Nervenkitzel
und Beschäftigung bringt:
brennen.

Viel, viel, viel, viel.
Brennen, brennen, brennen, brennen.
Na na, na na, nü nü, nü nü.

Ein Wohnbungalow.
In Flammen.
Inmitten der Nacht.
Mitten in der Nacht.
Am so nicht genannten Mittag der Nacht.
Nachts halt.
Und die Sonne ist weg, macht Urlaub
im Süden wahrscheinlich, wie so viele
andere es ihr erfolgreich vorgemacht haben,
und die Sonne macht es einfach nach,
oller Nachmacher;
doofer, unkreativer Lampenplanet,
vor dem Populären machst
auch du nicht Halt, scheiß Mitläufersonne.
Komm her, schau lustig, was sich hier so tut:

Nacht, Nacht, Nacht, Nacht.
Feuer, Feuer, Feuer, Feuer, verdammt!
Verdammt, Feuer!

Holz und Spiritus
ist die Gesellschaft
von Streichholzschachteln
nicht geheuer.
Und nie gewesen.
Man gibt an, Todfeind zu sein.
Mit dem Tod von Mensch und Tier
als Folgeerscheinung, wenn
das Erscheinen der Feuerwehrleute
wie heute gestört wird durch
Großstadtrabatz und die Kindermeute,
die Rollhockey auf der Spielstraße spielt.
Nachts um vier Uhr.
Das geht hier in Berlin.
Aber auch wieder weg?
Wo bleibt die Erlösung,
wo bleibt der Bernhardiner mit Schnaps?

Wo erklingt es?
Na nü, na na.
Wo singt es?
Na nü, na na.
Wo ist es, das tolle Auto mit der Glücksmelodie
und dem Rettungsschlauch?

Es verspätet sich.
Es lässt warten und braten.
In der Hitze.
Mit Rauch auch.
Menschen hängen verzweifelt in ihren Fenstern,
so wie sie es auch am Tage auch gerne tun.
Mit dem Unterschied, dass dann nicht ihr
Mobiliar von Feuer gefressen wird.
Es braucht also Mitleid für diejenigen,
die selbiges nie empfinden. Aber:
Der Mond ist hilflos.
Der Mann im Mond ist anderweitig beschäftigt.
Und Gott zuckt mit den Schultern und sagt:
„Naturgewalten. Da habe ich keinen Einfluss, tja,
benötige selbst dafür den Passierschein 38A“.

Hm.

Der Allmächtige gibt auf.
Flüchtet sich im Humor.
Gesteht seine eigene Machtlosigkeit ein.
Eigentor?
Fragezeichen.
Nein!
Ausrufezeichen.

Denn die Hilfe kommt, ist schon recht nah,
in der Ferne klingt und singt es, hurra!:

Na nü. Na nü. Na na.

Was man so macht

Macht macht mächtig.
Wirken wirkt wirkend.

Ist die Wirklichkeit
für Macher gemacht
oder wirklich nur
auf Wirkung bedacht?

Ich mach drei Vorschläge:
1.) Wirke mit deiner eigenen Macht.
2.) Mach deine Wirkung nicht zum Ziel.
3.) Sei mächtig in deinem eigenen Kopf

und wenn du mal nicht mächtig wirkst,
ertrag die Entmachtung würdig mit Stil.

Das habe ich mir so gedacht

Gestern Nacht schlief ich auf einer sehr guten Couch, irgendwo in Ostberlin. Im Traum begegnete ich David Bowie und er verriet mir den Sinn des Lebens. Leider hat er mir verboten, mein neues Wissen auf diesem Wege zu teilen. Aber er hat mir versprochen, allen anderen Menschen der Erde ebenfalls im Schlafe zu erscheinen. Nun kann ich sagen: Schlafen lohnt sich.

Ebenfalls gestern ergab es sich, dass ich durch Bielefeld, Hannover und Wolfsburg fuhr. Die Fahrt wurde dadurch ziemlich melancholiereich, da ich energisch und spontan Mitleid für alle Bewohner dieser Städte entwickelte. Das Trio der Unwichtigkeit, der Unauffälligkeit und der langweiligen Fußballvereine. Dieses Schicksal gönne ich niemandem. Später fuhr ich noch durch Stendal. Klingt zwar nach einer Erektionspaste, aber. Aber! Aber.

Ich glaube, dass jeder Mensch, der nach Berlin fährt und sich deswegen oder aus anderen Gründen langweilt, kein guter Kerl ist. Hier ist so viel los. Es gibt nicht nur zwei oder zwölf schöne Ecken, sondern etwa (grob geschätzt) hundert. Berlin ist ein zehnfaches Dekagon. Man kann nicht einmal die Straßenseite wechseln, ohne dass man zwei Künstlern, drei Obdachlosen und einer guten Idee begegnet. Für die selbe Reizaufnahme muss man jahrelang in Krefeld wohnen, in Berlin reicht dafür der Alexanderplatz. Ich fühle mich dadurch etwas provoziert, denn an jedem Hydranten steht eine Inspiration und sagt „Verwende mich, verwende mich!“, aber ich bin doch keine Kunsthure. Zügelt euch! Irgendwann werde ich euch aufnehmen, versprochen.

So. Weiter geht’s!

(Foto von Husti.)

Die Top 10 der Gründe, warum ich Kühe lieber Fußball spielen sehen würde als Frauen

Ich finde, ich biete viel zu wenig Angriffsfläche. Es muss doch auch endlich mal Texte geben, für die ich gehasst und verachtet werde! Richtig bitterböse, gemein, fies und entwürdigend soll es sein! Und tada, da zaubere ich nun Folgendes aus meinem schönen Hut: die zehn besten Gründe für eine Kuhfußball-Weltmeisterschaft und gegen das aktuell ausgespielte Wettkicken der Frauen. Wir beginnen bei…

Platz zehn:
Kühe fühlen sich auf dem Rasen von Natur aus wohl und müssten bei spontanem Hunger oder Schlafmangel nicht das Spielfeld verlassen. Auch plötzlicher Stoffwechsel wäre kein Problem, denn Kuhfladen sind ein sehr gutes Düngemittel.

Platz neun:
Kühe kennen die Abseitsregel.

Platz acht:
Sollte es auf dem Fußballplatz zu einem unschönen Todesfall, etwa nach einer Blutgrätsche, kommen, könnte man die Kuh wenigstens noch verzehren – Frauen jedoch schmecken wahrscheinlich nicht ähnlich lecker, nicht einmal gegrillt.

Platz sieben:
Kuhfußball müsste sich nicht ständig mit Männerfußball vergleichen lassen und wäre ein großer, allgemeiner Spaß.

Platz sechs:
Kühe geben zwar auch nur dann Milch, wenn man Monate zuvor Geschlechtsverkehr mit ihnen hatte. Aber Kühe beschweren sich – im Gegensatz zu Frauen! – nicht übertrieben theatralisch und unfair, wenn man ungefragt an die dafür vorgesehenen Milchdrüsen greift.

Platz fünf:
Kühe reagieren auf verlorene Spiele nicht mit Tränenausschuss, sondern bleiben ganz, höhö, kuhl.

Platz vier:
Kühe wissen, dass sie von Natur aus schön sind und würden deswegen vor dem Spiel nicht unnötig viele Stunden mit Schminken vergeuden.

Platz drei:
Finanzkräftige, indische Investoren hätten endlich ein neues Spielzeug.

Platz zwei:
Birgit Prinz.

Platz eins:
Aus eigener Erfahrung weiß ich: Kühe fühlen sich durch diese Rangliste nicht persönlich beleidigt.

(Bonusinformation für Nico Rosberg: das Maskottchen der Paralympics 2008 in Peking war: eine Kuh.)

Das Rampenlicht

Seit ich diese neue Stehlampe habe, sehe ich nur noch einen Schatten meiner selbst. Alles ist so, wie es scheint. Bei Licht betrachtet erkenne ich nur noch meine Umrisse. Man sagte mir, ich müsse endlich mal den Schalter umlegen, aber dann wird doch alles dunkel. Ich will reflektieren! Sehen, einsehen, ansehen, nachsehen, Dreck sehen, statt unter Deck und ins Versteck gehen und dem Leben widerstehen. So sitze ich locker auf meinem Barhocker, in meinem Rücken die Stehlampe und vor mir eine schwarze Silhouette meiner Gestalt. Ein böser Zwilling. Ein ungeliebter Verwandter. Ein ewiger Erinnerer an deine schlechten Eigenschaften. Ob ich mich von ihm befreien kann? Vielleicht muss ich mich auswechseln, in eine andere Gestalt schlüpfen und mich dann selbst wieder einwechseln, so wie Günter Netzer. Ja, so muss ich es machen. Radazong und wusch! Ich bin jetzt Lucky Luke, imitiere mit meinen Fingern einen Pistolenschuss und Peng!; verdammt, der Schatten ist genau so schnell wie ich. Beide tot. Wie die zwei Jäger, die sich so häufig in Witzen gleichzeitig treffen. Sind wir jetzt in die ewigen Jagdgründe eingegangen? Ich glaube nicht, denn so habe ich mir die Hölle nicht vorgestellt. Wo sind Satan, Adolf Hitler und Andrew Lloyd Webber? Ich beiße mir selbst in den Arm, um zu testen, ob ich tot, lebendig oder schlafend bin. Es blutet. Ich lebe noch. Oh, der Schmerz, der Schmerz! Und der Schatten ist immer noch da, dort, im Rampenlicht.

Matt

Schwarzer Bauer von E5 auf E4:
Dieser Zug endet hier.
Weißes Pferd von B4 auf C6:
Absprung in Blickrichtung rechts.

Auf C6 noch ein Läufer steht und
von seinem Platze will der nicht gehen,
drum fragt er das Pferdchen ganz diskret:
„Dürfte ich Ihre Berechtigung sehen?“

Und das Pferd erklärt.

„Herr Läufer, das Regelwerk belegt
schwarz auf weiß, dass weiß schwarz
schlägt und nun weichen Sie, sonst legt
sich diese unschöne Aufruhr womöglich nie.“

Doch der Läufer unfroh Anderes
hegt und er regt sich auf und
dann noch an, dass dies ja
wohl so nicht sein kann.

„Hömma, Pferdchen“, wird er frech und direkt,
„diese Regelung ist keinesfalls politisch korrekt!“
Dann neigt er sich – so ist es Sitte –
hin zum Pferde und flüstert leise eine Bitte:

„Und noch was, Kollege. Können wir aufhören zu reimen? Ich hasse Reime. Egal, was man ausdrücken will, es klingt immer gestelzt und unecht – zumindest, wenn man das nicht drauf hat mit dem Reimen, so wie wir. Wir sind doch nur kleine Figuren auf einem Feld und jemand bewegt uns hin und her. dann treffen wir irgendwann zufällig mal zusammen, reiben uns aneinander, haben Meinungsverschiedenheiten und müssen wir dann unbedingt versuchen, unsere Gedanken möglichst clever und geschickt zu formulieren? Und dann auch noch in Reimform? Nur um uns intellektuell auf eine höhere Stufe zu stellen? Das hier ist doch kein beschissenes Liebeslied, sag mir einfach in einfachen Worten, warum ich hier jetzt nicht mehr auf C6 herumstehen darf, okay? Pferd? Okay?“

Und das Pferd antwortet.

„Ich verstehe dich gut,
aber Reimen ist Passion,
ist gut, tut gut, ist Kunst,
ist gute Kunst, ist Kunstgut,
ist gutes Kunstgut und
Kunst tut gut, wenn uns Wut
im Herzen wehtut und wir ungut
und ohne Mut den Disput
nur mit Glut aufgießen,
um als Rekrut den Hut
nicht vom Kopfe zu schießen.
Es sprießen doch seit langer Weile
harte Pfeile in die zarten Teile,
die wir Köpfchen nennen und aua,
fühlst du den Hass nicht wütend brennen?
Würden wir uns zur Poesie bekennen,
so könnten wir nun hier, Mensch und Tier, tun,
was wir schon streiten nennen, aber
ohne dabei die Kunst zu verkennen.
Also schließ‘ dich meinen Reimen an,
weil Reimen einfach jeder kann!“

Der Läufer lässt die Worte wirken und fragt:
„Hä? Was?“

Und das Pferd erklärt erneut:
„Dein Verbleib auf diesem Feld ist so unsicher wie die Rübenernte mit der bloßen Hand, nur ohne Bücken und auf einer ganz anderen Ebene, weil sich die Begebenheiten in eine ganz andere Richtung verschieben. Du solltest von hier fliehen wie der Eskimo vor dem Eisbären: kalt, ehrfürchtig und zurecht.“

Und dann nochmal der Läufer:
„Versteck dich nicht hinter deinen Metaphern, wie soll ich die denn so schnell enträtseln? Lass uns doch jetzt bitte wie zwei normale Menschen beziehungsweise Holzfiguren über unsere Situation sprechen, ohne dass wir uns…“

Eine Hand greift nach dem Läufer, stellt ihn neben das Schachbrett und sagt: „Thank you for playing Chess with me. Schachmatt!“

Kosimos Kosmos

Unsere Titelfigur Kosimo ist zum Zeitpunkt dieser Aufzeichnungen achtunddreißig Jahre alt und arbeitslos. Wir begleiten ihn im Folgenden einige Stunden lang und beginnen so:

Mittwoch, 12:09 Uhr
Kosimo wacht auf. Sein Tag beginnt im Bad. Mit der Schere schneidet er sich seinen Bart zurecht, dann gurgelt er ein improvisiertes Liedchen, welches Versatzstücke aus den Werken Mozarts und Bohlens enthält. Hinter dem Waschbecken versucht eine Spinne verzweifelt zuzuhören, scheitert aber daran, dass sie keine Ohren besitzt.

12:14 Uhr
Kosimo sieht nach seiner Post. Er zieht ein Paket aus seinem Briefkasten, endlich ist sie da: die beim Teleshopping bestellte 4 CD-Sammlung der dreihundert größten Universumserfolge der Amigos. Weil Kosimo innerhalb von zehn Minuten und per Bankeinzug bestellt hat, liegt dem Paket eine Autogrammkarte der Amigos-Brüder Bernd und Karl-Heinz bei. Kosimo ist hocherfreut und feiert die Feier des Tages feiertagsgerecht mit Aufbackbrötchen.

12:27 Uhr
Kosimo legt sich satt und erschöpft zurück ins Bett, schläft noch eine Runde.

14:34 Uhr
Kosimo wacht wieder auf, geht erneut ins Bad, gurgelt nun „Hello Again“. Die Spinne krabbelt seitwärts das Waschbecken hinauf, versucht freudig zu winken, scheitert aber daran, dass sie zwar acht Beine, aber keine Arme besitzt. Kosimo hat die ständige Spinnerei satt und zerquetscht die Spinne mit einem gezielten Patscher.

14:35 Uhr
Die Spinne profitiert von ihrem buddhistischen Glauben und wird abseits der Szenerie im Senegal als hör- und winkfähiger Schimpanse wiedergeboren.

14:41 Uhr
Kosimo setzt sich an seinen Computer und sucht über Google den Sinn des Lebens. Findet ihn aber nicht. Dann fällt ihm ein, dass Arbeitslosigkeit keine besonders gute Sache ist, also widmet er sich einigen Vorstellungsgesprächen.

14:48 Uhr
Kosimo sitzt auf seinem Bürostuhl und stellt sich Gespräche vor. Diese Vorstellungsgespräche sind auch nicht so toll, wie alle meinen, denkt er.

15:13 Uhr
Kosimo beschließt, lieber richtige Gespräche zu führen. Er greift zielsicher nach seinem Handy und telefoniert sein Adressbuch ab.

15:14 Uhr
Kosimo telefoniert mit dem ADAC-Kundendienst.

15:15 Uhr
Kosimo stellt fest, dass er weder Auto, noch Führerschein besitzt.

15:16 Uhr
Kosimo telefoniert mit der Kontostandabfrage.

15:17 Uhr
Kosimo stellt fest, dass er pleite ist.

15:18 Uhr
Kosimo telefoniert mit der Uhrzeitansage, es ist 15:18 Uhr.

15:19 Uhr
Jetzt nicht mehr. Und Kosimo stellt fest, dass er nicht besonders viele Freunde hat.

15:31 Uhr
Kosimo fühlt sich allein und vermisst seine Spinne.

13:02 Uhr
Kosimo ist in die Vergangenheit gereist, um seine geliebte Spinne zu retten.

13:03 Uhr
Kosimo stellt fest, dass man nicht zeitreisen kann, indem man die Uhr zurückstellt.

15:43 Uhr
Kosimo trinkt ein Biermischgetränk. Bier gemischt mit Milch. Muss man mögen.

16:46 Uhr
Kosimo legt eine Amigos-CD ein und kann sich kaum entscheiden, welchen Titel er zuerst hören möchte: „Glocken am heiligen Abend“, „Der Trucker“, „Der Trucker II“ oder „Alle Engel sind Amigos“. Aber eigentlich ist es ihm fast egal, für welchen Welthit er sich letztlich entscheidet, da er findet, die Engelsstimmen der Amigos würden jedes Lied zu einem zauberhaften Erlebnis für alle Sinne machen. Ihre großartigen Lieder klingen, als hätte sie Gott persönlich auf einer sehr guten Harfe komponiert, während er im Schneidersitz auf einer Schäfchenwolke gesessen und hinab auf den Garten Eden geblickt hat.

17:42 Uhr
Kosimo liegt auf seinem Sofa, schläft ein, träumt von senegalesischen Affen, macht sich im Schlaf vor Verzückung in die Hose und wundert sich, warum er keine Freunde hat. Im Hintergrund läuft leise die vierte CD aus. Die Amigos singen: „Ein Amigo sagt Adio“.

Das ist Kunst, Mann!

Besorgt schwinge ich mit dem Löffel durch den Kaffee. Ich rühre im Uhrzeigersinn, dann wieder gegen, dann wieder im, dann wild hin und her und dann her und hin und dann nochmal im und manchmal auch gegen die Kaffeetasse. Diese Kling- und Plirrgeräusche halten mich wach und lenken mich ein wenig ab vom Gedanken daran, dass dies heute mein letzter Tag in Freiheit werden würde. So eng und traurig es auch ist, wenn man sich selbst in ein Korsett zwingt: Kleider machen Leute und meine aktuelle Kleidung macht mich dröge; egal wie bequem Baumwolle im Vergleich zum klassischen Korsettstoff Coutil auch sein mag. Den Gürtel enger schnallen ist wahrscheinlich der beste Kniff, wenn einem die Luft zum Atmen keine Freude mehr bringt. Viele Versuche, mir die dünne Luft schmackhaft zu machen, sind gescheitert. Also werde ich auf den heiligen freien Willen verzichten und testen, wonach diese andere Luft schmeckt, welche die Erfolgreichen stets umgibt. Ein letzter Versuch. Jedoch soll der Mensch nichts unversucht lassen. Man soll so viele Vorhaben beschließen, wie man nur kann, denn sollte dort auch nur ein richtiger dabei sein, ist das mehr wert als sechs Richtige im Lotto. Letztlich ist aber auch das Leben ein unfaires Glücksspiel mit Millionen Verlierern. Doch heute habe ich mein Schicksal eines Taugenichts endgültig satt und mache es wie die Restaurantbetreiber: ich setze alles auf eine Karte. Auf eine einzige. Alles. Gewissen. Verstand. Moral. Brauche ich nicht mehr. Habe ich nie gebraucht. Nicht für mein Glück, nicht für das Glück der anderen und woher will ich überhaupt wissen, was Glück ist, wenn ich doch das Gefühl habe, nie welches erfahren zu haben. Oje, ich klinge schon wie ein wehleidiger Dauerpatient mit neurotischem Philosophiezwang. Bevor ich beginne, den Eigenhass zu manifestieren, mache ich mich lieber auf zum Arbeitsamt, um zu sehen, ob auch der letzte Rettungsanker zwangsläufig in die Tiefe stürzt.

Am Arbeitsamt angekommen fasse ich es gleich als schlechtes Omen auf, dass der Eingang eine Drehtür ist, wo sich mir doch hier Türen öffnen und auftun sollen. Im Kreis dreht sich ohnehin schon alles und längst wird mir dabei schwindelig. Benommen trete ich ein, begebe mich auf die Suche nach dem korrekten Eingang. Ich werde schließlich fündig, eine untersetzte Dame mit auffällig vielen Leberflecken gewährt mir den Zutritt. Auf einem ungemütlichen Stuhl nehme ich Platz, die Leberfleckfrau sitzt deutlich bequemer auf ihrem ergonomischen Bürostuhl. Ihr Blick mustert mich, jedoch nur kurz. Jahrelange Berufserfahrung, schätze ich. Ein kurzes Überfliegen über Gesicht und Kleidung, dann weiß sie auch schon, ob ich hier Dauergast werden würde oder eben nicht. Als ich ihr aber sage, dass sie sich bei ihrer flotten Musterung von meinem Langarm-Leibchen nicht blenden lassen müsse, weil ich nun auf ein Korsett umsteigen wolle, reagiert sie verwirrt. Gut, die Dame versteht mich nicht, also werde ich konkret und trage selbstbewusst mein Anliegen vor:

„Frau Schneider, ich bin seit einigen Jahren als freier Autor und Schriftsteller tätig, schreibe Gedichte, Prosa und Kurzgeschichten, wonach mir halt gerade der Sinn steht. Auch habe ich mal einen Roman geschrieben, da ging es um einen Rosenverkäufer, der sich in eine Kellnerin verliebt und tagtäglich in das Restaurant zurückkehrt, um ihr eine Rose zu schenken – bis die Dame plötzlich nicht mehr dort arbeitet und so weiter, naja, es ist mehr eine melodramatische Geschichte ohne glückliches Ende, ist ja auch unerheblich. Denn von Verlagen erhielt ich nur Absagen, wenn überhaupt. Sie werden verstehen, dass sich weder Miete, noch Kaffee so auf Dauer finanzieren lassen. Daher möchte ich auf diesem Wege gerne eine Umschulung beantragen. Ich möchte Dienstleister werden.“

Endlich hatte ich meinen Wunsch ausgesprochen. Mein Körper entwickelte das sympathische und seltene Gefühl von Erleichterung. Doch Frau Schneider zeigt sich unbeeindruckt. Mit monotoner Stimme fragt sie: „An welchen Bereich hatten Sie denn da gedacht, Herr Lütkebohmert?“. Ich bin etwas verwirrt über ihr Unverständnis und stammele: „Naja, an den gleichen wie jetzt“, und Frau Schneider verstand nicht so recht, ich ergänze also: „Ich möchte nicht mehr das schreiben, was mir selbst gefällt, sondern von nun an für das Publikum schreiben, deren Erwartungen erfüllen und die Sätze so konstruieren, dass sie alle verstehen und gut finden. Sehen sie, mit meinem Stil bin ich erfolglos, immer gewesen. Also will ich mich der breiten Masse anpassen. Ich möchte die Kunst liefern, die auch bestellt wird!“.

Frau Schneider lehnt sich nach vorn, schaut mir erstmals direkt in die Augen und sagt: „Wenn Sie alleine im Bus sitzen und nicht darüber nachdenken, wo Sie aussteigen müssen, sondern wo sie aussteigen wollen. Das ist Kunst, Mann!“

(die Überschrift ist angelehnt an den gleichnamigen Song der sehr guten Band „Lehmann“.)

Die Kantine aus Holz

Vor ein paar Tagen war ich in Bielefeld, habe dort gelesen und übernachtet. Dennoch habe ich auch die Zeit für einen Text gefunden. Er entstand gegen vier Uhr morgens in der Indie-Disco „Movie“ und ich möchte sagen, dass es erstaunlich ist, zu welchen Metaphern man zu dieser Uhrzeit fähig ist. Oder anders gesagt: zu welchen Metaphern man eben nicht mehr fähig ist. Alkohol und Müdigkeit: das RedBull des Künstlerhirns. Wir lesen nun also: „Die Kantine aus Holz“:


Die Kantine aus Holz


Ist er der Partyhut erst aufgesetzt, lässt sich das eigene Psymonym (gemeint ist wohl: „Pseudonym“) schnell ergründen. Auferlegte Musikinstanzen bestimmen das eigene Wackeln im Sekundentakt. Vier Achteln, drei Sechszehntel und schon lässt sich ein anderer verlorener Zampano auf die Mottenkiste ein. Wackel, wackel. Fern von jedem individuellen Gedanken streut sich das Vergasen jeder Gehirnzelle. Studenten feiern ihr Sein. Arbeitslose ziehen hilflos am Ende der Gesellschaft. Apostrophe bilden Gemeinschaften und erfinden den Satzbau der Moderne. Hintergrundlose Metaphern werden zu Hymnen und Gelfrisurträger schleppen sich von Bedeutung hin zum temporären Glück namens Uff-Uff-Bumm-Bumm. Der Sinn versteckt sich, gemeinsam mit seinem guten Gesellen Verstand, weit unter den Möglichkeiten und fristet ein Dasein im Schatten der Monopolbildung. Litschi wird klammheimlich zum Obst des Jahres. Ich beobachte und missachte.

Wahnsinn. Wenn ich das nächste Mal abends weggehe, werde ich auf Papier und Tintenroller verzichten.

Unrundes aus dem bekannten Kreis

Du suchst nach Idealvorstellungen und findest,
gefallen über deine eigenen Schnürsenkel richtest
du dich auf und bindest sie wieder, zudem siehst
du dich als Hoffnungsträger und trägst Hoffnung
in die Kläger, aber realisierst du denn nicht die Zweckdemenz.

Der Gesellschaft schuldest nur deine Söldnermentalität
und verpflichtest dich zum Konsum. Von Abfallware
und Bildern, so aufreizend bunt, willst du dich nicht
blenden lassen, optimistisch bleibst du, auf unseren
Straßen liegt noch viel Potential und der Hund.

Begraben von Zeitungsblättern markiert der Obdachlose
sein Revier, verhalten schaust du auf die Konturen
und Kraterschwellen. In seinem Gesicht hinterließ der
Abschwung seine Spuren, er wird hier liegen bleiben, bis
er stirbt werden sich viele Pechvögel zu ihm gesellen.

Manchmal wirft ihm jemand eine Münze zu, meist jedoch
wird er ignoriert, obwohl alle hoffen auf den Frieden.
Störer sind die, die nichts tun; Können wird gefordert,
aber nicht gefördert, von welchen, die die eigene Ironie
fehlinterpretieren als Lebensphilosophie.

Vor dem Gesetz sind alle gleich, gültig ist der
Personalausweis nur auf ausgesuchten Wegen.
Denen, die hoffen auf Veränderung und
Wert legen auf den Wechsel. Willen kann man
nicht absprechen, nur entwickeln nach viel Zeit.

Verlustängste prägen unseren Alltag, stark
sind nur die Wenigen, die sich befreien. Aus-
drucksstark muss wieder gesprochen werden,
wenn jemand kollektiven Wohlstand predigt
und sich so des Verstandes entledigt.

Das Gefühl der Gemeinschaft wächst nicht durch
Gesetz; Pflicht ist, dass du im Herzen nicht undicht
bist, da mit ein jedem Teil des Ganzen, Großen und
auch Kleinen geholfen wäre, wenn die Schwere
nicht im zwischenmenschlichen Umgang läge.

Also, wenn du dem nächsten Kauz begegnest
und er reicht dir seine Hand: feste greifen und ab mit ihm
auf deine Seite, Schleifen machst du jetzt in deine
Schnürsenkel, aber bitte bück dich in Zukunft auch
für obdachlose Menschenschenkel.

Zwei Vögel wollten Hochzeit haben

Wir saßen gemütlich im Wohnzimmer der Neunzimmerwohnung und spielten Monopoly. Ich spielte traditionell mit dem Fingerhut, weil ich die alte slawische Tradition, die Finger mit Hüten zu schmücken, sehr schätze. Mein Mitspieler Philipp hoppste mit einem kleinen Zinnsoldaten über das Spielfeld. Er möchte so ein militärisches Zeichen gegen den Kapitalismus setzen, meint er. Wie bescheuert, finde ich. Aber er darf das, denn er ist Jude. Manchmal wundert sich jemand über seine kapitalismuskritische Einstellung, schließlich gelten Juden nicht nur an ostdeutschen Stammtischen als besonders geldgeil. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch nicht, wie modern dieser Stereotyp überhaupt noch ist. Der letzte Film, der sich mit jüdischen Klischees beschäftigt hat, lief bereits vor einigen Jahrzehnten an. Abgesehen davon ist mir auch völlig egal, woran Philipp glaubt oder nicht, solange ich ihn noch kichernd angucken darf, sobald er bei Monopoly auf einem der vier Bahnhöfe landet. Ich darf das, ich bin sein Freund. Er versteht das. Zugegeben, beim ersten Mal fand er es nicht so spaßig, aber ich kann den rechten Arm längst wieder bewegen und dieser Heilungsprozess wird keine zwölf Jahre dauern, haha. Naja. Wir saßen also nun gemütlich im Wohnzimmer, Fingerhut, Zinnsoldat, Monopoly, das Szenario hatte ich eingangs bereits in 41 Worten beschrieben. Ich würfelte eine 45, kam ins Gefängnis. Verdammte Scheiße! Philipp lachte hämisch, ich brach ihm berechtigterweise die Nase. Er blutete, aber dass es meinem rechten Arm wieder besser ging, schien ihn ehrlich zu freuen. Er hob seine Hand und rief „High five“! Ich hob pflichtbewusst und bemüht meine rechte Hand hoch, das Einklatschen schmerzte. Aber haha, so sind wir, wir sind schon zwei verrückte Vögel.

Apropos Vögel: Wie aus einem Himmel, der heiter ist, flog urplötzlich ein Tukan ins Zimmer. Wir wunderten uns kurz. Doch unser Gast war freundlich. Er stellte sich vor: „Guten Tag. Ich bin ein Tukan.“ Soweit nicht verwunderlich, dachten wir uns. Gut, dass er noch weitersprach: „Ich komme aus der Zukunft. Ihr fragt euch sicher, warum ich hier erschienen bin. Nun, das hat einen einfachen Grund: Ich bin Schriftsteller und verfasse Gedichte. Nun habe ich das Problem, dass ich einfach keinen Reim auf ‚Tukan‘ finde. Vielleicht könnt ihr mir ja helfen?“. Philipp und ich hörten damit auf, uns zu wundern. Ja, das ergab durchaus Sinn. Wir hatten schon Angst, dass uns der Tukan beklauen könnte oder er eine Vergewaltigung vornehmen wollte. Wäre aber auch ziemlich peinlich für Philipp gewesen, wenn er seine Jungfräulichkeit ausgerechnet an einem Tukan verloren hätte! Obwohl der Tukan äußert attraktiv aussah; er hatte einen witzigen Hut auf seinem winzigen Kopf und der Trenchcoat stand ihm wirklich gut. Ich beschloss, keine Angst mehr vor der Zukunft haben zu müssen, denn eine Zukunft, in der selbst die Tukane chic sind, kann nur eine gute sein. Dann fiel Philipp auf, dass der Tukan einen kleinen Stern an seinem Trenchcoat trug. Er frug interessiert: „Herr Tukan, sind Sie auch Jude?“, der Tukan verneinte höflich. Den Stern trage er nur aus modischen Gründen und er sei Atheist. Kann man machen, fand Philipp, während seine Nase fleißig weiterblutete. Der Tukan kramte kurz in den Taschen seines Trenchcoats und holte ein Taschentuch der Marke „Tempo“ hervor. „Ach, die gibt es in der Zukunft immer noch?“, wollte ich wissen. Rhetorische Fragen waren immer schon mein Fachgebiet gewesen.

Vollkommen zurecht bat der Tukan dann darum, ihm doch endlich seine Frage nach einem Tukan-Reim zu beantworten. Er habe es durchaus eilig und wolle noch zu einem Tennisspiel. „Ach, Tennis gibt es in der Zukunft immer noch?“, frug Philipp mit ironischem Unterton. Ich empfand das als Beleidigung und schlug erneut auf seine Nase, das Blut spritze in alle Richtungen, außer nach hinten, weil das physikalisch nicht möglich ist. Den Tukan amüsierte diese willkürliche Gewalt, er vergaß kurz seine Absichten, hob seinen Flügel und rief zu mir: „High five!“, ich erwiderte natürlich. Wie ich später erst bemerken sollte, nutzte Philipp diesen Moment dafür, mir die Schlossalleekarte zu klauen. Wie seine Nase später bemerken sollte, was das keine gute Idee. Aber zurück zu den spannenden Geschehnissen: Nun wolle er aber wirklich einen Reim auf „Tukan“ haben, sagte der Tukan und Philipp erkannte den Ernst der Lage schnell und beteiligte sich an meinem Nachdenken. Uns fiel auf die Schnelle nichts ein, also setzte ich Kaffee auf und bot den Anderen eine Zigarette ein. Der Tukan wunderte sich: „Lucky Strike? Was ist das denn für eine Marke?“ und ich war froh, fragen zu können: „Ach, Lucky Strike, die gibt es in der Zukunft also nicht mehr?“, hehe. Doch der Tukan schwieg und flog herüber zum Monopolyspielbrett. Er wurde sichtlich wütend: „Wenn ihr mir nicht in sieben Sekunden einen Reim auf ‚Tukan‘ nennen könnt, picke ich mit meinem prächtig gefärbten Schnabel euer Spielbrett kaputt!“. Gut, dass Philipps Gehirn in Drucksituationen immer besonders eifrig arbeitet. Panisch rief er: „Dekan! Vulkan! Pelikan!!“ und der Tukan nickte zustimmend, pinkelte uns zum Abschied aber noch in die Zimmerecke. Er war wohl etwas gereizt, weil wir ihn solange haben warten lassen.

Ich sah Philipp grinsend an und sagte: „Ach, guck mal einer an, Pipi gibt es in der Zukunft also auch noch!“.

Musik, heil!

Nürnberg. Enkel Kevin kauert auf dem Wohnzimmerboden und kaut am Strohhalm seines Tetrapak-Kakaos. Seine Haare, sowie seine Großeltern haben in den üblichen Positionen Platz genommen, um mit dem „Frühlingsfest der Volksmusik“ in die wunderbare Welt der Playback-Akkordeons zu flüchten. Es erscheint wie ein Eingeständnis an den Unterhaltungswert des telemedial Dargebotenen, doch der fleißige Kaffeekonsum des Rentner-Ehepaares ist ein entkoffeinierter und trägt den Namen „Kaffee Haag“. „Mhh, legger!“ ruft Opa zum erwärmten Wasser und hebt das Kännchen in die Höh‘. Er weiß, dass der Erfinder seines Lieblingskaffees, namentlich Ludwig Roselius, ein Freund der NSDAP war und die SS finanziell unterstützte, doch davon lässt sich Großvater Gunther nicht am Genuss seines Kaffees stören. Stolz hebt er einen seiner zwei Zeigefinger in die Luft und informiert seinen Enkel: „Den hat es damals schon gegeben, als ich so alt war wie du!“. Kevin dreht sich kurz um, schaut seine Großmutter an. Sie nickt freundlich und verzweifelt danach wieder an den Spielregeln der Sudokus in der Apothekenzeitschrift. Nachdem Kevin dann seinen Kakao leer geschlürft hat, merkt er fröhlich an, dass er die Molkereiprodukte von „Müllermilch“ sowieso am besten fände. Opa merkt an, dass deren Chef Theo Müller sogar wie er selbst Mitglied in der Partei ist. Oma fügt hinzu, dass Opa die CSU meinte. Kevin zuckt mit den Schultern. Im Fernsehen singt ein bayrisches Paar ein Lied von ewiger Liebe.

Als Kevin das Wohnzimmer dann kurzzeitig zum Zwecke des Kakao-Nachschubs verlässt, gibt Opa Oma heimlich einen trockenen Kuss auf die Wange. Oma lächelt verträumt und richtet ihren Blick dann verträumt aus dem Fenster, wo ein paar Buntspechte durch die braunen Herbstblätter hüpfen: „Sieh mal, Gunther, die Vögelchen, wie süß!“. Opa fühlt sich in seiner Liebelei gestört und schaut nur unfreiwillig, aber grimmig nach draußen. Sein Lieblingsvogel ist der Spatz, aber Gunther hat lange keinen mehr gesehen oder wenigstens gehört. Die sind vielleicht in eine andere Wohngegend gezogen oder halten womöglich gerade in Südamerika Winterschlaf. Schade, findet er. Das kleine Buntspecht-Grüppchen sucht noch ein paar Minuten lang erfolglos nach Würmern, dann flattern die Vögel mit Gezwitscher zurück in ihr Nest. „Und wie laut die immer sind!“, nölt Opa, „da kann man ja sein eigenes Wort nicht mehr verstehen!“. Oma streichelt ihm beruhigend auf die Schulter. Schließlich kommt Kevin aus der Küche zurück und teilt traurig mit, dass es dort keine Strohhalme mehr gäbe. Er müsse seinen Kakao nun aus einem Glas trinken, was den Trinkgenuss mindere. Ach was, sagen die Großeltern, so entsteht wenigstens nicht so viel Müll. Kevin fühlt sich von diesem Argument getröstet. Er setzt sich auf die Couch und schaut gebannt in die Fernsehröhre. Roberto Blanco tappt die Showtreppe herunter und singt, dass ein bisschen Spaß sein müsse.

Kevin klatscht zustimmend in die Hände. Oma erzählt ihm, wie lustig es doch sei, dass „Blanco“ aus dem Spanischen übersetzt „Weiß“ heiße und Kevin weiß mit dieser Bemerkung erst nichts anzufangen, dann lacht er ein unschuldiges Kinderlachen. Während der lustige Mann im Fernseher vor sich hin singt, richtet Kevin seinen Blick auf seinen Opa. Er schaut mürrisch und gießt sich unvernünftig viel Milch in seinen Kaffee. Kevins Stirn beginnt sich zu runzeln und nachdem er all seinen Mut zusammengegtragen hat, fragt er seinen Großvater: „Du, Opa, wann hast du zum ersten Mal einen Schwarzen gesehen?“. Es folgt Stille. Opa zögert mit seiner Antwort. Er möchte nichts Falsches sagen. Gerade, als er antworten will, dass er das nicht mehr so genau wüsste, wird er von seiner Ehefrau gerettet: „Schau mal, Gunther, der Kevin hat vom Kakao einen kleinen Schokomilchbart unter der Nase bekommen, wie goldig!“.

Crazy Thoughts, yesyes.

Wer sich etwas auf die Fahne schreibt, beschmutzt.
Wer manchmal die Joghurtdeckel ableckt, kann zwischen Abfallprodukt und Nützlichkeit entscheiden.
Wer schon einmal im Flugzeug einen Salto versucht hat, fliegt.
Wer die Unendlichkeit eines Quadrates bezweifelt, hinterfragt wenigstens.
Wer festgestellt hat, dass es keine homosexuellen Enten gibt, der stellte falsch fest.
Wer hat an der Uhr gedreht.

Das Etikett am Korsett

Flaniert man ungeniert
über unsere Straßen
und den Spalt im Asphalt,
wo Jung und Alt schon saßen.
Und dann die Bärte fleißig stippen.

Dann vernimmt man bestimmt
eine Folter mit Worten,
ein Gepolter schlimmster Sorten,
voller rhetorischer Retorten.
Und dann Kippen in den Gulli schnippen.

Gestalten wie diese verwalten
moralische Falten nicht,
sie sind bloß aufs Erkalten
deines Gesichtes erpicht.
Und sehen die Wut als lästige Pflicht.

Also zetern sie und stöhnen,
üben sich im Verhöhnen
von potentiellen Hurensöhnen,
auf Metern ihre Novellen dröhnen.
Und kommen selbst aus der Unterschicht.

Auf Nachfrage folgt kein übler Tritt,
die Huren hasse man halt heute so,
doch schon zu Jesus‘ Zeiten glitt
man gern in den prostituierten Po.
Und zahlte nicht nur mit Talenten.

Nur alt, nicht kalt ist die Gewalt,
die sich seit gewisser Ewigkeiten
im weiblichen Korpus ballt und
dort für alle Zeiten weiter hallt.
Und wer sind nun wohl die Patienten?

Bedeutungsexplosion

Mittwochnachmittag in einer WG. Carsten und Dimitri begegnen sich und es kommt spontan zu einem Dialog.

Carsten: He, Dimitri. Lass uns mal eine Unternehmung starten, irgendetwas Spaßiges und Günstiges. Hättest du Lust, mit mir in den Bus einzusteigen, bis zur Endhaltestelle zu fahren und dann wieder zurück? Einfach mal gucken, was auf der Strecke so passiert, wir kennen die Gegend ja auch noch nicht gut genug, um sie mit unserer Westentasche zu vergleichen und vielleicht stirbt ja unterwegs ein Passagier oder ein Reifen platzt oder sonst was. Kurze Rede, langer Sinn: kommst du nun mit?

Dimitri: Nein.

Carsten: Ich erbitte eine Erklärung. Schließlich hockst du ja den ganzen Tag nur ungemütlich in deinem Sitzkissen und wartest auf das Abendessen, das kann doch gar nicht sein! Würde man für das Rumsitzen von irgendjemandem Geld bekommen, du wärst längst berühmt genug für Boulevardmagazine und könntest dir tolles, außergewöhnliches Zeug kaufen, etagenlose Hochbetten oder elektronische Schuhanzieher oder Ähnliches. Also, erkläre!

Dimitri: Das ist sehr einfach. Nämlich: im Bus darf man nicht rauchen. Eine Busfahrt wäre so viel angenehmer und menschenfreundlicher, wenn es ein Raucherabteil gäbe. Sieh doch mal: eine Zigarette beruhigt und macht alle Tätigkeiten erträglicher. Sicher, die stündlich einkehrende Sucht nach Nikotin mag gewissermaßen ein Teufelskreis sein, aber auf der anderen Seite ist es auch ein freudenspendendes Perpetuum mobile, weil es uns Raucher über jedweden Ärger hinwegflattern lässt mit seiner Beruhigungskraft. Die Franzosen zum Beispiel, die hätten mit ihrem launigen Sturm auf die Bastille sicher viel mehr Erfolg und Teilnehmer gehabt, wenn Kaiser Gauloises da schon gelebt und ihnen Zigarettenpausen ermöglicht hätte. Die hatten doch dauernd Stress! Immer nur so voll engagiert sein und revolutionieren, das geht ganz bestimmt stärker auf die Lunge als eine halbe Schachtel Fluppen.

Carsten: Du willst doch nicht ernsthaft die französische Revolution mit einer beschissenen Busfahrt von der Luisenstraße bis hin zum Hauptbahnhof vergleichen! Wo auch immer du deine Vergleiche herholst, du solltest sie zurückbringen und es auf eine Reklamation ankommen lassen. Geld zurück, Vergleich ist Mist! Willst du neue Vergleiche? Ich hätte da ein paar für dich.

Dimitri: Na gut, schieß los.

Carsten: Peng!

Dimitri: Sehr witzig. Los jetzt, beginne.

Carsten: Okay, okay. Vergleich Nummer eins. Die Artisten im Zirkus Krone verbiegen sich nicht halb so arg wie du, wenn du versuchst, mir zu erklären, warum dir der Sinn nicht nach einer kurzweiligen Bustour steht.

Dimitri: Njoa, Zirkusse fand ich aber jetzt nie besonders rauschanregend. Da hüpfen immer so Leute im Quadrat und fordern dann Ovationen, am besten noch stehende, und eigentlich sind da ja sogar Zoobesuche viel spannender; Pinguine füttern oder auf einem Elefanten reiten oder so.

Carsten: Elefantenreiten wurde übrigens im Mainzer Zoo offiziell verboten, weil dort ein Einbeiniger beim Elefantenritt von einer Elefantendame für einen der ihren gehalten wurde und es fast zu Geschlechtsverkehr zwischen beiden gekommen ist. Das muss ziemlich widerlich ausgesehen haben. Aber hier muss man auch den Zoowärter rügen, schließlich hätte dieser das doch voraussehen können. Immerhin ist niemandem etwas wirklich Schlimmes passiert. Na ja, wollte ich nur kurz erzählen.

Dimitri: In Mainz gibt es gar keinen Zoo.

Carsten: Dann war es Koblenz.

Dimitri: Negativ.

Carsten: Auch nicht? Aber ist doch auch vollkommen egal, die Geschichte ist doch auch so erzählenswert und eigentlich wollte ich dir vorher doch ein paar nette Vergleiche schenken und noch viel früher wollte ich eigentlich mit dir eine kleine Busreise angehen, weswegen ich dich jetzt noch ein allerletztes Mal frage: Bustour; ja oder nö?

Dimitri: Nö.

Carsten: Warum nicht?

Dimitri: Weil ich jetzt nachsehen will, in welchem Zoo sich diese lustige Geschichte mit dem Behinderten zugetragen hat. Tschö! (geht weg)

Carsten: (ruft hinterher) Sadist!

Résumé alla Chef

Neulich frug mich ein Freund meiner literarischen Arbeit etwas, das ich hier im genauen Wortlaut wiedergeben möchte: „Mensch, Johannes. Du siehst so unverhältnismäßig gut aus, wirst regelmäßig auf den größten Kleinkunstbühnen des Landes gefeiert und trotzdem bist du mit beiden Beinen auf einem Teppich geblieben. Wie machst du das bloß?“
Ich antwortete: „Ach, Oma.“ Sie erwartete wohl eine ausführliche, ihre Miterziehung lobende Rede voller Liebe, Zuneigung und Pathos. Doch auch wenn ich Gefahr lief, all meinen Anspruch auf Taschengeld zu verlieren, blieb ich lieber bei der harten, stolz reduzierenden Wahrheit: „Liebe Großmutter väterlicherseits. Es ehrt mich, dass du derart liebreizende Worte für meine künstlerische Ader, durch die wahrscheinlich auch einige deine Gene fließen, gefunden und mir mitgeteilt hast. Jedoch bleibt festzustellen, dass ich auf Poetry Slams nicht die großen Urkunden, Siege und Applausfontänen gesammelt habe, die du dir vielleicht letzte Nacht erträumt hast. Es kommt nicht selten vor, dass ich bereits in der Vorrunde unter großem Verlust von Tränen die Bühne für andere Poeten räumen muss. Weißt du, wie das auf der Bühne in etwa ist? Stell dir vor, du würdest eine Zigarette rauchen und müsstest dir mit der Kippe in der Hand aus ungesundheitlichen Gründen die Nase putzen. Gar nicht so einfach, nicht immer gelingt es, weswegen man auch auf dem Tatsachenboden bleibt, zudem ist immer viel Rotze im Spiel. Aber wenn es mal da landet, wo es hingehört, dann freut man sich. Außerdem sehe ich gar nicht so gut aus.“
Oma fährt sich mit der alten Knochenhand durch die Haare, wählt, weise wie sie ist, ihre Worte mit Bedacht und spricht: „Was zum Teufel ist ein Poetry Slam, Junge?“
Verdammt. Sie war es gewohnt, dass ich auch moderne Modeerscheinungen und gesellschaftliche Strömungen vollkommen anglizismenfrei und rentnerkompatibel erkläre. Und dann komme ich frecher Enkel mit sowas daher. Meine Oma war noch nie bei einem Poetry Slam, weil ich sie vor allzu vielen Texten über Onanie und Facebook schützen wollte. Daher hatte sie auch nie die Chance, bei der obligatorischen Eingangsfrage („Wer war noch nie auf einem Poetry Slam?“) fragend den Arm in Richtung Gott zu heben. Also dann.
„Ein Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit, wobei die Leute eher selten Gedichte vorlesen, meistens lesen sie Kurzgeschichten, also müsste es eigentlich Short Story Slam heißen, tut es aber nicht, weil es offiziell um Poesie und Lyrik und Wortspielerei geht, tut es aber meistens nicht, weil inoffiziell viele Publikumsmenschen einfach nur zum Lachen gekommen sind, tun sie aber bei meinen Texten manchmal nicht, weil ich einige verquere Vergleiche und Satzkonstruktionen exklusiv lustig finde, stört mich aber nicht, weil ich das Verstehenwollen sowieso längst aufgegeben habe. Oma, ich weiß nicht, wie häufig du noch auf Rockkonzerte gehst, aber da drücken die Gitarristen doch auf immer mit ihren Füßen auf so einen kleinen Kasten vor sich, schalten irgendetwas um, bringen Lämpchen zum Aufleuchten und dann rocken die weiter. Niemand auf der ganzen Welt weiß, wofür diese Gestalten das genau tun, aber sie tun es, sind damit erfolgreich und deswegen hinterfragt niemand diesen geheimnisvollen Vorgang. So ist es auch bei Poetry Slams. Einige Texte funktionieren, einige nicht. Und wenn jemand anders besser ist, muss man ja auch mal Können gönnen können. Okay, mein Gitarren-Vergleich hinkt und humpelt gewaltig, aber, Oma, hast du verstanden, wie komplex und unberechenbar so ein Poetry Slam ist?“
Oma sagte mit faltiger Stirn: „Ja, glaube schon. Und diese Dinger, auf denen die Gitarristen herumtreten, heißen MIDI-Schalter oder Pedale, verzerren das Klangbild oder erzeugen Echos oder sonst was. Das weiß doch wirklich jeder Thünnes, du dummer Enkel! Außerdem siehst du gar nicht so schlecht aus. Gestern habe ich mit Opa RTL geschaut, da liefen viel dämlichere Fatzkes von links nach rechts. Du duschst ja wenigstens regelmäßig, auch wenn du schon seit längerer Zeit keine Frisur hast.“
Diese geschickt nach einem kleinen Lob versteckte Kritik nahm ich mir zum Anlass, den Dialog mit meiner Großmutter zu beenden. Wenn sie auch noch darauf zu sprechen käme, dass eine Ausbildung/Lehre viel sinnvoller wäre als das regelmäßige Vorlesen von Halbgarem, dann wäre dieser Text mindestens: länger. Aber Poetry Slam heißt auch, über einen fünf- bis siebenminütigen Zeitraum selbst zu entscheiden, wann man einen Satz enden

Meine neue politische Einstellung

Es wurmte mich zwar etwas, dass ich bei der antiunsympatischen Partei „Die LINKE“ Mitgliedsbeiträge zahlen und Kontonummer angeben musste, aber dennoch bin ich sehr zufrieden mit dieser Vereinigung. Zwei Daumen hoch! Sie ist nicht bloß ein Mittel zum Zweck, sondern ein zweckmäßiges Mittel gegen die ungezählten Ungerechtigkeiten in unserem Land. Moment: ungezählte Ungerechtigkeiten? Mitnichten. Die LINKE bietet mir gezählte Ungerechtigkeiten! Wie ein paar meiner Genossen nämlich herausgefunden haben, sind es exakt drei. Wir von den LINKEN erheben unsere Stimme, damit nicht nur die Probleme, sondern auch deren Tage gezählt sind! Es muss Schluss sein mit dem Hin und Her, dem Hü und Hott, dem fauligen Atem des Kapitalismus. Die LINKE ist die laktosefreie Zahnpasta im Politikgeschäft! Aronal und Elmex in einem; zu jeder Tageszeit genießbar und wirksam! Doch bevor ich weiter abschweife, komme ich nun zu den drei bereits erwähnten Problemen. Der Übersicht wegen zähle ich sie in einer zufälligen und gleichberechtigten Reihenfolge im Folgenden auf:

Problem 1: Nazis, Neonazis und Nationalsozialisten!
An jeder Straßenecke lauern die braunen, glatzigen Breitschulterfrösche und spucken uns in die Suppe. Natürlich kann die LINKE derartige Laienköche nicht gebrauchen. Zwar sind wir grundsätzlich der Meinung, dass alle Menschen gleich sind, aber – und da bedienen wir uns ausnahmsweise auch bei der ein oder anderen Diktatur – Ausnahmen sind durchaus ab und an mal drin. Daher marschieren wir regelmäßig zu NPD-Aufmärschen und zeigen, dass wir lauter, sogar richtiger sind und meistens haben wir auch Argumente im Gepäck. Und Steine. Schnell habe ich bei den LINKEN gelernt, dass Steine kein Ausdruck von Gewalt, sondern von Ahnung sind. Wir sind David und die Springerstiefeltransporteure sind Goliath. Niemand wird bestreiten, dass David in seiner Zeit etwas Gutes tat. Mehr noch: er tat etwas sehr Seltenes; nämlich das Richtige. David ist demnach völlig zurecht unser Vorbild; nicht nur, weil er Jude war.

Problem 2: Weltverschlechterer!
Dieselben Straßenecken, andere Idioten. Da gibt es doch tatsächlich welche, die meinen, sie könnten mit zahlreichen Kleinstaktionen etwas Positives zur Gesellschaft beitragen. An Weihnachten zwei Euro in die Sparbüchse beim Massenbäcker für Afrika, Facebook-Boykott aus Datenschutzgründen und einmal in der Woche Verzicht auf Fleischprodukte. Die LINKE weiß: vollkommener und endgültiger Unsinn. Wenn man nur an ganz bestimmten Tagen etwas tut, ist man ein Tropfen auf den glühend heißen Stein. Wieso also ein Tröpfchen sein, wenn stattdessen auch ein Wasserfall sein kann? Die LINKE tut jeden Tag Gutes und so auch ich, damit fahre ich derzeit ziemlich gut. Wobei „fahren“ hier das falsche Wort ist, schließlich laufe ich. Wir von den LINKEN bewegen schließlich selbst schon genug, sind also Beweger, wodurch ein Fortbewegungsmittel zu nutzlosem Beiwerk degradiert wird. Wir sind die Schnellsten, kommen auch ohne Auto, Flugzeug und Zeppelin zum Ziel!

Problem 3: Hartz IV!
Erneut finden wir das Problem an Straßenecken, jedoch steht es nicht, sondern liegt herum. Zahlreiche Arbeitslose haben die Suche nach Beschäftigung längst aufgegeben. Das wenige Geld, das monatlich auf ihr Sparbuch fließt, tragen sie in Billigsupermärkte, investieren es in Schnaps, Zigaretten und über die Mehrwertsteuer in eine Wirtschaft, die keine Verwendung für diese Gestalten findet. Sicher, Arbeitslose stinken mitunter gewaltig, eine Frisur haben nur die Allerwenigsten. Doch gerade diese Leute sind es, die von der LINKEN gestützt werden! Wir nutzen diese Außenseiter nicht als Steigbügelhalter, sondern greifen ihnen freundlich unter die schwitzenden Arme. Mit Vollbeschäftigungen, Mindestlöhnen und kostenlosen Alkohol-Gutscheinen. Also weg mit Hartz IV, her mit flächendeckender Gerechtigkeit. Arbeit für alle, Reichtum für alle, Doppelkorn für alle, Mallorca für alle, vierlagiges Charmin-Klopapier für alle! Wir lassen keinen zurück, auch nicht Behinderte. Wir sind die Fremden, denen ihr blind folgen könnt.

So viel und doch so wenig über die Kernprobleme unserer Zeit. Der Weg hin zur Kernproblemschmelze ist ein weiter. Aber wir werden explodieren im besten und friedlichen Wortsinne. Wir ballern uns mit Wasserpistolen und Steinschleudern in jedes Parlament. Und jeder, der uns dabei nicht daumenhebend unterstützt, ist ein Nazi. Undoder bei der FDP.

Die kurze Geschichte einer noch kürzeren Karriere im Musikgeschäft

Zwei Menschen breiten den Klangteppich aus, nehmen darauf Platz, fliegen als Randnotiz davon. Es waren wohl Inder.

Die Geschichte vom hingeschmierten Disput

Die Hausfrau kratzt sich an der Kopfhaut. Ein Tunichtsogut hat die Wand ihres Arbeitsplatzes mit Sprühfarbe versehen. Unsere Protagonistin hat schon viele Bücher und schlaue Texte gelesen, doch diese Buchstabenkombination ist auch ihr gänzlich unbekannt. FreakXstlyz1337. Hm. Vielleicht, bestimmt, wahrscheinlich Englisch. Möglicherweise eine politische Botschaft? Könnte aber auch eine persönliche Beleidigung sein. Oder eine Aufforderung zum Massenmord! Fremdsprache Graffiti. Wand und Hausfrau stehen sich im stillen Duell gegenüber; Backstein gegen Hirnschmalz, Lehm gegen Fleisch, satte Brauntöne gegen matte Kittelschürze. Das spannende Duell ‚Mauer gegen Mensch‘ lässt sich erneut Zeit, einige Sekunden lang passiert überhaupt nichts, die Kontrahenten stehen sich schweigend gegenüber. Sprachnot auf beiden Seiten, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Glotzen, angestrengt nachdenken, trotzdem erstarren. Elf Buchstaben und vier Zahlen auf der einen Seite, ein Hausfrauenhirn mit Körper dran auf der anderen Seite. Kratz, kratz – arme Kopfhaut. Schmierereien an den Wänden, das gab es doch zuletzt in Zeiten der Höhlenmenschen. Moderne Höhlenmalerei neben der eigenen Haustür! Ob sie einen Archäologen zu Rate ziehen sollte? Dieser verdammte, kryptische Code in grüner Farbe, er frisst die Struktur ihres Tages auf. FreakXstylz1337. Ein Fahrradfahrer durchfährt die Szenerie, klingelt, grüßt, ist schnell wieder weg.

Die Sonne verliert die Lust, entscheidet sich fürs Untergehen. Mal sehen, was auf der anderen Seite der Erde so passiert. Auch Planeten haben einen gewissen Anspruch an den Alltag. Die Hausfrau schüttelt kurz, aber wichtig ihren Kopf und man freut sich schon, dass sie nun den Putzeimer holen würde, um endlich wieder Platz für Ereignisreicheres zu schaffen. Stattdessen ist ihr geschüttelter Kopf nur Ausdruck ihrer Verzweiflung. Nicht weiter wissen, das kann sie gut. Problem nur, dass es hier jeder sehen kann. Der Postbote, der Müllmann und auch die letzten Verbliebenen der nur kurzzeitig florierenden Skateboard-Kultur. Sie wissen, dass der Wert der Mauermalerei zu vernachlässigen ist. Doch heute verhindert sie Bügeln, Putzen, Klostein-Einsetzen, Herdplattenreinigung und Pfandboneinlösen. Die Macht der Worte. Da ist sie wieder. Und derjenige, der diese ruhige Aufruhr zu verantworten hat, sitzt gerade nichts ahnend und wenig wissend zwischen seinen vier Wänden. Vielleicht schreibt er ein Liebesgedicht, vielleicht plant er einen Bankraub, vielleicht ist er aber auch heute Mittag beim Anschrauben einer Glühbirne von einer Leiter gestürzt und hat sich einen Knochen geprellt. Vielleicht, vielleicht. Immer dieses vielleicht. Nichts weiß man so genau. Würde man vor jedem Rätsel so verharren, wie es die Hausfrau hier heute tut, man käme zu nichts Anderem mehr. Die Menschen würden stehen bleiben. Fortschritt nimmer, Stillstand immer. So kann es nicht weitergehen.

Möglicherweise löst sich wenigstens der Mauer/Mensch-Konflikt nun: Der Mann der Hausfrau kommt von der Montage zurück. Er legt sein Arbeitsmaterial auf den Bordstein, begutachtet seine rätselnde Frau und der Mond wird von ein paar Sternen flankiert. Der Montagemann öffnet seinen Mund und sagt: „Lass es an der Wand. Das ist Kunst. In der Kunst gibt es keine Fehler.“

Ein Austritt in die Fernsehwelt

Fernsehen! Wie gut könnte es uns mit und dank dir gehen! Mutig und frei könntest du sein, unterhaltsam und informierend zugleich. Doch im real existierenden Kapitalismus bist du ein keuchender Marathonläufer. Denn jetzt mal so unter uns. Wie kann es aber sein, dass das Fernsehen mehr Rotz produziert als meine Nase in vier oder fünf Wintern zusammen? Wie kann es sein, dass eine Sendung, die zehn halbstarke Jungmenschen singend aufeinander hetzen lässt, hierzulande unter dem Etikett „Unterhaltung“ firmiert? Wie kann es sein, dass permanent, auf allen Sendern, zu jeder Tageszeit, aus verschiedensten Gründen, irgendjemand von mir angerufen werden möchte? Auto gewinnen, Sieger bestimmen, Geldpakete erringen, Meinungen anbringen, Mixstäbe erwerben, Karrieren verderben, Telefontöne bestellen, Dunkles erhellen, Verlierer ernennen, Lage verkennen, Paarungswillige anklingeln, Falsches umkringeln, Experten zustimmen und: geistig verglimmen. Lasst mich in Ruhe. Ich telefoniere nicht mit Computerstimmen. Die fünfzig Cent spare ich mir und investiere sie in Kaugummiautomaten oder einfach mal in gar nichts. Spar- statt Fernsehschwein!

Denn selbstverständlich schaue auch ich nur Dokumentationen, arte und manchmal, ganz selten, wenn es mal sein muss, auch nur fast jeden zweiten Tag und nur bei schlechtem Wetter: Sportübertragungen. Aber wie kann es sein, dass die Einschaltquoten so brachial im Widerspruch zu dem stehen, was einem Bekannte, Verwandte und Dahergelaufene über ihren Fernsehkonsum erzählen? Vergangenen Samstag saßen bei einem langhaarigen Mannheimer Laienhumoristen mit türkischem Migrationshintergrund mehr Leute vor der Glotze als bei der Tagesschau, trotz Japan. Warum, wieso, weshalb verdammtnochmal. Wenn man sich mal einfach nur berieseln lassen will, kann man sich auch unter die Dusche stellen und muss sich nicht darüber amüsieren, dass zwei Kilo schwarze Haare zu Heavy Metal im Kreis geschwungen werden. Der folgende Satz klingt zwar etwas makaber, wenn man ihn einem Deutsch-Türken ins Ohr brüllt, aber: Geh nach Hause, Bülent Ceylan! Und nimm die Gestalten mit Handpuppen, überzeichnetem Dialekt-Einsatz und Witzebuch-Affinität gleich mit.

Es scheint viel zu wenig Leute zu interessieren, dass bereits nachmittags jugendliche Brüste vergrößert, Randgruppen heimlich diffamiert und Arbeitslose ohne Aussicht auf einen Ausweg bloßgestellt werden, ohne dass wenigstens der Off-Sprecher mit einen Funken hinterfragender Kritik im Unterton den Zeigefinger hebt. Jeder darf und soll für fünf Minuten ins Fernsehen und wenn er nichts Besonderes kann, dann kann er sich seines besonderen Nichtkönnens gerne bedienen. Denn gerade die geistig weniger Befruchteten werden besonders gerne ins stupide Korsett des Privatfernsehens gesteckt. Fernsehen für Dumme muss schließlich auch mit Helden der fortlaufenden Dämlichkeit bestückt sein. Von Dummen für Dumme senden führt zum Verdummen – diese logische Konsequenz wird uns irgendwann einholen; zumindest, wenn wir nicht alle längst zu blöd dafür sind, es zu bemerken.

Und kann es sein, dass wir nichts dagegen tun können? Quatsch, können wir wohl. Dem Scheiß einfach keine Aufmerksamkeit mehr schenken! Der Samstagabend muss nicht jede Woche mit trivialen Musikdeformationen gefeiert werden. Es gibt acht Millionen Leute „Deutschland sucht den Superstar“ gucken, dennoch gibt es gleichzeitig über siebzig Millionen Deutsche, die stattdessen etwas Anderes machen, zum Beispiel Monopoly, Fang den Hut oder Plätzchen backen. Das macht Hoffnung. Die acht Millionen Bohlen-Bejubler müssen aber unbedingt in unser Boot geholt werden, sonst gehen wir mit der Arche Noah des guten Geschmacks bald unter! Keiner wird es merken, weil die selbsternannten Nachrichtensender lieber was mit Hitler zeigen. Keiner wird es merken, weil die bunte Reklame zwischen Telenovela und Boulevardmagazin bei zwei Schnitten pro Sekunde unaufhaltsam in unser Gehirn rast und jedes Ansammeln von klugen Gedanken so wahrscheinlich macht wie einen telefonkostendeckenden Gewinn bei einem Call-In-Gewinnspiel. Und keiner wird merken, weil wir eben doch schon zu blöd geworden sind.

Kürzlich lag ich auf der schlabbrigen Wohnzimmercouch herum, ganz gediegen mit Jogginghose, Konzentration und einer Dokumentation in HD. „Mit dem Luxuszug durch Afrika“ grasten dort ein paar Vermögende die Sehenswürdigkeiten der dritten Welt ab. Ab und an fuhren sie an ein paar putzigen Negern vorbei, doch die dekadenten Luxusreisenden hatten für die hungrigen Schwarzmänner maximal ein bisschen Winkerei übrig. Es gab aber auch Wichtigeres zu beobachten, beispielsweise das größte durch den Mensch erschaffene Loch der Welt: die ehemalige Mine „The Big Hole“ in Südafrika. Das tiefe Loch wurde mit vielen „Ooohs!“, „Aaahs!“ und Digitalkamerablitzen versehen. Es darf jedoch vermutet werden, dass zwischen den Ohren mancher Fernsehzuschauer eine noch größere Lücke existiert.

Ein Spaziergang auf der Brücke

Esel entert eine einschlägige Essens-Einrichtung, erbittet einen Entenbraten. Ehrlich? Ehrlich. Esel erobern endlich die Erde. Esels Empathie den Enten entgegen? Am Ende. Entenfleisch, ein Essgenuss einzig für ehrlose Esel. Erfüllung des Ernährungstriebs, erreicht mit einer etwas eigenwilligen Enten-Euphorie. Erstaunlich. Ellenlange Essstäbchen etwa ermöglichen Eseln entsprechende Esshilfe. Echt einzigartige Erscheinung! Entenessende Esel: ein Exempel einer enorm entwürdigenden Erdengesellschaft. Einfach enttäuschend, entsetzlich, elend.

Entschuldigung.

Da dachtest du, dass du schlauer wärst, aber das dachtest du allein

Schönes Wetter, die Lerchen gurren, die Nachbarskatzen schnurren. Der schönste Tag seit gestern. Heute gönn‘ ich mir mal was. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad, lasse gekonnt die Bremsstütze mit dem linken Fuß hochschnellen und fahre die Straße hinab. Mit meiner Fahrradklingel zaubere ich eine schöne Sommermelodie. Sunshine, Sunshine Reggae! Meine Laune lässt sich nun durchaus mit den drei Buchstaben Gee, Uuh und Teh beschreiben. Am Ziel angekommen, schwinge ich mich von meinem Fahrrad und lasse gekonnt die Bremsstütze mit dem rechten Fuß herunterschnellen. Hallo Pommesbude! Es gibt kein schöneres Mittagessen als Pommescurrywurstmayozummitnehmen, da stimmen mir meine Organe zu: Dickdarm und Dünndarm reißen, metaphorisch gesprochen, die Hände in die Luft, jubeln, hurra, komm‘ zu uns, Kaloriengranate und schlag ein! Bumm! Viva la Geschmacksexplosion! Feuerwerk der Sinne! Sattmacher der glücklichen Art!

Doch dann: Peng & Pardauz! Hinter der Eingangstür besetzt ein narbiger Klumpen Mensch einen Barhocker und strahlt, als er mich erblickt. Diese unbestellte Portion Freundlichkeit ist mir nicht geheuer: sie wird mir sonst nur von Menschen entgegengebracht, denen ich noch Geld, Aufmerksamkeit oder Schnaps schulde. Narbenmann jedoch kenne ich nicht. Nie gesehen. Ich schulde Martin noch zehn Euro, aber hat der einen behinderten Sohn, welchen er in meiner Stammpommesbude auf mich hetzen könnte? Ich glaube kaum. Wer ist der Narbige also? Will er mich überfallen? Quatsch, seine Narben sehen nicht Selbstvertrauen schenkend aus. Will er Sex? Quatsch, meine Lederjacke ist viel zu eindeutig heterosexuell, als dass er sich Liebeleien mit mir ausmalen könnte; so viel Fantasie bringen nur Kinderbuchautoren und Berufsoptimisten auf, nicht aber Pommesbudenbesuchervolk. ~ Ich gönne meinen Gedanken nun eine kurze Pause, denn meine Augen melden mir sehend, dass Narbenmann nun ein paar Worte an mich richten will. Möglicherweise verraten diese etwas über seine dubiosen Absichten. Mein Ohr meldet mir hörend, was Narbenmann mit gebrochener Stimme in meine Richtung posaunt: „Na? Wie geht’s?“ Oh Schreck! Schnell, Gehirn, lass dir etwas Unverbindliches einfallen, damit Narbenmann nicht erfährt, welche kognitiven Schwerstarbeiten er in dir auslöst! „Gut. Und dir? Ist doch wirklich wunderbares Wetter draußen, die Lerchen schnurren und die Katzen gurren! Da bekommt man spontan Lust, mit dem Fahrrad ein paar Runden zu drehen, nicht wahr?“ Verdammt. Das war nicht besonders unverbindlich.

Es bleibt nun abzuwarten, wie Narbenmann auf diese Doppelfrage reagiert. Wird er sie zum Anlass nehmen, sich Geld bei mir zu leihen? Wird er mit einer Gegenfrage antworten? Wird er mich auf eine Portion Pommes einladen oder wenigstens auf ein Bier? Wird er jemals wieder gesund oder bilden die tiefen Narben über den Tod hinaus eine Symbiose mit seinem Gesicht? Wird er wegen seiner Gesichtskrater von seinen Freunden „Mondmann“ genannt? Hat er überhaupt Freunde? Wie heißt er überhaupt? Kennen wir uns? Wie viele Fragen werde ich mir noch ausdenken können, bevor Narbenmann die nächste Etappe unserer Konversation besteigt? Erstaunlich, wie schnell das menschliche Gehirn arbeitet. Neun Fragen in so kurzer Zeit. Oder ist Narbenmann derart langsam? Vielleicht ist dies hier sein erstes Gespräch seit neun Jahren. Vielleicht aber auch sein letztes vor seiner Beerdigung. Hm. Ich sollte nett zu ihm sein, sonst erzählt er in der Hölle Ungutes über mich und der Höllenfürst richtet mir eine ungemütliche Zelle mit vier bis neun Kilometern Fußweg zur nächsten Bar ein. Mit dem Tod ist nicht zu spaßen. Die Gesprächsrettungskapsel „Ironie“ ist nie bis zu ihm durchgedrungen, da er nur mit Witzfiguren statt Witzen arbeiten muss. Er ist dank seiner Unwissenheit resistent gegenüber Ironie und jeder, der behauptet, eine besonders böse Satire hätte etwas „Teuflisch-Gutes“, der irrt. Gott hat bei der Geburt des weltweit ersten Menschen der Welt genau festgelegt, wie sich „Humor“, „Gutes“ und „Böses“ definieren, aber all dies zu erklären, würde hier zu weit führen.

Aber man darf sich beruhigt fühlen: Cindy und Mario aus Berlin werden ebenso sicher in der Hölle schmoren wie Kater Karlo, die Daltons und leider auch Lucy von den Peanuts, weil sie Charlie Brown immer den Football vor der Nase wegzieht, wenn dieser einen Tritt dagegen versucht, woraufhin . Ob ich mich zu dieser illustren Gruppe gesellen darf oder muss oder soll, liegt natürlich nicht in meiner Entscheidungsgewalt. Ich rechne jedoch fest damit, seitdem ich einer damaligen Nachbarin frech meinen Penis gezeigt und vor ihre Füße uriniert habe. Verdammt, da war ich doch erst vier Jahre alt und sie war bloß halb so alt. Aber der Ärger war groß, vor allem erholte sich der Sandkastensand nie von diesem Fauxpas und wurde so gelb, wie er sonst nur in Comics dargestellt wird. Das wird Gott nicht ungemeldet geblieben sein. Seine Boten arbeiten 24 Stunden am Tag und sechs Tage die Woche, sonntags haben sie als gläubige Christen natürlich frei, aber besagtes Ereignis ereignete sich leider an einem Freitag. So ein Pech. Gott wird sein Büchlein aufschlagen, vom Leid der Babyaugen und dem des Sandkastensandes erfahren und dann war es das für mich mit Himmel, 99 Jungfrauen und ebenso vielen Party-Luftballons bei meiner Ankunft. Stattdessen Hölle, ewige Verdammnis und 99 Narbenmenschen als Nachbarn.

Prima Überleitung: Narbenmensch verzieht seine Miene, stellt sein rechtes Bein wichtig auf den Boden und sagt: „Hör mal zu, Unbekannter. Ich war lediglich auf der Suche nach einem ungebundenen Plausch, um die Wartezeit auf mein Zigeunerschnitzel ein wenig freundlicher werden zu lassen. Es wird dich sicher tangieren, dass ich als Gedankenleser mein Geld verdiene und da du so voller Fragen bist, werde ich sie dir nun beantworten: Meine Freunde nennen mich Lutz als Kosenamen für ‚Luzifer‘, auf Sex mit dir kann mein Penis verzichten, das mit der Hölle ist Unfug, meine Krankheit nennt sich Schuppenflechte, Lärchen schnurren nicht, Lucy von den Peanuts ist nicht böse und auf eine Portion Pommes lade ich dich gewiss nicht ein, du, du Doofmann! Und he, Pommesbudenfrau, einmal Pommescurrywurstmayozummitnehmen für den Sandkastenpinkler hier, bitte!“

Suppe schmeckt auch mit Haaren

(Der nachfolgende Text ist für alle missionarischen Vegetarier, welche allwochenendlich versuchen, Fleischfresser in ihr Bioholzboot zu holen. Fühlt euch bitte nicht an den Kopf gestoßen, sondern in den Po getreten. Ich finde Fleisch dufte, ihr findet Fleisch undufte; dabei sollte es belassen werden. Ich tendiere zu Frieden! Aber zuvor:)

Angebrannter Speck macht sich gewisse Eigenschaften der Luft zunutze und säuselt kitzelnd in meine Nase. Speck, der anbrennen darf; das ist mir nicht bis wenig, vielleicht sogar gar nicht oder wahrscheinlich sogar verdammt nochmal in keiner Weise sympathisch. Wer tötet da – bewusst oder unbewusst – ein totes Tier? Doppelmord! Ich plädiere auf schuldig. Das Leben eines rosa glänzenden Schweinchens zu töten ist die eine Seite, das Herumtrampeln auf der weiterhin lebendigen Seele des sich einst so quiekend im Matsch kuschelnden Schweinerückens die andere Seite der zweifelhaften Medaille! Unsichtbar baumelt sie den Fleischfressern auf dem Würstchenwanst herum. Aber Mord kann man riechen! Wir Weltretter ahnen derartige Vergehen nicht bloß, wir stellen fleischfaschistische Fakten fest und reagieren dementsprechend. Unsere Berufung sieht hierfür die Missionarsstellung vor. Die biologisch abbaubare Moralkeule muss den Mördern mit Karacho in den Arsch gerammt werden! Dem Einlauf folgt im Bestfall die Einsicht. Kritiker werfen uns Tierschmusern ja gerne vor, dass es doch viel schlimmere Probleme auf der Welt gäbe als Massentierhaltung und Huhnkopfabschlagerei. Ja, andere Missstände mag es zwar durchaus hier und da in manchen kurios klingenden Ländern geben, aber jetzt kommt das große ‚aber‘: ABER die Protestmenschen in Libyen sterben nur und werden danach eben nicht gegessen. Ein kleiner, feiner Unterschied. Deswegen müssen erstmal die Tiere gerettet werden, die Zweibeiner können sich hinten anstellen. Außerdem sind die Damen und Herren von der Kommune gegenüber für Menschenrechte, Sponti-Demos und bedürftige Schwarzmänner zuständig. Denen möchte ich ungern in die Suppe pinkeln.

Nur ein reines Herz schlägt gesund. Obst ist unser Gemüse und Freiheit vom Fleisch ist Freiheit vom massenmediengesteuerten Konsum, Freiheit vom Tiereaua, Freiheit von ungeilen Fettschwadern an Oberschenkel und Bauch. Jeder Biss in einen Hamburger muss ein Gewissensbiss sein! Fett sein hat schwere Folgen für die eigene Gesundheit und die der unfreiwillig sterbenden Tiere. Jeder, der einmal auf einem Bauernhof gewesen ist, wird bestätigen können, dass die Lebensqualität eines Kälbchens bei der Schlachtung rapide sinkt. Fleischverzicht aus Leidenschaft, weil Mettwurst kneten Leiden schafft! Tierabfälle gehören nicht kleingehäckselt in Menschenmagen, sondern ans Tier, bis Onkel Tod sein Zepter schwingt. Gerne wird Kasslerkonsum damit legitimiert, dass es einfach lecker schmeckt. Diese Menschen haben wohl noch nie gebackenes Rosinen-Lauch mit einer Priese Meersalz, köstlich abgerundet mit einem Glas Ziegenmilch, verzehrt. Ein gutes Gericht schmeichelt dem Gaumen auch ohne Fischstäbchenfische und Currywurstkühe. Das wusste schon Jesus, sonst hätte er Wasser in Wurstwasser verwandelt und seine rund zwölf Gäste beim letzten Abendmahl mit Gänsegulasch oder einer Grillparty überrascht. Hat er aber nicht. Es gab Wein und Brot. Das sollte unseren Verstand zum Arbeiten anregen.

Aber wo kommt nun der Speckgeruch her? Liebevoll platziere ich meine Füße in die dafür vorgesehenen Fußmulden meiner Birkenstock-Sandalen und schlendere den Gang herunter zur Haustür 42. Ich klopfe höflich. Die nicht abgeschlossene Tür öffnet sich. Überrascht stelle ich fest, dass mein veganer Kommunenkollege Dirk an der Tür steht.
„Was machst du denn hier? Speck? Spinnst du?“
„Jo, fettes Sorry, bin jetzt zu den politischen Spontis rübergewechselt. Die sehen das mit dem Fleisch hier nicht so eng, aber morgen gehen wir auf die Straße und demonstrieren für mehr soziale Gesetze und so was! Wusstest du beispielsweise, dass 100% aller Hartz 4-Empfänger sterben?!“

Düdeldü und Entchen

Mit dem Linienbus auf zum alle drei Monate stattfindenden Jahrmarkt. Nein, Vierteljahrmarkt. Oder einfach Kirmes. Auch egal, ich wundere mich ohnehin alleine, denn mich begleitet niemand und gar keiner. Alleine losziehen ist clever, da wird man bei aufkeimendem Unfug nicht durch Ablehnereien oder Dummheiten gestört. Man ist Chef und nicht bloß Teilchef. Diktator des eigenen Willens. Außerdem gibt man als Einzelperson nur halb so viel Geld aus. Aber mehr als doppelt so viel, als wenn man gar nicht unterwegs ist. Unsinn Mathematik, unfaires Zahlengeschwurbel für Verquerdenker. Eins plus eins gleich zwei, aber die Hälfte von eins ist manchmal null. Und die nächste Ungerechtigkeit des Lebens lässt nicht lange auf sich warten: noch bevor ich die richtige Haltestelle erreiche, kotzt mir mein jugendliches Gegenüber vor die Füße. Er hatte Ravioli zu Mittag. Es gibt Dinge, die möchte man nicht riechen, sehen und auf seinen Schuhen wissen. Ich wünsche ihm Syphilis an sein Geschlechtsteil, reiche ihm beim Aussteigen noch hilfsbereit ein Taschentuch. Weg mit der Sauerei! Meine Plateaustiefel säubere ich im feuchten Gras. Ein Abend, der so beginnt, wird reich an Erzählbarem und Erlebnissen sein. Hinein ins Getümmel, hinein in die bunte, glitzernde Welt. Hollywood für die Kleinstadt, Disneyland für Arme.

Fahrgeschäfte, die sich immerzu im Kreis drehen. Abzweige Fehlanzeige. Beeindruckender kann man unser Leben nicht darstellen. Und ab und an ein Typ, der buntes Plastik einsammelt. Nichts tut man ungestört, Bürokratie lauert selbst in der Aussichtslosigkeit. Verdammt, ich verfalle in depressive Melancholie. Erwerbe mir ein Bier, aber nur eins, denn lediglich ein einzelnes alkoholisches Getränk hebt die Stimmung. Mehrere machen die Birne grau und Matsch. Das kleine Einmaleins des Alkohols. Leichter und sympathischer als die Mathematik aus den Büchern. Welch kluger Gedanke. Vom Glück gepackt versuche ich mich beim Entchenangeln, Hauptgewinn ist ein Schwamm aus Plüsch. Der blödsinnige Kinderfernsehenkommerz verschont eben keine Ecke der Welt. Ich will das Teil unbedingt haben. Drei Euro. Dreimal Anglerglück? Drei, angeblich Zahl aller Dinge. Ich erangle vierzig Punkte, immerhin doppelt so viele wie mein Nachbar im Grundschulalter. Der moppelige Fratz schaut ein wenig neidisch zu mir hinauf. Zu mir, dem König der Plastikenten. Mein Preis: ein Lineal, ein Lutschbonbon und eben dieses traurige Kindergesicht. Sadismus, wie gern ich dir fröne! Das Karamellbonbon schmeckt unsagbar gut, das Kind bettelt bei seiner Mutti verzweifelt um einen zweiten Angelversuch. Alleine zur Kirmes ist eben besser, sag ich doch.

Ich schlendere weiter. Drei Jugendliche verteilen einander Backpfeifen, aus diesem Alter bin ich heraus. Bleibe aber ein bisschen stehen, schaue mampfend zu. Lecker, Crêpes mit Nutella. Wie erwartet verliert der Typ mit Brille. Tja, Brillenträger haben es halt schwer im Nahkampf. Brille von der Nase boxen, dann ist der ungleiche Kampf bereits entschieden. Mit dem Nasenfahrrad kann man eben nicht wegfahren. Worum es im Duell ging, bleibt mir verborgen, aber die Szenerie löst sich erstaunlich schnell auf. Auf dem Boden klebt eine Blutspur, ich messe nach, sieben Zentimeter. Sah nach mehr aus. Unweigerlich muss ich an meine letzte Freundin denken, auch dort erlebte ich eine Enttäuschung beim Nachmessen. Denn, als sie ihren Schrank in unsere gemeinsame Wohnung integrieren wollte, war dieser neun Zentimeter zu breit. Ganz und gar nicht groß ist jedoch der Keyboardmusiker, welcher vor ein paar Rentnern deutsche Schlager „spielt“. Er tappst mit seinen Fingern unkoordiniert auf der Tastatur herum, vollkommen gelöst von Melodie, Rhythmus und Noten. Man kann es sehen, wenn man am Bühnenrand steht. Die Töne kommen vom Band. Was für eine arme Wurst. Betrugsmusiker bei der Arbeit. Live sind nur Gesang und Merchandisingstand. Seine CDs gehen weg wie geschnittenes Brot.

Ich marschiere zum Stand, zielgerichtet wie ein Soldat. Auf in den Krieg, auf in den Kunstkrieg. Ich erfahre, dass hier seine Mutter und seine Freundin die Tonträger an den dummen Mann bringen. Ob ich auch eine CD erwerben möchte? Iwo! Lieber fresse ich noch sieben Nutella-Crêpes oder angle viertausend Plastikenten, bevor ich Geld in die beschissene Kackfickarschlochhurensohnmusik dieses Triebtäters verschwende. Ich bin Musikfundamentalist. Entweder, man kann es oder man lässt es. Ich suche nach etwas zum Werfen, entdecke in der rechten Tasche meines Trechcoats das Lineal vom Entchenangeln. Schmeiße es konzentriert Richtung Berufsbetrüger, treffe ihn am Kopf, doch der Kerl ist Profi. Routiniert singt er sein einfallsloses Programm herunter. Diese Party bleibt von mir ungestört. Trotzdem packt mich ein Glatzkopf mit Schulterpolstern am Arm, sein Gesichtsausdruck bittet mich höflich darum, nun zu gehen. Pff, wollte ich eh. Scheiß aufs Riesenrad. Geisterbahn? Drauf geschissen. Das hier war gruselig genug. Lerne bitte die Tonleiter, du armseliger, nur finanziell reicher Thünnes.

(Hinweis: Ich sah besagten Unterhaltungsmusiker letztes Jahr auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt und dass er dort auf Playback zurückgriff, ist eine Tatsache. Kann ihn nicht leiden. Beworfen habe ich ihn damals aber nicht. Dennoch sei ihm dieser Text gewidmet.)

Der Tag der Intellektualität

Heute ist der große Feiertag der Verstandesmäßigkeit. Das Kleingedruckte in meinem Vertrag: ausschließlich schlaue Dinge, keine pseudointellektuellen oder kleingeistigen Aktivitäten. Nichts, was Erklärungen bedarf. Es fängt beim Aufstehen an. Mit beiden Beinen auf dem Laminat auftreten. Auch die Rückseite der Zähne mit Elmex putzen. Nassrasur statt Stoppelbart. Klug, rational und gesund. So kann es am Frühstückstisch weitergehen. Schwarzes statt weißes Brot. Ein paar glückliche Tomaten oben drauf, dann den Pumpernickel mit dem Messer in kleine, sparsame Stücke schneiden. Mit dem Gabel langsam zum halb geöffneten Mund führen. Brot mit der Hand essen ist Mampferei, ist proletarisch, ist unakzeptabel. In meinem Glas schwappt blütenweiße Milch von zufriedenen Kühen aus meiner Region. Bauer Müller und seine Milch, die sind meine Sympathie wert, die sind schlau. Das intelligenteste Frühstück seit der Erfindung des Sonnenaufgangs. Ich würde mich nun nicht als vollkommen satt umschreiben, aber Sättigung ist die Vorstufe der Völlerei und Völlerei ist Verschwendung der Ressourcen. Klingt rechthaberisch, ist aber weitsichtig und Weitsichtigkeit ist verdammtnochmal wichtig, denn die Kinder meiner Kindeskinder sollen stolz meinen bis dahin als Buch veröffentlichten Wikipedia-Artikel lesen können.

Eine wunderbare, ja fast schon schlaue Überleitung zum nächsten Thema: Geschlechtsverkehr. Ich kämme mir mit der Fischgabel meine Haare nach hinten (Anmerkung: Multifunktionalität ist sparsam, Sparen ist schlau) und robbe frisch gestriegelt zurück ins Ehebett, wo meine Freundin liegt und wertvolle Zeit überschläft. Schlafen ist Zeitverschwendung, der frühe Vogel fängt den Wurm, der schnelle Hahn fickt das Huhn. Auf Details verzichte ich an dieser Stelle, aber es ging aus Rücksicht auf den Spruch „Zeit ist Geld“ wie gewohnt schnell und wenn wir alles richtig gemacht haben, dann brütet meine Freundin jetzt neun Monate lang ein pfiffiges Streberkind aus. Wahrscheinlich wird es mit Sehschwäche geboren und bekommt mit vier Jahren eine Brille verschrieben. Schließlich thront auf den allermeisten Nasen schlauer Köpfe eine Sehhilfe: Mahatma Ghandi, Sigmund Freud, Harry Potter, Götz Alsmann. Meine Freundin weiß zwar noch nicht von dem sich anbahnenden Familienglück, aber sie wird es wohl mitbekommen, wenn sie zunimmt. Sie ist ja nicht dumm, nur naiv. Übrigens orientiere ich mich auch hier an der Zeitgeschichte: hätte Gott den Menschen gleich von Beginn an mitgeteilt, dass Demokratie und Menschenrechte was Tolles sind, würden diverse Fernsehsender große Probleme damit haben, ihr Nachtprogramm zu füllen.

Eine noch wunderbarere, ja fast schon weitaus schlauere Überleitung als beim Absatz zuvor. Also dann, Stichwort Fernsehen. 3sat, arte, DisneyChannel. Heute nur Bildungsfernsehen für Bildungsreiche. Ich schalte den Ton ab, denke mir die Kommentare des Off-Sprechers beim Schauen selbst. Die doppelte Dosis Weisheit. Gleichzeitig legt meine hoffentlich trächtige Lebensabschnittsgefährtin eine Schallplatte auf; ich vermute, es ist Bach oder Goethe. Ja, das hat Niveau, das gefällt mir. Unaufgefordert bringt mir mein Liebchen ein Dosenbier. Sehr klug von ihr, Dosen lassen sich toll recyceln und sind prima für die Umwelt. Ich trinke also noch ein paar weitere Getränke, Umweltschutz ist schließlich ebenso wichtig die Sicherung der Arbeitsplätze von hunderten Menschen in Callcentern. Alle fünf Minuten rufe ich bei einem Shoppingsender an und gebe zu Protokoll, mir einen Entsafter erwerben zu wollen, was wiederum auch dem heutigen Tag angemessen ist, denn das Zahlen der Mehrwertsteuer hilft der Wirtschaft. Mir nur bedingt. Es ist zwölf Uhr mittags und die ganze außerplanmäßige Beanspruchung meines Gehirns macht mich allmählich müde. Eigentlich wollte ich ja noch den SPIEGEL lesen und ein Hörbuch von Richard David Precht kaufen. Schade. Vielleicht ja morgen, am Tag der Klugscheißer.

Die gelebte Werbebotschaft

Der Elektrofachmarkt hält sich nicht an die eigenen Öffnungszeiten und öffnet seine Pforten heute zwei lange Minuten zu früh. Quo Vadis, deutsche Pünktlichkeit? Vielleicht ist auch die Schweiz mit ihren gar nicht so klischeetreuen Uhrwerken schuld. So oder doch nicht so, heute lügt das Öffnungszeiteninformationsschild. Ladenaufschließerei um 9:58 Uhr, durchgeführt von einem Schnauzbärtigen mit wichtiger, blauer Uniform. Die Konsumtreuen, enttäuscht und fröhlich zugleich, pfeffern ihre Zigaretten auf den Boden und beenden ihre Warterei überbrückenden Telefonate. Auf zum Kauf! Das Paradies hat geöffnet, lässt jeden hinein. Einzige Ausnahmen: Schwerverbrecher, Mittellose, Unsichtbare, Waffenbesitzer, Tote, Abwesende, Nahrungsaufnehmende, Hausverbothabende, Menschen mit auffälligem Rucksack, Tiere. Wogegen die Rentnerin mit Regenschirm willkommen ist. Sie sieht sich auf einem Bildschirm, eine Überwachungskamera filmt sie in ihrem dunkelroten Trenchcoat. Erstaunt bleibt sie stehen, bis ihr Mundoffenhalten jäh von einer Rempelei beendet wird. Ein Kundenkollege möchte möglichst hurtig an ihr vorbei spazieren. Stehenbleiben ist hier ohnehin nicht erwünscht. Zumindest nicht, wenn keine betrachtungsfrohe Ware vor der Nase liegt. Die preisreduzierte neue DVD mit Tom Cruise gibt es nur noch zweimal, da lohnen sich Eile und starke Schultern. Im Internet gibt es den Film zwei Euro billiger, versandkostenfrei.

Unsere Rentnerin, wir nennen sie spaßeshalber Yvonne, ist aber auf der Suche nach einem Fernsehgerät. Ihre jetzige Flimmerkiste zeigt nur noch matte statt satte Farben, bei Fußballspielen hat sie oft Mühe, die Mannschaften über die komplette Spieldauer auseinander zuhalten. Bei der letzten Weltmeisterschaft hat sie so fälschlicherweise für Spanien gejubelt. Ein peinlicher und sympathischer Fauxpas eines vom Fortschritt überholten Temporärfans. Etwas mit HD soll es nun sein. Doch vor dem Konsum lauscht sie heimlich den Gesprächen zwischen zwei Kassiererinnen, welche sich adjektivreich von den Erlebnissen des letzten Wochenendes berichten. Das können sie in aller Ruhe tun. In den ersten fünf Minuten möchte nie jemand etwas bezahlen, bezahlte Freiminuten. Und Ladendiebe stehen nicht so früh auf, die schlafen noch drei Stunden. Das Gespräch enthält viele Worte, die Yvonne nicht kennt, sie klingen nach Großbritannien und Nachmittagsfernsehen. Endlich erklingt etwas Musik durch den großen Laden, ein Praktikant hat eine aktuelle CD aus den Charts aufgelegt.

Yvonne kennt auch „Ich & Ich“ nicht, aber wippt ein bisschen im Takt. Summsummsumm, ja, das ist eine einfach schöne Melodie, schön einfach. Als der Refrain zum zweiten Mal seine Runden dreht, versucht sie, ein paar Worte mitzusingen: „Vom selben Stern, ich kann deinen Herzschlag hören“. Romantisch, hach. Mit ihrer Freiheit wird Yvonne jedoch mehr und mehr zum Ziel vieler Augen. Sie verliert sich, würden hauptberufliche Beschreiber nun sagen, aber sie verliert nicht, sie gewinnt. Ein Verkäufer verlässt mit gerunzelter Stirn seinen Handystand und bittet Yvonne, mit dem Ausdruckstanzen aufzuhören. „Aufhören? Ich? Ich bin doch nicht blöd!“

Geflügelte Worte, oder: Warum gibt es keine Plüschfliegen?

Fliegen. Als Verb geliebt, als Tier verachtet. Eintagsfliegen, Zweitagsfliegen, Einewochefliegen, Stubenfliegen, Deckelschlüpfer, Fruchtfliegen, Keulenschwebfliegen, Schmeißfliegen, die ganze Sippe. Allesamt seit immer im Fadenkreuz der Menschheit. Peng, peng! Mit dem Stempel „Nervtier“ verstehen und unversehentlich in die tiefste Schublade der Welt gestopft. Weil der gemeine Mensch es nicht ertragen kann, dass solch einem Geschöpf die Fliegerei in die Gene gesteckt wurde, während die eigene Gefolgschaft auf Flugzeuge, Zeppeline und Ufos angewiesen ist. Schweben, Saltos in der Luft, Flügelputzen. Das können nur die Fliegen! So klein und trotzdem schuldig. Dabei sind es doch die Zweibeiner, die auf die Anklagebank des allerhöchsten Gerichts müssen, nicht die Zweiflügler. Die Fliege wird systematisch am Sein gestört und auf der ganzen fliegenfeindlichen Welt mit teils unsichtbaren Waffen beschossen. Nur, damit irgendwann gar kein Vieh mehr auf einem herumkrabbeln kann. Ruhestörer Fliege. Sind sie denn wirklich so böse? So unnütz? So ausrottungswürdig? Haben wir denn gar nichts aus unserer Geschichte gar nichts gelernt?

Fliegen werden voller Erregung mit der Hand zerpatscht, so dass es nur so eine Freude ist. Die Freude zu töten! Wo kommen wir denn dahin? In die Hölle, liebe Leute. Und auch dort gibt es Fliegen. Tausend. Viertausend. Dreihundert Millionen! Mehr! Ihr könnt ihnen nicht entkommen! Aber selbst Spinnen werden daumenhebend akzeptiert, solange sie nur als vielbeinige Insektenpolizei unterwegs sind. Getreu dem Motto: Mein WG-Genosse schläft zwar mit meiner Freundin, aber wenigstens putzt er monatlich das Klo. Wo ist da die Logik? Die Moral? Die Liebe für alle göttlichen Schöpfungen, selbst wenn sie noch so hässlich sind, Stichwort Fledermaus. Weg vom Pauschalhass, hin zur Akzeptanz. Und wenn man schon mal auf dem Weg dorthin ist, kann man gleich noch ein paar Reformen gebären. Ich hätte da ein paar Maßnahmen ausgearbeitet. Zur Güte, nicht zur Belustigung. Da mich an dieser Stelle niemand daran hindern kann, werde ich sie der Weltöffentlichkeit nun auf den Teller legen.

Punkt eins: Fliegengitter an Flugzeugturbinen.
Täglich sterben etwa unendlich viele Fliegen, weil sie beim Starten und Landen der Flugkolosse in die Turbinen flattern. Chancenlos müssen sie dem drehenden Tod in die tausend Augen gucken, schließlich bewegen sich Flugzeuge schneller fort als Vergleichbares (z.B. Adler). Ein Fliegengitter aus einem ganz weichen Stoff, beispielsweise Wolle, könnte die Fliegen sanft und unfallfrei darauf hinweisen, dass sich die Erkundung einer Gasturbine selten lohnt.

Punkt zwei: Kalte Straßenlaternen an deutschen Straßenrändern.
Fliegen lieben Licht. Der Mensch weiß um diesen Fakt, deswegen stellt er flächendeckend Laternen auf, um die hilflosen Fliegen hinters bzw. ans Licht zu führen. Ein millisekündiger Tod folgt, doch auch ein schnelles Ableben führt immer zum Jenseits. Pech für lichtgeile Fliegen. Kalte Lampenschirme wären die Rettung für Milliarden netter Insekten, zudem würde die bei Dunkelheit vom Homo Sapiens weitestgehend ungenutzte Straße so zu einem freundlichen Treffpunkt für Fliegen und andere Nachtschwärmer werden. Chilloutlounge am Luisenweg.

Punkt drei: Gesellschaftliche Anerkennung in allen Bereichen.
Die Fliege muss lediglich den Aufstieg vom Raustier zum Haustier schaffen, um ein bisschen billige Polemik in mein ernstes Anliegen zu integrieren. Fliegen müssen akzeptiert und im besten Falle sogar geliebt werden. Angedacht sind etwa Plüschtierfliegen, Kinofilme, Kaffeetassen, YouTube-Filmchen und witzige Anstecknadeln mit des Slogans „Fliegen – der summende, ewige Menschentraum“ und „Wenn Fliegen fliegen, fliegen Fliegen hinter Fliegen her“.

Um mein Plädoyer leicht verdaulich abzurunden, rufe ich den Fliegenhassern ins Gewissen: Rational ist nur die Liebe zu allen Tieren dieser Erde. Deswegen kürze ich den kompletten Text auf vier einfache Worte herunter: Sozial geht nur rational! Und mit Fliegen!

(Danke an Aaron für die Anregung zu diesem Text.)

Von Huiiiii und Tschuuuu

Ein kleines Mädchen schaukelt im Wind. Ich beobachte sie beim Fliegen, Freuen und Freisein. Sie trägt ein ehrliches Lachen im Gesicht, ob sie es mit mir teilen möchte? Sie müsste nur kurz mal hierher sehen und nicht geradeaus. Auf diesen Spielplatz wurden schon hunderte Hundehaufen gesetzt, es wurden Drogen verkauft und ich kenne jemanden, der hat mal die Rutsche heruntergekotzt. Die Schauklerin weiß es nicht. Sie ahnt es nicht. Es liegt nicht in der Luft. Warum sollte die Luft auch etwas Böses wollen, trägt der Windstoß sie doch vor und zurück und vor und hui, sie versucht einen Überschlag. Sie wird ihn nicht schaffen. Nicht heute. Nicht jemals. Und es kümmert sie nicht. Der Versuch zählt und freut. Ob ich der Künstlerin mal zuwinken soll? Sie nimmt mich doch maximal als Randerscheinung wahr. Ich weiß, was sie denken würde. ~ Ja, da sitzt jemand und schaut mich an, der alte Kerl, riesengroß und mit Lederportmonee, aber er kann nicht schaukeln. Bestimmt würde er gerne. Ätschibätsch, damit ist längst Schluss für dich, hier fliege nur ich! Tschuuuuuu! ~ Weiß ich doch. Muss mich ablenken.

Essbare Kieselsteine aus dem Harz gibt es nicht

Vorgestern hatte es geklappt. Olaf erzählte mir davon. Ich muss es ausprobieren gehen. Fressbefehl von Kommandant Hunger. Das Grummeln meines Magens erinnert mich an eine demolierte Tuba. Das Rumpelkonzert muss aufhören. Ich, der einzige Zuhörer, möchte es so. Emsig packte ich meine sieben Sachen ein. Steppdecke, Plüschlöwe, Ballonmütze, Feuerzeug, eine kleine Schachtel voller Zigarettenstummel, … – es sind doch nur fünf Sachen, nicht sieben. Hallo Realität, wer dich denn schon wieder eingeladen. Du hast hier Hausverbot! Besuche doch die, die mit dir zurechtkommen und sich grinsend in dir suhlen. – Sei es drum. Alles hinein in die Netto-Stofftasche. Es passt mehr recht als schlecht. Tolle Tüte. Sapperlot, aber was ich da an Beispielen für fundamentale Ungenügsamkeit meinen Besitz nenne! Aber ich will nicht weiter jammern. Jammernde sterben weinend, Optimistische hämisch lachend. Sprich: besser. Und Besserung ist in Sichtweite. Der Himmel erhebt sich und glänzt. Heute wird es Bonaqua regnen und oben thront die Capri-Sonne. Rettungsanker Olaf, ich halte mich an dir fest! Du bist ein guter Informant, erzähltest mir bereits viel von kostenlosen Leckereien und Pfandflaschenhorten. Ohne dich hätte mein Bierdeckel-Testament längst Gültigkeit und die Straße hätte meine fünf Sachen geerbt. Du bist mehr wert als Gutscheinbücher und dicke Illustrierte zusammen!

Also auf zum temporären Glück. Auf dem Weg dorthin begegne ich nicht vielen schönen Dingen, eine gelbgrüne Katze fängt eine Maus. Aber ich treffe Rudi, welcher mir Olafs Geschichte bestätigt. Er sieht erstaunlich lebendig aus. Als hätte ihm jemand eine frische Brause geschenkt oder ein großzügig belegtes Baguette. Ich halte mein linkes Ohr an seinen Bauch und höre, dass es stimmt. Rudi ist satt. Und er hat noch Vorräte für die nächsten zwei Tage! Hastig verabschiede ich mich, Eile muss nun sein. Die Nuggets sind schnell weg. Gute Goldschürfer wissen das. Ich bin gut. Meine Tuba dröhnt und stöhnt. Eile! Eile muss nun dringend sein! Kurz vor dem heiligen Ziel stecke ich mir einen Zigarettenstummel an. Den größten, der sich auftreiben ließ. Ein großes Danke an alle, die sich eine Minute vor dem planmäßigen Eintreffen der Straßenbahn noch eine Kippe anzünden, um diese dann überrascht und fast ungequalmt auf den Boden zu schmeißen. Aber länger lässt sich der Magen nicht durch Nikotin austricksen. Noch zweimal ziehen zum Genießen, dann hinein in den Hauptbahnhof.

Olaf hatte mir erzählt, dass ein Süßigkeitenspender im östlichen Teil des Bahnhofs defekt sei. Er hätte die sympathische Macke, immer drei Teile auf einmal herunterpurzeln zu lassen. Drei für eins – ein gutes Geschäft! Ich stehe vor dem satten Koloss und betrachte das Angebot. Lauter bunte Verpackungen mit englischen Namen und süßen Bildern. So greifbar! So köstlich! Was gäbe ich nun für einen guten Schokoriegel mit Nougatfüllung! Fünfzig Cent, zum Beispiel. Das Experiment bedarf eines Versuches. Die Hypothese muss bestätigt werden. Olaf, drück mir die Daumen. Rudi, drück mit. Plüschlöwe, befreie dich aus der Stofftüte, siehe zu und beteilige dich am kollektiven Daumendrücken! In meiner Hosentasche klimpern noch ein paar Münzen. Zweiundsechzig Cent, der erbärmliche Lohn für einen Nachmittag traurig in der Fußgängerzone beim Sterben angesehen werden. Ernüchternd, aber möglicherweise der Dietrich für den Leckereiautomaten. Zwanzig Cent, dreißig, vierzig, fünfzig. Zwei Tasten drücken. Hoffen. Bangen. Knibbeln. Der Greifarm dreht sich im Uhrzeigersinn und ein Riegel fliegt im Sturzflug Richtung Freiheit. Und nun, und nun? Ein weiterer folgt ihm. Ein dritter tut es seinen Freunden gleich. Und noch einer. Aller guten Dinge sind fünf. Es hört nicht mehr auf. Mehr Riegel als Zähne. Alle mein.

Danke. Danke einfach. An Gleis 7 steht eine alte Frau und schmeißt eine halbe Zigarette hinfort, um den Regionalexpress nach Hannover noch zu erwischen. Die Kippe fliegt in Zeitlupe und ich staune.

Die Dinger heißen Kundendifferenzierungsdreiecke

Und nicht Warentrenner.

Unglücklich versacken hier im Getrommel der kleinen Großstadt. Den Ärger des Morgens verschlafen, den Kopfschmerz-Dunst des Nachmittags schweigend über sich ergehen lassen. Abends dann in der Kneipe ausgedehnte Selbstzweifelei und sich nach neuen Sorgen umschauen. Ein neues Unheil marschiert die Tür hinein, wartet auf der Toilette oder im Portmonee. Irgendwas ist immer und überall und immer ist mir viel zu lange. Meine Woche nur eine Sekunde im lebendigen Giga-Komplex Welt und meine Worte nur ein nutzloses, unlebendiges Zitat vom Tod. Wenn ein Miniliter Regenwasser von der Decke tropft, sitze ich garantiert darunter. Tropfen auf den kalten Schein vom Sein. Keine Haare auf dem Kopf. Ungeschütztes, leeres Hirn. Die gestohlene Trinkgeldbox reicht nur für zwei Bier. Langes, schales Getränk. Die Leute haben zu wenig Geld und ich habe zu viel Durst. Zu wenig, zu viel, ständig von allem etwas und trotzdem nicht richtig. Wie ungegossene Zimmerpflanzen im Büro. Langsam verwesend, verfärbend, sterbend. Am Ende wird man umgetopft, Deckel drauf und Neues ersetzt das Leblose. Die Wahrscheinlichkeit, ausgetauscht zu werden, eine Hürde wie ein ägyptischer Turm. Klettern unmöglich.

Mein Schreibblock bleibt eine ewige Jungfer. Ideen kommen ans Fenster, winken mir zu. Sie wollen aufs Papier, sehnen sich nach Aufmerksamkeit. Ich könnte, sollte, müsste. Stattdessen ertrinke ich im Schwall der Nacht. Als Dirigent ohne Orchester.

Vom schönen Schein und wirklichen Leben

Vierzehn Uhr, Drehbeginn. Witzige Musik erklingt. Das Publikum in Studio 38 klatscht, jubelt, pupst und schaut nach links. Da springt jemand in die Manege, es ist der blondierte, pünktliche Moderator. Grinsende Rolle rückwärts, dann ein geiler Blick in Kamera 4.

„Grüß Gott, Grüß Publikum, Grüß Fernsehzuschauer! Willkommen bei ‚Wuttke‘, der Talkshow mit Wumms!“ Ein wuchtiges Wumms!-Geräusch erklingt. Das Publikum kennt das Jingle und freut sich, es endlich mal live hören zu dürfen. Der Telepromter fährt fort: „Unser heutiges Thema: ‚Hilfe! Meine Tochter geht illegal anschaffen und obwohl mein Mann Steuerberater ist, will sie die Erträge nicht von der Steuer absetzen‘! Und hier ist auch schon unser erster Gast: Melanie, 15 Jahre aus Memmingen!“ Von rechts kommt ein junges Mädchen herein, setzt sich auf den Stuhl und lässt sich von zweihundert Buh-Rufen beschallen. Sieben Sekunden lang sitzt sie regungslos herum. Dann erkundigt sich der Moderator, wie lange sie schon anschaffen gehe. Zwei Monate lang, sagt sie. Vereinzelte Buh-Rufe. Die nächste Frage fragt sie, wie viel sie pro Monat mit der Fickerei verdiene. Tausend Euro, sagt sie. Viele Buh-Rufe. Ob sie sich denn immer schütze, ist Frage drei. Ja, mit Kondomen, sagt sie. Der Kameramann winkt ins Publikum und zeigt an, dass hier nicht gebuht werden muss.

Ein Basecapmensch aus dem Publikum steht auf und der Talkshowfan weiß: Aha, da möchte wohl jemand eine Anmerkung machen. Kamera 1 hält drauf, der Moderator spaziert die Treppe zum Aufgestandenen hoch. Basecapman gibt sich zu erkennen: „Guten Tag, mein Name heißt Dieter Wedel und ick würde das Leben der kleinen Melanie jerne verfilmen, damit sie lernen tut, wie man mit ihren Problem umgehen kann! Du jehörst ins Kino!“ Melanie entkommt ihrer Regungslosigkeit und lacht vor Freude. „Ick mache aus dir einen janz großen Star!“ Nun weiß auch das Publikum, dass diese Idee sehr gut ist und manche fügen ihrem Applaus sogar Aufsteherei hinzu. Der Moderator improvisiert fremdsprachlich: „Juppie, wer sagt’s denn: a star is born in unserer Show! Tolle Sache, das!“ Melanies Mutter kommt aus dem Hinterstudiobereich herbei und fällt ihrer Tochter in die tätowierten Arme. Ein Praktikant hat Konfetti parat und schmeißt es vor die Linse von Kamera 3, welche gerade ein Freudentänzchen von Melanie und Melaniemutter filmt. Sektflaschenkorken fliegen und aus dem Nichts hört man Whitney Houston singen.

Im Hintergrund, abseits des Sichtfeldes der Kameras, schleicht sich ein Krawattenmann hinein. Er hat Mühe, sich das Mikrofon des Moderators zu stibitzen, aber als er es dann geschafft hat, hebt er seinen Zeigefinger und sagt: „Aber dass die Einnahmen ordentlich versteuert werden, junges Fräulein!“

Rätsel mit 2612 Zeichen, vorne ein Emmm

Mittwochnacht in Hamburg. Kurt saß im Wohnzimmer und löste Rätsel der „Apotheken-Rundschau“. Seine Frau bezog er in die Rätselei ein: „Hilde, sag an! Scheißlanges Wort mit achtundzwanzig Buchstaben! Vorne Peeeh!“. Hilde, gar nicht dumm, schrie zurück: „Palatalisierungsassimilation!“, doch Rätsel-Kurt musste sie enttäuschen. „Passt nicht! Neunter Buchstabe ist ein Errrr!“, „Hm, Pandaausrottungsmechanismen?“, „Neee, das hat ja nur siebenundzwanzig Buchstaben! Du bist ja zu gar nichts zu gebrauchen! Hurtig, koche mir einen Kaffee!“. Hilde ging hurtig in die Küche und kochte Kurt einen Kaffee. Sie stellte dafür einen Topf lauwarmes Leitungswasser in die Mikrowelle, drückte auf einen Knopf und der Topf wärmte sich drehend auf. Dreißig Sekunden lang. Ticktackticktackticktack. Ping! Die Tür sprang auf. Hilde goss den Topfinhalt in eine witzige Tasse, gab ein bisschen Pulver hinzu und steckte ein kleines, grünes Regenschirmchen in die Tasse. Für den Urlaubsflair, meint sie. Auf Mallorca machen das alle so. Kulturelle Trends muss man übernehmen, sonst geht man nicht mit der Zeit, sondern vor die Hunde. Wuff, wuff! Kläffen, bellen, kacken, fressen, rumliegen, pupsen, entlausen, urinieren und vor allem: blamieren. Hunde sind die peinlichsten Tiere der Welt.

Hilde tappte zurück ins Wohnzimmer. „Und, Kurti, hast du des Rätsels Lösung lösend enträselt?“, „Nein, aber ich möchte des Getränkes Geschmack trinkend erschmecken! Reiche mir die Tasse!“. Hilde reichte die Tasse und rieb sich nervös ein paar Mückenstiche auf. „Wollen wir nicht mal schlafen gehen?“, „Verdammte Yucca-Palme! Du siehst doch, dass ich rätsle! Was man angefangen hat, soll man auch zu Ende bringen. Oder glaubst du, ich wäre noch mit dir verheiratet, wenn ich nicht nach diesem Credo leben würde?“, „Kann ich dir irgendwie beim Rätseln helfen?“, „Nein! Neinneinnein! Nö.“ Minutenlange Stille. Ab und an ein Schlürfen. Einmal kurz konnte man Kurt murmeln hören: „Ha! Beliebte Technik autonomer Gruppen mit zweiundzwanzig Buchstaben und einem Kaaah am Anfang, wie rotzeeinfach! Kommunikationsguerilla!“ Zögerlich sah sich Hilde ihren Mann an. Er mühte sich sichtlich ab, seine Schweißporen arbeiteten fleißig. Achselschweiß steht niemandem. Die narbigen Hände zitterten. Schließlich gaben Poren und Körper auf. Muskelkater. Der Schwächere gibt nach. „Ich werde nun doch zu Bett gehen, Hilde. Scheiß aufs Rätsel!“. Hilde sah ihm tief in die Augen. Das war ihre Chance, jetzt! „Kurt, wollen wir uns scheiden lassen?“, „Mhh. Ja.“, „Okay. Gute Nacht!“, „Gute Nacht! Übrigens, was ich dir noch sagen wollte: Pandoraarmbandverkäuferinnen.“.

Tapeten übermalen

Schlürff, schlüüüürff. Köstlich. Milchkaffee ist eine gute Sache. Ich bin jetzt schon seit neunzehn Wochen regelmäßiger Milchkaffeeschlürfer in diesem Café und das brachte mir das Du anderer Stammgäste ein. Sie begrüßen mich freundlich und beiläufig, wenn ich den Laden betrete und sagen „Tschökes!“, wenn ich am frühen Nachmittag wieder im Großstadtgewüle verschwinde. Ich weiß nicht, wie sie heißen und noch viel weniger weiß ich darüber, was sie machen, wenn nicht gerade Unbekannte begrüßt und verabschiedet werden. Habe Besseres zu tun. Denn jedes mittelgute Café bietet dem Kunden aktuelles Tageszeitungsmaterial und so auch meins. Multi-Genitiv, witzig: Material der Zeitungen des Tages. Kleine Schmunzelei am Rande. Nette Freude des Lesealltags. Ein Spaßhappen. Nun ein bisschen Milchkaffeeverbesserung mit dem Zuckerstreuer. Auf einmal: Geräusch von rechts. Ich identifiziere es als gesprochenes Wort: Tag, ich bin der Karl! Du bist doch jeden Tag hier, sag mal, wie heißt du eigentlich? Verschriftlicht sieht das harmlos und nett aus, aber geklungen hat es ganz anders. Eher so: Tach, isch binner Kaahl! Du bis doch och jeden Tach hier, sach ma, wie heissu eigentlisch? Hm, schwer. Muss man sich vorlesen. Rheinischer Dialekt ist sehr eigen und manchmal ist dieses Eigene sehr unsympathisch, aber hier sprechen alle so und wenn es mich eklatant stören würde, wäre ich längst ausgewandert. Aber zurück zum aufkeimenden Dialog. Davor: schlüüüürffff.

Ich verriet Karl meinen Namen, er nickte und stieß unüberraschte „Aha!“-Laute aus. Was sollte er auch sonst tun. Der Schrat, der also den Namen Karl spazieren trug, setzt sich. Neben mich. Sind wir nun Freunde? Am Computer braucht man nur wenige Mausklicks, das muss doch auch auf die Realität übertragbar sein. Sag mir deinen Namen und ich sage dir, welche Musik ich gerne höre, in welches Land ich bevorzugt reise und wie regelmäßig ich dusche. Und wie temporär diese Bekanntschaften sind! Wie viele Leute doch alle paar Monate ihre Handys und Facebookfreundeslisten durchforsten, um sogenannte „Karteileichen“ zum Aussortieren finden. „Karteileichen“, was für ein Wort! Ich bin mir sicher, dass es vor etwa siebzig Jahren in anderem Zusammenhang von den bürokratiesüchtigen Autobahnerfindern in den Duden gebracht worden ist, aber sagen sollte ich das besser nicht. Ganz dünnes Eis. Und Karl? Karl sitzt einfach nur da. Er wartet wohl auf mich. Ich muss den nächsten Schritt machen. Will ich? Ach, sei es drum. Und, Karl, du bist wohl öfter hier? Ja, ist er. Ich auch. Hm. Unser Gespräch kommt nicht ins Laufen. Karteileiche Karl? Ja, so wird er wohl enden. Einsortiert, aussortiert, vergessen. Karl sagt: „Na dann, bis morgen. Tschökes!“. Bis morgen und bis nie, Karl.

Ein kurzer Bericht über Waldemars Weihnacht

„Technik, die entgeistert!“ ruft Waldemar und schmeißt die neue Digitalkamera gleich wieder aus dem Fenster. Konsequent, der Waldemar. Das Geschenkpapier behält er. Getreu der alten Messi-Weisheit: davon kann man nie genug haben. Kann man wohl. Ach Waldemar! Ein Urtyp bist du zwar, aber eben auch unsympathisch. Und doof. Schließlich ist nun das Fenster hinüber und der kalte Wind fliegt ins Wohnzimmer. Windtöne verschriftlichen ist schwierig, aber in etwa: schiiiiuuuuuuw. Siehst du, Waldemar; der Lohn für deine Konsequenz ist ungemütlich. Manch einer wäre nun an der Situation verzweifelt. Gut, dass du eine Idee hast: Tesa-Film. Taptaptap, in der Küche ist noch eine Packung, taptaptap, zurück ins Wohnzimmer. Eifrig klebst du die Lücken ab, bis deine Klebestreifenvorräte aufgebraucht sind. Du taptaptapst zurück in die Küche, aber dort liegt nichts zum Verkleben Brauchbares herum. Hättest du dein Geschenk nur nicht mit so verschwenderischer Tesa-Filmerei bedacht. Zweimal vier Zentimeter-Streifen, alte Faustregel. Nur, wieso schenkst du dir eine Digitalkamera, wenn du doch weißt, dass du keinen Nutzen aus ihr ziehst? Das siebte alleine verbrachte frohe Fest in Folge hat dich wohl gaga gemacht. Ach Waldemar. Jetzt fröstelt es hier noch mehr. Schau doch mal nach, was im Fernsehen kommt. Und hol dir einen kuscheligen Kashmir-Pullover, du wirst dir noch Schnupfen und Husterei holen. Wie es wohl der Weihnachtsgans geht? Ach, bei dir gibt es heute Tütenchips mit Käsedip? Konsequent, aber doof.

Die fröstelnde Zellmembran des Erektionsgestörten

Herr Weber sitzt, friert und macht Verkaufsversuche. Er hat sich einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt gemietet, doch seine Engelaktbilder gehen nicht weg wie warme Handschuhbommeln. Auch am heutigen fünften Tag wird er wohl wieder weihnachtsmannrote Zahlen schreiben. Einmal kam ein Zottel vorbei und hob den Finger, denn es sei ja Pädophilie, wenn kleine Engelchen unbekleidet und beflügelt auf einer Wolke sitzen. Erworben hat er nichts. Abgesehen von den lustigen Bommelmützen, die er aber zweiundvierzig Stände weiter gekauft hat. Von erhobenen Fingern kann ich nicht leben, seufzt Herr Weber in sich hinein. Die Verzweiflung scheint sich ihn als Endwirt ausgesucht zu haben. Nicht einmal das „20% auf alles!“-Schild lockt das Interesse der Geldbörsenbesitzer. Doch noch immer kosten die Farbdrucke von Gotters Helfern mindestens 39€, selbst wenn man sich nur vom kleinsten Format (19×19cm) anregt fühlt. Ob es der Preis ist, der den Kunstverkauf verhindert? Herr Weber wagt ein Herausfindungsexperiment. Er verlässt seinen Stand, stellt sich an einen Glühweinpilz und bestellt sich ein Warmgetränk mit einem Schuss Rum. Seinen einsamen Engelaktbildstand hat er aber noch im Blickfeld. Nun bald würde er wissen, ob die irren Leute seine Weke wenigstens stehlen würden. Fünfzehn Minuten vergehen, ohne dass jemand auch nur eine Notizblocknotiz vom verkäuferlosen Engelasyl genommen hat.

Sogar der indische Maronenmensch dort drüben verkauft seine alten und heißen Maronen. Herr Weber eskaliert innerlich vor Wut auf die falschen Konsumwünsche um ihn herum. Ein Engelbild sei doch viel nachhaltiger und wertvoller, meint er. Schließlich verlören sie nie an Aktualität und Ästhetik. Sie wären ein kreatives Geschenk, nicht nur fürs heilige Fest, nein, auch für Junggesellenabschiede, Trauerfeiern oder Firmenjubiläen. Diese Meinung vertritt Herr Weber leider äußert exklusiv und erfolglos. Er aber beschließt, weiter am Glühweinstand auszuharren und sein Experiment um ein prozenthaltiges Detail zu verbessern: für jede Viertelstunde, in der niemand seinen Stand konzentriert beachtet, bestellt er sich ab nun an einen weiteren alkoholreichen Glühwein. Ohnehin würden ja viele Erfolglose ihr weniges Geld versaufen, aber im Gegensatz zu ihm sinnlos, aber er hätte ja eine berufliche Komponente in seinen Alkoholrausch eingebaut. Da in der folgenden Zeit wenig passierte, behält sich der Autor dieser Zeilen vor, ein bisschen am Minutenzeiger zu drehen – Selbe Szenerie, zwei Stunden später. Herr Weber konnte keinen echten Besucher seines Standes beobachten, dementsprechend alkoholisiert taumelte er den Makronenverkäufer an und aß ihm frech seine Ware weg. Von den Verbrennungen an seinen Fingern sollte er erst tags darauf erfahren, als er flankiert von Schmerzen unter einem Tannenbaum unweit des Bommelmützenstandes aufwachte.

Doch er hatte Glück: seine Engelbilder waren zwar voll Schnee, aber vollzählig an ihrem Platze. Herr Weber zündete sich eine Zigarette an und dachte nach.

Irgendwas mit Vorweihnachtsstimmung

Feiermorgen! Feiernachmittag! Feierabend! Oder, bündig in ein einziges Wort zusammengepackt: Feiertag. Ich knuspere am Kaffeebeilagenkeks, reinige meine Nasennebenhöhlen in der Serviette und wärme meine Hände an der zweiten Kerze. Das Radio knartzt, es erklingt Weihnachtsmusik aus der Vorkriegszeit. Weihnachten ist nicht so gemütlich, wie es mir die Reklame immer vorgespielt hatte. Man reicht mir Kirschkuchen. Kirschen assoziiere ich mit Sommer. Irgendjemand macht hier irgendetwas falsch. Am Ende des Feiertages sind wir doch ohnehin wieder allein; allein mit uns, allein mit unserem Schnupfen, einsam mit unseren Problemen – heile Welt gleich verlogene Welt. Ich habe noch dieses Foto der Soldaten im Kopf. Dieses Zweiteweltkriegsbild, wo an Weihnachten Freund und Feind das Kriegsbeil im Schnee versteckt hatten, um gemeinsam am 24.12. den heiligen Tag zu zelebrieren. Und wie endete die Geschichte? Totgeballert haben sie sich trotzdem. Verlogen, sagte ich doch bereits. Oma stellt still Schlagsahne auf den Tisch, Onkel zögert, greift dann aber doch zu. Seine Worte passen nicht zu seinem Gesicht: Mhh, lecker, Sahne. Opa pupst, lässt diesen Vorfall aber wie immer unkommentiert. Morgen schon werden sie ihre Mäuler wieder aufreißen: Junge, geh früher ins Bett! Junge, hör auf zu rauchen! Junge, und wie du wieder aussiehst! Ich weiß, unliebe Verwandte. Ich weiß. Aber wundert euch nicht, wenn ihr unter dem Tannenbaum wieder nur Champagne-Trüffel-Pralinen von mir vorfindet.

Die Feiertagsgesellschaft schweigt sich weiter fleißig an. Anwesenheit ist die Pflicht, Verschweigen die Kür. Der dumpfe Radioton bestimmt einsam die Szenerie. Tralala, Friedefreude, Kirschenkuchen. Meine einzige Freude ist ein langer, unfreundlicher Furz, den ich bewusst nicht zurückhalte, um die Reaktionen zu testen. Tante reagiert am Schnellsten: Junge, sowas gehört sich aber zu Tisch nicht! Aber aufgezwungene Besinnlichkeit hat keinen anderen Kommentar meinerseits verdient. Und ab heute bekommt der Weihnachtsmann Gesellschaft im Club der Dinge, an die ich nicht mehr glaube. Kein Grund zum Feiern.

Nur Geschichten dürfen ungestraft eingebildet sein

Ich saß am Tresen in einem Café, ich trank konzerterwartungsfroh ein viel zu kaltes Bier. Ein alter Mann setzte sich neben mich und ich bemerkte schnell, dass er durchaus klüger war als ich, denn er bestellte einen Glühwein. Ich roch ihm an, dass er Raucher war und bot ihm eine Selbstgedrehte an. Er wehrte sich nicht, wollte aber von mir wissen, was ich als junger Bub denn auf einem Konstantin Wecker-Konzert wolle. Bier und Musik, sagte ich. Der alte Herr lachte, stimmte mir zu und pustete zwecks Getränkabkühlung in seine Glühweintasse. „Na, dann viel Spaß bei meinem Konzert!“, sagte er mit einer lustigen Altemenschenstimme. Diese schöne und unernste Tonlage, die junge Menschen nicht hinbekommen, weil es ihnen noch an Erfahrung und Koks fehlt. Ich jedoch fühlte mich ein bisschen schlecht, weil ich Herrn Wecker nicht erkannt hatte, aber er war es, ja, er war es, denn drüben hing ein Plakat mit ihm drauf und ja, doch, er war es wirklich. Konstantin Wecker rettete die Situation höchstpersönlich: „Nicht schlimm, Bub, Günther Jauch hat mich neulich auch nicht erkannt.“ Ich, wieder ganz der Alte, witzelte zurück: „Der ist ja auch ein Kapitalist, der hat mit Ihnen doch auch nichts am Hut!“, Herr Wecker und ich lachten und rauchten und tranken, auch der Glühwein hatte inzwischen wohl eine trinkfreundliche Temperatur.

Nach ausführlichen Gesprächen über unsere sehr unterschiedlichen Leben reichte mir der Grand Senijöhr des Liedermaching seine linke Hand, er schenkte mir das „du“ und so ein „du“, das lässt sich gut behalten, dachte ich. Ich nahm es später mit nach Hause. Zuvor sah ich meinem neuen Freund Konstantin dann noch ein bisschen beim Musikmachen zu und ich stelle mir vor, dass er mir sogar einmal kurz zuzwinkerte. Und leider, leider war dieser Satz der einzig Wahre in dieser Geschichte. Ich füge noch einen weiteren hinzu: es gab nicht einmal Glühwein dort.

Kopfschmerz beginnt im Herzen

An diesem Tag, an dem ich der Straßenlaterne beim Angeknipstwerden zusehen konnte, fragte mich meine Begleitung, ob es witzig sei, wenn man eine Fantasorte „Fanta Morgana“ nennen würde. Nein, sagte ich. Schade, sagte sie. Und fügte hinzu, dass mein Humor generell ein sehr eigenartiger sei. Ob sie sich selbst für eigenartig hielte, fragte ich sie. Nein, antwortete sie. Noch viel schader, sagte ich. „Schade“ lässt sich nicht steigern, sagte sie. Weil du solche Anmerkungen verteilst und zudem über das Falsche lachst, gehe ich selten mit dir spazieren, sagte ich. Ich gehe ungern spazieren, sagte sie. Siehst du, sagte ich. Und wusste: der Weg zum Zigarettenautomaten wird in Zukunft einsamer. Nein, ich hatte nicht sie verloren, sondern sie mich, redete ich mir stolz ein. Es kann nicht jeder permanent begeistert von mir sein, weiß ich heute. Denn gerade den eigenen Geist soll man möglichst lückenlos durchleuchten, bevor er vor lauter Flausen unsichtbar und ätzend geworden ist. Selbstwusstsein ist nämlich oft ein freches Gut. Man muss doch auch zittern dürfen, wenn man mal bewusst lügt oder sich unwohl ist beim Wechselgeldzählen.

Wer sich selbst vertraut, der kennt sich selbst zu gut oder wenig oder schon viel zu lange. Für diese Erkenntnis brauchte ich Jahre, genauer gesagt die zähen Jahre der Pubertät. In dieser Zeit trifft man den Alkohol, die Abkehr von einst heiligen Kuscheltieren und dennoch, hoffentlich, die Liebe. Am besten sogar die Liebe zu sich selbst, weil man selbst immer das größte Arschloch bleibt. Weil man sich nicht meldet. Weil man Pfandflaschen wegwirft. Weil man versucht, mit fremden Federn zu fliegen. Ich aber will fortan spontan sein und dennoch zielgerichtet. Das freundliche Wort gepaart mit dem Gedanken ist das Ziel. Der Gedanke an das Gemütliche, an die Zuverlässigkeit der Straßenlaternen und an die Gelassenheit. Pinkelt dir mal einer vor die Haustür, so mach den Gartenschlauch an, nicht den Pinkler. Er wollte dir nichts Böses. Er wollte nur er selbst sein. Er hatte wohl einfach nicht genug Selbstbewusstsein. Oder zu viel? Mache Dinge, die sind so verquer. Aber „Fanta Morgana“ ist mir heute durchaus einen Schmunzler wert. Es tut mir leid, Zigarettenmädchen.

Sand wie Heu im Stall am Meer

Wir befinden uns in einem beliebigen Kaufhaus. Kind zerrt Mutter jauchzend am Arm. Ein Dialog wird geboren.

Kind: (hektisch): „Mutti, bitte, ich möchte, dass dieses heitere Eiffelturmpuzzle in meinen Besitz übergeht! So erwirb es mir doch bitte! Du weißt doch: Puzzeln ist mein ungeheimes Steckenpferd, sozusagen mein Zusammensteckenpferd, hoho! Haha!“
Mutter (kalt): „Nein, Kind.“
(Traurige Stille. Kind entschiedet sich spontan für Tränenausschuss.)
Mutter: „Du weit, dass wir uns finanziell derzeit keine Steckenpferdsprünge erlauben können, Kind.“
Kind (schnauffend): „Mein Wortspiel war besser, schnüff! (holt Luft) Aber reite du nur weiter auf meiner Unzufriedenheit herum! Ich bin doch ohnehin nur noch dein zum Prestigeobjekt degradierter Sattelschlepper. Seit Vati fortgallopiert ist, genüge ich dir nur noch als menschlicher Lockduft für Frischfleisch. Du zerrst mich zu Singleparties, damit die wilden Hengste ein Gespräch mit dir beginnen. Du willst doch einfach nur wieder geritten werden!“
Mutter (bleibt uninteressiert): „Los, eile, die Kutsche namens Bus wartet gewiss nicht auf dich und mich.“
Kind: „So höre mir doch zu! Was interessiert mich der Bus! Es bleibt die traurige Tatsache, dass du meinen Kinderschweiß für deine Zwecke missbrauchst! Und was bekomme ich zum Dank? Zweitklassige Wortspiele statt erstklassiger Ravensburger-Puzzles! Ach Muttertier, du Luder! (frech) Höhott, na wo ist er denn, der nächste goldene Reiter? Na?“
Mutter: „Ich gebe zu, deine Wortspielerei ist durchaus amüsant, aber es bleibt bei der Konsumverweigerei. Doch wir können den Spielplatz visitieren, wenn du magst.“
Kind (blickt nun gehässig hinauf): „Hoho, gehen wir zum Moritzplatz; dort gehört ein Schaukelpferd zum Inventar? (Der Ernst kehrt zurück) Nein, mein einziger Wunsch bleibt das Tausendteilepuzzle. Siehst du meine zittrigen Hände? (zeigt seine Hände) Sie fordern den Eiffelturm! In tausend Teilen! Jetzt! Sofort! Und vergiss bloß das Geburtstagsgeschenkargument, es ist und bleibt ein leeres Versprechen! Du schenkst mir ja doch wieder nur Unfug. Ich erinnere dich an das Wendy-Abonnement im letzten Jahr.“
Mutter (endlich genervt): „Weißt du, was ich mir wünsche? Ein ruhiges, spielplatzliebendes Kind. Und einen Mann mit Pferdeschwanz. Frisur egal.“ (kichert)
Kind: „Mutter, dieser Witz ist von schlauen Kindern wie mir wegen fehlenden Tiefgangs verpöhnt. Und zudem nicht meinem Alter entsprechend. Nimm doch spaßeshalber einmal an, ich wäre nicht so ein forscher Springinsfeld; sollte ich mir den Witz von dir erklären lassen? Du kämest in Windeseile in Erklärungsnot. Um zu den heiteren Wortspielen zurückzukehren: deine Erziehung trottet im Schrittempo voran, wage doch wenigstens mal den Trab! Ich möchte nicht so güterlos enden wie du, du Zierpony!“
Mutter (will schlichten): „Du hast meine Nerven nun entschieden zu lange gekitzelt! Darum tausche ich deine Ruhe gegen folgenden Vorschlag: wir gehen heute Abend zu McDonald’s, wie wär’s?“
Kind: „Die haben ja nicht mal einen McHorse!“

Kind schweigt und grinst, Mutter sucht den Bus.

Der kalte Tag, an dem ich beschloss, dass Porzellan ab nun ein Gestein ist

Du kannst doch nicht ewig mit dem Bleistift gegen den Schreibblock klopfen und hoffen, dass eine kluge Metapher vom Himmel direkt in dein Gehirn rutscht. So eine Rutsche gibt es gar nicht! Verstehst du, was ich dir sagen will? Der Fisch muss dem Fischer schmecken, nicht der Schleuse. Oder, anders gesagt: wenn man Zahnschmerzen hat, geht man zum Zahnarzt. Wenn mal Pinienkerne möchte, sucht man den Wochenmarkt auf. Und wenn der Sinn nach frischen Geistesblitzen lechzt, geht man raus vor die seltene Tür. Dahin, wo all die Geschichten herumfliegen! Und nein, denk jetzt bitte nicht an Zeppeline oder Helikopter, nein, in solchen Gerätschaften sind die schönen Geschichten nicht unterwegs. Aber, wenn du Metaphern so gern magst, biete ich dir kostenlos die folgende an: die Geschichten befinden sich in Luftballons und dein Verstand ist der Pfeil, mit dem du sie greifbar und erntereif zauberst. Ein gezielter Wurf und der geheime Inhalt der Ballons wird in deinen Besitz schweben! Such vor allem nach dem literarischen Bullseye deiner Wohngegend! Das linke Auge bei der Jagd aber unbedingt zukneifen, damit sich dein literarischer Horizont erweitert. Weniger sehen ist manchmal mehr und manch ein Detail wird an dir vorbeiflattern, wenn du deinen Spürsinn stur auf das große Ganze richtest. Ein weiterer Geheimtipp, so von Hobbyschütze zu Hobbyschütze: wenn ein Luftballon in einem Baum zappelt, dann wird das einen Grund haben. Und vergiss nicht: dein Stift wird später dein Mähdrescher sein. Da kannst du also keine trivialen Kastanien gebrauchen, denn die zerstören deine mühsame Pfeilschießarbeit. Lass also liegen, was dir für deine Absichten ungelegen erscheint. Und zurück am Schreibtisch, bei der Auslese der Ernte, brauchst du schließlich nur schmackhafte Zutaten für der Zubereitung des Ganzen. Niemand mag Gewürznelken! Desweiteren kochst du am besten ohne Rezept und mit viel Mut. Schmeiß ruhig ein wenig Unreifes und Gewagtes hinein! Mische Porzellan und Marmor, letztlich ist beides Gestein! Bei lodernder Ungewissheit koste ruhig ab und an testend am Süppchen, aber verbrenn dir nicht die Löffel. Die wirst du noch brauchen, mein Freund! Verschwendung ist der eheliche Sohn des Unschönen. Aber bei richtiger Vorgehensweise wird dein Ergebnis irgendwann ein leckerer Anekdotensalat auf dem einst so hungrigen Notizblock sein.

Na, das war eine clevere Umschreibung, oder? Oder? Oder? Gefällt dir sowas? Na dann, die Tür steht vor dir. Ich könnte dir natürlich den Schlüssel leihen, wenn ich ihn denn besäße.

Von Doppelnullen und dem Kribbeln im Unterleib

Auf die Tür einer Pinkelkabine der Herrentoilette des Duisburger Hauptbahnhofs hat ein einsamer Mensch geschrieben: „Suche russische Frau für Dates“. Namenlos nur mit Handynummer versehen. Toiletten sind und machen eben einsam. Oh du stillstes Örtchen, wieso nennt man dich verniedlicht so, wo du doch meistens so unniedlich und gar kalt bist? Elvis Presley ist angeblich auf der Toilette gestorben. Auch wenn man sich auf der Toilette erleichtert, die größere Leistung des Lokus‘ ist eben doch die Erschwerung. Die Erschwerung von allem. Der miefende Alltag klettert die unschuldig sitzenden Knie hinauf, das Toilettenpapier ist unbeschrieben wie man selbst und am Ende des Tages ist dann doch alles voll mit Scheiße. Trotzdem wäscht man anschließend artig seine Hände. In Unschuld, natürlich. Aber von wegen entleert: der Zweifel ist ein dauerhafter Wirt. Dennoch hastig zurück ins Bunte, die Sorgen längst wieder weggespült. Jaha! Immer nur rein und raus: das ist verkehrt. Ständig die Hast, niemals bleiben sie stehen. Nie schauen sie mal in den Spiegel, er hängt herum und möchte benutzt werden. Sie lassen sich nicht erschrecken, so wie damals in der Geisterbahn. …~ Nur die Glücklichsten können es sich leisten, beim Stuhlgang zu lesen oder Gameboy zu spielen. Anstatt die Probleme auszusitzen, haben sie auf der Toilette die besten Ideen und finden es entspannend dort. Diese reinen Leute sind Selbstzweifeln und Einsamkeitsgefühlen gegenüber resistent. Sie fürchten sich nicht vor der Wahrheit, die auf der Toilette hockt und beißt und pieckst und tritt und nicht wegspülbar ist.

Es ist unfein, der zweiten Gruppe der Zufriedenen und Gefühlsgesunden anzugehören. Aber was, wenn man derzeit einfach viel zu wenig Gründe zum hat? Es stirnrunzelt sich derzeit eben sehr schlecht bei mir1. Ich spiele „Super Mario Land“ auf der Toilette. Heute habe ich viel gegrinst. Ich esse die Suppe derzeit mit der Gabel. Die Duisburger Toilettenschmiererei hätte aber auch mal von mir stammen können. Viele schlechte Poeten haben sie ja bereits angesprochen, die fiesen Nebenpfade, die auf dem Weg zum Glück warten. Ich habe sie alle durchquert! Ich prügelte mich mit Igeln und schwamm durch Pfützen! Ich widerstand dem Baum der Erkenntnis; ach was, ich widerstand einem ganzen Wald! Und nun Hallöchen, Pfad des Glücks! Hier bin ich, hier ist mein Grinsen! Ich werde nun auf dir spazieren! ~ Ob der tatsächliche Herrentoilettenautor dem unausweichlichen Leben inzwischen ähnlich unbeschwert zuzwinkern kann wie ich? Irrte sich eine adrette Russin an der Toilettentür und hat sich in ihrer Verwirrung auf seine Annonce gemeldet? Kann er jemandem die Hände reichen und sagen: Hey, komm, wir fahren nachts mit der Elbfähre Glückstadt–Wischhafen die Elbe hinauf und trinken dabei ein gutes Getränk! Einfach nur so, weil wir es können! – Kann er? Kann er?…

  1. vgl.: Du hast gelogen, als wir das Geld sammelten, Zeile 1.

Urknallerbsenstrauch

Kastanienmännchen gehören abgeschafft. Pflanzen, die mehr als einmal täglich Wasser benötigen, müssen verboten werden. Ich bin für die Abschaffung von Peniseinführungsgebühren. Und weil ich das alles derzeit noch exklusiv denke, werde ich spätestens in meinem nächsten Leben werde Politiker auf ganz, ganz hoher Ebene. Bundestag reicht mir nicht. Europaparlament ist zwar nett und fein und groß und bestimmt auch für irgendwas wichtig (Europa?), aber wenn man wirklich mal auf den Mahagonitisch hauen will, muss man ins weiße Haus. Aus den amerikanischen Nachmittagssendungen habe ich gelernt: Amerikaner sind nicht so schlau wie, zum Beispiel, finnische Kinder. Deswegen ist es in den USA auch so einfach, Präsident zu werden. Forderungen werden dort jubelnd durchgewunken, sobald man sie mit zwei bis drei Kilo Pathos serviert -…Amerika braucht jetzt ein Kastanienmännchenverbot, damit die Welt in Frieden leben kann! Wir Amerikaner sind stolz auf unser Vaterland und auf unsere glorreiche Geschichte und I have a dream und der Irak kann nur demokratisiert werden, wenn Kastanien nicht länger von Streichhölzern und ach so kreativen Kinderhänden penetriert werden. Time for change! Wählt mich! – So oder so ähnlich. Nur eben auf Englisch. Die Menschen in Amerika sprechen nämlich gar kein Deutsch. (In der Schule aufpassen lohnt sich manchmal eben doch, denn hätte ich dieses Faktum nicht parat, wäre das ganz schön peinlich für mich; so ganz viele Zuhörer und alle gucken nur unverstehend herum, man stelle sich das nur mal vor!) Auf der Englischübersetzungenfachmannseite „leo.org“ diskutiert man derzeit darüber, wie man „Kastanienmännchen“ vernünftig übersetzt. Aktuell im Rennen: „Chestnut man“, „Chestnut manikin“ und „conker man“. Letzteres soll allerdings „British English“ sein, kommt also nicht für meine amerikanische Wahlkampfrede in Frage. Außerdem erhält man das hier, wenn man danach googelt.

Hodentorsion sollte übrigens auch abgeschafft werden. Sieht einfach nicht ästhetisch aus. Aber auch darum kümmere ich mich, wenn es soweit ist. Oma meint, zu weit im Voraus planen ist verkehrt. Aber ich glaube es war Goethe, der mal gesagt hat, dass man nicht auf morgen verschieben solle, was man auch heute tun könnte. Ich wäge nun also ein bisschen zwischen Oma und Goethe ab. Kann danach ja entscheiden, ob ich lieber morgen oder heute Präsident der USA sein möchte. Vielleicht mache ich das aber auch davon abhängig, auf welche Übersetzung sich die „Leos“ nun einigen. Bin für „Chesnut manikin“. Übrigens, lang lebe Vic Chesnutt.

Halt still, sonst kommt dir das Shampoo in die Augen und es tränt

Tiefgründig recherchieren heißt, die Wurzel einer Begebenheit auszubuddeln oder sie wenigstens ein bisschen mit dem Spaten an ihr zu klopfen. Buddeln kostet Kraft. Also kein Buddeln. So schüttle ich behutsam den großen Informationsbaum; ein paar Happen Infoobst werden sich gewiss von ihren schwachen Ästen trennen lassen. Und siehe da, der Mammutbaum des Wissens zeigt sich spendabel. Danke, Wikipedia. Wikipedias gesammelte Ausführungen zum Thema stillen meinen kleinen Hunger in diesem Falle vollkommen. Auch wenn Kalenderspruchgutfinder nun krakeelen werden, dass man nie genug wissen könne. Oh, ihr Kalenderspruchbesitzer, was wisst ihr denn schon. Vom Datum mal abgesehen. Eben dieses braucht man sich sowieso nicht merken, so schnell wie es sich in einer unsympathischen Regelmäßigkeit ändert. Vorgestern ist übermorgen schon letzte Woche, oder so ähnlich. Nein, anders, denn ausschließlich am Wochenende könnte man diesen Satz sagen, ohne peinlicherweise im Unrecht zu sein. Ich kenne aber auch Leute, die mit voller Absicht derlei Falschheiten in Gespräche puzzeln. Clever, denn objektiv Falsches ist Medizin für jedes Gespräch. Balsam für die Konversation. Sanostol für den Schwatz. Neinsager sein ist gesund. Jasager sterben unglücklich und vollkommen zurecht: in der Hölle wartet bereits der Kopfnickausnutzer Satan und schwingt sabbernd seinen Dreizack, der die frisch gestorbenen Jasager daran erinnert, dass sie ruhig Jasager bleiben dürfen – sie werden schließlich noch für schwere körperliche Arbeit benötigt. Jasager müssen nämlich in der Hölle Pyramiden und sinnlose Statuen bauen und zwar rund um die Uhr. Seht ihr, liebe Jasager, dann kann euch auch scheißegal sein, mit welchem Datum sich der Tag schmückt.

Und Neinsager? Wir mutigen Neinsager dürfen im Himmel vollkommen legal in der Öffentlichkeit urinieren. Und in der Straßenbahn rauchen! Beschissene Partydresscodes gibt es dort oben auch nicht. So wie es ohnehin keine Mottoparties mehr gibt. Und auch die Starbucksleckerfinder fehlen gänzlich, sie landen alle bei Satan. So einladend wie der Himmel könnte ruhig auch mal ein Stadtteil von Berlin sein. In Berlin sind alle Stadtteile irgendwie gleich und die, die sich dann doch ein bisschen unterscheiden, sind immer noch schlechter als die, die gleich sind. Meine Meinung zu Berlin kann ich aber auch in einem Satz ohne drei Kommata kundtun: Berlin mag ich nicht. Aber, lieber Leser, erinnern Sie sich an die These, die ich im Verlauf dieses Durcheinanders zu objektiven Falschheiten in Gesprächen geäußert habe? Und bermeken Sie, wie ich diesen Text mit eben solchen, naja, Lügen am Leben gehalten habe? Sehen Sie? Ein paar verquere Blödsinnigkeiten reichen und das Gespräch (hier: Textgebilde.) gedeiht und wird ein interessantes. Einst, nämlich bei der Einleitung, ging es mir nur darum, von meiner Recherche zum Thema „Tourette-Syndrom“ zu berichten. Denn der Wikipediaeintrag zu dieser Erkrankung enthält in seinem Inhaltsverzeichnis den Unterpunkt 4: „Positive Auswirkungen des Tourette-Syndroms“. Ich wollte nur kurz die Frage stellen, ob es moralisch vertretbar sei, bei einer Krankheit von einer positiven Begleiterscheinung zu sprechen. Einem Menschen, der bei einem Skiunfall sein rechtes Bein verloren hat, macht man doch auch nicht fröhlich darauf aufmerksam, dass er nun einen vergünstigten Eintritt zu Kinovorstellungen und Sportereignissen habe. Kann man das vergleichen? Also ich kann.

(Außerdem, positive Begleiterscheinungen des Tourette-Syndroms? Da gab es doch mal eine lustige South Park-Folge. Richtig! Und die kann man sich hier ansehen. Geiler Scheiß! Und als zusätzliche Bonusleckerei hier ein kurzer Spaß vom lustigsten Isländer der Welt. Nein, nicht von Friðrik Þór Friðriksson, sondern von Hugleikur Dagsson: klick)

In diesem Raum ist keine Liebe

Im ICE fühlte ich mich ein wenig verkehrt am Platze. Lauter Schlipsträger, die mit ihrer täglichen Fahrt von Frankfurt nach Münster fleißig hunderte bahn.bonus-Points sammelten, um diese dann für Krimskrams einzutauschen, den sie sich ohnehin locker hätten leisten können. Wer scheißreich ist, braucht keine unpersönlichen Geschenke. Alle fünf Minuten kam eine Gestalt satt und zufrieden aus dem Speisewagen. Und ich saß unsatt herum, las mein kicker-Sportmagazin und freute mich darüber, dass St. Pauli gewonnen hatte. Ich konnte mich auch nicht satt sehen am schönen Tabellenbild der ersten Bundesliga. Wie so viele Menschen hege auch ich eine begründete Sympathie zum FC St. Pauli – und gehöre auch zur Gruppe derer, die sich, sobald die Paulisympathie auf den Tisch gelegt worden ist, darüber beschweren, dass St. Pauli heutzutage so ein Kommerzclub geworden ist. Der einzige Nicht-Kommerzclub im deutschen Profifußball ist der SC Paderborn. Und niemand mag den SC Paderborn. Aber darum soll es nicht gehen. Meine Mitfahrerin bejate meine Frage, ob es Zufall sei, dass sich „ICE“ auf „FDP“ reime. Während des Bejaens spielte sie an ihrem iPhone. Ach wisst ihr was, fahrt ihr doch alle eure eigene Zugfahrt, ich höre nun „Die Sterne“. Die Tage davor waren angepasster. Im Urlaub lacht man beinahe täglich über nichtverstandene Witze in anderen Sprachen. Spanisch ist übrigens keine schöne Sprache.

Ich mag vollbärtige Südeuropaurlauber, die sich in einem sonnigen Land holzbraun färben lassen, um sich dann, zurück im eisigen Allgäu, den Bart abrasieren zu lassen. Was dann als Souvenier bleibt, ist ein halbbraunes Gesicht. Nicht, dass ich einen derart tollkühnen Menschen bereits getroffen hätte, aber weil ich mir den Anblick heiter vorstelle, möchte ich hiermit darum bitten, meine Idee einmal umzusetzen. Der Trend ist gebärfähig, aber irgendjemand muss den Fötus endlich mal ausspucken. Kennt jemand prominente Vollbartmenschen aus dem Allgäu? Alter, Größe, Geschlecht, alles egal. Ich möchte nicht umziehen müssen deswegen, das Allgäu gefällt mir nicht und dieses Urteil darf ich mir erlauben, denn ich fuhr gestern in ihm herum (siehe erste vierzehn Sätze dieses Textes). Menschen ziehen meistens dann um, wenn sie glauben, die Nachbarn könnten einen nicht leiden. Und dann hoffen diese Gemochtheitsfanatiker darauf, dass der neue Nachbar Potential für Liebeleien oder wenigstens eine gute Freundschaft haben könnte. Doch so spendabel ist der Zufall nicht. (Dies war eine Überleitung zum nächsten Gedankenkomplex. Bitte lesen Sie weiter:) Die besten Dinge, so sagen nicht nur umziehende Menschen, passieren aus Zufall. Selbstredend weiß der hier schreibende Mensch diese These zu widerlegen. Dafür hat er ein Beispiel parat. Wir befinden uns geitig nun auf einer Party. Ein Männlein trifft „zufällig“ ein ihm unbekanntes Weibchen, er äußert sexuelles Interesse, die beiden ficken die ganze Nacht auf der Toilette, verlieben sich dann sogar noch ineinander und müssen sich Jahre später zwei Kinder teilen. Zufall? Nö. Unwissen.

Männlein wusste nicht, dass Weibchen herumexistiert und andersrum. Auf der Party wurde diese Wissenlücke gestopft. Und nicht nur die, haha, Pubertätshumor, Verzeihung. Auf folgende, einfache Schlussfolgerung wollte ich eigentlich hinaus: die besten Dinge passieren aus Unwissen, beziehungsweise Dummheit. Endlich eine vernünftige Antwort auf die Feststellung, dass sich heutzutage so viele Menschen fürs Dummsein entscheiden. Gar nicht so dumm, die Dummen. Die fummeln wenigstens auf Toiletten herum. Und die Schlauen? Die fahren ICE? Ich habe, für mich untypisch, keine Ahnung; schade aber, dass für derlei Begebenheiten das alte Arschloch Zufall all den Ruhm für sich beansprucht. Denn auch beim Geschichtenschreiben behaupten viele, dass der Alltagskönig „Zufall“ Ehre und Respekt verdiene. Zu Unrecht. Denn die schönsten Geschichten, die schreibt Max Goldt.

(Ich bedanke mich ausdrücklich bei Oliver für die famose Überschrift!)

Die dritte Seite im Regelheft habe ich von meinem Tischnachbarn abgeschrieben und dabei jeden Rechtschreibfehler absichtlich übernommen

In Dresden freuen sich die Mägen regelmäßig über „Eierschecke“. So nennen die Leute dort eine Kuchenspezialität aus Hefe, Eigelb und Pudding. Neulich war irgendein Mauerdeutscheeinheitjubiläum und anlässlich dieses stupiden Feiertages berichtete ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender über diese angebliche Leckerei, die niemand kennt. Der sehr gute Erich Kästner soll einmal gesagt haben: „Die Eierschecke ist eine Kuchensorte, die zum Schaden der Menschheit auf dem Rest des Globus unbekannt geblieben ist.“ Ich denke, dass dieser Satz auf seinen Hauptsatz reduziert werden kann. Die Eierschecke ist eine Kuchensorte. Der Satz wäre viel gemütlicher, jegliches Konfliktpotential wäre futschikato und die Dresdner könnten sich wieder auf andere Exklusivitäten berufen: Frauenkirche, Hygiene-Museum, Sächsisch. Ich wette, dass mindestens jeder vierte Dresdner eine Aufregungsorgie lostritt, wenn er mal über den Stadttellerrand hinausblickt und in einem, hm, sagen wir mal Berliner Kaffeehaus sitzt: schau mal, Heiko, die Berliner kennen zwar leckere Kuchen, aber nur wir haben die Eierschecke. Heiko würde hinzufügen: ein Jammer! Noch größere Idioten würden sicher auch noch den drittdümmsten Satzanfang Westeuropas bemühen: in der DDR war nicht alles schlecht; wir hatten schließlich Eierschecke (und Kati Witt). Zweitdümmster Satzanfang übrigens: Man darf ja wohl noch sagen, dass. Der Erstdümmste ist meiner gruseligen Jugend geschuldet: Es war einmal. Märchen konnte ich nie leiden, sie klangen für mich immer wie Bibeltexte. Buch Grimm, Kapitel vier, Vers neun: und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Als ob.

Eierschecke schmeckt bestimmt gar nicht so schlecht, kann ich nicht beurteilen. Noch nie war ich in Dresden. Nur einmal kam ich mit Dresdnern in Berührung, als ich 2004 versehentlich mit den Fußballfans von Dynamo Dresden den Aufstieg in die zweite Bundesliga feierte und mich neben einem Radiomenschen wiederfand, der mir ein Mikrofon an den prepubertäten Mund presste. Und, kleiner Mann, du hast extra die weite Reise nach Krefeld angetreten, um den Aufstieg von Dynamo mitzuerleben? Nein, äh, ich komme von hier und drücke den Gastgebern die Daumen. Er war daraufhin verwirrt, ich war verwirrt und auch die Radiohörenden daheim sowieso. Dafür möchte ich mich nun mit leichter Verspätung entschuldigen. Dennoch bin ich unschuldig am Abstieg, der im Folgejahr sicher ganz andere Gründe hatte (zu wenig Punkte, zu viele Gegentore, falsche Kuchen). Ich weiß es nicht, so wie ich auch nicht weiß, wofür die Abkürzung „PVC“ steht. Dennoch komme ich tagtäglich prima mit Fußböden zurecht. Unwissenheit sorgt unselten für die schönsten Geschichten. Karneval 2000, als BSE (noch so eine unbekannte Abkürzung, aber es handelt sich dabei um Rinderwahn) gerade seinen Popularitätshöhepunkt hatte, aß ich eine Bratwurst und dachte daraufhin, dass ich sehr bald sterben müsste. Ich weinte stundenlang mein Panzerknackerkostüm voll. Natürlich lebe ich immer noch, aber sterben werde ich irgendwann, da bin ich mir relativ sicher. (Und jetzt mache ich das, was sehr gute Kolumnisten immer tun; nämlich den letzten Satz in Einklang mit dem Tenor des Textes zu bringen.) Aber bevor ich sterbe, muss ich unbedingt noch Eierschecke probieren; guten Appetit!

Ob dachlos oder nicht, die Luft fliegt dir um’s Gesicht

Die Überpünktlichkeit des Busfahrers ermöglicht mir die Gelegenheit, vor dem obligatorischen Schwänzen des donnerstäglichen Physikunterrichts noch einen Schwenk in die Innenstadtrandgebiete zu machen. Wie ich dort so spazierend eine Zigarette qualme und mir erlaube, an meiner Abiturzulassung zu zweifeln, da entscheidet sich meine Aufmerksamkeit für einen Ausflug auf den Boden. Dort hatte sich ein offensichtlich Obdachloser in eine Wolldecke gekauert. Er schläft den traurigen Schlaf der Nutzlosen. Seine kleine Decke ist dabei derart bemitleidenswert, dass sie einen eigenen Bettelpappbecher verdient hätte. Dreck, Löcher und der unaufhaltsame Großstadtsmog wohnten ihr bei. Wäre die Decke ein Lebewesen mit Verstand und Gestalt, so trüge sie der eigenen Armseligkeit angemessen ein trauriges, aufgebendes Gesicht. Sie wäre sich ihrem Schicksal bewusst – wohl nur ein pervers großer Zufall könnte sie retten und ihr eine löcherstopfende, warme Zukunft schenken. Ja, diese Decke gehört seinem Besitzer zurecht. Welch seltener Gedanke; zuletzt, so recherchiere ich, muss ich ihn in der Grundschulzeit gedacht haben, als ich im Kinderzimmer meines langweiligsten Grundschulfreundes Martin eine Bettdecke von Bayern München vorfand. Ich freue mich über so viel vom Obdachlosen angeregte Geistesaktivität – meine Physiklehrerin erreichte Vergleichbares nur dann, wenn sie voller Pathos über den deutschen Erfindergeist referierte – und lasse mich diesen Gedankenstrom fünfzig Cent kosten. Der Pappbecher dankt, stellvertretend für seinen ruhenden Eigentümer.

Schlafend verdient der Obdachlose dort nun also sein Geld, reich werden wird er damit dennoch nicht werden; unabhängig davon, über wie viele Jahreszeiten er den Winterschlaf noch ausdehnen konnte. Es ist mir übrigens wichtig, bewusst von einem „Obdachlosen“ zu sprechen und nicht die Bezeichnung „Penner“ zu wählen, die deutschlandweit synonym für eben diese zumeist unfreiwillige Lebensverkürzungsmaßnahme verwendet wird. So wie es Gründe dafür gibt, dass der Maler und Lackierer eben nun Maler und Lackierer geworden ist und beispielsweise nicht als Flugbegleiteter oder Theologe arbeitet, so hätte mein schlafender Freund gewiss auch eine Erklärung für die Tatsache, dass er zwischen von Hunden und Säufern vollgepissten Wänden übernachtet. Bei seiner Erklärung müsste man zwar auf witzige Zufälle und die Zufriedenheit im Gesicht verzichten. Aber wer nur schöne Geschichten hören will, der soll anderorts nach ihnen suchen. Für derlei Juhu und Tralala bieten sich prinzipiell Familienfeste und öffentlich-rechtliche Volksmusiksendungen an. Und da sich beides, ungeachtet meines fast objektiven Urteils, Scheiße zu sein, in unverständlicher Beliebtheit suhlt, möchte ich beim Schönegeschichtenhörenwollen mitterweile schon von einem Volkssport sprechen. Tut mir leid, Schlafender, den Weg zum Glück geht die Gesellschaft wohl freiwillig ohne dich.

Und du, du träumst gerade von einer hübschen Frau, die dir Kinder und zu Weihnachten Classic Rock-Sampler schenkt. Von schönen Klamotten, deren Preisschilder du derzeit noch vom Boden aufsammelst und studierst. Von einem Urlaub, meinetwegen auch nur innerhalb Deutschlands, das Erzgebirge soll so schön sein. Du träumst von einem schnellen Auto und häufigem Volltanken. Von warmen Mahlzeiten und Zeitungsabonnements. Und du träumst von einer Wolldecke, die grinst und wärmt. Ich wünsche dir viel Glück, du schlafender Riese. Und stelle fest: am meisten lernt man im Physikunterricht, wenn man ihn vermeidet.

Verzweifeltes Kleinstadttrinken

Und wie ich da so alleine am Tresen saß, da kam ein Stammgast und stellte Stammgastansprüche. Es sei sein Platz, auf dem ich hier säße und wenn ich ein Problem damit hätte, dann könnten wir vor die Tür gehen und er war zudem auch tätowiert und Menschen mit Tattoos sind statistisch gesehen im Normalfall stärker als ich. Ein langer Satz, eine kurze Reaktion: ich räumte meinen Platz und spielte ein bisschen Verständnis vor. Mein Bier schmeckte nun nicht mehr so gut. Ich bin doch auch jede Woche mindestens einmal hier, wie lange dauert es denn noch, bis auch ich einen festen Platz habe und Kneipentouristen von meinem Sitz verscheuchen kann? Ist es nur die Zeit, die vergehen muss? Aber Zeit rumbekommen ist doch keine Leistung, ein Stammplatz darf keine Dauerrumsitztrophäe sein! Naja, vielleicht erstmal eine rauchen. Der dahinten hat immer Gras mit, der ganze Puff hier riecht immer nach dem Zeug. Was ich nicht verstehe: wieso hängt in dieser Kneipe an der Decke ein Ventilator? Diese dreiblättrigen Rotordinger, wie man sie sonst nur in US-Filmen sieht, glaube ich, weiß nicht so genau. Das Geruchsgemisch aus Haschisch, Bier und Nikotin kann sich nicht an der Decke absetzen, sondern schwirrt unfreundlich über die Köpfe der Trinkenden. Ist das gesund? Soll mir auch egal sein, ich wünsche mir stattdessen ein Musikstück: „Lightning Blue Eyes“ von Secret Machines. Ein Brecher von einem Song! Der Wirt versteht nicht, was ich will und spielt Billy Talent. Arschloch. He, Arschloch, gib mir noch ein Pils! Ja, ein großes!

Klingeling, mein Handy vibriert. Geil, eine SMS! Freunde! Ich lese: „ey du ficker wir pokern in der ritterstraße 48 komm ma vorbei wir brauchen gelt“ Geld mit t, hohoho, Humor! Ich bin ein außerordentlich schlechter Pokerspieler, deswegen fragen sie mich ja immer nach meinem Erscheinen. Bevorzugt dann, wenn ich mit hoher Wahrscheinlichkeit Hochprozentiges in mich hinein gekippt habe. Die Gefahr eines Ausversehensieges des mittelreichen Säufers besteht dann zwar natürlich immer noch, aber sie ist verschwindend gering, weil sie mich immer verarschen, wenn es um den Wert meiner Karten geht. Ich werde immer Letzter, lege mich dann aufs Sofa, trinke, gröle und kotze, bis ich rausgeworfen werde. Irgendwo erbärmlich, aber ich pokere halt gerne. Poker riecht so nach großen Gewinnen und Coolness. Ritterstraße, wo ist die denn nun wieder, Scheiße. Ich frage einen Alten. Alte Menschen sind sehr schlau und haben die Pokerlounge-App in ihren Kopf eingebaut. Sie kennen alle Straßen dieser Stadt, wissen aber nicht, wo in der nächstgrößeren Stadt der Bahnhof ist. In ihrer Heimatstadt liegengebliebene Versager. Freunde und Verwandte alle tot oder ausgewandert. Die Frau ist nicht mehr so schön wie früher und liegt bereits schlafend zu Hause und hat komische Furunkel am Fuß. So möchte ich nicht enden. Die Ritterstraße ist nur vier Straßen weiter, hinter der großen Fleischerei, wo früher eine Krawattenfabrik war. Soso. Nö, ist mir zu weit. Ich habe Lust auf eine Versagergeschichte und lasse mir eine erzählen.

Ohhh, schade, er ist bei seiner Arbeitsstelle rausgeflogen, weil er ein Alkoholiker war und ist. Dann ging er in Frührente und verschuldete sich auf einer Kaffeefahrt. Hahaho, Klieschee, mein alter Freund, da bist du wieder und bestätigst dich! Dreimal verheiratet war er und fremdgegangen ist er regelmäßig und dann war es vorbei mit dem Frohsein. Und nun sitzt er hier neben mir, würgt sein halbes Leben heraus. Er hat wenig erreicht und dabei nichts geschafft. Respekt. Wir freunden uns an, hoffentlich stirbt er mir nicht so schnell weg, denke ich mir. Vier Stunden später kommt eine weitere SMS: „arschloch wir wissen eh wo du bist du elender krüppel wir kommen gleich vorbei halt uns plätse frei“. Plätze mit s, clever. Dann bis gleich, der Stammgast hat seinen Platz sowieso längst geräumt! Cheers, auf uns!

Einzimmerwohnung auf der Schlossallee

Ein Bekannter von mir hat neuerdings angefangen zu rauchen, wohl vom Fehlgedanken geleitet, dass sich seine gesellschaftliche Position dadurch verbessere. Auf seine erste weggequalmte Schachtel Marlboro war er so stolz, dass er die Zigarettenstummel gesammelt und samt Schachtel aufgehoben hat. Falls mal Gäste kommen: seht her, ich rauche! Wahrscheinlich hat er auch mit einem Taschenmesser das Datum des Erstrauchens in die Packung geschnitzt. So ein Unfug. Ich habe doch auch nicht den Bierdeckel aufgehoben, auf dem mein erstes Bier stand. Oder das Kondom vom ersten Mal. Ich nenne ihn jetzt „Ersterfahrungsammelmessi“. Ersterfahrung-Sammel-Messi. Schönes Wörtchen. Doch ratzfatz zum nächsten Termin auf meiner Kurzgeschichtenschnipselagenda: Zugfahren. Es hat Gründe, weswegen hier derzeit häufiger vom Zugfahren erzählt wird, sehr gut sind die Gründe sogar. Es klingt so wunderbar touristisch, wenn der digitale Fahrbegleiter sagt „In Kürze erreichen wir Lünen Hauptbahnhof!“. Als wären wir Fahrgäste ein großes, fröhliches Reisekollektiv auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten und Stadtranderholungen. Wenn Sie nun in Fahrtrichtung rechts schauen, sehen Sie die neue Zugverspätungsanzeige, erbaut 2009 von Rüdiger Grube! Beachten Sie auch die kulinarischen Genüsse, die unser Weingummiautomat für Sie bereit hält! Und die jungen Fahrscheinkontrolleurinnen servieren bunte Informationsbroschüren namens „Wunderschönes Westfalen“ und kostenlose Cocktails.

Auch sehr schön: das Bahnpropagandaheftchen „bahn mobil“. Hier geben sich Bahnberichte und Nichtmeldungen die Hand, verschmelzen miteinander und bilden so eine konsumentenfreundliche Journalismussymbiose. Man erfährt, wie nett die Bahn ist („Tausend neue Auszubildene bei der Bahn! Kinder sind unsere Zukunft und Bildung ist voll wichtig!), wie supernett die Bahn ist („Fensterplatz im ICE? Kein Problem, kostet aber!“) und nebenbei noch ein paar witzige Geschichten von hier und drüben. Wusste ich vorher, dass es in Ostdeutschland noch Ostseegebiete gibt, in denen Zwangsnudismus herrscht? Nein, wusste ich natürlich nicht, aber natürlich bin ich ein großer Freund der Freikörperkultur, wenn auch nur im eigenen Hause und selten. Ein Sodokurätsel bietet das Blättchen ebenfalls und wer ein fieser Fahrgast ist, der kann ja einfach eine einzige, aber absichtlich falsche Zahl in das Rätselquadrat hineinschreiben; zur Unfreude des Sitzplatznachfolgers. Zu gewinnen gibt es eine Bahncard 25. Hab ich schon. Schade.

Gummibärchen in der Mikrowelle

Ich schieße Kastanien gegen Hauswände und begrüße den Herbst mit ein bisschen trotziger Fröhlichkeit. Nebenbei knuspere ich „Mjölk“-Knäckebrot von Wasa auf den Bordstein. Hinter mir flattern die Tauben und wissen die schwedische Vollkornkost zu schätzen. Interessant zu wissen: in anderen Ländern ist Knäckebrot nicht rechteckig, sondern rund. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bemerke ich zwei Taubstumme, die sich in Zeichensprache unterhalten. Klopf, klopf, gestikulier! Mir kommt in den Sinn, dass Taubstumme gar nicht flüstern können. Schreien auch nicht. Sprechen auch nicht, haha. Herrje, meine Gedanken wieder, unnett von mir. Zudem scheint den zwei mitteljungen Menschen aufgefallen zu sein, dass ich sie belausche. Obwohl, auch dieses Verb ist wohl unpassend gewählt, daher neuer Versuch: Zudem scheint den zwei fast alten Menschen aufgefallen zu sein, dass ich sie beobachte. Sie gucken ein bisschen böse. Ich fühle mich entlarvt, stelle das Krümelknuspern ein und überlege, wie ich mich aus dieser misslichen Lage befreien könnte. Objektiv betrachtet sind sie im recht: sie unterhalten sich gemütlich und vertrauensvoll, teilen wahrscheinlich ein paar Erlebnisse. Und ich, ich glotze sie an, denke böse Dinge und füttere zwanglos wilde Tauben. Kurz: ich bin der Arsch. Will ich aber nicht sein. Ich überlege, schwanke zwischen Daumen hochhalten und Winken und entscheide mich fürs Winken. Ich grinse dumm und entschuldigend, den rechten Arm bewege ich dabei reichlich ungelenk im kalten Septemberwind. So verzeiht mir doch, ich wollte nicht stören oder diskriminieren, ich finde euch doch prima! Wirklich!

Zurecht verabschiedet sich die gute Laune, die Kastanien kicke ich mit mir selbst hadernd mit der Pieke in den Straßenablauf. Ein blaues Polizeiauto fährt an mir vorbei; nehmt mich mit, nehmt mich doch mit! Würde ich aufhören, die Musik meines Lieblingskünstlers zu hören, wenn ich erführe, dass er rechtsradikales Gedankengut in sich trägt? Nein, nein, was für eine Quatschfrage, ich sollte mich anderweitig ablenken. Außerdem ist Bob Dylan kein Nazi. Bob Dylan ist prima. Weil ihn die Zeit überholt hat, sieht er heute zwar mehr nach CDU aus, aber früher, als er noch wirklich gute Musik komponiert hat, da war er doch eher SPD. In der SPD sind keine Nazis und wenn hier auch nur einer „Thilo Sarrazin!“ brüllt, kann ich für viel garantieren, aber nicht für inneren Frieden. Schalom.

Der Mond ist zu schwach

Ich frage mich, ob jede deutsche Großstadt jemanden damit beauftragt hat, am frühen Abend die Straßenlaternen anzuknipsen – oder ob dies elektronisch erledigt wird. Sollte es diesen Beruf wirklich geben, dann wäre ich gern der Straßenlaternenanknipser meiner grauen Stadt. Niemand wird mir ausreden können, dass die Vorstellung, Verantwortung für all das Erhellende im Dunkel zu tragen, nicht einfach wunderbar ist. Das kleine Arbeitszimmer käme ohne Schnickschnack aus. Reduziert auf Fenster, ein paar wichtige Knöpfe und eine Kaffeemaschine. All die Kieselsteinwege hätte man im Blick und dann ginge es darum, abzuwägen. Würden sich zwei alte Schulfreunde noch wiedererkennen, wenn sie sich nun zufällig begegnen würden? Kann man sich noch auf die Parkbank setzen und einen heiteren Roman lesen? Schaffst es der Greis noch, auf den Boden zu sehen, um mit seinem Holzhelfer keine Schnecken oder Nashornkäfer zu zerquetschen? Gewiss, ein bisschen Stress wäre tagtäglich mein Kumpane: schalte ich das Licht zu früh ein, verschwende ich kostbaren Strom und die Leute würden rufen „Oh, so eine Verschwendung, der kostbare Strom!“. Warte ich zu lange, sind es dieselben, die dann aber mitzuteilen wüssten: „Hülfe, Hülfe, ich kann nichts mehr sehen, ja macht doch mal einer was!“. Und Schludern wäre strengstens verboten, da die Menschen das Licht lieben. Die Gesellschaft braucht es wie jährliche Fußmassagen, Überraschungsbeilagen in Cornflakes-Packungen oder Blondinenwitze. Und jetzt möge keiner sagen, dass diese Vergleiche humpeln und hinken. Ich bin mir sicher; würde ich meine Arbeit als Straßenlaternenanknipser nicht fehlerfrei und sympathisch erledigen, käme es ganz schnell zu einem Blitzcomeback der Montagsdemonstration.

Die Straßenlaternenlichtjünger hätten dann alles dabei: Trillerpfeiffen, grimmige Gesichter und die charakteristischen Plakate und Hochhaltschilder, auf denen dann witzig-freche Sätze und Forderungen stehen würden. Meine Fantasie hat spontan ein paar mögliche Plakatsprüche auf Lager: „Das Licht der Welt droht zu erlischen – in der Goethestraße ist es schon soweit!“ oder „Nachtsicht ist besser als Nachsicht“ oder „Dunkelheit tötet!“ oder „Mehr Glühwürmchen für unseren Bezirk!“ oder „Da geht uns (k)ein Licht auf!“ oder „Du Straßenlaternenhorst, wir wollen Lichter!“ oder „Leck uns doch am Arsch! Oder kannst du ihn nicht mehr sehen?“ (ein paar vulgäre Demonstranten sind schließlich immer dabei!). Herrje, was ich da so aus meinem Zylinder zaubere. Aber zu brenndenen Fakeln und bösen Leserbriefen in Lokalzeitschriften muss es natürlich nicht kommen. Konzentration am Arbeitsplatz wäre gefordert – und für den Stress hätte ich ja Kaffee. Und ja, von mir aus wäre der Kaffee meine einzige Vergütung für diese wunderbare Arbeit. Zu Beginn könnte mir ja der Vorgänger mit ein paar Tipps den Weg zum richtigen Lampenanknipsen ausleuchten. Ab wann gefährdet eine Straßenlaterne nicht mehr den gemütlichen Blick auf den Sonnenuntergang? Oh, Verzeihung, diese Frage nach dem richtigen Knopfdruck stelle ich nun zum wiederholten Male, aber sie ist nun einmal die Quintessenz des schönsten Berufs der Welt. Knips, Licht an.

Wie automatisch reißen die Menschen die Arme in die Luft, können ihr Alltagsglück kaum fassen und erfreuen sich am neuen Sichtgewinn. Ich schaue ihnen rauchend beim Freuen zu. Und der Straßenlaternenanknipser sprach: es werde Licht. Knips.

Kein Sitzplatz im Regionalexpress nach Münster

Um mich wieder daran zu erinnern, wieso ich zum dritten Mal innerhalb einer Woche in diesem Zug sitze, krame ich eilig ihr Foto aus meiner Tasche hervor. Was folgt, ist ein Lächeln.

Auch mag ich die deutsche Bahn. Zugverspätungen sind nicht so häufig, wie drittklassige Kabarettisten es gerne hätten und die ach so lustigen englischen Durchsagen bekomme ich im Regionalexpress nach Münster nicht zu hören; der Ansagemann spricht hier nur Deutsch. Nächster Halt: Bochum-Wattenscheid. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Bisher haben mich Züge noch immer dahin gefahren, wo es besser war – das weiß ich sehr zu schätzen. Der Herr neben mir riecht sehr stark, ich wünsche mir spontan einen Schnupfen oder eine Nasennebenhöhlenentzündung, aber auch das gehört zum Zugfahren dazu. Dass sein Körper Beachtung einfordert und seine Schweißdrüsen schreien „Hey, hier, seht und riecht! Dieser Körper wurde gefordert und genutzt, ganz fleißig war sein Wirt! Riecht der Arbeit Lohn!“ – geschenkt. Irgendwann stinkt einjeder. Aber bitte verzeiht mir, dass ich nun selbst zum dritten Todesurteil der Bahnfahrtberichterstattung gegriffen habe: der Beschreibung der Mitfahrenden. Viele sind der Meinung, sie hätten auf ihrer Reise den verrücktesten Sitznachbarn der Sitznachbarngeschichte getroffen, aber natürlich irren sie. Eine Dame, die sich beim Einstieg in Mülheim an der Ruhr für einen Rülpser nicht entschuldigt hat, ist nicht nacherzählenswert. Auch wenn besagte Dritteklassekabarettisten ihr Programm gerne ebenso eröffnen. Hey Zwechfelle, kennt ihr das, wenn ihr im Zug sitzt und dann hört da so ein Rotzlöffel laut mit seinem Handy Musik? Sprotzaarrghhuuuuh. Ich möchte nicht, dass jemand, der Geld von mir erhält, nur Dinge erzählt, die ich schon kenne. Ein bestätigtes Klischee unterhält nur beim Selbstentdecken.

Ich wühle noch ein bisschen in meiner Tasche, teste die Reaktion auf ein langsames Öffnen der Colaflasche. Zischhh. Der Effekt verpufft, alle um mich herum sind mit der eigenen Trostlosigkeit beschäftigt. Niemand hustet, keiner diskutiert über Sarrazin und ich bin allein. Kratze mich kurz am Kopf, dann im Schritt, beendet wird das Rundumkratzen schließlich am dreitätigenbärtigen Hals. Kratz kratz, grübel grübel. Im Zugmülleimer suche ich spontan das Glück, finde es aber nicht, wie so oft. Werfe ein zerknülltes Papierknäul hinein. Wühle dann in meinem Kopf nach zeitvertreibenden Gedanken. Überlege, ob ich die Welt retten soll oder die Welt vor mir. Was soll ich aus mir machen? Beschließe einen Mittelweg. In zahlreichen Gesprächen mit Älteren habe ich erfahren, dass ich noch ganz am Anfang meines Lebens stehe und manch eine Tür auf mich warten würde. Ich kann nur hoffen, dass mich der glückliche Zufall an einem guten Tag besucht, sonst verschlafe ich ihn und bleibe auf ewig lebensgeschichtenlos. Doch manchmal, da klingelt der Zufall bereits an meiner Tür, noch seltener öffne ich sie dann sogar und begrüße ihn freundlich den Gast mit einem flotten Spruch. So krame ich wieder ihr Foto hervor. Ja, richtig fühlt es sich an und gut. Gleich aber brauche ich es nicht mehr, dann steige ich aus. Ja, aussteigen ist dort schöner als Einsteigen.

Im Sozialismus hätten immer alle genug zu rauchen

Es roch nach Hund. Ist dies der Großstadtgeruch oder bin ich hier falsch? Das schlechte Wetter erschwerte mir den Fußweg zu meiner Arbeitsstelle ein wenig, doch ich fühlte mich davon nicht gestört. Im Gegenteil. Der Wind föhnte meine ungekämmten Haare zu einer schicken Frisur, die ich lediglich ab und an durch einen Blick in die Schaufenster korrigieren musste. Man hätte fast vermuten können, ich hätte geduscht. Zigarettensuchtbedingt legte ich eine Pause ein und stellte mich unter. Seit ein paar Tagen rauche ich Pall Mall. Neulich sah ich einen französischen Film, der doppelt so alt war wie ich – und dort hatten die Darsteller Zigaretten, die doppelt so dick zu sein schienen wie die, die ich in viel zu kurzen Intervallen aus meiner teuren, roten Packbox fummelte. Außerdem war rauchen damals noch cool und sogar die schönen Frauen taten es. Schnell wusch ich den Neid von mir, suchte Ablenkung. Rechts neben mir ein Meer aus Klingelschildern. Allerweltsnamen, türkische Namen, zwei bemitleidenswerte Familien mit Doppelnamen, ein Lichtschalter. Links von mir ein Geschäft mit Hochzeitskleidern. Teuer, weiß, unansehnlich. Französinnen aus den 60ern hätten sich darauf nicht eingelassen. Ich schaute in den Laden hinein. Eine runde, ungesunde Frau saß auf einem Holzschemel und starrte in den Regen. Eine gemütliche Arbeit: meistens rumsitzen, manchmal Frauen in Kleidern sagen, dass sie gut aussehen. Zu ihr hat das wohl lange niemand mehr gesagt. Ich klopfte, winkte aufmunternd und weil die Hochzeitskleiderfrau mich nicht auf einen Kaffee einlud, fütterte ich ihren Briefkasten mit einem Zigarettenstummel. Die Arbeit ruft, ich muss dem Ruf folgen.

Vor zehn Minuten hätte ich im Büro erscheinen müssen. Der Herr mit dem Zwirbelbart und die Dame mit der Handtasche aus Schmetterlingsflügeln sitzen bestimmt bereits auf ihren Ledersesseln, reißen Briefe auf und murmeln Sachen wie: „Na, wo wohl der Herr Fleur bleibt, vielleicht hat der Wind ihn fortgeweht, ahaha!“ oder „Verspätet sich mal wieder; hat wohl seine Hose nicht gefunden!“. Ich verachte sie aber nicht nur für ihren Humor. Wie sie mich jeden Tag nur durch ihre Blicke wissen ließen, dass sie es kaum erwarten können, dass man mich rauswerfe und ich mich endlich zu den Bahnhofspennern legen müsste. Natürlich ahnen sie nicht, dass die Bahnhofspenner die richtigen Gewinner beim Verlieren sind. Zwirbelbart und Handtaschendame würden alles dafür geben, wären sie auch einmal nur so frei1. Manchmal wünsche ich mir, die beiden würden im Lotto gewinnen und dann den Job schmeißen. Sie könnten dann in die Karibik und Skifahren in Österreich und Golf spielen mit Prominenten und Handtaschendame könnte ihre klobigen Finger mit einer Mandarinennagelfeile schönschmirgeln. Dann wäre Besserung in Sicht, aber auch nur vielleicht, denn sicher würden die zwei durch ähnlich Gestrickte ersetzt. Der Hass hat viele Gesichter. Ich wäre schon mit einem einzigen zufrieden.

Völlig nass vom Geplästere2 erreiche ich mit einer gemütlichen Verspätung das lausige, graue Büro. Handtaschendame rührt in ihrem Fencheltee, Zwirbelbart legt seine Briefe beiseite und lacht mich an: „Na, Fleur, Regenjacke nicht gefunden?“ Leider doch, Zwirbelbart, leider doch.

  1. Frei nach: Rocko Schamoni - Gegen den Staat (Du siehst die Penner dort am Hauptbahnhof / Sie leben frei und ihnen kommt keiner doof / Traurig fährst du im Benz an ihnen vorbei / Du würdest alles geben / wärst auch nur einmal so frei)
  2. plästern“, Krieewelsch für „regnen“

Lalala ist das neue Lalelu

Jazz, Jazz, Jazz, yeah; Jazz finde ich grundsätzlich ganz gut. Gestern Abend war Jazz. Heute aber ist Alltag in E-Mol. Für die leeren Bierflaschen benötige ich vier große REWE-Tüten. Da sich in vielen Flaschen noch ein ungetrunkener Halbschluck befindet, sammelt sich an den Tütenböden eine cremige Suppe aus Restgebräu und Speichel. Ich würde mir sofort einen Chemiebaukasten kaufen, wenn dieser mir speichelanalytisch dabei helfen würde, die Nichtaustrinker des billigen Krefelder Bieres ausfindig zu machen. Der Baukastenriese „Kosmos“ könnte diese Marktlücke füllen und endlich eine Experimentebox für Erwachsene auf den pulsierenden Chemiebaukastenmarkt bringen. Darin enthalten: ein Promilletester, basierend auf Alufolie und Schwefel. (Wie das genau funktionieren könnte, weiß ich nicht, ich habe Chemie nach der neunten Klasse abgewählt.) Auch dabei: eine Backanleitung für Dinkelplätzchen, die im weiblichen Körper für eine Schwangerschaft sorgen. Und mein Speicheltest für Restgebräu jeder Art, der wäre natürlich auch im Chemiebaukasten für Erwachsene dabei, klar. Selbst wenn man Dinkel unlecker findet oder nur austrinkende Freunde hat, ich bin mir sicher, dass ich hier gerade eine Marktlücke aufgespalten habe. „Kosmos“ würde, höhö, astronomisch viel Geld damit verdienen und auch das Image des Chemiebaukastens wäre endgültig gerettet. Denn jeder weiß, dass nur Arschlocheltern ihren Kindern das „große Kosmos-Chemielabor „zumuten. Damit der Kleine nicht dauernd Super RTL guckt, sondern auch mal was Lehrreiches macht, jaja; auf geht’s, Jugend-Forscht-Gewinner von 1973, rettet die Kinderspielzeugwelt! Aber es ist nun mal so, dass Pipetten, Siedestäbe und Messbecher für Neunjährige so interessant sind wie Bausparverträge. Und Neunjährige, die das anders sehen, gucken meiner Ansicht nach viel zu wenig Super RTL.

Herrje, jetzt bin ich sehr weit von der eigentlichen Geschichte weggedriftet. Die Älteren werden sich erinnern: ursprünglich ging es in diesem Text mal darum, wie ich Pfandflaschen wegbringen wollte. Und es dann auch tat, so wie es eine alte Marotte von mir ist, Dinge, die ich begonnen habe, auch zu Ende zu führen. Jeder hat eben so seine Macken; manch einer lutscht Zuckerwürfel, ich mache Sachen zu Ende. Und so schlenderte ich mit vier großen REWE-Tüten in zwei Armen die Straße herunter und bemühte mich, in Jogginghose und dreckigem T-Shirt nicht allzu sehr auszusehen wie jemand, der aussieht wie einer, der regelmäßig in Jogginghose und dreckigem T-Shirt vier große REWE-Tüten voll mit leerem Bier wegbringt, was sehr schwierig ist, wenn man Jogginghose, dreckiges T-Shirt und vier große REWE-Tüten voll mit leerem Bier trägt. (Satz des Jahres.) Ich tauschte die Flaschen gegen einen Zettel ein, den ich dann an der Kasse bei REWE-Fachkraft Günther gegen Geld weitervertauschen konnte, welches dann in dickmachendes Essen investiert worden ist. Ich fühlte mich ein wenig wie Hans im Glück. Und das Glück, ich schien ihm ein guter Wirt gewesen zu sein: auf dem Rückweg fand ich eine kleine Pappschachtel, mit zwei Zigaretten und einem Feuerzeug in sich. So ein witziger Zufall, exakt so eine hatte ich auf dem Hinweg verloren. So konnte ich mich zu Hause entspannt und beglückt der Couch hingeben, wo ich nun immer noch liege. Ein bisschen Musik wäre jetzt fein. Jazz! Jazz, yeah; Jazz finde ich grundsätzlich ganz gut.

Astrein alt sein

Mit 83 Jahren hat man noch Träume: unvernünftige Weltreisen mit der Aida machen. Später sterben als die eigene Schrumpelehefrau. Sex mit Haustieren. Überregionale Bingoturniere gewinnen. Einmal bei „Wetten dass…?“ nicht einschlafen. Einen Rollator beim Kreuzworträtsel gewinnen. Und natürlich das Allerwichtigste: in Würde altern. Ich habe bereits alles hinter mir, nur, weil ich so ein Dusel bin, ein bisschen verkehrt: ich hatte Sex mit meiner Schrumpelehefrau und bin dabei nicht eingeschlafen. (Immerhin.) Die Weltreise habe ich mit dem Rollator gemacht. Und beim Kreuzworträtsel habe ich nur die Teilnahme an einem Bingoturnier gewonnen. Yeah. Nur „Wetten dass…?“ ist leider nicht in Würde gealtert, sondern ist immer noch so spannend wie früher, zum Beispiel in 1985, 1993 oder 2001. Habe ich jetzt alle Traumpartikel außergewöhnlich witzig miteinander verklebt? Die Haustiere fehlen noch, hm. Und die Aida. Und sterben. Vielleicht können dann ja einfach alle Haustiere auf ein Aida-Traumschiff gefrachtet werden, wo dann im Kollektiv an Seeübelkeit sterben; hab eh kein Haustier. die kacken immer überall hin, können nicht mal richtig reden und teilweise können sie nicht mal Purzelbaum. Oder soll „Wetten dass…?“ sterben? Es ist mir inzwischen so egal, ich gucke sowieso kein Fernsehen mehr, sondern nur noch aus dem Fenster. Manchmal kommt die Nachbarin aus ihrer Butze und bringt den Müll in die Mülltonne. Vorgestern um 13:28 Uhr, gestern um 18:53 Uhr. Ich halte das in einer Tabelle fest, man hat sonst nichts zu tun.

Ich kann beispielsweise seit etwa zwanzig Jahren nicht mehr masturbieren. Meine künstliche Lunge aus Plastik verhindert den Genuss von Zigaretten und Nikotinpflaster sind auch nicht so dufte, außerdem tun die beim Entfernen immer weh und reißen mir die Haare aus. Meine wertvollen Haare! Meine wertvollen Haare, sie verdecken sonst so charmant meine aufkeimenden Leberflecke. Ins Kino kann ich auch nicht mehr gehen, dort ist es mir zu laut und die jungen Leute schmeißen sich immer so brutal mit Popcorn um sich, dass ich, als Kriegskind, unweigerlich an fliegende Panzer und unmodische Tarnkappen denken muss. Schauderhaft. Ja, so war das. Hoffentlich gibt es nie wieder Krieg! Und wenn es dann doch sein muss (z.B. wegen Ressourcenknappheit oder schlechtem TV-Programm), dann bitte ohne Volkssturm, so bliebe ich nämlich wenigstens von dem ganzen Scheiß verschont. Gewiss, natürlich, jaja, herrje und einszweidrei; mir ist selbstverständlich bewusst, dass man mich wegen solchen zweifelhaften Meinungen uncool finden könnte, aber: ich habe diese Meinungen gut recherchiert. Ich bin in mich gegangen und kann bestätigen: sie sind tief in mir fest mit Gewissen und Milz verknotet und somit wahr. Es tut mir leid. Außerdem widerspricht man alten Leuten nicht, sonst ist man eine blöde Funz und hat keinen Respekt vor dem Alter bzw. Alten. Früher war ich übrigens mal Journalist.

Und nun? Nun sitze ich in meiner Jodhpurhosen und meinem grünen Fleeceunterhemd auf meiner Couch und überlege, ob es das alles wert war. Ich weiß es nicht, liebe jungen Leute. Aber eins weiß ich auf alle Fälle: Altern geht tierisch auf den Arsch, selbst wenn man nicht auf ihm sitzt, sondern was Anständiges tut. Hätte ich drauf verzichten können, sollen, müssen? Morgen werde altere ich schon wieder und zwar um ein ganzes, vertrödeltes Jahr. Und! Soll ich halt! Was soll der Geiz, auf geht’s, Weltreise! Sex! Bingoturnier! Plastiklunge. Ach, verdammter Corpus.

Wale ändern nichts, sonst wären sie verboten

Kurz nach dem Duschen ist man für einen ganz kurzen Moment der sauberste Mensch der Welt. Schön, wenn man ab und an mal besonders besonders ist. Wie üblich habe ich beim Duschen meine leeren Wasserflaschen befüllt, um Geld zu sparen – herrje, mag man denken, aber du musst doch die Rechnungen für den imsenen Wasserverbrauch tragen und dann rechnet sich das gar nicht, kurz, du bist ein blöder Heini! Aber natürlich ist dem nicht so. Vor einiger Zeit erspielte ich mir durch mein mühsam angeeignetes Wissen über Kirchturmspitzengerüste in bergischen Gebieten (die sind dort sehr verbreitet und ich hatte mal eine Dokumentation darüber gesehen, die zwar nicht gut, weil langweilig war, aber Grundsätzliches wurde prima vermittelt) einen kostenlosen lebenslangen Wasserkonsum – ich muss nur die Rechnungen an den Gewillspielaustragenden schicken und dann übernimmt er sie. Manchmal nehme ich mir vor, das Rechnungeneinschicken zu vergessen, um die Preistiftungsfirma nicht in die finanzielle Unwetterkatastrophe rutschen zu lassen. Man merkt: der Reichtum hat mich nicht verdorben, ich bin weiterhin ein adretter, freundlicher Mensch – so wie ich auch die Intervalle meiner Körperpflegemaßnahmen weiterhin gering halte, obwohl ich mir eine wöchentliche Dusche inzwischen ja durchaus leisten könnte. Meine Körpergerüche möchte ich nicht missen. Ich habe sie lieben gelernt, man gewöhnt sich nach langer Zeit eben auch an Pestizide, Parasiten und Bazillen gewöhnt. Wenn man einmal Kopfläuse hat, dann will man sie eben nicht mehr vertreiben.

Beim Frühstück ist es vergleichbar, aber ähnlich. Ich konsumiere dann in Tee aufgeweichtes Knäckebrot, wie ich es früher in meiner Jugend immer tat. Das mag mich von dem Großteil der Frühstückenden abkaspeln und in Hotels moniere ich deswegen auch stets das Fehlen meiner favorisierten Teesorten. Diese variieren von „Vanille küsst Mango“ bis hin zu „Pfefferminzengtanz“ und „Genusseuropameisterschaft der Trockenfrüchte“. Und beim Teeverzehr betreibe ich für mein armseliges Leben gern ein wenig Kurzstreckenfantasiererei, heißt, ich denke mir ganz abstruse Szenarien in fremden Ländern und unter verwirrenden Umständen. Ein Okapi, welches unglücklicherweise in Sibieren geboren wird und deswegen innerhalb von Sekunden den Kältetod stirbt – bitter, hart, so kann die Realität eben manchmal sein. Es haben nicht alle so viel Glück wie ich und für diese Erkenntnis brauche ich nur meinen Kopf auf den Boden zu drehen, wo mein kleinwüchsiger Haushälter meine Schuppen aufsammelt. Ein Gast meines Hauses meinte mal, ich könnte froh sein, dass der kleine Putzschlumpf nicht auch noch schwarz wäre, sonst könnte man mich als Rassisten beschimpfen – keuchend musste ich schmunzeln, ich sei natürlich kein Rassist, ich interessiere mich nicht mal für Politik. Außerdem stelle ich generell hier keine Neger ein, die können woanders putzen.

Zwölf Uhr mittags, mein Tag neigt sich dem Feierabend zu. Ich schlüpfe in mein silbernes Mercedesnachtgewand, lege mich in mein etagenloses Hochbett und schaue hinaus auf die Felder und endlichen Weiten. Mein Leben ist fabelhaft. Schnell noch stelle ich meinen Wecker auf übermorgen ein, lege dann noch rasch meinem Putzliliputaner einen Fünfer auf den Teller vor meiner Toilette, damit er sich morgen neue Kippen ziehen gehen kann. Wie gesagt, ich bin ein netter Kerl.

Du hast gelogen, als wir das Geld sammelten

Aktuell runzelt sich meine Stirn ganz gut. Altbekannte Gesichter singen marode Lieder mit neuen Strophen und altem Refrain. Geschwätz im Vier-Vierteltakt. Zwitscher, zwitscher. Lala, lelu. Singt doch mal einen Hit. Komponiert spontan die Revolution. Haut die Gassen! Vom Leben gezeichnet sein ist Kunst. Und guck mal da, deine alten Freunde. Und guck mal da, ein Einkaufswagen. Und guck mal da, ein Entmüdungsbecken. Dort kann man liegend wach werden und fühlt sich, als schwämme man in kaltem Kaffee. In zehn oder tausend Jahren werden diese Becken in jeder Wohnung vorinstalliert sein, denn die Menschen werden immer müder, schlafen teilweise sogar schon unterbewusst beim Essen oder Katapultieren. 52 Wochen Winterschlaf, nur unterbrochen von Weihnachten. Da geht man heraus, winkt allen Menschen und geht dann wieder. Wenn Jesus und Gott das so geplant haben, dann sind sie blöde Heinis. Wahrscheinlich aber sind wir die Dummen. Jesus mochte alle Menschen. Ich winke nie.

Heute kündigte sich ein Gewitter an, aber kein metaphorisches, sondern ein wetterliches. Ich setzte mich auf eine Bank und verbrauchte die mitgebrachte Geduld sehr sparsam. Schließlich wurde ich nass. Ich grinste den Himmel an, während sich die Blitze gerecht auf mein linkes und rechtes Blickfeld aufteilten. Das war schön. Mehr gibt es nicht zu berichten. Vielleicht noch das hier: Norderney ist sehr schön, fahrt da mal alle hin.

Liegend umgefallen

Und dann war da noch dies und das und die Dings ist jetzt wieder mit dem Bums zusammen und hast du schon gehört? Joa. Ein Kerl kommt vorbeigestolpert, erzählt, dass er sei voll sei und dann zählt er noch auf, was er alles getrunken hat und dann fällt er um. Meine Sitznachbarin lacht und macht ein Handyfoto. Ich beobachte die Szenerie, bis sie sich auflöst. Wir sind nun wieder da, wo wir vorher waren. Menschen mit Coolheitszwang, diversen Profilneurosen und ich hoffe wohl weiterhin vergeblich auf eine witzige Anekdote von links oder rechts. Hier wollte ich nie sein. Trunkenes Lallen. Gleich kommt das gelbe Auto, sammelt ein paar Körper ein und fährt sie zurück an den Anfang. Ich bin mit dem Fahrrad. Wenn ich es jetzt noch mit dem Fahrrad nach Hause schaffe, werde ich wohl den Wikipediaeintrag von „Weltwunder“ editieren und mit meiner heldenhaften Rückreise ergänzen müssen. Die Gespräche in meinem Gehörradius entwickeln sich in Richtung Saufgeschichten. Wer kotzt ist früher nüchtern und später Inhalt von Geschichten. Macht doch alle was ihr wollt. Um meine Sympathie in der Runde kümmere ich mich nun nicht mehr, auf den Spinat zwischen ihren Zähnen weise ich sie nicht hin. Ich lasse mir eine Zigarette schenken und ein Bier zapfen. Wieso man mich überhaupt dabei haben wollte. Ich tanze nicht auf Tischen. Ich begeistere mich nicht fürs Lästern. Aber ich nicke alles ab. In zehn Jahren bin ich Randnotiz. Es ist windig und die Aschenbecher fliegen weg. Flaschen fallen um, zerspilttern und die Meute springt auf, kreischt und tritt sich die Füße blutig. Kehrblech, Pflaster, Aufregung. Alles rauscht vorbei, die Menschen drehen sich und werden weniger. Ich würde gern mehr sein. Dann bin ich hier wohl falsch. Ich lasse mir nichts anmerken, rausche und drehe schließlich doch mit. Kollektives Verlieren. Ich bin dabei. Komm, lasst uns Verlierer sein! Erfolg schwitzt.

Komm doch mal zu einem Kaffee zu mir

Reiche Leute können ganz spaßige Dinge tun. Zum Beispiel bei Amazon für etwa neun Euro Kinderschokolade bestellen. Naja. Ich habe festgestellt, dass Rauchen das vielleicht schwierigste Hobby der Welt ist – abgesehen von Bungee-Jumping, Karohemden und Rasenmähen von mir aus. Zigaretten machen immer nur Ärger, wie Ehefrauen, höhö. Wenn man eine Zigarette in Gesellschaft raucht, kann man viel Geld darauf verwetten, dass mindestens einer nölt: rauchen ist ungesund, teuer, stinkt und ist sowieso total uncool, weil nur Rockstars und Kneipenbewohner das dürfen. Von mir aus sind das alles mindestens Halbwahrheiten, aber viel schlimmer ist: nichtrauchen macht nervig. Furchtbarer ist dann nur noch, wenn man keine Zigaretten hat. Dann kratzt man die letzten Centstücke aus Sofaritzen, leiht sich bei Oma Geld (offiziell für ein belegtes Brötchen oder Duschcreme) und zwischendurch dreht man spontan ein bisschen durch. Wer auch immer Drogen erfunden hat, er hat es sicher gut gemeint. Wer hätte ahnen können, dass Gott dem Menschen einen Strich durch die Kippenrechnung gemacht hat? Lunge plus Zigarette gleich früher Tod, vorher Raucherlunge und soziale Ächtung. Man kann also davon ausgehen, dass Gott Nichtraucher ist/war. Obwohl er unsterblich ist und so keinen qualvollen Tod durch Lungenkrebs fürchten muss. (Was passiert eigentlich, wenn Gott einen Krebstumor bekommt? Verzieht der sich dann aus Ehrfurcht einfach wieder? Zaubert Gott ihn weg? Kennt Gott ein Heilmittel gegen Krebs und hat uns noch nichts davon verraten?) Aber ein schöner Gedanke: Gott sitzt mit anderen Göttern (z.B. Fußballgott, Elvis Presley, dem Erfinder des Fernsehens) rauchend irgendwo herum und dann kommt ein Nichtrauchergott vorbei und nölt. Das ist dann doch Gotteslästerung, oder? Jesus hat übrigens bestimmt gekifft. Es gibt doch das Klischee, dass Langhaarige immer Kiffer sind und vielleicht hat das bei Jesus seinen Ursprung. Ich weiß es nicht.

Bei den Fragen „Wie geht es dir?“ und „Warum hast du dich nicht mehr gemeldet?“ lügen etwa 102% aller Menschen regelmäßig. Das prangere ich an. Daher hier mein ehrliches Antwortpaar: es geht mir schlecht bis gut und ich habe mich nicht mehr gemeldet, weil du mir mit deinem iPod touch, deinem Lachen an den falschen Stellen und den Anekdoten zu deiner Hydrokulturbepflanzung tierisch auf den Sack gegangen bist. Außerdem rauchst du nicht und nölst. So. Ich geh jetzt gucken, ob die Sonne wieder da ist.

(Zusatzbonuslink: http://www.amazon.de/gp/product/B000VZ37A4/ref=s9_simh_gw_p21_i4?pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_s=center-2&pf_rd_r=184KB0N66TPH7XQS89T4&pf_rd_t=101&pf_rd_p=463375173&pf_rd_i=301128)

Le voyage dans la lune

Es war mal wieder ein spaßiger Tag auf dem Mond gewesen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob man überhaupt von einem Tag sprechen kann. Denn ich flog so schnell, dass ich die Zeit überholt habe, so dass ich letztlich nur wenige Erdenminuten unterwegs war. Doch das würde nun zu weit führen. Meine Reise tat ich allein. Mondreisen sind erstaunlich unpopulär, nie möchte jemand mitfliegen, immerhin gibt es dadurch während des Flugs nie Stau. Weil ich schon so oft auf dem Mond gewesen bin (und der Mond leider nicht so viele Sehenswürdigkeiten bietet wie zum Beispiel Rom, Hannover oder New York), muss ich mir immer wieder was Neues zum Zeitvertreib einfallen lassen. Einmal nahm ich einen großen Granitfelsen mit und habe den dann dank Schwerelosigkeit ein bisschen hin und her geschossen, das war ganz witzig. Ein anderes Mal habe ich meine Gitarre mitgenommen und springend „Man on the Moon“ von R.E.M. gespielt. Ich würde gern mal ein Konzert auf dem Mond geben, aber wie bereits erwähnt, ist es dort ziemlich menschenleer (nur ein einziges Mal traf ich den urlaubenden Schauspieler Matthias Matschke, bekannt durch „Pastewka“, „Ladykracher“ und seinen Wikipedia-Eintrag) und in fast jeder Fußgängerzone Eurasiens hätte ich mehr Publikum als auf dem Mond. Doch der Mond als Location hat ein ganz besonderes Feeling, in wenigen Jahren wird er ein echter Insidertipp sein. Darauf verwette ich meine Kronkorkensammlung!

Viele Filme haben versucht, den wunderbaren Ausblick, den man hat, wenn man auf der Mondoberfläche spazieren geht, einzufangen. Zum Beispiel der Filmklassiker „Die Reise zum Mond“ von Georges Méliès aus dem Jahre 1902, dem ich folgendes Wort widme: Applaus! Was für Vorstellungen die Leute damals noch von Mond und Mondreise hatten – und schade, dass wahrscheinlich kaum ein Darsteller im Film, geschweige denn Méliès selbst, den ersten Mondbesuch des Menschen im Jahre 1969 miterlebt haben wird. Aber mal ehrlich, selbst Neil Armstrong und Buzz Aldrin wissen einen Scheiß über den Mond. Wie oft waren die zwei Angeber denn auf dem Mond? Ich weiß nicht mal, ob sie häufiger als ein einziges Mal dort waren. Und sagt jemand, der mal für einen Tag in Köln war und sich den Dom angeguckt hat, dass er sich in Köln super auskennt? Nein. Eben. Ich war schon so oft auf dem Mond, ich darf mir erlauben, mich einen Kenner (oder Auskenner) des Mondes zu nennen. Würde Marco Polo einen Mondreiseführer erstellen, wäre ich der erste Ansprechpartner. Geheimtipp: nach dem dritter Krater links und dann auf die Erde gucken. Ganz viele kleine Kontinente und Länder; sogar Russland, ganz winzig!

Sonnenbrand im Gesicht

Mein Praktikum zum Gabelstabelfahrer verläuft ausgesprochen und ausgeschrieben gut. Jeden Tag lerne ich neue Kniffe, seit heute kann ich rückwärts fahren und „Seven Nation Army“ hupen. Passend zur Deutschlandfahne, die der Sohn meines Chefs mit Fingerfarben auf die Seite des gelben Seitenstaplers gemalt hat. Praktisch: er brauchte nur schwarze und rote Farbe, gelb war ja schon da. Zum Glück regnet es derzeit auch nicht, deswegen hält die Deutschlandlakierung gewiss auch noch bis zum Ausscheiden der DFB-Elf. Mein Chef ist ein sehr geselliger, bärtiger Mensch und obwohl er sehr reich ist (er besitzt Lacoste-Hemden und zwei Handys), hat er sich bei der Betriebsgründung seiner Gabelstabler GmbH gegen Gabelstapler mit Elektromotor entschieden. Und für Gabelstapler mit Benzinantrieb. Das ist derzeit gut, weil altmodische Gabelstapler mit Benzinantrieb nicht in geschlossenen Räumen rumfahren dürfen und so bin ich jeden Tag an der frischen Luft. Die Leute freuen sich immer, wenn ich mit tonnenschwerer Last an ihnen vorbeifahre und unbeschwert winke – hoffentlich lachen sie nicht über meinen grünen Overall oder über meine lustige Betriebskappe (bzw. Betriebscäppi, bzw. Betriebsbaseballcap, bzw. betrieblich geförderte Kopfbedeckung mit Werbezweck), sondern freuen sich ernsthaft über meinen freundlichen Gruß. An dieser Stelle fällt mir ein, dass ich wieder eine Frisur brauche, ich schwitze mit meinen langen Haaren inzwischen Pfützen mit beachtlichem Durchmesser. Derzeit bin ich unreinlicher als ein wilder Pinkelhund. Ob das zum harten Bauarbeiterleben dazugehört wie Ich könnte mir einen Zopf binden, aber das sieht so komisch aus. Wenn ich mal auf einer einsamen Insel wohne, werde ich mir einen Oberlippenbart wachsen lassen; will wissen, wie das aussieht. Eine der drei Dinge also, die ich mit auf eine einsame Insel mitnehme würde: Ganzkörperspiegel. Merke ich mir, Leute ohne Gesprächsansatz wollen sowas immer wissen.

In den Fünfzehnminutenpause, in der die meisten Gabelstablerkollegen drei Zigaretten rauchen und Sodokus lösen, schreibe ich immer Gedichte über mein Leben. Gestern kam ein besonders Schönes heraus, es heißt „Ich bin ein Gabelstaplerfahrer“. Und das geht so:

Ich bin ein Gabelstaplerfahrer, yeah!
Mein Beruf gefällt mir sehr,
ich verdiene gutes Geld,
weswegen er mir gefällt.

Mein Beruf, der ist so cool,
und ja gar nicht schwul,
ich mache brumm brumm,
und Radladerfahrer sind dumm.

Wirklich gut. Ich lese meine Gedichte niemandem außer meiner Mutter vor, aber später will ich damit mal mein Geld verdienen. Es gibt in unserer heutigen Zeit viel zu wenig gute Dichter, mir fällt zumindest keiner ein und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass wir früher in der Schule mal ein Gedicht von jemandem gelesen haben, der nicht schon seit Monaten oder sogar Jahren tot ist. Zeit also für eine neue Generation. Morgen bin ich aber erstmal in Rommerskirchen, schwere Last von A nach B fahren. Danach stehe ich bereit, liebe Deutschlehrer!

Ich spiele trotzdem mit den Schmuddelkindern

Der beste und lächerlich einfachste Trick bei Trödelmärkten ist, die Verkaufsstände möglichst bei Abwesenheit der Sonne aufzusuchen. Viele Verkaufsstandmenschen schlafen dann noch und wenn man sie nun weckt, haben sie kein Interesse am Handeln und legen den Preis besonders niedrig an, damit ich, der Aufweckende, schnell wieder geht und der eigene Schlaf weitergeführt werden kann. Clever, was? Auf diese Weise habe ich heute geschätzt fünfzig Cent gespart, außerdem bin ich jetzt schon fast neun erlebnisreiche Stunden auf den Beinen, obwohl erst Mittag ist. Der Mensch schläft etwa ein Drittel seines Lebens, ich hingegen möchte nicht noch mehr Zeit verschlafen. Bekannt ist sicherlich die alte Faustregel „Kaufe niemals Schwimmflossen auf dem Trödelmarkt, sonst werden deine Füße eitern und schimmeln!“, aber weil ich Nachsicht spannender finde als Vorsicht, habe ich es dennoch gewagt: für einen Euro wanderten um fünf Uhr morgens zwei grüne Schwimmflossen in meinen Besitz. Am Nachmittag hätte ich sicherlich mehr dafür bezahlt. Morgen reise ich zum Nil und probiere sie aus!

Wenig später erreichte die Sonne unsere Erdhalbkugel und ich benötigte ein Frühstück. Eine Zigarette war mir dafür nicht genug, ich genehmigte meiner Lunge eine zweite. Ich las gerade in meinem neuen Franz Josef Degenhardt-Buch (fünfzig Cent), als ich die zweite Kippe auf den Kieselsteinboden warf – und ein Polizeimensch in meine Richtung trabte.

Was haben Sie da gerade gemacht?“
„Ich weiß, ich weiß; Körnerbrötchen und Orangensaft wären ein besseres Frühstück gewesen, Herr Polizist, aber Sie wissen doch, wie das ist. Der nächste Supermarkt beginnt mit seiner Verkauferei erst in zwei Stunden.“
„Und dann schmeißen Sie die aufgerauchte Zigarette einfach so auf den Boden? Unsere Mülleimer haben rund um die Uhr geöffnet.“
„Hehe, ein gelungener Scherz, Herr Polizist! Ich verstehe Ihren Unmut, aber sehen Sie, ich wollte mir ja einen Aschenbecher kaufen. Mir gefiel ein Jonnie Walker-Aschenbecher sehr, er sah nach Stil aus und ich war auch im Begriff, ihn zu erwerben, aber trotz des Trödelmarkttricks wollte die Verkäuferin sechs Euro dafür haben! Da musste ich ablehnen. Sie kennen doch den Trödelmarkttrick mit dem frühen Aufstehen und so weiter?“
„Ich bitte Sie höflichst darum, ihre Zigarettenstummel in den Mülleimer zu werfen. Schönen Tag noch.“

Polizisten sind ganz nette Menschen, doch manchmal haben sie nichts Wirkliches zu tun und dann tun sie mir leid. Für uns Normalbürger ist es schön, wenn keine großen Verbrechen geschehen, aber wenn sich ein Polizist nur mit Kleinstbagatellen beschäftigen muss, lebt er unzufrieden und unausgefüllt. Was ist ein Hüter des Rechts ohne Unrecht?
Dann fand ich bei meiner Trödelmarktvisite noch ein Diddlmaus-Puzzle mit fünfhundert Teilen. Das hatte ich auch früher mal besessen. Natürlich hatte ich großes Interesse an einem Kauf, mein eigenes Puzzle habe ich im Verlauf eines Umzugs leider weggeworfen. Ich hätte gern wieder dieses Puzzle, denn es gibt weniger sinnvolle Möglichkeiten, seine Freizeit zu verschwenden, zum Beispiel Mandalas oder Vuvuzelas. Doch zuvor musste ich prüfen, ob alle fünfhundert Teile noch beisammen waren. Habe also gezählt, drei fehlten. Nö, dann nicht.

Notes Of A Dirty Young Man

Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, kann es nur noch vorwärts gehen. Das ist beruhigend. Auf dem Weg zur gegenüberliegenden Wand finden sich zahlreiche Geschenke, zum Beispiel verklebte Kaugummis, ungelesene Zeitungen und Haarspangen. Ich hielt neulich die Hundeleine zu locker und dann ist der Hund weggelaufen. Er kam bis heute nicht mehr zurück, doch das ist okay; auch ein Hund darf machen was er will. Bastian Schweinsteiger hat gestern übrigens wirklich sehr gut gespielt. Aber das gehört hier nicht hin und her. Erzählen möchte ich noch von meinem Donnertag, an dem ich kurz davor war, das Gesamte zu verstehen. Leider störte mich dann ein Telefonat. Schade. Mein Freitag war dann nicht so ereignisreich, ich entsorgte ein paar abgelaufene Fruchtjoghurts; zwei davon mit Himbeergeschmack, weil Himbeeren lecker sind. An besagtem Tage konnte ich zudem ein Eiswürfelgerät aus Plastik erwerben. Wasser gefällt mir im flüssigen Zustand nicht so sehr, ich habe gern etwas zu tun und lutsche deswegen für mein Leben gern eisiges Würfelwasser. Davon hat man auch länger was, gerade jetzt, in der Warmzeit. Eine perfekte Überleitung zu dem, was ich am Wochenende getan habe: da habe ich versucht, meinen Körper vor der wetterbedingten Wärme zu schützen, indem ich am Tag geschlafen und nachts meinen üblichen Kram gemacht habe. Dieser Versuch muss als gescheitert in mein Notizbuch geschrieben werden, da mein obligatorischer Samstageinkauf von den Öffnungszeiten der Supermärkte verhindert worden ist. Der normale Konsument glaubt vielleicht gar nicht, wie teuer Milch ist, wenn man ihn an einer Tankstelle ersteht. So wurde es am Sonntag ein geldintensives Müsli. Alles in allem hatte ich aber dennoch ein schönes Wochenende. Hauptgrund dafür ist, dass die Postkarte, die ich mir beim Urlaub im Nachbarort selbst geschrieben hatte, nach zweiwöchiger Wanderung endlich angekommen ist. Schöne Grüße aus Mönchengladbach!

Nicht jedes Gespräch ist Unterhaltung

Und einmal, da machte ich alles verkehrt und dachte darüber nach, ob es Ursachen gegeben hatte und wieso. Wie unklug. Augen zu und durch ist besser als Augen zusammenkneifen und dem Elend in die Augen sehen. Denn das Elend ist hässlich und grell. Zum Glück fand ich in einer Kiste ein altes Schreibdokument, eine Art Tagebucheintrag und ich amüsierte mich sehr über den Inhalt, obwohl er in einer sehr dunkleren Nacht aufgeschrieben worden ist. Der größte Idiot ist immer man selbst, man muss sich nur immer mal wieder daran erinnern. Ich lachte laut, sah aus dem Fenster, ob ich Nachbarn aufgeweckt hatte und weil draußen nur ein paar Katzen ungestört auf Mülleimern tanzten, entschied ich mich spontan für gute Laune. Eine Bob Dylan-Platte lag immer noch auf dem Plattenspieler, ich hatte wohl lange keine Platte mehr gehört, weil meine iTunes-Musiksammlung einfach viel einfacher zu handhaben ist. Einfach heißt aber nicht gemütlich. Schallplatten haben Flair. Ich ließ die Nadel auf der Rille von „Desolation Row“ herunter, suchte meine Zigaretten, spielte ein bisschen mit dem Lichtdimmer und als alles angerichtet war, genoss ich einfach die Momente. In Unterhose auf dem Boden liegen ist oft eine gute Idee. Mit geschlossenen Augen, natürlich, denn, das wissen wir, sonst droht das Elend. Schade, dass kein Alkohol im Kühlschrank war, aber es war alles auch so schon mehr als okay. Dann genoss ich die Momente zu sehr und schlief ein. Als ich am nächsten Mittag aufwachte, hatte mein Teppich einen neuen Brandfleck. Zu blöd zum Rauchen! Da war er wieder, der Idiot. Ich hatte mich wieder erfolgreich an ihn erinnert! Also erneut lachen, es ist eben doch alles lustiger als man denkt. Was hatte ich eigentlich nochmal verkehrt gemacht? Erstmal ein Kaffee.

Ein Nachgezwitscher

Eine Elster ist gestorben. Sie hatte es im Leben scheinbar nicht weit gebracht. Man hatte von ihr erwartet, dass sie die Familientradition weiterführen solle und zwar als diebische Elster. Diebstahl, das Steckenpferd fast aller Elstern. Naturgegebene Tradition. Doch unsere Heldin hatte ihre moralischen Bedenken gegen das Stehlen von fremdem Eigentum. „Lasst doch die Raben oder die Wölfe stehlen, wir müssen doch nicht jede Scheiße mitmachen!“ hatte sie immer gesagt. Petitionen hatte sie gegründet, vierzehn Vorträge hatte sie gehalten; leider blieb die Resonanz gering und ihr Kampf muss als erfolglos angesehen werden. Eine öffentliche Beerdigung wird es indes nicht geben, ihre Verwandten und Bekannten hatten sich von unserer gefiederten Freundin entfernt, nachdem sie ihre eigene Einstellung zum elster’schen Handwerk entwickelt hatte. Die Zahl ihrer Mitstreiter war gering, die Presse berichtete kaum über ihre Aktionen – größere Medienpräsenz brachte ihr nur ein Auftritt in einer Radiosendung zum Thema „Elstern in Polen – da staunt sogar der Mensch!“. Zudem starben bereits im Frühjahr zwei ihrer engsten Vertrauten einen qualvollen Hungertod. Ein dritter starb im Kampf mit einer Krähe. Trotz aller Rückschläge blieb die Elster zu Lebzeiten stets lebensfroh und optimistisch, bis dann am gestrigen Tage ein Unglück ihr junges Leben viel zu früh beendete.

Unsere Elster war fliegend auf dem Weg zum Sport, als sie hinter sich ein begrüßendes „gräh!“ vernahm und ihren Kopf nach hinten drehte, um nachzusehen, wer ihr dort einen schönen Tag wünschten wollte. Es war ihr Verehrer. Sie hatten sich auf einer Demonstration kennengelernt und anschließend unter großer Mithilfe befreundeter Brieftauben romantische Briefe getauscht. Er hatte ihm Sinn, sie zum Essen in einer Buche einzuladen, doch dazu sollte es nicht kommen. Vor flatternder Erregung und grähender Ablenkung flog unsere Außenseiterelster in ein Windrad. Dass diese Dinger aber auch so langsam beim Stromerzeugen sein müssen. Ruhe in Frieden, Elsterdame!

Im Newsletter steht nur Altes

Eine Stunde lang im Kreis laufen oder um den Häuserblock. Ist doch vollkommen okay. In der Innenstadt sieht man viele Menschen, die unsympathische Dinge machen müssen, weil sie Geld brauchen. Beispiel. Ein Afrikaner sitzt mit lustigem Hut und Gitarre vor einem Modegeschäft für Besserverdiener und spielt „Let it be“ von den Beatles. Er spielt es zehn Minuten lang. Leider kann er nicht besonders gut Gitarre spielen. Leider konnte er sich den Text nicht komplett merken und er baut deswegen witzige Fantasieworte (Afrikaans?) in den Song ein. Dafür ist seine Stimme recht gut; aber singen können die Neger ja sowieso alle, schnappe ich am Wegesrand auf. Ja, außerdem haben die alle einen riesigen Penis. Ist doch schön, wenn man sich auf Klischees verlassen kann, sie ersparen einem viele Lästigkeiten. Drei kleine Kinder springen vorbei, gucken sich den Musikanten an und werfen ihm trotzdem Wechselgeld in die Gitarrenaufbewahrungskiste. Von dem Geld kann sich Herr Musik nun ein Brötchen aus der Backfabrik kaufen oder er spart noch ein wenig, dann kann er sich im iTunes-Store ein neues Lied kaufen. Vorschläge: „Kumba Ya“, „Yesterday“ oder „Satellite“. Oder er kauft sich einen neuen Hut, aber davon rate ich ab, sein alter ist gut. Ich erledige auch meine Pflicht als netter Kerl und spende ihm zweiundfünfzig Cent.

Eine junge Dame kreuzt den Weg. Sie trägt bunte Werbung mit sich und verschenkt diese an ausgewählte Probanten. Zur Eröffnung kostet jede Frisur nur zehn Euro; da nehm ich doch direkt zwei, höhö. Fünf Meter weiter Richtung Westen sieht man drei auf den Boden geworfene Werbezettelchen. Ein Wegwerfer hat dabei eine Pfütze getroffen, abstrakte Kunst, fast. Wäre ich eine Taube, würde ich jeden Tag auf McDonald’s kacken. Einfach so. Tauben sind super und wer das Gegenteil behauptet, ist nur neidisch auf die taub’schen Privilegien. Ich geh dann mal wieder nach Hause, wie immer.

Wenn man von einem deutschen Song auf einmal die originale, englische Version hört und von dessen Existenz vorher nichts gewusst hat, muss man sich sehr wundern

Ich organisierte eine große Fete, doch niemand kam. Die Einladungskarten vergessen. Fehler im Detail und schon ist die ganze liebevolle Planung im Arsch. Konfetti macht nur in Gesellschaft Sinn, wenn überhaupt. Zum Glück kam im Fernsehen was Spannendes, z.b. Skispringen. Ist also auch alles nicht so dramatisch und schließlich schon vier Jahre her. Und weil ja niemand außer mir anwesend war, kann mich logischerweise auch niemand an diesen peinlichen Zwischenfall erinnern. Wie gut. Darauf erstmal ein Glas Rotwein, den ich zwar nicht mag, aber ich bin derzeit dabei, mich an Rotweingeschmack zu gewöhnen, weil Rotwein cool ist und wenn ich mal in die Situation komme, Helmut Karasek oder Uwe Seeler in einem teuren Restaurant zu treffen, dann möchte ich mich auch mit Rotweintrinken profilieren. Hellmutt „Helle“ Karasek und Uwe „Uweeeee“ Seeler mögen Rotwein auf alle Fälle. Eigentlich finde ich die beiden ja nicht so toll, sondern eher egal, aber das muss dann ja nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. „Sieh mal, Frau Seeler (ich weiß ihren Namen nicht, aber vielleicht Anita oder Gitte), der Herr dort drüben trinkt Rotwein, gewiss ein netter Herr, lass uns auch einen bestellen!“ sagt Uwe („Uweeee“) Seeler dann. Was witzig wird, weil Herr Seeler nicht bemerken wird, dass man durch den Einschub den Eindruck gewinnen könnte, dass er einen „netten Herrn“ bestellen wolle – und nicht Rotwein. Aber Frau Seeler kennt ihren heterosexuellen Mann, sie wird den Ober um einen kirschroten Cerasuolo di Vittoria bitten. Jaja, so wird das sein.

Hoffentlich gewöhne ich mich schnell an Rotwein, Uwe Seeler ist schon dreiundsiebzig Jahre alt. Hellmuth („Helmut“) Karasek ist sogar noch zwei Jahre älter. Als ich geboren worden bin, hatten beide schon diese witzigen Lachfalten an den Augenseiten. Und sie mochten schon Rotwein, ich nur Muttermilch. Kurios! (Anmerkung: nach dieser Feststellung hat sich der Autor dieser Zeilen ein Nutellabrot geschmiert und währenddessen das Textverfassen eingestellt. Für den weiteren Verlauf [sofern noch einer ergänzt wird] gewiss unerheblich, aber falls logische Lücken entstehen sollten, findet der Leser in dieser Klammer den Grund dafür.) So, ich gehe jetzt eine Runde im Park spazieren. (weitere Anmerkung: mir ist nichts mehr eingefallen und der Text endet sogar ohne Pointe oder rhetorische Frage. Kein gutes Zeichen. Tut mir leid. Bis später.)

(nur falls jemand zu fragen gedenkt: die Überschrift spielt auf „Sacco und Vanzetti“ von Franz-Josef Degenhardt bzw. „Here’s To You“ von Joan Baez an.)

Alltag ist nur eine Metapher

Ich gieße mir unvernünftig viel Kaffee in den Hals und nehme den Weg zu meiner Linken. Gestern Museum, heute Tierpark. Auf dem Weg dorthin treffe ich zwei mir bekannte Menschen, aber da sie mich nicht grüßen, ignoriere ich sie spontan. Ich stolpere unglücklich über meinen eigenen gelben Simpsonsrucksack. Ich breche mir einen beliebigen Knochen, der zur Fortbewegung aber nicht zwangsläufig benötigt wird, zum Glück. Ein Mann mit Hut kommt mir entgegen und völlig ohne Not frage ich ihn, wo denn der Tierpark sei. Er verbessert mich, man sage hier nicht „Tierpark“, sondern „Zoo“, achso. Wo ist denn der Zoo? Dahinten. Gut, danke. Haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich? Ja. Hier. Gut, danke. Tschüss, schönen Tag. Ebenso. Und er hatte recht, der Tierpark heißt hier Zoo. Ich kaufe eine rabattierte Eintrittskarte. Das Abenteuer beginnt. Ich knipse mit meiner Polaroidkamera den Eingangsbereich und winke dabei hastig der Eintrittskartenverkäuferin, weil sie mit ihren blonden Haaren rattenscharf aussieht. Ein Bild ist äußert gelungen, sie guckt sogar fast in meine Richtung. Geil. Das Bild rahme ich mir später ein.

Dann füttere ich die Springmäuse mit Popcorn aus dem Supermarkt, bis mich eine Zoofrau darauf aufmerksam macht, dass Springmäuse kein Popcorn vertragen und die ihr das Zeug nachher auf die Arbeitskleidung kotzen. Ich verbessere sie, man sagt nicht „kotzen“, sondern „speien“ oder „übergeben“. Sie wird sauer und sagt in meine Richtung noch bösere Sachen als „kotzen“. Was für eine blöde Kuh. Ich verschenke mein Popcorn also an die Okapis im Nebengehege. Es war eine gute Idee, noch eine Tüte Haribo als Proviant einzupacken. Die Springmäuse und ich verspeisen innerhalb von wenigen Minuten alle Goldbären; schöne Momente, wir sind nun Freunde. Ich knipse zum Abschied Erinnerungsfotos und gebe den putzigen Tieren den Tipp, der Pflegerin auf die Arbeitskleidung zu kotzen, wobei ich bewusst „kotzen“ sage, weil die Springmäuse ohnehin schon verzogen sind und jede Hoffnung für sie verloren ist. Ich lege den Mäusen ein Polaroidfoto vor die Nase, zwei kämpfen darum, wer es futtern darf, eine gewinnt (natürlich). Ein wunderschönes Naturereignis. Im Nebengehege werfen ein paar Affen mit Scheiße.

Der hiesige Zoo hat einen großen Kinderspielplatz mit Klettergerüsten und großzügigen Schaukelanlagen. Dort kann man die heutzutage seltene Spezies „Heranwachsende Menschen“ beobachten, füttern und diffamieren. Ich zeige mit dem Finger auf ein dickes Kind in einer Rutsche und weise darauf hin, dass man, wenn der Fettsack stecken bleibt, ein ziemlich großes Problem habe und ein paar Mütter lachen heimlich über meine Anmerkung, der dicke Junge weint. Er versteht wohl nichts von Selbstironie, man muss auch über sich selber lachen können, naja. Themawechsel. Seit zwei Monaten hat der Zoo zwei neue Tiger aus einem Land, in dem es Tiger gibt (ich weiß gerade nicht, welches Land das sein könnte, aber auf jeden Fall nicht Polen, da war ich schon mal und die haben keine Tiger.). Tiger sind sehr langweilige Tiere und sie reagieren auch nicht auf Zuruf. Auch die Kängurus wollen nicht auf mich hören, als ich „Langweilig, fickt mal!“ ins Gehege rufe. Ich werde wütend und zertrete mutwillig eine Ameise, die aber sowieso nicht zum Zooinventar gehörte, glaube ich. Sie war also quasi „Gastarbeiter“, haha.

Zum Abschluss meines Ausfluges kaufe ich mir noch ein Stieleis und schmeiße meinen Stiel zu den Fischen, weil ich hoffe, dass ein außergewöhnlich dummer Fisch daran erstickt. Nach fünf Minuten Warterei ist immer noch niemand tot und so stolpere ich nach zwei Stunden Zoo wieder nach Hause. Ich ziehe mein Polaroidbild von der blonden Eintrittskartenfrau hervor und hole mir genüsslich einen runter, danach stecke ich Fertiggericht in die Mikrowelle. Mein Telefon klingelt, es ist Mutter, ich hebe nicht ab. Ein wirklich anstrengender Tag, morgen guck ich lieber wieder Fernsehen.

Talk Talk Talk (ohne Sonya Kraus)

Carsten trinkt ein Glas warme Milch und zählt die Striche auf seinem kleinen Schreibblock. Siebenundzwanzig. Siebenundzwanzig! Carsten lehnt Alltag kategorisch ab. Dieses Schicksal teilt er mit vielen Menschen. Morgens aufstehen ist Scheiße, muss aber. Dem Busfahrer seine Monatskarte zeigen ist Scheiße, der Arsch kann sich auch mal Gesichter merken. Im Supermarkt von einer fetten Kassiererin auf seinen Einkauf angesprochen werden ist Scheiße, gib mir einfach mein Wechselgeld und wieso dauert eine Stornierung eigentlich immer so lange. Carsten hatte vorgestern eine unheimlich gute Idee. Er wollte per Strichliste zählen, mit wie vielen Menschen er an einem einzigen Tag gesprochen hat. Ob Geschäftliches (Carsten macht irgendwas mit Computern, da redet man selten, chatten zählt nicht.), Privates oder Triviales: jedes real geführte Gespräch geht mit in die Wertung ein. Er musste natürlich überlegen, ab wann eine Kommunikation ein Gespräch ist. Ein Gespräch ist, wenn Carsten die zwei Rollen einer Kommunikation (Hörer und Sprecher) beide ausgefüllt hat. Es ist einigermaßen schwierig, diese Definition hier in Schriftform verständlich zu machen, aber Carsten und der Autor dieser Zeilen wissen, was gemeint ist. Also egal.

Er positionierte also den prominent im ersten Satz platzierten, kleinen Schreibblock in seiner Hosentasche und ging den Tag an, als wäre es ein ganz normaler. Ha! War es natürlich nicht. Man muss sich Carstens Tag folgendermaßen vorstellen: er sagt in der Bäckerei „Guten Morgen!“, der Bäckermensch grüßt mit den gleichen Worten zurück, dann kauft Carsten sich die BILD und nach dem Verlassen der Backstube kommt heimlich der Block aus der Tasche. Naja. Ich glaube, das Prinzip ist klar. Viel mehr gibt diese Idee auch nicht her, das Nacherzählen ist langweiliger als das Gespräche zählen. Sapperlot, wozu dann der Quatsch? Einfach so, wieso nicht. Niemand rechtfertigt sinnlose Statistiken. Man führt sie. Mhh, lecker, warme Milch. Carsten denkt so: wenn er morgen in der Straßenbahn sitzt, wünscht er sich, dass ihn möglichst niemand anspricht, damit er in aller Ruhe gar nichts machen und rausgucken kann. Aber am großen Statistiktag hat er sich darüber gefreut, dass er zwischen Haltestelle Borkenhof und Haltestelle Borkenhof II (was für dämliche Fantasienamen, haha, ich bin so genial.) nach der Uhrzeit gefragt worden ist. Es war 11:43 Uhr. Wahnsinn. Etwa zwei Minuten später dann der Strich im Block. Großartig. Vielleicht sollten alle Menschen auf statistische Gesprächejagd gehen, bringt Laune. Und wird nie, bzw. nach zehn Minuten langweilig.

Eigentlich, wenn ich mal nachdenke, machen junge Leute ja heute mindestens Vergleichbares bei Facebook und ähnlichen unsozialen Netzwerken. Ich schreibe irgendwem auf die Pinnwand und freue mich, wenn er oder sie zurückschreibt. Einem „Hi, wie geht’s?“ folgt ein „Gut und dir?“, dann ein „Cool und was machst du so?“ und nach dem „Ach, nichts, ich chille nur.“ ist das Gespräch auch schon vorbei. Und dann sucht man jemand anderen; je mehr Freunde und Facebookpinnwandeinträge, desto toller ist man. Wie toll ist eigentlich Carsten? Eigentlich wollte ich ja noch ein bisschen über Carsten erzählen, aber auch Carsten gibt als bescheuerter Strichlistenführer mit PC-Fachwissen einfach nicht so viel mehr her als seine komische Zählidee. Also ich persönlich würde nicht lange mit ihm erzählen. Aber warme Milch, gute Idee, eigentlich. Auf jeden Fall besser als das mit dem Schreibblock. Bis später dann, Leser.

Scrapple From The Apple

Es ist große Apfelmesse. Jährlich treffen sich hunderte von Apfelfans und teilen ihre Apfelanekdoten und Zuchttipps. In diesem Jahr entschied sich das Komitee für Göppingen als Schauplatz. Es handelt sich bei diesem Großereignis nicht bloß um ein regionales Juxereignis, vielmehr sprechen wir hier von einem multikulturellen Fest. Außerdem weiß jedes Kind, dass es ganz viele tolle Apfelsorten gibt und man die ohne fachmännische Hilfe gar nicht auseinanderhalten halten kann und dafür ist diese Veranstaltung. So reisen aus fast allen wichtigen Ländern der Welt (z.B. Ungarn oder Peru) zahlreiche Menschen an, feiern gemeinsam und essen Apfelringe, Apfelkuchen oder Äpfel. So auch unser Held Magnus Äppleson aus Norwegen. Magnus enstammt einer Familie mit traditionsreicher Apfelhistorie; sein Urgroßvater beispielsweise gewann dreimal in Folge die Apfeltauchen-Europameisterschaft – danach verstarb er auf tragische Art und Weise, aber vergessen wir dieses längst verjährte Unglück und machen einen Sprung in die Gegenwart. Denn in diesem Jahr wird Magnus eine erfreulice Ehre zuteil: er wird zur Eröffnung der Apfelmesse die Diskussion „Kartoffel: gesunder Erdapfel oder fiese Knolle?“ leiten.

Die Idee dieser obskuren Debatte hat ihren Ursprung auf dem letztjährigen Treffen in Ljubljana. Dort forderten Apfelaktivisten („Apfelfront“) aus Nepal, dass die Kartoffel als offizieller Verwandter des Apfels akzeptiert werden müsse und dementsprechend mindestens eine Informationstafel, wenn nicht sogar einen eigenen Stand auf der Apfelmesse verdiene. Zuspruch erhielten die Aktivisten damals bereits aus Indien und Polen, doch eine endgültige Klärung dieser Frage wird erst in diesen Tagen im Rahmen von Magnus‘ Diskussionsrunde erwartet. Als weitere Höhepunkte des diesjährigen Apfelfestes freuen sich die Messebesucher bereits auf das Apfelkernweitspucken (Dienstag, 19 Uhr, Halle 3), witzige Äpfel-Birnen-Vergleiche am Mittwoch und natürlich auf den abschließenden Freitags-Auftritt der tollen Sängerin Fiona Apple. Die Stadt Göppingen lädt herzlich alle Freunde des Apfels ein, der Eintritt beträgt zehn Euro – darin enthalten ist ein 5€-Gutschein für apple.com. Doch es wird ausdrücklich darum gebeten, auf dem Messegelände dämliche Anmerkungen wie „Tja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“, „Na hoffentlich endet dieses Fest nicht mit einem Sündenfall, hehe!“ oder „Da ist wohl der Wurm drin!“ in jeglicher Hinsicht und Sprache zu verzichten. Wortspiele sind nämlich unheimlich beknackt. Apfellige Bemerkungen über kulturbewusste Apfelliebhaber auch.

Außerdem ist Holger Apfel (NPD) hiermit offiziell von der Veranstaltung ausgeschlossen. Blödmann! Allen anderen viel Vergnügen.

Super: Mario World!

Bei Super Mario besiegt man seine Gegner dadurch, dass man ihnen auf den Kopf springt. Dann verschwinden die Feinde und man kann weiter von links nach rechts springen. Ein naheliegender Gedanke ist doch, diese Idee ins Reale zu übertragen. Ungeliebte kleine Menschen und Kinder hätten dann sicher ein Problem, aber besonders lustig sähe es doch aus, wenn Kriege auf diese Weise geführt werden würden. Kriege haben derzeit ein ziemlich schlechtes Image, trotzdem werden überall immer wieder welche angefangen. Verrückt! Aber was könnte man diese Schlachten durch diese Mario-Methode aufwerten: witzige Nintendomusik, möglicherweise noch rot-blaue Mariokostüme und dann hätte man bei der Tagesschau auch wieder ein bisschen mehr Spaß. Vor allem die Kinder! Die Tagesschau wird dann endlich zur Familiensendung! Zum TV-Ereignis für alle! Krieg in irgendwo, haha, guck mal, wie lustig das aussieht! Juhu!

Außerdem stelle man sich vor, wie einfach man nun beispielsweise Asien erobern könnte. Die sind doch alle so klein, da drüben! Man müsste einfach nur noch Menschen über 1,90 m in die Bundeswehr einberufen und dann übt man fleißig, wie man aus dem Stand zwei Meter hochspringen kann. Trampolin statt Teufelskopfstreitkolben! (Der Teufelskopfstreitkolben ist übrigens eine zeremonielle Waffe aus Indien und Persien.) Und Napoleon hätte man auch nicht erst in Waterloo besiegt! Zudem habe ich ja bereits im zweiten Satz darauf hingewiesen, dass besiegte Gegner sich einfach auflösen. Ohne Blut. Ohne unschöne Körperreste. Keine Schweinerei, die hinterher irgendwer aufräumen müsste.

Krieg ist ja echt keine so tolle Erfindung. Super Mario schon. Wieso also nicht einfach beides verbinden? Mister Obama (1,85 m), übernehmen Sie!

Nicht uncool drum betteln, oder: warum Pinguine nicht fliegen können

In Neuseeland gibt es ein mittelgroße Gruppe von Menschen, die für ihr Leben gern Pinguinschnitzel verspeisen. Eine ziemlich knifflige Angelegenheit, denn Pinguine wandern selten nach Neuseeland aus; daher wird dort in jedem Monat durch ein aufwendiges Verfahren (Schnick-Schnack-Schnuck ohne Brunnen, bis drei) jemand ausgelost, der zum Südpol reisen und Pinguine jagen muss. Die Neuseeländer pflegen diese Tradition schon seit tausenden von Jahren, daher verfügen sie inzwischen über die nötige Erfahrung, die die Einreise der Pinguine zumeist garantiert. Es gab bereits Monate, in denen sie komplett auf Pinguinfleisch verzichten mussten – im erfolglosen Juni 1957 beispielsweise starben in der neuseeländischen Stadt Dunedin rund fünf Prozent der Einwohner an Hunger. Normal sind vier. Glücklicherweise spielt ihnen heutzutage die industrielle Entwicklung in die Karten, denn wie man sich denken kann, ist es inzwischen deutlich einfacher, den Südpol zu erreichen und die Pinguine fristgerecht zu liefern. Früher schnitt man den Magen der Pinguine auf, um dort zwei Pfund Salz hineingießen zu können, wodurch das Pinguinfleisch über die tagelange Reise hinweg frisch gehalten werden sollte. Heute kann man auf diese Maßnahme verzichten, ein guter, neuseeländischer Jäger schafft es innerhalb von sieben Tagen zum Südpol und zurück.

Leider gab es in den letzten Monaten immer mehr Leute, die dieses wirklich schöne Ritual zu stören versuchten. Tierschützer, Antifa-Männlein und Touristen. Diese Menschen haben nicht verstanden, dass der Neuseeländer zu seinem Lebensglück ab und an ein Stück Pinguin essen muss. Für die Pinguine zwar ein wenig suboptimal, aber so ist nun mal das Leben, Leute. Eingangs habe ich ja bereits das Auslosungsverfahren der Neuseeländer angesprochen, mit dem ermittelt wird, wer zum Südpol reisen muss. Witzigerweise haben die Pinguine auch ein solches Ritual: die hundert Pinguine mit den größen Genitalen messen sich in einem Wettrennen und die fünfzig Langsamsten müssen nach Neuseeland. Wir Menschen sagen ja immer, die Größe eines Penis sei wichtig und so ist es eben auch in der Tierwelt. Nur dass hier große Penisse nicht von Vorteil sind. Diese Wettrennen sind immer ein ziemliches Ereignis am Südpol, was vor einigen Jahren auch der Discovery Channel herausgefunden hat: er hat sich die Vermarktungsrechte an den Rennen gesichert und überträgt jeden Monat live. Die Rennen werden zeitlich so gelegt, dass sie in Neuseeland zur besten Sendezeit ausgestrahlt werden können. So können die Leute dort quasi live mitverfolgen, welche Tiere sie eine gute Woche später essen dürfen.

Verrückt. Fast so, als hätte ich mir das alles nur ausgedacht.

In einem Hochhaus sollte man nicht „Licht“ heißen

Er liegt in der Nachtigallstraße. In zwei Stunden ist hell und morgen ist Montag. Der Linfield FC ist neuer nordirischer Meister, die Freude ist groß, juhu. Wo liegt die Verbindung zwischen ihm und dieser Sportmeldung? Lasst es mich so erklären: bei „Malen nach Zahlen“ ist es unheimlich schwer, den Zeichner ein „E“ malen zu lassen, weil man dort den gleichen Weg mehrmals gehen müsste, was den Reiz abtötet. Würde ich also nun versuchen, den Zusammenhang zwischen Linfield und ihm zu erklären, so wäre ich auf einem „Malen nach Zahlen“-Bild wahrscheinlich sogar ein Vielfach-E, also besonders unmöglich und kniffelig, möglicherweise wäre ich das Wort „Erdbeere“. Der Mensch strebt stets danach, Antworten auf die absurdesten Fragen zu finden; gelernt haben wir dies bei Quizsendungen. Die einzige, endgültige Antwort wird abgelöst vom matschigen Antwortenpotpourri. Im Fokus steht die Suche nach der Antwort, nicht die Beantwortung der Frage. Hier muss man differenzieren: bereits die deutsche Sprache tut dies, denn hätten Suche und Beantwortung die selbe Bedeutung, hätte der liebe Gott nicht zwei Wörter dafür verwendet, denn der liebe Gott war ein sehr sparsamer Mensch. Nur ein einziges Kind („Jesus“) zu haben war in der dermaligen Zeit zum Beispiel äußert unüblich, was möglicherweise darauf schließen lässt, dass er von außergewöhnlicher Hässlichkeit oder Homosexualität geprägt war. Auf dieses Thema möchte ich aber nicht weiter eingehen, Christen sind bei sowas äußert sensibel.

Kehren wir zurück zum Liegenden auf der Straße. Ich beschließe just in diesem Moment, dass ich diese kleine Geschichte mit einem positiven und versöhnlichen Ende versehen möchte. Zuvor muss ich leider anmerken, dass der Liegende auch ein Toter ist. Es hat ihn erwischt, der Sensemann hat ihn besucht, er hat den Löffel abgegeben. Doch, und nun darf sich der Leser getröstet fühlen, er hatte Glück im Unglück, denn was kann es für eine Eintagsfliege Schöneres geben, als am einzigen Lebenstag einen Sonntag zu erwischen! Hurra! Der kleine Fliegenfreund musste heute nicht zur Arbeit! Und deswegen konnte er sich auch das entscheidende Meisterschaftsspiel des Linfield DC ansehen! Er war dabei, er hat alles gesehen! Live im Stadion! Was für ein kurzes, aber doch so erfülltes Leben.

(die großartige Überschrift habe ich bei Daniel geklaut.)

Wenn man den Gürtel enger schnallt, entzündet sich die Haut in unschöner Weise

Unfreundlichkeit im Affekt. Klingt ganz gut und hat noch keine Google-Treffer. Ein sensationeller Titel für die Autobiografie eines für seine Unnettigkeit bekannte Person. Ich befinde mich in einem Einkaufszentrum. Selbstbewusst spaziere über eine Rolltreppe und verlasse mich dabei nicht auf das Rollen, sondern nutze die Rolltreppe in ihrer eigentlichen Funktion. Als Treppe. Doppelte Geschwindigkeit, halbe Anstrengung. Der Herr vor mir verfügt nicht über dieses Wissen, lässt sich dumm hochfahren und blockiert so meinen schnellen Weg in die dritte Etage. Ich rolle meine Zeitschrift zusammen und vollkommen nachvollziehbar patsche ich sie dem langsamen Kerl auf den Hut. Der Herr schreckt auf, ruft etwas wie „Huch!“ oder „Sapperlot!“ und ruft innerhalb von Sekundenbruchteilen die Polizei. Dann komme ich ins Gefängnis oder an den Galgen. Ganz klar: der Herr auf der Rolltreppe könnte nun meinen Titel für seine Autobiografie verwenden. Er handelte zu schnell, ließ sich nicht aufklären. Es war sein Fehler gewesen; seine fehlende Kenntnis über das korrekte Nutzen von Kaufhausrolltreppen wurde letztlich mir zum Verhängnis, obwohl ich nichts Unrechts getan habe. Es hätte alles ganz anders kommen können müssen. Es könnte alles ganz anders gemusst worden sein. Es müsste alles ganz anders gekommen sein. Die deutsche Sprache kann ganz lustig sein. Auch wenn der Begriff „Rolltreppe“ natürlich unheimlich bescheuert ist. Man rollt nicht, man fährt. Fahrtreppe. Irre ich mich oder ab es da nicht sogar mal ein Kapitel von Bastian Sick in einem seiner Klugscheiß-Genitivtod-Bücher?

Poposex und Poesie, wie Funny so schön singt

Keine sauberen Socken mehr. Frische Socken treffen erst wieder am Nachmittag ein, aber noch ist es viel zu früher Morgen und Leute warten auf einen, weil man ein Referat über Parasiten vortragen muss und Referate immer extrem spannend sind, zumindest bekommt man danach immer Applaus und jeder weiß, dass es für Scheiße keinen Applaus gibt; ich schweife ab. Lösungsansätze für das Sockenproblem: a) neue Socken kaufen b) Stinkesocken anziehen c) Socken irgendwie waschen. Variante b) fällt weg, weil kein vernünftiger Mensch freiwillig riecht wie Käse und man selbst bei Ablehnung von a) und c) die neue Idee „d) Socken weglassen und Sandalen anziehen (oder Flip-Flops!)“ entwickelt. Variante a) fällt zumindest in meinem Fall weg, denn ich bin Schüler und Geld wird in meinem Alter noch für Unsinn ausgegeben, nicht für Nutzgegenstände. Ich kaufe zum Beispiel in unregelmäßiger Regelmäßigkeit unterwegs Fresszeug, obwohl zu Hause kostenlose Nahrungsmittel herumstehen, -liegen und -sitzen. (Nanu, wird sich der Leser jetzt wundern, was für Lebensmittel sitzen denn? Mir ist nichts eingefallen, klingt aber lustig.) Was für Geldverschwendung! In Afrika verhungern Kinder und die Bänker haben auch nicht mehr so viel Geld wie 2004! Ich bin aber dazu gezwungen. Das sind die Gene. Die Pubertät. Sushi statt Socken. Achso, ja, Socken.

Man ist jetzt sicher interessiert an meiner Lösung des Problems: ich habe doch noch ein paar Socken im Schrank gefunden. Alles unspektakulär gelöst. Die meisten Probleme lösen sich auf diese Weise. Aber die wirklich interessanten Probleme sind ja sowieso die, die sich zäh in die Länge ziehen. Deswegen berichtet die Tagesschau ja auch nur über Vulkane oder Friedensverhandlungen in irgendwo und nicht über Mehrzad Marashi oder eben: Socken.

(die Überschrift hat wie gewohnt nichts mit dem Inhalt des Eintrags zu tun spielt (und das ist ungewohnt!) auf ein Lied von Funny van Dannen an. Schöne Grüße an dieser Stelle an Moritz vom Sockenblog, weil Socken.)

Wenn Eberhard Waechter gewusst hätte, was er nie mehr wissen wird.

Und wie sie alle applaudieren. Unterschiedliche Frequenzen, dennoch gemeinsam. Dem Mann mit Frack in der achten Reihe hat es eigentlich gar nicht so gefallen, aber er möchte seine Frau mit dieser Meinung nicht enttäuschen. Sie fand es auch nicht so toll, spielt aber die Erfreute. Die Karten beim Preisausschreiben gewonnen, die vornehme Kleidung bei Verwandten geliehen und die Meinung der Allgemeinheit angepasst. Ein Besuch der Oper ist nicht ihr Stil, lieber Popcornkino. In der Oper gibt es nicht zu essen. Vielleicht gilt das nicht für alle Opern, aber für diese. Der Frackmann schaut auf seine Uhr, aber heimlich, denn sie ist weder teuer noch chic. Ein korpulenter Kulturfreund hat es bemerkt, denkt sich aber nichts dabei. Frackmanns Frau fühlt sich gut, vor allem fühlt sie sich zugehörig. Für wenige Stunden ist sie Teil der Besseren. Der Kultivierten. Sie erkennt nicht die Banalität dieses Gedankens. Zwanzig Leute rufen „Zugabe!“; Frackmann ruft mit, weil er weiß, dass das Ensemble diesem Wunsch nicht nachgehen kann oder will. Die Darsteller suhlen sich in diesen letzten Momenten in der unechten Begeisterung der Menge, man winkt dem Publikum letztmalig zu und muss die Bühne dann räumen. In zwanzig Minuten kommen die Putzmänner. Hier putzen nur Männer, weil der Intendant es lustig findet zu sagen, er habe Putzmänner in seiner Oper. Für seinen feinen Humor wird er überregional sehr geschätzt.

Frackmann will gehen und zwar nach Hause, aber Frau will noch fein essen gehen, weil das „dazu gehört“ und den Abend „abrunden“ würde. Er hingegen würde sich lieber nach dem Ergebnis des Fußballspiels erkundigen und dann noch gemütlich einen wegstecken. Da wird er sich wohl noch gedulden müssen, Frau setzt sich durch. Beide haben eigentlich gar keinen Hunger. Ein gelungener Abend, da werden sie sich wieder einig sein.

ISBN-10: 3426783320

Heidi Klum ist Vegetarierin, sie isst lediglich Sushi. Bei ihrer McDonald’s-Werbung tut sie lediglich so, als würde sie in den Hamburger Bacon Chicken TS beißen. Sie setzt dabei ihre Zähne ruckartig (veraltet: ruck zuck) auf das mit Kaliumpermanganat extra kalorienarm gezüchtete Brötchen. Weil die Technikmenschen bei McDonald’s schlau sind, wird das alles so geschnitten, dass der Eindruck erweckt wird, sie würde in den nächsten Sekunden den gesamten Burger mit nur einem Bissen verschlingen. Aber man sieht in Wirklichkeit nur das Aufsetzen der Zähne. In der Fernsehfachsprache heißt dieser Vorgang „Verzehrandeutung“; wobei der Leser diese Information hier exklusiv erhält, denn Google findet für dieses Wort keine Treffer. Aber wer hat dann den leckeren Fleischbatzen gegessen, wenn es nicht die charismatische (veraltet: zickige) Moderatorin, Klamottenanziehfrau und Wichsvorlage getan hat? Es waren Boris Entrup, Bruce Darnell, Rolfe Scheider und Peyman Amin! Dass ich diese vier Namen recherchelos aus dem Handgelenk zaubern konnte, ist erschreckend und beeindruckend zugleich. Mein Gehirn als Blödsinnspeicher, als Endlager für Egales und dabei cooler noch als Gorleben. Aber ebenso explosiv!

Gestern fiel mir beim Fernsehgucken der Name von Peter Sodann nicht ein. Trotzdem habe ich den lustigen Wettbewerb, wer beim Durchzappen mehr Fernsehmenschen kennt, gegen Till mit achtzehn zu elf gewonnen. Dank Roger Willemsen, Lilo Wanders und Simon Krätschmer; scheiße, wieso kenne ich solche Leute. Manchmal bin ich erleichtert, wenn ich beispielsweise zwei Gäste beim „perfekten Promi-Dinner“ nicht kenne. Freude über Unwissen! Hurra, ich kenne dich nicht! Meistens waren diese Unbekanntheiten zu Zeitpunkten berühmt (veraltet: in), in denen ich inexistent, noch jünger oder besser beschäftigt war (z.B. Erdbeerkuchen, Rubbellose oder Fang-den-Hut). Zudem habe ich heute bei Stadt-Land-Fluss gegen meinen Deutschlehrer verloren, obwohl ich witzige Einfälle wie „Wachsmalstifthersteller“ (als Beruf) zu bieten hatte. Wird aber natürlich nicht toleriert, nur „Wissenschaftler“ gab Punkte. Fiel mir aber natürlich nicht ein. Ärger statt Freude über Unwissen. Und wie mein Lehrer beim Buchstaben „J“ auf Jordanien (Land), Jordan (Fluss) und Michael Jordan (Sportler) zu kommen, wäre auch ziemlich unschlecht gewesen. Mfah.

Ach, soll mir doch egal sein, es ist tolles Wetter und dieser Eintrag hier ist der erste in der Weltgeschichte dieses Blogs, der auf einer Terrasse geschrieben worden ist. Hurra!

She is as cool as a cucumber

Der Mensch als Wirt eines Witzes. Witzwirt Mensch! Tief im Menschen verankert und verzahnt, permament einer revolutionären Metamorphose ausgesetzt. Das Leben als Witz. Der Witz des Lebens. Lebenswitz. Witzleben. Sarkastisch, unpersöhnlich, ohne Pointe. Der neue Humor. Witz ohne Pointe. Wer lacht, hat ihn trotzdem verstanden. Oder glaubt es wenigstens. Einfach darüber lachen, sonst Kopfweh. Humorlosigkeit als Mittel für Verständnis. Sinnlos verbundene Worte, die ohne weitere Erklärung auf eine Internetseite tapeziert werden und durchdacht klingen (sollen?). Pointen als Rezept gegen Engstirnigkeit. Kampf gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen für Kleintransporter auf der Strecke zwischen Wetzlar und Weinheim. Drogensucht als Protest. Reizüberflutung als Folge des schmelzenden Nordpols. Umgehen der Tabaksteuer durch Nichtrauchen. Dosen als Schutz vor dem natürlichen Feind. Ewig könnte man so weitermachen. Sätze als spontane Kunst. Einfälle als Ablenkung. „Hang the DJ“ singt Morrissey. Ein Aufruf zum Mord des Schuldigen für alles. Alleinsein als Existenzminimum. Ans Ungewöhnliche zurückgewöhnen. Überleben die einzige Regel.

Und Kopfschmerzen als Rückfall ins pointenlose Witzleben.

Würfel sind Gefallen

Trinkspiele machen immer Spaß. Er würfelt, die quadratischen Entscheidungsträger scheppern gegen den Becher. Eine fünf und eine drei. Wenn die Summe der erwürfelten Zahlen ein gerades Ergebnis brachten, so musste er einen Kurzen trinken. Es reicht aber auch, wenn eine der beiden Ziffern gerade ist; auch dann muss er trinken. Schnell rechnet man sich aus, dass er dank seiner eigenen Regeln immer ein Gewinner war. Unwichtig, was er letztlich würfelte. Er war sich dessen bewusst, aber er störte ihn nicht, denn das Trinkspiel war nur eine Ausrede für den eigenen Verfall. Das Gefühl, sinn- und grundlos zu trinken, bereitete ihm Angst. Niemals wollte er zum Alkoholiker werden. Es würde am nächsten Morgen auf der Arbeit zudem auch sympathischer und geselliger klingen, wenn er sein verklebtes Gesicht und sein madiges Gemüt mit einem Trinkspiel erklären könnte. Er muss ja nicht erwähnen, dass er allein dabei gewesen war.

Bei einem Kreuzworträtsel hatte er 1996 eine Kuckucksuhr gewonnen. Zu jeder vollen Stunde kommt ein Plastikvogel aus seinem Türchen und macht ein unmelodisches Surrgeräusch. Nie im Leben sind Kuckucks wirklich so doof, sie besitzen wahrscheinlich nicht mal ein Zeitgefühl. Die Uhr befindet sich hinter seinem Rücken; er versuchte stets zu erraten, wann denn eine Stunde in seinem Saufkosmos vergangen war. Manchmal drehte er sich um, sah auf das Zifferblatt und probierte dann, die Uhrzeit zu erwürfeln. Dreiundzwanzig Uhr und sieben Minuten. Nun versuchte er, irgendwie auf eine dieser beiden Zahlen zu kommen: sei es durch Division, Multiplikation oder großzügiges Runden. Dabei schummelte er oft, denn als Belohnung winkte der Alkohol. Und der Kuckuck als einziger potentieller Zeuge schwieg. Er konnte es nicht sehen, seine Arbeitszeit kam erst in dreiundfünfzig Minuten.

Doch, da! Huch! Der Kuckuck erschien, spielte sein beschissenes Tralala und er sammelte die Gedanken: war sie defekt? Oder war er bereits zu betrunken, um diese Szene fachgerecht zu beurteilen? Gott sei Dank, die Begebenheit klärte sich auf und er Vogel sang ein neues Lied: „Ach, mach deine Scheiße doch alleine, elender Hundejob; ich kündige! Morgen gehe ich nach Paris.“

(der letzte Satz ist auch der letzte Satz in Sealfields „Morton oder die große Tour“ – was vielleicht, aber bestimmt kein Zufall ist)

Kalter Kaffee schmeckt auch warm

Ich will diese Facebookscheiße nicht mitmachen. Nur um Fotoalben meiner Schwester ansehen zu können und wirklich nur deswegen habe ich ein Profil dort. Kein witziges Profilbild, keine bescheuerte Gruppe und ich weiß nicht, was es da sonst noch alles gibt, das ich nicht mache. Trotzdem habe ich dort zwanzig offene Freundschaftsanfragen. So viele Freunde habe ich nicht mal im echten Leben, geil! Ist ja auch egal. Jeden Montag gucke ich mit meiner Oma „Wer wird Millionär?“ und manchmal weiß ich sogar was. Sie kauft oft so Kaffeebonbons, ich habe den Namen vergessen, aber die sind echt prima. Ich weiß nicht genau, ob da wirklich Kaffee oder Koffein oder irgendwas Belebendes drin ist, aber haha, ich bin auch so schon ein aufgewecktes Kerlchen, zwinker zwinker. Es gibt auch Bonbons mit Cappuccino-Geschmack, aber Cappuccino ist totaler Quatsch, das ist ja wie Biermischgetränke. Eigentlich sind ja auch Kaffeebonbons Quatsch, aber Thermoskannen sind scheißeschwer.

Oft sind „beim Jauch“, wie Oma immer so nett sagt, junge Studenten, die ganz genau wissen, was sie mal werden wollen und wo sie das ganze Geld reininvestieren wollen. Komisch, noch nie hat jemand gesagt, dass er das Geld gnadenlos versaufen oder verjuxen will; ich glaube, dass die alle lügen. Dann sagt Oma, dass ich mir mal ein Beispiel an den fleißigen Studenten nehmen soll, weil die so fleißig und Studenten sind. Aber Lügner sind doof. Wenn ich mal beim Jauch bin und reich werde, werde ich wahrheitsgemäß sagen, dass mein Gewinn in Blödsinn investiert wird. Außer ich bin montags dran, dann muss ich wahrscheinlich lügen: weil dann guckt ja Oma zu.

Dieser Text handelt eigentlich nur von Busverspätungen und langweiligem Physikunterricht, aber mittendrin habe ich auch was zu Ailton geschrieben

Sonst kam er immer pünktlich, zumindest relativ. Heute kommt der Bus Richtung Hauptbahnhof relativ unpünktlich. Ich und all die anderen Schulkinder (manche davon waren bestimmt Erstklässler, die nennt man hier gerne „I-Dötzchen“, aber ich habe diesen Ausdruck lange nicht mehr gehört, ist das noch aktuell?) wissen, dass die eigentlich vorgesehenen Anschlussbahnen und -busse für uns nicht mehr erreichbar sind. Und bis zur vorletzten Haltestelle hat man als Oberstufenschüler nie einen Sitzplatz und steht Arsch an Arsch mit irgendwelchen Siebtklässlern. Es wird keine Rücksicht genommen auf wenig Schlaf und Hausaufgaben, die man im Sitzen vielleicht noch schnell auf den Block kritzeln möchte. Meistens spielen die kleinen Kinder mit ihren Handys herum. Sie machen dann Fotos, wobei fast immer irgendeiner dabei ist, der unbedingt nicht fotografiert werden will und sich deswegen versteckt, oder sie spielen beknackte Minispiele. „Als ich so alt war wie ihr, da waren diese Teile noch so groß wie Ziegelsteine! Und auch so schwer!“ möchte ich zurufen, aber ich bin zu müde und ach, sollen sie doch. Mit meinem Handy kann ich nur Solitaire spielen. Zwei Grundschüler mit langen Haaren unterhalten sich über das gestrige Spiel des KFC Uerdingen und über den Einsatz von Stürmerstar Ailton. Sie waren nicht da, aber beim nächsten Spiel wollen sie unbedingt hin. „Ailton ist noch fetter als früher und läuft im ganzen Spiel sicher nicht mal einen Kilometer, knipsen wird der aber bestimmt noch!“ will ich als Dauerkartenbesitzer fachkundig mitteilen, aber ich bin zu müde; Kaffee wäre jetzt was Feines.

Beim Erreichen des Bahnhofs muss ich feststellen, dass bereits in fünf Minuten die Physiklehrerin meine Anwesenheit überprüfen würde; verdammte Scheiße, aber egal. Noch vier Minuten bis zur nächsten Bahn, da ist also noch ein bisschen Zeit für Lektüre und Kaffee holen drin. Habe die Bahn dann doch verpasst. Zum Glück fahren zwei Bahnen zu meiner Schule, komme dann nur mit einer Viertelstunde Verspätung zu Physik. Der Kaffee am Bahnhof schmeckt übrigens nicht so toll. „Hallo! Tschuldigung! Bus hatte Verspätung!“ und dann setze ich mich neben Félix. Félix schreibt man mit diesem Strich über dem E, da besteht er drauf. Er dachte, ich würde schwänzen. Ich? Quatsch! An der Tafel steht Irgendwas, ich schreibe es ab. Dann fällt einer in der ersten Reihe vom Stuhl. Er hat sich nicht wehgetan, also darf ich darüber lachen. Gut, dass der Bus doch noch gekommen ist. Danach weiter Physikzeug. Physik ist wie Latein. Ohne den Kaffee vom Bahnhof wäre ich längst eingeschlafen. Félix gibt mir den Tipp, früher ins Bett zu gehen. So oder so, morgen früh, 7:24 Uhr, Bushaltestelle, ich werde da sein!

Herr W. vom Geschichts-LK, falls sie hier mitlesen: es könnte sein, dass ich ein paar Minuten später zum Unterricht erscheine. Das dient dann aber nur meiner Aufmerksamkeit, weil Bahnhofskaffee. Sie wissen schon; der, der nicht so gut schmeckt.

風雲!たけし城

Das Leben ist wie eine japanische Fernsehshow: ich verstehe nicht viel, aber scheint ganz lustig zu sein. Witzig, hehe, mhh. Der Spruch ist mir vor ein paar Tagen eingefallen, wieso genau weiß ich natürlich nicht mehr, interessiert aber eh keine Sau; wer fragt schon, in welchem Zusammenhang große Denker wie Einstein, Goethe oder Jesus ihre berühmten Sprüche rausgehauen haben. Am Leben und natürlich auch an der gesamten Menschheit zweifeln ist bei uns Intelligenten übrigens total angesagt, wir brauchen diese Zweifel als kliescheehaftes Beiwerk genauso wie der Rockmusiker die Zigaretten braucht und raucht. Wer sind wir und wo wollen wir hin? Was weiß ich denn, ist mir relativ egal. Wenn ich wollte, könnte ich seitenlang darüber philosophieren warum, weswegen, wer, wo und so weiter. Doch letztlich nehme ich mir sowieso nur eine Tasse Kaffee und grummle ein nachdenkliches „Mhh, hmm!“. Mit pseudointellektueller und selbstverliebter Scheiße kenne ich mich schließlich aus, das weiß sicher auch der ein oder andere Leser dieses Blogs. Und für die Antwort den Sinn des Lebens bin ich zu doof. Aber ich bin schlau genug, mich nicht auf die idiotische Suche nach ihm zu machen. Lasst uns einfach machen, was uns Freude bereitet und niemandem weh tut. So wie die japanischen Fernsehmenschen, die haben das Leben verstanden. Scheiße machen, rumspringen, irgendwann draufgehen. So sieht das Leben nämlich aus! Wer braucht da noch einen Sinn.

Wer nichts über Café-Besuch und Macht wissen will, braucht nur den letzten Satz des Eintrages zu lesen. Dort empfehle ich ein Lied.

Mein neues Lieblingscafé heißt „Café“, wenn ich richtig informiert bin. Simpel, aber sympathisch. Der Kaffee ist auch nicht übel, also genehmigte ich mir dort heute mehrere. Als ich den Laden betrat, war außer mir nur eine kleine Familie anwesend; Mutter, Vater, Kind. Ich schenkte ihnen keine Beachtung, setze mich auf meinen Stammplatz und lies mir Baguette und Kaffee bringen. „Junger Mann, Ihnen ist die Jacke heruntergefallen!“ sagte eine tiefe Stimme in meinem Rücken. Ich drehte mich um, hob die Jacke auf. Normalerweise wäre die Geschichte nun beendet gewesen, mein Bukowski-Buch wartete auf mich, aber! Den Kerl kannte ich doch! Nur zwei Häuser weiter ist eine von mir als prima befundene Kneipe (weswegen mir das Café überhaupt erst aufgefallen war) und vor zwei oder drei Wochen hatte ich gegen diesen Herren im Billiard verloren. Er war besoffen, ich war besoffen und wir konnten einander nicht leiden. Einen Grund dafür kenne ich nicht, aber wer braucht schon Gründe. „Der Junge mit dem weißen T-Shirt, der gefällt mir nicht!“ hatte er damals gesagt und mich im Spiel älter aussehen lassen als ich je sein werde. Und nun dieser nette Hinweis mit der Jacke. Wollte er vor seiner Frau und seinem kleinen Baby, das ein Bärchenkostüm trug, den freundlichen Gutmenschen spielen? Oder hatte er mich und den Rest des Abends vergessen? Ich musste es herausfinden.

Sekundenlang sah ich ihm in die Augen. Er würde mich nicht ansprechen, soviel war klar, niemals würde er in Anwesenheit seiner Frau die Konfrontation suchen, selbst wenn er sich mir überlegen fühlen würde. Ich sah ihm also in die Augen. Er stoppte in seinen Bewegungen und änderte seinen Gesichtsausdruck, er hielt den Mund leicht offen und da wusste ich, dass er wusste, dass ich wusste, wer er war. Ich wendete mich wieder Lektüre und Kaffee zu, ließ ihn schockiert zurück. Irgendwann zwischen Kaffee 1 und Kaffee 2 verließen sie das Café und da starrte mich der Kerl nochmals durch die Scheibe an. Ich hatte ihm Billiard verloren, aber im Blickduell gewonnen. Es steht nun 1:1. „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ kommt es zu Runde drei, da bin ich mir sicher, ich wünschte mir an dieser Stelle das gleichnamige Nena-Lied, doch im Hintergrund dudelte eine The Police-Cover-CD. Irgendein Schwarzer, der zwar eine gute Stimme hat, aber aus Gründen blöde Songs von Sting singen muss. Trauriges Schicksal. Draußen schneite es. Wie gut ich es doch hatte, da, im Warmen, mit Kaffee.

Dann legte einer der Café-Menschen eine Tom Petty-CD ein. „Ist das Tom Petty?“ wollte ich sichergehen, der Café-Mensch sagte „Gewiss!“ und ich hatte dieses schöne Gefühl von Überlegenheit. Ob die zwei Damen dort drüben wissen, wer Tom Petty ist? Eingebildet sein ist was Feines; zumindest, wenn man es nicht übertreibt und ab und an auch mal mit Leuten zu tun hat, die sich Arroganz mindestens genauso oft leisten können wie man selbst. Ich bin kein Kerl, der sich boxt, also muss ich mich ja irgendwie über die anderen erheben. Ob zu Recht oder nicht, mir doch egal. Vielleicht macht mich das unsymphatisch, nein, es macht mich sogar ziemlich wahrscheinlich unsymphatisch, aber auch das ist mir egal. Ich will nach außen hin keine Macht haben, nur nach innen. Versteht jemand, was ich damit meine? Ich will denken können, was ich will, und auch fühlen, was ich will, auch wenn ich es für mich behalte. Diese Gedankenfreiheit, sie mag selbstverständlich sein, aber was ist heute schon selbstverständlich. Ab und an sind mir ja sogar meine eigenen Gefühle unsymphatisch, wer mich also doof findet, ist in guter Gesellschaft.

„Wissen ist Macht und nichts wissen macht nichts!“ hat mein alter Lateinlehrer gesagt, wenn irgendjemand (meint: ich) etwas nicht gewusst hat oder im Vokabeltest alle Genitivformen falsch geraten hatte. Ich weiß nicht, was ich von diesem Spruch halten soll. Dumm sein macht nichts? Ja, das finde ich auch. Aber genau das Gegenteil wollte mir der Lateinmensch klarmachen. Außerdem will ich gar keine Macht, Macht heißt, über irgendwelche Leute bestimmen zu können. Da mir diese ganzen Leute aber egal sind, will ich gar keine Macht. Ich habe ja nicht mal mich selbst unter Kontrolle. Ob die ganzen Machtmenschen schlau sind? Ist Mahmud Ahmadinedschad schlauer als Günther Jauch, weil er so viel Macht besitzt? Macht kommt doch vom Wissen, lieber Lateinlehrer. Das wird mir alles zu wirr, ich wollte eigentlich nur von meinem gemütlichen Nachmittag im Café erzählen. Bevor ich noch mehr Kopfschmerzen bekomme, verzichte ich lieber auch noch darauf, diesen Eitrag (wie üblich) nochmal zu überfliegen. Und beende ihn mit einem Liedtipp: „Roxanne“ von The Police.

Bücher in der Bahn nach Bielefeld

Rosa Luxemburg, ein Name, der aus einer Farbe und einem Land (dessen Hauptstadt auch noch genauso heißt wie das Land selbst) besteht. Was für ein Blödsinn, wer hat sich das denn ausgedacht! (Witzig wäre es an dieser Stelle noch, Beispiele zu nennen, wie so ein Name sonst noch aussehen könnte, zum Beispiel „Grün Aserbaidschan“, „Neongelb Trinidad&Tobago“ oder „Weiß Weißrussland“, aber natürlich verzichte ich auf so billige Scherze.)

Auf Rosa Luxemburg komme ich, weil ihr Name in einem Text aus der Max Goldt-Prosasammlung „Der Krapfen auf dem Sims“ vorkommt, die ich am letzten Freitag im Regionalexpress von Duisburg nach Bielefeld gelesen habe. Abends kann man gegenübersitzende Mitreisende prima durch die Scheibe beobachten. Die Leute gucken erst aufs Buch, informieren sich dann gedanklich darüber, ob sie den Autor kennen und entscheiden dann in Sekundenbruchteilen wie wohl der Leser dieses Buches aussehen könnte. „Feuchtgebiete“ wird von Lustgreisen und Nichtlesern gelesen, das 1552-seitige „Unendlicher Spaß“ (von David Foster Wallace) lesen nur Leute mit zu viel Zeit und Max Goldt wird nur von Menschen mit Anspruch und einem unsagbar guten Humor gelesen. Oder so ähnlich. Dann schauen sie einem ins Gesicht. Aha, aha. Der Mensch wird im Zug zum Pyschologen, er analysiert Mitfahrende nur mit Hilfe der Lektüre. Menschen verstehen kann so einfach sein. Max Goldt, witzig, Leser cool. Charlotte Roche, ekelig, Leser uncool. Manche lesen sogar nur ihre SMS.

Es gibt Leute, die nur aus Imagegründen das eine Buch lesen oder eben nicht lesen. Mich zum Beispiel. Ich habe mir am Krefelder Bahnhof das Buch „Baustelle Mann – Der ultimative Love-Guide“ von Sonya Kraus (ja, genau, das ist die mit den dicken Titten von ProSieben) gekauft. War ein Mängelexemplar, 3,33 € war mir der frivole Kurzweil über Penisse und Partnersuche wert, ich habe ja sowieso im Moment ein bisschen Geld, weil ich neben der Schule noch jobben gehe. Man weiß bei diesen Remittenden ja meistens nie, was der preisdrückende Fehler sind, aber bei Kraus‘ Buch bin ich mir sicher, dass die Qualität der Texte das Problem sind. Der Kauf war mir ein bisschen peinlich und ich habe mir dann gleich auch noch „Das Teufelsbuch“ vom grandiosen Hans Traxler erworben, damit mein Ruf als elitärer, belesener Johannes nicht gefährdet wird. Beide Bücher sind zum Großteil rosa. Dass das ein ziemlich lustiger Zufall ist und eigentlich einen netten Rahmen zur Rosa Luxemburg-Einleitung bildet, fällt mir erst gerade beim Schreiben auf.

Am besagten Freitag habe ich dann noch zum allerersten Mal in meinem Leben ein eBook gesehen. Ich wurde ganz hibbelig, ich wurde schließlich endlich Zeuge der Kulturrevolution, die dieses elektronische Buch-Antiquariat auslösen wird! Zumindest wenn ich dem netten Lektoren vom KiWi-Verlag, den ich am Abend zuvor bei einer Kölner PARTEI-Veranstaltung (rund um Martin Sonneborn und Mark Benecke, ich bitte um Beachtung) kennengelernt habe, glauben soll oder will. Ich finde eBooks scheiße, ich lese lieber richtige Bücher, aber der grauhaarige eBook-Besitzer sah ohnehin so aus, als wäre er in dem Alter, wo man sowas nur mitmacht, um vor Gleichaltrigen damit anzugeben. Seht her! Ich gehe mit der Zeit, ich kenne mich aus mit Technik, ich schreibe sogar mit meinem Enkel E-Mails! Hoffentlich werde ich nicht auch mal so. Der träge Alte gegenüber las ein Buch von Frank Goosen. Schon immer mal wollte ich was von Frank Goosen lesen, es wäre an der Zeit gewesen, mal nachzufragen, ob sich die Lektüre lohne. Doch was für eine Antwort hätte ich vom Alten erhalten? Möglicherweise nur ein abweisendes „Ja.“ oder vielleicht doch ein „Dieses Buch erscheint dem anspruchsvollen Leser zunächst als zu trivial, doch es besticht durch seinen klaren Stil und seine herrlichen Anekdoten und ist so für den Kurzweil auf der Strecke zwischen Wattenscheid und Rheda-Wiedenbrück bestens geeignet, also empfehle ich dir diese Lektüre gewiss, junger Lesefreund!“. Soll mir egal sein, ich lese im Moment das aktuelle „kicker-Sportmagazin“ und „Lennon ist tot“ von Alexander Osang.

In der eingangs erwähnten Goldt’schen Prosasammlung ist übrigens auch ein Text, der sich viel mit John Lennon beschäftigt. Schon wieder so ein witziger Zufall, hihihihi! Wer viel liest, dem fallen Zufälle scheinbar nur so zu. „Zufälle fallen zu“, was für eine geniale Formulierung, darauf muss man erstmal kommen. Was mit nicht zu-, sondern aufgefallen ist: bei der sonntägigen Rückfahrt dachte ich erst, ich hätte meinen Haustürschlüssel verloren und ich stellte mir schon all die Probleme vor, die dadurch entstanden wären, aber ich habe ihn dann doch noch gefunden. Also fiel mir auf, wie unglaublich langweilig Geschichten sind, die davon handeln, dass jemand beinahe etwas verloren hätte. Und weil Bahnfahren eigentlich eine langweilige Angelegenheit ist, lasse ich diesen Text jetzt auch mit dieser langweiligen Erkenntnis enden. Einfach so. Lest mehr Max Goldt!

(Übrigens wirklich toll, diese Überschrift mit ihren wunderbaren Alliteration. Die BILD ist verantwortlich dafür, dass Alliteration geächtet werden, dabei sind sie etwas ganz Okayes. Ich bin für Alliteration! Musste noch erwähnt werden.)

French fries, Chips, fries, french-fried potatoes, steak fries, wedges

Bofrost ist der weltweit größte Direktvertreiber von Tiefkühlkost und Eiscreme, steht zumindest wortwörtlich so bei Wikipedia. Aber ihre Mikrowellenpommes sind der unleckerste Rotz auf der Welt. Habe heute die geschätzt dritte Portion diesen Jahres von dem Fraß gegessen. Nur erträglich mit Ketchup, einer Prise Salz (was zum Teufel ist eine „Prise“?) und einem so starken Hungergefühl, dass es einem egal ist, was genau man frisst, hauptsache man tut es. So wie man in der dritten Welt Sand oder anderes Zeug verspeist, ihr wisst schon. Was sind meine Sorgen also vergleichbar klein, ich meckere auf hohem Niveau, aber Mikrowellenpommes sind nun mal der Sand des reichen, weißen Mannes. Man wird allerdings nicht wirklich satt, sondern nur fett dabei. Und dumm noch dazu, weil man beim Verzehr von diesem sogenannten Junk-Food zwangsläufig Privatfernsehen gucken muss. Scheint so ein geheimes Naturgesetz zu sein. Habe mich dann gewundert, dass es schon wieder eine neue Staffel „Bauer sucht Frau“ auf RTL zu bestaunen gab. Ist die letzte nicht gerade erst vorbei? Mir egal, ich guck den Scheiß immer gerne, sich darüber aufregen bringt doch sowieso nichts.

Dann war irgendwann Werbung und die Pommes waren weggefressen, also entschied ich mich für etwas Sinnvolleres. Ich nahm mir ein Buch. „Kaputt in Hollywood“, eine Kurzgeschichtensammlung von Charles Bukowski. Bukowksi, der so toll ist, dass ich seinen Namen hier noch zweimal erwähnen möchte: Charles Bukowski, Charles Bukowski. Großartiger Kerl. Lauter ehrliche, witzige amerikanische Fick- und Saufgeschichten, da kommt einem das eigene Leben immer so großstadtwichsrig vor, so öde, so ungeil; zu langweilig, um darüber ein paar Worte zu verlieren. Schade, dass heute Sonntag ist, bei Bukowski bekomme ich immer Lust auf eine Flasche Bier. Aber ich bin halt kein kaputter, alter Bukowski, ich bin nur eine arme Wurst mit Privatfernsehen und Pommes. Immerhin fühle ich mich gerade ganz gut dabei. Heute nichts mit mir und der Welt angefangen, aber trotzdem gute Laune, gut gut, wirklich. Gut, nicht wahr? Zum Abendessen gibt es eine Scheibe Brot mit Wurst.

(die Überschrift enthält die laut der englischen Wikpiedia geläufigen Bezeichnungen für Pommes.)

Man schreibt „Chance“, spricht es aber „Schongse“

Früher habe ich mich über Chancen, die ich zu nutzen verpasst habe, geärgert. Es hätte doch, es könnte doch, ach was soll denn der ganze Scheiß. Egal wie großartig diese eine Chance doch gewesen sein mag, sie war garantiert nicht die beste und erst recht nicht letzte im Leben. Chancen kommen in unangekündigten Abständen immer wieder; man darf nur die Zeit zwischen ihnen nicht damit verbringen, die Hände vors Gesicht zu schlagen und zu jammern. Sonst sieht man möglicherweise die nächste Chance nicht vorbeiflitzen. Dann kann man sie nicht einfangen, ausprobieren und nutzen. Überhaupt, wer hat sich das überhaupt überlegt, das mit dem Nutzen. Was nützt mir diese Versicherung, was bringt mir dieser Telefonanbieter und was nutzt es, wenn ich morgens einen Bus früher nehme und eben nicht zu spät da erscheine, wo ich nützlich sein soll. Die Leute wollen immer das Maximale, sind nicht zufrieden mit weniger. Wenn ich an der Tankstelle an der Buschstraße tanke, dann spare ich pro Liter „Super bleifrei“ zwei Cent und das überschüssige Geld könnte ich in Obst und Gemüse vom Markt investieren!

Oder ich kaufe mir davon ein Bier, setze mich auf die Fensterbank und höre auf, über das Schlechte nachzudenken. Und ja, ich glaube, dass das für den heutigen Tag die bessere Alternative ist. An der Buschstraße ist nämlich gar keine Tankstelle und ich habe nicht mal einen Führerschein. Eine wunderbare Chance, sich mal wieder über sich selbst zu amüsieren. Ha! Da! Eine Chance! Und ich habe sie genutzt! Geht doch. Prost!

I‘m the Skat-Man

„Lernt erstmal irgendwas, Bildung ist das Wichtigste!“ sagt Jürgen und gönnt sich für diese weise Erkenntnis erstmal einen Schluck Bier. Es ist halb eins am Freitagabend, Jürgen sitzt mit seinen Skatfreunden Gerd und Charly in irgendeiner Kneipe, als Daniel und ich uns zu ihnen setzen. Ich weiß nicht, wie oft sich junge Leute dorthin verirren, aber gestern waren es immerhin zwei. Vielleicht waren wir in diesem Jahr die ersten Gäste ohne Weltkriegserfahrung. „Willy Brandt war der letzte echte Sozialdemokrat!“ sagt Jürgen und genehmigt sich für diese These einen weiteren Schluck Bier. Pils, übrigens. Gerd hingegen trinkt Kölsch. Schmeckt besser, meint er.

Lauter Meinungen, die ich nicht teile!

Ich sage Gerd, dass er aussieht wie Pumuckls „Meister Eder“ und lache. Gerd zeigt keine wirkliche Reaktion, vielleicht hat er das fälschlicherweise als Beleidigung verstanden. Ohnehin ist Gerd sehr wortkarg. Ist er zu betrunken? Oder ist er zu nüchtern, um von zwei gut gelaunten Jugendlichen bei seiner gemütlichen Skatrunde gestört zu werden? War mir gestern egal und ist es jetzt auch noch. Oh, ich muss noch was zu Charly schreiben. Charly hat weiße Haare, viele weiße Haare, außerdem ein witziges Gesicht. Er sah ein bisschen aus wie Fips Asmussen, hat aber keine Witze erzählt. Mein Großvater kennt ihn wohl, Charly muss ein Stadtbekannter sein, er war auch schon mal Karnevalsprinz. Er ist „rückwärts“, meint Opa. So sagte man wohl früher zu „schwul“.

Die meiste Zeit habe ich aber mit Jürgen gesprochen. Jürgen hat irgendwann angefangen, Englisch zu reden, Englisch sei very important, meint er. Er hat diesen spaßigen Akzent, den alte Menschen eben haben, wenn sie englisch reden. Klingt witzig. Dann erzählte er von einem Bordellbesuch in Istanbul. „Die türkischen Nutten sind die Besten und für ein paar Mark mehr bekommt man die Sonderbehandlung: ohne Kopftuch!“ Wir lachten, Jürgen gab eine Lokalrunde und wir lachten und lachten und lallten bis die älteren Herren mit dem Taxi nach Hause fuhren. Als sich Jürgen die Jacke überzieht, erzählt er „Manchmal freut sich die Frau, wenn man nach Hause kommt, manchmal nicht. Dann guckt man eben noch fernsehen.“ und wir wünschten ihm „Viel Glück!“.

Wenn ich alt werden sollte, möchte ich auch gern Teil einer Skatrunde sein. Meine Spielkameraden: Fips Asmussen, Pumuckl und ein paar türkische Nutten.

(die Überschrift ist eine witzige Anspielung auf den „Scatman John“, ich bitte um freundliche Beachtung.)

Eine Freistunde heißt wie sie heißt, obwohl sie nur 45 Minuten lang ist

Ständig diese Freistunden! Man könnte gewiss etwas Sinnvolles mit ihnen anfangen. Heute allerdings habe ich eine dieser ominösen Freistunden mit Papier und Bleistift verbracht. Folgendes ist (unter anderem) dabei herausgekommen:

- Auch Freigeister sind nicht unsichtbar.
- Wenn man Frikadellen in Quaderform pressen, panieren und frittieren würde, könnte man sie „Fleischstäbchen“ nennen und damit eine Marktlücke füllen.
- Fliegende Fische müssen wahrscheinlich stets darauf achten, nicht mit Flugzeugen zu kollidieren.
- Noch wächst das Glück nicht an Bäumen; aber ich bin mir sicher, dass die Chinesen bereits daran arbeiten.
- Der Deutsche sagt: „Was auf den Tisch kommt, wird auch gegessen!“. Der Kongolese fragt: „Welcher Tisch?“
- Ich beneide die Afrikaner um ihr immer gleiches, schwüles Klima. Es erspart sie vor dem hiesigen Wetter-Smalltalk.
- Was für ein Wichser hat eigentlich AIDS erfunden?
- Ist Horst Seehofer eigentlich rechts genug, um ihn „politisch unkorrekt“ zu nennen?
- Wenn Elefanten wüssten, wie viele schlechte Rüssel/Penis-Witze mit ihnen gemacht werden, sie würden uns alle töten. Zurecht.
- Krefeld erinnert dieser Tage ganz schön an Venedig! Nur, dass der Aggregatzustand des Wassers hier halt ein anderer ist.

Och, doch, find ich ok.

Und „Hilfslosigkeit“ heißt „neputinta“. Auf rumänisch.

Ich kann nichts dagegen tun. Im Fernsehen läuft gerade „red!“. Dazu muss ich zwei Dinge sagen, wenn ihr das nicht kennen solltet. Erstens: Glückwunsch. Zweitens: das ist eine „Stars, Lifestyle & More“-Sendung auf ProSieben. Es ist so interessant wie es sich anhört. Ich bin vielleicht auch nicht die Zielgruppe, aber wie man sich als Frau darüber freuen kann, wenn eine andere (vielleicht etwas prominentere) Frau (Weib, Zarte, Schnecke, Babie, Puppe, Schnitte, Schwanzlose, Perle, Tucke, Schnalle, mit freundlicher Unterstützung von „wie-sagt-man-noch.de“) irgendeinen Makel hat? Die Off-Sprecherin sagt dann immer sowas wie „Aufatmen, liebe Frauen, auch Heidi Klum ist nicht perfekt!“. Haha, ja, danke „red!“, das wusste ich schon. Sie ist karrieregeil, aufgedreht, gierig und laut. Achso, das meintest du nicht, „red!“? Oh, sie sieht ungeschminkt manchmal ungeil aus. Okay. Das ist also Heidi ihr Makel. Ist das jetzt dieser berühmte Zeitpunkt, an dem die Hausfrauen vor dem Fernseher kreischend eine Laola-Welle machen? Hurra, nicht nur wir haben Cellulite? Heidi Klum ist auch nur ein, mh, „Mensch“? Hm.

Und wieso bin ich hilflos? Ganz einfach. Die Fernbedienung liegt nämlich da, wo sie meistens liegt: da wo man sie nicht findet. Deswegen kann ich nicht umschalten. Logisch. Und weil der Laptop auf meinem Schoß liegt, fällt mir das Aufstehen und manuell umschalten gleich doppelt schwer. Kommt danach wenigstens was Vernünftiges? Von mir aus auch Stefan Raab, der ist manchmal ganz ok! Oder Pastewka! Oder war der bei Sat1? Gerade kommt Werbung für Haarzeug. Hoffentlich gibt es gleich einen Stromausfall oder sowas. Hilfe!

„Gewöhnung“ heißt auf rumänisch „obişnuinţă“!

Heute habe ich einen kleinen Spaziergang durch die Nachbarschaft gemacht. Und weil sich der Mensch bekanntlich an alles gewöhnt, war auch die Dauerkälte kein Problem für mich. So wie der Körper im Italienurlaub auch irgendwann einfach nur noch vor sich hin schwitzt, aber man nicht mehr permanent „Ach du heilige Scheiße, ist das verdammt heiß hier!“ denkt; eben weil die Gewöhnung eingetroffen ist. Die Gewöhnung ist ein gern gesehener Gast, meist verhindert sie Schlimmeres. Sie ist ein warmes Gefühl – was mir natürlich auch heute beim Winterspaziergang entgegen kam. Mütze, Schal, dicke Jacke, Schnee. Glück kann so einfach sein.

Diese Krefelder Schneeidylle allein genügte aber ein paar Nachbarskindern nicht. Ein paar von ihnen haben heute allen Ernstes noch Knallerbsen durch die Gegend geworfen. Sind so Silvestersperenzchen (Sperenzchen, schönes Wort) nicht erst ab 18? Wo haben die sowas her? Haben die das die letzten Tage nicht auch schon getan? Ist das nicht gefährlich? Ach, soll mir doch egal sein, auch an die Gefahr kann man sich wahrscheinlich (der Leser ahnt es schon:) gewöhnen.

„Ordnung“ heißt auf rumänisch „szabályozás“!

Ich bin kein Freund von Ordnung. Es war mal anders, damals nämlich. Die Ordnung und ich, wir waren richtig gute Kumpels und wenn wir in der Nähe eines Bauernhofs gelebt hätten, wir hätten gemeinsam wahrscheinlich Pferde gestohlen (oder was man so sagt, wenn man extreme Kumpeligkeit ausdrücken will. Entweder ich habe die falschen Freunde oder die Leute stehlen heutzutage keine Pferde mehr, was für ein bescheuertes Sprichwort. Ich habe noch nie was geklaut.). Die Hefte auf dem Schreibtisch waren schön geordnet und sogar meine CDs habe ich damals sortiert, allerdings auf eine Art und Weise, die ich heute nicht mehr nachvollziehen kann: nach dem Alphabet. Ich habe eine Abneigung gegen Leute, die ihre CDs von A bis Z sortieren. Diese Alphabetsortierung dürfen nur mein iPod und CD-Läden, aber sonst niemand. Niemand, nicht mal du, lieber Leser! Aber diese Ordnungsabneigung (die vielleicht mit meiner Faulheit befreundet ist) kam ja erst mit der Zeit. Man kennt das ja von Leuten, die man im Kindergarten mal richtig dufte fand, mit denen man sich aber heutzutage nicht mehr so gut versteht, z.B. weil die Menschen sich ändern oder CD-Regale von Adam Green bis Zoot Woman gliedern.

Also diese Ordnung, hm. Bei mir ist alles inzwischen größtenteils Chaos, aber kein wirklich schlimmes Durcheinander. Hier und da liegen Sachen, aber ich weiß grob, wo was ist und ihr kennt das doch selbst. An vier oder neun verschiedenen Stellen liegen CDs, aber man kennt diese Stellen und so gestaltet sich die Suche eigentlich unmühsam und manchmal findet man auch Sachen, die man gar nicht gesucht hat. Ich glaube, dass Menschen, die piekfein (schönes Wort) alles penibel verteilen und ins Zimmer streuen im Leben etwas falsch machen. Das Leben ist wie ein jugendliches Gesicht: von weitem ganz ansehnlich und vollkommen okay, aber immer wieder stürzen sich Pickel, duzend verschiedene Aknearten oder von mir aus auch Veilchen ins Gesichtgetummel und zerstören alles – zumindest, wenn man sich nicht mental auf das Fratzenfest eingestellt hat. Man muss wissen, dass immer was passieren kann und wenn man alles erwartet, verringert sich der negative Überraschungseffekt, den man eben nicht planen kann. Ein Pickel, der kommt und geht. So ist es im Leben doch auch. Irgendwas oder -wer kommt, egal ob gut und ungut, und später ist es wieder weg.

Und was macht man, wenn irgendsowas kommt? Nett winken, immer schön cremig bleiben und den ganzen Mist nicht so ernst nehmen. Wo ist eigentlich die zweite Socke? Müsste ich mal suchen. Ach, egal.

Feststellung

Dass das Boulevardblättchen SPIEGEL neulich vom „verlorenen Jahrzehnt“ gesprochen hat, empfinde ich als persönliche Beleidigung. Ich habe mir in den letzten Jahren viel Mühe gegeben und das ist jetzt der Lohn dafür?

Das Innenstadtmuseum

Wenn Lust, Zeit und Kraft einen gemeinsamen Nenner finden, dann besuche ich das tollste Museum der Welt: die Innenstadt. Nirgendwo sonst kann man so prima so viele Kunstobjekte namens Mensch beobachten. Der Eintritt ist frei und es gibt keine offiziellen Öffnungszeiten, wobei man natürlich möglichst dann erscheinen sollte, wenn die Sonne scheint, sonst ist fast nichts los; das tierische Innenstadtmuseum-Pendant „Zoo“ hat ja auch nachts nicht geöffnet. Aber schon ziemlich unkompliziert so ein Museumbesuch: man spaziert planlos und frei von Geschäft A zu Geschäft B und dann schaut man sich die Entgegenkommenden einfach mal ein bisschen an.

Manche sind wirklich ansehnlich, manche haben verboten-bunte Klamotten an und manchen sieht man das Verderben bereits aus der Ferne im verlebten Gesicht an. Man kann seinen Besuch auf dieses Betrachten von Leuten beschränken, aber der Spaß vergrößert sich, wenn man irgendwo Menschen reden sieht und die Möglichkeit hat, unaufdringlich zuzuhören. Nichts ist ehrlicher als ein Dialog von Gesicht zu Gesicht und wenn man beispielsweise im Café neben einem Pärchen sitzt, dann kann man da schon die ein oder andere lustige Anekdote mitbekommen und sich an ihr erfreuen, so wie man auch im Fernsehen gerne irgendwelche Sendungen über das „wahre Leben“ guckt, nur dass sie im Innenstadtmuseum eben wirklich echt sind. Ob das moralisch vertretbar ist, dass man wildfremden Leuten beim Gespräch zuhört, weiß ich nicht, aber die sind ja selbst schuld, wenn sie ihre Probleme in die Öffentlichkeit heraustragen und das nicht ganz modern per SMS oder E-Mail klären. Was ja auch ein ganz spannendes Thema ist: ich weiß nicht, ob das euch bereits aufgefallen ist, aber die Leute reden immer weniger miteinander. Oder wann hat euch das letzte Mal jemand nach der Uhrzeit gefragt? Was schätzt ihr, wie viele Menschen rufen „Gesundheit!“, wenn man im Bus niest? Die Menschen reden einfach nicht mehr miteinander, wenn es nicht irgendeinen Anlass gibt. Smalltalk gibt es nur noch bei älteren Menschen. Achtet mal drauf.

Toll ist aber, dass einem beim Herumlaufen fast immer irgendwelche netten Geschichten begegnen oder dass einem etwas einfällt, was man aufschreiben könnte, so ist dieser Text hier beispielsweise auch schon vor gut einer Stunde in meinem Kopf entstanden. Was ich mich aber noch gefragt habe: ob mir vorhin wohl noch andere Museumsbesucher begegnet sind? Ob da noch andere Menschen waren, die verlebte Gesichter und Beziehungsprobleme gesucht haben, nur so zum Spaß? Ich hätte ja einfach mal irgendjemanden ansprechen können. Aber das ist viel zu unmodern. Modern ist, meine Gedanken hier mit meinen paar Lesern zu teilen. Hatschi. Es ist übrigens gerade 16:44Uhr.

Hoch soll er leben!

Weihnachtsmann und Jesus aus South Park
Hallo Jesus, alter Bruder (Hebr 2,11)!

Alles Gute zum zweitausendnochwasten Geburtstag! Ich habe leider kein Geschenk für dich, habe aber, hehe, Geschenke für Bekannte und Verwandte besorgt, auch wenn ich mir ein bisschen ungeil dabei vorkomme, wenn ich Leute beschenke, die gar nicht Geburtstag haben. Aber du bist ja nie da! Lass dich doch mal wieder auf der Erde blicken. Du bist schließlich der Fürst des Lebens (Apg 3,15), Retter (der Welt: Joh 4,42) und, vor allem, Freund (Joh 15,15), wie ich in deiner Biografie „Bibel“ gelesen habe. Egal, sicher feiert ihr da oben im Szenelokal „Himmel“ eine fette Party, da würde ich eh nur stören. Lass dich gehen, man wird schließlich nur einmal zweitausenddings!

Grüß Walt Disney mal von mir und sag ihm, dass mir diese ganze Disney-Hannah-Montana-Reality-Scheiße sehr leid tut! Minni Maus ist geiler als Miley Cyrus!

Dein guter Kumpel (ich war auch artig!),
Johannes

PS: wenn die Stimmung da oben mal sinkt, mach doch noch mal den hier, den fand ich ziemlich dufte!
PSS: Wünsche allen meinen vier Lesern ein Weihnachten! Möglichst gar ein schönes oder besinnliches!

Ich weiß

Letzte Woche war ich noch „pro Klimawandel“, so scheißekalt war mein Schulweg und so abgefroren waren meine Zehen. Sollen die doch in Kopenhagen irgendwas oder nichts beschließen, mir doch total egal, ich weiß nur, dass meine Gliedmaßen erfrieren und ich das uncool finde. Dann wird es halt wärmer, wäre doch megageil, dann müssen wir auch nicht immer nach Mailand, Madrid oder Italien fliegen, wenn uns mal kalt ist. Was im Übrigen auch dufte für die hiesige Wirtschaft wäre, ihr Wirtschaftsmenschen da in der schwarz-gelben Regierung! Dann bleibt das deutsche Geld in Deutschland und die Deutschen trinken dann hier Deutsches Bier und nicht San Miguel oder so eine Plörre. Ha! Aber darum geht es hier ja jetzt eigentlich gar nicht, ich schweife ein wenig ab. Ursprünglich wollte ich erklären, wie ich jetzt doch einsichtig geworden bin und wieso ich den Klimawandel jetzt doch Moppelkotze finde. Es ist so; die weltweit wichtigste Frau in Sachen Umwelt hat sich gemeldet. Nicht erst heute, sondern schon vor ein paar Tagen, aber ich musste ihr gewaltiges Argument erstmal genießen und verdauen.

Ihr wisst sicher, von wem die Rede ist. Mutter Natur. Und ihr polarweißes Argument. SCHNEE!! Ich bin ja noch nicht so alt, aber scheinbar hatte ich vergessen, wie geil Schnee ist. Schnee!! Es macht allein schon Freude, dieses Wort überhaupt zu schreiben, daher nochmal. Schnee! Juchhee! Sicher, Schnee ist ein bisschen nervig, weil er ein uneingeladener Gast ist und so schnell nicht mehr freiwillig geht und Menschen hassen ja auch Veränderungen. Aber für mich hat sich Schnee jetzt schon total gelohnt. Sonntag beim Schneeschüppen erstmal geschmeidige zehn Euro kassiert. Dann habe ich noch den Nachbarskindern beim Schneeballschlachten zugeschaut (mich aber rausgehalten, stehe nicht so auf brutale Killerspiele) und dann hatte ich gestern Abend das neue Bedürfnis, mal über den Krefelder Weihnachtsmarkt zu schlendern. Habe mich also zu Fuß auf den Weg gemacht und auf den Linienbus geschissen, mit dem Bus fahren kann ich immer, ich will durch den Schnee laufen. Leider hatte der Weihnachtsmarkt mit meiner späten Weihnachtsstimmung nicht mehr gerechnet und hatte bereits geschlossen. Das war aber nicht so schlimm, denn zum Glück hat unsere semischöne Stadt vor ein paar Wochen so Informationscomputer in der Innenstadt aufgebaut und mit diesen Teilen kann man Fotos machen und per Mail rumschicken. Das hier bin ich, 21:51 Uhr in der Krefelder Innenstadt.

Ganz groß, ich weiß.

Die Schneeglückseligkeit hat aber auch bei meiner mitternächtlichen Rückkehr im warmen Zuhause weiter angehalten: da habe ich nämlich im Internet gelesen, dass den Schülern in NRW heute freigestellt ist, ob sie wegen des Schneewahnsinns zur Schule kommen wollen oder nicht. Bin zu Hause geblieben, habe aus dem Fenster geguckt und an meinem Kakao geschlürft. Warmer Kakao. Erste Sahne bei Schnee! Gibt also dieses Jahr auch noch weiße Weihnacht, ganz im Sinn von Bing Crosby! Und ich dachte immer, melancholisch würde man nur im Herbst.

Traumhaft unschön

Manchmal hat man das Glück oder Pech, sich nach dem Aufwachen noch an einen Traum erinnern zu können. Heute war es so. Ich träumte, dass ich bei einem Wahrsager gewesen bin und ich habe ihm dann zwei Euro gegeben. Er redete nur Englisch, doch selbst im Traum konnte ich noch ein fehlerfreies „What has the new year for us?“ herausbringen. Er schaute kurz in seine Zauberkugel antwortete akzentfrei, aber lustigerweise verstand ich nicht alle Vokabeln. Das muss man sich mal vorstellen: ich träume Wörter, die ich selber gar nicht kenne! Der Wahrsagermensch hat mir dann irgendwas von Erderwärmung und, haha, einem Krieg ausgehen von Indien erzählt. Ohne Scheiß, ich schwöre! Was möchte mir dieser Traum sagen? Ich habe es heute Morgen so gedeutet: nochmal umdrehen, Augen wieder zu und weiterschlafen. Den Traum danach habe ich schon wieder vergessen.

Nein zum Rückblick!

Ich hasse Jahresrückblicke, ich hasse Jahrzehntrückblicke, ich hasse klugscheißende Kommentare über die wichtigsten Ereignisse in den letzten Jahren und Monaten, ich hasse Sachen „Revue passieren lassen“, ich hasse die Bilder des Jahres, ich hasse Günther Jauch in seiner komischen alljährlichen RTL-Show, ich hasse die fünfzig besten Alben des Jahres, ich hasse egale Statistiken über jeden Scheiß, ich hasse die zwölf wichtigsten Bücher des Jahrzehntes, ich hasse die lustigsten TV-Pannen in 2009, ich hasse die zehn größten Comebacks, ich hasse die hundertste Wiederholung der Rede Obamas und ich hasse das SPIEGEL-Sonderheft zu diesem Jahr, das übrigens ja auch noch einundzwanzig Tage alt ist, was für ein Scheiß.

Was alles so passiert ist? Weiß ich doch selber. Idioten!

Weihnachten schreibt man mit zwei „h“, also nicht „Weinachten“ schreiben

Endlich ist es wieder soweit, das von Coca Cola erfundene Weihnachtsfest steht, wie man sprichwörtlich so schön sagt, „vor der Tür“. Und: es kommt dieses Jahr auch nach Krefeld! In der ganzen Stadt, überall Nächstenliebe und Konsum, die zwei Hauptmerkmale von Weihnachten. Die Leute rennen jetzt mit dicken Einkaufstüten und roten Bäckchen von A nach B und manchmal hat man Glück und die Leute haben das Geschenk nicht einpacken lassen, dann kann man sehen, was Krefelder Kinder dieses Jahr unter dem Tannenbaum so erwarten dürfen. Irgendein Krefelder Kind bekommt das Piratenschiff von Playmobil. Hatte ich auch mal, Lego ist besser. Und irgendjemand Weibliches bekommt das neue Album von Robbie Williams geschenkt, oder der Herr im Plattenladen hat die CD heute für sich selbst gekauft, wovon wir hier mal nicht ausgehen wollen, es gilt ja noch die Unschuldsvermutung. Obwohl Robbie Williams eigentlich total okay ist, aber wir Jungs wissen ja, dass man sich mit solchen CDs im Freundeskreis total zum Hannes macht.

Der Krefelder Weihnachtsmarkt ist auch mal wieder langweilig wie eh und je. Während man den Glühwein am Glühweinstand konsumiert, wird man von der Glühweinstandfrau permanent fies angeguckt; ich fürchte, sie fürchtet, dass man mit der Glühweinstandtasse abhauen könnte, ohne die dafür geforderten zwei Euro auf den Tisch zu legen. Der Glühwein schmeckt eher so semitoll und die Tasse würde ich maximal geschenkt nehmen. Hab artig gezahlt, mich wieder aufs Rad gesetzt und habe fast die Frau umgefahren, die an einer der rund vierhundert Fressbüdchen Reibekuchen kaufen wollte. Bin aber noch ausgewichen. Ist ja bald Weihnachten.

Ey, Mondmann!

Mann, Mann, Mann im Mond. Zeige dich! Zeige dich häufiger! Zeige dich überhaupt mal! Schließlich weiß ich, dass du existierst. Doch viel zu selten offenbarst du dich der breiten Öffentlichkeit, dabei sehnen wir Menschen – und ich mich im Speziellen! – uns nach Informationen über dich. Die einzige offizielle Information über dich ist, dass du nicht erscheinst. Wieso nicht? Bist du krank? Einsam? Verschüchtert? So oder so handelst du falsch. Du musst wissen, wir Erdenbewohner singen Lieder über dich und schauen allabendlich suchend in Richtung Mond liebster Mondmann. Wir schenken dir Aufmerksamkeit, Liebe und preisen dich in unserer Kultur! Ich suche nach Gründen, wieso du dich so stur gibst. Vielleicht bist du klein, kleiner als wir Menschen und fürchtest dich deswegen vor uns wie eine Fliege den Wal fürchtet. Zu Unrecht, wir sind tolerant! Viele bedeutende Persönlichkeiten waren oder sind klein! Möglicherweise bist du hässlich wie die, haha, Nacht und möchtest unserer oberflächlichen Gesellschaft diesen Anblick nicht zumuten. Zu Unrecht, wir haben uns schon an viele optisch weniger gelungene Menschen gewöhnt. Außerdem wärst du obgleich deiner exotischen Herkunft sofort ein Prominenter und deine neue Berufsbezeichnung wäre „VIP“ und du würdest Paris Hilton und so kennen lernen. Mondmännlein, merkst du, wie sehr du uns erzürnst? Du hast nichts zu fürchten, nichts zu verlieren und viel zu gewinnen.

Und lange werden wir deine Stille nicht mehr hinnehmen. Ich weiß nicht, in welche Ländereien dein Mond eingeteilt ist, aber in den meisten (bzw. in den guten) Ländern der Erde herrscht Meinungsfreiheit. Aber gar keine Meinung haben gehört nicht dazu! Äußere dich! Keine Antwort ist auch keine Antwort! Wir haben ein Recht auf ein Teilhaben am Leben eines Lebewesens wie dir. Ja, ganz recht. Menschen, die wichtig, toll oder einfach nur grundlos berühmt sind, treten ihr Privatleben öffentlich breit. Auch Tiere entscheiden sich immer häufiger für den Gang in die Medien, vielleicht hast du oben ja mal von Eisbär Knut, Braunbär Bruno oder Löwe Goleo gehört. Und jetzt kommst du! Du musst! Lass doch mal die Qualitätsjournalisten von BILD auf deinen grauen Planeten, für eine kleine Homestory oder so. Ich habe Kontakte, auch zum Fernsehen, lass dich darauf ein! Glaube nicht, dass du dir, nur weil du da oben keine Schwerkraft hast, alles erlauben kannst!

Besonders frech war auch dein Verhalten, als wir vor ziemlich genau etwa exakt vierzig Jahren einen Amerikaner mit kleinen Schritten für ihn, aber großen für die Menschheit auf deinen ach so tollen Mond geflogen haben. Wir hofften, du wärst zu einem Interview bereit, die Weltöffentlichkeit wartete auf ein Lebenszeichen von dir, aber du warst wie verschollen, ausgelöst, futsch. Das Raumschiff war über vier Tage unterwegs, tu nicht so, als hättest du diesen Besuch nicht kommen sehen! Eine unhöfliche Frechheit, Gäste nicht zu empfangen. Bedenke auch, mit welchem Zeit- und Kostenaufwand so ein kleiner Besuch verbunden ist. Und du Schelm sagst nicht mal kurz „Guten Tag, nen Käffchen die Herrn?“ oder so eine inhaltslose, aber nette Floskel? Schäm dich! Fragst du dich nicht, wieso die Besuche in letzter Zeit so selten geworden sind? Wir sind dich leid! Letzte Chance, Mann im Mond! Zeig dich oder lass es sein!

Auf dem Mars gibt es bestimmt auch einen Bewohner, vielleicht den Mann im Mars. Oder die Frau im Mars. Hauptsache die sind cooler als du!

Kai Diekmann, Karl Marx und ich

Quelle: pixelio.deIrgendwann muss doch mal jemand merken, wie cool ich bin. Ich sitze mit einer aufgefalteten Ausgabe der coolen, weil links-alternativen „taz“ – es ist die vom gestrigen Tage, doch das weiß außer mir niemand – auf der Parkbank und tue so, als würde ich die interessanten Texte über soziale Ungerechtigkeit, SPD1 und Kai Diekmanns Penis2 wirklich ernsthaft lesen. Aber in Wirklichkeit bin ich auf der Suche. Auf der Suche nach interessanten Menschen, die sehen, dass ich die links-alternative, weil coole „taz“ lese und deswegen denken, sie müssten mit mir ein Gespräch über Mindestlöhne und Karl Marx beginnen. Der gute alte Trick eben. Rumsitzen, cool sein, von coolen Leuten angesprochen werden.

So die Theorie. Bringt natürlich viele Gefahren mit sich; zum Beispiel die, dass Rechte oder BILD-Leser zu mir kommen. Oder die allergrößte Gefahr, dass einfach niemand kommt, weder die coolen, noch die uncoolen Menschen und dann bleibe ich alleine. Seit rund vierzig Minuten sitze ich hier nun schon, keiner beißt an. Selbst auf die Leute zugehen fällt natürlich flach, weil viel zu kompliziert und nachher wissen die Angesprochenen nicht mal, wer Kai Diekmann ist. Solche Gespräche wären selbstredend Zeitverschwendung, ich will ja nur interessante Menschen kennen lernen. Das Geschlecht spielt dabei nur eine sekundäre Rolle, dennoch gehe ich bei potentiell coolen Männlein und Weiblein unterschiedlich vor. Wenn Männer an mir vorbeilaufen, schlage ich die Sportseite auf und mache ein Bundestrainer-Gesicht. Wenn Frauen an mir vorbeilaufen, schlage ich die Armut in Uganda-Seite3 auf und gucke traurig.

Beides hat bisher noch keine Erfolge feiern können, doch ich gehe fest davon aus, dass das irgendwann zum Ziel führen wird. Dabei lasse ich mich nicht von der andauernden Erfolgslosigkeit beeinflussen: seit zwei Jahren mach ich den Quatsch jetzt schon4 und mein größter Triumph war eine gar nicht so ungelungene Realschülerin, die mich nach der Uhrzeit gefragt hat! Der Nächste fragt sicher nach meiner Telefonnummer. Dahinten kommt schon jemand! Eine Frau! Schnell, Seite fünf, Uganda.

  1. taz vom 17.11.09, Seite 2
  2. taz vom 17.11.09, Seite 14 (oder hier)
  3. taz vom 17.11.09, Seite 5
  4. Selbstredend erfunden. Wie die ganze Geschichte. Nur damit niemand austickt, sich wundert oder so.

Lobet den Herrn!

Hallo Gott,

vielen Dank für das Erfinden von Fensterbänken, der dunklen Nacht, Pink Floyds „Wish You Were Here“ und der Endlosschleife. Und sag Bescheid, wenn du irgendwas Besseres erfunden hast, z.B. Weltfrieden oder so. Aber für den Moment ist das gerade ganz prima. Mach weiter so!

Mit freundlichen Grüßen,
J.

http://de.wikipedia.org/wiki/Volkstrauertag

Ich habe diese Woche etwas fürs Leben gelernt. Das passiert häufiger, nämlich etwa rund genau 52 Mal, aber heute will ich euch anlässlich des Volkstrauertages (der übrigens nichts hiermit zu tun hat) mal ein bisschen was erzählen. Sollte ich erwartungsgemäß reich und berühmt werden, werde ich (in Hinblick auf die Medienreaktionen rund um den Tod Robert Enkes) mir vornehmen, möglichst an einem Tag zu sterben, an dem sowieso schon ganz viele Sachen in der Welt passieren, zum Beispiel Weihnachten, Silvester oder Rosenmontag. Damit die Journalismusmenschen keine Zeit und/oder Lust haben, meine Supermodel-Freundin nach ihrer Laune zu fragen und eher so semiwichtige und mir privat völlig unbekannte Leute Sätze wie „Er war ein toller Mensch!“, „Ein herber Verlust!“ oder „Heute ist der schlimmste Tag aller Zeiten, er war der Coolste!“ sagen zu lassen. Ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, dass der ganze Hype um meine tote Person den Leuten tierisch auf die Klötze gehen würde. „Och ne, guck mal, hier der Tote schon wieder, mein Gott!“ würden die sagen, aber natürlich nur im Privaten, in der Öffentlichkeit darf man sowas ja nicht sagen, da äußert man sich dann mit den oben genannten Sätzen. Vielleicht sterbe ich auch ganz einfach zusammen mit ganz vielen anderen Menschen gleichzeitig, bei einem Flugzeugabsturz oder im Zuge eines großen Pest-Revivals. Ja, richtig gelesen, ich könnte mir vorstellen, dass die Pest irgendwann nochmal zurückkommt, in irgendeiner mutierten, neuen Version, die halb Europa ausrottet. Und nicht so eine Möchtegern-Pandemie wie jetzt die Schweinegrippe, was für eine bescheuerte Pseudoscheiße, zehn Tote in Deutschland erst, pff, da lach ich mir doch den Arsch ab. Aber: alle großen Sachen kommen irgendwann zurück, siehe Eiszeit, SPD und Modern Talking. Wollte Jesus eigentlich nochmal auf der Erde vorbeischauen? Okay, ich schweife ab.

Vielleicht mache ich es mir aber auch ganz einfach und lasse das mit dem Berühmtwerden, reich sein reicht ja auch, außerdem müsste mein Ableben dann in der Zeitung nur eine Randnotiz sein, wenn überhaupt. Achso, ja, hallo BILD-Schreibmenschen: wenn ihr das hier lest, ich tot sein sollte und ihr irgendwas über mich wissen wollt, nehmt bitte zur Kenntnis, dass ihr mich genüsslich am Arsch lecken dürft und nein, meine Supermodel-Freundin möchte kein Interview mit euch. Und noch ein Hinweis an alle Jugendlichen: macht bitte kein YouTube-Video mit Bildern von mir, danke. Ich hab mal gelesen, dass der Tod ja eigentlich der tollste Moment eines Menschen ist, weil sich dann ganz viele Leute auf einmal an einen erinnern und traurig sind und so. Wenn ich so nachdenke, ist das aber alles ganz schön scheiße mit dem Sterben. Sterben ist uncool. Heb ich mir für später auf, so etwa 2092.

Ja, ja, ja, wieso?

Fernsehen war in den letzten Tagen gewohntermaßen nicht der ganz große Spaß. Auf jedem Sender lief irgendein bescheuerter Scheiß; genauer gesagt war es eben dieser Scheiß, den man zwar guckt, aber trotzdem nicht umschaltet. Vielleicht, weil man was zum Erzählen haben will („Kerner war gestern wieder so scheiße!“) oder aus Faulheit oder aus Gewöhnung. Kommt ja immer das Gleiche, jede Woche, selbe Uhrzeit. Es gibt da zum Beispiel so eine Sendung, in der hässliche und dumme Menschen andere hässliche und dumme Menschen treffen und die sich dann gegenseitig lieben. Unterlegt mit Radioschnulzen. Mein RTL! Und in der Werbepause kommt Barthmario und wirbt für seinen Markt, den ich sogar aus Versehen diese Woche besucht habe, aber ganz ehrlich nur, weil es dort die neue (sehr, sehr gute!) Stromberg-Staffel für unverschämt preiswerte 9,90€ zu kaufen gab. Aber ich schweife ab. Immer gut man TV, man konsumiert, konsumiert und weiß nicht wieso! Und dann konsumiert man auch noch das Zeug aus den Werbepausen! Es ist ein Teufelskreis. Wir sind alle Sklaven und doof und überhaupt! Nächste Woche Montag bei Kerner auf Sat1. Und ich bin auf der Couch sitzend dabei. So eine bescheuerte Scheiße!

Ich muss mal wieder irgendein gutes Buch lesen. Irgendwelche Vorschläge?

Touristen

Nur Schulterzucken, denn sie verstehen uns nicht. Fragend schauen sie in unser Gesicht. Erwarten viel, geben wenig. Machen Fotos von uns, wenn wir arbeiten, schlafen, kotzen, motzen oder die Straße überqueren. Sie kommen in Massen und fassen die Leuchtsschilder der Kaufhäuser nicht; fragen uns also wieder um Rat. Wir heucheln dann freundlich fehlende Englischkenntnisse vor, denn unser Hass ist kleiner als der Stolz eines Patrioten. Wir tolerieren jeden. Solange er den Souvenierscheiß in den Seitengassen kauft und irgendwann wieder geht.

Fraglos festgestellt

Wer doof fragt, bekommt eine doofe Antwort. Und wer nur doof antwortet, bekommt beim nächsten Interview eine doofere Frage gestellt.

Super, Markt!

Ganz normal. Wie jeden Montag. Jeden Montag erscheint das sehr sehr gute Faktenmagazin „Focus“ und wie üblich freue ich mich darauf, die wunderschönen Tortendiagramme und Infoboxen meiner geliebten Zeitschrift zu studieren. Der Weg zum Supermarkt an der Luisenstraße/Ecke Wacholderplatz ist heute kürzer oder es kommt mir nur so vor, denn ich habe gute Laune. Vergnügt pfeife ich ein lustiges Lied und spaziere in das Geschäft. Soso, 100g Fleisch diese Woche nur 0,59€ lässt mich ein buntes Plakat wissen. Das ist unverschämt günstig! Aber irrelevant. Ich will Fakten, Fakten, Fakten! Also auf zum Zeitschriftenregal. Alles wie gehabt: links oben die Tittenmagazine, unten die BILD und dazwischen die ganzen Illustrierten und Politikheftchen, die sowieso nur Idioten kaufen, um damit durch die Fußgängerzone zu laufen und sich selbst unheimlich wichtig zu finden. Doch rechts, da steht er, der gute alte Fo…Moment. Kein Focus. Was soll das? Ich informiere eine Mitarbeiterin. „Is aus!“ lässt sie mich fachkundig wissen und ich weine innerlich obgleich der monumentalen Enttäuschung. Nun war ich im Begriff den Laden zu verlassen.

Doch dort, vor der Wursttheke! Ein Hund! Ein Bernhardiner gar! Er wedelte glücklich und zufrieden mit seinem Schwanz, denn der Wurstfachverkäufer hatte ihm eine Scheibe Wurst gegeben. Frauchen oder Herrchen des Vierbeiners waren nicht zu sehen. Und nun hatte der einsame Kläffer ein kostenloses sättigendes Scheibchen Schinkenwurst zwischen den Zähnen. Ich konnte sie genau erkennen, diese tortendiagrammrunde, mehr oder weniger grobstückige Einlage aus Schweinefleisch; leckerleckerlecker dachte ich. Natürlich ohne dabei die Schweine außer Acht zu lassen, die der Hund nun stückweise im Maul hatte. Sie waren wohl nicht glücklich gestorben, denn sie werden fies gemästet von den geldgeilen Schweinezüchtern, habe ich mal gelesen, in Focus 27/2008. Verdammt, da kam sie wieder, die Wut! Kein Focus für mich! Dafür kostenlose Schinkenwurst für den Hund! Mein Körper entwickelte spontan ein neues Gefühl, eine böse Mischung aus Missgunst und Neid; dieser Hund, er hatte Schinkenwurst, ich nichts! Wut! Der Hund spürte wohl das negative Karma, das ich ihm zusendete und er drehte sich zu mir, blickte zufrieden in meine Richtung und wir lieferten uns ein intensives Blickkontaktduell. Wie in schlechten Westernfilmen standen wir uns gegenüber; ich mit der Waffe eines bösen Blicks, er hingegen starrte abwesend in meine Augen, ihn schien es nicht zu interessieren, dass sich mein ganzer Hass entlud; entweder er war darauf dressiert, den Kunden mittels Neid den Konsum nahe zu bringen oder er war wirklich nicht an meiner Wut interessiert. Doch ich begann vor Ärger zu schwitzen und da – da hatte der Hund die Schinkenwurst auch schon verspeist und eine Dame kam vorbei und verließ innerhalb von Sekunden mit dem Bernhardiner an der Leine den Supermarkt. Er hatte gewonnen.

Müde und focuslos wende ich mich nach Sekunden der Erholung ebenfalls dem Geschäft ab. Doch auch dort ließ es mir keine Ruhe, es schmerzte nun auch körperlich und ich konnte mich kaum retten: es regnete nun Katzen und Hunde.

Krank, einfach krank!

Derzeit Schweinegrippe haben ist wahrscheinlich gar nicht mal so uncool, weil es garantiert heilbar und ebenso garantiert in ein paar Jahren ein nettes Anekdötchen ist, wenn man erzählen kann, man hätte diese Pest 2.0 damals live miterlebt und überlebt. Aber was ist eigentlich mit den Leuten, die sich derzeit mit der Vogelgrippe oder gar mit BSE anstecken? Ts, diese Leute sind sooo 2005!

Der schlaue Spruch

Freiheit ist, sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen und sich bei Bedarf auch noch eine Scheibe Schinkenwurst drauflegen zu können.

Die kleine Rezension am Abend

Hallo Leser. Wie ihr sicher wisst, weil ihr mich gut kennt, bin ich nicht der größte Film-Freund und wahrscheinlich nicht mal der zweitgrößte, so dass es mir fern liegt, konfuse Film-Rezensionen unter Berücksichtigung von Kameraführung, Schauspielleistung und diesen ganzen Kladderadatsch zu schreiben. Aber vorgestern sah ich den Klassiker „Ghostbusters“ und ich möchte anmerken, dass ich den Film nur empfehlen kann, weil sehr geistreich!

Die Wahl

Ich war gerade wählen. Habe mich für Cornflakes und gegen ein Toast als Frühstück entschieden. Höhöhöhö, Mörderwitz, ich weiß. Bin jetzt duschen.

Gefallen finden

Wenn mir eine Dose hinfällt, dessen Deckel ich nur halbherzig aufgelegt hatte, weswegen sich die Dose beim Aufprall auf der Erde öffnet, kann ich dann sagen, dass mir die Dose aufgefallen ist? Oder ist sie auf gefallen? Wollte ich nur mal wissen, das fiel mir nämlich kürzlich auf.

So gefallene Sätze [Blogparadenbeitrag]

Heiter, heiter, immer weiter! So war mein Motto in diesen dunklen Tagen. Die Wolken sahen zuletzt immer wieder aus wie dreckige Schäfchen, gar nicht mehr so süß wie man sie aus dem Sommer gewohnt war. Leider nur, haha, mäh-ßig schön bei diesem Wetter auf der Terrasse zu sitzen und in meinen dicken Illustrierten zu blättern. Dennoch ging es nun schon tagein tagaus so. Morgens aus dem Bett fallen, den Vormittag mit Kaffee und Heuchelei über die Wupper bringen, um dann mittags dumme Sachen zu machen. So habe ich mal einen Böller angezündet und war so aufgeregt, dass ich das Feuerzeug weggeschmissen habe und den Böller in der Hand behielt. Man tat das weh. Aber das ist eine andere Geschichte. Eigentlich hatte auch heute vor, ein bisschen positive Energie in die Gesellschaft zu senden. Heiter heiter und so weiter, oder so ähnlich, siehe erster Satz.

Ey, man, kann man eigentlich 1 durch 3 teilen? Wie spät ist es gewesen, als ich letzte Nacht aufgewacht bin? Wieso, weshalb und vor allem: warum? Wer nicht fragt bleibt dumm?! Gedanken fliegen durch den Kopf, tun weh und verursachen tiefe Depressionen. Depressionen sind scheiße, niemand mag sie, abgesehen von ein paar Dauer-Deprimierten, die es zu ihrer Berufung gemacht haben, traurig durch die Fußgängerzone zu wandern und sich selbst zu bemitleiden. Traurig, traurig. Aber nun gut, Geschmack ist halt auch Geschmackssache. Lustig finde ich zum Beispiel die Kinder, die man ebenfalls in der Fußgängerzone sieht und ständig und anständige Dinge wie „ficken“ oder „Spasti“ sagen. Nette kleine Gestalten, hihi. So jung und schon so verzogen! Der ein oder andere sollte sich eine Scheibe abschneiden von diesen neunjährigen Sprach-Revoluzzern. Es heißt nicht ohne Grund Wortschatz, schätze ich.

Manchmal werde ich aber auch ein bisschen böse. Wenn zum Beispiel jemand auf der Straße seinen Hund spazieren führt und die dann mal müssen. Es gibt ja neuerdings diese Folien-Dinger, mit denen man die Exkremente von seinem Wauwau aufsammeln und entsorgen kann. Die finde ich immer sehr schlimm und entwürdigend. Also für den Hund jetzt. Denn im Biologie-Unterricht habe ich mal gelernt, dass die Hunde so ihr Revier markieren. Und das ist dann ja schon eine Art von Eindringen in die Privatsphäre. Vielleicht wende ich mich deswegen mal an den Verfassungsschutz. Oder ich mache eine Hunde-Partei auf, obwohl ich eher der Katzen-Gutfinder bin. Übrigens habe ich mal gehört, eine Katze erträgt es nicht, in der Nähe ihrer eigenen Exkremente zu sein. Also markieren Katzen dadurch vielleicht nicht das eigene, sondern das fremde Revier. Es ist an der Zeit, das einmal wissenschaftlich zu erforschen. Würde ich ja eigentlich gern selbst machen, aber nö, weil.

Aber bei Tieren bekomme ich generell immer Muttergefühle. Oder Vatergefühle, eher, aber ich glaube, dieser Ausdruck ist nicht so geläufig; ihr versteht schon, hm. Wichtig ist ja, dass man sich lieb hat und so. Mit Tieren kann man voll super kuscheln und weil sie meistens kleiner sind als man selbst, können sie sich kaum vernünftig wehren. Zugegeben, nicht sonderlich nett so ein possierliches kleines Dings feste an sich zu drücken, aber da man das bereits im Kindesalter mit Kuscheltieren vorgelebt bekommt, ist das wohl von der Natur so gewollt. Aber es gibt ja ein Tier, das ist überhaupt nicht mag. Das Pferd, von manchen nur „Hühott“ oder „Brrrr!“ genannt. So ein Pferd kann nur springen, sich die Haare kämmen lassen und in der „Wendy“ sein. Und wenn man es als Reitobjekt zu Ende benutzt hat, kann man es nicht mal als lecker Steak wiederverwenden. Na gut, kann man prinzipiell schon, aber Schwein, Huhn oder Fischstäbchen schmecken einfach viel besser. Wo liegt also der Sinn dieses Tieres, wenn man es nicht zu PommesMayoKetchup verspeisen kann?! Na?! Das Pferd muss raus!

Hm, ich muss gleich noch ein bisschen Holunderblütentee (beste wo gibt!) erwerben, deswegen muss ich diesen Eintrag jetzt hier auch irgendwie abschließen. Ich wollte ja eigentlich irgendwas Positives schreiben, aber letztlich dreht sich dieser Text jetzt nur um schlechtes Wetter, „ficken“ und aggressiven Pferde-Hass. Aber das ist schon okay, finde ich. Besser als Berufs-Depressionen, Katzen-Schlechtfinder oder Krieg.

(dies hier ist mein Beitrag zur Blogparade vom guten uiuiuiuiuiuiui, die ihr euch hier ansehen könnt. Und doch, Pferde sind eigentlich ganz okay, aber ich musste diesen Satz eben irgendwie unterbringen, okay?)