Der Sinn von Träumen kann doch nicht nur sein, dass man sich beim Schlaf nicht langweilt « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Der Sinn von Träumen kann doch nicht nur sein, dass man sich beim Schlaf nicht langweilt

Neulich, da träumte ich von geistiger Umnachtung. Jeder tat Dummes. Chaos in allen Gassen. Jeder hier könnte ein „I’m with stupid“-Shirt tragen und bei niemandem ginge es als Ironie durch. Und für gewöhnlich bin ich ja ein recht gehässiger Kauz. Dumme Menschen, ts. Eigentlich ein gefundenes Fressen für mich, ich habe häufig Hunger auf Häme. Sich erheben und besser fühlen: Manchmal voll okay! Und nirgendwo wird es einem leichter gemacht als hier. Ein wahres All-You-Can-Diss-Mekka. Aber mir ging das Irren der Alptraummenschen tatsächlich sehr nah. Ausnahmsweise. So hatte ich regelrecht Unterhautausschlag, als ich sah, wie einige Menschen panisch Straßenlaternen hinauf zu klettern versuchten. Sie wollten Wolken essen, vermute ich. Besser wussten sie es nicht, vermute ich ebenfalls. Überhaupt: Keiner wusste irgendwas, alle wussten nix; was war, was ist und wofür das hier alles hingestellt worden ist und weshalb. Ein großer, hilfloser Haufen Mensch. Körper-Klumpatsch. Mit Antwortpanik und Unwissenheitstourette; auf der erfolglosen Suche nach der Ausfahrt aus der Irrfahrt. Hier konnte man Fragezeichen in den Köpfen nicht nur fühlen, sondern auch sehen. Ich bin mir sicher, [hier bitte beliebigen, als außergewöhnlich dumm geltenden Prominenten einsetzen] wäre hier bereits als Baby Bürgermeister, Bundestrainer und Nobelpreisträger geworden. Doch dumm ist nicht der, der Dummes tut, sondern der, der nichts gegen Dummes tut. So hielt ich es ausnahmsweise für meinen Traumjob, den Gestalten hier zu helfen.

Besonders bedürftig erschien mir eine ältere Dame mit grünem Seidentuch um den Kopf. Sie ging die Straße immer wieder auf und ab, planlos und mit den kleinen Händen an den Kopf geklammert, so als würde sie hoffen, es käme ihr durch Händedruck eine Antwort. „Kann ich Ihnen helfen? Wollen Sie irgendwo hin?“, frug ich sie. „Nach Hause! Nach Hause!“, wimmerte mir die Frau entgegen. Sie zeigte mit Armen und Beinen in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig, es wirkte wie ein tragischer Tanz. Erst jetzt fiel mir ihr ungewöhnliches Äußeres auf. Ihre Zähne waren so orange wie etwas, das sehr orange ist (z.B. eine Orange). Und ihre Augen waren sehr, sehr groß. Wäre ich Journalist, so müsste ich ausrechnen, wie häufig das Saarland oder Fußballfelder hineinpassten. Stattdessen frug ich weiter: „Wo ist denn Ihr Zuhause? Können Sie mir einen Straßennamen nennen?“, „Nein, nein! Weiß nix! Dahinten!“. Sie lief Richtung Norden. „Nein, dahinten nix, dort hinten!“, sie lief Richtung Süden. Ihre nackten Füße klapperten auf dem Asphalt hin und her. Ich lief ihr nach, um sie zu fragen, was sich denn Markantes in der Nähe ihrer Wohnung befände. Vielleicht könnte ich ihr ja doch noch helfen. Sie antwortete: „Mein Mann“. Ich blieb regungslos stehen und konnte nur noch hinterher sehen, wie sie breitbeinig auf eine Straßenlaterne sprang.

Ein paar Vögel zwitscherten ein Lied, vielleicht Mozart. Vielleicht improvisiert. Vielleicht aber auch egal. Ein dürrer Mann im Unterhemd fiel vor meine Füße. Er schwitzte stark wie ein Marathonläufer nach dem Zieleinlauf. „Wie spät ist es, wie spät ist es?“, keuchte er mich an und ich antwortete ihm wahrheitsgemäß: „Drei Uhr in der Nacht“. „Und warum? Warum ist es drei Uhr in der Nacht? Warum nicht Nachmittag? Warum? Warum? Waruhuhuhuhum?“. „Tut mir leid, das weiß ich nicht“. „Das höre ich immer, keiner hier weiß etwas!“. Nun veränderte sich seine Stimme, als hätte man seine Zunge ausgetauscht oder seine Stimmbänder geölt: „Aber ich stelle mich erstmal vor, wenn du schon von mir träumst. Hallöchen, ich bin hier gewissermaßen so etwas wie dein Gewissen. Der Geist der vergangenen Diffamierungen, oder so. Ich muss jetzt auftauchen, denn gleich wachst du auf. Und ohne Moral wäre so ein Traum ja ganz schön sinnlos, nicht wahr? Träume sind schließlich nicht nur dafür da, dass man sich beim Schlaf nicht langweilt. Achso, mein Name ist übrigens Kevin“, er reichte mir seine linke Hand. Ich schüttelte sie. Was sollte ich auch sonst tun.

Er fuhr fort: „Übrigens heißen hier alle Kevin. Sogar einige Frauen. Die anderen heißen Chantal. Und weißt du, wieso wir hier so heißen? Weil man dir erfolgreich eingeredet hat, dass dumme Menschen so heißen. Du bist aber nicht nur schuld an unseren Namen, sondern auch an unserer Existenz. Diese ganzen Vorurteile, die du mit dir herumschleppst. Deine Verachtung für vermeintlich weniger Gebildete. Deine politische Inkorrektheit. All das paart sich und ergibt eben diese Bastarde, die du hier nun herumpurzeln siehst. Dieser Traum hier war ein Test, du hast ihn bestanden. Zwinker, zwinker! Du hast aber hoffentlich gesehen, dass deine uncoole Art langfristig eher zu einem gesellschaftlichen Alptraum führt. Merke: Nett sein belohnt dich, Arschloch sein lohnt nich‘. Also, du weißt, was zu tun ist. Wache nun auf und sei erleuchtet. Keine Ursache, Adieu mit ö.“

Ich tötete ihn. Und tatsächlich, dann ich wachte auf. Noch im Schlafanzug verpackt rannte ich auf die Straße, kletterte auf eine Straßenlaterne und versuchte, Wolken zu essen.

[der Titel des Textes ist angelehnt an einen Spruch des sehr guten Komiker-Duos Katz & Goldt, erwerbt das dazugehörige T-Shirt bitte hier.]