FWT 2011 « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

FWT 2011

(Hinweis für sehr junge Menschen, Fernsehverweigerer und andere Leser: es ist für die Lektüre dieses Textes sinnvoll, von der Existenz der Serie „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ zu wissen.)

Ein Fernsehrelikt aus der guten, alten Zeit
war eingenickt und hat nicht mitgekriegt,
dass es ein paar Jahre übersprungen hat.
Und da liegt es nun, im Dunkel der Stadt.
Obacht, es erwacht.

Schuhu, schuhu.
Guten Morgen und guten Tach.
Ich bin das Fliewatüüt.
Ich kann fliegen wie ein Zeppelin,
schwimmen wie ein morsches Stück Holz
und Autofahren wie, öhm: ein Auto.
Falls Sie mich bis eben noch nicht kannten,
möchte ich Ihnen dennoch hiermit das „Du“ anbieten.
Bitte sehr.

Und nun zu mir.
Ich komme aus der Vergangenheit.
Ich weiß nicht so genau, wie ich hergekommen bin.
Da war so ein helles, grelles Licht
und dann
Huiuiui, huiuiui, huiuiuiui!

Es wundert sich, es sieht sich um,
es sieht sich um den Verstand gebracht.
Unser armes Fliwatüüt,
so sehr es sich auch müht,
weiß nicht, was ihm blüht.
Es guckt und schluckt und denkt:

Alles ist so anders hier.
Riesige Automobile, große, alberne Häuser und ich wüsste auch nicht,
wo ich hier mir hier mit meiner scheckkartengroßen Telefonkarte telefonieren könnt.
Und viel wichtiger:
Wo sind die ganzen Kaugummiautomaten hin?
Mir steht der Sinn nach einem Himbeer-Kaubonbon für fünf Pfennig!
Jawohl.
Die extreme Lage lässt mich sogar daran denken,
zehn Pfennig für so etwas auszugeben.
Denn ich finde, dass Himbeer-Kaubonbons sehr, sehr lecker sind.
Die Himbeere ist schließlich das aller-, allerknorkeste bzw. am Knorkesten seidende Gemüse im ganzen Gebiet.
Ich schwöre auf meine tollen Flügel.

Aber, ich sagte es bereits einmal, alles ist ja so anders hier.
Wunderei, wunderei.

In der von ihm bewohnten Zeit
war die Welt noch schnell erklärt,
Jungen trugen Hosen, Mädchen ein Kleid,
und es war der Mann, der Auto fährt.
Beziehungsweise fuhr. Mist. Egal. Weiter.

Owei, owei, was ist denn das.
Ich höre Stimmen in meinem Kopf.
Da reimt jemand.
Reime sind böse.
Robbi, Tobbi und ich, wir kamen damals auch ohne welche aus.
Wir sind doch nicht Goethe hier.
Ich will jetzt Himbeere, bitte.
Ohne Himbeeren geht es mir schlecht.
Total unknorke, wie man bei uns im Westen zu sagen pflegt.
Es schmerzt.
Es schmerzt.
Auuuuaaa, uuuuuahhhh, uauuuuahhhhuuuuahhhh.
Au.

Dem Fliwatüüt ergeht es schlecht,
es kommt 2011 nicht mehr zurecht,
es vermisst die Dinge, die damals gut waren,
und die große Menge, die ihm beim Fliegen zusah,
die ist heute erwachsen und reif und alt. Zu Alt?
Früher konnte man faxen,
heute macht man das per Mail,
man hörte die Nachtigall noch trapsen,
heute isses dafür zu schnell. Zu schnell!
Wir eilen und beeilen, doch verweilen nicht,
schnellerhöherweiter ist das Credo der Masse,
statt Klasse im Fernsehen ein Fatzke weise spricht:

Früher, da war alles besser.

Aber nein, Kollege, du täuscht dich kolossal,
Dinge so zu pauschalisieren ist tierisch trivial,
es war nicht besser, aber auch nicht schlechter,
es war einfach nur anders und vor allem nicht gerechter.

Ich könnte jetzt tausend kluge Beispiele nennen,
doch du, liebes Fliwatüüt, musst schon selbst erkennen,
dass die Welt sich immer drehen wird und wenn
dir nicht schwindelig werden soll,
dann musst du dich eben mitdrehen.
Sonst bist du von gestern.
Das willst du nicht.
In zwanzig Jahren ist das Heute die gute, alte Zeit
und dann wird man zurückdenken:
an das iPhone, Mensch, was ist das doch für ein stupider, kleiner Kasten;
an Jörg Pilawa, herrje, was ist das nur für ein sympathischer Moderator;
an die FDP, ach ja, die gab es ja auch mal.
Geschichte wird nicht geschrieben, sie wird gemacht.
Von dir, von mir, von allen.
Du musst es nur zulassen.

Und weißt du was?
Es gibt die alten Folgen von „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ jetzt als restaurierte Neufassung für knapp achtzehn Euro auf DVD im Internet zu kaufen. Und was das mit dem Euro, DVD und diesem Internet auf sich hat, das erkläre ich dir vielleicht ein anderes Mal. Nur so viel: ohne ging es uns nicht besser. Aber anders.