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Die dreiteilige Reißzwecke

Neulich wurde ich gefragt, warum ich denn nur albernen Unfug schreiben würde und nicht, zum Beispiel, unalbernen Fug. Mit eben selbigen – und mit Recht! – habe ich mich an einem etwas anderen Text versucht. So mit Romantik (wtf, lol!) und so. Das Werk trägt den sehr guten Titel „Die Reißzwecke“. Hier die erste Version, inklusiver einiger Anspielungen auf jemanden, auf den ich anspiele.

Es war einmal eine handelsübliche Reißzwecke an einem für sie unüblichen Ort. Sie lag auf dem warmen Asphalt einer wenig befahrenen Straße im Osten Schleswig-Holsteins nahe der kleinen Gemeinde Schleinitz an der Potz. Häufig, wenn die Sonne unterging, dachte die kleine Zwecke darüber nach, wie es hätte sein können. Sie hätte bei ihren gutsituierten Freunden in einer Schreibtischschublade aus Teak oder Tropenholz liegen können, doch stattdessen lag sie einsam und nutzlos auf der Straße herum wie [hier bitte passendes Beispiel einfügen]. Das Schicksal macht auch vor Büroartikeln nicht halt. Melancholiefördernd kommt hinzu, dass am Straßenrand Maiskolben wuchsen. Sie tanzen vergnügt und gelb im lauen Wind. Bis schließlich Joseph kam und die Halunken erntete. Joseph war mal Kranführer gewesen, doch nun war er der Maiskolbenmann, der Mais in die Welt hinaus trug. Unsere Reißzwecke wäre gerne wie der Mais. Oder wie Joseph. Weltenbummler und nützlich. Monatelang hoffe sie, der Laster, von dem sie einst fiel, käme irgendwann zurück, um sie einzusammeln. Vergeblich. Hätte sie Tränendrüsen, so würde sie viel weinen. Doch eines Tages, es war ein Mittwoch (oder auch nicht), da kam ein grüner Ford Mondeo vorbei und fuhr unachtsam mit dem linken Vorderreifen über die Reißzwecke. Sie bohrte sich tief ins Profil, wo sie übrigens bis heute steckt. Der Fahrer des Fahrzeugs war zufälligerweise ein afrikanischer König. Und so kam die Reißzwecke dann doch noch in den Genuss, die Welt zu entdecken.

Für eine erste Version ganz gut, dachte ich. Doch dann wollte ich eine „Johannes-Version“ schreiben, die mit allerlei Albernheiten aufwartet und bescheuert ist. Herausgekommen ist folgende, zweite Version:

Es war einmal eine Reißzwecke, die auf einer wenig befahrenen Straße im Disneyland Resort Paris herumlag. In ihrem früheren Leben war die Reißzwecke ein Tannenzapfen gewesen, woran sie sich gut erinnerte, denn sie war Buddhist. Nun war sie traurig. Manchmal kamen Goofy und Minnie Maus vorbei, allerdings nur, um die Reißzwecke neckisch zu kitzeln, nicht um ihr zu helfen. Und so lag sie dann da, die olle Zwecke – ohne, dass sie einen Zweck erfüllte, höhö. Manchmal weinte die Reißzwecke ganz viele Tränen, die sich flink wie Buzz Lightyear in einen reißenden Bach entwickelten, in welchem auch Arielle, die Meerjungfrau gerne nackig badete; übrigens hat Gerüchten zufolge die Seine hier ihren Ursprung. Armes Reißzweckchen. Erschwerend kommt dann noch hinzu, dass am Straßenrand das Musical „König der Löwen“ probte und die Reißzwecke Musicals scheiße fand. Wäre sie mal lieber ein Teak-Schreibtisch oder Mais oder Kranführer geworden oder so. Doch eines Tages, es war sehr sicher ein Mittwoch, da kam plötzlich eine ganze Fahrzeugkolonne vorbei. Vorneweg natürlich der Papst im Papamobil, dahinter ein fliegender Teppich mit Aladdin drauf, gefolgt von den Flintstones, dem A-Team-Bus, Wolfgang Schäuble, „K.I.T.T.“ aus Knight Rider, dem Mannschaftsbus von Fortuna Düsseldorf, Mary Poppins und abgeschlossen wurde die Parade mit Caspar, Melchior und Balthasar, die auf einem Bobbycar sitzend Aristocats-Witze improvisierten. Die Reißzwecke, gar nicht dumm, nutzte die Gunst der Stunde und pieckste sich in Aladdins Teppich, wo sie noch heute steckt und von wo aus sie die Welt erkundet. Gut für sie, denn im Disneyland ist es ziemlich öde und Goofy stinkt.

Bescheuert, aber vielleicht noch etwas zu lang. Daher schrieb ich auch noch eine dritte, kurze Version:

Es war einmal eine Reißzwecke, die irgendwo herumlag und in die weite Welt hinaus wollte. Doch leider hatte sie AIDS und starb. Schade.

So. Aber welche Version ist nun die beste?

Vorstellungsgespräch

Huiuiui, Vorstellungsgespräch. Ausnahmsweise war ich zu einer einstelligen Uhrzeit aufgestanden, tags zuvor hatte ich mir sogar ein Hemd gebügelt. Also ich würde mich nehmen, so viel stand fest. Selbstbewusst trat ich ein. Ich schüttelte eine wichtige Hand, setzte mich hin und noch vor meinem ersten Wort bot man mir ein Glas Wasser an. Ja, vielen Dank, sehr gerne; sehr gastfreundlich die Leute hier, durchaus! Prost! Und es war ein leckeres Wasser, ein sehr leckeres Wasser. Mjamm, mjamm, mjamm! Ich hatte gerade erst meinen ersten Schluck genommen, da stellte mir mein Gegenüber plötzlich eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet war:

„Wer sind Sie denn?“

Hm. Ich dachte ein paar Sekunden nach, weil nicht schon der erste Satz eine Lüge sein sollte. Dann stand ich auf, kratze mich staatsmännisch am Kopf und beantwortete die Frage so gut ich konnte:

„Was bin ich, wer bin ich, wieso, weshalb, warum, fidibum.
Nun: Mein Name ist Johannes und ich bin schwarz. Zudem bin ich Jude. Aber auch: eine Frau. Genauer noch: Ich bin eine Türkin. Ich bin also eine jüdische Afro-Germanin mit zusätzlichem Bonus-Bosporus-Migrationshintergrund – um es ‚korrekt‘ zu sagen und modern zu sein und blablabla. Achso, und ich bin schwul. Und behindert. Und klug. Und sehr, sehr schön. Und, und, und ich sehe, dass sie ein wenig verwundert sind. Zurecht. Das steht so schließlich nicht in meinem Lebenslauf. Da steht nur drin, dass ich ein Praktikum hinter mir habe. Das ist vielleicht auch richtig, aber nicht wichtig. Sehen Sie, ich bin ein kleiner Teil unserer bunten Gesellschaft. Das finde ich gut. Doch als was bin ich hier? Als Mensch. Als Facettenreicher im Facettenreich. Das habe ich wiederum mir nicht ausgesucht. Jetzt bin ich es eben. Bleibe es wohl auch.

Obwohl heute ja so einiges möglich ist, habe ich in naher Zukunft beispielsweise nicht vor, mich zu einem Tier umoperieren zu lassen. Wäre ja auch für uns beide etwas komisch, wenn jemand in Ihren Betrieb käme und dann säße da eine Giraffe im Anzug, hehe. Ganz zu schweigen vom Krawattenproblem, so lange Krawatten gibt es nirgendwo, obwohl manch einer ja gerne mal so ’nen Hals hat, wenn Sie verstehen, was ich meine, hahaha! Kleiner Scherz. Dieser Witz wurde Ihnen präsentiert von: Johannes. Aber ich bin ein wenig abgeschweift, Verzeihung.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie mich fragen, was ich bin, dann muss ich Ihnen ehrlich sagen: Alles. Alles ein bisschen. Manchmal fühle ich mich mongoloid, dann wieder wie ein junger Springinsfeld, ja, mönchmöhl föhle öch möch sögahr wie ein Östdoitschör. Kommt alles vor. Dass ich so manisch schizophren bin, liegt vor allem an meinem Geburtsjahr. Einfach nur tolerant sein ist nicht hip genug für Menschen meines Alters! Wir vom Jahrgang 1991 sind postmoderne Toleranz-Faschisten! Wir akzeptieren nicht bloß, wir sind! 2012 ist das Jahr 0 der ehrlichen Akzeptanz. Bis dahin war es ein weiter Weg, aber mal ehrlich: Menschen in Schubladen stecken ist sooo 1933. Einfach nur mit allen schmusen und auskommen ist sooo 1968. Und zu betonen, dass wir doch alle gleich sind, ist auch längst überholt, das muss man nicht mehr sagen. Aber wir sind anders! Für uns sind alle noch mehr als gleich! Wir sind gleicher! Wir sind die erste Generation, die ‚gleich‘ steigern kann! Und wo alle gleicher sind, da muss ich es ihnen gleichtun!

Gleicher unter Gleichen! Mann gleich Frau! Fleischfresser gleich Veganer! Sie gleich ich. Die simple Mathematik einer funktionierenden Gesellschaft! Übrigens gäbe es auch keine Kriege mehr, denn wer kämpft schon gegen sich selbst? Nur Dumme. Und Dumme gibt es unter Gleichen nicht, weil alle dumm, aber eben auch schlau zugleich sind. Gedankenkommunismus, wenn Sie so wollen. Es fände quasi eine Vergesellschaftung des rationalen Denkens statt. Ich weiß, auch das ist ein wenig verwirrend, ich fasse deswegen leicht verständlich zusammen: Einsetzen statt aussetzen. Verstehen statt [hier bitte passendes Verb einfügen]. Und wenn Sie mich nun fragen, wer ich bin, dann muss ich schlussendlich sagen: Ich bin Sie. Ich bin alles. Ich bin jeder.“

So sprach ich und dachte: Ganz großes Kino, also ich würde mich sowasvonaufjedenfall nehmen! Doch nun wurde es spannend. Der Mann mir gegenüber legte seine Hände auf den Tisch und sagte: „Gut, aber ‚jeden‘ nehmen wir hier nicht. Außerdem denke ich, dass Sie für den Job als Zeitungsbote leicht überqualifiziert sind. Sie erzählen viel Unsinn und argumentieren völlig schief. Sie bauen Zusammenhänge, wo keine sind und das mit der Giraffenkrawatte habe ich immer noch nicht verstanden. Sie sind ein Kauz. Ein lügender Kauz. Gehen Sie doch in die Politik oder werden Sie Comedian oder so etwas in der Art. Ich jedenfalls kann Sie hier nicht gebrauchen, tut mir leid.“

Ich erhob mich, trank noch einen letzten Schluck Wasser und ging. Und bis heute vermute ich, dass er mich nur aus einem Grund nicht einstellen wollte: Weil ich schwarz bin.

Kann Spuren von Restalkohol enthalten

Es begab sich, dass eine deutsche Mutter drei Kinder warf. Hintereinander und untenrum nackt. Das Wunder der Geburt entfaltete sich wie eine Ziehharmonika, nur lauter. Beim Pressen wurde ge-ooooht, ge-aaaaht und gepresslufthämmert. Was vollkommen okay ist. Drei Kinder auf einmal, das ist mehr als doppelt so viel wie die durchschnittliche deutsche Durchschnittsmutter im Durchschnitt per Kaiserschnitt auf die Welt schmeißt. Respekt! Ich hätte das aus Gründen nicht gekonnt. Die deutsche Mutter hat mir einiges voraus! Und im kühlen Lampengeflacker des Werner Schulze-Erdel-Hospitals wurde es dann eine wahre Nachwuchstrilogie; eine Drillingsgeburt in drei gleich großen aktentaschengroßen Akten. Die Hebamme, gelernte Kellnerin, nahm die dreiteilige Brut auf einmal auf, legte sie beiseite und wunderte sich währenddessen über den kuriosen Verlauf der Geburt: Getreu der deutschen Tugend „Ordnung“ hatte sich Mutter Natur in Kooperation mit Vater Mammon nämlich etwas überlegt.

So fielen die Filiusse und Filia gemäß ihrer finanziellen Zukunft aus der mütterlichen Mumu heraus. Es ist wie es ist wie es ist wie es ist, es ist folgendermaßen: Das Erstgeborene trägt exklusiv die traurige Last des Erstgeborenen – die anderen nicht. So wurde das erste Kind arm geboren, das zweite so mittel und das dritte reich. Und das Reichste bekam auch als einziges Kind einen Namen geschenkt, weil die Mutter sparen musste. Jüngst verlor sie wegen ihres irrational expandierenden Bauches sogar ihren Arbeitsplatz als menschliches Korrektiv bei „Lafer! Lichter! Lecker!“. Wie inspirierend diese Arbeit für sie gewesen war, zeigt jedoch die Namenswahl für das reichste Kind. Es wurde geschlechtsneutral auf den Namen „Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran“ getauft.

Was zu ungeahnten Schwierigkeiten im Kindergarten führte. Obwohl die anderen Kinder selbst mehr Bindestriche als Vokale in ihren Vornamen trugen, waren sie kognitiv nicht dazu in der Lage, sich den leckeren Namen zu merken. Dabei hätten sie ihn in jedem gut sortierten Supermarkt nachlesen können. So erhielt Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran schnell beziehungsweise fix den tollkühnen und toll kurzen Spitznamen „Tütensauce“. Und schwuppdischwabbeldiwuppwupp, ausgestattet mit diesem sehr guten Namen lief es auch gleich viel besser für Tütensauce. Es war ihm nun beispielsweise ein Leichtes, Mitspieler für sein flippiges Traktor-Quartett zu finden und auch sonst entwickelte sich Tütensauce prächtig.

Mit vier Jahren hatte es bereits seinen ersten eigenen Kaufladen. Mit fünf Jahren führte es ein komplettes Kasperletheater. Und mit gerade einmal sechs Jahren untersuchte es als „Dr. Tütensauce“ diverse Kinderkörper auf Herz, Nieren und Kitzeligkeit. Ausgestattet mit diesem runden Teil, an welches so ein an den Ohren endender Schlauch angeschlossen ist – Klugscheißer nennen diese Vorrichtung „Plastik-Stethoskop“ – stellte es verlässlich fest, ob jemand lebte oder eben nicht mehr. Und siehe da! Der ganze Kindergarten lebte! Dank und wegen und mit Tütensauce. Für seine Mutter zurecht ein Grund für das Fühlen von ehrlichem Stolz.

Ebenfalls tröstete es sie darüber hinweg, dass der Spender des Drillingssamens zu dieser Zeit gesellschaftlich einen schweren Stand besaß. Tütensauces Vater hatte ein mittelmäßiges Gedicht über Israel geschrieben und die Leute hatten sich anschließend mächtig darüber aufregt; wahrscheinlich, weil es sich nicht reimte. Immerhin hatte Tütensauce durch ihn ein gewisses Bisschen künstlerisches Talent geerbt. Es malte gern und gut wie ein begabter Schimpanse, manchmal fanden am hauseigenen Kühlschrank Vernissagen statt. Zudem tanzte es wunderbar Ballett. Weswegen Tütensauce in diversen Theaterstücken mitspielen durfte: in „Wilhelm Tell“ spielte es den Apfel, in „Faust“ einen heftigen Luftzug und in „Don Carlos“ einen Baum.

Weniger erfolgreich verlief hingegen leider das Heranwachsen seiner weiterhin namenlosen Geschwister. Ach ja, die waren ja auch noch da, mag der geneigte Textkonsument nun denken. Ähnlich dachten auch die Eltern. Schatten-Geschwister, irgendwie existent, natürlich auch geliebt, aber eben nur im Hintergrund. Sie lernten gerade erst das Lesen und verwechselten dabei ständig O und Q, was mitunter zu lustigen Neologismen wie „Ouoatschkqpp“ führte. Ganz schön arm! Aber man hätte es schon bei der Geburt erkennen können: Reich sein hilft. Und mit dieser nicht sonderlich neuen Erkenntnis endet dieser Text; gewiss jedoch nicht die Geschichte des unglaublichen Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran. Ein Typ der Meisterklasse! Von ihm wird man noch viel hören! Oder essen, falls er denn irgendwann mal Koch wird. Guten Appetit!

Sacksuppe

Lies diese Zeilen und vergiss sie wieder.
Jeder Text hier ist nur ein Fertiggericht aus Fragmenten,
gut angereichert mit Dingen, die du nicht lesen willst,
verfeinert mit Anspielungen, die du nicht verstehst,
und das Endprodukt ist nur Wortwichse, die dir ins Gesicht spritzt.
Du musst es wegwischen.

Dein Taschentuch ist die Zeit, sie reinigt dich und
lässt dich vergessen und treibt dich zurück auf deine einsame Insel;
wo du unbenommen und weich im Nehmen
die Etikette verfolgst so als wärst du ein Luftballon,
der den Himmel sucht, aber vorher platzt.
Du musst wegschwimmen.

Wir haben nicht grundlos Grenzen auf die Landkarten gemalt,
denn dir dienen die Schranken als Wegweiser;
exakt ebenda erwartet dich Glück, da wo das Fremde gurrt,
wo der Horizont nicht in ein Korsett gezwängt
nach Puste schnappt, sondern weiter geht, weiter, weiter, weg.
Du musst dich ausziehen.

Nicht Kleider machen Leute, sie geben es nur vor;
eine Trainingshose ist pragmatisch, ein Trikot ist pathetisch,
doch beides bist du nicht des Stoffes wegen.
Weil sich auch hinter Lumpen eine Idee verstecken kann,
ist die Optik ein böser Diener der Vorurteile.
Du musst die Augen schließen.

Die Fantasie ist ein Freizeitpark mit Rutschen nur nach oben,
du kannst fliegen, ficken, Fliegen ficken oder den Himmel finden;
den Mut, den du auf der Straße nicht aufbringst,
kannst du dir hier in die Waagschale legen und das
ewige Gleichgewicht der Gesellschaft revolutionieren.
Du musst zur Revolution werden!

Verkörpere die Veränderung!
Baue dir Luftschlösser, die mehr Verstand kosten würden als Miete,
lege deinen Finger in die Wunde und male den Teufel an die Wand,
sonst wird beides ignoriert und todgeschwiegen und die heile Welthülle dehnt sich aus,
fahre aus der Haut, bis du jedes angefressene Gramm Dummheit verlierst,
sei kein Moralapostel, werde ein Jünger der Vernunft,
bewaffne dich mit Toleranz, ziehe aber nicht in den Krieg gegen den Krieg und
lege dich nicht in Ketten, sondern an den Strand, aber passe auf:
die Sonne kann dir nicht nur Wärme geben, sondern auch Hautkrebs.
Niemand will dir etwas Gutes, sonst hätten sie es längst getan.

Mein Tipp für dich ist also folgender:
Creme dich ein mit deiner eigenen (Gedanken-)Pisse,
nur die ist unverfälscht
und frei von fremden Flausen.
Sei lieber dein eigener Idiot als einer von ihnen.

Wenn du jedoch zu faul bist
und lieber ein Luftballon sein willst:
lies auch dann diese Zeilen.
Aber bitte: vergiss sie wieder.
Die nächste Ejakulation kommt bestimmt.

Polemik und Exkremente

Etwas Großes leisten.
Sich etwas Großes leisten.
Groß werden im Kopf!
Nicht das Leben imitieren
und mal Pipi in die Augen zaubern,
nicht nur an die Nachbarswand
oder in die Regenrinne.

Und dann groß machen wie
damals auf dem Kinderklo,
das lustige Melodien spielt,
wenn man was abgesetzt hat.
Aktion und Reaktion!
Absatz und Rendite!
Abdrücken muss sich wieder lohnen, Steuern rauf!

Die Abfälle ins Töpfchen,
den Unsinn ins Köpfchen.
„Für Elise“ auf einem Kinderklavier spielen,
mit Elise auf einem Flügel die Welt retten.
Oder wenigstens dort mit ihr schlafen.
Dafür ist die Welt doch da!
Elise auch. Seid furchtbar und belehret euch!

Bitte, da habt ihr jetzt ein Ziel.
Macht etwas daraus,
ich selbst bin leider verhindert,
weil leicht bis schwer geistig behindert,
sonst wäre ich ja kein Autor, rofllolxd.
Aber jetzt ist Schluss.
Ich muss groß.

Fitze, Fitze, Fotze

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Stimmt gar nicht. Meine Oma fährt meistens mit dem Bus. Auf Straßen. Ohne Eier drumherum. Und überhaupt: Ich kenne keinen einzigen Menschen, der im Hahngehege lustige Kreise fährt. Was für ein Unsinn! Aber, irgendwer schon das schon machen. Irgendjemand fährt im Hühnerstall Motorrad, Motooorrad.

Alle meine Entchen schwimmen auf dem See. Ich habe Entchen?! Nein. Ich habe eine Katze. Die macht zwar ihr Schwänzchen in die Höh‘, schwimmt aber nicht. Die macht nur „miau“. Immer dieses „miau“. Weiß nicht, was die an dem findet. Der hat fünfzig Millionen Chinesen getötet! Gut, bei einer Milliarde Einwohnern fällt das nicht so auf. Trotzdem! Mao, Mao? Ich sage ja auch nicht den ganzen Tag „Hitler, Hitler“. Na, Johannes, wie geht’s dir? Hitler! Zum hier essen oder mitnehmen? Hitler! Wo kämen wir denn da hin! Hitler fährt im Hühnerstall Motorrad. Alle meine Hitlers schwimmen auf dem See, IQ unter Durchschnitt, Ärmchen in die Höh‘. Ist ja albern.

Abgesehen davon müsste es heißen: Mutter Naturs Entchen schwimmen auf dem See. Aber soweit denkt ja niemand! Meins, meins, meins; meine Entchen! So ein Quak! So ein schlechtes Wortspiel! Werden wir kurz wieder ernst: Es ist doch. Schon im Kindergarten werden wir auf den Kapitalismus vorbereitet. Und ene, mene, mu, raus bist du; auf der Reise ins Konsumharem zieht dir immer jemand den Stuhl weg. Und auf dem Boden der Tatsachen kommt niemand vorbei und schenkt dir die T-Aktie. Da kannste lange drauf warten. Das Leben ist kein Waldorfkindergarten, sonst wären Formulare aus Filz und bei „Deutschland sucht den Superstar“ würden die Teilnehmer Eurythmie tanzen und das „Viva la Waldorf“-Lied singen. Das es übrigens wirklich gibt. Ich möchte daraus zitieren:

Das hier ist unser Liebeslied
für die Schule am Vollkorn-Kiez.
12 Jahre ein Volksfest für Freaks,
von den Waldis gibt’s jetzt dicke Beats.

Ich finde schön, dass diese Menschen am Vollhonk-Kiez so kreativ und selbstironisch sind. Ob es jetzt freiwillig lustig ist oder nicht, spielt keine Rolle. Außerdem: Es gibt in der Historie der scheinbar harmlosen Lieder über Randgruppen viel schlimmere Beispiele. Nehmen wir etwa „Zehn kleine Negerlein“. Ein Lied, in dem Schwarze als dumm, unzivilisiert und dumm dargestellt werden. Das ist an sich schon so weltfremd und rassistisch, dass sich auch unsere Haare kräuseln müssten. Okay, Sklaverei gibt es offiziell nicht mehr, aber Intoleranz ist für die meisten noch immer im doppelten Wortsinne ein Fremdwort. Die moderne Version der zehn kleinen Negerlein müsste folgendermaßen klingen:

Zehn kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund zogen mal hierher,
da kamen Geschlechtspartnerinnen vorbei und schon waren sie viel mehr.

Tausend kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund wollten dann studieren,
„nein, aber oh, sie kommen aus dem Kongo, können wir sie zum Bongospielen animieren?“

frug ein Frackträger namens Dr. Soundso,
nun sitzen die Meute bei McDonald’s rum und putzt da das Klo.

Und hier gilt nun das gleiche wie bei „Mitten im Leben“: ich wünsche, es wäre Satire. Sprich: überzogen. Doch: Das Leben da draußen ist nicht wie in Kinderliedern, es ist teilweise viel schlimmer. Um davon abzulenken, erzähle ich nun einen Witz:
Was ist weiß, rechteckig und überflüssig? Dieser Text! Hahahahaha!

Warum ich diesen Unsinn hier dennoch erzähle? Hitler. Und jetzt gehe ich. Aber nicht mit meiner Laterne, ihr Doofen.

Vom Radioübertragungsfußballgott und Anderem

Ich weiß noch, früher. Da habe ich stets die WDR2-Konferenz der Fußball-Bundesliga im Radio gehört (Manni Breuckmann!) und mich auf die Sportschau gefreut, um dort dann zu sehen, wie die Tore, die ich mir zuvor nur vorgestellt hatte, in Wirklichkeit gefallen sind. Fantasie und Fußball, das passte nicht nur der Alliteration wegen sehr gut zusammen. Außerdem hatte man so vom Spieltag doppelt und fünffach was: hören, vorstellen, warten, gucken, verstehen. Heute stelle ich mich da dümmer an. Wenn ich heutzutage am Samstagnachmittag erfolgreich das Internet nach möglichst ruckelfreien, arabischen Live-Streams der Bundesliga-Konferenz durchforste, weiß ich zwar früher Bescheid, aber zu was für einem Preis? Das abendliche Sportschau-Schauen macht dann viel weniger Spaß, denn, klar, man kennt ja fast alles schon. Nur sieht man es mit weniger Pixeln, beziehungsweise mit mehr – diese Erklärung würde aber jetzt zu weit führen.

Doch: ja, früher, da war ich deutlich klüger und fantasievoller. Wenn beispielsweise der ehemalige Leverkusener „Staubsauger“ Carsten Ramelow eins seiner seltenen Tore erzielt hat, dann habe ich mir das in meinen Gedanken seltsamerweise immer sehr gestolpert ausgemalt. So, als wäre es ein Versehen, dass er den Ball über die Linie befördert hätte. Ein abgefälschter Verlegenheitsschuss, ein angeschossenes Körperteil oder ein zufälliges Zucken Richtung Tor nach einem verunglückten Eckball: ein Versehen eben. Ups, Tor! Später in der Sportschau wurden etwaige Rätsel aufgelöst, und: nur sehr selten fielen die Tore so wie vermutet. Carsten Ramelow, Radioübertragungsfußballgott. Was er heute macht, weiß wahrscheinlich nur noch seine Familie. Ich grüße ihn an dieser Stelle, schließlich bin ich mir sicher, dass er täglich seinen Namen in eine Internet-Suchmaschine tippt, um zu sehen, ob sich noch überhaupt noch jemand an ihn erinnert. Ja, Carsten! Hier! Ich erinnere mich. Grüße.

Manchmal habe ich aber auch auf die WDR2-Konferenz verzichtet, um mich abends von den Toren und Ergebnissen überraschen zu lassen. So wusste ich noch nicht einmal, ob meine Lieblingsspieler überhaupt auf dem Platz standen, ob sympathische Mannschaften gegen unsympathische gewinnen konnten oder ob Diverses geschah! Nervenkitzel! Man konnte aber auch damals schon anhand der Reihenfolge der zusammengefassten Partien ablesen, welches Spiel besonders ereignis- und torreich verlaufen sein mag. Gut, das Bayern-Spiel gab und gibt es aus Gründen fast immer am Schluss, aber wenn etwa Wolfsburg gegen Freiburg als erstes Spiel gezeigt wurde, dann deutete vieles auf ein torloses Remis hin. Jedoch ging diese Rechnung nicht immer auf, ich war schon damals nicht so gut in Mathematik und Sendungsabläufen.

Und nun wieder der Blick darauf, wie es heute ist: Spannung erhalten? Äußert schwierig, wenn man sich zur Bundesligazeit im Internet tummelt. In sozialen Netzwerken fliegen einem ungefragt zahlreiche Tormeldungen um die Ohren („TOOOOOR!!! POLDIIIIII! FC!! <3″) und auf Newsportalen tickern die Ticker ungebremst, was sich auf den mir damals noch unbekannten Fußballplätzen in Augsburg, Hoffenheim oder Mainz ergeben hatte. Der beste Trick ist, komplett alle Medien zu meiden und etwas Ungewöhnliches zu tun. Spazieren gehen, Bücher lesen, Pfandflaschen wegbringen. Ich halte übrigens nicht viel von Dosen- und Flaschenpfand. Pfandflaschen gibt es nur, damit man sie zeitvertreibend wegbringen kann. Überhaupt: Geld für eine leere Hülle erhalten? Man bringt doch auch leere Pizzaschachteln nicht zurück zur Pizzaria Amalfi. Und falls doch, habe ich extrem hohe Schulden. Ganz ohne Handy-Vertrag oder Sky-Abonemment. Womit ich galant zurück zum Thema Fußball übergeleitet habe. Ich bin so ein Fuchs.

Also, Fußball. Früher: Radio und Fantasie. Heute: beides viel zu selten. Tore fallen trotzdem. Nur Carsten Ramelow, der spielt nicht mehr.

Ein Floehrchen gibt Tönchen

Wie ich in Minuten der Langeweile herausgefunden habe, kann ich mit beinahe jedem meiner Körperteile Geräusche erzeugen.

Pups!
Quak!
Und padautz!
Ich bin ein Instrument! So schön.

Sehr praktisch und gesund ist, dass man mich nicht bespielen muss. Ich bin ein sich selbst spielendes Gerät. Niemand muss mich zupfen oder mit Stöcken auf mich schlagen oder in mich hinein blasen. Wie schön auch das ist! Niemand muss in Johannes hinein blasen! Der kann das alles alleine! Lass den mal. Wenn eine Gitarre das auch könnte, wäre das für Gitarrenspieler nicht so gut.

Manchmal gebe ich auch Konzerte. Zwei Stunden lang. Nur mein Korpus und ich. Das siamesische Kapelle. Kurios. Zu zweit und doch allein. Was außergewöhnlich viel Körperbeherrschung und Konzentration verlangt. Für einen allein wäre es möglicherweise zu viel, aber mein Körper und ich, wir kennen uns schon seit Geburt, sind ein eingespieltes Team und teilen uns die Arbeit sehr gut auf. Ich denke mir einen Befehl aus und über, öhm, diverse Prozesse werden diese Informationen dann an die einzelnen Körperteile weitergeleitet. Muss man nicht verstehen. Jahrelange Übung, Expertengeschwafel.

Mein erstes abendfüllendes Programm trägt übrigens einen Titel, der nach diesem Relativsatz der Weltöffentlichkeit präsentiert wird: „Körperklangwelten“. Hehe.

Wäre ich eine Frau, würde ich es folgendermaßen nennen: „Ton: Scheide, Fersen.“ Sehr lustig, diese Anspielung. Schade, dass die Frau kein exklusives Körperteil besitzt, welches sich prima auf „Scherben“ reimt. „Knerben“, beispielsweise. So könnte etwa diese, noch namenlose, wahrscheinlich stets schwitzende Mulde unterhalb der Brust heißen. Knerben. Davon wird man noch viel hören. Übrigens: der Wikipedia-Eintrag zu „Frau“ ist (ziemlich genau) doppelt so lang wie der zu „Mann“. Wer möchte, kann diese Information gerne behalten und einen lustigen Mann/Frau-Witz daraus machen. Ich will das nicht, ist nicht mein Stil. Und was ich eigentlich sagen wollte: Bereits am Titel einer Veranstaltung erkennt der Fachmann, wie gut der Abend wird. Kommen wir also nun zu den Körperklangwelten.

Ich beginne mit der Nase, damit alle erkennen, dass ich es kann. Ich halte mir das linke Nasenloch zu und puste virtuos ein wenig Luft hinaus. Guck mal, da fliegt ein Popel in die erste Reihe! Hui! Der erste Höhepunkt des Abends! Wobei man mit einer solchen Aussage eigentlich alle anderen Momente des Abends diskreditiert. Denn jede Sekunde meiner großen Schau ist ein Höhepunkt für sich. Zum Beispiel wenn ich die komplette Bob Dylan-Diskografie mit Fingerknacken nachspiele. Oder wenn ich durch wildes Bauchtrommeln die gleichen Klangteppiche ausbreite wie das WDR-Sinfonieorchester. Das muss man erstmal können, um es zu können.

Ich möchte nicht zu viel vorab verraten, aber zeitweise, da wackle sehr laut mit den Ohren, was nur wenige Menschen können. Man muss es sehr schnell tun; Wind ist sehr leise und gemein. Aber eine ganze Tonleiter mit den Ohren erwackeln, das ist große Kunst. Ganz im Gegenteil zum Klassiker „mit den Achseln pupsen“. Lange keinen mehr gesehen, der das gemacht hat. Generell scheint der gute, alte Furz langsam aus der Mode zu kommen. Flatulenz ist wohl nicht mehr en vogue. Es ist an den Hipstern, diesen Trend zu stoppen. Die mögen doch generell alles, was sonst niemand Vernünftiges mag: Club Mate, Apple oder Löcher in der Hose. Warum dann nicht auch Achselpupsen? Berlin-Kreuzberg, ich zähle auf dich!

Uninteressant ist auch Folgendes: viele finden es schwierig, ein passendes Ende zu finden. Das Leben endet ja netterweise einfach so, aber alles andere? Hier ein Rat: Alles muss mit irgendeinem Kracher enden. Peng! Sehr praktisch dabei: Ein guter Schluss kann den vorherigen Unsinn ungemein aufwerten und vergessen machen. Beispiel. Dein Referat über den zweiten Weltkrieg ist dröge, unspannend und „Hitler“ in einem ernsten Kontext sagen macht keinen Spaß? Dann sag doch als letzten Satz einfach Folgendes: „Und mein Opa war bei diesem ganzen Scheiß live dabei und hat von allem gewusst, dieser Schelm, ahahaha!“. Die Reaktionen werden unterschiedlich ausfallen, aber wenigstens wird es welche geben. Funktioniert auch nicht nur, wenn man Deutscher ist.

Und womit einen Konzertabend ausklingen lassen? Nun, ich mache es so: „One Moment in Time“, intoniert durch Husten. Wegen Whitney Houston. Sehr witzig, sehr kreativ! Und für alle Beteiligten immer noch besser als wenn jemand in mich hinein blasen würde. In diesem Sinne: tröööt!