Freund von Klischees und funkelnden Jacken « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Freund von Klischees und funkelnden Jacken

In Tante Gerdas Tanzcafé ist heute großer Ü50-Abend. Das heißt für Bernd: raus aus den Adiletten, rein in die alte Glitzerjacke. Sie glitzert und funkelt wie damals, als man ihn landauf landab nur den „Boogie-Bernd“ nannte und Parties noch Feten hießen. Früher, da war Bernd der Held in seinem Freundeskreis. Schließlich war er der Älteste und kam so immer am einfachsten an die drei wichtigsten Drogen: Zigaretten, Schnaps und Frauen. Jetzt, in 2012, ist wenig Heroisches geblieben. Nicht der Zahn der Zeit hat an ihm genagt, es war wohl eher ein komplettes Gebiss. Sein Gewicht hat sich verdoppelt; sein Äußeres ähnelt längst einem überdimensionalen, geplatzten Fußball, aus dem Arme und Beine so mitleidig und beiläufig herauslauern wie Salzstangen aus einem Mettigel.

Bernd hat ein Problem: er altert. Er altert jedoch nicht so gut wie manch ein Super Nintendo-Spiel oder ein Led Zeppelin-Album, nein. Vielmehr altert er eben, wie es Menschen leider meistens tun: unwürdig. Wenn das Leben ihn gezeichnet hat, dann ist es ein verdammt beschissener Maler. Es ist längst nicht mehr alles Bernd, was glänzt. Doch er flüchtet sich gern zurück in diese wilde Zeit von damals, die Siebziger, ach Gottchen waren die dufte! Bernd stopft seine Füße in fesche Lederschuhe und macht sich glitzernd auf zu Tante Gerdas Tanzcafé.

Am Eingang steht ein gelangweilt durch die Straßen blickender Taxifahrer. Als Bernd eintreten will, wird er gefragt, wie lange er bleiben wolle. Bis er umfalle, antwortet Bernd. Der Taxifahrer entgegnet: „Sagen wir, halb zwölf?“, Bernd schüttelt nur den Kopf und betritt stumm das Tanzlokal. An der Wand ein Plakat zur Veranstaltung: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich biegen“. Drinnen angekommen erklingt Musik. John Paul Young, „Love is in the Air“. Bernd ist auf dem Weg zur Theke und wippt dabei lustig im Takt. Er bestellt sich ein Bier. Ein richtiges Bier. Eins ohne Zitronen, Äpfel, Kirschen, Grapefruit und all diesem Obstzeug, kurz: eins, bei dessen Geschmack Hopfen und Malz noch nicht verloren sind. Bernd mag es als Filou der alten Schule eben klassisch. Dann guckt er. Und guckt. Und guckt. Auf der Tanzfläche bewegen sich rund zwanzig rüstige Körper, die meisten unfreiwillig komisch und: allein. Selbst die großzügig parfümierten Damen. Riechen kann man ihre Bemühungen aber auch so. 4711 is in the Air. Liebe nicht.

Und dann wird gezappelt.

Wackel, du Wackelpeter, klapp die Achseln auf und zu!
Tanz, du Tanzmarie, rock den Rock und stepp den Schuh!

Wenn man zwischen den Songs ganz genau hinhört, kann man ganz leise ein paar Knochen knirschen hören. Bernd hingegen vernimmt etwas Anderes: „Boogie-Bernd! Da ist BOOGIE-BERND!!“, ruft ertönt es aus einer Ecke. Irgendjemand nimmt dies zum Anlass, am CD-Player auf Lied zwölf zu schalten. Es scheint unausweichlich. Baccara, „Yes Sir, I can Boogie“. Das ist Bernds Stichwort! Er stolpert in die Mitte des Raumes, wo er von roten und grünen Lampen ausleuchtet wird. Boogie, Boogie, all night long! Seine Glitzerjacke reflektiert jeden Lichtpartikel und wenn man den eigenen Kopf auf die Seite legt, lässt sich Bernd in seiner Glitzerjacke nur schwerlich von der Discokugel unterscheiden. Boogie, Boogie, whole life long! Seine dem fortgeschrittenen Alter geschuldete, etwas krude Interpretation des Boogie gefällt den Anwesenden ganz gut. Boogie, Boogie, Bernd hat’s im Blut! Sie klatschen und freuen sich und wähnen sich zurück in 1977.

Die kompletten vierzig Sekunden lang. Der Song läuft weiter, Bernd braucht eine Pause. Um ihn herum bildet sich eine begeisterte Kölnisch Wasser-Duftwolke. Seine alten Fans sind auch seine neuen Fans, auch wenn es immer noch alte Fans sind. Anders gesagt: Er hat es eben immer noch drauf! Die Legende Boogie-Bernd lebt. Weil sich eben auch altes Eisen noch ein bisschen biegen kann.

Bernd schaut auf seine Uhr. Es ist halb zwölf. Er setzt sich ins Taxi und fährt nach Hause.


4 Antworten auf “Freund von Klischees und funkelnden Jacken”


  1. 1 zerbolesch 09. Januar 2012 um 16:16 Uhr

    Der eigentliche Held der Geschichte ist das Plakat „Auch altes Eisen kann sich bie­gen“. Wie viel Schnaps muss im Kopf so seine Bahnen ziehen, damit man auf so einen Titel kommt. Großartig!

  2. 2 Charlotte 17. Januar 2012 um 21:22 Uhr

    Ja genau, nicht mehr Feten man, das sollten manche echt mal lernen.

  3. 3 elke lewandowski 05. Juli 2012 um 9:50 Uhr

    hey,
    ich würde an deiner stelle mal etwas besser recherchieren, denn 4711 kölnisch wasser nahmen die omas von jahrgang 1900. ich bin selber 54 jahre alt und habe auf dem letzten poetry slam schon gedacht, wie weltfremd ihr jugendlichen seid. ihr habt überhaupt keine ahnung und schnappt nur hier und da etwas auf. auch mit Ü50 geht man gerne in discos und hört sich aktuelle musik an und ist im internet und bei facebook präsent. ich würde heute noch nicht auf eine Ü Party gehen, egal ob Ü20-30-40 oder 50. man wird dort nur in eine schublade gepresst. ich lebe heute genauso wie früher, nämlich höre gerne aktuelle musik, interessiere mich für alles und wenn das nachlässt, dann ist man erst alt.Aber ich weiss, ihr wollt ja sarkastisch rüber kommen und ich nehme es auch nicht persönlich. mach weiter so!!!!
    gruss elke
    lg elke

  1. 1 RocKwiz Toowoomba | Oz TV Reviews Pingback am 03. Januar 2012 um 2:49 Uhr
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