Hannover / Freitag « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Hannover / Freitag

„So, wer will jetzt noch tanzen gehen? Disco, Disco!“

Ich sitze als Gast in einer Hannoveraner Wohngemeinschaft, in welcher ich auch zu nächtigen gedenke. Anwesend sind zwei Damen, zwei Herren und ich. An der Wand hängt ein Che Guevara-Poster – sehr einfallsreich – auf dem Boden liegen leere Weinflaschen und in der Luft streiten sich Haschisch und Hund um die Geruchs-Hoheit. Gefühlte sieben Stunden lang haben wir über Nichtigkeiten, Unfug und deutsche Musik diskutiert. Und jetzt sind vier Fünftel der Gesellschaft bereit für „Disco, Disco“. Ich nicht. So hocke ich als Opposition auf dem Boden der stinkenden Tatsachen. Hm, was ist denn da los? Ob ich müde sei, werde ich gefragt. Ja, auch. Und füge hinzu, dass ich eher so der Kneipentyp sei. Es reiche mir, mich in einer Pinte neben einen Rentner zu setzen und mir aus seinem Leben erzählen zu lassen.

Da wäre dann beispielsweise ein hannoveranischer Heinz, der sagen würde: „Früher, als ich noch jung war, da gab es noch keine Telefone, die klüger waren als ihre Besitzer!“ und ich würde darauf sagen: „Ja, früher, als ich jung war, da gab es nur 150 Pokémon!“. So kämen wir ins Gespräch und unter dem Strich hätte ich dann mehr gelernt als beim studentischen Dauerzappeln in der Disco. Doch diese Meinung vertrete ich hier exklusiv. Ohne, dass es jemand ausspricht, liegen die Begriffe „Langweiler“ und „Spielverderber“ auf ihren Zungen; der stinkende Hund tappst in einen Aschenbecher. Die Stimmung rauscht endgültig in den Keller. Da könne man sich ja gleich einen Kasten billiges Bier kaufen und sich neben die Penner in der Fußgängerzone setzen, merkt einer an.

Was ich zunächst für eine gute Idee halte. Leider entpuppt sich dieser sehr gute Vorschlag rasch als launige Anmerkung, deren einziger ernster Sinn es ist, mich nonchalant einen „Langweiler“ oder „Spielverderber“ zu nennen.

Schade, dann eben „Disco, Disco“.

Auf dem Weg hin zum heute so nicht mehr genannten Tanzlokal müssen wir am Goetheplatz vorbei. Goethe, kennt man vielleicht. Ebenfalls bekannt: die Laune der Ladenbesitzer, ihre Buden nach ihrem Standort zu benennen. Apotheke am Theaterplatz, Theater am Apothekenplatz oder so. Aber was ich hier so zu lesen bekomme, lässt mich an vielen, vielen Dingen zweifeln. „Goethe-Kiosk“, „Goethe-Imbiss“, „Goethe-Sushi“, „Goethe-Casino“ und „Goethe-Shisha-Bar“. Sag mal, Hannover, geht es dir gut? – Ich glaube nein. Aber wer mich zu kennen glaubt, weiß, dass ich derart kuriose Situationen gerne zur eigenen Belustigung nutze. Ein Bier von Goethe, das hätte Stil, denke ich mir. Also weise ich die Gesellen und Gesellinnen darauf hin, dass ich gedenke, einen Zwischenhalt einzulegen: „Haaalt, stop! Jetzt kaufe ich!“, sage ich, erwerbe mir ein Goethe-Bier und es schmeckt.

Ich habe mein Getränk erst zur Hälfte wegkonsumiert, da erreichen wir auch schon das laute Etwas namens Disco. An der Wand noch ein Plakat einer vergangenen Ü50-Party: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich biegen“. Schnell fühle ich mich unwohl und unpassend, aber auch überrascht. Das hier ist nicht die Höhle des Löwen, sondern der Keller der Schlümpfe. Alle sind blau, DJ Gargamel hält sie mit seinen massentauglichen Klischee-Rocksongs gefangen und alle sind auf der Suche nach ihrer ganz persönlichen Schlumpfine. Und ich schlumpfe mich als müder, deplatzierter Brillenschlumpf durch das tanzende Studentenknäul. Dicke und dünne Beine reiben sich unfreiwillig an mir, ich erkämpfe einen Platz auf einem Barhocker. Zweifelnd und unfreiwillig unterhalten blicke ich auf die Tanzfläche. Eine Dame trägt ein grünes Kleid mit weißen Punkten – und dennoch hat sie gute Laune. Wo bin ich hier? Zappelnde Hilfigerhemden und -hosen, schmierig eingegeelte Haare unregelmäßig hoch und runter springende Brüste (na gut, das ist okay!“ und fuchtelnde Handbewegungen, für die sich jeder Puppenspieler der Welt schämen würde. Die glitzernde Discokugel dient als Sonnenersatz; hier strahlt heute kein Planet, sondern all die jungen Leute, wenn DJ Gargamel einen alten Hit von Britney Spears spielt. Ja, Britney Spears, so stark wurde dank Alkohol die Schmerzensgrenze schon verschoben. Ich erinnere mich wieder an Goethe, der einst sagte: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten“. Stimmt. Dann läuft „Eternal Flame“ und die Klischee-Pärchen schmusen wild, die Singles gehen auf Klo; machen Pipi und Aa. Gute Güte, was ist hier los.

Ein Studentenhonk fliegt vorbei. Er fragt mich, was ich denn studieren würde. Ich antworte: „Euch.“ Ist ihm zu subtil, er fliegt davon. Zurecht verachte ich ihn ein wenig.

Es ist vier Uhr in der Nacht, die coolen Leute trinken Club Mate und andere, hippe Getränke. Überhaupt, diese ganzen blöden, hippen Gestalten sind hier versammelt. Diese Hipster, die sich ihre Lieblingsfernsehserie auf DVD kaufen, um sie sich dann auf Videokassetten zu überspielen, weil das „true“ ist. „Pff, Hippies!“ denke ich und denke an ein Zitat eines Leander Haußmann-Films: Ich bin viel zu alt für mein Alter. Oder zu unstudentisch für Studentenfeten. „Disco, Disco“ ist nicht meine Welt und wenn ich mich ihr doch hingebe, bin ich das fünfte Reifen am Bobbycar und der ungewollte, letzte Schluck am traurigen Boden einer Bierflasche. Das merkt dann auch einer meiner Begleitpersonen. Ich werde nach draußen gezerrt und mir wird mitgeteilt, dass man diesen Laden hier auch verlassen könne.

Fast tröstend wird mir versprochen: „Das nächste Mal , wenn du in Hannover bist, können wir auch in eine Kneipe gehen!“. Und ich sage so laut „Ja!“ wie man das zu dieser Uhrzeit noch sagen kann. Doch dann füge ich hinzu: „Aber ich gehe jetzt nochmal rein.“ und mein Gegenüber fragt mich, wieso ich das denn vor hätte. Um zu studieren, sage ich. Um zu studieren.