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Die größte Scheiße

Panik in den Straßen Londons.
Panik in den Straßen Birminghams.
In unseren Köpfen spielt das Panik-Orchester
einen Walzer, zu dem man nicht tanzen kann.

Und ich
ich bin nur ein altkluger Fläz,
ein Kritiker ohne Plattform
ganz platt vom
Auflegen der immer gleichen Platte:
Ja, die Welt ist schlecht.
Ja, der Mensch ist scheiße.

Aber Gesellschaft ist toll.
Wenn nur all die Leute nicht wären.
Also möchte ich mich
gegen das Vermehren wehren:
Fickt euch! Aber verhütet.
Weniger sind mehr, bitte sehr.

„Aber, aber, ist Misanthropie nicht total unsympathisch?“
Gerne, von mir aus. Außerdem:
Wenn irgendwer wieder mal für irgendwas die Todesstrafe fordert.
Wenn Homosexuelle nicht gleichberechtigt heiraten dürfen.
Wenn naive Menschen nicht an die Hand,
sondern ins Nachmittagsfernsehen genommen werden.
Dann finde ich das total unsympathisch.

Aber ja:
Vor dem Gesetz sind wir alle gleich!
Am Geldautomaten nicht, da ist der
Erste arm, der Zweite so mittel und der Dritte reich!
Die Schere für den Schnitt schließen.
Ist das zu schwierig oder ich zu naiv?
Ich geh kaputt, wer geht mit?

Aber Achtung, ich
ich bin ja nur ein altkluger Fläz,
ein Kritiker ohne Plattform
ganz platt vom
Auflegen der immer gleichen Platte:
Ja, die Welt ist schlecht.
Ja, der Mensch ist scheiße.

Es ist diese kleinbürgerliche Larmoyanz:
„Ooooh, wir haben nix zu sagen“,
da bittet der Müßiggang zum Tanz,
da kommt das System zum Tragen.

Der Staat fickt als Rabenvater wild
durch die Gegend der Länder,
hinterlässt den Samen der Lobbyisten,
freches Gewichse, zugunsten der Spender;
ich glaube ja, es wehrt sich nur deswegen
keiner gegen Korruption, weil es
kaum jemand fehlerfrei schreiben kann.
K, O, R, R, U, P, T, I, O, N.
Bitte sehr, die Rechnung folgt.

Aber nein, auch ich weiß es nicht besser.
Ich habe nur längst das Hoffen aufgegeben,
dass jemand anderes es tut.
Ich bin müde.
Mit zwanzig Jahren.
Gesellschaftskritik ist älter,
so alt wie der Mensch an sich.
Alter Tattergreis Gesellschaftskritik.

Und ich
ich bin nur ein altkluger Fläz,
ein Kritiker ohne Plattform
ganz platt vom
Auflegen der immer gleichen Platte:
Ja, die Welt ist schlecht.
Ja, der Mensch ist scheiße.

Schuld haben jedoch immer nur die anderen.
Wirf den Leuten Dummheit vor,
niemand wird sich angesprochen fühlen.
Das Problem liegt nicht auf der Straße.
Es geht darauf spazieren.

So denke und lenke ich den
Seifenblasengedankenwagen strikt
den Berg hinauf und die die das Keifen wagen
nehm‘ ich gern in Kauf;
Sympathie ist nicht mein Ziel.

Doch: Obacht!
Es folgt völlig sinnlos eine Auswahl der schönsten
in diesem Text enthaltenen Zweckreime:
wären/wehren, mehr/sehr, gleich/reich,
sagen/tragen, hinauf/kauf.

Und von mir aus kann das das Einzige sein,
was irgendwer von diesem Text mit nimmt.
Da, Zweckreime! Interesse an „mehr/sehr“?
Nehmt es euch! Hurra!

Vielleicht kann ich nicht gut reimen
und mache es trotzdem. Na und?
Ich kenne viele, die können nicht leben
und machen es trotzdem.
Was ist nun schlimmer?
Was möchte uns der Autor mit
diesen Zeilen sagen?
Und kommt jetzt wieder dieser Refrain?
Ja:

Und ich
ich bin nur ein altkluger Fläz,
ein Kritiker ohne Plattform
ganz platt vom
Auflegen der immer gleichen Platte:
Ja, die Welt ist schlecht.
Ja, der Mensch ist scheiße.

Aber wer hört schon gern alte Platten?
Und jetzt: Fresse.

(Dieser Text enthält vier Zeilen aus sehr guten Songs von The Smiths und PeterLicht. Wer sie findet, hat einen guten Musikgeschmack.)

Sacksuppe

Lies diese Zeilen und vergiss sie wieder.
Jeder Text hier ist nur ein Fertiggericht aus Fragmenten,
gut angereichert mit Dingen, die du nicht lesen willst,
verfeinert mit Anspielungen, die du nicht verstehst,
und das Endprodukt ist nur Wortwichse, die dir ins Gesicht spritzt.
Du musst es wegwischen.

Dein Taschentuch ist die Zeit, sie reinigt dich und
lässt dich vergessen und treibt dich zurück auf deine einsame Insel;
wo du unbenommen und weich im Nehmen
die Etikette verfolgst so als wärst du ein Luftballon,
der den Himmel sucht, aber vorher platzt.
Du musst wegschwimmen.

Wir haben nicht grundlos Grenzen auf die Landkarten gemalt,
denn dir dienen die Schranken als Wegweiser;
exakt ebenda erwartet dich Glück, da wo das Fremde gurrt,
wo der Horizont nicht in ein Korsett gezwängt
nach Puste schnappt, sondern weiter geht, weiter, weiter, weg.
Du musst dich ausziehen.

Nicht Kleider machen Leute, sie geben es nur vor;
eine Trainingshose ist pragmatisch, ein Trikot ist pathetisch,
doch beides bist du nicht des Stoffes wegen.
Weil sich auch hinter Lumpen eine Idee verstecken kann,
ist die Optik ein böser Diener der Vorurteile.
Du musst die Augen schließen.

Die Fantasie ist ein Freizeitpark mit Rutschen nur nach oben,
du kannst fliegen, ficken, Fliegen ficken oder den Himmel finden;
den Mut, den du auf der Straße nicht aufbringst,
kannst du dir hier in die Waagschale legen und das
ewige Gleichgewicht der Gesellschaft revolutionieren.
Du musst zur Revolution werden!

Verkörpere die Veränderung!
Baue dir Luftschlösser, die mehr Verstand kosten würden als Miete,
lege deinen Finger in die Wunde und male den Teufel an die Wand,
sonst wird beides ignoriert und todgeschwiegen und die heile Welthülle dehnt sich aus,
fahre aus der Haut, bis du jedes angefressene Gramm Dummheit verlierst,
sei kein Moralapostel, werde ein Jünger der Vernunft,
bewaffne dich mit Toleranz, ziehe aber nicht in den Krieg gegen den Krieg und
lege dich nicht in Ketten, sondern an den Strand, aber passe auf:
die Sonne kann dir nicht nur Wärme geben, sondern auch Hautkrebs.
Niemand will dir etwas Gutes, sonst hätten sie es längst getan.

Mein Tipp für dich ist also folgender:
Creme dich ein mit deiner eigenen (Gedanken-)Pisse,
nur die ist unverfälscht
und frei von fremden Flausen.
Sei lieber dein eigener Idiot als einer von ihnen.

Wenn du jedoch zu faul bist
und lieber ein Luftballon sein willst:
lies auch dann diese Zeilen.
Aber bitte: vergiss sie wieder.
Die nächste Ejakulation kommt bestimmt.

Polemik und Exkremente

Etwas Großes leisten.
Sich etwas Großes leisten.
Groß werden im Kopf!
Nicht das Leben imitieren
und mal Pipi in die Augen zaubern,
nicht nur an die Nachbarswand
oder in die Regenrinne.

Und dann groß machen wie
damals auf dem Kinderklo,
das lustige Melodien spielt,
wenn man was abgesetzt hat.
Aktion und Reaktion!
Absatz und Rendite!
Abdrücken muss sich wieder lohnen, Steuern rauf!

Die Abfälle ins Töpfchen,
den Unsinn ins Köpfchen.
„Für Elise“ auf einem Kinderklavier spielen,
mit Elise auf einem Flügel die Welt retten.
Oder wenigstens dort mit ihr schlafen.
Dafür ist die Welt doch da!
Elise auch. Seid furchtbar und belehret euch!

Bitte, da habt ihr jetzt ein Ziel.
Macht etwas daraus,
ich selbst bin leider verhindert,
weil leicht bis schwer geistig behindert,
sonst wäre ich ja kein Autor, rofllolxd.
Aber jetzt ist Schluss.
Ich muss groß.

Der dritte Weltkrieg

Ich stehe an einer Kreuzung.
Straße links, Straße rechts;
um mich herum nur Straßen,
die irgendwo hinführen,
wo ich wahrscheinlich nicht hin möchte.

Hm. Wo möchte ich denn hin? Schwierig.
Überall verschanzen sich Popanzen,
die sich nicht darum scheren,
dass ihre Telefone klüger werden
als sie selbst je sein können.

Wo liegt denn darin der Sinn?
Wenn man alles im Internet nachguckt
damit nimmermehr eine Achsel zuckt?
Nachdenken findet nicht mehr im Kopf statt, sondern
mit den Fingern auf dem Touchscreen: schnell und platt.

Geteiltes Wissen ist genug Wissen, es ist die
Wissensteilung: jeder weiß ein bisschen.
Aber keiner weiß genug, um uns endlich zu sagen,
wie die da oben außer Namen und Gesicht
auch ihr Gemüt ändern können.

Und das zu sagen ist nicht politikverdrossen,
das ist menschenverdrossen; man muss doch nur
mal gucken, welche Musik alle hören,
auf welche Produkte alle schwören, aber macht
ihr nur. Ich will weder stören, noch dazugehören.

Was habe ich also überhaupt hier und da verloren,
alles Gute scheint längst futschikato
und wir sind wie Stäbchen bei Mikado:
wir wackeln und wenn wir weg sind,
werden wir ersetzt, weil wir wie Dreck sind.

Was sich ganz toll reimt. Toll reimen? Kann ich!
Ich sollte was mit Kunst machen.
Nur schade, dass da keiner was für zahlt.
Für diesen Text hier bekomme ich null Euro.
Das ergibt einen Stundenlohn von: null Euro die Stunde.

Ich mache etwas, wofür ich kein Geld bekomme.
Das ist okay, denn, meiner Nase nach stinkt Geld!
Und ich eh will kein Freier der Finanzen werden,
sondern ein Freier bleiben im anderen, guten Sinne.
Texte schreiben allein befriedigt genug.

Und dann schreibe ich einen Text, mache Pause, treffe Oma
beim Karnevalsitzung-Gucken, sie sagt: „Guck mal, die machen
quasi das Gleiche wie du, nur mit mehr Publikum!“
Sitze später wieder vor dem Text und baue
wütend eine Publikumsbeleidigung ein, Obacht:

„Applaus ist wie Kotze, nur lauter!“

Was sich schwerlich erklären lässt – patsch, patsch!
sollen die Leute doch spenden was sie spenden können
und wenn es nur die 1-Cent-Münze für Afrika und
das eigene Gewissen ist; sinnvoll ist nur der Hydrant,
der spendet etwas, was wirklich alle brauchen: Wasser. Plitsch platsch.

Und ich will weg, suche nach Flüssen und mehr,
finde aber nur Pfützen, da kann man nur als Amöbe
glücklich und frei sein und ich möchte Folgendes sagen:
Freiheit heißt, nicht da auszusteigen, wo man hin muss,
sondern da, wo man hin möchte; wo immer das ist.

Und ich will immer noch weg, suche im Wahn Bus und Bahn,
entdecke aber nur jene Jecke, die meine Oma mal meinte.
An jeder Ecke Menschen, die das Falsche feiern,
weil sie das Richtige nicht kennen: liebe Leute,
lest Bukowksi und hört Musik mit Instrumenten.

Lauft nicht den Schnellsten nach, nicht das Ziel ist das Ziel,
grabt keine Gruben mehr, das Tiefgründige muss man
an der Oberfläche verstecken und finden, überhaupt,
finden ist sowieso etwas sehr Gutes,
ich wüsste gern, wo denn jetzt mein Weg ist.

Die Ampel mir gegenüber springt auf grün
und sagt: „Geh doch!“. Und ich sehe,
wie eine leere Supermarkt-Tüte
über den Zebrastreifen fliegt und
dem dritten Weltkrieg trotzt. Chapeau.

Immer die gleiche Frequenz

Im Radio, da dudelt so
ein Lied mit Instrumenten.
Warum denn auch nicht.

Es tut ja nicht weh.
Weder im guten, alten,
noch im schlechten Sinne.

Der Opa fragt: „Ist das Englisch?“,
der Enkel sagt: „Glaub schon“,
und spricht dabei sehr undeutlich.

Für den Kaffeeklatsch
am heutigen Tage genügt
das Gedudel, keine Frage
sollte je unbeantwortet bleiben:
Warum spielt man so langweilige Musik?

Da ist kein Schmiss!
Keine Ambition!
Da lohnt kein Verriss!
Nur Ton auf Ton.
Ganz monoton.

Den Liedtitel?
Vergessen. Schon.

Danke schön,
noch ein Lied,
nächstes Lied,
Staumeldungen,
nächstes Lied,
noch ein Lied,
Nachrichten aus Ihrer Region.
das nächste Lied
ist nicht das beste aus den
Siebzigern, sondern
einfach nur: irgendeins.

Der Opa fragt: „Noch Sahne auf die Schnitte?“,
der Enkel sagt: „Ja, zwei Esslöffel, bitte!“,
und beide trinken Kaffee, um nicht einzuschlafen.

Man schweigt.

Meinungen können sich nicht bilden.
Denn an Worten ist da nur das,
was der Radiomann zwischen den
vom Computer ausgewählten Songs
euphorisch und leer ins Mikrofon spricht.

Blabla, blablaba, blab, bla, bal,aa,b lab,l
ba,lbal,b,bl, blaabl,bl,bblb blaal, ballal, blalala,
balla balla.

Es werden nur Nichtigkeiten angesagt.
Die sind aber eben nichtig, nicht angesagt.

Ein Blitzgerät droht Autofahrern,
ein Lokalpolitiker hat was Dummes gemacht,
ein Fußballergebnis sorgt für Freude oder Leid,
abhängig davon, wessen Farben man trägt.

Mit Fußball können Opa und Enkel nichts anfangen,
erst recht kein Gespräch. Sie mögen Handball.
Warum denn auch nicht.

Handball gut finden tut ja nicht weh.
Weder im guten, alten,
noch im schlechten Sinne.
Ganz im Gegensatz zu diesem Radiosender!

Durchsagen ohne Durchschlagskraft,
Werbepausen voller Wortflausen,
Songs von Kunstprodukten,
die mehr Produkt als Kunst sind;
Hitradio 123: auf dieser Welle kann niemand reiten!
Höchstens herumreiten, so beschwerdemäßig.

Opa? Enkel?
Na?
Wie wäre es?

So eine klitzekleine Beschwerde am Nachmittag,
so ein bisschen Aufruhr zwischen Löffel und Gabel,
wie wäre es mit ein wenig Radio-Revolution?

Ach, hmm.

Wenn denn der Kuchen nicht so lecker schmeckte,
wenn es draußen wärmer wäre,
wenn der schicke Mantel nicht in der Reinigung läge,
und wenn es den beiden nicht völlig egal wäre,
weil es nur darauf ankommt, dass Musik läuft.
Und nicht: welche.

In seiner jetzigen Form
ist das Radio nur der Fernseher für Blinde
oder der Fernseher für Fernsehlose,
so oder so läuft er nur nebenher
und der Kunst hinterher,
weil sie dort nicht stattfindet.

Der Harndrang setzt ein.
Der Opa stößt sich mit,
im wahrsten aller Sinne,
letzter Kraft nach oben und sein
Enkel hilft ihm, die Toilette zu finden.

Und im Radio läuft dieses eine Lied
mit dem schönen Klavier.

Gedanken zur Lage der Situation

Und ich liege viel herum und meistens richtig.

Wenn ich mehr Haare an den Füßen hätte,
könnte ich als Teppich arbeiten.
Mal ganz symmetrisch gedacht.

Wenn ich dann ein fliegender Teppich wäre,
könnte ich im Orient ein gefeierter Held sein.
Oh, du schöne Mythologie!

Wenn ich dann ein Held wäre,
könnte ich mir Autogramm- und Visitenkarten drucken lassen.
Wegen meiner Prominenz.

Und dann kämest du – aber
nicht gezielt, sondern ganz
aus Zufall und versehentlich
vergucken wir uns ineinander.

Wenn du dann nach einem Autogramm frügest,
könnte ich dir diesen Wunsch erfüllen.
Wegen meines Kugelschreibers.

Wenn du dann lesen und wissen würdest, wer ich bin,
müsstest du nicht die Katze im Sack heiraten.
Oh, du schöner Aphorismus!

Wenn du dann meine Katze bist,
dann würde ich an deiner Stelle auf dem Teppich bleiben.
Mal ganz gemütlich gedacht.

Und dann lägen wir viel herum und alles bliebe: richtig.

Gute Nacht

Ich träume davon
mich auf Erfolgen ausruhen zu können
mal anhalten zu können
mal den Pausenknopf zu finden
mal die Kunst Kunst sein lassen und mich mich

nur wenn ich ich sein kann
kann ich sein
was ich bin
was ich sein will
so will ich sein
wenn ich ich sein kann
kann zumindest so sein
aber auf jeden Fall will ich sein
und zwar deaktiviert

ich will
mich vom Können entledigen
so wie eine Tanzfrau sich im Nachtlokal
von ihren Klamotten entledigt
unbekleidet und unbezahlt und doch gefeiert
möchte ich nicht mehr müssen müssen

von Massen möglich gemacht
sollen mich Reichtum und Anerkennung zudecken
wie eine Bettdecke aus Samt
oder woraus die weichen Decken halt sonst noch so gemacht werden

übrigens
Frottee klingt wie ein Getränk
daraus sollte man keine Bettwäsche machen dürfen
denke ich mir dann

verschriftliche den Gedanken aber nicht
weil ihn in Zukunft niemand mehr braucht
weil schon genug andere verschriftlicht wurden
ist er wertlos
man kann auch zu viel sagen
bei all der Zeit
die wir haben
ich frage mich
wann ich diesen Punkt für mich erreiche

aber wenn ich dann irgendwann
genug gesagt und geschrieben habe
dann bin ich zufrieden
dann habe ich gut abgeliefert
dann kann ich mich zu einer Pause überreden
Kunstpause
Kunstpause
keine Sätze mehr bilden
keine Bilder mehr kreieren
keine Kommas mehr setzen

denn
Satzzeichen sind der Tod der Fantasie
ein Satzgefüge endet wann immer es möchte
Freiheit für den Satz! Freiheit für die Fantasie!
nur Ausrufezeichen sind noch erlaubt

denn sie sind Ausdruck von Befehl!
von Endgültigkeit!
von Wissen!
von Wucht!
von der andere Sätze nur träumen können
träumen
träumen können
ist auch das Schönste was der Mensch kann

und genau deswegen will ich
inne halten und
Stop sagen
und eine Haltestelle im Kopf einrichten
all die Sackgassen verlegen
all die Erfolgsspuren mal verlassen für die Raststätte

und dann
dann schlafe ich
den Schlaf des Geliebten
den Schlaf des Gewinners
den Schlaf des Richtigen
des Wichtigen
des Gewollten
des Wahnsinnigen im Wahn

dann schlafe ich
meinen Schlaf

Oh, Badezimmer!

Oh, Badezimmer!
Du gekachelte Enklave meiner Vierzimmerwohnung.
Du Hauptstadt der Reinlichkeit.
Du funkelnder Rückzugsort für Tage,
an denen es mir dreckig geht.
Du ungeheimes Kuschelnest,
du nur für meinen – bisweilen – nackten Korpus
reservierte Oase der Hygiene.
Lass mich hinein, ich stinke wie ein Iltis.

Manch ein Miefiger verpestet übrigens
die Schmuse-Atmosphäre des Bades
mit „Bitte im Sitzen pinkeln“-Aufklebern
und Klopapier mit nur zwei Lagen, pfui.

Wenn es um mein reinliches Reich geht,
kommt mir derart dubioser Unfug
natürlich nicht in die Rossmann-Tüte.
Vierlagiges Klopapier ist Pediküre für den Po.
(für die Lateinfreunde: also Paduküre, weil: „padus“ lat. für „Gesäß“)

Am Fenster weisen vier Warnvögel-Aufkleber
die Federvieh-Freunde milde darauf hin,
dass hier bitte nicht hineingeflattert
werden darf; ich bin vogelfrei und will es bleiben.

Denn meinen Toilettenthron besitze ich exklusiv.
Im guten, alten, doppelten Wortsinne.

Nur ich bin der König der Klobürste,
Wächter des reinigenden Rechteckpapiers,
Leiter des Leitungswassers,
Rektor der rektalen Reinigung,
Herrscher über das Haarsieb,
Chef des Schwamms,
Diktator der Duschdauer und nur ich
bin der allmächtige Badezimmer-Kapitän, ahoi!

Warmes Wasser, kalte Kacheln, ein Handtuch
hängt an seinem Platz, es ist aus Frottee!
Frottee, verdammt! Kuschlig weich und
trocknend und wohlig, schmusig, toll!

Vier Popopapier-Lagen, vier Warnvögel, Vierzimmerwohnung,
vier verschiedene Dusch-Intensitätsstufen am Duschkopf,
vier ist die goldene Zahl der sauberen Poren;
vier, vier, vier. Vier!

Weswegen es auch vier goldene, nein,
glitzernde Regeln der freundlichen Badezimmer-Benutzung gibt.

Regel #1: Ins Bidet pinkeln dürfen nur Kleinkinder.
Regel #2: Gardinen beim Duschen zuziehen, Penis und Scheide sind privat.
Regel #3: Nie zu viel Seife beim Händewaschen – Schaum ist böse, quillt meterhoch über und das kriegt man nicht so einfach wieder weg.
Regel #4: Handtücher müssen aus Frottee sein, Frottee für alle!

Ich befolge jede dieser Regeln eisern, stur und zurecht.
Oh, Badezimmer, ich bin ein guter Wirt deiner Kachel-Strukturen,
ich pflege und hege mich und dich und alles in allem
kann ich hier und dort nur von dir schwärmen.

Badezimmer, ich finde dich gut.

Stolz und vor Wasser tropfend blicke ich in das
spiegelnde Quadrat über dem Waschbecken
und freue mich darüber, dass ich bin.
Und ich bin: sauber, Mann!

Ahoi!

FWT 2011

(Hinweis für sehr junge Menschen, Fernsehverweigerer und andere Leser: es ist für die Lektüre dieses Textes sinnvoll, von der Existenz der Serie „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ zu wissen.)

Ein Fernsehrelikt aus der guten, alten Zeit
war eingenickt und hat nicht mitgekriegt,
dass es ein paar Jahre übersprungen hat.
Und da liegt es nun, im Dunkel der Stadt.
Obacht, es erwacht.

Schuhu, schuhu.
Guten Morgen und guten Tach.
Ich bin das Fliewatüüt.
Ich kann fliegen wie ein Zeppelin,
schwimmen wie ein morsches Stück Holz
und Autofahren wie, öhm: ein Auto.
Falls Sie mich bis eben noch nicht kannten,
möchte ich Ihnen dennoch hiermit das „Du“ anbieten.
Bitte sehr.

Und nun zu mir.
Ich komme aus der Vergangenheit.
Ich weiß nicht so genau, wie ich hergekommen bin.
Da war so ein helles, grelles Licht
und dann
Huiuiui, huiuiui, huiuiuiui!

Es wundert sich, es sieht sich um,
es sieht sich um den Verstand gebracht.
Unser armes Fliwatüüt,
so sehr es sich auch müht,
weiß nicht, was ihm blüht.
Es guckt und schluckt und denkt:

Alles ist so anders hier.
Riesige Automobile, große, alberne Häuser und ich wüsste auch nicht,
wo ich hier mir hier mit meiner scheckkartengroßen Telefonkarte telefonieren könnt.
Und viel wichtiger:
Wo sind die ganzen Kaugummiautomaten hin?
Mir steht der Sinn nach einem Himbeer-Kaubonbon für fünf Pfennig!
Jawohl.
Die extreme Lage lässt mich sogar daran denken,
zehn Pfennig für so etwas auszugeben.
Denn ich finde, dass Himbeer-Kaubonbons sehr, sehr lecker sind.
Die Himbeere ist schließlich das aller-, allerknorkeste bzw. am Knorkesten seidende Gemüse im ganzen Gebiet.
Ich schwöre auf meine tollen Flügel.

Aber, ich sagte es bereits einmal, alles ist ja so anders hier.
Wunderei, wunderei.

In der von ihm bewohnten Zeit
war die Welt noch schnell erklärt,
Jungen trugen Hosen, Mädchen ein Kleid,
und es war der Mann, der Auto fährt.
Beziehungsweise fuhr. Mist. Egal. Weiter.

Owei, owei, was ist denn das.
Ich höre Stimmen in meinem Kopf.
Da reimt jemand.
Reime sind böse.
Robbi, Tobbi und ich, wir kamen damals auch ohne welche aus.
Wir sind doch nicht Goethe hier.
Ich will jetzt Himbeere, bitte.
Ohne Himbeeren geht es mir schlecht.
Total unknorke, wie man bei uns im Westen zu sagen pflegt.
Es schmerzt.
Es schmerzt.
Auuuuaaa, uuuuuahhhh, uauuuuahhhhuuuuahhhh.
Au.

Dem Fliwatüüt ergeht es schlecht,
es kommt 2011 nicht mehr zurecht,
es vermisst die Dinge, die damals gut waren,
und die große Menge, die ihm beim Fliegen zusah,
die ist heute erwachsen und reif und alt. Zu Alt?
Früher konnte man faxen,
heute macht man das per Mail,
man hörte die Nachtigall noch trapsen,
heute isses dafür zu schnell. Zu schnell!
Wir eilen und beeilen, doch verweilen nicht,
schnellerhöherweiter ist das Credo der Masse,
statt Klasse im Fernsehen ein Fatzke weise spricht:

Früher, da war alles besser.

Aber nein, Kollege, du täuscht dich kolossal,
Dinge so zu pauschalisieren ist tierisch trivial,
es war nicht besser, aber auch nicht schlechter,
es war einfach nur anders und vor allem nicht gerechter.

Ich könnte jetzt tausend kluge Beispiele nennen,
doch du, liebes Fliwatüüt, musst schon selbst erkennen,
dass die Welt sich immer drehen wird und wenn
dir nicht schwindelig werden soll,
dann musst du dich eben mitdrehen.
Sonst bist du von gestern.
Das willst du nicht.
In zwanzig Jahren ist das Heute die gute, alte Zeit
und dann wird man zurückdenken:
an das iPhone, Mensch, was ist das doch für ein stupider, kleiner Kasten;
an Jörg Pilawa, herrje, was ist das nur für ein sympathischer Moderator;
an die FDP, ach ja, die gab es ja auch mal.
Geschichte wird nicht geschrieben, sie wird gemacht.
Von dir, von mir, von allen.
Du musst es nur zulassen.

Und weißt du was?
Es gibt die alten Folgen von „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ jetzt als restaurierte Neufassung für knapp achtzehn Euro auf DVD im Internet zu kaufen. Und was das mit dem Euro, DVD und diesem Internet auf sich hat, das erkläre ich dir vielleicht ein anderes Mal. Nur so viel: ohne ging es uns nicht besser. Aber anders.

Irre Alte

Ein Tattergreis schwingt
seinen Gehstock durch die Luft.
Er wäre gern ein Hubschrauber.
Wer will ihm das verübeln!
Niemand will das.

Ein Großmütterchen strickt
seit zwanzig Jahren einen Schal.
Sie wird niemals fertig werden.
Wer will ihr das verübeln!
Niemand will das.

Es herrscht Ruhe.

Alle machen ihr Ding.
Alle dürfen sie selbst sein.
Und niemand muss.

Alle können.
Alle könnten.
Theoretisch.

Keiner will mehr sein.
Keiner will mehr sein.
Praktisch.

Alltagstrott
ohne Trotzdem,
ohne Aber,
ohne Wenn,
ohne Antrieb.

Zu alt, zu irre,
zu spät, zu spät,
zu kalt, zu kirre,
zu spät, viel zu spät.

Endstation Rentnerpsychiatrie.

Hier nun
kollektiv durchdrehen
ohne aufzufallen.

Hier nun
Irrenstatus einsehen
ohne entgegensetzen.

Hier nun
auf den Tod warten.

Wo bleibt er denn,
der verdammte Sensemann;
wer kann denn da noch
wichtiger sein und
dringender sein und
ehrlicher auf das
allerletzte irdische Urteil warten.
Niemand kann das.

Bernd spielt
statt ‚Bunga, Bunga‘
nur noch ‚Bingo, Bingo‘.

Walter war Opernsänger,
er kannte die Texte aller Schlager,
von Willi Fritsch bis Zarah Leander.
Heute hat er Alzheimer
und vergisst regelmäßig
seinen berühmten Namen.

Hilde fängt statt Männern
nun nur noch Fliegen,
mit dem Wasserglas,
und schaut den Tieren
tagelang
beim Sterben zu.

Sie wartet,
und wartet,
und wartet,
und wartet,
bis die Viecher
nach ihrem letzten Riecher
eingefangen und hilflos,
ihr Leben los sind.

Täglich beneidet sie die Fliegen.
Wer will ihr das verübeln!
Niemand will das,
in der Endstation Rentnerpsychiatrie.