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Der Sinn von Träumen kann doch nicht nur sein, dass man sich beim Schlaf nicht langweilt

Neulich, da träumte ich von geistiger Umnachtung. Jeder tat Dummes. Chaos in allen Gassen. Jeder hier könnte ein „I’m with stupid“-Shirt tragen und bei niemandem ginge es als Ironie durch. Und für gewöhnlich bin ich ja ein recht gehässiger Kauz. Dumme Menschen, ts. Eigentlich ein gefundenes Fressen für mich, ich habe häufig Hunger auf Häme. Sich erheben und besser fühlen: Manchmal voll okay! Und nirgendwo wird es einem leichter gemacht als hier. Ein wahres All-You-Can-Diss-Mekka. Aber mir ging das Irren der Alptraummenschen tatsächlich sehr nah. Ausnahmsweise. So hatte ich regelrecht Unterhautausschlag, als ich sah, wie einige Menschen panisch Straßenlaternen hinauf zu klettern versuchten. Sie wollten Wolken essen, vermute ich. Besser wussten sie es nicht, vermute ich ebenfalls. Überhaupt: Keiner wusste irgendwas, alle wussten nix; was war, was ist und wofür das hier alles hingestellt worden ist und weshalb. Ein großer, hilfloser Haufen Mensch. Körper-Klumpatsch. Mit Antwortpanik und Unwissenheitstourette; auf der erfolglosen Suche nach der Ausfahrt aus der Irrfahrt. Hier konnte man Fragezeichen in den Köpfen nicht nur fühlen, sondern auch sehen. Ich bin mir sicher, [hier bitte beliebigen, als außergewöhnlich dumm geltenden Prominenten einsetzen] wäre hier bereits als Baby Bürgermeister, Bundestrainer und Nobelpreisträger geworden. Doch dumm ist nicht der, der Dummes tut, sondern der, der nichts gegen Dummes tut. So hielt ich es ausnahmsweise für meinen Traumjob, den Gestalten hier zu helfen.

Besonders bedürftig erschien mir eine ältere Dame mit grünem Seidentuch um den Kopf. Sie ging die Straße immer wieder auf und ab, planlos und mit den kleinen Händen an den Kopf geklammert, so als würde sie hoffen, es käme ihr durch Händedruck eine Antwort. „Kann ich Ihnen helfen? Wollen Sie irgendwo hin?“, frug ich sie. „Nach Hause! Nach Hause!“, wimmerte mir die Frau entgegen. Sie zeigte mit Armen und Beinen in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig, es wirkte wie ein tragischer Tanz. Erst jetzt fiel mir ihr ungewöhnliches Äußeres auf. Ihre Zähne waren so orange wie etwas, das sehr orange ist (z.B. eine Orange). Und ihre Augen waren sehr, sehr groß. Wäre ich Journalist, so müsste ich ausrechnen, wie häufig das Saarland oder Fußballfelder hineinpassten. Stattdessen frug ich weiter: „Wo ist denn Ihr Zuhause? Können Sie mir einen Straßennamen nennen?“, „Nein, nein! Weiß nix! Dahinten!“. Sie lief Richtung Norden. „Nein, dahinten nix, dort hinten!“, sie lief Richtung Süden. Ihre nackten Füße klapperten auf dem Asphalt hin und her. Ich lief ihr nach, um sie zu fragen, was sich denn Markantes in der Nähe ihrer Wohnung befände. Vielleicht könnte ich ihr ja doch noch helfen. Sie antwortete: „Mein Mann“. Ich blieb regungslos stehen und konnte nur noch hinterher sehen, wie sie breitbeinig auf eine Straßenlaterne sprang.

Ein paar Vögel zwitscherten ein Lied, vielleicht Mozart. Vielleicht improvisiert. Vielleicht aber auch egal. Ein dürrer Mann im Unterhemd fiel vor meine Füße. Er schwitzte stark wie ein Marathonläufer nach dem Zieleinlauf. „Wie spät ist es, wie spät ist es?“, keuchte er mich an und ich antwortete ihm wahrheitsgemäß: „Drei Uhr in der Nacht“. „Und warum? Warum ist es drei Uhr in der Nacht? Warum nicht Nachmittag? Warum? Warum? Waruhuhuhuhum?“. „Tut mir leid, das weiß ich nicht“. „Das höre ich immer, keiner hier weiß etwas!“. Nun veränderte sich seine Stimme, als hätte man seine Zunge ausgetauscht oder seine Stimmbänder geölt: „Aber ich stelle mich erstmal vor, wenn du schon von mir träumst. Hallöchen, ich bin hier gewissermaßen so etwas wie dein Gewissen. Der Geist der vergangenen Diffamierungen, oder so. Ich muss jetzt auftauchen, denn gleich wachst du auf. Und ohne Moral wäre so ein Traum ja ganz schön sinnlos, nicht wahr? Träume sind schließlich nicht nur dafür da, dass man sich beim Schlaf nicht langweilt. Achso, mein Name ist übrigens Kevin“, er reichte mir seine linke Hand. Ich schüttelte sie. Was sollte ich auch sonst tun.

Er fuhr fort: „Übrigens heißen hier alle Kevin. Sogar einige Frauen. Die anderen heißen Chantal. Und weißt du, wieso wir hier so heißen? Weil man dir erfolgreich eingeredet hat, dass dumme Menschen so heißen. Du bist aber nicht nur schuld an unseren Namen, sondern auch an unserer Existenz. Diese ganzen Vorurteile, die du mit dir herumschleppst. Deine Verachtung für vermeintlich weniger Gebildete. Deine politische Inkorrektheit. All das paart sich und ergibt eben diese Bastarde, die du hier nun herumpurzeln siehst. Dieser Traum hier war ein Test, du hast ihn bestanden. Zwinker, zwinker! Du hast aber hoffentlich gesehen, dass deine uncoole Art langfristig eher zu einem gesellschaftlichen Alptraum führt. Merke: Nett sein belohnt dich, Arschloch sein lohnt nich‘. Also, du weißt, was zu tun ist. Wache nun auf und sei erleuchtet. Keine Ursache, Adieu mit ö.“

Ich tötete ihn. Und tatsächlich, dann ich wachte auf. Noch im Schlafanzug verpackt rannte ich auf die Straße, kletterte auf eine Straßenlaterne und versuchte, Wolken zu essen.

[der Titel des Textes ist angelehnt an einen Spruch des sehr guten Komiker-Duos Katz & Goldt, erwerbt das dazugehörige T-Shirt bitte hier.]

Am Gartenzaun

Auf der Straße, in der ich wohne, ist für gewöhnlich nicht besonders viel los – daher wohl ihr Name „Randstraße“. Und so erklärt sich auch meine ungewohnte Schaulustigkeit: Vor einem kleinen Haus irgendwo zwischen meiner Wohnung und einem Supermarkt standen viele, viele Autos mit fernen Kennzeichen, man versammelte sich chic und lachend in einem Vorgarten. Ich blieb stehen. Hm. Leute, die in dieser Gegend auffällig gut gelaunt sind, sind immer erstmal verdächtig. Rasch wurde jemand auf meine Anwesenheit aufmerksam und meine Blicke schienen zu fragen, was hier denn los sei. Eine Dame erklärte mir, dass hier eine italienische Hochzeit gefeiert würde. Hossa!

Trotz meines Aussehens frug man mich dann: „Wollen Sie mitfeiern? Oder sind Sie ein Nazi?“ und ich verneinte beides. „Also doch Nazi?“, „Nein, nein; aber ich halte nichts von Hochzeiten“ erklärte ich plausibel. Unverständnis hinter dem Gartenzaun. Und als ich schließlich davontrottete, rief mir ein älterer Herr hinterher: „Kommunist!“– womit ich zwar deutlich besser leben kann, aber vielleicht hätte ich einfach einen Grappa mittrinken sollen. Denn so wird das nichts mit der guten Nachbarschaft. Mi scusi!

Kann Spuren von Restalkohol enthalten

Es begab sich, dass eine deutsche Mutter drei Kinder warf. Hintereinander und untenrum nackt. Das Wunder der Geburt entfaltete sich wie eine Ziehharmonika, nur lauter. Beim Pressen wurde ge-ooooht, ge-aaaaht und gepresslufthämmert. Was vollkommen okay ist. Drei Kinder auf einmal, das ist mehr als doppelt so viel wie die durchschnittliche deutsche Durchschnittsmutter im Durchschnitt per Kaiserschnitt auf die Welt schmeißt. Respekt! Ich hätte das aus Gründen nicht gekonnt. Die deutsche Mutter hat mir einiges voraus! Und im kühlen Lampengeflacker des Werner Schulze-Erdel-Hospitals wurde es dann eine wahre Nachwuchstrilogie; eine Drillingsgeburt in drei gleich großen aktentaschengroßen Akten. Die Hebamme, gelernte Kellnerin, nahm die dreiteilige Brut auf einmal auf, legte sie beiseite und wunderte sich währenddessen über den kuriosen Verlauf der Geburt: Getreu der deutschen Tugend „Ordnung“ hatte sich Mutter Natur in Kooperation mit Vater Mammon nämlich etwas überlegt.

So fielen die Filiusse und Filia gemäß ihrer finanziellen Zukunft aus der mütterlichen Mumu heraus. Es ist wie es ist wie es ist wie es ist, es ist folgendermaßen: Das Erstgeborene trägt exklusiv die traurige Last des Erstgeborenen – die anderen nicht. So wurde das erste Kind arm geboren, das zweite so mittel und das dritte reich. Und das Reichste bekam auch als einziges Kind einen Namen geschenkt, weil die Mutter sparen musste. Jüngst verlor sie wegen ihres irrational expandierenden Bauches sogar ihren Arbeitsplatz als menschliches Korrektiv bei „Lafer! Lichter! Lecker!“. Wie inspirierend diese Arbeit für sie gewesen war, zeigt jedoch die Namenswahl für das reichste Kind. Es wurde geschlechtsneutral auf den Namen „Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran“ getauft.

Was zu ungeahnten Schwierigkeiten im Kindergarten führte. Obwohl die anderen Kinder selbst mehr Bindestriche als Vokale in ihren Vornamen trugen, waren sie kognitiv nicht dazu in der Lage, sich den leckeren Namen zu merken. Dabei hätten sie ihn in jedem gut sortierten Supermarkt nachlesen können. So erhielt Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran schnell beziehungsweise fix den tollkühnen und toll kurzen Spitznamen „Tütensauce“. Und schwuppdischwabbeldiwuppwupp, ausgestattet mit diesem sehr guten Namen lief es auch gleich viel besser für Tütensauce. Es war ihm nun beispielsweise ein Leichtes, Mitspieler für sein flippiges Traktor-Quartett zu finden und auch sonst entwickelte sich Tütensauce prächtig.

Mit vier Jahren hatte es bereits seinen ersten eigenen Kaufladen. Mit fünf Jahren führte es ein komplettes Kasperletheater. Und mit gerade einmal sechs Jahren untersuchte es als „Dr. Tütensauce“ diverse Kinderkörper auf Herz, Nieren und Kitzeligkeit. Ausgestattet mit diesem runden Teil, an welches so ein an den Ohren endender Schlauch angeschlossen ist – Klugscheißer nennen diese Vorrichtung „Plastik-Stethoskop“ – stellte es verlässlich fest, ob jemand lebte oder eben nicht mehr. Und siehe da! Der ganze Kindergarten lebte! Dank und wegen und mit Tütensauce. Für seine Mutter zurecht ein Grund für das Fühlen von ehrlichem Stolz.

Ebenfalls tröstete es sie darüber hinweg, dass der Spender des Drillingssamens zu dieser Zeit gesellschaftlich einen schweren Stand besaß. Tütensauces Vater hatte ein mittelmäßiges Gedicht über Israel geschrieben und die Leute hatten sich anschließend mächtig darüber aufregt; wahrscheinlich, weil es sich nicht reimte. Immerhin hatte Tütensauce durch ihn ein gewisses Bisschen künstlerisches Talent geerbt. Es malte gern und gut wie ein begabter Schimpanse, manchmal fanden am hauseigenen Kühlschrank Vernissagen statt. Zudem tanzte es wunderbar Ballett. Weswegen Tütensauce in diversen Theaterstücken mitspielen durfte: in „Wilhelm Tell“ spielte es den Apfel, in „Faust“ einen heftigen Luftzug und in „Don Carlos“ einen Baum.

Weniger erfolgreich verlief hingegen leider das Heranwachsen seiner weiterhin namenlosen Geschwister. Ach ja, die waren ja auch noch da, mag der geneigte Textkonsument nun denken. Ähnlich dachten auch die Eltern. Schatten-Geschwister, irgendwie existent, natürlich auch geliebt, aber eben nur im Hintergrund. Sie lernten gerade erst das Lesen und verwechselten dabei ständig O und Q, was mitunter zu lustigen Neologismen wie „Ouoatschkqpp“ führte. Ganz schön arm! Aber man hätte es schon bei der Geburt erkennen können: Reich sein hilft. Und mit dieser nicht sonderlich neuen Erkenntnis endet dieser Text; gewiss jedoch nicht die Geschichte des unglaublichen Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran. Ein Typ der Meisterklasse! Von ihm wird man noch viel hören! Oder essen, falls er denn irgendwann mal Koch wird. Guten Appetit!

Eine kleine Geschichte, die vielleicht auf Missstände hinweist

Die Laus sitzt auf einem Blatt und guckt herum. Hier oben von der Eiche aus kann man prima in den Wald blicken. Und staunen. Mutter Natur ist eindeutig die kreativste Frau der Welt, weit, weit vor Ruth Moschner und Erika Steinbach, um nur zwei unpassende Beispiele zu nennen. Im Wald sind Politik und Comedy egal, man lebt einfach nur seinen tierischen Alltag. Fern von allem, nah am Glück. Dort drüben, da spielen ein Igel und ein Hase Fangen, dahinten schleppen circa tausend Ameisen eine große Menge Kleinigkeiten von hier nach da. Und die Laus futtert ein bisschen Blattzeug. Am schmackhaftesten sind die weichen Mittelteile, der Rand schmeckt nur so mittel. Blätter sind wie Toastbrot, nur anders. Dann kommt der Wind. Mühelos übertönt er die feinen Kehlen der Singvögel. Wenn einem die Natur kommt, dann geht das Konzert in eine unfreiwillige Pause. Der Wind, der Wind, das himmlische Findelkind des Sturms. Die sehr kleinen und schwachen Waldtiere verstecken sich in Löchern, man sucht Schutz und findet ihn. Nur die Laus ist gefangen, hält sich mit ihren kleinen Laus-Tatzen am Blättchen fest. Das Eichen-Geäst wackelt bedenklich von links nach rechts, oben und unten. Der Stiel des Blattes leistet fleißig Widerstand, doch der Diktatur des Windes hat es nicht viel entgegenzusetzen. Es bricht. Das Blatt segelt hinunter. Und die Laus fühlt sich wie Superheld. Fliegen! Wie Fliegen! Oder Vögel! Oder Flugzeuge! Paradoxerweise vergeht die Zeit im Flug exakt so schnell wie üblich.

Am Boden angekommen, schüttelt sich die Superlaus kurz, um den Baum wieder hinauf zu krabbeln. Das war toll! Nochmal! Was einen nicht tötet, das will man nochmal machen. Doch der Wind ist längst weitergezogen. In die Stadt, wo die Menschen ihn nur als notwendiges Übel ansehen. Dort ist der Wind ist wie Politik und Comedy. Mutter Natur gefällt das nicht. Und der Laus ist es egal.

Ein modernes Märchen im Präsens

Es sind einmal ein cholerischer Misanthrop, eine chinesische Rentnerin und ein Kleinwüchsiger in einem Dinosaurier-Kostüm. Die sitzen in einer Bar. Sie wünschen sich ständig irgendwelche Lieder, die der Barkeeper nicht kennt und bauen lustige Häuser aus Bierdeckeln. Die Stimmung ist dennoch betrübt: In der Redaktion des örtlichen Telefonbuch-Verlages hat ein Schelm die Nullen durch Os ersetzt und jetzt kann niemand mehr die Telefonnummern lesen. „So eine Scheiße, ich hasse euch alle!“ ruft der Misanthrop plötzlich völlig unvermittelt und völlig plötzlich, da unvermittelt. Besonders die Chinesin erschreckt sich sehr stark, weil sie nicht versteht, was gerade gesagt wurde und generell gar nicht weiß, wie sie überhaupt hergekommen ist. Eigentlich wollte sie eine leckere Marzipantorte backen und in Deutschland rasch ein wenig Marzipan erwerben. Dass daraus nicht wurde, muss man der deutschen Infrastruktur vorwerfen. Die ist nicht so gut. Aber nun ist die Chinesin eben da und wird brav toleriert. Manchmal quietscht sie vergnügt und altersmilde. Der Barkeeper sagt dann stets: „Völkerverständigung beginnt in der Leber! Prost!“ und schmeißt eine Lokalrunde.

Besonders amüsant ist es dann, dem Kleinwüchsigen zuzusehen. Die Biergläser sind kaum größer als er. Wenn er sich die Mühe machen würde, den Haltegriff hinauf zu klettern, könnte er im Bier schwimmen. Doch diesen Gefallen tut er den Anwesenden nicht. Schade. Dafür erfreuen sie sich fleißig an seinem vollkommen sinnlosen Dinosaurier-Kostüm, welches er wie folgt hergestellt hat: Man nehme eine kleine Hartgummi-Figur der Firma „Schleich“, höhle das Innere der Figur hinaus und wenn dann noch akrobatisches Talent vorhanden ist, kann man in das harte Korsett hinein schlüpfen. Fertig. „So ein Scheiß-Kostüm, ich hasse dich!“ ruft der Misanthrop und fügt hinzu: „Aber nicht, weil du sehr, sehr klein bist, sondern weil du ein Mensch bist, nur um das klar zustellen. Misanthropie und Rassismus sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. So wie Post-Its und reguläre Notizzettel.“ Und dann quietscht die chinesische Rentnerin; ein drei Meter großes Bierdeckelhaus fällt infolgedessen in sich zusammen. Der Kleinwüchsige wünscht sich ein tiefgründiges Liebeslied von Peter Maffay, der Barkeeper kommt diesem Wunsch nach und so weiter.

Als die Szenerie dann beginnt, sich langweiligerweise ständig zu wiederholen, kommt auf einmal der liebe Gott in die Bar. „Tach, Gott“ begrüßen ihn die Barbesucher beiläufig, der Barkeeper hält einen mäßig unterhaltsamen Monolog mit vielen „oh mein Gott“-Anspielungen. „Oh mein Barkeeper, mix mir einen Scotch mit Single Malt! 50:50!“, sagt Gott ganz lässig und cool und alle sind sich sicher, dass das tatsächlich der liebe Gott sein muss, denn sonst wäre er nicht so lässig und cool. Schnell realisieren die Gäste, dass dies ein besonderer Moment ist. Mit Gott sprechen kennen sie nur aus dem Fernsehen und gilt nun zu testen, ob BibelTV so authentisch ist wie gedacht. Als Erste wendet sich die Chinesin an Gott und erzählt ein bisschen mit ihm, der ja praktischerweise alle Sprachen der Welt spricht, weil er sie erfunden hat. [irgendwas auf Chinesisch, keine Ahnung] Gott zeigt Richtung Norden, wo spontan eine pittoreske Marzipanbäckerei aus dem Boden wächst. Ein letztes Mal quietscht die Rentnerin, um anschließend fröhlich die Bar zu verlassen. „JAWOLL, endlich ist sie weg! Ich hasste sie“, jubelt der Misanthrop und fügt an: „Aber ich freue mich nicht darüber, weil ich ein Nazi bin, sondern einfach nur so, weil. Ich. Es. Kann. Fickt euch!“.

Und dann bewegt sich der Kleinwüchsige in die Richtung des Allmächtigen. Gott kann ihn erst nicht sehen, da er unschön über die Teppichfransen gestolpert ist, aber dann sieht er ihn doch, weil alles andere nicht in die „Dramaturgie“ dieser Geschichte passen würde. „Dein Problem ist kaum zu übersehen, mein Sohn“, sagt Gott und tätschelt sanft über das Dinosaurierkostüm. „Hier, du sollst haben, was dir fehlt.“ spricht er weise und kurioserweise in einem ostdeutschen Dialekt. Und dann zaubert er dem Kleinwüchsigen ein verkehrssicheres Damenfahrrad herbei. „Nun kannst du radeln, wohin du willst! Aber denke immer daran, dass jeweils zwei Katzenaugen in die Speichen geklemmt sind und achte stets aufmerksam auf den Verkehr!“ Der Kleinwüchsige ist hocherfreut, tritt sehr kräftig in die Pedale und vor lauter Geschwindigkeit fährt er ein Loch in die Tür. Gottseidank ist es sehr klein, so dass höchstens Kellerasseln hindurch passen würden.

„Gut, dass der weg ist, ich habe ihn immer geha…“, will der Misanthrop dann sagen, doch seine intelligenten Ausführungen werden von Gott jäh gestört. „Schweig“, sagt er, „ich weiß, was du sagen willst. Und ich sage dir eins: du hast völlig recht. Menschen sind total bescheuert. Verzeihung dafür.“ Da ruft der Barkeeper: „Reue fängt in der Leber an! Lokalrunde!“ und wenn sie nicht gestorben sind, dann saufen sie noch heute.

Das Quiztaxi kann nicht überall gleichzeitig sein [neue Version]

„Sagen Sie mal, wieso läuft das Taxameter eigentlich auch dann weiter, wenn wir an einer Ampel stehen?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf leicht nach rechts, in seinen Augen flackert das Böse: „Ist halt so.“

Sie stehen an der Kreuzung zwischen Ostwall und Marktstraße. Die Laternen arbeiten, es ist Nacht. Der Fahrgast hätte natürlich laufen können, aber auch zwei Kilometer können sich ganz schön ziehen. Und: Wer kann, der kann eben. Das Taxameter zeigt sechs Euro und zehn Cent. Portokasse, das sind lediglich Peanuts/Erdnüsse für ihn. Der Staat will zwar einen Teil seines Einkommens, aber der Spitzensteuersatz wurde im unermüdlichen Laufe der Zeit so sehr gesenkt, dass, nun ja, er kann sich Taxifahren halt leisten. Als sie dann an einem Wahlplakat einer beliebigen Partei vorbeifahren, liegt ihm eine weitere Frage auf den Lippen:

„Sagen Sie mal, wieso beschweren sich immer alle über die Politik? Jeder, der in unser Land kommt kann doch aus sich machen, was er will. Und das sage ich jetzt nicht, weil sie schwarz sind.“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so. Und ich das sage ich Ihnen nicht, weil sie weiß sind.“

Nieselregen setzt ein, ein einsamer Passant schaut dem Taxi hinterher und sucht in seiner Hosentasche nach einem Feuerzeug. Ob er es findet, bekommen die Taxi-Insassen nicht mehr mit.

„Okay, gut, aber, sagen Sie mal, wieso sind alle Taxis aus dem Hause Mercedes, wo es doch so viele andere gute, tolle, deutsche Automarken gibt; so ein Taxi-Porsche, kennen Sie doch, oder?, das hätte doch mal was, vor allem: Stil?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert immer noch der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

Die Ampel springt auf grün, das Auto mit dem gelben Schild fährt den Ostwall hinauf. Aus dem Funkgerät des Taxifahrers kommen alle paar Sekunden irgendwelche Krefelder Straßennamen gekrächzt. Breite Straße, Lewerenzstraße, Tiergartenstraße, Horstdyk; überall Menschen, die abgeholt werden müssen. Und dann? Manchmal kotzt einer auf die Ledersitze, manchmal versucht einer ohne zu zahlen zu flüchten, manchmal ist es sogar ganz angenehm. Und heute ist es so, wie es ist. Das Taxi fährt nun eine Linkskurve, rumpelt langsam in die Rheinstraße. Vorbei an leer stehenden Geschäften, vorbei an Geldautomaten, vorbei an Tauben, die sich selbst mit ein paar Brotkrümeln füttern.

„Sagen Sie mal, was würden Sie tun, wenn Sie ein Tier wären, also, ein richtiges Tier, sagen wir eine Taube? Ich würde ja jeden Tag auf McDonald’s kacken. Kann diesen Schuppen nicht leiden; das ist gar kein richtiges Restaurant, die tun nur so. Ein Pseudorestaurant ist das doch. Für Leute, die die Fischgabel nicht von der Aufschnittgabel unterscheiden können. Dort bekommt man noch nicht einmal ein Schälchen mit Brotscheiben und Kräuterbutter, oder haben Sie schon mal einen Brotkorb bei McDonald’s bekommen? Haben Sie bestimmt nicht! Die wissen nicht einmal, wie man Kräuterbutter überhaupt buchstabiert! Ich schon! K, R, hm, Ä, U, T, E, R, B, U, Doppel-T, E, R. Ha!“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nicht, in seinen Augen flackert überhaupt nichts mehr: „Wenn ich eine Taube wäre, wäre sich bestimmt irgendeine Taube nicht dafür zu schade, mich zu fragen, was ich tun würde, wenn ich ein Mensch wäre. Und ich sage Ihnen eins:“, nun dreht er seinen Kopf doch noch: „Ich würde dann bestimmt nicht antworten: Taxifahren.“

Während sie über die Uerdinger Straße fahren, übt sich der Gast in einem erstaunten, aber lautlosen Ausdruck des Verständnisses. Er scheitert auf eine wenig würdevolle Art und Weise. Dialog gescheitert. Wenigstens das geographische Ziel wird erreicht, sie biegen in die Zielstraße ein. Als wären sie es gewohnt, wird nun geschwiegen. Portmonee-Rascheln ist das einzige Geräusch weit und breit. Der Fahrgast stöhnt ein wenig: Acht Euro vierzig, da war der Türke neulich günstiger, na gut. Doch er moniert beim Aussteigen etwas Anderes: „Sagen Sie mal, kennen Sie das Lied ‚ICE‘ von Rainald Grebe? Da singt er die Zeile: ‚die Wahrheit sagt dir jeder Taxifahrer‘, aber das ist wohl komplett gelogen. Ich bin ehrlich enttäuscht, wissen Sie das?“

Der Taxifahrer schmunzelt in sich hinein, nimmt das abgezählte Honorar ohne Trinkgeld beiläufig in Empfang. Er sagt: „Enttäuschungen kommen im Leben vor, denn, wissen Sie: das ist halt so.“ Und dann fährt er fort.

Durchgeplantes Düdeldüdeldü

Ich bin ein Mann der Strukturen. Mein Körper hat Struktur, meine Texte haben Struktur und wenn ich das alte Stilmittel der Aufzählungen bemühe, dann nenne ich immer exakt drei Dinge, weil jede gut strukturierte Aufzählung das so macht. Eins, zwei, drei; ene, mene, mu und Glumanda, Glutexo, Glurak; zum Beispiel. Doch die schönste Struktur der Weltgeschichte der Strukturen habe ich in meinen Alltag eingewebt. Denn, wenn ich nicht gerade fremde Städte oder Bühnen mit meiner Anwesenheit beehre, halte ich mich strikt an einen auditiven Plan, den ich mir selbst ausgedacht habe, weil ich so verdammt kreativ bin. Die Spannung steigt, mein Plan geht so: Ich höre jeden Tag nur eine einzige Musiksparte. Abwechselnd und vorbestimmt. Stichwort: Fatalismus statt musikalisches Durcheinander! Um es zu konkretisieren: Mein Kalender gibt mir also vor, was ich höre. Was konventionellen Erdenbürgern außergewöhnlich ungewöhnlich erscheinen mag.

Schließlich ist anzunehmen, dass die meisten Leute nur das hören, was sie auch hören wollen. Aber so bin ich nicht. Ich brauche strenge Zwänge und obskure Strukturen, sonst langweile ich mich und das muss ja wirklich nicht sein, schließlich bin ich, wie bereits erwähnt, kreativ und zudem ein reisender Bühnenpoet. Die Leute zahlen bisweilen Geld dafür, nur um mich zu sehen und zu hören. Was ich verstehen kann. Schließlich liegt auch in meinem Zimmer stets ein Hut auf dem Boden, damit ich mir, wenn ich mich wieder einmal selbst gut unterhalten habe, einen kleinen Obolus zukommen lassen kann. Was zwar auch wieder sehr kreativ ist, jedoch kann man davon nicht leben, ich lande meistens bei plus/minus null. Doch ich schweife ab.

Montag.
Die Woche soll gut starten, deswegen ist der Montag auch der Tag für richtig, richtig gute deutsche Musik mit tollen Texten und virtuos gespielten Instrumenten, abseits der bis zum Klang-Tod mit platten Metaphern penetrierten Dienstleistungs-Schnulzen, die einem sonst so aus dem Radio ins Ohr geschwabbelt kommen. An dieser Stelle ein unherzliches: Fick dich, Tim Bendzko! Wenn Worte deine Sprache wären, dann hättest du vielleicht auch mal was zu sagen, stattdessen spülst du nur abgehangene Plattitüden in deine Texte, du singende Spülmaschine, du! Montags höre ich also nur sehr selten etwas.

Dienstag.
Um dann wieder zu guter Laune zu gelangen, ist der Dienstag der Tag der Musiker, die in ihren Texten deutsch und englisch mischen dürfen, weil sie es können. Sprich: Am Dienstag höre ich nur „Ja, Panik“. Die kommen aus Österreich und wohnen jetzt in Berlin. Österreichische Künstler, die irgendwann nach Berlin ziehen und dort dann erfolgreich werden. Hm. Dazu fallen mir absolut keine Witze und Vergleiche ein. Übrigens, ihr 2011er-Album „DMD KIU LIDT“ ist eines der besten Alben der letzten Jahre. Ernsthaft jetzt. Muss ja nicht immer alles Halligalli und hihihi sein hier.

Mittwoch.
Auch nicht am Mittwoch. Im Gegenteil. Ich mag Alliterationen, daher heißt dieser Tag bei mir nur „Melancholie-Mittwoch“. Traurige Songs über Liebe und so ein Gedöns. Ich mache mir dann eine heiße Tasse Schokolade (Milka, Sorte „Kuhflecken“), setze mich vor den Fernseher bei eingelegter Kaminfeuer-DVD und weine ein bisschen. Ja, ich weine. Das muss man doch mal zugeben! Ich weine. Manchmal bitterlich, manchmal süß-sauer, aber immer: zurecht. Ehrliche Tränen am Nachmittag. Auch ich habe eine romantische Seite in mir, so wie Bücher von Charles Bukowski.

Donnerstag.
Oh, Kontrastprogramm: Volksmusik. Überschwemmung der gespielten guten Laune. Akkordeons, ahahah, ist das euer Ernst? Volksmusik ist die ur-deutsche Flut, vor der uns selbst Noah nie retten würde. Hm, Volksmusik am Donnerstag. Möglicherweise ist diese Regel vom Abendprogramm des mitteldeutschen Rundfunks beeinflusst. Ja, das kann sein. Gut, dass ich donnerstags fast nie zu Hause bin.

Freitag.
Geilo, Wochenende! Natürlich muss ich freitags etwas Fetziges hören. Heavy Metal! Meine Haare wachsen pro Tag kurioserweise etwa um sieben Zentimeter, was wahrscheinlich ein lustiger Gendefekt ist. Er zwingt mich dazu, jede Woche zum Frisör zu gehen. Aber natürlich nur an Samstagen, damit ich an Metal-Freitagen noch wuchtig meine gigantische Haarpracht durch die Lüfte gleiten lassen kann. Es kommt vor, dass ich an Freitagen auf manche Menschen verstörend wirke. Aber das ist okay. Wie gesagt, obskure Strukturen finde ich total töfte.

Samstag und Sonntag verzichte ich komplett auf Musik. Der Mensch muss auch verzichten können. So wie dieser Text. Er hat kein Ende. Er geht immer weiter und wiederholt sich. Jede Woche. Ständig. Das kann anstrengend sein. Immerhin hat er eine gute Struktur.

Vom Tag, an dem Schabrina Sick mit mir Kaffee trinken war

„Und? Sag mal! Wie war es gestern beim traditionellen Solinger Pfingst-Wett-Melken der trächtigen Zierkühe?“

„Ach du, der blasierte Bauer Balduin hat uns alle mal wieder tüchtig gefoppt, indem er sich auf den Rücken gelegt und mit Fingern und Zehen gleichzeitig gemolken hat, GLEICHZEITIG! MIT FINGERN UND ZEHEN! Dieser Frechdachs! Ich sag dir: Wenn eine Kuh mehr als vier Zitzen hätte, würde er doch auch noch Bauchnabel und Popoloch zum Melken verwenden, irgendwie, dieser doofe Baldiun! Hach, ich finde ihn so ungut! SO ungut!“

„Oh, das klingt ja nicht besonders töfte.“

„War es auch nicht! Untöfte war das! Die Hölle auf Erden, sag ich dir, DIE HÖLLE!“

Ich sitze auf einer Parkbank und werde unfreiwillig Zeuge dieses Dialogs. Eigentlich müsste man „Hörer“ des Dialogs statt „Zeuge“ sagen, doch weil die beiden Euter-Amigos beim Erzählen so prächtig und unkoordiniert gestikulieren wie zwei Meerschweinchen in der Mikrowelle, passt hier auch „Zeuge“ ganz gut. Ich mag es, wenn nicht nur Beine, sondern auch Arme tanzen dürfen. Das sollte es häufiger öffentlich geben: Tanzen für Arme. (Hier könnte Ihr Studentenparty-Witz stehen.) Eine putzige Entenfamilie watschelt vorbei, ich träufle großherzig ein wenig Fanta auf den Boden. Der kleinste Enterich nippt fröhlich daran. Ich schütte noch ein wenig mehr Fanta herunter, sodass sein Federkleid ein wenig klebrig und gelb wird. In meinem Kopf spielen sich leckere Bilder ab: gebackene Ente mit Fanta-Geschmack. Mhmmm.

Und dann mache ich etwas wahrlich Verrücktes: Ich denke über das vorhin Gesagte nach. Dabei kreisen meine Gedanken aber nicht um den Bauern Balduin oder die, zugegeben, etwas seltsamen Pfingst-Traditionen im bergischen Land, nein. Vielmehr bedenke ich, dass die Floskel „Hölle auf Erden“ hier völlig falsch verwendet wurde. Ist es denn wirklich so schlimm, wenn jemand anders cleverer war – selbst wenn er „Balduin“ heißt und es um den maximalen Milchertrag geht? Nö. Das ist Neid. Neid ist menschlich, also irdisch, also existent, also auch nicht die Hölle. Ich stehe auf, um sachgemäß und eloquent auf den linguistischen Fehler aufmerksam zu machen.

„IHR KNALLKÖPPE! IHR SEID DOCH KOMPLETT WACKELPUDDING IN DER BIRNE! Und passt auf. Ich sag euch zwei Zitzenzuzlern mal was. Wenn man Mario Kart spielt und in der letzten Kurve wird man von einem blauen Panzer von Platz eins verdrängt; wenn man in einem Buch einen japanischen Namen liest und sich diesen nicht übersetzen lassen kann, weil man diese geschnörkelten Zeichen nicht auf seiner Tastatur findet; wenn man auf einem Konzert ist und vor einem halten dreißig Idioten ihre Kamerahandys hoch, DAS ist die Hölle auf Erden! Und nicht euer provinzielles Kuhtitten-Problemchen da! Melkt eure Kühe doch mit dem Mund, dann muss euch wenigstens niemand mehr reden hören! Was ihr da für Unsinn erzählt, ist doch wahr.“

Sage ich, verneige mich staatstragend und setze mich zurück an meinen Platz, als sei nichts gewesen. Meinen hochgradig intelligenten Vortrag haben die Adressaten schweigend über sich ergehen lassen. Umso gespannter war ich, wie ihr Gespräch dann weiter verlaufen würde. Ich lauschte:

„Sag mal, warst du mal auf einem Konzert, wo die dann da so mitgefilmt haben?“

„Nö.“

„Ich auch nicht. Ich bin nur mal beim ZDF-Fernsehgarten gewesen, aber da durften wir selber nicht filmen, da durften wir nur fröhlich gucken und im Takt klatschen.“ (er macht das Klatschen vor, aber falsch, nämlich auf 1 & 3)

Hm. Mein kleiner Diskussionsversuch ist also verpufft. Die kleine Fanta-Ente schüttelt sich und läuft witzig watschelnd seiner Familie hinterher. Und ich stelle fest: die Hölle auf Erden ist, wenn man nichts gebacken bekommt.

Freund von Klischees und funkelnden Jacken

In Tante Gerdas Tanzcafé ist heute großer Ü50-Abend. Das heißt für Bernd: raus aus den Adiletten, rein in die alte Glitzerjacke. Sie glitzert und funkelt wie damals, als man ihn landauf landab nur den „Boogie-Bernd“ nannte und Parties noch Feten hießen. Früher, da war Bernd der Held in seinem Freundeskreis. Schließlich war er der Älteste und kam so immer am einfachsten an die drei wichtigsten Drogen: Zigaretten, Schnaps und Frauen. Jetzt, in 2012, ist wenig Heroisches geblieben. Nicht der Zahn der Zeit hat an ihm genagt, es war wohl eher ein komplettes Gebiss. Sein Gewicht hat sich verdoppelt; sein Äußeres ähnelt längst einem überdimensionalen, geplatzten Fußball, aus dem Arme und Beine so mitleidig und beiläufig herauslauern wie Salzstangen aus einem Mettigel.

Bernd hat ein Problem: er altert. Er altert jedoch nicht so gut wie manch ein Super Nintendo-Spiel oder ein Led Zeppelin-Album, nein. Vielmehr altert er eben, wie es Menschen leider meistens tun: unwürdig. Wenn das Leben ihn gezeichnet hat, dann ist es ein verdammt beschissener Maler. Es ist längst nicht mehr alles Bernd, was glänzt. Doch er flüchtet sich gern zurück in diese wilde Zeit von damals, die Siebziger, ach Gottchen waren die dufte! Bernd stopft seine Füße in fesche Lederschuhe und macht sich glitzernd auf zu Tante Gerdas Tanzcafé.

Am Eingang steht ein gelangweilt durch die Straßen blickender Taxifahrer. Als Bernd eintreten will, wird er gefragt, wie lange er bleiben wolle. Bis er umfalle, antwortet Bernd. Der Taxifahrer entgegnet: „Sagen wir, halb zwölf?“, Bernd schüttelt nur den Kopf und betritt stumm das Tanzlokal. An der Wand ein Plakat zur Veranstaltung: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich biegen“. Drinnen angekommen erklingt Musik. John Paul Young, „Love is in the Air“. Bernd ist auf dem Weg zur Theke und wippt dabei lustig im Takt. Er bestellt sich ein Bier. Ein richtiges Bier. Eins ohne Zitronen, Äpfel, Kirschen, Grapefruit und all diesem Obstzeug, kurz: eins, bei dessen Geschmack Hopfen und Malz noch nicht verloren sind. Bernd mag es als Filou der alten Schule eben klassisch. Dann guckt er. Und guckt. Und guckt. Auf der Tanzfläche bewegen sich rund zwanzig rüstige Körper, die meisten unfreiwillig komisch und: allein. Selbst die großzügig parfümierten Damen. Riechen kann man ihre Bemühungen aber auch so. 4711 is in the Air. Liebe nicht.

Und dann wird gezappelt.

Wackel, du Wackelpeter, klapp die Achseln auf und zu!
Tanz, du Tanzmarie, rock den Rock und stepp den Schuh!

Wenn man zwischen den Songs ganz genau hinhört, kann man ganz leise ein paar Knochen knirschen hören. Bernd hingegen vernimmt etwas Anderes: „Boogie-Bernd! Da ist BOOGIE-BERND!!“, ruft ertönt es aus einer Ecke. Irgendjemand nimmt dies zum Anlass, am CD-Player auf Lied zwölf zu schalten. Es scheint unausweichlich. Baccara, „Yes Sir, I can Boogie“. Das ist Bernds Stichwort! Er stolpert in die Mitte des Raumes, wo er von roten und grünen Lampen ausleuchtet wird. Boogie, Boogie, all night long! Seine Glitzerjacke reflektiert jeden Lichtpartikel und wenn man den eigenen Kopf auf die Seite legt, lässt sich Bernd in seiner Glitzerjacke nur schwerlich von der Discokugel unterscheiden. Boogie, Boogie, whole life long! Seine dem fortgeschrittenen Alter geschuldete, etwas krude Interpretation des Boogie gefällt den Anwesenden ganz gut. Boogie, Boogie, Bernd hat’s im Blut! Sie klatschen und freuen sich und wähnen sich zurück in 1977.

Die kompletten vierzig Sekunden lang. Der Song läuft weiter, Bernd braucht eine Pause. Um ihn herum bildet sich eine begeisterte Kölnisch Wasser-Duftwolke. Seine alten Fans sind auch seine neuen Fans, auch wenn es immer noch alte Fans sind. Anders gesagt: Er hat es eben immer noch drauf! Die Legende Boogie-Bernd lebt. Weil sich eben auch altes Eisen noch ein bisschen biegen kann.

Bernd schaut auf seine Uhr. Es ist halb zwölf. Er setzt sich ins Taxi und fährt nach Hause.

Wir sind hip, hip; hurra!

Neulich war ich aus Versehen in Düsseldorf auf der Königsallee, dem Paradies der Popanzen mit prallem Portmonee. Stichwort: Lederfetisch mal anders. Doch die Königsallee wird niemals mit ihrem richtigen Namen angesprochen, denn so wie niemand zu einem Ulrich Ulrich oder zu einem Hans-Peter Hans-Peter sagt, so haben auch die Gäste der dekadenten Einzelhandelsschleuse für ihr Markenmekka einen kurzen Kosenamen. Getreu der Devise: „Zeit ist Geld“ sagen sie schlicht: Kö. Ein Ka, ein Öh, reicht. Ansonsten wird hier nicht viel gespart; man protzt und klotzt, und wenn doch mal einer kleckert, dann ist das Kunst oder nur ein dummer Zufall. Überall eine Feinkostbar und Klamotten, Cafés an jeder Ecke gibt es „Iced Caramel Macchiato“ und Handtaschen mit ungewöhnlichen Namen. Alles nix für mich. Ich spaziere vorbei an einem Kind in Begleitung seines in einen wichtigen Anzug steckenden Vaters. Der Kopf des Kindes ist eingehüllt in eine rote Eisbärmütze, die wohl suggerieren soll, dieses Kind würde täglich fünf Stunden lang Skifahren in St. Moritz oder St. Hans-Peter oder wo auch immer. Unerwartet werde ich Zeuge eines Skandals.

Eisbärmütze und Anzug flanieren an einem seltenen Kiosk vorbei und der Nachwuchs äußert einen Wunsch. Statt „Strawberry Cheesecake“ von „Ben & Jerry’s“ zur Abwechslung soll heute mal ein „Mini Milk“ mit Vanillegeschmack sein, aber ohne echte Vanille drin. „Mini Milk“. Für den Anzug klingt das gefährlich proletarisch nach Einzimmer-Plattenbau-Snack für Trainingshosen-Ottos. Anders gesagt: Eine falsche Welt bricht für ihn zusammen. Doch der reiche Anzug beugt sich, damit die Eisbärmütze nicht auf die feinen Leinen-Fußstulpen weint. In der Geldbörse nur ein gelber Schein. Den will der Anzug nicht in so einem ranzigen Kleinartikel-Schuppen mit dem einfallslosen Namen „Trinkhalle“ verjubeln. Er sucht einen Geldautomaten, um sich einen Zehneuroschein abzuheben. So wird der große Schein bewahrt, haha, Wortwitz. Beim guten, alten Papier gegen Ware-Tausch mit dem Kioskmann sagt der Anzug lässig: „Stimmt so.“

Und dann singen die teuer umhüllten Königsallee-Körper leise ihr einziges Lied:

Wir sind hip hip, hurra!
Wir stecken unsere Euter
in den teuersten Wonderbra,
und es ist doch wunderbar
wenn die wahren Wunder bar bezahlt werden,
yah!

Zumindest stelle ich mir das Lied der Dekadenz so vor. Rap mit einfachen Reimen, eingängig, irgendwas mit Titten, aber cool. Zurück zur Szenerie.

Plötzlich stehe ich vor einer menschlichen Schlange. Eingekesselt von diesen trennenden, roten Wurst-Bändchen stehen rund fünfzig Gestalten und Gestaltinnen rum und ich habe keine Ahnung, warum. Ich traue mich auch kaum, irgendeinen Schlangenmenschen anzusprechen. Alle scheinen beschäftigt. Sie machen: tipp, tipp, tipp, klingeldingeldu, zapp, zapp, düdeldüdeldü; sprich: sie spielen mit mobilen Telefonen, die klüger sind als sie selbst. Warum stehen alle hier herum? Umsonst wird es nichts geben, Ich stecke mir eine Zigarette an und lausche folgendem, aufklärenden Dialog zwischen zwei jungen Mädchen.

„Ey! Geilomat! Endlich ein Abercrombie & Fitch-Laden bei uns hier in Düsseldorf!“
„Endlich, jau! Die sind immer voll geil, diese Läden, war noch nie in einem drin!“
„Ja! Geil! Ich hol mir gleich einen Douglass Mountain-Hoodie, die sehen voll krass aus! So direkt aus New York so! Fast so geil wie die Sachen von Hollister!“

Und ich denke: oh weh, oh weh. Mit mehr Mini Milk in der Kindheit wäre das vielleicht nicht passiert.

Von mir aus kann ja jeder anziehen, was er will – und wenn es Leute gibt, die blöd genug dafür sind, für einen „coolen“ Markennamen horrende Preise zu zahlen, dann wird der Kapitalismus eben vorbildlich gelebt. Die einen bestellen sich Klamotten aus der „Rumpfkluft“-Kollektion des Duos Katz & Goldt, die anderen wollen lieber einen Douglass Mountain-Hoodie von A&F. Das Problem bei diesem Abercrombie & Fitch-Zeug ist jedoch, dass man sich mit dieser Kleidung einen Stempel anzieht. Genauer gesagt, den Stempel „Möchtegern, kann aber nich“. Vergleichbares gilt übrigens für die „Ed Hardy“–“Mode“, die aber sagt: „Möchte auch, kann aber mal so was von gar nich“. In Amerika gibt es eine Reality-Show namens „Jersey Shore“ und deren Hauptdarsteller sind geistig reichlich beschränkte, stereotype Testosteron-Luftballons. Eine dieser Figuren trug in der Sendung häufig Abercrombie & Fitch und dem Konzern war diese ungewollte Negativ-Werbung so peinlich, dass man „Mr. Sorrentino“ einen Millionenbetrag bot, damit er ihre Kleidung in Zukunft nicht mehr trage. Das ist sehr lustig, finde ich. Höhö.

Früher gab es diese A&F-Sachen nur in New York und man konnte Menschen, die schon mal in New York waren, an eben diesen Fummeln erkennen. Und an „I ♥ NY“-Shirts. In der heutigen Zeit hat sich das geändert. Nix mehr mit „exklusiv an der upper east side“. Heute kann sich auch Ulrich aus dem Ostseeort Hohenfelde A&F kaufen, um sich endlich modisch und gesellschaftlich ganz oben zu fühlen, obwohl er maximal gedanklich in New York gewesen ist.

Hauptsache: hip, hip, hurra!

Im Eingangsbereich des neuen Düsseldorfer Flagshipstores stehen Menschen und lassen sich für die Nachwelt von ihren klugen Telefonen fotografieren. Theoretisch. Ein junger Herr scheitert erstaunlich hilflos daran, auf seinem Handy die Fotokamera-Applikation zu finden. Von hinten ruft jemand: „Macht mal hinne da, ihr seid doch doof im Kopf!“ Ich nicke und denke: Stimmt so.

Für Sportsfreunde

Im Fernsehen ein „Plock“. Und Rolf Kalb kommentiert auf Eurosport mit sonorer Stimme: „Wauisaui, Ronnie O’Sullivan mit einem 42er-Break, Jimmy White braucht jetzt Snooker.“ Hm. Danke, Rolf Kalb. Ein sehr interessanter Satz, über den ich in dieser trüben Novembernacht lange nachdenke. Denn ich bin mir nicht sicher, ob überhaupt irgendjemand auf dieser Welt Snooker wirklich braucht. Denn Snooker ist eine krude, recht ereignislose Abart der Randsportart Billard. Eine Variation einer Randsportart, das muss man sich mal vorstellen, wie kurios, hohoho! Das kann ich selbstverständlich auch bildlich erklären, weil ich nämlich ein intellektueller Autor bin: Snooker ist nicht mehr am Tellerrand, sondern vielmehr beim Besteck beheimatet, so weit weg ist dieser elitäre Queue-Quatsch vom Rest der Sportwelt. Dass man dieses Gestoße dann auch noch live im Fernsehen zeigt, ist in etwa so, als würde man auch die Ennepetaler Kreismeisterschaften im Hüppekästchen übertragen. Live in Sat1. In HD. „Das große Hüppekästchen-Wetthüpfen“, kommentiert von Johannes B. Kerner.

Ich weiß nicht, ob sich irgendein Thünnes dieses Spektakel am Sonntagnachmittag ansehen würde. Aber woher soll man das so genau wissen in einer Zeit, in der das Berliner Olympiastadion nur noch von zwei Leuten gefüllt wird: zum einen von einem senilen, alten Mann mit einer mammutbaumgroßen Angst vor Pimmelmützen und zum Anderen von einem Typen, der seit Jahren so viel Geld mit so alten Mann/Frau-Kalauern verdient, dass man den Papst fast modern nennen könnte. Ich weiß, Mario Barth-Kritik ist mindestens so von 2006 wie Jürgen Klinsmann, aber es ist mir immer noch ein großes Bedürfnis, vor dieser kulturschädigenden Gestalt zu warnen. Denn weil Herr Barth stets die selbe Kleidung trägt – ein orangefarbenes T-Hemd – ist gerade für Kinder die Verwechslungsgefahr sehr groß. Deswegen hier ein Tipp, liebe Kinder: der Typ in orange, der ist böse, und der Typ in grün, das ist Christoph Biemann von der Sendung mit der Maus, der ist nett, der erklärt uns die Welt. Vielleicht müsste man ihn mal fragen, was dieses Snooker ist und vor allem: warum.

Das, liebe Leser, war eine Überleitung, mit der ich zurück zum eigentlichen Thema komme, die Älteren werden sich erinnern: es ging hier mal um Snooker. Nicht, dass ich etwas gegen Snooker hätte, sonst würde ich es mir nicht ansehen, rofl, wiedummwäredasdenn. Aber ich möchte jetzt, hier in aller Öffentlichkeit an der Relevanz dieses Präzisionssports zweifeln. Ich meine, wie häufig passiert beispielsweise Folgendes: man sitzt mit seinem/r Partner/in am Frühstückstisch, ärgert sich über das zu flüssige Eigelb (oder so) und sagt: „Mensch, Schnuffelinchen, wie der John Higgins gestern den vierten Frame gewonnen hat, das war ganz, ganz tolles Tennis. Ich finde, dafür hat er den Laureus Sport-Award verdient! Reich mir doch bitte mal die Butter.“ Abgesehen davon, dass ich so gut wie nie frühstücke, kann ich mich nicht an derartige Dialoge erinnern. Und ich bin noch jung, ich erinnere mich an alles. Also, wirklich an alles. Ich weiß etwa noch, wie ich 2001 bei Bekannten in Trier von der Mondlandung erfuhr, oder wie mir meine Großeltern 1997 im Auto von der Nichtexistenz des Weihnachtsmann berichteten, oder wie man mir erst letzte Woche mitteilte, dass es in Deutschland doch tatsächlich noch Rechtsradikale gebe. Ach was. Das ist ja mal ein dolles Ding.

Und nun folgt etwas, was dieser Geschichte gut tut: es passiert etwas. Bis gerade eben war es in meinem E-Mail-Postfach ruhig. Zu ruhig. Bis mich plötzlich eine elektronische Buchstaben-Post erreicht, die mein Leben verändern wird. Ein virtueller Brief voller ehrlicher Liebe, ganz persönlich, nur für mich. Der Absender: „GMX Best Price“. Manch ein böser Mensch vermutet hinter so einem Absender gerne mal einen Reklamepixelhaufen, doch diese Mail ist anders. Sie enthält einen Hinweis, den ich nicht ignorieren kann. Während ich nervös mit dem Löffel ein paar gefährliche Strudel in meinen Kaffee drehe, lese ich langsam die Betreffzeile besagter Schicksalspost: „Gratis Mini-Rennbahn mit Looping und Rundenmesser: jetzt FOCUS lesen! 8 Ausgaben frei Haus + 30% sparen! +++ Hohe Zinsen für Ihr Tagesgeld“. Leckmichamarsch, wiegeilistdann! Und das um diese Uhrzeit! Mit dem Satiremagazin „Focus“ kann ich zwar nicht viel anfangen, aber wenn ich die 30 gesparten Focus-Abonnement-Prozente mit den hohen Zinsen für mein Tagesgeld verrechne, bin ich bald stinkereich! Yeah! Und dazu die kostenlose Mini-Rennbahn mit Looping und Rundenmesser! Ich sehe mich jetzt schon in meinem Zimmer sitzen und fleißig ein paar Runden drehen! DAS wird dann echter Sport!

Und falls Rolf Kalb Zeit und Lust hat, kann er das Ganze gerne kommentieren.

Er

Flötend und den Mond betrachtend läuft er über den Bürgersteig, bis ihn ein Laternenpfahl zu Boden zieht. Dass es auf Wegen auch Hindernisse geben kann, hatte er in seinem jugendlichen Leichtsinn nicht bedacht. Mit dem Hinterkopf voraus knallt er längs auf den kühlen Asphalt, wo er Ameisen und gelesenen Zeitungen unfreiwillig Gesellschaft leistet. Ganz unten angekommen ist er, willkommen heißt ihn niemand. Noch bevor er sich Gedanken darüber machen kann, ob er verletzt oder sogar tot ist, verliert er mit einem Mal alles, was sich an ihm zu vermissen lohnt: sein Bewusstsein, seine Sinne, seinen Verstand und alle anderen mühsam angeeigneten kognitiven Fähigkeiten. Als hätte jemand bei ihm im Gehirn einen Schalter umgelegt und von „an“ zu „aus“ gestellt.

Unfähig, wie Gott ihn einst schuf, liegt demgemäß seine mit Trenchcoat und Jeans verzierte, dumme Hülle jetzt einfach nur noch so herum. Dabei wollte er doch nur nach Hause. Jetzt ist er endgültig ganz woanders. Dort, wo man weder tot, noch lebendig ist. Dort, wo niemand unbedingt hinreisen möchte, weil niemand weiß, wo genau es ist und wie es dort wohl sein mag. Für diese Zwischenwelt jenseits vom Diesseits (und andersherum) gibt es keinen Reiseführer und keine Erlebnisberichte. Und wie eine Opfer-Verhöhnung erscheint es, dass die Straßenlaterne kaum Licht in die Nacht bringt, aber gerade ihn noch ausreichend ausleuchtet. So, als solle einjeder ihn liegen sehen müssen. Ihn, den umgefallenen Tunichtgut.

Noch ist er auf eine undefinierbare Art und Weise anwesend, aber das alte „Aktion-Reaktion“-Spiel des Lebens funktioniert nicht mehr. Alles ist deaktiviert, ausgestöpselt, man könnte sogar sagen: sein Sein ist paralysiert. Die Granitplatte ist kalt, doch er kann sie nicht spüren. Der Wind weht sanft und freundlich über seine Glieder, doch er nimmt ihn nicht wahr. Eine schwangere Katze tappst unsicher über seinen runden Bauch und er würde sie gewiss gerne begrüßen oder streicheln, füttern oder verjagen, ärgern oder wenigstens ignorieren, doch er kann nur noch: nichts. Und mit Nichts lässt sich die Katze natürlich nicht beeindrucken. Sie missbraucht ihn kurz als Brücke, dann ist er reichlich uninteressant geworden. Sie läuft auf die andere Straßenseite, legt sich neben eine Mülltonne und drückt der Erde drei neue Katzenkinder aus sich heraus. Sie jauchzen und stolpern und kneifen sich ihre kleinen Augen zu, fast, als wäre es im Katzeninnern schöner als auf diesem Planeten. Süß, würde er denken, wenn er denn noch denken könnte.

Es beginnt zu regnen. Sein Trenchcoat verteidigt tapfer nur die ersten paar Regentropfen, immer mehr Wasser verteilt sich in sympathischer, aber gemeiner Willkür auf seinem Körper. Er wird weich. Er wird zu einem nassen, ungewollten Klumpen Fleisch. Die Ameisen verkriechen sich in ihre kleinen, feinen Löcher. Und er kauert begossen am Tellerrand der Gesellschaft; bloß darauf wartend, dass sich Ratten und Fruchtfliegen häppchenweise durch ihn durch futtern. Tagelang könnte er als Mahlzeit dienen, immerhin, es winkt ihm eine so wohl nicht gewünschte Zukunft als quasi ewiges Gericht. Der Weg dorthin wird ihm bereits bereitet. Er verwest jede Sekunde ein kleines Bisschen mehr, hilflos und wie im Koma. Sekunden, Minuten, Stunden vergehen. Der Lauf der Dinge schreitet unaufhaltsam und dennoch langsam voran, so wie eine junge Schildkröte, die die Welt umrunden will. Trottend, aber beständig.

Schließlich taucht die Sonne am Horizont auf. Der computergesteuerte Zehnstunden-Leucht-Rhythmus schaltet die Lampe der Straßenlaterne ab. Sonnenlicht reicht, Anzeichen von Leben verdichten sich. Die ersten Autos fahren vorbei, viele noch mit angeschalteten Scheinwerfern. Und die Frühaufsteher hocken hinter ihren Lenkrädern und fahren zur Arbeit, zum just im Motel betrogenen Ehepartner oder sonst irgendwohin, wo man hin muss oder kann oder will. Aber immerhin, Menschen. Ist das seine Rettung? Nein, das Schicksal serviert Pustekuchen. Geholfen wird ihm nicht. Niemand hält an und sieht nach. Vielleicht denken die Leute, das sei Kunst, das müsse so. Vielleicht denken die Leute, er würde schlafen und das wäre nun mal sein Lieblingsschlafplatz. Vielleicht denken die Leute aber auch generell noch nichts Kluges zu dieser Uhrzeit und die ersten, zaghaften Gedanken des so jungen Tages schweifen nicht bis an den Bordstein ab.

Irgendein Vogel irgendeiner Vogelart springt irgendeinen Baum irgendeiner Baumart hinunter und pickt dem Bewusstlosen auf der Stirn herum. Auf selbiger hat sich über Nacht ein kleiner, blauer Fleck gebildet. Und plötzlich scheint das Leben zurück in seinen Körper zu gelangen, er bewegt langsam seine Arme und der Vogel fliegt in Angst vor einer Bedrohung davon. Mit Mühe schafft er, sich aufzurichten und der erste Gedanke, der ihm nach dieser nassen, langen, ungemütlichen Nacht kommt, ist: „Gute Güte, nie wieder Alkohol.“, woraufhin er sich kurz schüttelt und irgendwo einen Kaffee trinken geht.

Hannover / Freitag

„So, wer will jetzt noch tanzen gehen? Disco, Disco!“

Ich sitze als Gast in einer Hannoveraner Wohngemeinschaft, in welcher ich auch zu nächtigen gedenke. Anwesend sind zwei Damen, zwei Herren und ich. An der Wand hängt ein Che Guevara-Poster – sehr einfallsreich – auf dem Boden liegen leere Weinflaschen und in der Luft streiten sich Haschisch und Hund um die Geruchs-Hoheit. Gefühlte sieben Stunden lang haben wir über Nichtigkeiten, Unfug und deutsche Musik diskutiert. Und jetzt sind vier Fünftel der Gesellschaft bereit für „Disco, Disco“. Ich nicht. So hocke ich als Opposition auf dem Boden der stinkenden Tatsachen. Hm, was ist denn da los? Ob ich müde sei, werde ich gefragt. Ja, auch. Und füge hinzu, dass ich eher so der Kneipentyp sei. Es reiche mir, mich in einer Pinte neben einen Rentner zu setzen und mir aus seinem Leben erzählen zu lassen.

Da wäre dann beispielsweise ein hannoveranischer Heinz, der sagen würde: „Früher, als ich noch jung war, da gab es noch keine Telefone, die klüger waren als ihre Besitzer!“ und ich würde darauf sagen: „Ja, früher, als ich jung war, da gab es nur 150 Pokémon!“. So kämen wir ins Gespräch und unter dem Strich hätte ich dann mehr gelernt als beim studentischen Dauerzappeln in der Disco. Doch diese Meinung vertrete ich hier exklusiv. Ohne, dass es jemand ausspricht, liegen die Begriffe „Langweiler“ und „Spielverderber“ auf ihren Zungen; der stinkende Hund tappst in einen Aschenbecher. Die Stimmung rauscht endgültig in den Keller. Da könne man sich ja gleich einen Kasten billiges Bier kaufen und sich neben die Penner in der Fußgängerzone setzen, merkt einer an.

Was ich zunächst für eine gute Idee halte. Leider entpuppt sich dieser sehr gute Vorschlag rasch als launige Anmerkung, deren einziger ernster Sinn es ist, mich nonchalant einen „Langweiler“ oder „Spielverderber“ zu nennen.

Schade, dann eben „Disco, Disco“.

Auf dem Weg hin zum heute so nicht mehr genannten Tanzlokal müssen wir am Goetheplatz vorbei. Goethe, kennt man vielleicht. Ebenfalls bekannt: die Laune der Ladenbesitzer, ihre Buden nach ihrem Standort zu benennen. Apotheke am Theaterplatz, Theater am Apothekenplatz oder so. Aber was ich hier so zu lesen bekomme, lässt mich an vielen, vielen Dingen zweifeln. „Goethe-Kiosk“, „Goethe-Imbiss“, „Goethe-Sushi“, „Goethe-Casino“ und „Goethe-Shisha-Bar“. Sag mal, Hannover, geht es dir gut? – Ich glaube nein. Aber wer mich zu kennen glaubt, weiß, dass ich derart kuriose Situationen gerne zur eigenen Belustigung nutze. Ein Bier von Goethe, das hätte Stil, denke ich mir. Also weise ich die Gesellen und Gesellinnen darauf hin, dass ich gedenke, einen Zwischenhalt einzulegen: „Haaalt, stop! Jetzt kaufe ich!“, sage ich, erwerbe mir ein Goethe-Bier und es schmeckt.

Ich habe mein Getränk erst zur Hälfte wegkonsumiert, da erreichen wir auch schon das laute Etwas namens Disco. An der Wand noch ein Plakat einer vergangenen Ü50-Party: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich biegen“. Schnell fühle ich mich unwohl und unpassend, aber auch überrascht. Das hier ist nicht die Höhle des Löwen, sondern der Keller der Schlümpfe. Alle sind blau, DJ Gargamel hält sie mit seinen massentauglichen Klischee-Rocksongs gefangen und alle sind auf der Suche nach ihrer ganz persönlichen Schlumpfine. Und ich schlumpfe mich als müder, deplatzierter Brillenschlumpf durch das tanzende Studentenknäul. Dicke und dünne Beine reiben sich unfreiwillig an mir, ich erkämpfe einen Platz auf einem Barhocker. Zweifelnd und unfreiwillig unterhalten blicke ich auf die Tanzfläche. Eine Dame trägt ein grünes Kleid mit weißen Punkten – und dennoch hat sie gute Laune. Wo bin ich hier? Zappelnde Hilfigerhemden und -hosen, schmierig eingegeelte Haare unregelmäßig hoch und runter springende Brüste (na gut, das ist okay!“ und fuchtelnde Handbewegungen, für die sich jeder Puppenspieler der Welt schämen würde. Die glitzernde Discokugel dient als Sonnenersatz; hier strahlt heute kein Planet, sondern all die jungen Leute, wenn DJ Gargamel einen alten Hit von Britney Spears spielt. Ja, Britney Spears, so stark wurde dank Alkohol die Schmerzensgrenze schon verschoben. Ich erinnere mich wieder an Goethe, der einst sagte: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten“. Stimmt. Dann läuft „Eternal Flame“ und die Klischee-Pärchen schmusen wild, die Singles gehen auf Klo; machen Pipi und Aa. Gute Güte, was ist hier los.

Ein Studentenhonk fliegt vorbei. Er fragt mich, was ich denn studieren würde. Ich antworte: „Euch.“ Ist ihm zu subtil, er fliegt davon. Zurecht verachte ich ihn ein wenig.

Es ist vier Uhr in der Nacht, die coolen Leute trinken Club Mate und andere, hippe Getränke. Überhaupt, diese ganzen blöden, hippen Gestalten sind hier versammelt. Diese Hipster, die sich ihre Lieblingsfernsehserie auf DVD kaufen, um sie sich dann auf Videokassetten zu überspielen, weil das „true“ ist. „Pff, Hippies!“ denke ich und denke an ein Zitat eines Leander Haußmann-Films: Ich bin viel zu alt für mein Alter. Oder zu unstudentisch für Studentenfeten. „Disco, Disco“ ist nicht meine Welt und wenn ich mich ihr doch hingebe, bin ich das fünfte Reifen am Bobbycar und der ungewollte, letzte Schluck am traurigen Boden einer Bierflasche. Das merkt dann auch einer meiner Begleitpersonen. Ich werde nach draußen gezerrt und mir wird mitgeteilt, dass man diesen Laden hier auch verlassen könne.

Fast tröstend wird mir versprochen: „Das nächste Mal , wenn du in Hannover bist, können wir auch in eine Kneipe gehen!“. Und ich sage so laut „Ja!“ wie man das zu dieser Uhrzeit noch sagen kann. Doch dann füge ich hinzu: „Aber ich gehe jetzt nochmal rein.“ und mein Gegenüber fragt mich, wieso ich das denn vor hätte. Um zu studieren, sage ich. Um zu studieren.

Das Märchen von der zweifelhaften Begegnung des Waldschrates mit einem kleinen Mädchen

Es war einmal ein bärtiger Waldschrat, der saß im Wald auf einem Baumstamm und knabberte an ein paar Ästen. Er rief immerzu: „Ich bin Ästhet, ich bin Ästhet!“, denn sein Sinn für Wortspiele war mindestens so ausgeprägt wie andere Dinge, die sehr ausgeprägt sind. Die Tiere im Wald konnten seine Scherze jedoch weder schätzen, geschweige denn verstehen. Regelmäßig sprangen die Eichhörnchen hinfort, wenn der Waldschrat des Weges kam. Er war unbeliebt, ungepflegt, unbekleidet, aber immerhin auch äußerst unterhaltsam, wenn man denn mit schrulligen, stinkenden, nackten Gestalten mehr anfangen kann als nichts. Und nun begibt es sich, dass sich aus Gründen ein kleines Mädchen im Wald verlaufen hat. Sie trägt ein grünes Kleid mit weißen Kreisen drauf, dennoch hat sie gute Laune. Eine Kompass-Armbanduhr aus dem Yps-Magazin unterstützt ihren noch kindlichen Orientierungssinn. Zwischendurch wirft sie sich den Inhalt einiger Tüten Urzeitkrebse-Futter in den Hals, denn das ist, was außer den Urzeitkrebsen selbst kaum einer weiß, ziemlich schmackhaft. Es gibt übrigens Urzeitkrebse-Futter mit den Geschmacksrichtungen Pommes Schranke, Fanta und (für die Gourmets): Roastbeef. Was für unser Märchen zunächst irrelevant erscheinen mag, doch jede gute Geschichte erzählt auf dem Weg hin zum letzten Satz einige, winzige Details, welche dem Konsumenten unwichtig vorkommen, damit diese Dinge, wenn sie denn nochmal vorkommen, für einen „Aha, soso, achja-Moment“ sorgen. Wenn etwa Hauptkommissar Frank Thiel im Tatort Münster zu Beginn der Sendung einen Eierschneider in seiner linken Jackentasche versteckt, dann wird das im Laufe der Ermittlungen einmal Sinn ergeben.

Zurück zum Märchen. Überraschenderweise gelangt das kleine Mädchen nun an die Lichtung des ast-essenden Waldschrates. „Oh! Heda, Süße, komm doch mal rum!“, ruft der Waldschrat, um danach anzumerken, dass seine Definition von „süß“ im Zusammenhang mit Kindern eine juristisch Einwandfreie ist: „Keine Sorge, ich tue dir nichts, ich bin Astheist!“, das Mädchen denkt dann lustigerweise: „Gott sei Dank“ und trabt langsam hin zum freundlichen Nackedei. „Hallo, Waldtyp mit kleinem Pimmel“, sagt das Mädchen. „Guten Tach, Stadtmädchen mit dem potthässlichen Kleid“, sagt der Waldschrat, „Willkommen im Establishment!“. Schnell werden die zwei Freunde. Der Waldschrat vertraut dem Mädchen vertrauensvoll an, dass er etwas vermisst. „Ich sehne mich nach Kapitalismus und Bahnhöfen; komm, lass uns was spielen!“, schlägt er vor und holt eine Hosentaschen-Version von Monopoly aus dem Geäst. „Oh, die Sonderausgabe ‚Estland‘!“, freut sich das Mädchen. Und wie sie dann so spielen, wächst im Kopf des Mädchens eine Frage heran. „Du, wo wir hier gerade so spielen, da frage ich mich, ob du weißt, wo Goethe gewohnt hat. Meinst du, er hatte ein Haus auf der Goethestraße? Das wäre ja toll gewesen für ihn, ich meine, ein Haus in der Straße, die so heißt wie man selber, das wäre doch totale Spitzenklasse, voll cool und so!“. Der Waldschrat antwortet lässig: „Wir sitzen hier übrigens gerade in der Waldschrat-Allee“.

Das Mädchen ist begeistert, die Stunden vergehen wie im Flug. Als die Sonne dann schon längst untergegangen ist, fragt der Waldschrat: „Sag mal, hast du Hunger, kleine Freundin? Hier, da hast du einen Ast, guten Appetit“. Doch das Mädchen scheint wenig begeistert zu sein. „Magst du etwa kein Ast? Ich hätte auch noch Geäst, Stöcke, Rinde, Holz oder Baum vorrätig.“ Das Mädchen schüttelt ihren Kopf langsam von rechts nach links nach rechts nach links. Der Waldschrat hakt nach: „Was ist los? Fehlt dir das Besteck? Hier, da hast du eine Astgabel“. Zwei Eichhörnchen haben die Szenerie beobachtet, schütteln beschämt mit dem Kopf, hoppeln davon. Und das Mädchen schaut immer noch traurig auf den Boden. „Ja, tut mir leid, ich kann dir sonst nichts Leckeres anbieten“, entschuldigt sich der Waldschrat und würzt das Gespräch mit ein wenig Melancholie: „Ich hätte ja auch gerne mal wieder Stadtessen, so eine Portion Roastbeef auf der Zunge, was wäre das töfte!“. Und das, liebe Leser, ist nun euer ganz persönlicher „Aha, soso, achja-Moment“. Denn es folgt natürlich, dass das Mädchen fröhlich ein Tütchen Urzeitkrese-Futter mit Roastbeef-Geschmack hervor zieht. „Hurra! Juchee!“ rufen sie gemeinsam und strecken die Münder in die Luft, um sich den Tütcheninhalt möglichst zelebrierend in den Hals schütten zu können.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schütten sie noch heute.

Verpissen

„Hömma, Monsieur, dat iss mein Pissoir, wo du deinen kleinen Kollegen da reinhältst! Tu ma ganz schnell gucken, dat du den da weghängst! Sonst zeig ich dir meine Rechte und meine Linke, da kannsu dir sicher sein, du Pimpf.“

Ich schaue verdutzt. Um dem Mann, der diese klugen Worte sprach, in die Augen zu sehen, muss ich meine Nase relativ weit oben heben. Seine Arme sind doppelt so dick wie meine und bei ihm sind es Muskeln, bei mir Fett. Zu meinem Glück muss ich nicht besonders dringend, so dass ich den Harndrang aufhalten und den Kerl ansprechen kann:

„Ist ja gut, ist ja gut. Ich gebe nach. So wie ich übrigens immer nachgebe, weil ich genau so klein bin wie ich aussehe.

Beispiel.

Wenn ich etwas lesen möchte, da aber nur Zeitungen sind, die mir wehleidig die Nachrichten von gestern aufwärmen, so wie ein Fertiggericht in der Mikrowelle fressfertig gedreht wird und ich lese diese blöde Blätter dann trotzdem, weil die um mich herum gegebene Langeweile nicht zu schätzen weiß und mich ablenken will von irgendetwas, was mich ja eigentlich doch nur peripher stört. Hinter der Süddeutschen steckt eben nicht immer ein kluger Kopf, manchmal versteckt man sich auch einfach hinter ihr. Und Nichtstun in der Straßenbahnfahren ist ein zu wenig respektiertes Privileg. Nun ja.

Weiteres Beispiel fürs Nachgeben.

Wenn ich etwas zu kritisieren haben möchte, da aber nur ein paar große Dinge sind, über die sich das Beschweren ernsthaft lohnen würde, dann nehme ich mir eben diese Großbaustellen vor und sage ‚Gesellschaft, pff, doof‘ oder ‚Politiker, hm, korrupt‘ oder ‚Medienlandschaft, joa, verseucht‘ und komme gar nicht erst in die verwegene Gelegenheit, da mal konstruktiv im Detail drüber nachzudenken, weil ich Kopfschmerzen als Konsequenzen fürchte. So bleibt alles wie vorher, niemandem ist geholfen, erst recht nicht mir. Aber wenigstens konnte ich motzen. Dem kann ich nicht nachgeben, weil ich schwach bin.

Und noch ein Beispiel dafür.

Wenn ich etwas zu essen haben möchte, da aber nur ein McDonald’s ist, wo ich dann Kühe, Kartoffeln und Cola konsumiere und mir nachher denke: Meine Güte, Jung, wo ist dein Idealismus geblieben? Wolltest du nicht die Welt verbessern und wenn du das nicht hinkriegen würdest, wenigstens du selbst sein? Und dann kommt man ungewollt in diese unschöne Phase, in der man sich fragt, wer dieses ‚Ich‘ überhaupt ist, sein will und sein kann. Manch einer liest dann ein Buch von Richard David Precht, die Bibel oder zumindest jemand Anderem die Leviten, damit man sich beweisen kann, dass immerhin der Körper verdammt stark ist. Genau wie du jetzt.

Doch so das Leben als oberflächliche Phrase zu definieren lässt wenig Spielraum für eigene Interpretationen, denn etwas derart Komplexes wie unser verdammtes Leben herunterzubrechen auf derart simple Formeln ist eine ziemliche Milchmädchenrechnung.“

Mein pinkelndes Gegenüber sieht mich an, als spräche ich serbokroatisch. Hat mich wohl nicht verstanden. Vielleicht ist er betrunken. Ich gebe ihm noch eine Chance.

„Okay, okay, lass es mich anders ausdrücken: wer boxen tun will, weil der andere so total böse ist und so und halt mal voll das Falsche macht, dann darf man nicht den Fehler machen und auch so voll das Falsche tun und den dann boxen, weil boxen dann auch total dumm ist und wir müssen viel mehr schmusen und uns gegenseitig in der Suche nach einer besseren Gesellschaft unterstützen und dann kann man sich auch mal Fragen stellen, zum Beispiel: Welche Kinder haben deine Hose genäht und leben diese Menschen überhaupt noch? Wer hat den Klostein da drüben hergestellt? In welchem Land der Erde findet man Fliesen wie die die um uns herum überhaupt noch modern und überhaupt und überhaupt und überhaupt. Gedanken machen ist das Zauberwort, beziehungsweise sind die Zauberwörter, je nachdem, welche Rechtschreibreform man nun favorisieren möchte, ist ja auch völlig egal, ich glaube, ich verhasple mich total, was ich eigentlich von Anfang an nur sagen wollte: Hau mich nicht auf die Fresse, ich will nur Pipi machen.“

Der Typ zieht sich den Reißverschluss seines Hosenstalls zu und sagt:

„Hömma, ich hab zwar nur zwei, drei Sätze verstanden, aber du hast da schon ganz schön schlaue Sachen gesagt, zwischendurch. Das mit dem Leben und so, hier das mit McDonald’s, das stimmt, ich ess‘ da auch manchmal. Na ja, du biss schon nen ganz feiner Kerl. Kannst hier pissen, wenne wills. Machet jut!“

Dann zieht er die Spülung seines Lieblingspissoirs und geht.

Im Kiosk

Es gibt viele Arten, sich zu begrüßen. Manch einer sagt „Hallihallöchen“, andere sagen „Heidiho“, wieder andere heben einfach nur wortlos die Hand. Und Britta sagt „Tach Matze, einmal wie immer“, wenn sie ihren Stammkiosk an der Höflerstraße betritt. Britta hat über ihren Körper ein Zelt aus Baumwolle gespannt, ihre Haare fliegen durch die Luft als wären die Wolken magnetisch. An ihren Füßen kleben zwei pappige Gesundheitsschuhe, die nicht mehr so aussehen, als könnten sie ihrem Namen noch gerecht werden. Sie macht sich keine Gedanken darüber, wie sie das Haus verlässt und das sieht man ihr auch ganz gut an. „Hallihallöchen Britta“, sagt Kioskkoryphäe Matze und greift zielsicher ins Regal hinter sich. Er legt eine Packung blaue Pall Mall und eine BILD-Zeitung auf den Tisch. So wie immer eben. Aber pardauz, plötzlich interveniert Britta: „Nein, heute mal die roten, also die starken, bitte. Als Bigpack.“

Matze kratzt sich verwundert den Kopf, ein paar Schuppen rieseln herunter.

„Wieso das? Bist du krank? Ist jemand gestorben?“
„Guck mal da in die Zeitung.“
„Ja, hm, die FDP rutscht bundesweit unter die magische 1%-Hürde und die frivole Frohnatur Fiona hat schöne…hm…mhh…“
„Nein, nein, guck dir die Lottozahlen an!“
„Schau mal, Fiona steht auf erfolgreiche Geschäftsmänner mit Humor. Erfolgreich ist mein zweiter Vorname und ich kenne ein paar Witze, ich bin doch lustig, oder?“
„Äh, jetzt guck doch mal, Lotto, da unten steht’s doch!“
„Wie wäre es mit dem hier? Was ist gelb und trinkt viel Bier?“
„Homer Simpson?“
„Nein, eine Barnane! Haha! Der wird Fiona gefallen! Hahahaha!“

Matze röchelt vor Lachen, Britta nästelt an ihrem Baumwolle-Zelt herum. Sieh mal einer an, da war irgendwo eine Tasche eingenäht, erstaunlich. Sie zieht einen Lottoschein hervor. „Da! Vier Richtige! Ich bin reich, ich bin reich!“. Sie dreht vor Freude tanzend ein paar Kreise auf dem Kioskboden. „Und jetzt habe ich Hunger! Matze, tu mir mal ein Raider!“ und weil Matze sich inzwischen wieder beruhigt hat, kann er auch antworten.

„Raider heißt nicht mehr Raider.“
„Dann eben ein Twix!“
„Twix heißt nicht mehr Twix, Twix heißt jetzt ‚Pausenduo‘.“
„Dann eben ein Pausenduo!“
„Zum hier essen oder mitnehmen?“
„Sehr witzig!“
„Sag ich doch!“

Britta nimmt sich ein Raiderpausenduotwix, packt es aus, legt sich einen Riegel auf den Tisch und verlangt nach Messer und Gabel, weil man das in ihren neuen Kreisen eben so handhabt mit dem Essensverzehr. Stichwort Manieren. Beiläufig reicht Matze ihr das, was sie verlangt. Dann widmet er sich wieder dem Seite 1-Mädchen der BILD. Britta mampft, Matze gafft. Der gemütlichste Kiosk der Welt. Im Radio singt Jürgen Marcus ein Lied, von dem er wohl selbst nicht mehr weiß, dass er es mal gesungen hat.

„Reiche mir nun die Zigaretten, Matze! Ich verschwinde!“

Matze antwortet nicht, er zeigt nur mit dem Finger auf den Tisch, wo besagte Zigarettenschachtel liegt. An seinem Ohr sein Handy: er will die BILD-Redaktion anrufen, um zu erfragen, wo Fiona wohnt. Britta nimmt davon keine Notiz, sie geht zur Kiosktüre und ist im Begriff, sich zu verabschieden. Und es gibt viele Arten, sich zu verabschieden. Manch einer sagt „Tschüssikowski!“, andere sagen „Adieu mit ö!“, wieder andere heben einfach nur wortlos die Hand. Und Britta sagt: „Tschüss Matze, ich kaufe mir jetzt eine Yacht!“.

Ungreifbare Musik

Konzert. Ich habe mich erwartungsfreudig in einer alten Bahnhofshalle eingefunden. Obwohl diese Räume hier seit Jahren keinen Bahnhofshallendienst mehr verrichten, riecht es, wie man es auch von aktuellen Bahnhofshallen gewohnt ist, nach: Pipi. In meinem Kopf stelle ich mir vor, wer hier alles schon an die Wand gepinkelt haben könnte. Menschen, die inzwischen Karriere gemacht haben. Menschen, die längst tot sind. Menschen, die geplatzt wären, hätten sie in ihrer Not nicht an die Backsteinwände gewendet. Diese Wände hier erzählen mehr Geschichten, als ich je schreiben werde. Mein Respekt vor Wänden wächst immens. Und für all diese Gedanken habe ich gerade reichlich Zeit, denn der eigentliche Grund für meine Anwesenheit, die Musik, wird noch nicht gespielt.

Überhaupt, die Musik.

Ich schätze sie so sehr wie keine andere Kunstform. Denn es ist so einfach und doch so schwierig, sie zu erzeugen. Im Grunde genommen genügen ein paar richtige Fingerbewegungen. Entweder man macht [hier virtuoses Fingergezappel vorstellen] oder [wildes Fingergezappel] oder [total wahnsinniges Fingergezappel plus cooler Gesichtsausdruck] und schwupps, Kunst. Wahrscheinlich kann man jeden Kunst-Erzeugnisprozess derart frech klein reden, aber weder bei Buch oder Bild ist der Vergleich von Ursache und Wirkung so beeindruckend wie bei Musik. Sie löst im bestmöglichen Falle derart viele Gefühle, Gedanken und Körperspannungen aus, dass sich vergleichbare Künste schämend in die Ecke stellen würden, wenn sie könnten. Um dies dem Leser näher zu bringen, wähle ich einen Vergleich: wenn beispielsweise Literatur auf mich wirkt wie eine leckere Flasche Bier, dann ist Musik mindestens ein 20l-Liter Fass schottischer Whiskey, in welches reihenweise Aufputschmittel und halsfreundliche „Rachendrachen“-Bonbons gekippt worden ist. Zu letztgenannten Wick-Bonbons, welche es früher immer in der Apotheke gab, wenn ich artig gewesen bin, komme ich, weil nun ein paar bärtige Männer auf die Bühne tappsen und wild husten. Sieh mal einer an, die Herrn Musiker sind da.

Und genau vierzehn Leute sind gekommen, um sie sich anzuhören. Beschämend wenig, aber ich muss mir keinen Vorwurf gefallen lassen, ich bin hier. Ohne ein ‚Hallo! Wir sind diese, machen das, hier kommt Lied 1, viel Spaß!‘ beginnt nun das Konzert. Ich schließe die Augen. Die wummenden Klänge lösen noch viel mehr aus, wenn man dies tut. Und das muss und darf man sich dann so vorstellen: man fährt mit geschätzt fünfhundert Kilometern pro Stunde auf einer endlos nach geradeaus führenden Autobahn und links und rechts neben der Fahrbahn explodieren wahllos Häuser, Kühe und Gebirge. Krabumm! Eine Explosion, die scheinbar niemals endet, dann aber doch. Zwischen den Liedern murmelt der singende Gitarrist ein unmotiviertes „Thank you“ ins Mikrofon und der Hall, der auf seiner Stimme liegt, lässt es zu einem „Thank you-uh-uh-uh“ werden. „Bitte schön, gern!“, rufe ich auf die Bühne. Ohne Hall.

Nicht, dass ich musikjournalistische Ambitionen hätte, aber ich bin Klugscheißer genug, um die Musik der bärtigen Hustenden als psychedelischen Krautrock zu definieren. Ein Schlagzeuger, zwei Bassisten und ein Gitarrist, der ab und an Textfetzen ins Mikrofon haucht, wobei man jedoch kein Wort versteht. Manch einer würde den Klangteppich, den diese Gestalten in den miefigen Ex-Bahnhofshallen auslegen, als Krach bezeichnen. Doch diese Art der Musik hat einen Trick, den man erst durchschauen muss: Jeder Musiker spielt seine eigene Melodie und scheißt darauf, was die Kollegen gerade so fabrizieren. So entstehen Lieder ohne Refrain, dafür aber mit schreibe und sage vier Melodien, aus denen sich der Zuhörer die liebste herausfiltern kann. Eigentlich, so könnte man meinen, ist dann doch für alle was dabei. Weit gefehlt. Diese Musik ist nur etwas für Leute, die einer bestimmten „Szene“ angehören oder wenigstens angehören wollen. Ich bin eine Mischung aus beidem, zudem alleine hier und wie so oft: der mit Abstand jüngste. Gewissermaßen bin ich die Szene in der Szene, worauf ich ein bisschen stolz bin.

Ganz vorne tanzt allein ein Typus Konzertbesucher, der sich wahrscheinlich auf jedem gottverdammten Konzert der Welt entdecken lässt. Es ist die mittelalte Frau mit den langen, braunen Haaren, die sich wie wild zu den Tönen bewegt und scheint, als hätte sie sämtliche Drogen der Welt in der richtigen Dosis zu sich genommen. Egal, ob vierzehn oder vierzehn mal neunzehn Zuschauer: es ist immer exakt eine – nie zwei oder null! – dieser Damen anwesend und meistens wird sie irgendwann vom Sicherheitsdienst ermahnt, weil sie versucht, sich eine Zigarette anzuzünden. Nicht so heute. Sie raucht und schwingt in Trance durch die Gegend. Wahrscheinlich heißt sie Brigitte. So kann sich nur eine Brigitte verhalten, stelle ich mir zumindest vor. Eine Gabi täte so etwas nicht. Eine Gabi stünde dort hinten, würde sich über den Geruch beschweren und nach zwei Liedern genervt nach Hause traben. Nicht so meine Brigitte! Tanz, Brigitte, tanz! Brigitte hat’s verstanden.

Nach gut einer Stunde Beschallung mit gefühlt tausend Dezibel schließt der Krachgarten Eden dann. Ich taumle auf die Straße und vermisse den Krach. In meinen Ohren fiepst ein temporärer Tinnitus, den ich als alter Konzerthase aber längst kenne. Noch verschwindet der unangenehme Ton nach einiger Zeit, aber irgendwann einmal wird er sich bei regelmäßigen Konzertgängern für immer ins Ohr einnisten. Dies ist dann sozusagen das körperinterne Gütesiegel dafür, dass man einen verdammt guten Musikgeschmack hat. Eine unsichtbare Auszeichnung. Gefällt mir.

Die Straßen sind komplett leer, ich gehe auf die Mitte der Fahrbahn, renne panisch nach vorn und versuche, auf Tempo fünfhundert zu beschleunigen, komme aber auf nur auf zwölf. Ich schließe die Augen und da ist: nichts. Tja, ärgerlich. Das kann nur: die Musik.

Die unglaubliche Reise zweier Hirschkäfer auf einer Scheibe Knäckebrot

Einleitung:
Hirschkäfer im Allgemeinen tun normalerweise nur das, was sie normalerweise im Allgemeinen so tun: mit dem Mundwerkzeug an Dingen herumschnipseln, sinnfrei von A nach B, C, und D krabbeln, ab und zu Geschlechtsverkehr. Doch ich würde nicht von diesen Tierchen berichten, wenn es heute nicht grundlegend anders wäre. Doch dazu später (und im Namen des Textes) mehr. Und noch ein kleiner Hinweis: in Hirschkäferfamilien ist der Brauch, seinem Nachwuchs Namen zu geben, nicht verbreitet. Aber im Folgenden werden die Hirschkäfer spaßeshalber Ernie und Bert genannt, damit ich ein oder zwei Sesamstraße-Witze einbauen kann. Und nun viel Vergnügen mit der unglaublichen Reise von zwei Hirschkäfern auf einer Scheibe Knäckebrot.

Hauptteil:
Es waren einmal zwei Hirschkäfer, die vergnügten sich damit, eine Eiche sinn- und pausenlos hinauf und hinab zu krabbeln. Der eine Käfer namens Ernie war etwas dicker und kleiner als der andere, welcher den typischen Hirschkäfer-Namen Bert trug. Es ist ungeklärt, ob die beiden Geschwister, gute Freunde oder homosexuell sind – auf alle Fälle krabbeln sie die Eiche regelmäßig als Paar hoch und wieder herunter. Jedoch schlafen sie in getrennten Holzstückbetten. Nun begibt es sich aus reiner, spontaner Laune, dass ein Lastkraftwagen voller Knäckebrote an den Hirschkäfern vorbei fährt. Und als dieser mit seinen insgesamt schreibe und sage vier Reifen über einen kieselsteingroßen Kieselstein ruckelt, fällt eine Packung Knäckebrot mit Karamellgeschmack heraus, fliegt lustig durch die Luft und weil Gravitation und Gott es so wollen, widerfährt einem mit Bürobedarf beladenen Kleintransporter auf der Nebenspur das gleiche Kieselsteinschicksal, so dass eine Schere herausflattert, grußlos einen Riss in der Knäckebrotverpackung produziert und nun ist es an der Zeit, dass dieser viel zu lange Satz endlich mit einer reichlich offensichtlichen Information beendet wird: eine einzige Scheibe Knäckebrot landet vor den Mandibeln (Fachwissen: das sind diese Greifzangen vorne am Kopf der Viecher) der Hirschkäfer. Bert ist froh über die Abwechslung und heißt sie willkommen, Ernie folgt alsbald.

Ihnen war nie zuvor ein Knäckebrot begegnet, daher wissen sie so recht nichts mit dem Vollkornrechteck anzufangen. Stundenlang beraten sie sich; die Sonne geht auf und unter und etwa zweikommavier Tage vergehen, bis Ernie in seinem kleinen Hirschkäferhirn endlich eine halbwegs okaye Idee entwickelt hat. Aber gut Ding will Weile haben, sagen Volksmund und Großmütter. Ernie schlägt nun vor, aus dem Knäckebrot ein Floß zu machen und die Pfütze entlang der Straße als Unterfläche für die Knäckebrotoberfläche zu nutzen. „Au yeah!“, sagt Bert in Hirschkäfersprache und hält diesen Vorschlag für das Intelligenteste, was Ernie je gesagt hat, er spricht diesen Gedanken aber nicht aus. „Ich halte diesen Vorschlag für das Intelligenteste, was du je gesagt hast, Ernie!“. Okay, er sagt es doch. Und dann greifen sie sich das Knäckebrot und tragen es triumphierend hinab zur Pfütze, welche komplett mit Wasser befüllt war. Nur eine nasse Pfütze ist eine gute Pfütze.

Da sitzen die beiden Freunde also auf ihrem Knäckebrotkreuzer und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Ernie, mal ganz kreativ, tauft das Knäckebrot auf den Namen „Emm-ess-bar“. Sie fahren die Pfütze, die vielleicht die schönste Pfütze der Welt ist, herunter und ein paar Ameisen schießen vom Bordstein aus Fotos als Erinnerung an diese schöne Reise. Ernie sagt voller Freude: „Ich bin so froh und frei, ich fühle mich wie ein Quietscheentchen in der Badewanne!“, doch Bert muss ihn in seiner Glückseligkeit stören: „Aber gibt es denn auch Tauben bei dir in der Badewanne, Ernie? Sieh mal da, eine riesengroße Tauben-Armee! Sie fliegt direkt auf uns zu! Aarrraagahghaaaghhhh“. Und damit hatte Bert recht. Zwei Tauben hatten die Reisenden entdeckt und freuten sich über das schwimmende Essen, welches auf Essen schwamm. Aber, juhu: trotz angemessener Panik behielten Ernie und Bert den Überblick. Emsig machten sie von ihren Flügeln Gebrauch, stürzten sich auf die Tauben und kniffen ihnen mit ihren Beißgeweihen die Schnäbel ab. Das gefiel den Tauben nicht gut. Angepisst flogen sie wieder davon.

Nachdem sich Ernie und Bert beruhigt hatten, wurde Bert ein wenig patzig: „Einfach so eine bedrohte Tierart angreifen, ist nicht besonders human. Die blöden Tauben können doch irgendwelche Tiere essen, von denen es sowieso schon viel zu viele auf dieser Erde gibt. Zum Beispiel sich selbst.“ – Ernie hielt diesen Vorschlag für äußert amüsant, daher folgt als Reaktion auch das ernietypisches Ernielachen: [hier bitte ernietypisches Ernielachen vorstellen]. Endlich ist auf dem Knäckebrotfloß wieder Ruhe eingekehrt. Doch diese wertvolle Ruhe währt nicht lange: denn wie Bert mit seinen sehr, sehr guten Hirschkäferaugen schon aus der Ferne erkennen kann, schippern die zwei Passagiere auf einen Abfluss zu. Vollkommen zurecht warnt er Ernie: „Ernie, da, oweiowei, ein Abfluss! Unser wunderschönes, nach Karamell schmeckendes Knäckebrot wird dort hinein stürzen!“.

Noch bevor Döspaddel Ernie den Ernst der Lage realisieren kann, bleibt das Knäckebrot plötzlich stehen. Das Wasser hatte die tapfere Scheibe so durchweicht, dass es nun wie ein Waschlappen im Spülbecken liegen bleibt. „Was los? Haben wir einen Anker dabei?“, fragt Ernie. Bert verzichtet auf eine Antwort auf diese wirklich dumme Frage. Stattdessen schlägt er vor, zurück zur Eiche zu fliegen. Er habe plötzlich eine unglaublich große Lust auf sinn- und pausenloses Hinauf- und Hinabkrabbeln. Ernie hält diese Idee für das Intelligenteste, was Bert je gesagt hat und sagt das dann auch. Also fliegen unsere Freunde die Straße wieder hinunter, zurück zur allbekannten Eiche. Und wenn sie nicht gestorben sind, krabbeln sie noch heute.

Ausleitung:
Das war sie also, die unglaubliche Reise von zwei Hirschkäfern auf einer Scheibe Knäckebrot. Doch was können wir aus dieser Geschichte mitnehmen? Was lehrt sie uns fürs Leben? Wo ist die versteckte Moral? Gut, ich will ganz offen sein: nirgends. Entschuldigung.

Das Quiztaxi kann nun einmal nicht überall gleichzeitig sein

„Sagen Sie mal, wieso läuft das Taxameter eigentlich auch dann weiter, wenn wir an einer Ampel stehen?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert das Böse: „Ist halt so.“

Sie stehen an der Kreuzung zwischen Ostwall und Marktstraße. Die Laternen arbeiten, es ist Nacht. Der Taxibeförderung-in-Anspruch-Nehmer ist zu faul und zu reich, um die drei Kilometer nach Hause zu laufen. Wer kann, der kann. Das Taxameter zeigt sechs Euro und zehn Cent. Portokasse, das sind lediglich Peanuts/Erdnüsse für ihn. Apropos Knabbersüßzeug: Er wirft sich ein paar Weingummi in den Schlund und hat gleich schon die nächste Frage auf Lager.

„Sagen Sie mal, wieso haben hier die Weingummihersteller den Schriftzug ‚Vodka‘ auf die Oberfläche gepresst, wo doch ganz offensichtlich kein Vodka in dieser runden Süßigkeit enthalten ist?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

„Okay, gut, aber, sagen Sie mal, wieso sind alle Taxis aus dem Hause Mercedes, wo es doch so viele andere gute, tolle, deutsche Automarken gibt; so ein Taxi-Porsche, das hätte doch mal was – und vor allem: Stil?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert immer noch der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

Die Ampel springt auf grün, das Auto mit dem gelben Schild fährt den Ostwall hinauf. Aus dem Funkgerät des Taxifahrers kommen alle paar Sekunden Krefelder Straßennamen gekrächzt. Breite Straße, Lewerenzstraße, Tiergartenstraße, Horstdyk, Hilfe, Hilfe, holt diese Leute doch jemand ab! Manchmal kotzt einer auf die Ledersitze, manchmal versucht einer ohne zu zahlen zu flüchten, manchmal ist es sogar ganz angenehm. Und heute ist es so, wie es ist. Das Taxi fährt nun eine Linkskurve, rumpelt langsam in die Rheinstraße. Vorbei an leer stehenden Geschäften, vorbei an Geldautomaten, vorbei an Tauben, die sich selbst mit ein paar Brotkrümeln füttern.

„Sagen Sie mal, was würden Sie tun, wenn Sie eine Taube wären? Ich würde ja jeden Tag auf McDonald’s kacken. Kann diesen Schuppen nicht leiden; das ist gar kein richtiges Restaurant, die tun nur so. Ein Pseudorestaurant ist das doch. Für Leute, die die Fischgabel nicht von der Aufschnittgabel unterscheiden können. Dort bekommt man noch nicht einmal ein Schälchen mit Brotscheiben und Kräuterbutter, oder haben Sie schon mal einen Brotkorb bei McDonald’s bekommen? Haben Sie bestimmt nicht! Die wissen nicht einmal, wie man Kräuterbutter überhaupt buchstabiert! Ich schon! K, R, hm, Ä, U, T, E, R, B, U, Doppel-T, E, R. Ha!“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nicht, in seinen Augen flackert überhaupt nichts mehr: „Wenn ich eine Taube wäre, wäre sich bestimmt irgendeine Taube nicht dafür zu schade, mich zu fragen, was ich tun würde, wenn ich ein Mensch wäre. Und ich sage Ihnen eins:“, nun dreht er seinen Kopf doch noch, natürlich, nach rechts: „Ich würde dann bestimmt nicht antworten: Taxifahren.“

Während sie über die Uerdinger Straße fahren, übt sich der Gast in einem erstaunten, aber lautlosen Ausdruck des Verständnisses. Er scheitert auf eine wenig würdevolle Art und Weise. Dialog gescheitert. Sie biegen in die Zielstraße ein, Portmonee-Rascheln ist das einzige Geräusch weit und breit. Acht Euro vierzig, beim letzten Mal war der Weg vom Hauptbahnhof zur Mozartstraße billiger. Doch der Fahrgast moniert beim Aussteigen etwas Anderes: „Sagen Sie mal, kennen Sie das Lied ‚ICE‘ von Rainald Grebe? Da singt er die Zeile: ‚die Wahrheit sagt dir jeder Taxifahrer‘, aber das ist wohl komplett gelogen. Ich bin ehrlich enttäuscht, wissen Sie das?“

Der Taxifahrer schmunzelt in sich hinein, nimmt das abgezählte Honorar in Empfang und dann muss er auch schon weiter zur Weberstraße, wo ein betrunkenes Pärchen auf ihn wartet. Seinen Gast will er aber trotzdem noch verabschieden: „Enttäuschungen kommen vor, denn, wissen Sie: das ist halt so.“ Und dann fährt er fort.

Aus die Maus

Olga spielt mit den Puscheln auf ihren Brustwarzen. Um ihren Bauchnabel herum trägt sie ein Tattoo mit irgendeinem Scheiß auf Chinesisch. Joe Cocker krächzt: „you can leave your hat on“. Das Licht flackert wild, die Drinks sind lausig zusammengepanscht, Olga zeigt einen Spagat an der Stange. Vor mir jubeln vier dicke, mittelalte Herrschaften und wedeln mit Monopolygeld. Ihre Penisse drücken sich durch die engen Cordhosen wie ungeladene Pistolen. Es ist der blanke Hohn. Und ich bin mittendrin.

Aber ich kann es erklären. Es gibt drei Dinge, die jedes Menschenleben treu begleiten: schlechte Nachrichten, Drogen und Sex. An allen drei Dingen geht man zwangsläufig zugrunde. Es ist immer die gleiche, verdammte Routine: man liest in der Zeitung von tausend gestrichenen Arbeitsplätzen, trifft sich in Bars mit Betroffenen und am Ende des Tages will man ficken. Das Problem ist dann, dass das ziemlich viele wollen. So viele, dass am Ende der Nacht nie genug Vaginas für alle da sind. Probleme, Probleme überall; vielleicht sollte man sich das Lesen abgewöhnen, damit beginnt das ganze Elend nämlich meistens. Heute Nachmittag las ich in der Zeitung von einem Großbrand in der örtlichen Krawattenfabrik, bei der drei Arbeiter starben und nun macht der Betrieb wahrscheinlich dicht. Ich ging rüber zu Pete in die Pinte, ließ mir sieben große Bier auf meinen Deckel schreiben, schließlich landete ich hier. Es wäre wohl auch ohne Zeitung so gekommen, aber Scheiße, man muss doch irgendwo einen Auslöser für all diesen Rotz suchen. Das Lesen muss aufhören, wenn man sich schon vom Leben nicht trennen kann.

Wieso eigentlich nicht? Alle gehen einem auf den Sack, nur entleeren will ihn niemand. So landet man immer wieder in einer dieser düsteren Wichsfabriken und lässt sich bescheißen von der Lust, vom nackten Fleisch und die Tänzerinnen haben nicht nur uns, sondern auch unser Geld in der Tasche. Und das geht so: im Eingangsbereich wacht ein Zweimeterturm, der einem fünfzig Euro abknüpft und einem dann besagte fünfzig Euro in Spielgeld wiedergibt. Dieses darf man sich dann über den gesamten Aufenthalt aufteilen und den Tanztanten bei besonders geilen Kunststücken zustecken. Getränke kosten extra. Ein gutes, weil einfaches System. Ich habe noch keinen einzigen Spieldollar ausgegeben. Muss man ja auch nicht. Einzig die Tänzerinnen haben etwas davon, da sie für jeden erstrippten Schein Extraknete bekommen, vermute ich. Ich habe nicht vor, heute auch nur einen einzigen Spieldollar auszugeben. Denn ich stelle mir vor, wie Olga und ihre Kolleginnen später hinter der Bühne tuscheln und sich gegenseitig erzählen, welcher Versager ihnen wie viel und wofür gegeben hat. Ich möchte nicht Teil dieser Gespräche sein. So viel Restwürde möchte ich mir dann doch bewahren.

Doch Obacht, uns wird nun das große Finale präsentiert: Schichtarbeiterin Olga zeigt uns ihren erfahrenen Po. Ich nehme es hin. Zwei Backen, zwei Löcher – so sehen die doch alle aus. Allmählich stumpfe ich ab, eine Erektion habe ich trotzdem. Das Quartett vor meiner Nase ist da doch deutlich begeisterungsfähiger. Man klatscht sich lachend und feiernd gegenseitig ab. Obwohl jeder von ihnen ganz gern allein hier wäre. Allein mit Olga, allein mit Olgas Po, allein und reich. Stattdessen tanzen diese Affen hier nun herum wie vier Kirchenmäuse vor einer Mausefalle. Sie fallen alle darauf rein. Wir fallen alle darauf rein. Alle fallen darauf rein. Zusch, die Lichter gehen aus, Olga verpisst sich und lässt uns mit unseren dicken Schwänzen allein. Die Show ist für heute beendet. Morgen gibt es die gleiche Vorstellung nochmal, ich freue mich nicht darauf. Trinke noch ein Bier, dann marschiere ich hinaus; zurück in die echte Welt, die auch nicht viel besser ist. Wenigstens weiß man da drinnen noch, dass man von vorne bis hinten über den Tisch gezogen wird. Hier draußen sieht das ganz anders aus.

Tierisch aufgegeilt und benommen taumle ich durch die Nacht, erfreue mich an meinem giftigem Atem. Ich bin widerlich, ich bin am Ende, ich bin ich. Es ist alles wie immer. Die Straßenlaternen flackern, spenden nur in unregelmäßigen Abständen Licht, vollkommen willkürlich das Ganze. Da hat wohl auch noch jemand anders keinen Bock. Mit Mühe erkenne ich, wie mir auf der anderen Straßenseite ein Grummeln entgegengeworfen wird. Ein anderer Irrer mit Weihnachtsmannbart und Trenchcoat kommt mir entgegen. Er scheint auch nicht viel besser dran als ich. Mit letzter Kraft jault er mich an wie ein halbtoter Hund:

„He, Kumpel! Haste schon gehört? ‚Krawatten Kempkes‘ macht zu! Die machen alles dicht! Platt! Pleite!“
„Scheiße, was meinst du, wieso ich hier so verkommen und gequollen rumspaziere? Der Teufel schlägt täglich zu und immer erwischt es mich!“
„Nein, nein, mein Junge, es erwischt nicht nur dich, nicht nur mich, sondern uns alle! Und Jesus lässt sich nicht blicken! Wenn ich den Kerl zu packen bekomme, poliere ich ihm die Fresse!“
„Gib ihm eine von mir mit!“
„Mach ich, Kumpel, mach ich! Du bist echt ein feiner Kerl! Pass mal auf.“ Er zeigt auf ein Tanzlokal, in dem immer nur die Schwarzen zu ihren ganzen verrückten Jazzsongs tanzen. „Geh mal da drüben rein, da findest du noch Abhilfe für das kleine Problem in deiner Hose! Die ganzen Neger ficken nämlich nur noch die weißen Mösen. Irgendeine Negerbraut kriegste da mit Sicherheit! Viel Glück.“

Dann torkelt mein Freund ziellos davon. Ich stecke mir eine Zigarette an und sehe mir den Laden mal von außen an. Das Schild ist in einem bemitleidenswerten Zustand, man kann nicht man den Namen lesen. Vor dem Kellereingang liegen drei Ladungen Kotze. Gefällt mir, da ist noch Leben drin. Ist einen Versuch wert. Mit der Kippe an der Lippe steige ich die Treppe hinab, die Saxophone erklingen immer lauter. Auf der Tanzfläche ist fast nichts mehr los, ein paar schwarze Männlein und Weiblein hängen herum. Es dauert nur wenige Sekunden, da reibt sich auch schon eine runde Schwarze an mir. Sie zeigt, was sie hat und was sie kann. Und das ist einiges. Olga ist ein Fliegenfurz dagegen. Ich genieße und wiege mich im Jazz. Als sie sich eine kurze Pause gönnt und an ihren Haaren herumfummelt, stecke ich ihr zwanzig Spieldollar in den üppigen Ausschnitt. Sie lacht, zerrt mich die Treppe hinauf nach draußen. Ein paar Kerle pfeifen uns hinterher. Sie wird mich jetzt wohl mit zu ihr nach Hause nehmen.

Falls sie eins hat.

Eine lebensbejahende Geschichte, in der prinzipiell nichts passiert

Mark greift nach einem alten T-Shirt, um sich den Schweiß von der Stirn zu streifen. Eine Mücke landet rückwärts auf seinen Rücken und macht Rast. Da, auf deinem Rücken, Mark, auf dem Rücken, Mark, eine Mücke! Mark! Es ist ihm egal. An diesem freien Sommersonntag sitzt er unbekleidet auf seinem Ledersofa und lässt sich durchs Nichts aus der Ruhe bringen. Mark, vierundvierzigjährig wie er nun einmal ist, hat kaum noch Haare und einen dicken Bauch. Sonst gibt es nicht viel zu beschreiben, soweit ich das in meiner Rolle des allwissenden Erzählers von meiner Warte aus erspähen kann. Der Fernseher ist ausgeschaltet, die Nadel des Plattenspielers steht arbeitslos in der Luft herum und Mark hat auch keine Frau, die ihm Gesprächsanreize oder wenigstens ein kühles Bier bringen könnte. Wir wissen also nun bereits, was Mark nicht tut, nicht einschaltet und nicht besitzt. Doch was gibt es sonst noch zu entdecken in seiner Wohnung? Hm, mal sehen. Da sind noch vier Wände um ihn herum, Luft sowieso, auch sonst so wie so oft nur das Übliche. Teppich, Stuhl, Decke, Tisch, Tischdecke und liebevoll, aber schlampig mit kümmerlichen Herzchen bestickte Stuhlkissen. Schauen wir uns das Sammelsurium auf seinem Tisch genauer an. Kerzen, Gläser, Schimmelkäse, Schimmelkäsehobel, Silberlöffel, Silbergabeln, Silbermesser, Silbermarmorkuchengabel, Silberschimmelkäsepiekser – oder kurz: Silberbesteck für jeden Anlass – zudem Ordner, Servietten, Serviettenspender, Serviettenzusammenhaltnadel – oder kurz: Serviettenallerlei. Alles, was man braucht, brauchte oder mal brauchen könnte. Marks Tisch ist sehr gut, eine glatte eins.

Kommen wir zum Sims. Auf besagtem Sims liegen eine gesäßfreundliche Thrombosehose, eine vertrocknete Rose, eine knotenlose Wollknäuelsoße, eine leblose Sammelfigur von Miro Klose in Jubelpose, die ein oder andere Modechose, eine Brotdose und ein Ziegelstein. Oder, um auch diese Aufzählung kurz zusammenzufassen: auf Marks Sims ist ordentlich was los. Außerdem erblicke ich dort noch eine Fernbedienung für das Fernsehgerät, also sozusagen ein Fernseherfernsteuerungsgerät. Auf der Taste namens 1 ist die ARD, auf der 2 das ZDF und weil Mark ein arg lustiger Schelm ist, lässt sich bei ihm auf der 3 „Das Vierte“ finden. Auf dem Boden sehe ich ein Katzenklo samt Katzenstreu für den nicht unmöglichen Fall, dass Mark eine Katze zuläuft. Einen Namen für die Katze hätte Mark auch schon: Bello. Wie gesagt, Mark hat einen ausgezeichneten Sinn für Humor, für welchen er auch überregional sehr geschätzt wird. Aber weiter im Text. Da sind noch Gitarre, Steckdosenleiste, Stehlampe, Bromeliengewächs samt dazugehörigem Pflanzentopf mit dazu dazugehöriger Erde drin, Regale, Regalfüllmaterial, also Bücher und CDs und DVDs und Videokassetten und unschöne Mitbringsel aus dem letzten Urlaub, und dann sind da Gardinen am Fenster und ja, das Fenster ist natürlich auch noch da, das hatte ich in meiner Aufzählung vergessen.

Und dann ist da eben noch dieses verdammte Sofa, welches Mark im doppelten Sinne besitzt. Er ist alleine, aber nicht einsam. Er trägt keine Unterhose, fühlt sich aber nicht nackt. Er hat nichts zu tun. Aber ihm ist nicht langweilig. Er schaut sich um. Wundert sich über den ganzen Plunder um ihn herum. Wie er zu dem ganzen Zeug gekommen ist, weiß er zum Teil nicht mehr. Wann er für den Schimmelkäsehobel noch einmal Verwendung hat, weiß er auch nicht. Er weiß eigentlich ziemlich wenig. Das stört ihn nicht. Draußen plärren ein paar Kinder herum, weil ihr Plastikball scheinbar unwiederbringlich unter einen PKW gerollt ist. Das stört ihn nicht. Er besitzt keinen Ventilator und der Schweiß verwandelt seinen Körper in eine Wildwasserbahn für Kleinstbakterien. Stört ihn nicht. Doch: Oh! Mark! Da! Oh! Mark! Da! Oh! Da! Mark! Guck! Die Mücke verlässt seinen Rücken, fliegt noch ein bisschen wirr und irr durch die Gegend, bis sie endlich den Fensterspalt erreicht und an der Miro Klose-Figur vorbei ins Freie fliegen kann. Wahnsinn, denkt sich Mark, da hat das Leben für die Mücke ja doch noch einen Funken Freude parat gehabt. Er freut sich und weiß: ein Sonntag, der einen solchen Gedanken entstehen lässt, kann schöner nicht sein.

Die Beobachtung

Linus und Annette liegen im Stadtpark auf einer Wiese und schauen sich die Sterne an. Der Rasen ist ein wenig nass vom Regen des Nachmittags, ihre Rücken sind feucht. Linus ist nachlässig mit Hemd und Jeans bekleidet, Annette trägt ein rotes Kleidchen ohne was drunter. Minutenlang schweigen sie, bis Annette ihren linken Zeigefinger so nach oben streckt, dass ein 90°-Winkel entsteht.

„Da oben ist der große Wagen, dort ist der kleine Bär, dahinten siehst du die Luftpumpe“, sagt sie.
„Die Luftpumpe?“, fragt er.
„Ja, die Luftpumpe. Dahinten, neben der Wolke, die aussieht wie ein trächtiges Schaf. Nicolas Louis de Lacaille, ein französischer Astronom, hat sie irgendwann im 18. Jahrhundert entdeckt.“
„Verrückt. Woher weißt du das?“
„Ich war dabei.“

Linus geht nicht darauf ein. Er weiß, dass Annette so etwas nicht zum Spaß behauptet. Sie ist irre. Sie glaubt, damals wirklich dabei gewesen zu sein. Wahrscheinlich würde sie auf Nachfrage auch noch behaupten, 1785 mit dem Astrologie-Typen geschlafen zu haben. Sie hat einen tollen Körper und mit ihren zweiundzwanzig Jahren ist sie naturgemäß noch gut in Schuss. Ohne ihren wüsten Verstand hätte sie sicher was Besseres abbekommen als den arbeitslosen und unschönen Linus. Nun hängt sie an ihm wie Jesus am Kreuz: leidend, zu Unrecht und bis zum Tod. Pech gehabt. Aber, verdammt: eine Luftpumpe! Im Himmel! Das ist nicht mehr kurios, das ist schon hochgradig bescheuert. Als den Menschen die mythologischen Gestalten ausgegangen waren, mussten sie wohl technische Errungenschaften nehmen, um irgendwelche Sternenkonstellationen zu benennen. Heute würden diese Bilder wahrscheinlich iPad, Xbox 360 und Faxgerät heißen. Dann doch lieber eine Luftpumpe.

Linus nimmt noch einen Schluck aus der Küstennebel-Flasche. Der Anis-Geschmack segelt durch seinen Mund. Er hustet wild.

„Schmeckt gut“, sagt er.
„Dass du immer saufen musst“, sagt sie.
„Glaubst du, dass die Leute das früher nicht taten? Dein komischer Franzose da, der hat bestimmt auch gesoffen wie ein Elefant. Sonst hätte er bestimmt keine Luftpumpe im Himmel gesehen.“
„Nicolas hat nicht getrunken. Und er war zärtlicher, als du es dir mit deinem Spatzenhirn überhaupt vorstellen kannst.“
„Dann war er also ein Idiot.“

Linus greift wieder zur Flasche, spuckt ein bisschen in der Gegend herum. Dann greift er nach seiner Tasche, zieht eine Pistole hervor. Er steht auf und brüllt: „Nimm das, Luftpumpe!“ Er ballert blind und wild und unkontrolliert in den Nachthimmel. „Gib mir Deckung, ich knall auch noch die Heizdecke, den Reisewecker und den gottverdammten Schraubenzieher ab! Die ganze, irre Sippe!“, Annette zappelt panisch und stumm wie ein frisch gefangener Fisch an der Leine auf dem Rasen herum. Der Park ist menschenleer, keiner nimmt Notiz vom dargebotenen Schauspiel. Nur ein paar Vögel flattern aufgeregt umher. Linus springt auf dem feuchten Boden herum; es wirkt, als würde er ungelenk tanzen. „Und was ist mit dem Mond? Der kotzt mich auch an, wie er da so stumm auf stolz und wichtig tut! Peng, peng!“ Die Munition ist längst verschossen, doch Linus ist in Rage und drückt weiter ab. Bis er schließlich ausrutscht. Er landet schmerzverzerrt auf seinem Rücken: „Argh, verdammte Scheiße! Diese beschissenen Sterne sind einfach zu weit weg, sie drücken sich vor ihrem Schicksal! Angsthasen, alle! Arrgh!“.

„Geschieht dir recht, du hättest fast noch jemanden umgebracht!“, keucht Annette.
„Wen hätte ich denn treffen sollen? Ein paar Fliegen vielleicht!“, antwortet Linus.
„Auch Fliegen haben ein Recht auf ihr Leben!“

Linus setzt sich mit letzter Kraft aufrecht hin.

„Schau mal, Kleines. Uns Menschen wird ständig eingetrichtert, dass wir jeden Tag leben sollen, als wäre es unser letzter. Weil das Leben so kostbar und kurz ist. Aber was soll so eine Fliege dann bloß sagen? Die lebt nur ein paar Tage und ist zu blöd dazu, eine Glasscheibe als solche zu erkennen. Die flattern dann also herum, stören, nerven und nur wenn sie Glück haben, finden sie jemanden zum Ficken. Dann ficken die ein bisschen, nur um danach wieder ziellos durch die Gegend zu fliegen. Es gibt so viele dieser Viecher. Und kaum eine hat wirklich was zu tun. Glaubst du, die wären ernsthaft traurig, wenn ich ihr trostloses Leben beenden würde? Ich glaube kaum.“

Annette trinkt ihren ersten Schluck Küstennebel. Sie schraubt die Flasche nicht wieder zu und schmeißt sie unachtsam auf den Rasen zurück. Dann fragt sie: „Was ist der Unterschied zwischen dir und einer Fliege?“

„Ich weiß, wie eine Glasscheibe aussieht und ich habe eine Pistole. Komm, lass uns nach Hause gehen, diese beknackten Sternbilder widern mich an!“

Linus greift nach Annettes Arm und sie verlassen den Stadtpark. Die Vögel sitzen in ihren Baumkronen und zwitschern wieder ihre Lieder. Es war wieder einmal kein guter Abend gewesen.