Er « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Er

Flötend und den Mond betrachtend läuft er über den Bürgersteig, bis ihn ein Laternenpfahl zu Boden zieht. Dass es auf Wegen auch Hindernisse geben kann, hatte er in seinem jugendlichen Leichtsinn nicht bedacht. Mit dem Hinterkopf voraus knallt er längs auf den kühlen Asphalt, wo er Ameisen und gelesenen Zeitungen unfreiwillig Gesellschaft leistet. Ganz unten angekommen ist er, willkommen heißt ihn niemand. Noch bevor er sich Gedanken darüber machen kann, ob er verletzt oder sogar tot ist, verliert er mit einem Mal alles, was sich an ihm zu vermissen lohnt: sein Bewusstsein, seine Sinne, seinen Verstand und alle anderen mühsam angeeigneten kognitiven Fähigkeiten. Als hätte jemand bei ihm im Gehirn einen Schalter umgelegt und von „an“ zu „aus“ gestellt.

Unfähig, wie Gott ihn einst schuf, liegt demgemäß seine mit Trenchcoat und Jeans verzierte, dumme Hülle jetzt einfach nur noch so herum. Dabei wollte er doch nur nach Hause. Jetzt ist er endgültig ganz woanders. Dort, wo man weder tot, noch lebendig ist. Dort, wo niemand unbedingt hinreisen möchte, weil niemand weiß, wo genau es ist und wie es dort wohl sein mag. Für diese Zwischenwelt jenseits vom Diesseits (und andersherum) gibt es keinen Reiseführer und keine Erlebnisberichte. Und wie eine Opfer-Verhöhnung erscheint es, dass die Straßenlaterne kaum Licht in die Nacht bringt, aber gerade ihn noch ausreichend ausleuchtet. So, als solle einjeder ihn liegen sehen müssen. Ihn, den umgefallenen Tunichtgut.

Noch ist er auf eine undefinierbare Art und Weise anwesend, aber das alte „Aktion-Reaktion“-Spiel des Lebens funktioniert nicht mehr. Alles ist deaktiviert, ausgestöpselt, man könnte sogar sagen: sein Sein ist paralysiert. Die Granitplatte ist kalt, doch er kann sie nicht spüren. Der Wind weht sanft und freundlich über seine Glieder, doch er nimmt ihn nicht wahr. Eine schwangere Katze tappst unsicher über seinen runden Bauch und er würde sie gewiss gerne begrüßen oder streicheln, füttern oder verjagen, ärgern oder wenigstens ignorieren, doch er kann nur noch: nichts. Und mit Nichts lässt sich die Katze natürlich nicht beeindrucken. Sie missbraucht ihn kurz als Brücke, dann ist er reichlich uninteressant geworden. Sie läuft auf die andere Straßenseite, legt sich neben eine Mülltonne und drückt der Erde drei neue Katzenkinder aus sich heraus. Sie jauchzen und stolpern und kneifen sich ihre kleinen Augen zu, fast, als wäre es im Katzeninnern schöner als auf diesem Planeten. Süß, würde er denken, wenn er denn noch denken könnte.

Es beginnt zu regnen. Sein Trenchcoat verteidigt tapfer nur die ersten paar Regentropfen, immer mehr Wasser verteilt sich in sympathischer, aber gemeiner Willkür auf seinem Körper. Er wird weich. Er wird zu einem nassen, ungewollten Klumpen Fleisch. Die Ameisen verkriechen sich in ihre kleinen, feinen Löcher. Und er kauert begossen am Tellerrand der Gesellschaft; bloß darauf wartend, dass sich Ratten und Fruchtfliegen häppchenweise durch ihn durch futtern. Tagelang könnte er als Mahlzeit dienen, immerhin, es winkt ihm eine so wohl nicht gewünschte Zukunft als quasi ewiges Gericht. Der Weg dorthin wird ihm bereits bereitet. Er verwest jede Sekunde ein kleines Bisschen mehr, hilflos und wie im Koma. Sekunden, Minuten, Stunden vergehen. Der Lauf der Dinge schreitet unaufhaltsam und dennoch langsam voran, so wie eine junge Schildkröte, die die Welt umrunden will. Trottend, aber beständig.

Schließlich taucht die Sonne am Horizont auf. Der computergesteuerte Zehnstunden-Leucht-Rhythmus schaltet die Lampe der Straßenlaterne ab. Sonnenlicht reicht, Anzeichen von Leben verdichten sich. Die ersten Autos fahren vorbei, viele noch mit angeschalteten Scheinwerfern. Und die Frühaufsteher hocken hinter ihren Lenkrädern und fahren zur Arbeit, zum just im Motel betrogenen Ehepartner oder sonst irgendwohin, wo man hin muss oder kann oder will. Aber immerhin, Menschen. Ist das seine Rettung? Nein, das Schicksal serviert Pustekuchen. Geholfen wird ihm nicht. Niemand hält an und sieht nach. Vielleicht denken die Leute, das sei Kunst, das müsse so. Vielleicht denken die Leute, er würde schlafen und das wäre nun mal sein Lieblingsschlafplatz. Vielleicht denken die Leute aber auch generell noch nichts Kluges zu dieser Uhrzeit und die ersten, zaghaften Gedanken des so jungen Tages schweifen nicht bis an den Bordstein ab.

Irgendein Vogel irgendeiner Vogelart springt irgendeinen Baum irgendeiner Baumart hinunter und pickt dem Bewusstlosen auf der Stirn herum. Auf selbiger hat sich über Nacht ein kleiner, blauer Fleck gebildet. Und plötzlich scheint das Leben zurück in seinen Körper zu gelangen, er bewegt langsam seine Arme und der Vogel fliegt in Angst vor einer Bedrohung davon. Mit Mühe schafft er, sich aufzurichten und der erste Gedanke, der ihm nach dieser nassen, langen, ungemütlichen Nacht kommt, ist: „Gute Güte, nie wieder Alkohol.“, woraufhin er sich kurz schüttelt und irgendwo einen Kaffee trinken geht.