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„Sacksuppe“ live

(gelesen am 04.04.2012 im Finale des Poetry Slams in Moers)

Grand Prix der Folkmusik

Wie selbst meine Großmutter weiß, steigt am Samstag der lustige „Eurovision Song Contest“ in Düsseldorf. Die Aufregung ist groß, schließlich kann Düsseldorf damit der Partnerstadt Köln mit seinem „Christopher Street Day“ in Sachen Schwulen-Messe erstmals Paroli bieten. Der semi-offizielle Eurovisionsblog „HerrSalami.de“ blickt exklusiv auf die wichtigsten Teilnehmer und bewertet ihre Siegeschancen. Exklusiv! Semi-offiziell! Je häufiger man ein Adjektiv verwendet, desto wichtiger wird es! Groß! Lustig! Schwul! Kommen wir aber ohne Umschweif nun zu den Teilnehmern.
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Musik, heil!

Nürnberg. Enkel Kevin kauert auf dem Wohnzimmerboden und kaut am Strohhalm seines Tetrapak-Kakaos. Seine Haare, sowie seine Großeltern haben in den üblichen Positionen Platz genommen, um mit dem „Frühlingsfest der Volksmusik“ in die wunderbare Welt der Playback-Akkordeons zu flüchten. Es erscheint wie ein Eingeständnis an den Unterhaltungswert des telemedial Dargebotenen, doch der fleißige Kaffeekonsum des Rentner-Ehepaares ist ein entkoffeinierter und trägt den Namen „Kaffee Haag“. „Mhh, legger!“ ruft Opa zum erwärmten Wasser und hebt das Kännchen in die Höh‘. Er weiß, dass der Erfinder seines Lieblingskaffees, namentlich Ludwig Roselius, ein Freund der NSDAP war und die SS finanziell unterstützte, doch davon lässt sich Großvater Gunther nicht am Genuss seines Kaffees stören. Stolz hebt er einen seiner zwei Zeigefinger in die Luft und informiert seinen Enkel: „Den hat es damals schon gegeben, als ich so alt war wie du!“. Kevin dreht sich kurz um, schaut seine Großmutter an. Sie nickt freundlich und verzweifelt danach wieder an den Spielregeln der Sudokus in der Apothekenzeitschrift. Nachdem Kevin dann seinen Kakao leer geschlürft hat, merkt er fröhlich an, dass er die Molkereiprodukte von „Müllermilch“ sowieso am besten fände. Opa merkt an, dass deren Chef Theo Müller sogar wie er selbst Mitglied in der Partei ist. Oma fügt hinzu, dass Opa die CSU meinte. Kevin zuckt mit den Schultern. Im Fernsehen singt ein bayrisches Paar ein Lied von ewiger Liebe.

Als Kevin das Wohnzimmer dann kurzzeitig zum Zwecke des Kakao-Nachschubs verlässt, gibt Opa Oma heimlich einen trockenen Kuss auf die Wange. Oma lächelt verträumt und richtet ihren Blick dann verträumt aus dem Fenster, wo ein paar Buntspechte durch die braunen Herbstblätter hüpfen: „Sieh mal, Gunther, die Vögelchen, wie süß!“. Opa fühlt sich in seiner Liebelei gestört und schaut nur unfreiwillig, aber grimmig nach draußen. Sein Lieblingsvogel ist der Spatz, aber Gunther hat lange keinen mehr gesehen oder wenigstens gehört. Die sind vielleicht in eine andere Wohngegend gezogen oder halten womöglich gerade in Südamerika Winterschlaf. Schade, findet er. Das kleine Buntspecht-Grüppchen sucht noch ein paar Minuten lang erfolglos nach Würmern, dann flattern die Vögel mit Gezwitscher zurück in ihr Nest. „Und wie laut die immer sind!“, nölt Opa, „da kann man ja sein eigenes Wort nicht mehr verstehen!“. Oma streichelt ihm beruhigend auf die Schulter. Schließlich kommt Kevin aus der Küche zurück und teilt traurig mit, dass es dort keine Strohhalme mehr gäbe. Er müsse seinen Kakao nun aus einem Glas trinken, was den Trinkgenuss mindere. Ach was, sagen die Großeltern, so entsteht wenigstens nicht so viel Müll. Kevin fühlt sich von diesem Argument getröstet. Er setzt sich auf die Couch und schaut gebannt in die Fernsehröhre. Roberto Blanco tappt die Showtreppe herunter und singt, dass ein bisschen Spaß sein müsse.

Kevin klatscht zustimmend in die Hände. Oma erzählt ihm, wie lustig es doch sei, dass „Blanco“ aus dem Spanischen übersetzt „Weiß“ heiße und Kevin weiß mit dieser Bemerkung erst nichts anzufangen, dann lacht er ein unschuldiges Kinderlachen. Während der lustige Mann im Fernseher vor sich hin singt, richtet Kevin seinen Blick auf seinen Opa. Er schaut mürrisch und gießt sich unvernünftig viel Milch in seinen Kaffee. Kevins Stirn beginnt sich zu runzeln und nachdem er all seinen Mut zusammengegtragen hat, fragt er seinen Großvater: „Du, Opa, wann hast du zum ersten Mal einen Schwarzen gesehen?“. Es folgt Stille. Opa zögert mit seiner Antwort. Er möchte nichts Falsches sagen. Gerade, als er antworten will, dass er das nicht mehr so genau wüsste, wird er von seiner Ehefrau gerettet: „Schau mal, Gunther, der Kevin hat vom Kakao einen kleinen Schokomilchbart unter der Nase bekommen, wie goldig!“.

Und keiner so: yeah!

(kauft euch alle Bücher von Hugleikur Dagsson, wenn ihr meine Freunde sein wollt.)

Gefällt mir nicht.

BILD, DSDS, Facebook. Drei unschöne Buchstabenkombinationen. Und nun das hier:


(Quelle: http://www.bild.de/dsds/2011/dsds/autogrammstunde-oberhausen-video-17114464.bild.html)

Ein Austritt in die Fernsehwelt

Fernsehen! Wie gut könnte es uns mit und dank dir gehen! Mutig und frei könntest du sein, unterhaltsam und informierend zugleich. Doch im real existierenden Kapitalismus bist du ein keuchender Marathonläufer. Denn jetzt mal so unter uns. Wie kann es aber sein, dass das Fernsehen mehr Rotz produziert als meine Nase in vier oder fünf Wintern zusammen? Wie kann es sein, dass eine Sendung, die zehn halbstarke Jungmenschen singend aufeinander hetzen lässt, hierzulande unter dem Etikett „Unterhaltung“ firmiert? Wie kann es sein, dass permanent, auf allen Sendern, zu jeder Tageszeit, aus verschiedensten Gründen, irgendjemand von mir angerufen werden möchte? Auto gewinnen, Sieger bestimmen, Geldpakete erringen, Meinungen anbringen, Mixstäbe erwerben, Karrieren verderben, Telefontöne bestellen, Dunkles erhellen, Verlierer ernennen, Lage verkennen, Paarungswillige anklingeln, Falsches umkringeln, Experten zustimmen und: geistig verglimmen. Lasst mich in Ruhe. Ich telefoniere nicht mit Computerstimmen. Die fünfzig Cent spare ich mir und investiere sie in Kaugummiautomaten oder einfach mal in gar nichts. Spar- statt Fernsehschwein!

Denn selbstverständlich schaue auch ich nur Dokumentationen, arte und manchmal, ganz selten, wenn es mal sein muss, auch nur fast jeden zweiten Tag und nur bei schlechtem Wetter: Sportübertragungen. Aber wie kann es sein, dass die Einschaltquoten so brachial im Widerspruch zu dem stehen, was einem Bekannte, Verwandte und Dahergelaufene über ihren Fernsehkonsum erzählen? Vergangenen Samstag saßen bei einem langhaarigen Mannheimer Laienhumoristen mit türkischem Migrationshintergrund mehr Leute vor der Glotze als bei der Tagesschau, trotz Japan. Warum, wieso, weshalb verdammtnochmal. Wenn man sich mal einfach nur berieseln lassen will, kann man sich auch unter die Dusche stellen und muss sich nicht darüber amüsieren, dass zwei Kilo schwarze Haare zu Heavy Metal im Kreis geschwungen werden. Der folgende Satz klingt zwar etwas makaber, wenn man ihn einem Deutsch-Türken ins Ohr brüllt, aber: Geh nach Hause, Bülent Ceylan! Und nimm die Gestalten mit Handpuppen, überzeichnetem Dialekt-Einsatz und Witzebuch-Affinität gleich mit.

Es scheint viel zu wenig Leute zu interessieren, dass bereits nachmittags jugendliche Brüste vergrößert, Randgruppen heimlich diffamiert und Arbeitslose ohne Aussicht auf einen Ausweg bloßgestellt werden, ohne dass wenigstens der Off-Sprecher mit einen Funken hinterfragender Kritik im Unterton den Zeigefinger hebt. Jeder darf und soll für fünf Minuten ins Fernsehen und wenn er nichts Besonderes kann, dann kann er sich seines besonderen Nichtkönnens gerne bedienen. Denn gerade die geistig weniger Befruchteten werden besonders gerne ins stupide Korsett des Privatfernsehens gesteckt. Fernsehen für Dumme muss schließlich auch mit Helden der fortlaufenden Dämlichkeit bestückt sein. Von Dummen für Dumme senden führt zum Verdummen – diese logische Konsequenz wird uns irgendwann einholen; zumindest, wenn wir nicht alle längst zu blöd dafür sind, es zu bemerken.

Und kann es sein, dass wir nichts dagegen tun können? Quatsch, können wir wohl. Dem Scheiß einfach keine Aufmerksamkeit mehr schenken! Der Samstagabend muss nicht jede Woche mit trivialen Musikdeformationen gefeiert werden. Es gibt acht Millionen Leute „Deutschland sucht den Superstar“ gucken, dennoch gibt es gleichzeitig über siebzig Millionen Deutsche, die stattdessen etwas Anderes machen, zum Beispiel Monopoly, Fang den Hut oder Plätzchen backen. Das macht Hoffnung. Die acht Millionen Bohlen-Bejubler müssen aber unbedingt in unser Boot geholt werden, sonst gehen wir mit der Arche Noah des guten Geschmacks bald unter! Keiner wird es merken, weil die selbsternannten Nachrichtensender lieber was mit Hitler zeigen. Keiner wird es merken, weil die bunte Reklame zwischen Telenovela und Boulevardmagazin bei zwei Schnitten pro Sekunde unaufhaltsam in unser Gehirn rast und jedes Ansammeln von klugen Gedanken so wahrscheinlich macht wie einen telefonkostendeckenden Gewinn bei einem Call-In-Gewinnspiel. Und keiner wird merken, weil wir eben doch schon zu blöd geworden sind.

Kürzlich lag ich auf der schlabbrigen Wohnzimmercouch herum, ganz gediegen mit Jogginghose, Konzentration und einer Dokumentation in HD. „Mit dem Luxuszug durch Afrika“ grasten dort ein paar Vermögende die Sehenswürdigkeiten der dritten Welt ab. Ab und an fuhren sie an ein paar putzigen Negern vorbei, doch die dekadenten Luxusreisenden hatten für die hungrigen Schwarzmänner maximal ein bisschen Winkerei übrig. Es gab aber auch Wichtigeres zu beobachten, beispielsweise das größte durch den Mensch erschaffene Loch der Welt: die ehemalige Mine „The Big Hole“ in Südafrika. Das tiefe Loch wurde mit vielen „Ooohs!“, „Aaahs!“ und Digitalkamerablitzen versehen. Es darf jedoch vermutet werden, dass zwischen den Ohren mancher Fernsehzuschauer eine noch größere Lücke existiert.

Wo ist der Hase, ich weiß von nichts!

Vom schönen Schein und wirklichen Leben

Vierzehn Uhr, Drehbeginn. Witzige Musik erklingt. Das Publikum in Studio 38 klatscht, jubelt, pupst und schaut nach links. Da springt jemand in die Manege, es ist der blondierte, pünktliche Moderator. Grinsende Rolle rückwärts, dann ein geiler Blick in Kamera 4.

„Grüß Gott, Grüß Publikum, Grüß Fernsehzuschauer! Willkommen bei ‚Wuttke‘, der Talkshow mit Wumms!“ Ein wuchtiges Wumms!-Geräusch erklingt. Das Publikum kennt das Jingle und freut sich, es endlich mal live hören zu dürfen. Der Telepromter fährt fort: „Unser heutiges Thema: ‚Hilfe! Meine Tochter geht illegal anschaffen und obwohl mein Mann Steuerberater ist, will sie die Erträge nicht von der Steuer absetzen‘! Und hier ist auch schon unser erster Gast: Melanie, 15 Jahre aus Memmingen!“ Von rechts kommt ein junges Mädchen herein, setzt sich auf den Stuhl und lässt sich von zweihundert Buh-Rufen beschallen. Sieben Sekunden lang sitzt sie regungslos herum. Dann erkundigt sich der Moderator, wie lange sie schon anschaffen gehe. Zwei Monate lang, sagt sie. Vereinzelte Buh-Rufe. Die nächste Frage fragt sie, wie viel sie pro Monat mit der Fickerei verdiene. Tausend Euro, sagt sie. Viele Buh-Rufe. Ob sie sich denn immer schütze, ist Frage drei. Ja, mit Kondomen, sagt sie. Der Kameramann winkt ins Publikum und zeigt an, dass hier nicht gebuht werden muss.

Ein Basecapmensch aus dem Publikum steht auf und der Talkshowfan weiß: Aha, da möchte wohl jemand eine Anmerkung machen. Kamera 1 hält drauf, der Moderator spaziert die Treppe zum Aufgestandenen hoch. Basecapman gibt sich zu erkennen: „Guten Tag, mein Name heißt Dieter Wedel und ick würde das Leben der kleinen Melanie jerne verfilmen, damit sie lernen tut, wie man mit ihren Problem umgehen kann! Du jehörst ins Kino!“ Melanie entkommt ihrer Regungslosigkeit und lacht vor Freude. „Ick mache aus dir einen janz großen Star!“ Nun weiß auch das Publikum, dass diese Idee sehr gut ist und manche fügen ihrem Applaus sogar Aufsteherei hinzu. Der Moderator improvisiert fremdsprachlich: „Juppie, wer sagt’s denn: a star is born in unserer Show! Tolle Sache, das!“ Melanies Mutter kommt aus dem Hinterstudiobereich herbei und fällt ihrer Tochter in die tätowierten Arme. Ein Praktikant hat Konfetti parat und schmeißt es vor die Linse von Kamera 3, welche gerade ein Freudentänzchen von Melanie und Melaniemutter filmt. Sektflaschenkorken fliegen und aus dem Nichts hört man Whitney Houston singen.

Im Hintergrund, abseits des Sichtfeldes der Kameras, schleicht sich ein Krawattenmann hinein. Er hat Mühe, sich das Mikrofon des Moderators zu stibitzen, aber als er es dann geschafft hat, hebt er seinen Zeigefinger und sagt: „Aber dass die Einnahmen ordentlich versteuert werden, junges Fräulein!“