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Vorstellungsgespräch

Huiuiui, Vorstellungsgespräch. Ausnahmsweise war ich zu einer einstelligen Uhrzeit aufgestanden, tags zuvor hatte ich mir sogar ein Hemd gebügelt. Also ich würde mich nehmen, so viel stand fest. Selbstbewusst trat ich ein. Ich schüttelte eine wichtige Hand, setzte mich hin und noch vor meinem ersten Wort bot man mir ein Glas Wasser an. Ja, vielen Dank, sehr gerne; sehr gastfreundlich die Leute hier, durchaus! Prost! Und es war ein leckeres Wasser, ein sehr leckeres Wasser. Mjamm, mjamm, mjamm! Ich hatte gerade erst meinen ersten Schluck genommen, da stellte mir mein Gegenüber plötzlich eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet war:

„Wer sind Sie denn?“

Hm. Ich dachte ein paar Sekunden nach, weil nicht schon der erste Satz eine Lüge sein sollte. Dann stand ich auf, kratze mich staatsmännisch am Kopf und beantwortete die Frage so gut ich konnte:

„Was bin ich, wer bin ich, wieso, weshalb, warum, fidibum.
Nun: Mein Name ist Johannes und ich bin schwarz. Zudem bin ich Jude. Aber auch: eine Frau. Genauer noch: Ich bin eine Türkin. Ich bin also eine jüdische Afro-Germanin mit zusätzlichem Bonus-Bosporus-Migrationshintergrund – um es ‚korrekt‘ zu sagen und modern zu sein und blablabla. Achso, und ich bin schwul. Und behindert. Und klug. Und sehr, sehr schön. Und, und, und ich sehe, dass sie ein wenig verwundert sind. Zurecht. Das steht so schließlich nicht in meinem Lebenslauf. Da steht nur drin, dass ich ein Praktikum hinter mir habe. Das ist vielleicht auch richtig, aber nicht wichtig. Sehen Sie, ich bin ein kleiner Teil unserer bunten Gesellschaft. Das finde ich gut. Doch als was bin ich hier? Als Mensch. Als Facettenreicher im Facettenreich. Das habe ich wiederum mir nicht ausgesucht. Jetzt bin ich es eben. Bleibe es wohl auch.

Obwohl heute ja so einiges möglich ist, habe ich in naher Zukunft beispielsweise nicht vor, mich zu einem Tier umoperieren zu lassen. Wäre ja auch für uns beide etwas komisch, wenn jemand in Ihren Betrieb käme und dann säße da eine Giraffe im Anzug, hehe. Ganz zu schweigen vom Krawattenproblem, so lange Krawatten gibt es nirgendwo, obwohl manch einer ja gerne mal so ’nen Hals hat, wenn Sie verstehen, was ich meine, hahaha! Kleiner Scherz. Dieser Witz wurde Ihnen präsentiert von: Johannes. Aber ich bin ein wenig abgeschweift, Verzeihung.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie mich fragen, was ich bin, dann muss ich Ihnen ehrlich sagen: Alles. Alles ein bisschen. Manchmal fühle ich mich mongoloid, dann wieder wie ein junger Springinsfeld, ja, mönchmöhl föhle öch möch sögahr wie ein Östdoitschör. Kommt alles vor. Dass ich so manisch schizophren bin, liegt vor allem an meinem Geburtsjahr. Einfach nur tolerant sein ist nicht hip genug für Menschen meines Alters! Wir vom Jahrgang 1991 sind postmoderne Toleranz-Faschisten! Wir akzeptieren nicht bloß, wir sind! 2012 ist das Jahr 0 der ehrlichen Akzeptanz. Bis dahin war es ein weiter Weg, aber mal ehrlich: Menschen in Schubladen stecken ist sooo 1933. Einfach nur mit allen schmusen und auskommen ist sooo 1968. Und zu betonen, dass wir doch alle gleich sind, ist auch längst überholt, das muss man nicht mehr sagen. Aber wir sind anders! Für uns sind alle noch mehr als gleich! Wir sind gleicher! Wir sind die erste Generation, die ‚gleich‘ steigern kann! Und wo alle gleicher sind, da muss ich es ihnen gleichtun!

Gleicher unter Gleichen! Mann gleich Frau! Fleischfresser gleich Veganer! Sie gleich ich. Die simple Mathematik einer funktionierenden Gesellschaft! Übrigens gäbe es auch keine Kriege mehr, denn wer kämpft schon gegen sich selbst? Nur Dumme. Und Dumme gibt es unter Gleichen nicht, weil alle dumm, aber eben auch schlau zugleich sind. Gedankenkommunismus, wenn Sie so wollen. Es fände quasi eine Vergesellschaftung des rationalen Denkens statt. Ich weiß, auch das ist ein wenig verwirrend, ich fasse deswegen leicht verständlich zusammen: Einsetzen statt aussetzen. Verstehen statt [hier bitte passendes Verb einfügen]. Und wenn Sie mich nun fragen, wer ich bin, dann muss ich schlussendlich sagen: Ich bin Sie. Ich bin alles. Ich bin jeder.“

So sprach ich und dachte: Ganz großes Kino, also ich würde mich sowasvonaufjedenfall nehmen! Doch nun wurde es spannend. Der Mann mir gegenüber legte seine Hände auf den Tisch und sagte: „Gut, aber ‚jeden‘ nehmen wir hier nicht. Außerdem denke ich, dass Sie für den Job als Zeitungsbote leicht überqualifiziert sind. Sie erzählen viel Unsinn und argumentieren völlig schief. Sie bauen Zusammenhänge, wo keine sind und das mit der Giraffenkrawatte habe ich immer noch nicht verstanden. Sie sind ein Kauz. Ein lügender Kauz. Gehen Sie doch in die Politik oder werden Sie Comedian oder so etwas in der Art. Ich jedenfalls kann Sie hier nicht gebrauchen, tut mir leid.“

Ich erhob mich, trank noch einen letzten Schluck Wasser und ging. Und bis heute vermute ich, dass er mich nur aus einem Grund nicht einstellen wollte: Weil ich schwarz bin.

„Also, ich würde mich wählen!“

Bislang war ich lediglich Poet, Moderator und Raucher. Doch dieser Tag wird in die Geschichte meiner Lebensgeschichte eingehen, denn ab sofort bin ich auch: Politiker. Wie es dazu kam und weitere, ehrliche Informationen dazu lesen Sie jetzt in einem Interview mit mir selbst. Verbreitung erwünscht.

„Also, ich würde mich wählen!“

Krefeld. Ein junger Nachwuchsbürger geht in die Politik. Soll er halt. Und soll er halt mal was zu sagen. Unser Redakteur Johannes Floehr traf sich mit Johannes Floehr, um mit ihm über die kommende Landtagswahl, die Ziele der PARTEI und Hannelore Kraft zu sprechen.

Guten Tag, Herr Floehr. Erklären Sie uns doch zunächst einmal, wovon wir hier reden.

Sehr gerne. Das sogenannte „Bundesland“ Nordrhein-Westfalen sucht aus Gründen einen neuen Landtag. Einen zu finden ist allerdings gar nicht so einfach. Weswegen die Partei „Die PARTEI“ für Sie, liebe Demokratinnen und Demokraten, am 13.05.2012 eine Landtagswahl ausrichtet. Wir bitten um Kenntnisnahme. Und Ihre Stimme für die PARTEI. Selbstverständlich sind aber auch andere Partien („Piraten“) und Splittergruppen („FDP“, „CDU“) herzlich dazu eingeladen, sich auf die Wahlzettel drucken zu lassen – wir werden deren Ergebnisse nach der Wahl ganz basisdemokratisch unter „Sonstige“ bekanntgeben. Übrigens: Als erste Partei der ganzen Welt hat die PARTEI am vergangenen Samstag seine Landesliste gewählt. Und auf selbiger steht auch irgendwo mein Name.

Sie sind nun also ein Politiker.

Vielen Dank bzw. Arschloch. Mit Verlaub.

Welchen Listenplatz haben Sie denn ergattern können?

Ich stehe relativ weit hinten, weil die Listenplätze nach der Höhe des Einkommens vergeben worden sind. Absteigend. Die Reichen nach oben, die Armen nach unten. So machen es andere Partien übrigens auch, aber nur wir geben es zu. Man könnte nun sagen, dass es für mich mit einem so „späten“ Platz auf der Landesliste knapp werden würde mit dem Einzug in den Landtag, aber wer Derartiges behauptet, hatte früher definitiv keinen Mathe-Leistungskurs: Denn es genügen bereits etwa 40% der Wählerstimmen, um mich in den nordrhein-westfälischen Landtag zu wählen. Angesichts des Wahlziels der PARTEI, nämlich das Erreichen der absoluten Mehrheit („plus x“), bin ich mir sehr sicher, demnächst in Düsseldorf arbeiten zu dürfen. Wofür ich mich vorab bereits bedanken möchte.

Nicht so voreilig. Noch sind Sie nicht gewählt. Bei der Landtagswahl 2010 erhielt die PARTEI nur rund 0,12% der Zweitstimmen.

Die Statistik lügt, wir glauben nur unseren eigenen. Bei einer vergangenen Kreistagssitzung haben wir beispielsweise ganz spontan gefragt, welche Partei die Anwesenden wählen würden – dass 100% der Befragten für die PARTEI stimmten, spricht für sich. Ich denke also, dass es sich bei den Ergebnissen der letzten Landtagswahl um ein Versehen gehandelt hat. Genau aus diesem Grund geben den Bürgerinnen und Bürgern ja auch nun die Chance, alles wiedergutzumachen.

Erklären Sie unseren Lesern doch einmal, wieso man gerade der PARTEI vertrauen sollte.

Jeder Wähler, der der PARTEI seine Stimme gibt, beweist, dass er Ahnung hat. Wähler der PARTEI haben durchweg Ahnung. Schließlich ist die PARTEI sehr gut. Nehmen wir als Beispiel unseren Landesvater Dr. Mark Benecke. Er ist die Ahnung in Person. Er hat nicht nur einen echten Doktortitel, sondern in seiner nebenberuflichen Tätigkeit als Kriminalbiologe mutmaßliche Knochen Adolf Hitlers untersucht. Er bewies, dass es sich um Fälschungen handelte. Ich hätte das nicht gekonnt. Sie etwa? Oder irgendjemand anders? Ich glaube nein. Nur Dr. Mark Benecke kann das. Er war auch schon einmal bei Markus Lanz, also sind auch die Beziehungen zu schmierigen Halli-Galli-TV-Nasen gegeben. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: Sollte die PARTEI gewählt werden, bekämen wir es gewiss hin, die Sendung „Wetten dass…?“ – die Älteren werden sich erinnern – für immer in die Mehrzweckhallen Ostdeutschlands zu verbannen. Die endgültige Verbannung der trivialen Samstag-Abend-Unterhaltung aus NRW. Das ist unser Auftrag. Und Tierschutz.

Gut, dass Sie es selbst ansprechen: Tierschutz scheint Ihnen besonders wichtig zu sein. Er kommt auch im Kürzel der „PARTEI“ vor (Anm. der nicht vorhandenen Redaktion: „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“). Erläutern Sie dieses Anliegen doch bitte.

Ich bedanke mich für diese Frage. Korrekt, „Tierschutz“ steht in unserem Namen. Doch das „T“ ist, wie übrigens alle anderen Buchstaben auch, austauschbar. Wir stehen für alles, was uns Mehrheiten bringt. Tiere sind zwar sehr süß und manche Arten sind nicht nur zwischen Fladenbrot sehr schmackhaft. Doch sollte sich herausstellen, dass die Bürger Nordrhein-Westfalens etwas Anderes als wichtiger einstufen, so können wir reagieren. So haben beispielsweise nächtliche Befragungen am Duisburger Hauptbahnhof ergeben, dass die Kernthemen der Leute dort ganz andere sind als etwa in der Universität Münster. Die Befragten in Duisburg ziehen „Titten“ dem „Tierschutz“ vor. Weswegen „PARTEI“ dort für „Partei für Arbeitslosengelderhöhung, Rente mit 30, Titten, Erektionsförderung und kostenlose iPhones“ steht. Wir sind flexibel, wo wie es der Zeitgeist von uns auch verlangt. Wir sind eine Partei neuen Typus. Modern und sehr gut, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte.

Was halten Sie von Hannelore Kraft?

Sie ist gar nicht so verkehrt. Wenn Sie möchte, kann sie nach unserem Wahlsieg bei der PARTEI anfangen. Ich persönlich bräuchte zum Beispiel noch einen Fahrer für meinen Dienstwagen, da ich keinen Führerschein habe. Frau Kraft darf sich gerne um die Stelle bewerben! Auch SPD-Mitgliedern muss man eine zweite Chance geben, etwas Vernünftiges aus dem eigenen Leben zu machen. Obendrein würde sie dann auch erfahren, wie es ist, bei einer Partei mit auf-, statt absteigenden Mitgliederzahlen zu sein. Das täte ihr vielleicht ganz gut, für das Zählen ihrer Augenringe braucht man ja längst eine beachtliche Truppe von Mathematikern.

Wie viele Mitglieder hat die PARTEI denn derzeit?

In NRW sind es etwa zweitausend. Doch im Land wohnen noch rund achtzehn Millionen Bürger, die wir „Schlaf-Mitglieder“ nennen: Menschen, die in unserer schnelllebigen Gesellschaft einfach noch nicht die Zeit gefunden haben, den Mitgliedsantrag auszufüllen. Man kommt ja zu nix. Das wissen wir, weswegen wir den Bürgern nach der Wahl entgegenkommen wollen und die PARTEI-Mitgliedschaftskarte zur Pflicht werden lassen. So könnte der Bürger rund zehn Minuten Zeit sparen – und gespart werden muss in NRW ja ohnehin, wenn ich mir das milliardenschwere Haushaltsloch so ansehe. Unsere Rechnung ist einfach: Zeit ist Geld, Zeit sparen ist Geld und bei achtzehn Millionen Mal zehn Minuten Zeitersparnis wäre unser Land blitzschnell raus aus den Schulden. Ich weiß nicht, wieso da nicht schon jemand drauf gekommen ist, aber Politiker denken ja generell gerne viel zu kompliziert.

Sie scheinbar nicht. Sprechen wir also nun wieder über Ihre Person. Warum gerade Sie, Herr Floehr?

Sehen Sie, Herr Floehr: Es sind Neuwahlen. Und ich bin quasi noch neu. Erst vor zwanzig Jahren bin ich durch hier nicht weiter wichtige Umstände auf diese Welt gekommen. Seither habe ich keine Scheiße gebaut: Ich leihe mir nichts bei Freunden, fahre mit keinem Dienstwagen in den Urlaub und Weltkriege habe ich auch keine angefangen. Und überdies stand ich noch nie zur Wahl. Niemals (!) hatte der mündige Bürger die Chance, mir seine Stimme zu geben. Nun schon. Das ist neu. Alles an mir ist neu, weil unbekannt. Ich bin die Neuwahl in Person. Das passt. Also, alleine deswegen würde ich mich schon wählen. Außerdem passt mir der Düsseldorfer Landtag als Arbeitsplatz ganz gut, die kneipenreiche Altstadt ist zu Fuß nicht einmal dreißig Minuten entfernt.

Werden Sie doch bitte konkret: Was möchten Sie ändern?

Es gibt so Tage, da habe selbst ich nichts Besseres zu tun, als in die Zeitung zu sehen. Dort lese ich dann, dass Politiker ständig Scheiße bauen. Ich sprach bereits davon: Am laufenden Band machen die Scheiße! Das kann doch nicht sein! Mit mir ist Scheiße nicht zu machen. Ich stehe für Spökes, sprich: Unsinn und Spaß. Es ist nicht auszuschließen, dass ich im Landtag Witze erzählen werde. Wissen Sie, Witze werden zu Unrecht von der Gesellschaft geächtet. Ein guter Witz lockert jede spießige Debatte auf, Witze sind demnach prädestiniert für die Politik. Auch PHOENIX hätte sicher höhere Einschaltquoten, wenn Wolfgang Schäuble statt Sudoku zu spielen ein gutes Witzebuch lesen würde. Ein Beispiel: Kennen Sie den Witz mit dem Laubfrosch, der beim Frauenarzt zufällig Hannelore Kraft trifft?

Nein, den kenne ich leider nicht.

Dann wissen Sie ja, welcher Partei Sie am 13.05. Ihre Stimme geben müssen. Und ich denke, Ihre Leser wissen das auch.

Potzblitz, Sie haben mich überzeugt! Ich bedanke mich für das Gespräch.

Liebe Bürger in NRW! Wählen Sie am 13.05. die PARTEI! Nähere Informationen entnehmen Sie bitte der Tagespresse, wir werden in Kürze ein paar Pressemitteilungen herumschicken. Vielen Dank.

Eine sichere Bank

Vielleicht wird der ein oder andere mitbekommen haben: Wir befinden uns in einer Zeit der Krise, der Ungewissheit, der Sorgen. Alle von klein bis groß fragen sich zurecht: Was ist denn jetzt morgen? Weltuntergang? Schwarzer Montag? Oder Samstag? Manch ein kluger Kopf ist bereits daran zerbrochen. – Wie ein lustiger Millionär namens Hape Kerkeling bereits im September 1991, also einen Monat vor meiner Geburt, feststellte, ist das ganze Leben ein Quiz. Daher gibt es nicht nur Fragen, sondern auch Antworten. Theoretisch zumindest. Praktisch gibt es nur ein dem Laien namentlich gänzlich unbekanntes und scheinbar zufällig zusammengepuzzeltes Gremium, das diese Antworten dann berufswegen auch sucht. Gut, ganz so wie beim Jauch ist es hier nicht. Die 50:50-Chance ist vielleicht ein wenig zu riskant. Das Publikum fragen kommt ebenso nicht in Frage, denn das hat ja ohnehin keine Ahnung. Jemanden anrufen wurde versucht, ergebnislos – Silvio Berlusconi etwa hat ja auch in anderen Themengebieten alle Hände voll zu tun; keine Zeit. Und es gibt hier nicht nur Antwortmöglichkeit A, B, C oder D. Es sind vielmehr viel mehr Lösungen als uns das Alphabet Buchstaben schenkt – selbst, wenn man Ä, Ö, Ü und das scharfe S mitzählen würde. Aber: immerhin. Da sind welche, die suchen nach Lösungen. Und ein zerzauster Hippie namens Jesus versprach vor knapp 2000 Jahren, also rund 1991 Jahre vor meiner Geburt, dass diejenigen, die suchen, auch finden werden. Nur wann, das hat uns der heilige Sohn Gottes natürlich nicht gesagt.

So sitzen sich die wichtigen Leute schon seit Monaten auf ihren Ledersitzen die Popos wund und kommen zu keinem verdammten Ergebnis. Dabei sind doch alle so fleißig: Auf „Meetings“ wird die „Big Question“ gestellt, der „Masterplan“ wird gesucht, aber weil uns kleinen Leuten ewig keine Ergebnisse präsentiert werden, kann das alltägliche „Brainstorming“ doch nicht die kognitive Ruhe vor dem Sturm sein! Die entscheiden doch nichts, da oben die! Die mampfen doch nur Häppchen vom reichhaltigen „Catering“-Angebot, bezahlt von uns! Und wir können nicht mehr einschlafen, weil uns die Ungewissheit plagt. Wie soll es denn jetzt weitergehen? Antworten haben viele parat, doch so ganz koscher sind die mir nicht. Tagtäglich geben sogenannte „Very Important Persons“ in der „yellow press“ hanebüchene „Statements“ zur Lage der Nation ab, pff. Pseudokritische Meinungen werden zu simplen „Give-Aways“, die man einfach so in die Öffentlichkeit pustet, weil das ja jetzt jeder macht, weil jeder was dazu sagen kann und jeder davon betroffen ist.

Ahnung haben dabei leider die allerwenigsten. Aber Hauptsache, man hat sein „Feedback“ als Prominenter prominent in einer kleinen Kolumne platziert, damit auch Frau Schlütkewömpel am Frühstückstisch sagen kann: „Oh, Friedhelm, schau mal hier! Der Sky du Mont, der hat auch was dazu gesagt! Er ist zwar keiner vom Fach und ich verstehe die Hälfte nicht, aber toll! Toll, dass er sich da mal zu Wort meldet!“. Wenn ich mich früher, in der Schule, in Mathematik zu Wort gemeldet habe, dann habe ich auch viel geredet, jedoch zumeist inhaltlich relativ wenig gesagt. Denn es gibt Themen, bei denen solche man sich bei akutem Mangel an Fachwissen auch einfach mal zurückhalten. An dieser Stelle schöne Grüße an meine langjährige Mathelehrerin Frau Franck: Frau Franck, ich weiß immer noch nicht, wie man den Abstand eines Vektors zu einer Ebene berechnet, geschweige denn, was das alles überhaupt heißt. Und damit muss ich mich auch – „Gott“ sei Dank! – gar nicht mehr beschäftigen, weil mein Alltag inzwischen von größeren, finanzkräftigen Problemen bestimmt wird.

Es ist doch so: Unser mehr oder weniger geliebtes Europa ist, wie der anglizismenfreundliche Fachmann sagt, am „Vagina Way“, also am Scheideweg. Gut, dass es Leute gibt, die sich dagegen erheben. Das einfache Volk geht endlich mal wieder außerhalb von Fußball-Weltmeisterschafen auf die Straße, protestiert, macht sich Sorgen, Schilder werden beschriftet, Plakate werden vor Fernsehkameras ausgerollt, da ist ja richtig was los, heidewitzka, Revolution liegt in der Luft! Aber was uns dann doch fehlt, ist ein einziger, toller, kluger, redegewaltiger und -gewandter Typ, der sich hinstellt und sich auch zutraut, für die Massen einzustehen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen! Einen Helden brauchen wir! Einen Retter! Einen Die sehr, sehr gute Nachricht ist: nach dem diesen Kerl muss man nicht mehr suchen, denn er spricht gerade zu euch. Ja, verdammt! Komm! Ich mach es! Ich kann es! Ich will es! Ja! Ich bin eine sichere Bank!

Ich werde die Moderation von „Wetten, dass“ übernehmen! Heureka!

Die Hoffnung

Zehn Tage Hitler

Die Äl­te­ren wer­den sich ge­wiss noch gut an das Jahr 1983 er­in­nern. Be­son­ders drei Dinge wer­den ihnen im Ge­dächt­nis ge­blie­ben sein: zum einen der 5:0-​Heim­sieg von Bayer Uer­din­gen gegen Darm­stadt (und der damit ver­bun­de­ne Auf­stieg in die Bun­des­li­ga) und zum an­de­ren: der Skan­dal um die an­geb­li­chen Ta­ge­bü­cher von Adolf H. im Fak­ten­ma­ga­zin „Stern“. Die ge­fälsch­ten Bände waren un­ge­rech­net etwa fünf Mil­lio­nen Euro teuer; der Stern muss­te sei­ner­zeit fast neun­hun­dert Mal­bo­ro-​An­zei­gen schal­ten, um die­sen Ver­lust auf­zu­fan­gen. Und die Welt­be­völ­ke­rung trau­er­te: Zi­ga­ret­ten­wer­bung, pff, da wären uns ein paar in­ti­me Ge­heim­nis­se aus dem Füh­rer­bun­ker aber reich­lich lie­ber ge­we­sen. Man rauch­te und wein­te – bis zum heu­ti­gen Tage. Denn, wie ich hier nun kos­ten­los ver­kün­de, be­fin­den sich die ech­ten Ta­ge­bü­cher in mei­nem Be­sitz. Und weil ich mir aus Geld nichts mache, werde ich nun hier ex­klu­siv einen Aus­zug aus den brau­nen Bü­chern prä­sen­tie­ren. Bitte sehr:

12. April 1944
Habe heute ver­sucht, Blon­die den Hit­ler­gruß bei­zu­brin­gen. Doch das elen­de Vieh wei­ger­te sich. Vielleicht hat es auch einfach die falsche Rasse. Es war aber auch total un­kon­zen­tiert! Ich hoffe, ich finde noch eine End­lö­sung für die­ses Kon­zen­tra­ti­ons­pro­blem. Da müss­te ich doch noch ir­gend­was auf Lager haben… Au­ßer­dem habe ich noch ein biss­chen Schif­fe ver­sen­ken im bri­ti­schen Ge­wäs­ser ge­spielt, aber lei­der ver­lo­ren. Churchill, dieser elende Cheater! Lol!

13. April 1944
Hein­rich rief mich heute Mit­tag an. Er be­rich­te­te mir davon, be­ruf­lich einen Juden ge­trof­fen zu haben. Ich er­schrak, meine Ver­füh­rer­lip­pen form­ten ein lau­tes ‚Wie­so­das­denn­dual­ter­va­ter­lan­des­ver­rä­terrr!‘. Aber Hein­rich, die­ser Schelm, fügte hinzu, wie er den Juden ge­trof­fen hatte: durch den Kopf. Ich lach­te sehr. Hein­rich ist wirk­lich ein her­vor­ra­gen­der Wit­ze­er­zäh­ler. Arrow to the knee, ein Klassiker.

14. April 1944
Neu­ig­kei­ten von der Front. Ach ja, Krieg, stimmt, da war doch noch was. Zehn­tau­send un­se­rer Män­ner sind in Le­nin­grad ge­fal­len. Ja, meine Güte, dann sol­len sie halt wie­der auf­ste­hen! Ich habe jedoch ver­an­lasst, den Ka­me­ra­den zwan­zig­tau­send Pflas­ter mit Blüm­chen­mus­ter zu­kom­men zu­las­sen. Bin ja kein Un­mensch.

15. April 1944
End­lich Sonn­tag! Habe Eva ge­fragt, ob wir nicht mal wie­der Ge­schlechts­ver­kehr haben könn­ten – ich wün­sche mir doch so sehr einen klei­nen Verfüh­rer­sohn. Eva lach­te nur und hat mich ge­fragt, ob denn schon wie­der Weih­nach­ten wäre. So eine Frech­heit! Ist sie Franz Beckenbauer oder was! Und Blon­die, diese dumme Töhle, kann den Füh­rer­gruß immer noch nicht!

16. April 1944
Klug wie ich bin, habe ich heute ein neues Ge­setz er­dacht. Unter Pa­ra­graph 18181818, Absatz 888888Periode8 ist jetzt fest­ge­legt, dass das Weih­nachts­fest von nun an am 17. April ge­fei­ert wird. Eva weiß noch nichts von ihrem Glück, mor­gen werde ich sie über­ra­schen. Das wird sehr, sehr gut.

17. April 1944
Was hatte ich mich auf die­sen Tag ge­freut! Weih­nach­ten! Das Fest der Liebe! Im gan­zen Reich bau­ten die Kin­der Schnee­män­ner aus Asche, die Leute schenk­ten sich ge­gen­sei­tig hübsch ver­zier­te Kör­per­tei­le (oder was sie sonst noch so auf den Stra­ßen fin­den konn­ten) und ich freu­te mich dar­auf, mei­nen, zu­ge­ge­ben, klei­nen Adolf in Eva ein­mar­schie­ren zu las­sen. Doch Evas Mumu wagte einen Putsch, sie woll­te sich mir nicht öff­nen. So etwas darf nie, nie wieder passieren! Abends bat ich dann Gott um Hilfe, aber er ant­wor­te­te mir nicht. Dar­über wun­der­te ich mich kurz, aber ich hätte mir ja ei­gent­lich den­ken kön­nen, dass der keine Zeit hat, wenn sein Sohn ge­ra­de Ge­burts­tag fei­ert. Wie dumm von mir. Aber auch ein Füh­rer ist nicht un­fehl­bar.

18. April 1944
Ich traf mich heute mit Jo­seph, dem alten Spas­ti vom Nie­der­rhein, um ihm mein Leid zu kla­gen. Jo­seph war sehr ein­fühl­sam, wir tran­ken ge­mein­sam drei ari­sche Kan­nen Kaf­fee und dann frug er mich: „Willst du die to­ta­le Auf­mun­te­rung?“ und na­tür­lich wil­lig­te ich ein. Eine to­ta­le Auf­mun­te­rung ist die kür­zes­te Auf­mun­te­rung. Er er­zähl­te mir, ich bräuch­te mir keine Sor­gen um Evas Mumu zu ma­chen, die wäre nicht immer so tro­cken. Na dann.

20. April 1944
Ge­burts­tag! Juhu! Jubeldubeldei! Alle meine Freun­de sind ge­kom­men und wir haben zu dritt eine tolle Fete bei mir im Füh­rer­bun­ker. Hein­rich schenkt mir ein Ei. Ein rohes Ei! Wozu? Ich weiß es nicht, ver­dammt! Aber alle an­de­ren fan­den es lus­tig, also habe auch ich ein biss­chen mit­lei­dig ge­schmun­zelt. Bin ja immer noch kein Un­mensch. Dann hat jemand gepupst. Man gab mir die kollektive Schuld! Doch ich war das nicht! Das Gas kam aus einem Gestapo! Scha­de nur, dass Eva und Jo­s­peh nicht zu mei­ner Feier ge­kom­men sind. Wo sie bloß sind?

21. April 1944
Heute habe ich etwas ge­lernt: wenn Blon­die auf dem Rü­cken liegt, ge­lingt ihr an­nä­hernd der Füh­rer­gruß. Ich bin stolz auf sie. Gab ihr zur Be­loh­nung ein paar Ha­ken­kreuz­kek­se und EssEss-Papier. Im deut­schen Reich soll nie­mand hun­gern! Achso, Eva ist üb­ri­gens wie­der auf­ge­taucht. Und als nach­träg­li­ches Ge­burts­tags­ge­schenk brach­te sie mir einen neuen Film von Leni (nicht Lenin!) mit. Auf DVD. Ach nein, die gibt es ja noch nicht. Also im Super8-Format. Der Film scheint eine Liebeskomödie zu sein: „Wie ich in Auschwitz mein Herz verlor – und alle anderen Organe auch“.

22. April 1944
Eva will nicht fi­cken, der Krieg geht mir auf den ein­ei­igen Sack, alles läuft ein­fach schei­ße im Mo­ment. Daher lenke ich mich ein wenig ab. Hein­rich hat mir zum Ge­burts­tag eine Schall­plat­te mit ent­ar­te­ter Musik mit­ge­bracht. Ich höre sie nun schon seit Stun­den und tanze flip­pig dazu. Und dann stelle ich fest, dass ich eine ganz schön arme Wurst bin. Allerdings nicht knackig wie Wiener oder würzig wie Krakauer, sondern mehr so wie die in Schweinskopfsülze. Owei. Hoffentlich liest das hier niemand jemals.

Joa, ups.

Andere Ansichten anhimmeln

Rätsel für Nazis

[via NPD Berlin]

Musik, heil!

Nürnberg. Enkel Kevin kauert auf dem Wohnzimmerboden und kaut am Strohhalm seines Tetrapak-Kakaos. Seine Haare, sowie seine Großeltern haben in den üblichen Positionen Platz genommen, um mit dem „Frühlingsfest der Volksmusik“ in die wunderbare Welt der Playback-Akkordeons zu flüchten. Es erscheint wie ein Eingeständnis an den Unterhaltungswert des telemedial Dargebotenen, doch der fleißige Kaffeekonsum des Rentner-Ehepaares ist ein entkoffeinierter und trägt den Namen „Kaffee Haag“. „Mhh, legger!“ ruft Opa zum erwärmten Wasser und hebt das Kännchen in die Höh‘. Er weiß, dass der Erfinder seines Lieblingskaffees, namentlich Ludwig Roselius, ein Freund der NSDAP war und die SS finanziell unterstützte, doch davon lässt sich Großvater Gunther nicht am Genuss seines Kaffees stören. Stolz hebt er einen seiner zwei Zeigefinger in die Luft und informiert seinen Enkel: „Den hat es damals schon gegeben, als ich so alt war wie du!“. Kevin dreht sich kurz um, schaut seine Großmutter an. Sie nickt freundlich und verzweifelt danach wieder an den Spielregeln der Sudokus in der Apothekenzeitschrift. Nachdem Kevin dann seinen Kakao leer geschlürft hat, merkt er fröhlich an, dass er die Molkereiprodukte von „Müllermilch“ sowieso am besten fände. Opa merkt an, dass deren Chef Theo Müller sogar wie er selbst Mitglied in der Partei ist. Oma fügt hinzu, dass Opa die CSU meinte. Kevin zuckt mit den Schultern. Im Fernsehen singt ein bayrisches Paar ein Lied von ewiger Liebe.

Als Kevin das Wohnzimmer dann kurzzeitig zum Zwecke des Kakao-Nachschubs verlässt, gibt Opa Oma heimlich einen trockenen Kuss auf die Wange. Oma lächelt verträumt und richtet ihren Blick dann verträumt aus dem Fenster, wo ein paar Buntspechte durch die braunen Herbstblätter hüpfen: „Sieh mal, Gunther, die Vögelchen, wie süß!“. Opa fühlt sich in seiner Liebelei gestört und schaut nur unfreiwillig, aber grimmig nach draußen. Sein Lieblingsvogel ist der Spatz, aber Gunther hat lange keinen mehr gesehen oder wenigstens gehört. Die sind vielleicht in eine andere Wohngegend gezogen oder halten womöglich gerade in Südamerika Winterschlaf. Schade, findet er. Das kleine Buntspecht-Grüppchen sucht noch ein paar Minuten lang erfolglos nach Würmern, dann flattern die Vögel mit Gezwitscher zurück in ihr Nest. „Und wie laut die immer sind!“, nölt Opa, „da kann man ja sein eigenes Wort nicht mehr verstehen!“. Oma streichelt ihm beruhigend auf die Schulter. Schließlich kommt Kevin aus der Küche zurück und teilt traurig mit, dass es dort keine Strohhalme mehr gäbe. Er müsse seinen Kakao nun aus einem Glas trinken, was den Trinkgenuss mindere. Ach was, sagen die Großeltern, so entsteht wenigstens nicht so viel Müll. Kevin fühlt sich von diesem Argument getröstet. Er setzt sich auf die Couch und schaut gebannt in die Fernsehröhre. Roberto Blanco tappt die Showtreppe herunter und singt, dass ein bisschen Spaß sein müsse.

Kevin klatscht zustimmend in die Hände. Oma erzählt ihm, wie lustig es doch sei, dass „Blanco“ aus dem Spanischen übersetzt „Weiß“ heiße und Kevin weiß mit dieser Bemerkung erst nichts anzufangen, dann lacht er ein unschuldiges Kinderlachen. Während der lustige Mann im Fernseher vor sich hin singt, richtet Kevin seinen Blick auf seinen Opa. Er schaut mürrisch und gießt sich unvernünftig viel Milch in seinen Kaffee. Kevins Stirn beginnt sich zu runzeln und nachdem er all seinen Mut zusammengegtragen hat, fragt er seinen Großvater: „Du, Opa, wann hast du zum ersten Mal einen Schwarzen gesehen?“. Es folgt Stille. Opa zögert mit seiner Antwort. Er möchte nichts Falsches sagen. Gerade, als er antworten will, dass er das nicht mehr so genau wüsste, wird er von seiner Ehefrau gerettet: „Schau mal, Gunther, der Kevin hat vom Kakao einen kleinen Schokomilchbart unter der Nase bekommen, wie goldig!“.

Zurückgeblieben um zu nicht bleiben

Fährt man in Hamburg ohne Kopfhörer im Ohr von Altona nach Bramfeld, so erhält man von einer Computerstimme alle zwei Minuten eine freundliche, aber bestimmte Bitte hinterher geworfen. Sie lautet: „Zurückbleiben, bitte“. Gewiss ist dies hier räumlich zu verstehen; schließlich stören Fahrgäste, die auf den letzten Drücker die Schiebetüre aufreißen wollen, die Weiterfahrt nicht erst dann, wenn ihre Gliedmaßen von der strengen Automatik der Einstiegspforte abgetrennt worden sind. Das richtige Leben sieht personifiziert Zuspätkommen nicht besonders gerne und bestraft gnadenlos, in dem es die Unpünktlichen sprichwörtlich das Beste (hier: die Abfahrt Richtung Osten) verpassen lässt. Zudem muss Rücksicht genommen werden auf diejenigen in der Straßenbahn, die kein Blut sehen wollen, sollen, können. Gerade in Hamburg, wo man sich in gefühlt jeder zweiten Straße mit vielen Bannern, Aufklebern und witzigen Mülleimersprüchen als „Umwelthauptstadt Europas 2011″ feiert. Mal ganz davon abgesehen, dass einzelne Arme und Beine nur in den seltensten Fällen über eine gültige Fahrkarte verfügen, somit illegal sind und zur Strafe eigentlich ins Gefängnis, Zuchthaus oder wenigstens in eine Vorstellung vom „König der Löwen“ müssten. Es hocken ohnehin schon zu viele Arme in Hamburgs widerlichen Musicalpalästen herum. Das locker und routiniert gehauchte „Zurückbleiben, bitte“ dient also dem Manifestieren von Sicherheit, Ordnung, Fahrplan, Gesundheit, nebenbei dem Legalitätsprinzip und letztlich ganz sicher auch noch der guten Laune. Denn nur ein pünktliches, nach den gleichen Regeln fahrendes Kollektiv ist ein homogenes. Würde man auf jeden warten und alle mitnehmen, käme man ja nie ans Ziel.

Es stellt sich mir also zwangsläufig die Frage, ob „Zurückbleiben, bitte“ auch als Gesellschaftsmodell funktionieren würde. Ob wir dann alle glücklich wären. Ob wir trotz Zurückbleiben zum Ziel kommen würden, wo auch immer unsere Endhaltestelle wohl liegen mag, vielleicht ja auch im Osten. Ob wir dann beim Aufstehen beide Daumen in Richtung Sonne heben würden, weil es uns so gut ginge, weil wir uns zugehörig fühlen würden, weil wir den Stumpfsinn als Trumpf in allem akzeptiert und bejaht hätten. Als Zurückgebliebene müssten wir nicht mehr an dem ganzen Sinn und Unsinn zweifeln, wir würden es einfach hinnehmen, genauso wie man im Kiosk das Wechselgeld entgegen nimmt, einsteckt und dann vergisst. Man weiß schließlich nie genau, wie viel Münzgeld im Portmonee klimpert, nur über die Scheine hat man einen groben Überblick. So wäre es auch in einer Welt der Zurückbleiber. Man wüsste, wer da oben regiert und auf Dinge reagiert, aber das Agieren würde niemals tiefer hinterfragt werden, denn solche Kleinigkeiten, die hätten schon irgendwie seine Richtigkeit. Man hat selbst dafür gesorgt, dass es so ist wie es nun einmal nun und immer ist und mit Zweifeln würde man über die ein oder andere Ecke ungemütlicherweise sich selbst kritisieren, die eigene Wahl in Frage stellen und wer will das schon: sich selbst den Spiegel vorhalten und nach Narben suchen. Auf dem Planeten der Zurückgebliebenen hängt man lieber alle Spiegel ab; ist ja auch viel gesünder, in den Fernseher oder in bunte Hefte zu gucken. Da informieren wir uns dann über die bunte, feine Welt, für die wir auch irgendwo mitgestaltet haben, also doch gewissermaßen ein Spiegelbild, aber ein einfacheres, gemütlicheres, weil komplett kritikloses.

Die Gesichter lachen allesamt, damit das so bleibt, malen wir mit dem Filzstift die Konturen nach, dann malen wir den männlichen Gestalten noch ein Hitlerbärtchen unter die Nase, stecken das in die Schublade „Vergangenheitsbewältigung“, weil man niemals vergessen darf, soll, wird – wonach wir uns dann deutlich besser fühlen, nochmal ins Portmonee greifen, dann überlegen, wo das Geld dann geblieben ist, ausnahmsweise ein bisschen grübeln und denken, uns bemühen und verrenken, bis wir endlich erkennen: es ist bei den Falschen zurückgeblieben. Und wo wir schon einmal beim Erkennen sind, hören wir nicht damit auf: verdammter Scheißfick, hier, nun, jetzt, gerade, just in diesem Moment umgeben uns schon ziemlich viele Zurückgebliebene! Hm. Waren wohl schon zu viele Leute in Hamburg.

Meine neue politische Einstellung

Es wurmte mich zwar etwas, dass ich bei der antiunsympatischen Partei „Die LINKE“ Mitgliedsbeiträge zahlen und Kontonummer angeben musste, aber dennoch bin ich sehr zufrieden mit dieser Vereinigung. Zwei Daumen hoch! Sie ist nicht bloß ein Mittel zum Zweck, sondern ein zweckmäßiges Mittel gegen die ungezählten Ungerechtigkeiten in unserem Land. Moment: ungezählte Ungerechtigkeiten? Mitnichten. Die LINKE bietet mir gezählte Ungerechtigkeiten! Wie ein paar meiner Genossen nämlich herausgefunden haben, sind es exakt drei. Wir von den LINKEN erheben unsere Stimme, damit nicht nur die Probleme, sondern auch deren Tage gezählt sind! Es muss Schluss sein mit dem Hin und Her, dem Hü und Hott, dem fauligen Atem des Kapitalismus. Die LINKE ist die laktosefreie Zahnpasta im Politikgeschäft! Aronal und Elmex in einem; zu jeder Tageszeit genießbar und wirksam! Doch bevor ich weiter abschweife, komme ich nun zu den drei bereits erwähnten Problemen. Der Übersicht wegen zähle ich sie in einer zufälligen und gleichberechtigten Reihenfolge im Folgenden auf:

Problem 1: Nazis, Neonazis und Nationalsozialisten!
An jeder Straßenecke lauern die braunen, glatzigen Breitschulterfrösche und spucken uns in die Suppe. Natürlich kann die LINKE derartige Laienköche nicht gebrauchen. Zwar sind wir grundsätzlich der Meinung, dass alle Menschen gleich sind, aber – und da bedienen wir uns ausnahmsweise auch bei der ein oder anderen Diktatur – Ausnahmen sind durchaus ab und an mal drin. Daher marschieren wir regelmäßig zu NPD-Aufmärschen und zeigen, dass wir lauter, sogar richtiger sind und meistens haben wir auch Argumente im Gepäck. Und Steine. Schnell habe ich bei den LINKEN gelernt, dass Steine kein Ausdruck von Gewalt, sondern von Ahnung sind. Wir sind David und die Springerstiefeltransporteure sind Goliath. Niemand wird bestreiten, dass David in seiner Zeit etwas Gutes tat. Mehr noch: er tat etwas sehr Seltenes; nämlich das Richtige. David ist demnach völlig zurecht unser Vorbild; nicht nur, weil er Jude war.

Problem 2: Weltverschlechterer!
Dieselben Straßenecken, andere Idioten. Da gibt es doch tatsächlich welche, die meinen, sie könnten mit zahlreichen Kleinstaktionen etwas Positives zur Gesellschaft beitragen. An Weihnachten zwei Euro in die Sparbüchse beim Massenbäcker für Afrika, Facebook-Boykott aus Datenschutzgründen und einmal in der Woche Verzicht auf Fleischprodukte. Die LINKE weiß: vollkommener und endgültiger Unsinn. Wenn man nur an ganz bestimmten Tagen etwas tut, ist man ein Tropfen auf den glühend heißen Stein. Wieso also ein Tröpfchen sein, wenn stattdessen auch ein Wasserfall sein kann? Die LINKE tut jeden Tag Gutes und so auch ich, damit fahre ich derzeit ziemlich gut. Wobei „fahren“ hier das falsche Wort ist, schließlich laufe ich. Wir von den LINKEN bewegen schließlich selbst schon genug, sind also Beweger, wodurch ein Fortbewegungsmittel zu nutzlosem Beiwerk degradiert wird. Wir sind die Schnellsten, kommen auch ohne Auto, Flugzeug und Zeppelin zum Ziel!

Problem 3: Hartz IV!
Erneut finden wir das Problem an Straßenecken, jedoch steht es nicht, sondern liegt herum. Zahlreiche Arbeitslose haben die Suche nach Beschäftigung längst aufgegeben. Das wenige Geld, das monatlich auf ihr Sparbuch fließt, tragen sie in Billigsupermärkte, investieren es in Schnaps, Zigaretten und über die Mehrwertsteuer in eine Wirtschaft, die keine Verwendung für diese Gestalten findet. Sicher, Arbeitslose stinken mitunter gewaltig, eine Frisur haben nur die Allerwenigsten. Doch gerade diese Leute sind es, die von der LINKEN gestützt werden! Wir nutzen diese Außenseiter nicht als Steigbügelhalter, sondern greifen ihnen freundlich unter die schwitzenden Arme. Mit Vollbeschäftigungen, Mindestlöhnen und kostenlosen Alkohol-Gutscheinen. Also weg mit Hartz IV, her mit flächendeckender Gerechtigkeit. Arbeit für alle, Reichtum für alle, Doppelkorn für alle, Mallorca für alle, vierlagiges Charmin-Klopapier für alle! Wir lassen keinen zurück, auch nicht Behinderte. Wir sind die Fremden, denen ihr blind folgen könnt.

So viel und doch so wenig über die Kernprobleme unserer Zeit. Der Weg hin zur Kernproblemschmelze ist ein weiter. Aber wir werden explodieren im besten und friedlichen Wortsinne. Wir ballern uns mit Wasserpistolen und Steinschleudern in jedes Parlament. Und jeder, der uns dabei nicht daumenhebend unterstützt, ist ein Nazi. Undoder bei der FDP.

Die Mühe vor dem Sturm

Du hast dir ihr aktuelles Album käuflich in einem Fachgeschäft erworben, um die Musikindustrie ein wenig langsamer sterben zu lassen. Aber besagte Nelly Furtado gab dem libyschen Zauseldiktatoren Gaddafi samt faschistischer Gefolgschaft ein Privatkonzert und dafür erhielt die kleine, harmlos singende Portugiesin mehr Geld, als du je in einen Media Markt wirst schleppen können. Auch andere Popmusik-Popanzen wie etwa Lionel Richie und Beyoncé Knowles schmusten singend mit der Gaddafi-Familie. Die erfolgreichsten Künstler unserer Zeit sind also mietbare Wanderzirkusse, die du dir bei Bedarf temporär auf den Wohnzimmerteppich bestellen kannst. Egal wie du heißt oder welche Minderheiten du auf Kamelen verfolgst. Was kannst du als Zweckkäufer da mit dem Kauf einer CD schon zum Erhalt der künstlerischen Freiheit und Vielfalt leisten? Nichts. Außer: bessere Musik hören.

Du pflegst Hasstiraden gegen deine Nachbarin, weil deren Tochter ihren fünften Geburtstag bei McDonald’s feiern will und nichts dagegen unternommen wird, dass die hungrige Kindergartenarmee die Feier des Tages mit braunem Fleischmatsch angeht. Wusstest du, dass es noch nie einen Krieg zwischen zwei Ländern mit McDonald’s-Fresslöchern gab? Denk mal darüber nach. Fast Food macht vielleicht dumm, aber auch Frieden. Wenn erst einmal alle Länder der Welt mit Cheeseburgern und Happy Meals versorgt sind, werden wir alle fett, aber gemütlich und friedlich auf den Tod warten. Was ist also schon daran auszusetzen, dass Kinder Ronald McDonald für den besten Koch der Welt halten. Du selbst schwörst auf Kochmarionetten wie Tim Mälzer und Johann Lafer und findest es nicht einmal verwerflich, dass diese Vollhonks Werbung für Fertigbrühe und Tiefkühlscheiße machen. Findest du da nicht einen kleinen Widerspruch? Der Quatsch, den du da täglich in dich hinein schaufelst, ist genauso synthetisch wie die McDonald’s-Speisekarte. Alles ist voller Chemie, voller Ungesundheit; jenseits des guten Geschmacks ist jenseits von Edeka1. Und was kannst du Leckermäulchen dagegen tun? Nichts. Außer hungern.

Du duscht jeden Tag zweimal, manchmal häufiger, kaufst dir kistenweise von der Stiftung Warentest empfohlene Cremes und Körperpflegemittel und an deine Haare kommt nur ein halb-wässriger Chemiematsch, den du für auf Hawaii geerntete Kokosnussmilch hältst. Doch tief in dir drin, in deinem Darm, wohnen 3,3 Millionen Bakterien. Sie wuseln und gedeihen fröhlich und ewig und unbeschwert und über deinen teuren Drang nach oberflächlicher Reinheit würden sie lachen, wenn sie könnten. Können sie aber nicht, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, deinen Verdauungstrakt als Spielplatz zu benutzen. Dein Darm ist ein sonnenloses Sammelbecken für Keime, Parasiten und Bakterienkot. Und was kannst du Saubermann dagegen machen? Nichts. Außer: sterben.

Du gräbst im Sandkasten nach Schätzen, du hasst Gutmenschen, du suchst im Kornfeld nach vierblättrigen Kleeblättern, du bist fünf Minuten vor der planmäßigen Abfahrt an der Bushaltestelle du lachst nur über Heinz Erhardt und Loriot, du schreibst bissige Leserbriefe an den „Spiegel“ und hoffst, damit deinen politischen Einfluss zu vergrößern, du findest Witze über Randgruppen gemein, du trennst deinen Müll nach Farben, du zählst voller Vertrauen nie das Wechselgeld, du schaltest den Fernseher nur für die Tagesschau ein, du findest, dass man dies und das ja wohl noch sagen dürfte in unserem Land, ja und du würdest die NPD verbieten – wenn du könntest; du würdest eine Revolution anführen – wenn du wüsstest wie; täglich würdest ganz verrückte Dinge tun – wenn du überhaupt irgendetwas wüsstest; und vor allem wirst du dich von diesen Zeilen hier nicht angesprochen fühlen. Du glaubst noch, dass du etwas verändern kannst, weil du Optimist bist, wenn es um deine Wirkung auf diesen Planeten geht. Du weißt zwar, dass du weder Rad noch Viereck neu erfinden kannst. Aber dass man den Kreis noch runder und besser machen kannst, bezweifelst du nicht im Geringsten. Kleinschritt-Fortschritt nennst du das. Du vergisst das Hinterfragen der Meinungen, die du dir von anderen abgeschaut hast. Du bist das Falsche im Richtigen.

Denn ich und du und sie und wir und er und ihr, wir können das große Ganze nicht ändern. Das Kollektiv rennt blind Frackträgern mit Gel im Haar hinterher, lacht aber über den Rattenfänger von Hameln. Und? Was können wir Tagediebe und Nachtschläfer daran ändern? Nichts. Außer: uns selbst ändern.

  1. Inspiriert durch den Text „Jenseits von Edeka“ vom wunderbaren Florian Cieslik

Suppe schmeckt auch mit Haaren

(Der nachfolgende Text ist für alle missionarischen Vegetarier, welche allwochenendlich versuchen, Fleischfresser in ihr Bioholzboot zu holen. Fühlt euch bitte nicht an den Kopf gestoßen, sondern in den Po getreten. Ich finde Fleisch dufte, ihr findet Fleisch undufte; dabei sollte es belassen werden. Ich tendiere zu Frieden! Aber zuvor:)

Angebrannter Speck macht sich gewisse Eigenschaften der Luft zunutze und säuselt kitzelnd in meine Nase. Speck, der anbrennen darf; das ist mir nicht bis wenig, vielleicht sogar gar nicht oder wahrscheinlich sogar verdammt nochmal in keiner Weise sympathisch. Wer tötet da – bewusst oder unbewusst – ein totes Tier? Doppelmord! Ich plädiere auf schuldig. Das Leben eines rosa glänzenden Schweinchens zu töten ist die eine Seite, das Herumtrampeln auf der weiterhin lebendigen Seele des sich einst so quiekend im Matsch kuschelnden Schweinerückens die andere Seite der zweifelhaften Medaille! Unsichtbar baumelt sie den Fleischfressern auf dem Würstchenwanst herum. Aber Mord kann man riechen! Wir Weltretter ahnen derartige Vergehen nicht bloß, wir stellen fleischfaschistische Fakten fest und reagieren dementsprechend. Unsere Berufung sieht hierfür die Missionarsstellung vor. Die biologisch abbaubare Moralkeule muss den Mördern mit Karacho in den Arsch gerammt werden! Dem Einlauf folgt im Bestfall die Einsicht. Kritiker werfen uns Tierschmusern ja gerne vor, dass es doch viel schlimmere Probleme auf der Welt gäbe als Massentierhaltung und Huhnkopfabschlagerei. Ja, andere Missstände mag es zwar durchaus hier und da in manchen kurios klingenden Ländern geben, aber jetzt kommt das große ‚aber‘: ABER die Protestmenschen in Libyen sterben nur und werden danach eben nicht gegessen. Ein kleiner, feiner Unterschied. Deswegen müssen erstmal die Tiere gerettet werden, die Zweibeiner können sich hinten anstellen. Außerdem sind die Damen und Herren von der Kommune gegenüber für Menschenrechte, Sponti-Demos und bedürftige Schwarzmänner zuständig. Denen möchte ich ungern in die Suppe pinkeln.

Nur ein reines Herz schlägt gesund. Obst ist unser Gemüse und Freiheit vom Fleisch ist Freiheit vom massenmediengesteuerten Konsum, Freiheit vom Tiereaua, Freiheit von ungeilen Fettschwadern an Oberschenkel und Bauch. Jeder Biss in einen Hamburger muss ein Gewissensbiss sein! Fett sein hat schwere Folgen für die eigene Gesundheit und die der unfreiwillig sterbenden Tiere. Jeder, der einmal auf einem Bauernhof gewesen ist, wird bestätigen können, dass die Lebensqualität eines Kälbchens bei der Schlachtung rapide sinkt. Fleischverzicht aus Leidenschaft, weil Mettwurst kneten Leiden schafft! Tierabfälle gehören nicht kleingehäckselt in Menschenmagen, sondern ans Tier, bis Onkel Tod sein Zepter schwingt. Gerne wird Kasslerkonsum damit legitimiert, dass es einfach lecker schmeckt. Diese Menschen haben wohl noch nie gebackenes Rosinen-Lauch mit einer Priese Meersalz, köstlich abgerundet mit einem Glas Ziegenmilch, verzehrt. Ein gutes Gericht schmeichelt dem Gaumen auch ohne Fischstäbchenfische und Currywurstkühe. Das wusste schon Jesus, sonst hätte er Wasser in Wurstwasser verwandelt und seine rund zwölf Gäste beim letzten Abendmahl mit Gänsegulasch oder einer Grillparty überrascht. Hat er aber nicht. Es gab Wein und Brot. Das sollte unseren Verstand zum Arbeiten anregen.

Aber wo kommt nun der Speckgeruch her? Liebevoll platziere ich meine Füße in die dafür vorgesehenen Fußmulden meiner Birkenstock-Sandalen und schlendere den Gang herunter zur Haustür 42. Ich klopfe höflich. Die nicht abgeschlossene Tür öffnet sich. Überrascht stelle ich fest, dass mein veganer Kommunenkollege Dirk an der Tür steht.
„Was machst du denn hier? Speck? Spinnst du?“
„Jo, fettes Sorry, bin jetzt zu den politischen Spontis rübergewechselt. Die sehen das mit dem Fleisch hier nicht so eng, aber morgen gehen wir auf die Straße und demonstrieren für mehr soziale Gesetze und so was! Wusstest du beispielsweise, dass 100% aller Hartz 4-Empfänger sterben?!“

Beschissen einsam

Quelle: gmx.de

Ein bisschen Politik

Heinzer for Bürgermeister! Now!

Top 5 der dümmsten Tweets von Dr. Kristina Schröder

Kabarettisten sagen, dass es gefährlich ist, wenn Politiker sagen, was sie wirklich denken. Ein besonderes Beispiel für diese These ist Dr. Kristina Schröder – Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ihr oft Dummes und selten Schlaues Interview im heutigen SPIEGEL (und auch das hier) hat mich dazu bewegt, mir mal anzusehen, was die bürgernahe Sympathieträgerin im Netz so an Stuss verteilt. Ich wurde fündig. Zum Beispiel voll cool jugendlich und modern bei Twitter. Hier meine persönliche Top 5 ihrer Tweets.

Aber: Eine Familie in Hartz IV, 2 Kinder, erhält inkl. Elterngeld 1885 € vom Staat. Netto! Ist das gerecht gegenüber denen, die wirklich arbeiten?
6:11 PM Jun 7th via Twitter for BlackBerry®

Sie erhält als Ministerin 12.860€ vom Staat. Netto! Pro Monat! Plus Nebenverdienste! Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?

Fahre gerade von „Hart aber fair“ nach Hause. Meine Eltern sind zufrieden, dann ist ja alles gut :-)!
7:30 PM Nov 3rd via Twitter for BlackBerry®

Fanden andere jetzt nicht so :-)!

Komme gerade von der Eröffnung der „Respect-Gaymes“, bei der Heterosexuelle gegen Homosexuelle Fussball spielen.
7:53 AM Jun 5th via Twitter for BlackBerry®

Jetzt dürfen nur nicht die schwulen Mannschaften auf den letzten Plätzen landen, schliesslich sollen ja Vorurteile widerlegt werden ;-).
7:54 AM Jun 5th via Twitter for BlackBerry®

Freiwillig komisch oder unfreiwillig dumm ;-)?

Heute morgen bei der Kika-Sommertour in Wiesbaden durfte ich mit meinen (früheren) Idolen Ernie und Bert auf der Bühne stehen!
6:16 PM Aug 22nd via Twitter for BlackBerry®

Das hat Bert nicht verdient! Ernie vielleicht, aber hmm, nein, auch er nicht. Wozu eigentlich die Klammern?

Wurde heute bei einem Termin in Rosenheim in Bayern von Redakteuren von „Extra 3″, meiner Lieblings-Satiresendung, erwischt.
Donnerstag, 29. Juli 2010 20:59:41 via Twitter for BlackBerry®

Ich hoffe, ich konnte mich einigermassen wacker schlagen…
Donnerstag, 29. Juli 2010 21:00:08 via Twitter for BlackBerry®

Naja.

Aber schon irgendwie süß, die Kristina. Mal sehen, was aus ihr wird, wenn sie groß geworden ist.

Kurswechsel bei den Linken

[gefunden von Annika]

Der tanzende erhobene Zeigefinger

Was ihr nun seht, liebe Freunde, ist ein Video eines Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz. Er tanzt mit seinen Enkeln und Urenkeln zu „I Will Survive“. Ich verneige mich, ziehe meinen Hut und sende Applaus. Das hier ist nicht makaber und erst recht nicht falsch; im Gegenteil: es läuft mit offenen Armen auf einen zu.

Hurra! Hurra! Der nicht.

[Bildquelle: Spiegel.de]

(Und es sei mir noch erlaubt, anzumerken, dass die LINKE mit ihrer Enthaltungswelle im dritten Wahlgang eindeutig gezeigt hat, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis sie eine wählbare politische Alternative sind. Die SED-Labereien bekommen jetzt hektargroßen Nährboden, wie doof kann die LINKE eigentlich sein. Bäh. Ich hätte übrigens Gauck gewählt. Wenigstens hatte Martina Gedeck ihren Spaß.)

Hehehehehehehehe, ätsch!

„1000 Wege zum Faschismus“

Am gestrigen Abend gastierten Guido Westerwelle, Andreas Pinkwart und unbedeutende FDP-Regionalpolitiker im Krefelder Seidenweberhaus. In der Innenstadt hängen daher seit Wochen gelb-blaue Plakate, die die Bevölkerung zu dieser Veranstaltung einluden – auch die Regionalpresse verbreitete, dass diese Wahlkampfveranstaltung „öffentlich“ und „kostenlos“ sei. Natürlich wollte auch ich in die neoliberale Hölle besuchen – jeder weiß, dass ich eine Schwäche für Spaßparteien und Realsatire habe. Ich habe mir sogar Edding, titanic und Mohnbrötchen (lecker!) mitgenommen. Doch nö.

Eine halbe Stunde vor Beginn spazierten wir (G., L. und ich) über den Theaterplatz vor dem Seidenweberhaus. Zahlreiche Polizisten mit ganz vielen schicken Sternen auf der Jacke, ein Informationsstand der Deutschen Kommunistischen Partei und ein paar Demonstranten in „spätrömisch-dekadenter“ Bekleidung (Toga, Lorbeerkranz). Ich ging in Richtung Eingang und hatte natürlich keine Zweifel daran, dass mir der Eintritt verwehrt werden würde. Ich sagte „Hallo!“ und der Türsteher „Nein, kein Einlass“. Ich begann eine Diskussion darüber, wieso ich ohne Nennung von Gründen von einer öffentlichen Veranstaltung ausgesperrt würde, da spazierten nach und nach auch immer wieder Leute in den Saal. Hier selektierte die Security sehr grob: alte Leute wurden einfach durchgewunken und Leute, die jünger waren als siebzig, die mussten wenigstens noch ihren FDP-Mitgliedsausweis parat haben. Der Großteil der „Ausgeschlossenen“ war entweder jugendlich (Jung- und Erstwähler!) oder nicht im Anzug. Später bekam ich zu hören, dass der Saal nun voll sei und nur noch FDP-Mitglieder hineingelassen würden.

Ich kann nachvollziehen, wenn sich der Veranstalter Gedanken darüber macht, dass niemand randaliert oder die Sicherheit des ja doch nicht so unwichtigen Guido Westerwelle gefährdet. Doch darum ging es gestern nicht.

So wendete ich mich an die Polizei. Die sprach davon, dass die FDP nur von ihrem Hausrecht Gebrauch mache, der Securitydienst nur seinen strengen Anweisungen folge und man hier machtlos sei. Ein Polizist gab an, dass er diese Selektion ebenfalls als „extrem falsch“ ansehe, aber er könne eben wie seine Kollegen nichts dagegen tun.

Also wendete ich mich an die Presse. Drei Männlein mit gelb-blauen Presseschildchen erzählten mir, sie seien vom WDR und es wäre ihre Aufgabe, ein paar schöne Jubelbilder von Guidos Rede für die Wahlsondersendung am Sonntag zu drehen. Als ich erwähnte, dass man ja auch über die diffamierende Selektion der Anwesenden berichten könne, fügte er hinzu: es sei heute die einzige Aufgabe, ein paar schöne Jubelbilder zu drehen. Mit meiner Geschichte solle ich doch zu den Printmedien gehen, der WDR sei für sowas nicht zuständig. Öffentlich-rechtliches Fernsehen 2010. Was war eigentlich nochmal Journalismus?

Nur wenige der Leute, die abgewiesen worden sind, blieben auf dem Gelände – es war wie Freitagabend vor der Disco. Du kommst rein, du nicht. Du trägst Sandalen, Tschüss. Bei einer öffentlichen Wahlkampfveranstaltung. Um uns herum standen Mitglieder der NRW-LINKEN und die konnten uns berichten, dass sie selbst vor einiger Zeit NPD-Mitglieder den Eintritt zu einer linken Veranstaltung gewähren mussten, das sei gesetzlich so. Einer sagte, er werde den Securitydienst verklagen. G. sagte, er fühle sich nun wie ein Hund. Ich sagte, man müsse nicht die Veranstaltung vor mir schützen, sondern mich vor dem Grundgesetz. Und einer schrieb mit Kreide „1000 Wege zum Faschismus“ auf den Boden.

Was ich gestern erlebt habe, hat mein Demokratieverständnis und Freiheitsdenken zutiefst eingeschränkt. Ich dachte wirklich, ich hätte das Recht, mir anzuhören, was ein paar Politiker zu sagen haben, doch nun habe ich erlebt, wie manchen Leuten der Zugang wegen Äußerlichkeiten verwehrt wurde. Es wurden bewusst nur die Leute hineingelassen, die das abfeiern würden, was die FDP-Wichtigmänner zu sagen hatten. Wen haben die Worte von Westerwelle und Pinkwart erreicht? Hauptsächlich alte Leute und FDP-Mitglieder. Hatten diese Leute es nötig, sich anhören zu müssen, was sie längst wissen? Oder hätte man besser Leute hineingelassen, die das Gesagte noch nicht kennen oder möglicherweise auch noch kritisch hinterfragen würden? Ach, was rege ich mich eigentlich darüber auf. Alle sind sie zufrieden mit dem gestrigen Abend. Westerwelle und Co. haben nur Leute getroffen, die mit ihnen kuscheln wollten, das Publikum durfte „ihren Guido“ sehen und die Presse, nun ja:

RP-Online

(RP-Online hat die Überschrift inzwischen geändert.)

Bisher mochte ich die FDP einfach nur nicht. Nun habe ich endlich einen Grund, sie zu hassen.

Knallhart nachgefragt #4

hallo fdp

mein politiklerer herr schaulke hat gesagt die fdp ist so ein bischen rechts also so ehnlich wie die partei vom hitler aber wieso ist dann der westerwele schwul ich versteh das nicht ,die nazis waren doch gegen schwule bitte mal erklären danke

jahun

ps macht mal hertz 4 mehr wir haben fiel zu wenig geld ok

Es hat ein wenig gedauert, aber die FDP wollte mir doch noch antworten:

Sehr geehrter Herr Esflor,

vielen Dank für ihre Nachricht vom 20. Februar 2010. Wegen der Fülle der Nachrichten war es uns leider nicht eher möglich Ihnen zu antworten. Wir bitten Sie, dies zu entschuldigen.

In diesem Fall hat ihr Lehrer Herr Schaulke sie wohl verschaukelt. Die FDP als rechts einzuordnen ist falsch!

Die FDP steht in der Mitte der Gesellschaft. Sie steht gegen das Extreme, aber ist mehr als etwas zwischen links und rechts.
Es ist vor allem eine liberale Grundhaltung.
Für sie sind Leistungsbereitschaft, Fleiß und Aufstiegswille keine Fremdwörter. Ihr Denken in Generationen und sozialen Zusammenhängen, ihr Verantwortungsbewusstsein und ihr Fleiß, ihre Eigenverantwortung und der starke Leistungswille sind das Fundament unserer Gesellschaft.

Die FDP tritt mit aller Entschiedenheit für den Abbau von Diskriminierung und Intoleranz ein. Wir wollen Benachteiligungen beseitigen und die Rechte von Minderheiten stärken. Wir wollen die gleichen Rechte und auch die gleichen Chancen für alle Bürger, und das unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrer Religion oder Weltanschauung, ihrer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Identität.
Der Schutz vor Diskriminierung ist ein Menschenrecht und wesentliches Element einer offenen und demokratischen Gesellschaft. Gerade in der europäischen Wertegemeinschaft müssen Benachteiligungen beseitigt und die Rechte von Minderheiten gestärkt werden. Der Abbau von Diskriminierung lässt sich jedoch nicht per Gesetz verordnen.
Die FDP setzt daher auch beim Schutz vor Diskriminierung auf Eigenverantwortung anstatt auf staatliche Bevormundung und Bürokratie. Antidiskriminierung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir müssen eine Kultur des Miteinanders entwickeln, in der Diskriminierung und Vorurteile geächtet und Vielfalt und Unterschiedlichkeit nicht nur akzeptiert, sondern als Bereicherung empfunden werden.

Für weitere Fragen und Antworten stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Nicolas Leibold
FDP Mitmachzentrum
10117 Berlin
Tel: 030- 28 49 58 267
Fax: 030- 28 49 58 19
Freiheitskaempfer13@fdp.de

PS: Wir halten Wort. Für Freiheit in Verantwortung. Mehr dazu unter: www.fdp.de

So, mal wieder ein bisschen was mit Hitler schreiben. Weil bringt viele Besucher.

Das letzte Unterrichtsfragment im Geschichte-Leistungskurs war irgendwas mit Weimarer Republik. Unspannend. Aber juhu! Jetzt kommen die Nazis! Wenn vorsichtige Menschen heute über Hitler und seine bösen Onkel sprechen, dann fühlen sie sich innerlich dazu gezwungen, mindestens ein abwertendes Adjektiv oder besser noch: einen ablehnenden Nebensatz hinterher zu schmeißen. Damit auch ja niemand auch nur auf die Idee kommt, dass man Hitler nicht mindestens so scheiße findet wie den Nebenmann. (Äh, ich meinte natürlich wie sein Nebenmann.) Beispiel. „Schwanzlutscher, Juden und Behinderte wurden in Konzentrationslager gesteckt. Das mit den Juden hätte aber echt nicht sein müssen!“, oder „Yo, 1933 hat der Arschloch-Hitler mit seiner verfickten Scheiß-Partei NSDAP die Wahl gewonnen, voll uncool; ich hätte ja das gewählt, was Sie auch gewählt hätten, Herr Lehrer. Wie alt sind Sie eigentlich? Durften Sie 1933 schon wählen? Stimmt es eigentlich, dass in der Hitlerjugend untereinander Pornoheftchen aus besetzten Gebieten getauscht hat?“ oder natürlich den Klassiker „Obwohl er Autobahnen auf- und Arbeitslosigkeit abgebaut hat, war Hitler nicht so sympathisch wie Roland Koch, weil er Österreicher war“.

Witzig war auch, als im letzten Jahr zwei Leute im Deutschkurs nicht wussten, was der Holocaust war. Die meinten das ernst! Und man bedenke: ich wohne im Westen!

Ich weiß

Letzte Woche war ich noch „pro Klimawandel“, so scheißekalt war mein Schulweg und so abgefroren waren meine Zehen. Sollen die doch in Kopenhagen irgendwas oder nichts beschließen, mir doch total egal, ich weiß nur, dass meine Gliedmaßen erfrieren und ich das uncool finde. Dann wird es halt wärmer, wäre doch megageil, dann müssen wir auch nicht immer nach Mailand, Madrid oder Italien fliegen, wenn uns mal kalt ist. Was im Übrigen auch dufte für die hiesige Wirtschaft wäre, ihr Wirtschaftsmenschen da in der schwarz-gelben Regierung! Dann bleibt das deutsche Geld in Deutschland und die Deutschen trinken dann hier Deutsches Bier und nicht San Miguel oder so eine Plörre. Ha! Aber darum geht es hier ja jetzt eigentlich gar nicht, ich schweife ein wenig ab. Ursprünglich wollte ich erklären, wie ich jetzt doch einsichtig geworden bin und wieso ich den Klimawandel jetzt doch Moppelkotze finde. Es ist so; die weltweit wichtigste Frau in Sachen Umwelt hat sich gemeldet. Nicht erst heute, sondern schon vor ein paar Tagen, aber ich musste ihr gewaltiges Argument erstmal genießen und verdauen.

Ihr wisst sicher, von wem die Rede ist. Mutter Natur. Und ihr polarweißes Argument. SCHNEE!! Ich bin ja noch nicht so alt, aber scheinbar hatte ich vergessen, wie geil Schnee ist. Schnee!! Es macht allein schon Freude, dieses Wort überhaupt zu schreiben, daher nochmal. Schnee! Juchhee! Sicher, Schnee ist ein bisschen nervig, weil er ein uneingeladener Gast ist und so schnell nicht mehr freiwillig geht und Menschen hassen ja auch Veränderungen. Aber für mich hat sich Schnee jetzt schon total gelohnt. Sonntag beim Schneeschüppen erstmal geschmeidige zehn Euro kassiert. Dann habe ich noch den Nachbarskindern beim Schneeballschlachten zugeschaut (mich aber rausgehalten, stehe nicht so auf brutale Killerspiele) und dann hatte ich gestern Abend das neue Bedürfnis, mal über den Krefelder Weihnachtsmarkt zu schlendern. Habe mich also zu Fuß auf den Weg gemacht und auf den Linienbus geschissen, mit dem Bus fahren kann ich immer, ich will durch den Schnee laufen. Leider hatte der Weihnachtsmarkt mit meiner späten Weihnachtsstimmung nicht mehr gerechnet und hatte bereits geschlossen. Das war aber nicht so schlimm, denn zum Glück hat unsere semischöne Stadt vor ein paar Wochen so Informationscomputer in der Innenstadt aufgebaut und mit diesen Teilen kann man Fotos machen und per Mail rumschicken. Das hier bin ich, 21:51 Uhr in der Krefelder Innenstadt.

Ganz groß, ich weiß.

Die Schneeglückseligkeit hat aber auch bei meiner mitternächtlichen Rückkehr im warmen Zuhause weiter angehalten: da habe ich nämlich im Internet gelesen, dass den Schülern in NRW heute freigestellt ist, ob sie wegen des Schneewahnsinns zur Schule kommen wollen oder nicht. Bin zu Hause geblieben, habe aus dem Fenster geguckt und an meinem Kakao geschlürft. Warmer Kakao. Erste Sahne bei Schnee! Gibt also dieses Jahr auch noch weiße Weihnacht, ganz im Sinn von Bing Crosby! Und ich dachte immer, melancholisch würde man nur im Herbst.

Nein zum Rückblick!

Ich hasse Jahresrückblicke, ich hasse Jahrzehntrückblicke, ich hasse klugscheißende Kommentare über die wichtigsten Ereignisse in den letzten Jahren und Monaten, ich hasse Sachen „Revue passieren lassen“, ich hasse die Bilder des Jahres, ich hasse Günther Jauch in seiner komischen alljährlichen RTL-Show, ich hasse die fünfzig besten Alben des Jahres, ich hasse egale Statistiken über jeden Scheiß, ich hasse die zwölf wichtigsten Bücher des Jahrzehntes, ich hasse die lustigsten TV-Pannen in 2009, ich hasse die zehn größten Comebacks, ich hasse die hundertste Wiederholung der Rede Obamas und ich hasse das SPIEGEL-Sonderheft zu diesem Jahr, das übrigens ja auch noch einundzwanzig Tage alt ist, was für ein Scheiß.

Was alles so passiert ist? Weiß ich doch selber. Idioten!

Knallhart nachgefragt #2

Ich frage:

Hallo Doktor Sommer,
ich habe heute im Freibad ins Schwimmbecken gepinkelt.
Sind die weiblichen Badegäste nun schwanger?
Schöne Grüße,
Johannes (18) aus Krefeld

Der virtuelle Berater des deutschen Bundestags, der „Bundesadler“, antwortet:

Aaaaaarrrrrrrrrrrrrrrrrr!

Ob im Supermarkt, in der Schule oder im Privatfernsehen: es war heute das Thema und es wird auch das Thema in den sechs restlichen Stunden dieses Tages sein: die Bundes! Tags! Wahl! Angie hier, ab und zu Guttenberg dort. Und meine Großmutter, die in ihrem Leben schon die ein oder andere Wahl hinter sich gebracht hat, überraschte heute Morgen mit einem erstaunlichen und zugleich stolz vorgetragenem Geständnis. Sie hätte sich erinnert, was ich ihr von dieser komischen neuen Piraten-Partei erzählt hätte – und der schlaue Leser ahnt wahrscheinlich jetzt schon, wem meine nette Großmutter ihre (Zweit-)Stimme gegeben hat. Nein, nein, natürlich nicht dem schwulen (!) Guido Westerwelle von der FDP (!!!) (der übrigens supergut Englisch spricht!), sondern der coolen Piraten-Partei.

War mir ja schon immer klar, dass meine Oma heimlich online n00bs killt, illegal Mp3s runterlädt und „klar zum Ändern“ ist. Meine Omi! Muss man gut finden. Und, was haben eure Großeltern so gewählt? CDU? Die RENTNER-Partei? Wie öde!

Vier Jahre schwarz-gelb!

Nicht vergessen!

FDP-Wähler aufgepasst: Montag ist Bundestagswahl!

Hubertus Heil hat Pickel!

Harald Schmidt sagte mir gestern Abend, dass der Wahlkampf ja gar nicht so langweilig wäre wie immer alle behaupten würden. Getreu dem Motto, das Politik eben keine Unterhaltung sei. Der Harald ist ein lustiger alter Mann und auch schlau, er hat sicher recht. Aber weil ich auch mal ein lustiger alter Mann sein will, der schlau ist, bin ich heute Nachmittag zu einer Wahlkampfveranstaltung der kleinen Partei „SPD“ in der Krefelder Innenstadt gefahren. Ein prominenter Gast hatte sich angekündigt, nämlich der derzeit einzige (!) SPD-Generalsekretär der ganzen Welt (!!): Hubertus Heil! Sein Name, spätestens bekannt aus dem Geschichtsunterricht. Aber ich verbiete mir an dieser Stelle natürlich blöde Wortspiele über seinen Namen, denn Witze über Namen macht man als Bildungsbürger nicht. Einwürfe wie „unser Heiland!“ wären schließlich nicht mein Niveau. Harald Schmidt macht auch keine Witze über Namen, nur manchmal vielleicht. Mal sehen ob ich es in den nächsten zwei Abschnitten schaffe, weniger als null Witze über Heils Namen zu machen. Ich fürchte nein.

Bevor der große Polit-Superstar die kleine Bühne betreten durftesolltemusstekonnte, unterhielt ein Bauchredner die geschätzt hundert Schaulustigen. Zumindest versuchte er das mit dem Unterhalten. Witze aus dem Witzebuch, ich konnte mich kaum halten vor Fremdscham. Leider wollte Herr Heil mich scheinbar ärgern und verspätete sich ein paar quälende Minuten. Und was ist langweiliger als ein Bauchredner mit Witzebuchwitzen? Ein Bauchredner ohne Witzebuchwitze, der improvisieren muss. Weder die nette Omi neben mir ,noch die tapferen jungen Sozialdemokraten schmunzelten, der Bauchredner tat mir leid, wurde aber bald erlöst. Heil kam heil, aber zu spät mit seinem Heil-Mobil in Krefeld an. Ein Helikopter wäre viel lustiger gewesen, den hätte man „Heilkopter“ nennen können, aber mich fragt ja keiner. Heil selbst hatte in seinem roten Auto aber gleich noch zwei Krefelder Bundestagsabgeordnete mitgeschleppt, leider machte er bei deren Vorstellung einen der beiden vom Siegmund zum Siegfried, aber das ist ja im Grunde auch egal und ist außer mir sicher auch keinem aufgefallen. Dem Siegmund vielleicht noch, aber nun gut.

Viel wichtiger ist ja auch, was Heil so zur Politik zu sagen hatte. Mindestlohn, braune Brüder im Bundestag verhindern, wählen gehen, Arbeit muss sich lohnen, Ullas Auto, Westerwelle ist böse, Steinmeier wird Kanzler, blablabla, war superspannend und informativ und so. Immerhin sagte er sich vehement von einer rot-rot-grünen Koalition los, er hofft also ernsthaft noch an einen Wahlsieg für rot-grün, hahaha. Weniger amüsiert war ein scheinbar betrunkener Demokrat, der sich beschwerte, dass er arbeitslos sei. Heil regierte souverän, hatte aber keinen Arbeitsplatz für den armen Menschen mit und konnte ihm auch kein Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit im Gepäck. Vielleicht ja nach der Wahl! Nach rund dreißig Minuten war Heil mit Wahlkämpfen fertig und ich applaudierte artig. Kann mir ja sowieso alles scheißegal sein, ich habe ja erst eine Woche nach der Wahl meinen 18. Geburtstag, super. Der nette Hubertus kann dafür aber natürlich nichts und so ließ ich mir von ihm auch noch seinen Namen auf ein Foto von ihm schreiben. Ich wünschte ihm viel Glück, er lächelte gequält und da vielen mir die Pickelchen in seinem Gesicht auf. Die sieht man auf den Plakaten und Propagandaheftchen ja gar nicht! Aber so ist Politik wohl: wenn man genau hinsieht, ist alles immer ein kleines bisschen anders als gedacht. Wieder was gelernt.

Kostenloses vulkanisiertes Kautschuk

Vor einer Woche, beim Landesparteitag der PARTEI, erzählte ein Genosse, dass anlässlich der Kommunalwahl in seinem Örtchen von der FDP gelbe Kondome verteilt worden sind. Mit Bananengeschmack. Soweit, so lustig. Aber gestern Abend bei der „Tönisvorster Rocknacht“ habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht: da lagen, verkleidet als Streichholzdings, rote Kondome von den Jungen Sozialen herum. Da stellen sich mir ein paar Fragen.

a) Wieso wollen die Parteien, das beim Geschlechtsakt keine Kinder produziert werden, wo die doch prima zum Rentesichern geeignet wären?
b) Kommt es vor, dass man abgewiesen wird, wenn man nicht das politisch passende Kondom parat hat? „Iiiih, ein FDP-Kondom, du scheiß Kapitalist, bäh!“ oder so?
c) Gibt es NPD-Kondome? Mit Kümmelgeschmack etwa?

Fragen, die Frau Merkel und Herr Steinmeier heute Abend beim großen TV-Duell sicher nicht beantworten werden. Oder vielleicht doch. Mal sehen.

Der Pixi-Buch-Skandal

Ich weiß schon wieder nicht, ob ich lachen, weinen oder sehr laut lachen soll über das, was man im folgenden Video in fast vier Minuten zu hören bekommt. Aber ich fürchte, dass das wirklich nicht mehr lustig ist. Traurig vielmehr. Deswegen schreibe ich jetzt, was ich noch nie geschrieben habe: armes Deutschland!

Übrigens kommen auch keine nackten Menschen im besagten Pixi-Buch vor. Auch FKK-Freunde sind Menschen! Und es heißt im Büchlein niemand „Johannes“ und kein Abgebildeter trägt ein Ed Hardy-Shirt, obwohl das doch so viele coole Kids heute tun! Wenn das die LINKEn herausfinden!

Erst Wähler, dann Helfer

Heute war hier bei uns Kommunalwahl in Krefeld und weil ich das „Erfrischungsgeld“ für das ehrenamtliche Amt des Wahlhelfers gut gebrauchen kann, habe ich mich heute Morgen um halb sieben aus dem Bett gequält. Natürlich dann auch pünktlich wenige Sekunden nach Öffnung des Wahlbüros meine ersten, meine allerersten Kreuzchen auf einem Wahlzettel gemacht. Wow. Aufregend! Zwei davon bei der PARTEI, den dritten bei der Wahl des Oberbürgermeisters woanders. Vorhin wurde dann 1 1/2 Stunden ausgezählt, eine Scheißarbeit. 621 Leute haben hier gewählt, sind nicht mal die Hälfte der Wahlberechtigten, wie es auch für Gesamt-Krefeld zutrifft. Eine Witzfigur hat bei uns „Horst Schlemmer“ auf seine Wahlzettel geschrieben und dann ja auch noch falsch (Schlemmer statt Schlämmer). Und die PARTEI kam bei uns im Wahllokal auf sagenhafte drei Stimmen (insgesamt 0,6% [Stadtrat] bzw. 0,7% [Bezirksvertretung]) und einer meiner wahlhelfenden Kollegen meinte beim Erblicken einer solchen Stimme: „Haha, die PARTEI, was es alles für eine Scheiße gibt“. Ja, stimmt. Und der amtierende Oberbürgermeister Gregor Kathstede (CDU) wurde knapp in seinem Amt bestätigt. Weiß nicht so recht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern soll, weil auch der viel Driet gemacht hat. Habe übrigens den Grünen-Kandidaten gewählt, weil er das beste Programm hatte.

Allerdings ist dem alten und neuen OB wohl nicht ganz bewusst, welche große politische Zukunft die PARTEI hat. Gestern bei der Gegen-Rechts-Veranstaltung „Fest ohne Grenzen“ musste ich ihm erklären, wofür die PARTEI in Krefeld steht. Wusste er nicht. Werden wir unterschätzt? Immerhin konnte er sich darüber freuen, dass es hier noch junge, politisch engagierte Jugendliche gibt. Dass er einen Tag zuvor von mir und einem weiteren „Genossen“ bei einem Termin in unserer Schule mit SPD-Fähnchen empfangen worden ist, ist ihm auch „nachhaltig in Erinnerung geblieben“. Ich bin aber auch ein Schelm: SPD-Fähnchen wedeln, PARTEI sowie Grüne wählen und mich dann ein kleines bisschen freuen, dass es der SPD-Kandidat nicht geschafft hat. Wieso? Weil auch ihn gestern ebenfalls getroffen habe und mir zutiefst unfreundlich und unsympathisch gegenüber trat. Wer nur meine Stimme und nicht meine Meinung will, bekommt auch nicht meine Stimme. Arschloch. Dann halt den alten und neuen OB, vielleicht das kleinere große Übel. Mal abwarten. Aber ganz schön spannend, so ein Wahltag. Politik is voll geil, Alta! Nix Politikverdrossenheit, zumindest bei mir.

Gummibären, sie sind für dich da wenn du sie brauchst!

Vorhin war ein netter kleiner SPD-Wahlkampfstand bei uns in der Innenstadt und wahrscheinlich steht er dort auch immer noch. Ich kann jedem nur empfehlen, dort einmal kurz vorbeizuschauen, denn es gibt ganz viel feine kostenlose Propaganda für das Wahlvolk! Im hübsch bunten Wahlprogramm steht, dass jedes Kind eine kostenlose Mahlzeit erhalten solle. Und: die habe ich jetzt schon, neun Tage vor der Kommunalwahl, erhalten! Ein kleines sozialdemokratisches Tütchen Gummibärchen. Fünf dunkelrote, fast schon schwarze Kirschbärchen, drei rote Erdbeerchen (haha, Wortspiel!) und zwei gelbe Zitronenbärchen. Grüne Bärchen gab es nicht. Trotzdem superlecker, danke liebe SPD! Auch ziemlich dufte sind SPD-Papierfähnchen, SPD-Kugelschreiber, SPD-Wahlgruß auf Türkisch („Yeni bir Krefeld için 15 hedef!“) und Nachfrage einer ranghohen Krefelder SPD-Politikerin, ob ich denn Mitglied bei der „Jungen Union“ sei, was ich natürlich Gottseidank verneinen konnte. Ich bin schließlich nicht so doof wie ich scheinbar aussehe, hm!

Ich erzählte ein wenig stolz, dass der Krefelder Oberbürgermeisterkandidat Ulrich „Uli“ Hahnen für mich ja bei der kommenden Kommunalwahl das kleinste Übel und wohl so auch meine Stimme erhalten würde. Aber als ich dann nebenher noch erwähnte, dass ich einer namentlich von mir nicht genanten, anderen Partei (Die PARTEI), die keinen Oberbürgermeisterkandidaten stellt, mein Vertrauen geschenkt bekommen hat, musste ich leider vergeblich auf die Frage warten, welche es denn wäre. Ich glaube, sie denkt nun, ich sei ein Nazi. Weiß noch nicht so recht, ob ich das lustig finden soll oder nicht, auf jeden Fall wurde ich dann postwendend einigermaßen freundlich vom Stand verwiesen, weil ich auch frech nachgefragt habe, ob man denn glaube, wenigstens auf kommunaler Ebene viert-stärkste politische Kraft hinter CDU, FDP und Grüne zu werden.

Und wenn ich mir vor Augen halte, wie fies ich der einzigen Volkspartei, die ich einigermaßen okay finde, gegenüber eingestellt bin, freue ich mich, dass ich wenigstens diesen einen Trend meiner Generation nicht verpasst habe: Politikverdrossenheit.

Sonneborn schlägt Schlämmer

13. August des Jahres 1961. Der erste Tag der Berliner Mauer. Ein historisches Ereignis der deutschen Geschichte. 13. August des Jahres 2009. Der Propaganda-Film der PARTEI kommt in die Kinos. Ein weiteres großes historisches Faktum. An besagtem Tage sitzen nun viele viele PARTEI-Freunde in einem kleinen Düsseldorfer Lichtspielhaus und bejubeln das Machwerk mit stehenden Ovationen, einem tosenden Applaus und glücklichen Gesichtern. Was war geschehen? Eine kleine Filmkritik.

Die PARTEIWeil das eben so ist mussten die tapferen Kinogänger zunächst ein bisschen Werbung für qualitativ schwächere Filmchen ertragen. Der vorletzte Spot zeigt einen Herren, der sich Horst Schlämmer nennt. Seine Witze zünden nicht, das Publikum wartet auf richtige Politiker. Dann beginnt der Hauptfilm. Martin Sonneborn, Bundesvorsitzender der PARTEI, ist zu sehen und philosophiert. Die Menge tobt und lacht. Sonneborn 1, Schlämmer 0. Wir befinden uns nun zu Filmbeginn aber im Jahre 2013 und Sonneborn ist mit der PARTEI an die Macht gekommen – ein schönes, aber ja leider unrealistisches Szenario. Egal, im Film geht alles. Erst recht im eigenen Film, der aufgebaut ist wie eine „richtige“ Dokumentation (beispielsweise von Guido Knopp). Fast alle Aktionen der PARTEI seit der Gründung (2004) wurden mit der Kamera begleitet: die PARTEI-Tage, der außenpolitische Besuch in Georgien, der (heimlich und aus Versehen gefilmte) Besuch beim Wahlleiter (aber 2005, nicht 2009), das Kanzlerkandidatin-Casting, das Sat1-Frühstücksfernsehen und und und. Allerdings nicht chronologisch, sondern völlig durcheinander, aber das ist ok so.

Achso, ja, auch „meine“ Stadt Krefeld ist dabei. Und vielleicht erinnern sich die älteren Leser daran, dass ich hier davon erzählt habe, wie das Film-Team bei uns herumgelaufen ist und Szenen für den Film gedreht hat. Und: oh mein Gott, ich bin im Film! Wenn ihr euch den Streifen also anseht, achtet mal auf den erschreckend gut aussehenden jungen Herren in Krefeld, der erst ein Sonneborn-Poster (das nun in meinem Zimmer hängt) irgendwo platziert, dann ab und zu durchs Bild läuft und letztlich sogar äußert telegen Suppe löffelt. Ganz großes Kino! Der eigentliche „Star“ des Films ist aber natürlich Herr Sonneborn und das ist ein kleines Problem. Denn manchmal hatte ich das Gefühl, dass der Film eine kleine Sonneborn-Show ist, so oft ist er im Bild und hat was zu sagen. Nur eine einzige Szene (Wahlkampf in Hamburg) kommt ohne ihn aus. Sicher, er ist sehr wichtig und gut, aber nun ja. Aufgefallen sind mir auch ein paar Längen zum Ende des Films mit Überflüssigem (PARTEI-Rap, bisschen doof) und längst Bekanntem, was man aber dem Film eher weniger vorwerfen kann, denn er soll ja auch neue PARTEI-Freunde anlocken und das wird er sicher schaffen.

Um zu einem Fazit zu kommen: der PARTEI-Film ist ziemlich (aber nicht sehr) gut. Einer der komischsten mir bekannten deutschen Filme und Satire auf hohem Niveau. Wenn Sonneborn auf echte Bundestagsabgeordnete trifft, diese interviewt und sich von ihnen ihre (also seine baldigen) Arbeitsräume zeigen lässt, dann ist das sehr lustig. Übrigens, Gott Helge Schneider kommt auch als zufällig getroffener C&A-Kunde vor. Und was kann man schon gegen einen Film sagen, in dem Helge UND ich zu sehen sind? Eben. Nichts. Toller Film. Ihr müsst ihn euch alle ansehen. Fick dich, Horst Schlämmer! Gruß, euer PARTEI-Mitglied Nummer 6269.

(mehr Informationen zum PARTEI-Film gibt es hier.)

„Die PARTEI“ ist keine Partei mehr

Martin Sonneborn - Foto: dpaEin rabenschwarzer Tag für die gute alte Demokratie! Die Partei „Die PARTEI“ konnte auch mit ihrem Einspruch gegen die Entscheidung des Wahlleiters vom 17.07.09, die PARTEI nicht zur kommenden Bundestagswahl zuzulassen, keinen Erfolg erzielen: ihr Antrag wurde abgelehnt. Schöne Scheiße! Nachzulesen ist das alles hier und hier und hier und angucken kann man sich es hier, da brauche ich sicher nicht noch alles mit eigenen Worten ausführen. Dabei hatten Martin Sonneborn und seine basisdemokratischen Freunde noch vorgestern ihre Ernsthaftigkeit damit unterstrichen, dass sie bei der Pressekonferenz der albernen Spaßpartei von Horst Schlämmer (wir erinnern uns) vorbeischauten. Ich bin schockiert! Zum Glück bin ich da nicht allein und man wird seitens der PARTEI noch weitere rechtliche Schritte (Bundesverfassungsgericht, Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte) einreichen, damit man doch noch irgendwie zur Wahl gelassen werden kann (oder wenigstens weiter ein bisschen Aufmerksamkeit für den sehr sehr guten PARTEI-Film erregt wird).

Übrigens wurde der PARTEI damit auch die „Partei-Eigenschaft“ abgesprochen. Trotz rund 6500 Mitgliedern, neun Landesverbänden, vier Wahlteilnahmen auf Landes- und Bundesebene und der hübschsten Kanzlerkandidatin seit immer. Mist.

Warurm die Pietät manchmal gepflegt die Fresse halten soll

Aufregen über jeden inkorrekten Pups? Worüber darf man sich lustig machen? Wo ist die Grenze? Gibt es überhaupt eine? Wohin führt bedingungslose politische Korrektheit? Was sagt es über uns als Menschen aus, wenn wir über den frauenfeindlichen Mario Barth lachen, aber gleichzeitig die Nase rümpfen, wenn Jürgen Klinsmann von der „taz“ verballhornt wird? Hatte Mohammed Ahnung von Fußball? Ein kleiner Versuch, Antworten zu finden.

Kurt Tucholsky hat einmal gesagt, dass Satire alles dürfe. Menschen, die sich auch nur ansatzweise mit diesem Thema beschäftigen, werden sehr oft auf dieses Zitat gestoßen sein und auch weil es hier einen sehr sehr guten Text zu diesem Thema gibt, möchte ich bis auf eine kurze Zustimmung gar nicht weiter auf das Oberthema Satire eingehen. Viel mehr fällt es mir derzeit zum wiederholten Male auf, dass vielerorts Menschen (künstliche?) Aufregung an den Tag legen. Was gegen den Strich geht, sorgt dafür, dass sich mindestens ein Kleingeist dazu aufrappelt, den Zeigefinger zu heben und böse Beschwerden durch die Straßen zu jagen. Aktuelles und passendes Beispiel sicher die Diskussion um das Schalker Vereinslied „Blau und Weiss“ und die Textzeile, die davon handelt, dass Prophet Mohammed von Fußball spielen zwar nichts verstehe, aber sich aus all der Farbenpracht das Blau und Weisse ausgedacht hätte (Text hier).

Unsicher, von wann der Text des Liedes stammt. Das „100 Jahre Schalke 04″-Buch erzählt, der Ursprungs-Text wäre „in der kölschen Kneipe“ im Jahre 1924 geschrieben, aber im Jahr 1963 leicht verändert worden. Sicher ist also, dass der Protest einiger (weniger) Muslime im Jahre 2009 reichlich spät kommt. Wieso kommt er denn überhaupt? „Ist die Schalker Hymne islamfeindlich?“ fragt das Fußballkultur-Magazin „11Freunde“ zum Beispiel heute. Als Mensch mit gesundem Menschenverstand kann man darüber eigentlich nur schmunzelnd den Kopf schütteln, doch die Ernsthaftigkeit, mit der über dieses Sommerloch-Thema angegangen wird, zeigt, in was für einer komischen Gesellschaft wir so leben. Überall vermutet man das Böse und sei es nur in einem 46 Jahre altem Fußballlied. Auch die ganzen gängigen Klischees sorgen dafür, dass Glatzköpfe (rechts), Jugendliche (asoziale Dauersäufer) und Fußballfans (rechte, asoziale und grölende Dauersäufer) sich ständig rechtfertigen müssen.

Auf der einen Seite also diejenigen, die Menschen grundsätzlich mit negativen Vorurteilen begegnen und auf der anderen Seite die „Gutmenschen“, die grundsätzlich alles und jeden tolerieren, aber auf gar keine Fälle die unsichtbare Grenze des guten Geschmacks übertreten wollen? Diese politische Korrektheit ist ein starkes Argument, man will ja niemandem was Böses und so, ganz egal, ob es um Religion, Politik oder sonst was geht. Der Respekt und die Menschenwürde des Einzelnen in allen Ehren, aber wenn es jedes Mal eine öffentliche Diskussion gibt, wenn Satire oder politische Inkorrektheit auf eine breite Masse treffen, dann verlernt der Mensch eine seiner wichtigsten Eigenschaften: über sich selbst lachen zu können. Und dann werden wir uns irgendwann alle hassen, die Köpfe einschlagen und das alles nur, weil Weltbild und Selbstverständnis nicht zusammenpassen. Prost Mahlzeit.

Sozialsatirische Partei Deutschlands

Oh nein, peinlich. Gestern Abend gab ich noch zu, dass wenn ich mich für eine der großen Volksparteien entscheiden müsste, meine Wahl auf (oje!) die SPD fallen würde. Bin eben doch tief in mir drin ein Sozi, so eine Scheiße. Und vor allem eben peinlich. Die SPD! SPD!! Peinlich nicht nur wegen Ulla Schmidt. Das wäre noch gerade so zu verkraften gewesen, weil noch irgendwo lustig und vielleicht auch ein klein wenig menschlich, wenn auch doof. Aber jetzt haben sich Frank-Walter Steinmeier und seine Genossen was wirklich Tolles überlegt, womit sie jetzt doch versuchen wollen, das offizielle Wahlziel (5%-Hürde schaffen + x! Glaube ich?) noch zu erreichen. Nämlich: Luftschlösser bauen.

Vier (4!) Millionen neue Arbeitsplätze verspricht crazy Franky den Wählern in seinem coolen „Deutschland-Plan“. Noch lustiger: bis 2020 soll die Vollbeschäftigung erreicht werden! Hahahaha! Die meinen das ernst! Hohoho! Und die will ich vielleicht irgendwann mal wählen?! Dann doch lieber nur darüber lachen.

Schlimmer Schlämmer

Hans-Peter Kerkeling ist voll okay. Sein Film „Kein Pardon“ (1993) ist wirklich sehr lustig und „Witzigkeit kennt keine Grenzen“ singe ich manchmal auch unangekündigt noch einfach so vor mich hin, weil gut. Die TV-Sendung „Darüber lacht die Welt“ habe ich auch noch in guter Erinnerung, obwohl ich damals ein sehr kleiner Popanz gewesen bin. Und „Hurz!“ ist sowieso gut. Aber dann. Seine Moderation zu „Let’s Dance“ verzeihe ich ihm noch, seinen Literatur-Ausflug („Ich bin dann mal weg“) kann ich nicht beurteilen, weil nicht gelesen. Aber. Aber, aber, aber! Wie nervig ist bitte seine Figur „Horst Schlämmer“? Ihr wisst schon, der kauzige Typ aus Grevenbroich mit Schnurrbart, Sprachfehler und altmodischer Brille. Hahaha. Für exakt zwei Sekunden war es humorig, dann anstrengend. Vielleicht gehöre ich zu einer kleinen Minderheit mit dieser Meinung, aber ich muss das jetzt mal rauslassen, dass ich den nicht ab kann. Und jetzt muss Kerkeling auch noch sowas wie Satire mit dem Typen betreiben. Denn Schlämmer ist jetzt Politiker, will Bundeskanzler werden und mit seiner Partei „HSP“ (Horst-Schlämmer-Partei, hahaha.) und lustigem Obama-Spökes („Yes Weekend!“) den Wahlsieg holen. Oh mein Gott.

Horst SchlämmerEr tritt glücklicherweise nicht wirklich zur Wahl an, sondern bewirbt damit nur den Film „Isch kandidiere“, der Wahlkampftour und Prominenten-Interviews dokumentiert und zeigen wird, wie sehr viele Menschen sehr laut in die Kamera lachen werden, wenn Schlämmerkerkeling erzählt, dass er Rücken hat und Ahnung sowieso. Unheimlich platt, schon etwa sieben Mal gesehen und natürlich auf die „breite Masse zugeschnitten. Dabei allerdings nicht so eindrucksvoll und gekonnt wie beispielsweise Sacha Baron Cohen („Borat“, „Brüno“), denn bei Schlämmer weiß schließlich jeder, wie unernst die Situation ist, wodurch die entlarvende Komponente, die für Realsatire (gerade im Kinoformat) ungemein nötig gewesen wäre, natürlich komplett wegfällt. Und voll cool und jugendlich ist sich auch der intellektuelle Rapper Bushido nicht zu schade, einen kleinen Rap für die dufte HSP aufzunehmen. Ist mir persönlich zu offensichtlich, zu viel Comedy, zu wenig Satire. Wird aber garantiert ein Kino-Hit und irgendwo ist es zugegeben nicht ganz verkehrt, auf diesem Wege die Leute irgendwie entfernt für Politik zu begeistern. Aber nicht mein Fall. (Und dass Hape BILD.de als Ort für seine Propaganda nutzt, ist als Randnotiz auch nicht wirklich sympatisch.)

Zum Glück gibt es Alternativen. Denn der Film der besten Partei, der PARTEI, kommt bereits eine Woche vor Horst Schlämmers Werk in ausgewählte Spitzen-Kinosäle. Mit lustigen Ossi-Witzen, echter Georgien-Außenpolitik und mir in einer kleinen Statisten-Nebenrolle (wirklich!). Und doofe Nuschel-Sprache wie bei der HSP gibt es da auch nicht so viel. Weißte Bescheid! Und Hape, mach bitte wieder irgendwas, was du auch kannst. Und lass das mit dem Schlämmer. Wirklisch.
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Twitter rettet die Welt

Ich bin ja kein Freund von Twitter, aber wofür die kleine Profilierungs-Maschine in den letzten Tagen so alles genutzt wurde, stark! Menschen kämpfen verzweifelt um die Aufmerksamkeit der gesamten Welt, die gute Sache und natürlich letztlich auch noch für sich selbst. Also, mach weiter so, tapfere Lindsay Lohan! Nur Mut, Demi Moore! (Auch wenn ich keinen deiner Filme je gesehen habe.) Ihr kleinen semi-talentierten, oppositionellen Hollywood-Gestalten, ich bin stolz und voller Freude über euren (Körper-)Einsatz!

Achso, ja, natürlich, da sind auch noch so ein paar Iraker, Iraner oder sowas (irgendwas im Osten, aber nicht Dresdener!), die twittern auch, weil die nicht telefonieren dürfen oder sowas (vielleicht Akkus leer?). Die machen immer so voll gefährliche Straßenschlachten und weinen und bluten, rumms! Peng! Aber darüber haben die in „taff“ gestern Nachmittag komischerweise nicht berichtet. Vielleicht sollten die Iranesen (oder so!) auch mal Filme drehen oder weniger anziehen, so wie Lindsay und Demi, hm? Und wenn ich mit diesem Rat helfen konnte, gern.

Ist ja nicht so, dass mich Politik nicht interessiert. Aber eben nur dann, wenn ihre Nachricht kürzer als 140 Zeichen ist und „Rumms“ (nicht verwechseln mit „Wums!“) enthalten ist. (Und ernsthaft: unterstützen!)

Piraten-Partei auf dem Vormarsch

(Jaja, ich weiß, die Bildqualität ist sehr sehr sehr sehr scheiße, aber ich denke ihr wisst, was da zu sehen sein soll. Das Dings da rechts im Fenster ist ein Piraten-Schiff im [Pixel-]Regen.)

Was Thomas Mann vom kleinen Nick lernen kann

Bis heute Mittag wusste ich nicht, wer Wolf Schneider ist. Okay, nicht wahnsinnig schlimm, hoffe ich. Und ich nehme auch an, dass die wenigsten meiner zahlreichen Leser wissen, wer dieser Herr ist. Ich löse auf: er ist „deutscher Journalist, Sachbuchautor und Sprachkritiker“, sagt zumindest sein Wikipedia-Artikel und der muss es wissen. Man könnte diese Aufzählung neuerdings durch „Videokolumnist“ erweitern, denn Herr Schneider lässt sich in „Speak Schneider!“ regelmäßig von der „SZ“ dabei filmen, wie er schlaue Dinge über die deutsche Sprache sagt. In seinem ersten Filmchen spricht er dabei wohl Feministinnen an, aber da ich diese Folge nicht einmal gesehen habe (Schande! Über das meinige Haupt!), soll es auch darum nicht gehen. Es geht nämlich um seinen tagesaktuellen Monolog an die Deutschlehrer unseres Landes.

Er kritisiert, dass man an Schulen (gerade an Gymnasien) viel zu hohes und grammatikalisch perfektes Deutsch lehre und den Schülern damit die Freude an der Sprache (und am Lesen an sich) kaputt machen würde. Schuld seien hier die Richtlinien, die „Bedingungsgefüge überprüfen“ und „Textkohärenz erfahren“ für die gymnasiale Oberstufe vorsehen würden – sein Appell richtet sich nun also an die Lehrer, dass diese möglichst clever um diese Regelung herumschlägeln sollten, damit man den Schülern nicht die bereits erwähnte Freude versauen würde. Klingt plausibel, oder? Nicht dass ich über ein großes Hintergrundwissen verfügen würde, aber meine persönlichen Erfahrungen reichen nunmehr aus, um dem guten Herrn Schneider da einfach mal zuzustimmen.

Denn jetzt komme ich! Ich bin zwar kein Lehrer (Gott bewahre!), aber gewiss ein Schüler, der den Deutsch-Unterricht der gymnasialen Oberstufe besucht. Und, was haben wir zuletzt gelesen? „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann. Unfassbar lange Sätze, aber nicht so nett und lustig wie beispielsweise beim „Kleinen Nick“, sondern voll mit Fremdwörtern, Anspielungen auf die altgriechische Kultur und all so Zeug, das wir Jugendlichen natürlich voll Moppelkotze finden. Es wäre unheimlich schwer gewesen, den Inhalt des Buches ohne die zahlreichen zusätzlichen Informations-Blätter, die wir im Unterricht von unserem Lehrer erhalten hatten, oder den Wikipedia-Artikel (jaja, Klischee, ich weiß) einigermaßen auf die Reihe zu kriegen. Noch haben wir unsere Klausuren nicht zurückbekommen, aber meine Note wäre mit Sicherheit eine sehr viel schlechtere, wenn es Internet und Textzusammenfassungen nicht gegeben hätte.

„Tod in Venedig“ mag ein hochspannendes Buch für diejenigen sein, die Freude daran haben, einen Satz vier- oder fünfmal lesen und analysieren wollen, aber bereitet man so eine Gruppe Halbwüchsiger auf das Berufsleben oder von mir aus auch nur auf den späteren Besuch in einer Bücherei vor? Muss es ein höchst anspruchsvolles literarischen Werk, so grammatikalisch perfekt und ausgeklügelt geschustert, sein wie dieses von Thomas Mann? Nö. Abschließend lasse ich dann noch einmal Herrn Schneider zu Wort kommen, der (frei nach Brecht) sagt: „Stell dir vor, du liest Deutsch und du verstehst jedes Wort.“

Immer wieder sonntags: wählen gehen!

Wie die politisch interessierten Leser meiner geistigen Ergüsse wahrscheinlich wissen, dürfen 23847234 Millionen EU-Bürger am kommenden Sonntag das Europa-Parlament wählen. Ich gehöre leider nicht zu denen, die ihre Stimme an diesem Tag abgeben dürfen, was nur daran liegt, dass ich noch nicht meinen 18. Geburtstag gefeiert habe. Auch eine kurze E-Mail an das Merkel konnte die Obrigkeiten nicht davon überzeugen, mich aufgrund meiner unfassbar hohen Intelligenz ausnahmsweise mitwählen zu lassen. Wobei – wen ich wählen würde, wenn ich dürfte: das wüsste ich auch nicht so genau. In Deutschland kämpfen derzeit zweiunddreißig (32!) Parteien mit ihrer bunten Propaganda um die Wählerstimmen, die dann die 99 „deutschen“ Sitze im Europaparlament gerecht unter sich aufteilen werden.

Und wer tritt da so alles an? Die sympatische Partei „Die PARTEI“ tritt leider nicht an, weil sie zu wenige Unterstützungsunterschriften sammeln konnte. Diese normalerweise einzige gute Wahl fällt also schon einmal weg, es bleibt also, unter den 32 Parteien das kleinere Übel auszumachen. Was ist aber das kleinere Übel? Die Linken? Die Grünen? Die Frauen? Die Lügner? Die Doofen? Die Violetten? Die ter Althaus?1 Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht politisch bilden würde, denn: doch, doch, das tue ich. Meistens täglich, manchmal jeden Tag, aber auf jeden Fall ausreichend. Aber politische Bildung und Meinungsbildung sind scheinbar zwei unterschiedliche Paar Schuhe, denn im Moment ist es noch so, dass ich sagen würde, dass so ziemlich jede Partei irgendwo etwas Gutes und auch etwas Schlechtes beinhaltet, wodurch eine sichere Festlegung auf eine Partei quasi unmöglich ist.

Einen persönlichen Favoriten gibt es trotzdem: Die Piraten. Wieso weiß ich auch nicht so genau, aber das muss ich ja auch gar nicht wissen, denn wählen darf ich ja sowieso nicht. Aber es wäre nett, wenn der ein oder ganz andere volljährige Leser diese Partei wählen könnte. Nur für mich. Und selbst wenn ihr mir diesen Gefallen nicht tun wollt: geht bitte trotzdem wählen. Die Experten haben mir nämlich erzählt, dass die Wahlbeteiligung ziemlich gering (und unter 50%) sein wird und was haben wir alle irgendwann mal in der Schule gelernt? Richtig, a) Politik betrifft uns alle und b) jede nicht abgegebene Stimme ist eine Stimme für die Rechten.

(Übrigens, kürzlich hat ein Anrufer bei unserem lokalen Radiosender verraten, dass er per Briefwahl die CDU gewählt hat. Womit nach meinen ersten wagen Hochrechnungen die CDU auf 100% der Stimmen kommt und alle 99 Sitze für sich beansprucht. Das wollt ihr doch auch nicht, oder?! Eben.)

  1. Ich weiß, ich weiß, der ist gar nicht dabei, aber den Witz musste ich unbedingt bringen. Leider heißt kein Spitzenkandidat der Volksparteien Dietmar oder Dieter, sonst wäre der Witz noch besser gewesen, aber sei es drum.

Wir haben Grund zum Gratulieren

Ich könnte heute über so einige Dinge berichten: da wäre zum Beispiel die Wiederwahl von Horst Köhler als Bundespräsident, oder den sechszigsten Geburtstag des deutschen Grundgesetzes oder aber auch der überraschenden Meisterschaft vom VfL Wolfsburg.

Aber: nö. Die Massenmedien werden noch genug darüber berichten und ich möchte mich da heute nicht anschließen. Nur soviel: Glückwunsch Horst, Glückwunsch Grundgesetz, Glückwunsch Wolfsburg. Und: Glückwunsch an mich. Denn ich habe heute beim Trödelmarkt neben einem 2LP-Bootleg von Bob Dylan („A Rare Batch of Little White Wonder“, 3€) auch noch eine wunderbare Feten-Vinyl für einen Euro erworben: „Ja, das haben die Männer so gerne“ heißt die Schallplatte, die laut Aufkleber auf der Vorderseite mal 7,90DM gekostet hat. Und während auf dem Cover zwei leicht bekleidete Mädels zu sehen sind (die inzwischen wohl nicht mehr so knackig sind, mhh!), gibt es auch auf der Schallplatte einige schlüpfrige Dinge. „Kunibert und seine Lanze“, „Du hast ein Superding“, „Ich hab‘ ’nen Bi-Ba-Butzemann“ und mein persönlicher Favorit „Ein Korn im Feldbett“.

„Feucht-fröhliche Hits für eine ‚heiße‘ Party“, also. Wer braucht da schon Politik oder Sport? Pff! Ich feiere dann also gleich das Leben und mich selbst. Prost! Hurra! Sommer!

Orwell ’09

Datenschutz ist ja derzeit (zurecht) ein großes Thema in der Politik. Und wer bis heute nicht verstanden hat, wieso man sich darüber aufregen kann, wo die regierenden Parteien doch nur Gutes für uns wollen, dem sei folgendes Video der Kampange „DubistTerrorist.de“ ans Herz gelegt:

Und natürlich von meiner Seite aus noch beste Grüße, Herr Schäuble!

(Bonustrack)

8 aus 32

Hallo wahlmündige Leser!

Ihr wisst ja, am siebten Juni diesen Jahres freuen wir uns alle auf die Wahl des Europaparlamentes. Es treten insgesamt 32 Parteien zur Wahl an, darunter so lustige Splitterparteien wie die „Rentner-Partei“, „Die Piraten“ oder auch die „FDP“. Bei diesem politischen Kuddelmuddel weiß man bald gar nicht mehr, wen man wählen soll! Und gerade die politische Meinungsbildung fällt besonders jungen Menschen äußert schwer. Zum Glück muss man sich bei solch wichtigen Dingen nicht auf schmierige Wahlkämpfe und meinungsbildende Boulevard-Zeitungen verlassen, denn auch die Bundeszentrale für politische Bildung hilft: mit dem „Wahl-O-Maten“, der seit heute online zu finden ist.

Dort kann man 38 Grundthesen der europäischen Politik mit „stimme zu“, „neutral“ und „stimme nicht zu“ (oder einer Enthaltung) kommentieren und acht Parteiprogrammen (im sinnvollsten Falle die der sechs großen Parteien1 plus zwei lustig klingende weitere) mit den eigenen Vorstellungen vergleichen. Die These „Wahlrecht ab 16!“ befürworte ich zum Beispiel, denn obwohl ich extrem schlau und politisch gebildet (sic!) bin, verbietet es mir das Gesetz, am siebten Juni ein Wahllokal auszusuchen. Was für ein Doofmist!

Aber mal sehen, was ich denn wählen sollte, wenn ich dürfte:

Oh, joa, i saog mol: woas a deppert Ergebnis, joa mei. Aber ich glaube, allein die Tatsache, dass links- und rechtsextrem in Form von DVU und LINKE bei mir so nah beieinander sind, zeigt, dass ich politisch irgendwo im Niemandsland festsitze und es keine Partei gibt, die auch nur im Geringsten das umsetzt, was ich kleiner europäischer Furz so möchte. Daher werde ich bei der Krefelder Kommunalwahl3 die PARTEI wählen, so ganz aus Frust und Politikverdrossenheit und so. Leider hat es die PARTEI nicht zur Europawahl geschafft, aber das ist ein anderes Thema.

Und jetzt seid ihr dran. Wen sollt ihr laut Wahl-O-Mat wählen? Na? Und? Erzählt mal.

  1. CDU, CSU, SPD, Grüne, FDP, SED2
  2. Jaja, ich weiß, LINKE, hihihi.
  3. Die übrigens die einzige Wahl 2009 ist, bei der ich mitwählen darf – Geburtsdatum sei dank. :‘(

Wahlkämpfen in Krefeld

Hallo demokratische Leser,

wenn jemand von euch heute in der Krefelder Innenstadt mit dem Spruch „He Sie, Sie aus dem verkommenen Westen! Wollen Sie eine kostenlose Dose Tomatenmark?“ angesprochen worden ist und anschließend wirres Zeug über Ost/West-Beziehungen, FDP und Schwimmbäder erzählt hat, dann ist die Chance relativ groß, dass es PARTEI-Chef (und Satiriker) Martin Sonneborn war, der euch das kostenlose Propaganda-Tomatenmark andrehen wollte. Denn Sonneborn war heute gemeinsam mit dem Film-Team um Andreas Coerper (Extra 3, Heimatkunde) im verregneten Krefeld unterwegs, um ein bisschen Wahlkampf (für den PARTEI-Film, ab Ende August im Kino) zu filmen. Ich war ebenfalls anwesend, habe „bunte Propaganda-Heftchen“ verteilt und ein bisschen geholfen.

Mit dem bereits zweimal erwähnten Tomatenmark, das sich laut Sonneborn als Wahlkampfhelfer „bewährt“ hat, versuchte der kommende Bundeskanzler, Krefelder Fußgänger für einen kleinen politischen Dialog vor den PARTEI-Stand und die Kamera-Linse zu locken. Die Lage des Standes war nicht zufällig gewählt: vor dem heruntergekommenen und längst geschlossenen Stadtbad zeigten Sonneborn und andere helfende PARTEI-Mitglieder den Fußgängern zwei Bilder. Meist Bilder von zwei verschiedenen Schwimmbädern: auf der einen Seite das marode Krefelder Stadtbad, auf der anderen Seite ein schniekes Spaßbad aus dem Osten. „Finden Sie okay, dass Sie dieses tolle Spaßbad drüben über Ihren Solidaritätsbeitrag bezahlen und hier in einer so potthässlichen Stadt leben müssen?“ wurde also meistens mit „Nö!“ beantwortet. Hetze gegen Ossis folgte daraufhin meistens ungefragt, hihihihi.

Text?Und im Groben sind so die zwei Stunden gefilmter Wahlkampf auch schon erzählt. Eine ältere Dame, die mit dem PARTEI-Ziel, die Mauer wieder aufzubauen, sympathisieren konnte („Denen geht et da viel besser als wie uns hier!“), leistete beispielsweise gleiche ihre Unterstützungsunterschrift. Auch der betrunkene, zottelige Kauz war ganz lustig. Er hatte ein paar fetzige Reime auf Lager. veräppelte dann noch die SPD. Wurde alles mitgefilmt, natürlich. Man darf also gespannt sein, wer es alles in den endgültigen Film schaffen wird. Vielleicht bin ich ja auch mal kurz im Bild, zweimal wurde ich immerhin in ein Interview eingebunden und durfte ein paar Sätze sagen. Mal sehen.

Und nach den anstrengenden zwei Stunden, in denen wir übrigens die Anweisung erhalten hatten, immer dann, wenn wir im Bild waren, möglichst seriös auszusehen (und nicht zu lachen, was oft verdammt schwer ist!), ging es noch ins Brauhaus nebenan, das uns während des Wahlkampfes schon kostenlose Suppen (lecker, mit Curry, glaube ich) spendiert hatte. Coerpers Assistentin Susanne Müller gab eine Runde aus, ich trank aus, amüsierte mich ein bisschen mit der Runde über die Erlebnisse und dann fuhr ich aus Gründen etwas früher als der Rest wieder nach Hause.

Wahlkampf ist spaßig, immer wieder gern! Übrigens sind vier Dosen Tomatenmark übrig geblieben, jemand Interesse?


Behinderte und ihre Schlafmünzen bei BILD.de

BILD.de fragt heute:

BILD.de
(Link zum Artikel)

Im Text dort heißt es unter anderem:

Der Einzelhandel und das Hotel- und Gaststättengewerbe scheint das immense wirtschaftliche Potenzial dieser Käufergruppe nach wie vor zu unterschätzen. Nach einer Schätzung des WOD geben Behinderte monatlich im Schnitt etwa 100 Euro nicht aus – nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können! Da es in Deutschland rund acht Millionen Behinderte gibt, werden somit circa 800 Millionen Euro monatlich nicht in den Konsum geleitet. Das sind aufs Jahr gesehen etwa 9,6 Milliarden Euro„.

Soso. Moment. Wieso spricht BILD.de von 8, wenn es doch „nur“ 6,3 Millionen Behinderte in Deutschland 1sind? Und wieso geben diese im Durchschnitt 100€ weniger im Monat aus, nur weil sie nicht auf behindertengerechte Einkaufsläden und -meilen zurückgreifen können? Auch frage ich mich, wie die „WOD“ (Abkürzung für das Internet-Portal „World-of-Disabled.de2) auf diese Schätzung kommt.

Ich möchte natürlich nicht absprechen, dass viele Geschäfte und Einrichtungen noch behindertengerechter gemacht werden müssen, aber wie kommt BILD.de zu dem Schluss, dass durch diese Nachlässigkeiten satte 9,6 Milliarden (!) Euro ungenutzt bei den Behinderten in der Wohnung herumliegen, nur weil diese sie nicht ausgeben können? Nichts anderes suggeriert mir dieser Artikel, wenn davon gesprochen wird, dass diese „800 Millionen Euro monatlich nicht in den Konsum geleitet“ werden. 100€x8 Millionen Behinderte=800 Millionen im Monat x 12 Monate = 9,6 Milliarden!? Ist das nicht eine ziemlich übertriebene Milchmädchenrechnung? Und selbst wenn es so wäre, geben die Behinderten diese (geschätzten) 100€ im Monat nicht anderweitig aus, wenn sie sie nicht in einem für sie ausgerichteten Laden finden können? Außerdem rechnet BILD.de (wie erwähnt) mit stark aufgerundeten Zahlen, so dass wenn jeder Behinderte in Deutschland monatlich 100€ ungenutzt „links liegen“ lassen würde, es insgesamt „nur“ 663 Millionen pro Monat, sowie 7,9 Milliarden pro Jahr wären, die nicht ausgegeben werden würden. Wieso nutzt BILD.de offensichtlich falsche und reißerische Zahlen? Muss das – gerade bei einem solchen Thema! – wirklich sein?

Ich weiß, ein heikles Thema, bei dem ich mir lieber nicht die Finger verbrennen möchte. Aber irgendwie kommt es mir so vor, als würde BILD.de uns da mit ziemlich grob überschlagenen Blödsinns-Zahlen veräppeln. Vielleicht wäre ein kleiner Solidaritäts-Aufruf an meine Handvoll Leser ein wenig hilfreicher: also liebe Leser, seid doch in Zukunft so couragiert und helft Behinderten, wenn ihr sie verzweifelt irgendwo und hilflos seht, okay? Nicht der Wirtschaft zuliebe, sondern einfach mal so. Tut auch nicht weh.

  1. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes lebten 2003 (Stand 31. Dezember) in Deutschland 6.639.000 Menschen mit einer Schwerbehinderung.“ Quelle: Wikipedia.de
  2. Welches übrigens „BILD“-Partner ist und BILD-News direkt auf seiner Homepage unter der Rubrik „NEWS“ an. Leider konnte ich andererseits keine Kontakt-Adresse der Betreiber entdecken, sonst würde ich einmal nachfragen, wie sie die Zahlen bei BILD.de kommentieren würden. Schade.

Junger Unfug

Killerspiele verbieten! Böse Ballerorgien wie Counter-Strike und Co. sind Hauptverursacher von Amokläufen, Jugendkriminalität und anderen schlechten Dingen wie, öhm, der Weltwirtschaftskrise! Jaja, an diese lächerliche Diskussion erinnern wir uns sicher alle. Alte Menschen reden über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben und wollen sie verbieten, weil sie dann wahrscheinlich bei der nächsten Wahl von denen gewählt werden, die dieses „Killerspiel-Klischee“ glauben und, richtig, ebenfalls keine Ahnung haben. Zum Glück ist diese Debatte mehr oder weniger vorbei (so scheint es mir), aber jetzt kommt die CDU und fordert: „YouTube nur noch mit Personalausweis„!

Genauer gesagt kommt diese hanebüchene Idee von der Jungen Union Nordrhein-Westfalen. Also eher jüngere Leute, die eigentlich Ahnung haben sollten, wovon sie reden, oder? Nun ja, ich fasse einmal kurz zusammen, was sie denn grundsätzlich befürworten: das Einstellen und Ansehen (!) von Videos auf der (hier wohl jedem bekannten) Videoplattform „YouTube“ soll nur noch nach einer „Zwangs-Registrierung unter Angabe der Personalausweis-Nummer“ und Adresse möglich sein. Damit möchte die CDU/JU erreichen, dass man diejenigen, die böse Gewaltvideos hochladen, besser verfolgen kann. Was die älteren CDU-Wichtigmenschen dazu sagen, wird man wahrscheinlich nach dem CDU-Landesparteitag Anfang Mai wissen, denn dann stellt die JU ihren Vorschlag offiziell vor. Herr Schäuble findet die Idee super, tippe ich mal.

Anders ausgedrückt: YouTube soll zur „ab 16″-Zone werden, da man erst mit 16 Jahren in den Besitz eines Personalausweises kommt. Absoluter Kokolores. Diese Straftäter sind mit Sicherheit weit in der Unterzahl im Vergleich zu den „normalen“ Nutzern von YouTube und den Verantwortlichen dieser Seite kann man auch garantiert nicht vorschreiben, wem sie den Zutritt zu ihrer Seite (mit Sitz in den USA) gewähren und wem nicht. Und wo würde es hinführen, wenn wir demnächst jeden Schritt, den wir machen, verfolgt werden würde? Der gläserne Mensch, er wird auch weiterhin ein großes politisches Thema bleiben. Alleine die Tatsache, dass scheinbar ernsthaft über solche Ideen wie die der JU nachgedacht zu werden scheint, sollte einem zu denken geben.

Durchkommen wird die JU damit nicht, jede Wette. Und Sympathiebekundungen wird es wahrscheinlich (hoffentlich) auch nicht geben. Also lachen wir einmal herzlich über diesen Vorschlag, zeigen (wie Moritz) mit dem Finger auf die JU und freuen uns, dass wir nicht ganz so doof sind, wie wir manchmal angesehen werden. Prost!

Kaputte Sachen aus der DDR

Heimatkunde - DVDMartin Sonneborn, bekannt als angehender Bundeskanzler, Buchautor und Satire-Spezialist, war wandern. Im Auftrag von Dokumentarfilmer Andreas Coerper umwanderte er in „Heimatkunde“ Berlin (genaue Stationen [samt Videomaterial] hier einsehbar), stets auf der Suche nach Meinungen, Erinnerungen und Anekdötchen „von drüben“. Sie stellen fest: die Mauer, sie existiert in den Köpfen noch. Und so trifft Sonneborn lauter Menschen, die größtenteils die Klischees bedienen, die sogar ich (als jemand, der nach dem Mauerfall geboren ist) gut kenne. Sie erzählen, dass drüben eben nicht alles schlecht war, Wessis meistens hochnäsig und arrogant auftreten und all sowas. Hihi.

Dazwischen macht er sich auf, historische Altbauten aus DDR-Zeiten zu besichtigen. Beispielsweise findet er eine ehemalige NVA-Kaserne, die nun als Asylantenwohnheim fungiert. Alles natürlich jederzeit unterlegt mit den ironischen Tönen des Off-Sprechers. „Üble Ossi-Hetze“ titelte eine Berliner Zeitung zum Kinostart des Films, doch ganz so dramatisch ist es natürlich nicht. Als Satiriker weiß Sonneborn eben, was er den Leuten als (letztlich doch interessierter) Stichwortgeber zusprechen muss, um aus den Menschen das herauszukitzeln, was er hören will. Doch herablassend oder fies wird er dabei nie. Es sind die Menschen mit ihren Geschichten, die sich in gewisser Weise selbst bloßstellen – verstärkt wird dies durch clevere Kameraführung, Schnitte und Kommentare vom bereits erwähnten Off-Sprecher. Aber alles noch im Rahmen, finde ich.

Es wirkt im trostlosen Brandenburg alles so authentisch, dass ich mal vermuten möchte, dass sogar die zwei jugendlichen Mädchen, die Sonneborn nachts rauchend auf der Straße trifft und erzählen lässt, dass die „DDR war sowas wie Krieg“ war, „echt“ waren. So kommt der Film zum Fazit, dass wir wieder eine Mauer brauchen – und wenn es Chinesen sind, die an der Stelle der ehemaligen Mauer zwischen Ost und West eine Kopie der Chinesischen Mauer errichten. „Natürlich nur aus touristischen Gründen“, so das Schlusswort. Da lacht das Satire-Herz und freut sich über eine launige Dokumentation, die zwar kein Meisterwerk ist, aber vor allem dank seiner süffisanten Alltagskomik durchaus gefällt.

Zumindest mir, als Wessi.

Heimatkunde“ kaufen kann man hier. Vorab den Trailer gucken kann man hier. Bitte beides tun.

He, du, Landtag Nordrhein-Westfalen,

ist ja wirklich sehr nett von dir, dass du uns Jugendliche per neuer, bunter Broschüre die wichtigsten Fragen zum Landtag erklärst. Ganz viele bunte Bilder kann man sich ansehen, und ist ja auch ganz schön dufte, dieses Landtags-Gebäude, wirklich dufte! Gleich im Vorwort fragt uns die Landtagspräsidentin Regina van Dinther (eine wichtige Person, sehr wichtig!), ob wir uns auch „weder für Politik noch für Politiker“ interessieren würden. Tolle Einleitung, Frau van Dinther! Glücklicherweise bekommt sie noch die Kurve und lässt den Leser auch dann nicht traurig zurück, als sie erzählt, dass man erst ab 18 Jahren wahlberechtigt sei: „über Politik informieren, einmischen und Eure Meinung sagen könnt ihr jetzt schon!“ lügt sie uns das Blaue vom Himmel. Lustig, diese Politiker!

Warum vermittelst du Broschüre, es gäbe nur Spaßparteien wie CDU, SPD oder FDP. Okay, die Grünen werden auch noch erwähnt, aber was ist mit den sympatischen Splitterparteien? So ein lustiges Bildchen eines NPD-Männleins hätte das Real-Satire-Heftchen gleich noch lustiger gemacht! Scheiß drauf, ob die im Landtag sitzen oder nicht, wie wir von Frau van Dinther bereits auf der ersten Seite erfahren haben, interessieren wir uns ja sowieso nicht so sehr dafür, wer da so rumsitzt und fette Diäten kassiert. Diäten? Was‘n das schon wieder? Zum Glück erklärst du uns: „Die Gehälter der Abgeordneten nennt man Diäten, obwohl die meisten Politiker im Landtag überhaupt nicht dick sind.“ Hahaha, was für ein Schenkelklopfer, bestimmt der Running Gag bei euch im Landtag! Aber Mitleid kann man mit diesen Abgeordneten schon ein bisschen haben, schließlich verdienen sie doch als Landtags-Abgeordnete nur 9.633€ im Monat. Schnüff. Also heißen die Diäten so, weil sie eben nicht fett sind? Welch ein Hungerlohn!

Und auch eine weitere Frage wird uns beantwortet: „Warum sind Politiker so oft im Fernsehen?“ Eine ausgezeichnete Frage! Zum Glück klärt uns der Landtag höchstpersönlich auf: „Das Fernsehen zeigt den Zuschauern, was es alles Neues gibt, zum Beispiel ein Gesetz.“ Soweit richtig. Aber manchmal gibt es auch keine neuen Gesetze und dann lesen sie eben die aktuellen Fußballergebnisse vor, malen alberne Rüttgers-Karikaturen oder spielen Scrabble (ohne Umlaute!). Warum verheimlichst du uns das? Glücklicherweise schenkst du uns ersatzweise viele flotte Sätze und man merkt fast gar nicht, dass du vollkommen damit überfordert bist, uns Jugendliche zu erreichen. Und „sitzen im Ältestenrat lauter Omas und Opas?“ fragst und beantwortetest du uns dann auch noch: Nein. Stimmt, woher sollst du auch wissen, ob die Abgeordneten im Ältestenrat Kinder und Kindeskinder haben. Raffiniert!

Jetzt endlich politikinteressiert:
Dein Johannes

(angelehnt an die Titanic-Rubrik „Briefe an die Leser“)

Die ernsthafte SpaßPARTEI als Buch

Das PARTEI-BuchPolitik ist langweilig und korrupt. Politik ist was für wichtige Herren in teuren Anzügen, die Versprechen machen und sie nicht einhalten. Politik ist populistisch und lügt. Und dann kommt da die korrupte PARTEI, lügt, trägt Anzüge von C&A (für 49€!) und macht populistische Versprechen, die sie sowieso nicht einhalten kann. Hurra! Und nicht mal langweilig! Die Redaktion vom Satire-Magazin Titanic hat die „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ im Jahr 2004 gegründet und tuckert seitdem als „schmierige kleine populistische Oppositionspartei“ durch die Nation, immer nach der Suche nach Leuten, die sie und ihr politisches Hauptziel, den Wiederaufbau der Mauer, ernst nehmen. Und davon gibt es leider und zum Glück viele. Gesammelte PARTEI-Geschichte gibt es nun vom ehemaligen Titanic-Chefredakteur und heutigem PARTEI-Chef Martin Sonneborn in „Das PARTEI-Buch“.

Chronologisch erzählt „Deutschlands Chefsatiriker“ (Süddeutsche Zeitung) sämtliche Details der PARTEI-Historie, angefangen mit den spaßigen Titanic-Wahlkämpfen im Namen von sympatischen Splitterparteien wie FDP („Die liberale SpaSSpartei!“) und Bayern-SPD („Wir geben auf.“), die ihn und die Redaktion letztlich dazu bewegt haben, selbst aktiv zu werden. Die Rückkehr der Einheitspartei („Wir sind wieder da!“) also, wie damals! Immer wieder gibt es in Reden und Wahlkämpfen kreative Anspielungen auf NSDAP1 und SED, allerdings nie zu offensichtlich, sodass man (wie in der Satire üblich) ein gewisses Maß an Grundkenntnis mitbringen muss, um sie zu verstehen.

WahlplakatSonneborns Anekdoten zu perfekt inszenierten Aktionen wie dem ersten PARTEI-Parteitag in Münster, dem Kanzlerkandidatin-Casting („Frau ja – aber schöner!!“) oder den urkomischen HLX-Werbespots in Berlin sind allerdings auch für politisch weniger Interessierte ein großer Spaß. Er erzählt sie dabei nie alleine, gut ein Drittel des Buches machen Pressestimmen aus, die dem Leser gut und unterhaltsam aufzeigen, wie das Medienecho „damals“ gewesen ist. Viele Bilder (manche bunt!) gibt es auch noch. Und auf allen Seiten steht in der Ecke eine Seitenzahl, die der Orientierung gilt – dass da vorher noch niemand drauf gekommen ist!

Etwas störend ist allerdings, dass man immer wieder die gleichen Floskeln lesen muss. Wer das komplette PARTEI-Buch gelesen hat, durfte sehr sehr (sehr!) oft lesen, dass die PARTEI seriöser sei als die FDP, bei der letzten Wahl sein bestes Wahlergebnis seit Kriegsende hatte und man möglichst schnell den Mitgliedsantrag auf Seite 223 ausfüllen sollte, weil niedrige Mitgliedsnummern rar seien. Wen es zusätzlich nicht stört, dass prinzipiell der komplette Buchinhalt aus aufgewärmten, längst aus der Titanic bekannten Aktionen ist, erhält ein sehr unterhaltsames Buch über eine Spaßpartei, die aufzeigt, wie amüsant Politik sein kann, wen man sie parodiert. Vorausgesetzt natürlich, dass die eigenen Grenzen des guten Geschmacks nicht allzu politisch korrekt sind.

Der Untertitel des Buches lautet: „Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt“. Ersteres hat ja schon geklappt, die Machtübernahme bekommt die PARTEI auch noch hin. Ich selbst werde ab sofort meinen Teil dazu beitragen, denn ich bin seit kurzem PARTEI-Mitglied. Und freue mich auf die Machtübernahme im Herbst diesen Jahres, damit wir schon Ende des Jahres damit beginnen können, die Mauer wieder aufzubauen. Und nicht vergessen: Die PARTEI hat immer recht! Also, Buch kaufen, bitte.

Politische korrekte Links:
Das PARTEI-Buch bei Amazon für 8,95€
Der Trailer zum Buch
Die Homepage der PARTEI

  1. Die Jugendabteilung der PARTEI heißt beispielsweise „Hintnerjugend“, benannt nach dem PARTEI-Generalsekretär Thomas Hintner, grüßt mit „Hi Hintner!“ und trägt eine Uniform aus blauem Hemd, grauen Hosen und rotem Halstuch – wie die der Pionierorganisation FDJ, der Jugendorganisation der DDR.

Hart, fair aber mit Milski

Frank Plasberg -

Woche für Woche lädt Polit-Talker Frank Plasberg ein paar Gäste ein, lässt sie in seinem netten Studio Platz nehmen und führt dann „Hart aber fair“ durch die obligatorische Diskussion über Gott, die Welt und was sonst noch so Aktuelles zwischen Nord- und Südpol passiert. So gab es auch am gestrigen Abend in der ARD ein frisches Thema: erhöhter Alkohol-Konsum bei Kindern und Jugendlichen. Sollte es hier neue Gesetze und Einschränkungen geben? Politiker sind bei solchen Themen natürlich immer ein gern gesehenes Völkchen, so saßen mit Detlef Parr (FDP, Sucht- und Drogenpolitischer Sprecher der Fraktion) und Sabine Bätzing (Drogenbeauftragte der Bundesrepublik) zwei Leute in der Runde, die wissen müssen, worüber sie reden. Auch Schauspieler Heiner Lauterbach und „Super-Nanny“ Katharina Saalfrank sind Gäste, die ihre negativen Erfahrungen mit Alkoholmissbrauch gemacht haben und dem „Komasuff“ kritisch gegenüberstehen. Doch dann sitzt da noch ein Herr in der Runde, der meint: „Party machen ohne Alkohol geht nicht, manchmal einen über den Durst zu trinken ist vollkommen okay.“

Sein Name: Jürgen Milski.
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