Vielleicht lügt Musik nicht « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Vielleicht lügt Musik nicht

Mitte der Neunziger. Wir zwei saßen im Auto, sind irgendwo hingefahren und haben Frank Zappa gehört. Genauer gesagt, „Joe’s Garage“:

It wasn‘t very large
There was just enough room
to cram the drums
In the corner over by the Dodge

„Joe’s Garage“ ist ein Song über einen Typen, der mit seinen Kumpels Rockmusik in einer dreckigen Garage macht. Plötzlich werden die Jungs um Joe mit ihrer Musik erfolgreich und berühmt. „Joe ist Englisch für Johannes“, hast du mir erzählt und mich dann gefragt, ob wir die nächste Ausfahrt nehmen sollten, damit ich Pipi machen kann. Ich habe mit dem Kopf geschüttelt und weiter der Musik gelauscht. Ohne, dass ich auch nur ein weiteres Wort des Textes verstehen konnte, dachte ich: „Joe’s Garage“ ist dann ja wohl mein Song. Ich wollte Trommler werden in einer Rock ‚n‘ Roll-Band. So wie Joe. Freunde hatte ich, eine Garage und Instrumente hätten sich sicher auch irgendwie auftreiben lassen. Bis dahin würde ich eben mit Stiften und Löffeln auf allem herum trommeln, was sich nicht schnell genug retten könnte. Ich glaube, für genau diese Situationen hat man Federmäppchen und kleine Schwestern.

Aber was ist letztlich aus meiner Musikkarriere geworden? Nichts. Meine Schwester ließ ich – was das betrommeln angeht – in Frieden, rudimentäres Gitarre spielen lernte ich erst spät mit siebzehn Jahren. Um es dann schnell wieder aufzugeben, weil du mir zwar einen guten Musikgeschmack, aber kein musikalisches Talent vererbt hast. So wurde aus mir dann doch kein zweiter Jimmy Page, nicht mal ein dritter oder wenigstens tausendster. „Stairway to Heaven“ werde ich niemals covern können. Immerhin, die Akkorde für ein fetziges „Im Frühtau zu Berge“ könnte ich bestimmt auch heute noch jederzeit greifen. Es sind ja auch nur drei: D7, G und C. Fallera, fallera.

Doch darum dreht es sich hier nicht, so wie es damals schon nicht darum ging, wirklich ein Schlagzeuger zu werden. Es geht nur darum, im Leben einen Traum zu haben. Wo auch immer der herkommt. Einfach nur das machen, was einem Spaß macht. Der scheinbar unerfüllbare Wunsch vieler Menschen: den monotonen Alltag gegen ein polyfones Füllhorn voller Abwechslung tauschen. Mal hier, mal da und welcher Tag morgen ist, weiß man erst, wenn man Zeitung gelesen hat. Wenn man so will, lebe ich derzeit so. Offiziell bin ich arbeitslos, inoffiziell jedoch ein freier Autor für mich selbst. Wodurch ich genug Zeit habe, um Texte zu schreiben und sie deutschlandweit zur allgemeinen Belustigung auf Kleinkunstbühnen oder in Kneipen vor Unbekannten vorzutragen. Ich bin quasi eine ewige Ein-Mann-Band und Worte sind mein einziges Instrument.

Mal lauschen die Leute meinen Kompositionen konzentriert, manchmal warten sie nur auf das Ende des Textes, um sich ein Bier holen zu können. Es ist immer anders. Nicht jeder Satz sitzt und vielleicht sind nicht alle meine Gedanken so klug und neu, dass ich hunderte Kilometer dafür fahren müsste, um sie zu teilen. Trotzdem gibt es am Ende jeder meiner Texte Applaus. Mal lauter, mal leiser, mal nur aus Höflichkeit. Mehr kann ich nicht verlangen. Und ob ich Kunst bin oder mache, ob ich unterhalte oder nerve, sollen von mir aus andere entscheiden, wenn sie denn unbedingt wollen. Ich mache nur das, was auch Joe getan hat.

Am Ende seines, na ja, unseres, Liedes zerbricht seine Band übrigens am Erfolg und Diversem. Joe schwört der Musik endgültig ab und nimmt eine Arbeitsstelle als Bäckerlehrling an. Niemand kann sagen, ob es bei mir nicht auch irgendwann so laufen wird. Erst recht konntest du es damals nicht, als du mir diesen Song im Auto vorgespielt hast, ohne Hintergedanken, einfach nur so, weil er dir gefiel. Mehr als zehn Jahre später lasse es jetzt darauf ankommen, dass es bei mir irgendwie klappt. Weil ich nichts Anderes kann. Weil ich nichts Anderes will. Aber ob ich auch von dir Applaus erhalten würde, das würde ich gern erfahren können. Ich kann es aber nicht und daran haben wir beide keine Schuld. Und das ist vielleicht das Schlimmste daran.

Guess you only get one chance in life
To play a song that goes like…

Klatsch klatsch, klatsch, klatsch, klatsch.

[Zitate aus „Joe’s Garage“ von Frank Zappa]