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Vorstellungsgespräch

Huiuiui, Vorstellungsgespräch. Ausnahmsweise war ich zu einer einstelligen Uhrzeit aufgestanden, tags zuvor hatte ich mir sogar ein Hemd gebügelt. Also ich würde mich nehmen, so viel stand fest. Selbstbewusst trat ich ein. Ich schüttelte eine wichtige Hand, setzte mich hin und noch vor meinem ersten Wort bot man mir ein Glas Wasser an. Ja, vielen Dank, sehr gerne; sehr gastfreundlich die Leute hier, durchaus! Prost! Und es war ein leckeres Wasser, ein sehr leckeres Wasser. Mjamm, mjamm, mjamm! Ich hatte gerade erst meinen ersten Schluck genommen, da stellte mir mein Gegenüber plötzlich eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet war:

„Wer sind Sie denn?“

Hm. Ich dachte ein paar Sekunden nach, weil nicht schon der erste Satz eine Lüge sein sollte. Dann stand ich auf, kratze mich staatsmännisch am Kopf und beantwortete die Frage so gut ich konnte:

„Was bin ich, wer bin ich, wieso, weshalb, warum, fidibum.
Nun: Mein Name ist Johannes und ich bin schwarz. Zudem bin ich Jude. Aber auch: eine Frau. Genauer noch: Ich bin eine Türkin. Ich bin also eine jüdische Afro-Germanin mit zusätzlichem Bonus-Bosporus-Migrationshintergrund – um es ‚korrekt‘ zu sagen und modern zu sein und blablabla. Achso, und ich bin schwul. Und behindert. Und klug. Und sehr, sehr schön. Und, und, und ich sehe, dass sie ein wenig verwundert sind. Zurecht. Das steht so schließlich nicht in meinem Lebenslauf. Da steht nur drin, dass ich ein Praktikum hinter mir habe. Das ist vielleicht auch richtig, aber nicht wichtig. Sehen Sie, ich bin ein kleiner Teil unserer bunten Gesellschaft. Das finde ich gut. Doch als was bin ich hier? Als Mensch. Als Facettenreicher im Facettenreich. Das habe ich wiederum mir nicht ausgesucht. Jetzt bin ich es eben. Bleibe es wohl auch.

Obwohl heute ja so einiges möglich ist, habe ich in naher Zukunft beispielsweise nicht vor, mich zu einem Tier umoperieren zu lassen. Wäre ja auch für uns beide etwas komisch, wenn jemand in Ihren Betrieb käme und dann säße da eine Giraffe im Anzug, hehe. Ganz zu schweigen vom Krawattenproblem, so lange Krawatten gibt es nirgendwo, obwohl manch einer ja gerne mal so ’nen Hals hat, wenn Sie verstehen, was ich meine, hahaha! Kleiner Scherz. Dieser Witz wurde Ihnen präsentiert von: Johannes. Aber ich bin ein wenig abgeschweift, Verzeihung.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie mich fragen, was ich bin, dann muss ich Ihnen ehrlich sagen: Alles. Alles ein bisschen. Manchmal fühle ich mich mongoloid, dann wieder wie ein junger Springinsfeld, ja, mönchmöhl föhle öch möch sögahr wie ein Östdoitschör. Kommt alles vor. Dass ich so manisch schizophren bin, liegt vor allem an meinem Geburtsjahr. Einfach nur tolerant sein ist nicht hip genug für Menschen meines Alters! Wir vom Jahrgang 1991 sind postmoderne Toleranz-Faschisten! Wir akzeptieren nicht bloß, wir sind! 2012 ist das Jahr 0 der ehrlichen Akzeptanz. Bis dahin war es ein weiter Weg, aber mal ehrlich: Menschen in Schubladen stecken ist sooo 1933. Einfach nur mit allen schmusen und auskommen ist sooo 1968. Und zu betonen, dass wir doch alle gleich sind, ist auch längst überholt, das muss man nicht mehr sagen. Aber wir sind anders! Für uns sind alle noch mehr als gleich! Wir sind gleicher! Wir sind die erste Generation, die ‚gleich‘ steigern kann! Und wo alle gleicher sind, da muss ich es ihnen gleichtun!

Gleicher unter Gleichen! Mann gleich Frau! Fleischfresser gleich Veganer! Sie gleich ich. Die simple Mathematik einer funktionierenden Gesellschaft! Übrigens gäbe es auch keine Kriege mehr, denn wer kämpft schon gegen sich selbst? Nur Dumme. Und Dumme gibt es unter Gleichen nicht, weil alle dumm, aber eben auch schlau zugleich sind. Gedankenkommunismus, wenn Sie so wollen. Es fände quasi eine Vergesellschaftung des rationalen Denkens statt. Ich weiß, auch das ist ein wenig verwirrend, ich fasse deswegen leicht verständlich zusammen: Einsetzen statt aussetzen. Verstehen statt [hier bitte passendes Verb einfügen]. Und wenn Sie mich nun fragen, wer ich bin, dann muss ich schlussendlich sagen: Ich bin Sie. Ich bin alles. Ich bin jeder.“

So sprach ich und dachte: Ganz großes Kino, also ich würde mich sowasvonaufjedenfall nehmen! Doch nun wurde es spannend. Der Mann mir gegenüber legte seine Hände auf den Tisch und sagte: „Gut, aber ‚jeden‘ nehmen wir hier nicht. Außerdem denke ich, dass Sie für den Job als Zeitungsbote leicht überqualifiziert sind. Sie erzählen viel Unsinn und argumentieren völlig schief. Sie bauen Zusammenhänge, wo keine sind und das mit der Giraffenkrawatte habe ich immer noch nicht verstanden. Sie sind ein Kauz. Ein lügender Kauz. Gehen Sie doch in die Politik oder werden Sie Comedian oder so etwas in der Art. Ich jedenfalls kann Sie hier nicht gebrauchen, tut mir leid.“

Ich erhob mich, trank noch einen letzten Schluck Wasser und ging. Und bis heute vermute ich, dass er mich nur aus einem Grund nicht einstellen wollte: Weil ich schwarz bin.

„Also, ich würde mich wählen!“

Bislang war ich lediglich Poet, Moderator und Raucher. Doch dieser Tag wird in die Geschichte meiner Lebensgeschichte eingehen, denn ab sofort bin ich auch: Politiker. Wie es dazu kam und weitere, ehrliche Informationen dazu lesen Sie jetzt in einem Interview mit mir selbst. Verbreitung erwünscht.

„Also, ich würde mich wählen!“

Krefeld. Ein junger Nachwuchsbürger geht in die Politik. Soll er halt. Und soll er halt mal was zu sagen. Unser Redakteur Johannes Floehr traf sich mit Johannes Floehr, um mit ihm über die kommende Landtagswahl, die Ziele der PARTEI und Hannelore Kraft zu sprechen.

Guten Tag, Herr Floehr. Erklären Sie uns doch zunächst einmal, wovon wir hier reden.

Sehr gerne. Das sogenannte „Bundesland“ Nordrhein-Westfalen sucht aus Gründen einen neuen Landtag. Einen zu finden ist allerdings gar nicht so einfach. Weswegen die Partei „Die PARTEI“ für Sie, liebe Demokratinnen und Demokraten, am 13.05.2012 eine Landtagswahl ausrichtet. Wir bitten um Kenntnisnahme. Und Ihre Stimme für die PARTEI. Selbstverständlich sind aber auch andere Partien („Piraten“) und Splittergruppen („FDP“, „CDU“) herzlich dazu eingeladen, sich auf die Wahlzettel drucken zu lassen – wir werden deren Ergebnisse nach der Wahl ganz basisdemokratisch unter „Sonstige“ bekanntgeben. Übrigens: Als erste Partei der ganzen Welt hat die PARTEI am vergangenen Samstag seine Landesliste gewählt. Und auf selbiger steht auch irgendwo mein Name.

Sie sind nun also ein Politiker.

Vielen Dank bzw. Arschloch. Mit Verlaub.

Welchen Listenplatz haben Sie denn ergattern können?

Ich stehe relativ weit hinten, weil die Listenplätze nach der Höhe des Einkommens vergeben worden sind. Absteigend. Die Reichen nach oben, die Armen nach unten. So machen es andere Partien übrigens auch, aber nur wir geben es zu. Man könnte nun sagen, dass es für mich mit einem so „späten“ Platz auf der Landesliste knapp werden würde mit dem Einzug in den Landtag, aber wer Derartiges behauptet, hatte früher definitiv keinen Mathe-Leistungskurs: Denn es genügen bereits etwa 40% der Wählerstimmen, um mich in den nordrhein-westfälischen Landtag zu wählen. Angesichts des Wahlziels der PARTEI, nämlich das Erreichen der absoluten Mehrheit („plus x“), bin ich mir sehr sicher, demnächst in Düsseldorf arbeiten zu dürfen. Wofür ich mich vorab bereits bedanken möchte.

Nicht so voreilig. Noch sind Sie nicht gewählt. Bei der Landtagswahl 2010 erhielt die PARTEI nur rund 0,12% der Zweitstimmen.

Die Statistik lügt, wir glauben nur unseren eigenen. Bei einer vergangenen Kreistagssitzung haben wir beispielsweise ganz spontan gefragt, welche Partei die Anwesenden wählen würden – dass 100% der Befragten für die PARTEI stimmten, spricht für sich. Ich denke also, dass es sich bei den Ergebnissen der letzten Landtagswahl um ein Versehen gehandelt hat. Genau aus diesem Grund geben den Bürgerinnen und Bürgern ja auch nun die Chance, alles wiedergutzumachen.

Erklären Sie unseren Lesern doch einmal, wieso man gerade der PARTEI vertrauen sollte.

Jeder Wähler, der der PARTEI seine Stimme gibt, beweist, dass er Ahnung hat. Wähler der PARTEI haben durchweg Ahnung. Schließlich ist die PARTEI sehr gut. Nehmen wir als Beispiel unseren Landesvater Dr. Mark Benecke. Er ist die Ahnung in Person. Er hat nicht nur einen echten Doktortitel, sondern in seiner nebenberuflichen Tätigkeit als Kriminalbiologe mutmaßliche Knochen Adolf Hitlers untersucht. Er bewies, dass es sich um Fälschungen handelte. Ich hätte das nicht gekonnt. Sie etwa? Oder irgendjemand anders? Ich glaube nein. Nur Dr. Mark Benecke kann das. Er war auch schon einmal bei Markus Lanz, also sind auch die Beziehungen zu schmierigen Halli-Galli-TV-Nasen gegeben. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: Sollte die PARTEI gewählt werden, bekämen wir es gewiss hin, die Sendung „Wetten dass…?“ – die Älteren werden sich erinnern – für immer in die Mehrzweckhallen Ostdeutschlands zu verbannen. Die endgültige Verbannung der trivialen Samstag-Abend-Unterhaltung aus NRW. Das ist unser Auftrag. Und Tierschutz.

Gut, dass Sie es selbst ansprechen: Tierschutz scheint Ihnen besonders wichtig zu sein. Er kommt auch im Kürzel der „PARTEI“ vor (Anm. der nicht vorhandenen Redaktion: „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“). Erläutern Sie dieses Anliegen doch bitte.

Ich bedanke mich für diese Frage. Korrekt, „Tierschutz“ steht in unserem Namen. Doch das „T“ ist, wie übrigens alle anderen Buchstaben auch, austauschbar. Wir stehen für alles, was uns Mehrheiten bringt. Tiere sind zwar sehr süß und manche Arten sind nicht nur zwischen Fladenbrot sehr schmackhaft. Doch sollte sich herausstellen, dass die Bürger Nordrhein-Westfalens etwas Anderes als wichtiger einstufen, so können wir reagieren. So haben beispielsweise nächtliche Befragungen am Duisburger Hauptbahnhof ergeben, dass die Kernthemen der Leute dort ganz andere sind als etwa in der Universität Münster. Die Befragten in Duisburg ziehen „Titten“ dem „Tierschutz“ vor. Weswegen „PARTEI“ dort für „Partei für Arbeitslosengelderhöhung, Rente mit 30, Titten, Erektionsförderung und kostenlose iPhones“ steht. Wir sind flexibel, wo wie es der Zeitgeist von uns auch verlangt. Wir sind eine Partei neuen Typus. Modern und sehr gut, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte.

Was halten Sie von Hannelore Kraft?

Sie ist gar nicht so verkehrt. Wenn Sie möchte, kann sie nach unserem Wahlsieg bei der PARTEI anfangen. Ich persönlich bräuchte zum Beispiel noch einen Fahrer für meinen Dienstwagen, da ich keinen Führerschein habe. Frau Kraft darf sich gerne um die Stelle bewerben! Auch SPD-Mitgliedern muss man eine zweite Chance geben, etwas Vernünftiges aus dem eigenen Leben zu machen. Obendrein würde sie dann auch erfahren, wie es ist, bei einer Partei mit auf-, statt absteigenden Mitgliederzahlen zu sein. Das täte ihr vielleicht ganz gut, für das Zählen ihrer Augenringe braucht man ja längst eine beachtliche Truppe von Mathematikern.

Wie viele Mitglieder hat die PARTEI denn derzeit?

In NRW sind es etwa zweitausend. Doch im Land wohnen noch rund achtzehn Millionen Bürger, die wir „Schlaf-Mitglieder“ nennen: Menschen, die in unserer schnelllebigen Gesellschaft einfach noch nicht die Zeit gefunden haben, den Mitgliedsantrag auszufüllen. Man kommt ja zu nix. Das wissen wir, weswegen wir den Bürgern nach der Wahl entgegenkommen wollen und die PARTEI-Mitgliedschaftskarte zur Pflicht werden lassen. So könnte der Bürger rund zehn Minuten Zeit sparen – und gespart werden muss in NRW ja ohnehin, wenn ich mir das milliardenschwere Haushaltsloch so ansehe. Unsere Rechnung ist einfach: Zeit ist Geld, Zeit sparen ist Geld und bei achtzehn Millionen Mal zehn Minuten Zeitersparnis wäre unser Land blitzschnell raus aus den Schulden. Ich weiß nicht, wieso da nicht schon jemand drauf gekommen ist, aber Politiker denken ja generell gerne viel zu kompliziert.

Sie scheinbar nicht. Sprechen wir also nun wieder über Ihre Person. Warum gerade Sie, Herr Floehr?

Sehen Sie, Herr Floehr: Es sind Neuwahlen. Und ich bin quasi noch neu. Erst vor zwanzig Jahren bin ich durch hier nicht weiter wichtige Umstände auf diese Welt gekommen. Seither habe ich keine Scheiße gebaut: Ich leihe mir nichts bei Freunden, fahre mit keinem Dienstwagen in den Urlaub und Weltkriege habe ich auch keine angefangen. Und überdies stand ich noch nie zur Wahl. Niemals (!) hatte der mündige Bürger die Chance, mir seine Stimme zu geben. Nun schon. Das ist neu. Alles an mir ist neu, weil unbekannt. Ich bin die Neuwahl in Person. Das passt. Also, alleine deswegen würde ich mich schon wählen. Außerdem passt mir der Düsseldorfer Landtag als Arbeitsplatz ganz gut, die kneipenreiche Altstadt ist zu Fuß nicht einmal dreißig Minuten entfernt.

Werden Sie doch bitte konkret: Was möchten Sie ändern?

Es gibt so Tage, da habe selbst ich nichts Besseres zu tun, als in die Zeitung zu sehen. Dort lese ich dann, dass Politiker ständig Scheiße bauen. Ich sprach bereits davon: Am laufenden Band machen die Scheiße! Das kann doch nicht sein! Mit mir ist Scheiße nicht zu machen. Ich stehe für Spökes, sprich: Unsinn und Spaß. Es ist nicht auszuschließen, dass ich im Landtag Witze erzählen werde. Wissen Sie, Witze werden zu Unrecht von der Gesellschaft geächtet. Ein guter Witz lockert jede spießige Debatte auf, Witze sind demnach prädestiniert für die Politik. Auch PHOENIX hätte sicher höhere Einschaltquoten, wenn Wolfgang Schäuble statt Sudoku zu spielen ein gutes Witzebuch lesen würde. Ein Beispiel: Kennen Sie den Witz mit dem Laubfrosch, der beim Frauenarzt zufällig Hannelore Kraft trifft?

Nein, den kenne ich leider nicht.

Dann wissen Sie ja, welcher Partei Sie am 13.05. Ihre Stimme geben müssen. Und ich denke, Ihre Leser wissen das auch.

Potzblitz, Sie haben mich überzeugt! Ich bedanke mich für das Gespräch.

Liebe Bürger in NRW! Wählen Sie am 13.05. die PARTEI! Nähere Informationen entnehmen Sie bitte der Tagespresse, wir werden in Kürze ein paar Pressemitteilungen herumschicken. Vielen Dank.

Eine sichere Bank

Vielleicht wird der ein oder andere mitbekommen haben: Wir befinden uns in einer Zeit der Krise, der Ungewissheit, der Sorgen. Alle von klein bis groß fragen sich zurecht: Was ist denn jetzt morgen? Weltuntergang? Schwarzer Montag? Oder Samstag? Manch ein kluger Kopf ist bereits daran zerbrochen. – Wie ein lustiger Millionär namens Hape Kerkeling bereits im September 1991, also einen Monat vor meiner Geburt, feststellte, ist das ganze Leben ein Quiz. Daher gibt es nicht nur Fragen, sondern auch Antworten. Theoretisch zumindest. Praktisch gibt es nur ein dem Laien namentlich gänzlich unbekanntes und scheinbar zufällig zusammengepuzzeltes Gremium, das diese Antworten dann berufswegen auch sucht. Gut, ganz so wie beim Jauch ist es hier nicht. Die 50:50-Chance ist vielleicht ein wenig zu riskant. Das Publikum fragen kommt ebenso nicht in Frage, denn das hat ja ohnehin keine Ahnung. Jemanden anrufen wurde versucht, ergebnislos – Silvio Berlusconi etwa hat ja auch in anderen Themengebieten alle Hände voll zu tun; keine Zeit. Und es gibt hier nicht nur Antwortmöglichkeit A, B, C oder D. Es sind vielmehr viel mehr Lösungen als uns das Alphabet Buchstaben schenkt – selbst, wenn man Ä, Ö, Ü und das scharfe S mitzählen würde. Aber: immerhin. Da sind welche, die suchen nach Lösungen. Und ein zerzauster Hippie namens Jesus versprach vor knapp 2000 Jahren, also rund 1991 Jahre vor meiner Geburt, dass diejenigen, die suchen, auch finden werden. Nur wann, das hat uns der heilige Sohn Gottes natürlich nicht gesagt.

So sitzen sich die wichtigen Leute schon seit Monaten auf ihren Ledersitzen die Popos wund und kommen zu keinem verdammten Ergebnis. Dabei sind doch alle so fleißig: Auf „Meetings“ wird die „Big Question“ gestellt, der „Masterplan“ wird gesucht, aber weil uns kleinen Leuten ewig keine Ergebnisse präsentiert werden, kann das alltägliche „Brainstorming“ doch nicht die kognitive Ruhe vor dem Sturm sein! Die entscheiden doch nichts, da oben die! Die mampfen doch nur Häppchen vom reichhaltigen „Catering“-Angebot, bezahlt von uns! Und wir können nicht mehr einschlafen, weil uns die Ungewissheit plagt. Wie soll es denn jetzt weitergehen? Antworten haben viele parat, doch so ganz koscher sind die mir nicht. Tagtäglich geben sogenannte „Very Important Persons“ in der „yellow press“ hanebüchene „Statements“ zur Lage der Nation ab, pff. Pseudokritische Meinungen werden zu simplen „Give-Aways“, die man einfach so in die Öffentlichkeit pustet, weil das ja jetzt jeder macht, weil jeder was dazu sagen kann und jeder davon betroffen ist.

Ahnung haben dabei leider die allerwenigsten. Aber Hauptsache, man hat sein „Feedback“ als Prominenter prominent in einer kleinen Kolumne platziert, damit auch Frau Schlütkewömpel am Frühstückstisch sagen kann: „Oh, Friedhelm, schau mal hier! Der Sky du Mont, der hat auch was dazu gesagt! Er ist zwar keiner vom Fach und ich verstehe die Hälfte nicht, aber toll! Toll, dass er sich da mal zu Wort meldet!“. Wenn ich mich früher, in der Schule, in Mathematik zu Wort gemeldet habe, dann habe ich auch viel geredet, jedoch zumeist inhaltlich relativ wenig gesagt. Denn es gibt Themen, bei denen solche man sich bei akutem Mangel an Fachwissen auch einfach mal zurückhalten. An dieser Stelle schöne Grüße an meine langjährige Mathelehrerin Frau Franck: Frau Franck, ich weiß immer noch nicht, wie man den Abstand eines Vektors zu einer Ebene berechnet, geschweige denn, was das alles überhaupt heißt. Und damit muss ich mich auch – „Gott“ sei Dank! – gar nicht mehr beschäftigen, weil mein Alltag inzwischen von größeren, finanzkräftigen Problemen bestimmt wird.

Es ist doch so: Unser mehr oder weniger geliebtes Europa ist, wie der anglizismenfreundliche Fachmann sagt, am „Vagina Way“, also am Scheideweg. Gut, dass es Leute gibt, die sich dagegen erheben. Das einfache Volk geht endlich mal wieder außerhalb von Fußball-Weltmeisterschafen auf die Straße, protestiert, macht sich Sorgen, Schilder werden beschriftet, Plakate werden vor Fernsehkameras ausgerollt, da ist ja richtig was los, heidewitzka, Revolution liegt in der Luft! Aber was uns dann doch fehlt, ist ein einziger, toller, kluger, redegewaltiger und -gewandter Typ, der sich hinstellt und sich auch zutraut, für die Massen einzustehen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen! Einen Helden brauchen wir! Einen Retter! Einen Die sehr, sehr gute Nachricht ist: nach dem diesen Kerl muss man nicht mehr suchen, denn er spricht gerade zu euch. Ja, verdammt! Komm! Ich mach es! Ich kann es! Ich will es! Ja! Ich bin eine sichere Bank!

Ich werde die Moderation von „Wetten, dass“ übernehmen! Heureka!

Die Hoffnung

Zehn Tage Hitler

Die Äl­te­ren wer­den sich ge­wiss noch gut an das Jahr 1983 er­in­nern. Be­son­ders drei Dinge wer­den ihnen im Ge­dächt­nis ge­blie­ben sein: zum einen der 5:0-​Heim­sieg von Bayer Uer­din­gen gegen Darm­stadt (und der damit ver­bun­de­ne Auf­stieg in die Bun­des­li­ga) und zum an­de­ren: der Skan­dal um die an­geb­li­chen Ta­ge­bü­cher von Adolf H. im Fak­ten­ma­ga­zin „Stern“. Die ge­fälsch­ten Bände waren un­ge­rech­net etwa fünf Mil­lio­nen Euro teuer; der Stern muss­te sei­ner­zeit fast neun­hun­dert Mal­bo­ro-​An­zei­gen schal­ten, um die­sen Ver­lust auf­zu­fan­gen. Und die Welt­be­völ­ke­rung trau­er­te: Zi­ga­ret­ten­wer­bung, pff, da wären uns ein paar in­ti­me Ge­heim­nis­se aus dem Füh­rer­bun­ker aber reich­lich lie­ber ge­we­sen. Man rauch­te und wein­te – bis zum heu­ti­gen Tage. Denn, wie ich hier nun kos­ten­los ver­kün­de, be­fin­den sich die ech­ten Ta­ge­bü­cher in mei­nem Be­sitz. Und weil ich mir aus Geld nichts mache, werde ich nun hier ex­klu­siv einen Aus­zug aus den brau­nen Bü­chern prä­sen­tie­ren. Bitte sehr:

12. April 1944
Habe heute ver­sucht, Blon­die den Hit­ler­gruß bei­zu­brin­gen. Doch das elen­de Vieh wei­ger­te sich. Vielleicht hat es auch einfach die falsche Rasse. Es war aber auch total un­kon­zen­tiert! Ich hoffe, ich finde noch eine End­lö­sung für die­ses Kon­zen­tra­ti­ons­pro­blem. Da müss­te ich doch noch ir­gend­was auf Lager haben… Au­ßer­dem habe ich noch ein biss­chen Schif­fe ver­sen­ken im bri­ti­schen Ge­wäs­ser ge­spielt, aber lei­der ver­lo­ren. Churchill, dieser elende Cheater! Lol!

13. April 1944
Hein­rich rief mich heute Mit­tag an. Er be­rich­te­te mir davon, be­ruf­lich einen Juden ge­trof­fen zu haben. Ich er­schrak, meine Ver­füh­rer­lip­pen form­ten ein lau­tes ‚Wie­so­das­denn­dual­ter­va­ter­lan­des­ver­rä­terrr!‘. Aber Hein­rich, die­ser Schelm, fügte hinzu, wie er den Juden ge­trof­fen hatte: durch den Kopf. Ich lach­te sehr. Hein­rich ist wirk­lich ein her­vor­ra­gen­der Wit­ze­er­zäh­ler. Arrow to the knee, ein Klassiker.

14. April 1944
Neu­ig­kei­ten von der Front. Ach ja, Krieg, stimmt, da war doch noch was. Zehn­tau­send un­se­rer Män­ner sind in Le­nin­grad ge­fal­len. Ja, meine Güte, dann sol­len sie halt wie­der auf­ste­hen! Ich habe jedoch ver­an­lasst, den Ka­me­ra­den zwan­zig­tau­send Pflas­ter mit Blüm­chen­mus­ter zu­kom­men zu­las­sen. Bin ja kein Un­mensch.

15. April 1944
End­lich Sonn­tag! Habe Eva ge­fragt, ob wir nicht mal wie­der Ge­schlechts­ver­kehr haben könn­ten – ich wün­sche mir doch so sehr einen klei­nen Verfüh­rer­sohn. Eva lach­te nur und hat mich ge­fragt, ob denn schon wie­der Weih­nach­ten wäre. So eine Frech­heit! Ist sie Franz Beckenbauer oder was! Und Blon­die, diese dumme Töhle, kann den Füh­rer­gruß immer noch nicht!

16. April 1944
Klug wie ich bin, habe ich heute ein neues Ge­setz er­dacht. Unter Pa­ra­graph 18181818, Absatz 888888Periode8 ist jetzt fest­ge­legt, dass das Weih­nachts­fest von nun an am 17. April ge­fei­ert wird. Eva weiß noch nichts von ihrem Glück, mor­gen werde ich sie über­ra­schen. Das wird sehr, sehr gut.

17. April 1944
Was hatte ich mich auf die­sen Tag ge­freut! Weih­nach­ten! Das Fest der Liebe! Im gan­zen Reich bau­ten die Kin­der Schnee­män­ner aus Asche, die Leute schenk­ten sich ge­gen­sei­tig hübsch ver­zier­te Kör­per­tei­le (oder was sie sonst noch so auf den Stra­ßen fin­den konn­ten) und ich freu­te mich dar­auf, mei­nen, zu­ge­ge­ben, klei­nen Adolf in Eva ein­mar­schie­ren zu las­sen. Doch Evas Mumu wagte einen Putsch, sie woll­te sich mir nicht öff­nen. So etwas darf nie, nie wieder passieren! Abends bat ich dann Gott um Hilfe, aber er ant­wor­te­te mir nicht. Dar­über wun­der­te ich mich kurz, aber ich hätte mir ja ei­gent­lich den­ken kön­nen, dass der keine Zeit hat, wenn sein Sohn ge­ra­de Ge­burts­tag fei­ert. Wie dumm von mir. Aber auch ein Füh­rer ist nicht un­fehl­bar.

18. April 1944
Ich traf mich heute mit Jo­seph, dem alten Spas­ti vom Nie­der­rhein, um ihm mein Leid zu kla­gen. Jo­seph war sehr ein­fühl­sam, wir tran­ken ge­mein­sam drei ari­sche Kan­nen Kaf­fee und dann frug er mich: „Willst du die to­ta­le Auf­mun­te­rung?“ und na­tür­lich wil­lig­te ich ein. Eine to­ta­le Auf­mun­te­rung ist die kür­zes­te Auf­mun­te­rung. Er er­zähl­te mir, ich bräuch­te mir keine Sor­gen um Evas Mumu zu ma­chen, die wäre nicht immer so tro­cken. Na dann.

20. April 1944
Ge­burts­tag! Juhu! Jubeldubeldei! Alle meine Freun­de sind ge­kom­men und wir haben zu dritt eine tolle Fete bei mir im Füh­rer­bun­ker. Hein­rich schenkt mir ein Ei. Ein rohes Ei! Wozu? Ich weiß es nicht, ver­dammt! Aber alle an­de­ren fan­den es lus­tig, also habe auch ich ein biss­chen mit­lei­dig ge­schmun­zelt. Bin ja immer noch kein Un­mensch. Dann hat jemand gepupst. Man gab mir die kollektive Schuld! Doch ich war das nicht! Das Gas kam aus einem Gestapo! Scha­de nur, dass Eva und Jo­s­peh nicht zu mei­ner Feier ge­kom­men sind. Wo sie bloß sind?

21. April 1944
Heute habe ich etwas ge­lernt: wenn Blon­die auf dem Rü­cken liegt, ge­lingt ihr an­nä­hernd der Füh­rer­gruß. Ich bin stolz auf sie. Gab ihr zur Be­loh­nung ein paar Ha­ken­kreuz­kek­se und EssEss-Papier. Im deut­schen Reich soll nie­mand hun­gern! Achso, Eva ist üb­ri­gens wie­der auf­ge­taucht. Und als nach­träg­li­ches Ge­burts­tags­ge­schenk brach­te sie mir einen neuen Film von Leni (nicht Lenin!) mit. Auf DVD. Ach nein, die gibt es ja noch nicht. Also im Super8-Format. Der Film scheint eine Liebeskomödie zu sein: „Wie ich in Auschwitz mein Herz verlor – und alle anderen Organe auch“.

22. April 1944
Eva will nicht fi­cken, der Krieg geht mir auf den ein­ei­igen Sack, alles läuft ein­fach schei­ße im Mo­ment. Daher lenke ich mich ein wenig ab. Hein­rich hat mir zum Ge­burts­tag eine Schall­plat­te mit ent­ar­te­ter Musik mit­ge­bracht. Ich höre sie nun schon seit Stun­den und tanze flip­pig dazu. Und dann stelle ich fest, dass ich eine ganz schön arme Wurst bin. Allerdings nicht knackig wie Wiener oder würzig wie Krakauer, sondern mehr so wie die in Schweinskopfsülze. Owei. Hoffentlich liest das hier niemand jemals.

Joa, ups.

Andere Ansichten anhimmeln

Rätsel für Nazis

[via NPD Berlin]

Musik, heil!

Nürnberg. Enkel Kevin kauert auf dem Wohnzimmerboden und kaut am Strohhalm seines Tetrapak-Kakaos. Seine Haare, sowie seine Großeltern haben in den üblichen Positionen Platz genommen, um mit dem „Frühlingsfest der Volksmusik“ in die wunderbare Welt der Playback-Akkordeons zu flüchten. Es erscheint wie ein Eingeständnis an den Unterhaltungswert des telemedial Dargebotenen, doch der fleißige Kaffeekonsum des Rentner-Ehepaares ist ein entkoffeinierter und trägt den Namen „Kaffee Haag“. „Mhh, legger!“ ruft Opa zum erwärmten Wasser und hebt das Kännchen in die Höh‘. Er weiß, dass der Erfinder seines Lieblingskaffees, namentlich Ludwig Roselius, ein Freund der NSDAP war und die SS finanziell unterstützte, doch davon lässt sich Großvater Gunther nicht am Genuss seines Kaffees stören. Stolz hebt er einen seiner zwei Zeigefinger in die Luft und informiert seinen Enkel: „Den hat es damals schon gegeben, als ich so alt war wie du!“. Kevin dreht sich kurz um, schaut seine Großmutter an. Sie nickt freundlich und verzweifelt danach wieder an den Spielregeln der Sudokus in der Apothekenzeitschrift. Nachdem Kevin dann seinen Kakao leer geschlürft hat, merkt er fröhlich an, dass er die Molkereiprodukte von „Müllermilch“ sowieso am besten fände. Opa merkt an, dass deren Chef Theo Müller sogar wie er selbst Mitglied in der Partei ist. Oma fügt hinzu, dass Opa die CSU meinte. Kevin zuckt mit den Schultern. Im Fernsehen singt ein bayrisches Paar ein Lied von ewiger Liebe.

Als Kevin das Wohnzimmer dann kurzzeitig zum Zwecke des Kakao-Nachschubs verlässt, gibt Opa Oma heimlich einen trockenen Kuss auf die Wange. Oma lächelt verträumt und richtet ihren Blick dann verträumt aus dem Fenster, wo ein paar Buntspechte durch die braunen Herbstblätter hüpfen: „Sieh mal, Gunther, die Vögelchen, wie süß!“. Opa fühlt sich in seiner Liebelei gestört und schaut nur unfreiwillig, aber grimmig nach draußen. Sein Lieblingsvogel ist der Spatz, aber Gunther hat lange keinen mehr gesehen oder wenigstens gehört. Die sind vielleicht in eine andere Wohngegend gezogen oder halten womöglich gerade in Südamerika Winterschlaf. Schade, findet er. Das kleine Buntspecht-Grüppchen sucht noch ein paar Minuten lang erfolglos nach Würmern, dann flattern die Vögel mit Gezwitscher zurück in ihr Nest. „Und wie laut die immer sind!“, nölt Opa, „da kann man ja sein eigenes Wort nicht mehr verstehen!“. Oma streichelt ihm beruhigend auf die Schulter. Schließlich kommt Kevin aus der Küche zurück und teilt traurig mit, dass es dort keine Strohhalme mehr gäbe. Er müsse seinen Kakao nun aus einem Glas trinken, was den Trinkgenuss mindere. Ach was, sagen die Großeltern, so entsteht wenigstens nicht so viel Müll. Kevin fühlt sich von diesem Argument getröstet. Er setzt sich auf die Couch und schaut gebannt in die Fernsehröhre. Roberto Blanco tappt die Showtreppe herunter und singt, dass ein bisschen Spaß sein müsse.

Kevin klatscht zustimmend in die Hände. Oma erzählt ihm, wie lustig es doch sei, dass „Blanco“ aus dem Spanischen übersetzt „Weiß“ heiße und Kevin weiß mit dieser Bemerkung erst nichts anzufangen, dann lacht er ein unschuldiges Kinderlachen. Während der lustige Mann im Fernseher vor sich hin singt, richtet Kevin seinen Blick auf seinen Opa. Er schaut mürrisch und gießt sich unvernünftig viel Milch in seinen Kaffee. Kevins Stirn beginnt sich zu runzeln und nachdem er all seinen Mut zusammengegtragen hat, fragt er seinen Großvater: „Du, Opa, wann hast du zum ersten Mal einen Schwarzen gesehen?“. Es folgt Stille. Opa zögert mit seiner Antwort. Er möchte nichts Falsches sagen. Gerade, als er antworten will, dass er das nicht mehr so genau wüsste, wird er von seiner Ehefrau gerettet: „Schau mal, Gunther, der Kevin hat vom Kakao einen kleinen Schokomilchbart unter der Nase bekommen, wie goldig!“.