Archiv der Kategorie 'Kurzgeschichten'

Am Gartenzaun

Auf der Straße, in der ich wohne, ist für gewöhnlich nicht besonders viel los – daher wohl ihr Name „Randstraße“. Und so erklärt sich auch meine ungewohnte Schaulustigkeit: Vor einem kleinen Haus irgendwo zwischen meiner Wohnung und einem Supermarkt standen viele, viele Autos mit fernen Kennzeichen, man versammelte sich chic und lachend in einem Vorgarten. Ich blieb stehen. Hm. Leute, die in dieser Gegend auffällig gut gelaunt sind, sind immer erstmal verdächtig. Rasch wurde jemand auf meine Anwesenheit aufmerksam und meine Blicke schienen zu fragen, was hier denn los sei. Eine Dame erklärte mir, dass hier eine italienische Hochzeit gefeiert würde. Hossa!

Trotz meines Aussehens frug man mich dann: „Wollen Sie mitfeiern? Oder sind Sie ein Nazi?“ und ich verneinte beides. „Also doch Nazi?“, „Nein, nein; aber ich halte nichts von Hochzeiten“ erklärte ich plausibel. Unverständnis hinter dem Gartenzaun. Und als ich schließlich davontrottete, rief mir ein älterer Herr hinterher: „Kommunist!“– womit ich zwar deutlich besser leben kann, aber vielleicht hätte ich einfach einen Grappa mittrinken sollen. Denn so wird das nichts mit der guten Nachbarschaft. Mi scusi!

Kann Spuren von Restalkohol enthalten

Es begab sich, dass eine deutsche Mutter drei Kinder warf. Hintereinander und untenrum nackt. Das Wunder der Geburt entfaltete sich wie eine Ziehharmonika, nur lauter. Beim Pressen wurde ge-ooooht, ge-aaaaht und gepresslufthämmert. Was vollkommen okay ist. Drei Kinder auf einmal, das ist mehr als doppelt so viel wie die durchschnittliche deutsche Durchschnittsmutter im Durchschnitt per Kaiserschnitt auf die Welt schmeißt. Respekt! Ich hätte das aus Gründen nicht gekonnt. Die deutsche Mutter hat mir einiges voraus! Und im kühlen Lampengeflacker des Werner Schulze-Erdel-Hospitals wurde es dann eine wahre Nachwuchstrilogie; eine Drillingsgeburt in drei gleich großen aktentaschengroßen Akten. Die Hebamme, gelernte Kellnerin, nahm die dreiteilige Brut auf einmal auf, legte sie beiseite und wunderte sich währenddessen über den kuriosen Verlauf der Geburt: Getreu der deutschen Tugend „Ordnung“ hatte sich Mutter Natur in Kooperation mit Vater Mammon nämlich etwas überlegt.

So fielen die Filiusse und Filia gemäß ihrer finanziellen Zukunft aus der mütterlichen Mumu heraus. Es ist wie es ist wie es ist wie es ist, es ist folgendermaßen: Das Erstgeborene trägt exklusiv die traurige Last des Erstgeborenen – die anderen nicht. So wurde das erste Kind arm geboren, das zweite so mittel und das dritte reich. Und das Reichste bekam auch als einziges Kind einen Namen geschenkt, weil die Mutter sparen musste. Jüngst verlor sie wegen ihres irrational expandierenden Bauches sogar ihren Arbeitsplatz als menschliches Korrektiv bei „Lafer! Lichter! Lecker!“. Wie inspirierend diese Arbeit für sie gewesen war, zeigt jedoch die Namenswahl für das reichste Kind. Es wurde geschlechtsneutral auf den Namen „Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran“ getauft.

Was zu ungeahnten Schwierigkeiten im Kindergarten führte. Obwohl die anderen Kinder selbst mehr Bindestriche als Vokale in ihren Vornamen trugen, waren sie kognitiv nicht dazu in der Lage, sich den leckeren Namen zu merken. Dabei hätten sie ihn in jedem gut sortierten Supermarkt nachlesen können. So erhielt Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran schnell beziehungsweise fix den tollkühnen und toll kurzen Spitznamen „Tütensauce“. Und schwuppdischwabbeldiwuppwupp, ausgestattet mit diesem sehr guten Namen lief es auch gleich viel besser für Tütensauce. Es war ihm nun beispielsweise ein Leichtes, Mitspieler für sein flippiges Traktor-Quartett zu finden und auch sonst entwickelte sich Tütensauce prächtig.

Mit vier Jahren hatte es bereits seinen ersten eigenen Kaufladen. Mit fünf Jahren führte es ein komplettes Kasperletheater. Und mit gerade einmal sechs Jahren untersuchte es als „Dr. Tütensauce“ diverse Kinderkörper auf Herz, Nieren und Kitzeligkeit. Ausgestattet mit diesem runden Teil, an welches so ein an den Ohren endender Schlauch angeschlossen ist – Klugscheißer nennen diese Vorrichtung „Plastik-Stethoskop“ – stellte es verlässlich fest, ob jemand lebte oder eben nicht mehr. Und siehe da! Der ganze Kindergarten lebte! Dank und wegen und mit Tütensauce. Für seine Mutter zurecht ein Grund für das Fühlen von ehrlichem Stolz.

Ebenfalls tröstete es sie darüber hinweg, dass der Spender des Drillingssamens zu dieser Zeit gesellschaftlich einen schweren Stand besaß. Tütensauces Vater hatte ein mittelmäßiges Gedicht über Israel geschrieben und die Leute hatten sich anschließend mächtig darüber aufregt; wahrscheinlich, weil es sich nicht reimte. Immerhin hatte Tütensauce durch ihn ein gewisses Bisschen künstlerisches Talent geerbt. Es malte gern und gut wie ein begabter Schimpanse, manchmal fanden am hauseigenen Kühlschrank Vernissagen statt. Zudem tanzte es wunderbar Ballett. Weswegen Tütensauce in diversen Theaterstücken mitspielen durfte: in „Wilhelm Tell“ spielte es den Apfel, in „Faust“ einen heftigen Luftzug und in „Don Carlos“ einen Baum.

Weniger erfolgreich verlief hingegen leider das Heranwachsen seiner weiterhin namenlosen Geschwister. Ach ja, die waren ja auch noch da, mag der geneigte Textkonsument nun denken. Ähnlich dachten auch die Eltern. Schatten-Geschwister, irgendwie existent, natürlich auch geliebt, aber eben nur im Hintergrund. Sie lernten gerade erst das Lesen und verwechselten dabei ständig O und Q, was mitunter zu lustigen Neologismen wie „Ouoatschkqpp“ führte. Ganz schön arm! Aber man hätte es schon bei der Geburt erkennen können: Reich sein hilft. Und mit dieser nicht sonderlich neuen Erkenntnis endet dieser Text; gewiss jedoch nicht die Geschichte des unglaublichen Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran. Ein Typ der Meisterklasse! Von ihm wird man noch viel hören! Oder essen, falls er denn irgendwann mal Koch wird. Guten Appetit!

Eine kleine Geschichte, die vielleicht auf Missstände hinweist

Die Laus sitzt auf einem Blatt und guckt herum. Hier oben von der Eiche aus kann man prima in den Wald gucken. Und staunen. Mutter Natur ist eindeutig die kreativste Frau der Welt, noch weit vor Ruth Moschner und Erika Steinbach, um zwei unpassende Beispiele zu nennen. Im Wald sind Politik und Comedy egal, man lebt einfach nur seinen tierischen Alltag. Drüben spielen ein Igel und ein Hase Fangen, dahinten schleppen circa tausend Ameisen eine große Menge Kleinigkeiten von hier nach da. Und die Laus futtert ein bisschen Blattzeug. Am schmackhaftesten sind die weichen Mittelteile, der Rand schmeckt nur so mittel. Blätter sind wie Toastbrot, nur anders. Dann kommt der Wind. Plötzlich und wesentlich lauter als die Singvögel. Die sehr kleinen und schwachen Waldtiere verstecken sich in Löchern, nur die Laus ist gefangen. Das Eichen-Geäst wackelt. Der Stiel des Blattes leistet fleißig Widerstand, doch der Diktatur des Windes hat es nicht viel entgegenzusetzen. Es bricht. Das Blatt segelt hinunter. Und die Laus fühlt sich wie Superman. Fliegen! Wie Fliegen! Oder Vögel! Oder Flugzeuge! Huiiuiuiuiiii, schwiiiing, wrooooooooam!

Am Boden angekommen, schüttelt sich die Superlaus kurz, um danach wieder den Baum hinauf zu krabbeln. Das war toll! Nochmal! Was einen nicht tötet, das will man nochmal machen. Doch der Wind ist längst weitergezogen. In die Stadt, wo die Menschen ihn nur als notwendiges Übel ansehen. Der Wind ist wie Politik und Comedy. Mutter Natur gefällt das nicht. Aber ach, ist doch auch egal.

Ein modernes Märchen im Präsens

Es sind einmal ein cholerischer Misanthrop, eine chinesische Rentnerin und ein Kleinwüchsiger in einem Dinosaurier-Kostüm. Die sitzen in einer Bar. Sie wünschen sich ständig irgendwelche Lieder, die der Barkeeper nicht kennt und bauen lustige Häuser aus Bierdeckeln. Die Stimmung ist dennoch betrübt: In der Redaktion des örtlichen Telefonbuch-Verlages hat ein Schelm die Nullen durch Os ersetzt und jetzt kann niemand mehr die Telefonnummern lesen. „So eine Scheiße, ich hasse euch alle!“ ruft der Misanthrop plötzlich völlig unvermittelt und völlig plötzlich, da unvermittelt. Besonders die Chinesin erschreckt sich sehr stark, weil sie nicht versteht, was gerade gesagt wurde und generell gar nicht weiß, wie sie überhaupt hergekommen ist. Eigentlich wollte sie eine leckere Marzipantorte backen und in Deutschland rasch ein wenig Marzipan erwerben. Dass daraus nicht wurde, muss man der deutschen Infrastruktur vorwerfen. Die ist nicht so gut. Aber nun ist die Chinesin eben da und wird brav toleriert. Manchmal quietscht sie vergnügt und altersmilde. Der Barkeeper sagt dann stets: „Völkerverständigung beginnt in der Leber! Prost!“ und schmeißt eine Lokalrunde.

Besonders amüsant ist es dann, dem Kleinwüchsigen zuzusehen. Die Biergläser sind kaum größer als er. Wenn er sich die Mühe machen würde, den Haltegriff hinauf zu klettern, könnte er im Bier schwimmen. Doch diesen Gefallen tut er den Anwesenden nicht. Schade. Dafür erfreuen sie sich fleißig an seinem vollkommen sinnlosen Dinosaurier-Kostüm, welches er wie folgt hergestellt hat: Man nehme eine kleine Hartgummi-Figur der Firma „Schleich“, höhle das Innere der Figur hinaus und wenn dann noch akrobatisches Talent vorhanden ist, kann man in das harte Korsett hinein schlüpfen. Fertig. „So ein Scheiß-Kostüm, ich hasse dich!“ ruft der Misanthrop und fügt hinzu: „Aber nicht, weil du sehr, sehr klein bist, sondern weil du ein Mensch bist, nur um das klar zustellen. Misanthropie und Rassismus sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. So wie Post-Its und reguläre Notizzettel.“ Und dann quietscht die chinesische Rentnerin; ein drei Meter großes Bierdeckelhaus fällt infolgedessen in sich zusammen. Der Kleinwüchsige wünscht sich ein tiefgründiges Liebeslied von Peter Maffay, der Barkeeper kommt diesem Wunsch nach und so weiter.

Als die Szenerie dann beginnt, sich langweiligerweise ständig zu wiederholen, kommt auf einmal der liebe Gott in die Bar. „Tach, Gott“ begrüßen ihn die Barbesucher beiläufig, der Barkeeper hält einen mäßig unterhaltsamen Monolog mit vielen „oh mein Gott“-Anspielungen. „Oh mein Barkeeper, mix mir einen Scotch mit Single Malt! 50:50!“, sagt Gott ganz lässig und cool und alle sind sich sicher, dass das tatsächlich der liebe Gott sein muss, denn sonst wäre er nicht so lässig und cool. Schnell realisieren die Gäste, dass dies ein besonderer Moment ist. Mit Gott sprechen kennen sie nur aus dem Fernsehen und gilt nun zu testen, ob BibelTV so authentisch ist wie gedacht. Als Erste wendet sich die Chinesin an Gott und erzählt ein bisschen mit ihm, der ja praktischerweise alle Sprachen der Welt spricht, weil er sie erfunden hat. [irgendwas auf Chinesisch, keine Ahnung] Gott zeigt Richtung Norden, wo spontan eine pittoreske Marzipanbäckerei aus dem Boden wächst. Ein letztes Mal quietscht die Rentnerin, um anschließend fröhlich die Bar zu verlassen. „JAWOLL, endlich ist sie weg! Ich hasste sie“, jubelt der Misanthrop und fügt an: „Aber ich freue mich nicht darüber, weil ich ein Nazi bin, sondern einfach nur so, weil. Ich. Es. Kann. Fickt euch!“.

Und dann bewegt sich der Kleinwüchsige in die Richtung des Allmächtigen. Gott kann ihn erst nicht sehen, da er unschön über die Teppichfransen gestolpert ist, aber dann sieht er ihn doch, weil alles andere nicht in die „Dramaturgie“ dieser Geschichte passen würde. „Dein Problem ist kaum zu übersehen, mein Sohn“, sagt Gott und tätschelt sanft über das Dinosaurierkostüm. „Hier, du sollst haben, was dir fehlt.“ spricht er weise und kurioserweise in einem ostdeutschen Dialekt. Und dann zaubert er dem Kleinwüchsigen ein verkehrssicheres Damenfahrrad herbei. „Nun kannst du radeln, wohin du willst! Aber denke immer daran, dass jeweils zwei Katzenaugen in die Speichen geklemmt sind und achte stets aufmerksam auf den Verkehr!“ Der Kleinwüchsige ist hocherfreut, tritt sehr kräftig in die Pedale und vor lauter Geschwindigkeit fährt er ein Loch in die Tür. Gottseidank ist es sehr klein, so dass höchstens Kellerasseln hindurch passen würden.

„Gut, dass der weg ist, ich habe ihn immer geha…“, will der Misanthrop dann sagen, doch seine intelligenten Ausführungen werden von Gott jäh gestört. „Schweig“, sagt er, „ich weiß, was du sagen willst. Und ich sage dir eins: du hast völlig recht. Menschen sind total bescheuert. Verzeihung dafür.“ Da ruft der Barkeeper: „Reue fängt in der Leber an! Lokalrunde!“ und wenn sie nicht gestorben sind, dann saufen sie noch heute.

Das Quiztaxi kann nicht überall gleichzeitig sein [neue Version]

„Sagen Sie mal, wieso läuft das Taxameter eigentlich auch dann weiter, wenn wir an einer Ampel stehen?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf leicht nach rechts, in seinen Augen flackert das Böse: „Ist halt so.“

Sie stehen an der Kreuzung zwischen Ostwall und Marktstraße. Die Laternen arbeiten, es ist Nacht. Der Fahrgast hätte natürlich laufen können, aber auch zwei Kilometer können sich ganz schön ziehen. Und: Wer kann, der kann eben. Das Taxameter zeigt sechs Euro und zehn Cent. Portokasse, das sind lediglich Peanuts/Erdnüsse für ihn. Der Staat will zwar einen Teil seines Einkommens, aber der Spitzensteuersatz wurde im unermüdlichen Laufe der Zeit so sehr gesenkt, dass, nun ja, er kann sich Taxifahren halt leisten. Als sie dann an einem Wahlplakat einer beliebigen Partei vorbeifahren, liegt ihm eine weitere Frage auf den Lippen:

„Sagen Sie mal, wieso beschweren sich immer alle über die Politik? Jeder, der in unser Land kommt kann doch aus sich machen, was er will. Und das sage ich jetzt nicht, weil sie schwarz sind.“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so. Und ich das sage ich Ihnen nicht, weil sie weiß sind.“

Nieselregen setzt ein, ein einsamer Passant schaut dem Taxi hinterher und sucht in seiner Hosentasche nach einem Feuerzeug. Ob er es findet, bekommen die Taxi-Insassen nicht mehr mit.

„Okay, gut, aber, sagen Sie mal, wieso sind alle Taxis aus dem Hause Mercedes, wo es doch so viele andere gute, tolle, deutsche Automarken gibt; so ein Taxi-Porsche, kennen Sie doch, oder?, das hätte doch mal was, vor allem: Stil?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert immer noch der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

Die Ampel springt auf grün, das Auto mit dem gelben Schild fährt den Ostwall hinauf. Aus dem Funkgerät des Taxifahrers kommen alle paar Sekunden irgendwelche Krefelder Straßennamen gekrächzt. Breite Straße, Lewerenzstraße, Tiergartenstraße, Horstdyk; überall Menschen, die abgeholt werden müssen. Und dann? Manchmal kotzt einer auf die Ledersitze, manchmal versucht einer ohne zu zahlen zu flüchten, manchmal ist es sogar ganz angenehm. Und heute ist es so, wie es ist. Das Taxi fährt nun eine Linkskurve, rumpelt langsam in die Rheinstraße. Vorbei an leer stehenden Geschäften, vorbei an Geldautomaten, vorbei an Tauben, die sich selbst mit ein paar Brotkrümeln füttern.

„Sagen Sie mal, was würden Sie tun, wenn Sie ein Tier wären, also, ein richtiges Tier, sagen wir eine Taube? Ich würde ja jeden Tag auf McDonald’s kacken. Kann diesen Schuppen nicht leiden; das ist gar kein richtiges Restaurant, die tun nur so. Ein Pseudorestaurant ist das doch. Für Leute, die die Fischgabel nicht von der Aufschnittgabel unterscheiden können. Dort bekommt man noch nicht einmal ein Schälchen mit Brotscheiben und Kräuterbutter, oder haben Sie schon mal einen Brotkorb bei McDonald’s bekommen? Haben Sie bestimmt nicht! Die wissen nicht einmal, wie man Kräuterbutter überhaupt buchstabiert! Ich schon! K, R, hm, Ä, U, T, E, R, B, U, Doppel-T, E, R. Ha!“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nicht, in seinen Augen flackert überhaupt nichts mehr: „Wenn ich eine Taube wäre, wäre sich bestimmt irgendeine Taube nicht dafür zu schade, mich zu fragen, was ich tun würde, wenn ich ein Mensch wäre. Und ich sage Ihnen eins:“, nun dreht er seinen Kopf doch noch: „Ich würde dann bestimmt nicht antworten: Taxifahren.“

Während sie über die Uerdinger Straße fahren, übt sich der Gast in einem erstaunten, aber lautlosen Ausdruck des Verständnisses. Er scheitert auf eine wenig würdevolle Art und Weise. Dialog gescheitert. Wenigstens das geographische Ziel wird erreicht, sie biegen in die Zielstraße ein. Als wären sie es gewohnt, wird nun geschwiegen. Portmonee-Rascheln ist das einzige Geräusch weit und breit. Der Fahrgast stöhnt ein wenig: Acht Euro vierzig, da war der Türke neulich günstiger, na gut. Doch er moniert beim Aussteigen etwas Anderes: „Sagen Sie mal, kennen Sie das Lied ‚ICE‘ von Rainald Grebe? Da singt er die Zeile: ‚die Wahrheit sagt dir jeder Taxifahrer‘, aber das ist wohl komplett gelogen. Ich bin ehrlich enttäuscht, wissen Sie das?“

Der Taxifahrer schmunzelt in sich hinein, nimmt das abgezählte Honorar ohne Trinkgeld beiläufig in Empfang. Er sagt: „Enttäuschungen kommen im Leben vor, denn, wissen Sie: das ist halt so.“ Und dann fährt er fort.

Durchgeplantes Düdeldüdeldü

Ich bin ein Mann der Strukturen. Mein Körper hat Struktur, meine Texte haben Struktur und wenn ich das alte Stilmittel der Aufzählungen bemühe, dann nenne ich immer exakt drei Dinge, weil jede gut strukturierte Aufzählung das so macht. Eins, zwei, drei; ene, mene, mu und Glumanda, Glutexo, Glurak; zum Beispiel. Doch die schönste Struktur der Weltgeschichte der Strukturen habe ich in meinen Alltag eingewebt. Denn, wenn ich nicht gerade fremde Städte oder Bühnen mit meiner Anwesenheit beehre, halte ich mich strikt an einen auditiven Plan, den ich mir selbst ausgedacht habe, weil ich so verdammt kreativ bin. Die Spannung steigt, mein Plan geht so: Ich höre jeden Tag nur eine einzige Musiksparte. Abwechselnd und vorbestimmt. Stichwort: Fatalismus statt musikalisches Durcheinander! Um es zu konkretisieren: Mein Kalender gibt mir also vor, was ich höre. Was konventionellen Erdenbürgern außergewöhnlich ungewöhnlich erscheinen mag.

Schließlich ist anzunehmen, dass die meisten Leute nur das hören, was sie auch hören wollen. Aber so bin ich nicht. Ich brauche strenge Zwänge und obskure Strukturen, sonst langweile ich mich und das muss ja wirklich nicht sein, schließlich bin ich, wie bereits erwähnt, kreativ und zudem ein reisender Bühnenpoet. Die Leute zahlen bisweilen Geld dafür, nur um mich zu sehen und zu hören. Was ich verstehen kann. Schließlich liegt auch in meinem Zimmer stets ein Hut auf dem Boden, damit ich mir, wenn ich mich wieder einmal selbst gut unterhalten habe, einen kleinen Obolus zukommen lassen kann. Was zwar auch wieder sehr kreativ ist, jedoch kann man davon nicht leben, ich lande meistens bei plus/minus null. Doch ich schweife ab.

Montag.
Die Woche soll gut starten, deswegen ist der Montag auch der Tag für richtig, richtig gute deutsche Musik mit tollen Texten und virtuos gespielten Instrumenten, abseits der bis zum Klang-Tod mit platten Metaphern penetrierten Dienstleistungs-Schnulzen, die einem sonst so aus dem Radio ins Ohr geschwabbelt kommen. An dieser Stelle ein unherzliches: Fick dich, Tim Bendzko! Wenn Worte deine Sprache wären, dann hättest du vielleicht auch mal was zu sagen, stattdessen spülst du nur abgehangene Plattitüden in deine Texte, du singende Spülmaschine, du! Montags höre ich also nur sehr selten etwas.

Dienstag.
Um dann wieder zu guter Laune zu gelangen, ist der Dienstag der Tag der Musiker, die in ihren Texten deutsch und englisch mischen dürfen, weil sie es können. Sprich: Am Dienstag höre ich nur „Ja, Panik“. Die kommen aus Österreich und wohnen jetzt in Berlin. Österreichische Künstler, die irgendwann nach Berlin ziehen und dort dann erfolgreich werden. Hm. Dazu fallen mir absolut keine Witze und Vergleiche ein. Übrigens, ihr 2011er-Album „DMD KIU LIDT“ ist eines der besten Alben der letzten Jahre. Ernsthaft jetzt. Muss ja nicht immer alles Halligalli und hihihi sein hier.

Mittwoch.
Auch nicht am Mittwoch. Im Gegenteil. Ich mag Alliterationen, daher heißt dieser Tag bei mir nur „Melancholie-Mittwoch“. Traurige Songs über Liebe und so ein Gedöns. Ich mache mir dann eine heiße Tasse Schokolade (Milka, Sorte „Kuhflecken“), setze mich vor den Fernseher bei eingelegter Kaminfeuer-DVD und weine ein bisschen. Ja, ich weine. Das muss man doch mal zugeben! Ich weine. Manchmal bitterlich, manchmal süß-sauer, aber immer: zurecht. Ehrliche Tränen am Nachmittag. Auch ich habe eine romantische Seite in mir, so wie Bücher von Charles Bukowski.

Donnerstag.
Oh, Kontrastprogramm: Volksmusik. Überschwemmung der gespielten guten Laune. Akkordeons, ahahah, ist das euer Ernst? Volksmusik ist die ur-deutsche Flut, vor der uns selbst Noah nie retten würde. Hm, Volksmusik am Donnerstag. Möglicherweise ist diese Regel vom Abendprogramm des mitteldeutschen Rundfunks beeinflusst. Ja, das kann sein. Gut, dass ich donnerstags fast nie zu Hause bin.

Freitag.
Geilo, Wochenende! Natürlich muss ich freitags etwas Fetziges hören. Heavy Metal! Meine Haare wachsen pro Tag kurioserweise etwa um sieben Zentimeter, was wahrscheinlich ein lustiger Gendefekt ist. Er zwingt mich dazu, jede Woche zum Frisör zu gehen. Aber natürlich nur an Samstagen, damit ich an Metal-Freitagen noch wuchtig meine gigantische Haarpracht durch die Lüfte gleiten lassen kann. Es kommt vor, dass ich an Freitagen auf manche Menschen verstörend wirke. Aber das ist okay. Wie gesagt, obskure Strukturen finde ich total töfte.

Samstag und Sonntag verzichte ich komplett auf Musik. Der Mensch muss auch verzichten können. So wie dieser Text. Er hat kein Ende. Er geht immer weiter und wiederholt sich. Jede Woche. Ständig. Das kann anstrengend sein. Immerhin hat er eine gute Struktur.

Vom Tag, an dem Schabrina Sick mit mir Kaffee trinken war

„Und? Sag mal! Wie war es gestern beim traditionellen Solinger Pfingst-Wett-Melken der trächtigen Zierkühe?“

„Ach du, der blasierte Bauer Balduin hat uns alle mal wieder tüchtig gefoppt, indem er sich auf den Rücken gelegt und mit Fingern und Zehen gleichzeitig gemolken hat, GLEICHZEITIG! MIT FINGERN UND ZEHEN! Dieser Frechdachs! Ich sag dir: Wenn eine Kuh mehr als vier Zitzen hätte, würde er doch auch noch Bauchnabel und Popoloch zum Melken verwenden, irgendwie, dieser doofe Baldiun! Hach, ich finde ihn so ungut! SO ungut!“

„Oh, das klingt ja nicht besonders töfte.“

„War es auch nicht! Untöfte war das! Die Hölle auf Erden, sag ich dir, DIE HÖLLE!“

Ich sitze auf einer Parkbank und werde unfreiwillig Zeuge dieses Dialogs. Eigentlich müsste man „Hörer“ des Dialogs statt „Zeuge“ sagen, doch weil die beiden Euter-Amigos beim Erzählen so prächtig und unkoordiniert gestikulieren wie zwei Meerschweinchen in der Mikrowelle, passt hier auch „Zeuge“ ganz gut. Ich mag es, wenn nicht nur Beine, sondern auch Arme tanzen dürfen. Das sollte es häufiger öffentlich geben: Tanzen für Arme. (Hier könnte Ihr Studentenparty-Witz stehen.) Eine putzige Entenfamilie watschelt vorbei, ich träufle großherzig ein wenig Fanta auf den Boden. Der kleinste Enterich nippt fröhlich daran. Ich schütte noch ein wenig mehr Fanta herunter, sodass sein Federkleid ein wenig klebrig und gelb wird. In meinem Kopf spielen sich leckere Bilder ab: gebackene Ente mit Fanta-Geschmack. Mhmmm.

Und dann mache ich etwas wahrlich Verrücktes: Ich denke über das vorhin Gesagte nach. Dabei kreisen meine Gedanken aber nicht um den Bauern Balduin oder die, zugegeben, etwas seltsamen Pfingst-Traditionen im bergischen Land, nein. Vielmehr bedenke ich, dass die Floskel „Hölle auf Erden“ hier völlig falsch verwendet wurde. Ist es denn wirklich so schlimm, wenn jemand anders cleverer war – selbst wenn er „Balduin“ heißt und es um den maximalen Milchertrag geht? Nö. Das ist Neid. Neid ist menschlich, also irdisch, also existent, also auch nicht die Hölle. Ich stehe auf, um sachgemäß und eloquent auf den linguistischen Fehler aufmerksam zu machen.

„IHR KNALLKÖPPE! IHR SEID DOCH KOMPLETT WACKELPUDDING IN DER BIRNE! Und passt auf. Ich sag euch zwei Zitzenzuzlern mal was. Wenn man Mario Kart spielt und in der letzten Kurve wird man von einem blauen Panzer von Platz eins verdrängt; wenn man in einem Buch einen japanischen Namen liest und sich diesen nicht übersetzen lassen kann, weil man diese geschnörkelten Zeichen nicht auf seiner Tastatur findet; wenn man auf einem Konzert ist und vor einem halten dreißig Idioten ihre Kamerahandys hoch, DAS ist die Hölle auf Erden! Und nicht euer provinzielles Kuhtitten-Problemchen da! Melkt eure Kühe doch mit dem Mund, dann muss euch wenigstens niemand mehr reden hören! Was ihr da für Unsinn erzählt, ist doch wahr.“

Sage ich, verneige mich staatstragend und setze mich zurück an meinen Platz, als sei nichts gewesen. Meinen hochgradig intelligenten Vortrag haben die Adressaten schweigend über sich ergehen lassen. Umso gespannter war ich, wie ihr Gespräch dann weiter verlaufen würde. Ich lauschte:

„Sag mal, warst du mal auf einem Konzert, wo die dann da so mitgefilmt haben?“

„Nö.“

„Ich auch nicht. Ich bin nur mal beim ZDF-Fernsehgarten gewesen, aber da durften wir selber nicht filmen, da durften wir nur fröhlich gucken und im Takt klatschen.“ (er macht das Klatschen vor, aber falsch, nämlich auf 1 & 3)

Hm. Mein kleiner Diskussionsversuch ist also verpufft. Die kleine Fanta-Ente schüttelt sich und läuft witzig watschelnd seiner Familie hinterher. Und ich stelle fest: die Hölle auf Erden ist, wenn man nichts gebacken bekommt.

Freund von Klischees und funkelnden Jacken

In Tante Gerdas Tanzcafé ist heute großer Ü50-Abend. Das heißt für Bernd: raus aus den Adiletten, rein in die alte Glitzerjacke. Sie glitzert und funkelt wie damals, als man ihn landauf landab nur den „Boogie-Bernd“ nannte und Parties noch Feten hießen. Früher, da war Bernd der Held in seinem Freundeskreis. Schließlich war er der Älteste und kam so immer am einfachsten an die drei wichtigsten Drogen: Zigaretten, Schnaps und Frauen. Jetzt, in 2012, ist wenig Heroisches geblieben. Nicht der Zahn der Zeit hat an ihm genagt, es war wohl eher ein komplettes Gebiss. Sein Gewicht hat sich verdoppelt; sein Äußeres ähnelt längst einem überdimensionalen, geplatzten Fußball, aus dem Arme und Beine so mitleidig und beiläufig herauslauern wie Salzstangen aus einem Mettigel.

Bernd hat ein Problem: er altert. Er altert jedoch nicht so gut wie manch ein Super Nintendo-Spiel oder ein Led Zeppelin-Album, nein. Vielmehr altert er eben, wie es Menschen leider meistens tun: unwürdig. Wenn das Leben ihn gezeichnet hat, dann ist es ein verdammt beschissener Maler. Es ist längst nicht mehr alles Bernd, was glänzt. Doch er flüchtet sich gern zurück in diese wilde Zeit von damals, die Siebziger, ach Gottchen waren die dufte! Bernd stopft seine Füße in fesche Lederschuhe und macht sich glitzernd auf zu Tante Gerdas Tanzcafé.

Am Eingang steht ein gelangweilt durch die Straßen blickender Taxifahrer. Als Bernd eintreten will, wird er gefragt, wie lange er bleiben wolle. Bis er umfalle, antwortet Bernd. Der Taxifahrer entgegnet: „Sagen wir, halb zwölf?“, Bernd schüttelt nur den Kopf und betritt stumm das Tanzlokal. An der Wand ein Plakat zur Veranstaltung: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich biegen“. Drinnen angekommen erklingt Musik. John Paul Young, „Love is in the Air“. Bernd ist auf dem Weg zur Theke und wippt dabei lustig im Takt. Er bestellt sich ein Bier. Ein richtiges Bier. Eins ohne Zitronen, Äpfel, Kirschen, Grapefruit und all diesem Obstzeug, kurz: eins, bei dessen Geschmack Hopfen und Malz noch nicht verloren sind. Bernd mag es als Filou der alten Schule eben klassisch. Dann guckt er. Und guckt. Und guckt. Auf der Tanzfläche bewegen sich rund zwanzig rüstige Körper, die meisten unfreiwillig komisch und: allein. Selbst die großzügig parfümierten Damen. Riechen kann man ihre Bemühungen aber auch so. 4711 is in the Air. Liebe nicht.

Und dann wird gezappelt.

Wackel, du Wackelpeter, klapp die Achseln auf und zu!
Tanz, du Tanzmarie, rock den Rock und stepp den Schuh!

Wenn man zwischen den Songs ganz genau hinhört, kann man ganz leise ein paar Knochen knirschen hören. Bernd hingegen vernimmt etwas Anderes: „Boogie-Bernd! Da ist BOOGIE-BERND!!“, ruft ertönt es aus einer Ecke. Irgendjemand nimmt dies zum Anlass, am CD-Player auf Lied zwölf zu schalten. Es scheint unausweichlich. Baccara, „Yes Sir, I can Boogie“. Das ist Bernds Stichwort! Er stolpert in die Mitte des Raumes, wo er von roten und grünen Lampen ausleuchtet wird. Boogie, Boogie, all night long! Seine Glitzerjacke reflektiert jeden Lichtpartikel und wenn man den eigenen Kopf auf die Seite legt, lässt sich Bernd in seiner Glitzerjacke nur schwerlich von der Discokugel unterscheiden. Boogie, Boogie, whole life long! Seine dem fortgeschrittenen Alter geschuldete, etwas krude Interpretation des Boogie gefällt den Anwesenden ganz gut. Boogie, Boogie, Bernd hat’s im Blut! Sie klatschen und freuen sich und wähnen sich zurück in 1977.

Die kompletten vierzig Sekunden lang. Der Song läuft weiter, Bernd braucht eine Pause. Um ihn herum bildet sich eine begeisterte Kölnisch Wasser-Duftwolke. Seine alten Fans sind auch seine neuen Fans, auch wenn es immer noch alte Fans sind. Anders gesagt: Er hat es eben immer noch drauf! Die Legende Boogie-Bernd lebt. Weil sich eben auch altes Eisen noch ein bisschen biegen kann.

Bernd schaut auf seine Uhr. Es ist halb zwölf. Er setzt sich ins Taxi und fährt nach Hause.