Über die Breite und Tiefe von Treibsand « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Über die Breite und Tiefe von Treibsand

Ich setzte mich also auf einen Hydranten. Nackt. Fleißig bahnte sich das Wasser den Weg durch meinen Körper. So wurde meine Lunge sauber und ich zum Fisch. Langsam. Zwischen meinen Fingern und Fußnägeln bildeten sich Schwimmhäute, auf meinem Kopf wuchsen die ersten Schuppen. Mein kompletter Körper deformierte sich, verdammt, mein Schicksal ließ mich scheinbar zu einem Tiefseefisch werden. Na gut. Ich verlor die Fähigkeit zu stehen und fiel um. Plumps, wie ein Idiot. Ich zappelte. Menschen kamen vorbei. Sie nutzten ihre Zeigefinger, um zeigend auf mich zu zeigen. „Guten Tach, helft mir!“, wollte ich sagen, doch aus meinem Mund kam nur Luft. Überhaupt, Luft: als Mensch hatte ich sie möglicherweise viel zu wenig geschätzt. Sie war kostenlos und überall, so wie man es sich von WLAN oder Gebäck wünscht. Fürs Schätzen war es nun zu spät. Jetzt mochte ich Luft nicht mehr. Ich liebte von nun an Wasser. Wasser ist total geil und superduper, dachte ich. Der Hydrant hatte mir viel davon geschenkt, doch noch immer war ich durstig. Ungeahnt durstig sogar. Und gierig. Ich wollte keine lumpige 1,5l-Flasche von Apollinaris oder ja!, ich wollte auch keinen kleinen Tümpel mit Provinzfischen, ich wollte das beschissene, riesige Meer! Über hier nicht näher erläuterte Wege kam ich dann in selbiges. Es war wie im Märchen. Wasser, soweit man gucken konnte. Paradiesisch. Da drin konnte man Blubberbläschen machen, Purzelbäume schwimmen und, das gefiel mir am Fischsein besonders, es gab keine Portmonees, Ausweise und Mobiltelefone, die man verlieren konnte. Man hatte nur sich selbst und seine glitschige Würde. Der Ozean, die bessere Gesellschaft. Keiner konnte gefeuert werden, alle waren arbeitslos. Keiner hatte Schulden beim Kreditinstitut, alle waren pleite. Unter Wasser gab es keine Krisen und Diktatoren, keine Verträge und Ämter. Nur das Sein. Erstmals fühlte ich, was es heißt, die Natur zu lieben. Bis ich mich genauer ansah. So ein Scheißdreck, als Fisch hat man ja gar keinen Penis! Ich schwamm nach oben und ertränkte mich in Luft.