Ein modernes Märchen im Präsens « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Ein modernes Märchen im Präsens

Es sind einmal ein cholerischer Misanthrop, eine chinesische Rentnerin und ein Kleinwüchsiger in einem Dinosaurier-Kostüm. Die sitzen in einer Bar. Sie wünschen sich ständig irgendwelche Lieder, die der Barkeeper nicht kennt und bauen lustige Häuser aus Bierdeckeln. Die Stimmung ist dennoch betrübt: In der Redaktion des örtlichen Telefonbuch-Verlages hat ein Schelm die Nullen durch Os ersetzt und jetzt kann niemand mehr die Telefonnummern lesen. „So eine Scheiße, ich hasse euch alle!“ ruft der Misanthrop plötzlich völlig unvermittelt und völlig plötzlich, da unvermittelt. Besonders die Chinesin erschreckt sich sehr stark, weil sie nicht versteht, was gerade gesagt wurde und generell gar nicht weiß, wie sie überhaupt hergekommen ist. Eigentlich wollte sie eine leckere Marzipantorte backen und in Deutschland rasch ein wenig Marzipan erwerben. Dass daraus nicht wurde, muss man der deutschen Infrastruktur vorwerfen. Die ist nicht so gut. Aber nun ist die Chinesin eben da und wird brav toleriert. Manchmal quietscht sie vergnügt und altersmilde. Der Barkeeper sagt dann stets: „Völkerverständigung beginnt in der Leber! Prost!“ und schmeißt eine Lokalrunde.

Besonders amüsant ist es dann, dem Kleinwüchsigen zuzusehen. Die Biergläser sind kaum größer als er. Wenn er sich die Mühe machen würde, den Haltegriff hinauf zu klettern, könnte er im Bier schwimmen. Doch diesen Gefallen tut er den Anwesenden nicht. Schade. Dafür erfreuen sie sich fleißig an seinem vollkommen sinnlosen Dinosaurier-Kostüm, welches er wie folgt hergestellt hat: Man nehme eine kleine Hartgummi-Figur der Firma „Schleich“, höhle das Innere der Figur hinaus und wenn dann noch akrobatisches Talent vorhanden ist, kann man in das harte Korsett hinein schlüpfen. Fertig. „So ein Scheiß-Kostüm, ich hasse dich!“ ruft der Misanthrop und fügt hinzu: „Aber nicht, weil du sehr, sehr klein bist, sondern weil du ein Mensch bist, nur um das klar zustellen. Misanthropie und Rassismus sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. So wie Post-Its und reguläre Notizzettel.“ Und dann quietscht die chinesische Rentnerin; ein drei Meter großes Bierdeckelhaus fällt infolgedessen in sich zusammen. Der Kleinwüchsige wünscht sich ein tiefgründiges Liebeslied von Peter Maffay, der Barkeeper kommt diesem Wunsch nach und so weiter.

Als die Szenerie dann beginnt, sich langweiligerweise ständig zu wiederholen, kommt auf einmal der liebe Gott in die Bar. „Tach, Gott“ begrüßen ihn die Barbesucher beiläufig, der Barkeeper hält einen mäßig unterhaltsamen Monolog mit vielen „oh mein Gott“-Anspielungen. „Oh mein Barkeeper, mix mir einen Scotch mit Single Malt! 50:50!“, sagt Gott ganz lässig und cool und alle sind sich sicher, dass das tatsächlich der liebe Gott sein muss, denn sonst wäre er nicht so lässig und cool. Schnell realisieren die Gäste, dass dies ein besonderer Moment ist. Mit Gott sprechen kennen sie nur aus dem Fernsehen und gilt nun zu testen, ob BibelTV so authentisch ist wie gedacht. Als Erste wendet sich die Chinesin an Gott und erzählt ein bisschen mit ihm, der ja praktischerweise alle Sprachen der Welt spricht, weil er sie erfunden hat. [irgendwas auf Chinesisch, keine Ahnung] Gott zeigt Richtung Norden, wo spontan eine pittoreske Marzipanbäckerei aus dem Boden wächst. Ein letztes Mal quietscht die Rentnerin, um anschließend fröhlich die Bar zu verlassen. „JAWOLL, endlich ist sie weg! Ich hasste sie“, jubelt der Misanthrop und fügt an: „Aber ich freue mich nicht darüber, weil ich ein Nazi bin, sondern einfach nur so, weil. Ich. Es. Kann. Fickt euch!“.

Und dann bewegt sich der Kleinwüchsige in die Richtung des Allmächtigen. Gott kann ihn erst nicht sehen, da er unschön über die Teppichfransen gestolpert ist, aber dann sieht er ihn doch, weil alles andere nicht in die „Dramaturgie“ dieser Geschichte passen würde. „Dein Problem ist kaum zu übersehen, mein Sohn“, sagt Gott und tätschelt sanft über das Dinosaurierkostüm. „Hier, du sollst haben, was dir fehlt.“ spricht er weise und kurioserweise in einem ostdeutschen Dialekt. Und dann zaubert er dem Kleinwüchsigen ein verkehrssicheres Damenfahrrad herbei. „Nun kannst du radeln, wohin du willst! Aber denke immer daran, dass jeweils zwei Katzenaugen in die Speichen geklemmt sind und achte stets aufmerksam auf den Verkehr!“ Der Kleinwüchsige ist hocherfreut, tritt sehr kräftig in die Pedale und vor lauter Geschwindigkeit fährt er ein Loch in die Tür. Gottseidank ist es sehr klein, so dass höchstens Kellerasseln hindurch passen würden.

„Gut, dass der weg ist, ich habe ihn immer geha…“, will der Misanthrop dann sagen, doch seine intelligenten Ausführungen werden von Gott jäh gestört. „Schweig“, sagt er, „ich weiß, was du sagen willst. Und ich sage dir eins: du hast völlig recht. Menschen sind total bescheuert. Verzeihung dafür.“ Da ruft der Barkeeper: „Reue fängt in der Leber an! Lokalrunde!“ und wenn sie nicht gestorben sind, dann saufen sie noch heute.