Das Leben eines Künstlers « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Das Leben eines Künstlers

Wenn ich mein Kommen ankündige, dann malen die Veranstalter Superlative auf die Plakate.
Plakate, auf Stromkästen geklebt und mit meinem Tausendsassa-Gesicht beklebt.

Jeder soll es sehen, jeder soll meine Fresse sehen; „die größte Supershow der Totalen, Unterhaltung pur,
Literatur at it’s best, das feine Kulturhäppchen für Zwischendurch und Jeden, neunzehn Uhr ist Einlass“.

Wenn dann alle über mein Kommen informiert sind, tauschen die Leute fleißig Papierscheine gegen Abreißkarten.
Abreißkarten, die der Abreißmann am Tag des Abreißens abreißen wird, weil er es kann.

Seht! Er kommt! Er bringt uns Kleinkunst mit! Endlich! Die heilige Messe der Kleinkunst!
Nur Kleinkunst vermag unseren Alltag aufzufetzen! Hurra, hurra! Kleinkunst!!

Und wenn ich dann in den Ort komme, schmeißen die Leute mit Konfetti.
Konfetti, ausgestanzt aus Originalschriften von Ovid. Oder Micky Maus. Oder Ähnlichem.

Hinter der Bühne gönne ich mir zwei Schlücke Trüffellikör, den Rest gieße ich ins Künstler-Bidet;
zwei knapp bekleidete, westeuropäische Mädchen klopfen ans Fenster – ich weise sie ab, weil ich es kann.

Wenn ich dann in Zeitnot komme, vierzig Minuten im Verzug bin und noch meine Texte sortiere,
sortiere ich meine neunhundert besten Texte ganz nach hinten, ich will die Leute ja nicht zu sehr verwöhnen.

Begleitet von vierzehn turmhohen und muskelverzierten Sicherheitsleuten trabe ich schließlich auf die Bühne;
um meinem Publikum ein paar wichtige Gesten vorführen zu können, trage ich Schuhe mit vierzig Zentimeter Absätzen.

Wenn ich komme, stellen sich die Leute rabiat applaudierend auf ihre Stühle.
Stühle, die es ihnen ermöglichen, mir, dem Künstler, näher zu sein.

Neunminütiger Begrüßungsapplaus, ganz ordentlich, ich verneige mich, werfe meinen
Zylinder wichtig in die Lüfte, fange ihn mit Augen zu („Wahnsinn! Und das in den Schuhen!“ ruft jemand aus dem Publikum) und dann lese ich ein Gedicht auf Estnisch vor.

Es trägt den Titel: „Jello“.

Jello.
Talv tuleb ja peeretan,
Ma vihkan hooaega
minu publik on loll nagu leib,
oma raha, et osta jama.

Und jedes Wort ist wahr. Jedes Wort klingt wie Poesie. Auf deutsch heißt in etwa so viel wie:

Wackelpudding.
Der Winter kommt und pupst,
ich hasse die Jahreszeiten,
mein Publikum ist doof wie Brot,
von eurem Geld kaufe ich mir Unsinn.

Und jedes Wort ist wahr. Jedes Wort klingt wie Poesie; solange man es nur so sagt, dass es niemand versteht.
Wilder Applaus, weil ich nicht nur bilingual, sondern omnilingual bin und jede Sprache der Welt spreche.

In allen jemals gesprochenen Sprachen der Geschichte bedanke ich mich also bei meinem Publikum für den beschissenen Abend,
mein Programm neigt sich dem Ende zu; ein Gedicht muss ja wohl reichen, nächstes Jahr werde ich wiederkommen, dann gibt es noch eins. Auf armenisch.

Wenn ich dann gehe, hüpfen die Leute vor Begeisterung die Sitzvierecke der Stühle kaputt,
meine vierzehn Bodyguards geben in meinem Namen Autogramme und alle sagen stolz:

Wahnsinn! Das war ja wohl mit kilometerweitem Abstand die größte Supershow der Totalen, Unterhaltung purpur, Literatur at it’s motherfuckin‘ best, das allerfeinste Kulturhäppchen seit Rémy Belleau. yabadabaduh!

Und wenn ich dann aufwache, in Ennepetal vor neun Leuten lese – ohne Konfetti, ohne Zylinder, ohne Trüffellikör,
aber mit einem Becher Fanta in der Hand – dann denke ich: Alter, Kleinkunst. Hurra, hurra!