Das Quiztaxi kann nicht überall gleichzeitig sein [neue Version] « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Das Quiztaxi kann nicht überall gleichzeitig sein [neue Version]

„Sagen Sie mal, wieso läuft das Taxameter eigentlich auch dann weiter, wenn wir an einer Ampel stehen?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf leicht nach rechts, in seinen Augen flackert das Böse: „Ist halt so.“

Sie stehen an der Kreuzung zwischen Ostwall und Marktstraße. Die Laternen arbeiten, es ist Nacht. Der Fahrgast hätte natürlich laufen können, aber auch zwei Kilometer können sich ganz schön ziehen. Und: Wer kann, der kann eben. Das Taxameter zeigt sechs Euro und zehn Cent. Portokasse, das sind lediglich Peanuts/Erdnüsse für ihn. Der Staat will zwar einen Teil seines Einkommens, aber der Spitzensteuersatz wurde im unermüdlichen Laufe der Zeit so sehr gesenkt, dass, nun ja, er kann sich Taxifahren halt leisten. Als sie dann an einem Wahlplakat einer beliebigen Partei vorbeifahren, liegt ihm eine weitere Frage auf den Lippen:

„Sagen Sie mal, wieso beschweren sich immer alle über die Politik? Jeder, der in unser Land kommt kann doch aus sich machen, was er will. Und das sage ich jetzt nicht, weil sie schwarz sind.“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so. Und ich das sage ich Ihnen nicht, weil sie weiß sind.“

Nieselregen setzt ein, ein einsamer Passant schaut dem Taxi hinterher und sucht in seiner Hosentasche nach einem Feuerzeug. Ob er es findet, bekommen die Taxi-Insassen nicht mehr mit.

„Okay, gut, aber, sagen Sie mal, wieso sind alle Taxis aus dem Hause Mercedes, wo es doch so viele andere gute, tolle, deutsche Automarken gibt; so ein Taxi-Porsche, kennen Sie doch, oder?, das hätte doch mal was, vor allem: Stil?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert immer noch der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

Die Ampel springt auf grün, das Auto mit dem gelben Schild fährt den Ostwall hinauf. Aus dem Funkgerät des Taxifahrers kommen alle paar Sekunden irgendwelche Krefelder Straßennamen gekrächzt. Breite Straße, Lewerenzstraße, Tiergartenstraße, Horstdyk; überall Menschen, die abgeholt werden müssen. Und dann? Manchmal kotzt einer auf die Ledersitze, manchmal versucht einer ohne zu zahlen zu flüchten, manchmal ist es sogar ganz angenehm. Und heute ist es so, wie es ist. Das Taxi fährt nun eine Linkskurve, rumpelt langsam in die Rheinstraße. Vorbei an leer stehenden Geschäften, vorbei an Geldautomaten, vorbei an Tauben, die sich selbst mit ein paar Brotkrümeln füttern.

„Sagen Sie mal, was würden Sie tun, wenn Sie ein Tier wären, also, ein richtiges Tier, sagen wir eine Taube? Ich würde ja jeden Tag auf McDonald’s kacken. Kann diesen Schuppen nicht leiden; das ist gar kein richtiges Restaurant, die tun nur so. Ein Pseudorestaurant ist das doch. Für Leute, die die Fischgabel nicht von der Aufschnittgabel unterscheiden können. Dort bekommt man noch nicht einmal ein Schälchen mit Brotscheiben und Kräuterbutter, oder haben Sie schon mal einen Brotkorb bei McDonald’s bekommen? Haben Sie bestimmt nicht! Die wissen nicht einmal, wie man Kräuterbutter überhaupt buchstabiert! Ich schon! K, R, hm, Ä, U, T, E, R, B, U, Doppel-T, E, R. Ha!“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nicht, in seinen Augen flackert überhaupt nichts mehr: „Wenn ich eine Taube wäre, wäre sich bestimmt irgendeine Taube nicht dafür zu schade, mich zu fragen, was ich tun würde, wenn ich ein Mensch wäre. Und ich sage Ihnen eins:“, nun dreht er seinen Kopf doch noch: „Ich würde dann bestimmt nicht antworten: Taxifahren.“

Während sie über die Uerdinger Straße fahren, übt sich der Gast in einem erstaunten, aber lautlosen Ausdruck des Verständnisses. Er scheitert auf eine wenig würdevolle Art und Weise. Dialog gescheitert. Wenigstens das geographische Ziel wird erreicht, sie biegen in die Zielstraße ein. Als wären sie es gewohnt, wird nun geschwiegen. Portmonee-Rascheln ist das einzige Geräusch weit und breit. Der Fahrgast stöhnt ein wenig: Acht Euro vierzig, da war der Türke neulich günstiger, na gut. Doch er moniert beim Aussteigen etwas Anderes: „Sagen Sie mal, kennen Sie das Lied ‚ICE‘ von Rainald Grebe? Da singt er die Zeile: ‚die Wahrheit sagt dir jeder Taxifahrer‘, aber das ist wohl komplett gelogen. Ich bin ehrlich enttäuscht, wissen Sie das?“

Der Taxifahrer schmunzelt in sich hinein, nimmt das abgezählte Honorar ohne Trinkgeld beiläufig in Empfang. Er sagt: „Enttäuschungen kommen im Leben vor, denn, wissen Sie: das ist halt so.“ Und dann fährt er fort.