Schlechtes Gewissen « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Schlechtes Gewissen

Regentage sagen niemals Adieu zum Verlangen.“ (Jacques Palminger)

Das Schönste, was ich heute gesehen habe, war eine Taube. Eine Taube, die ihren Kopf rhythmisch und zugleich stupide von hinten nach vorn geschoben hat, weil sie es kann – und sonst außer gucken, kacken, fliegen, picken nicht viel mehr. Tauben werden kollektiv gehasst, doch sie sind harmlos, reden weniger Scheiße als die allermeisten von uns und der Fehler liegt nicht in ihrer Existenz, sondern in unserer Betrachtung.

Dazu ein paar Beispiele aus meinem eigenen, unwichtigen Leben.

Als Kind habe ich auf meinem roten Bobbycar weit, weit mehr als siebzehn Ameisen überfahren. Entschuldigung, ihr Krabbelfreunde. Weil ich mich nicht bücken wollte, habe ich Pusteblumen gepflückt und erst dann die Pollen über die Felder fliegen lassen. Verzeihung, ihr Wildgewächse. Und jetzt trage ich schwarz-weiße Schuhe von Adidas, weil sie mich an Fußballschuhe aus einer Zeit, die ich aktiv nicht miterlebt habe, erinnern. Sollte ich diesen Satz jemals irgendwo vorlesen, so werden fünfzig Prozent des Publikums auf meine Schuhe schauen. Sie werden verpassen, wie ich im Gesicht eine traurige und ehrliche Grimasse forme. Für die Kinder, die diese Treter geknüpft haben. Denn darum geht es mir. Aber: It’s not your fault, children of Bangladesh.

Cause I am just a little guy
in a crazy world
full of madness and sadness,
and we will go on upon
our endless journey of tragedy
until we see the sea
beyond the „knowledge of good and evil-tree“.
Der Baum heißt auf Deutsch „Baum der Erkenntnis“, Digger. Denk da mal drüber nach.

Mühsam mit Schulenglisch verfasste Bekenntnisse eines Mörders; die Wahrheit ans statt hinter des Licht zu führen ist eine unangenehme Gabe der Vernunft. Wer vor narzisstischer Freude platzt, soll danach auch die Sauerei wegputzen oder wegkärchern oder wenigstens mit dem Handkehrer die Gefühls-Fusel von sich wegschieben – so wie man überhaupt immer die Schuld von sich weist, weil immer die Anderen den schweren Rucksack der Sünde aufsetzen müssen. Trotzdem sagt ständig irgendein Spinner, er hätte Rücken. Nur ernsthaft belasten will ihn niemand. Schon der lustige Jesus sagte: Wer ohne Schuld ist, soll den ersten Stein schmeißen und nicht nur wegen einer bestimmten Szene des grandios verfilmten „Leben des Brian“ verspreche ich, dass uns alle dann ein Steinhagel begraben wird. Wir werden wimmern und die Situation kolossal verkennen; nur das Äußere lässt sich mit Photoshop optimieren, nicht das Innere. Lasst euch lieber vom Lauf der Sonne verdunkeln, nicht von all dem Unsinn, der rechts und links und hinten und vorne lauert und sich von euren Gehirnzellen ernährt, verdammtnochmal.

Dann: Kunst- und Dunstpause.

Fabian ergreift Partei gegen die Stille und sagt jubelnd: „Ich habe jetzt eine Waschmaschine!“ und gemeinsam sitzen wir auf einem Baumstamm, vertreiben uns die Zeit mit Wundern über Dinge.

Ich sage: Vielleicht wäre es besser, wir wären alle Tauben. Dann könnte man sich wirklich aussuchen, worauf man scheißen würde.

Ob nun
auf den Reichs-, Bundes- oder Landtag,
oder auf den Mon-, Diens- oder Mittwoch,
oder auf die Stätten, in denen wir uns wie an Ketten unseren Tagelohn erarbeiten,
oder wir koten auf den immer gleichen Alltag,
oder auf den Tag, der auf den Tag folgt, an dem wir uns endlich verändern wollen,
oder auf den Taxifahrer,
oder doch nur auf den Nachbarn, der einem immer die kostenlose Zeitung vom Sonntag stibitzt, obwohl man doch noch den Media Markt-Prospekt nach günstigen Spielfilmen durchstöbern wollte.

Sei klug, spare hier und da ein paar Euro. Sei klüger, spare dir hier und da einen Kommentar. Oder sei ganz einfach und doch so schwierig: der Klügste und denke nicht nur dann nach, wenn jemand etwas von dir will, sondern auch vorher, nachher und zwischendurch. Denken ist schön, denke ich mir und manchmal muss man sich auch mal die Welt schön denken, denn sie ist es nicht. Aus Gründen.

Dennoch will ich hier jetzt nicht ewig weitermachen mit dem Waschen der schmutzigen Wäsche. Das soll Fabian machen. Denn der hat jetzt eine Waschmaschine.