Das Märchen von der zweifelhaften Begegnung des Waldschrates mit einem kleinen Mädchen « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Das Märchen von der zweifelhaften Begegnung des Waldschrates mit einem kleinen Mädchen

Es war einmal ein bärtiger Waldschrat, der saß im Wald auf einem Baumstamm und knabberte an ein paar Ästen. Er rief immerzu: „Ich bin Ästhet, ich bin Ästhet!“, denn sein Sinn für Wortspiele war mindestens so ausgeprägt wie andere Dinge, die sehr ausgeprägt sind. Die Tiere im Wald konnten seine Scherze jedoch weder schätzen, geschweige denn verstehen. Regelmäßig sprangen die Eichhörnchen hinfort, wenn der Waldschrat des Weges kam. Er war unbeliebt, ungepflegt, unbekleidet, aber immerhin auch äußerst unterhaltsam, wenn man denn mit schrulligen, stinkenden, nackten Gestalten mehr anfangen kann als nichts. Und nun begibt es sich, dass sich aus Gründen ein kleines Mädchen im Wald verlaufen hat. Sie trägt ein grünes Kleid mit weißen Kreisen drauf, dennoch hat sie gute Laune. Eine Kompass-Armbanduhr aus dem Yps-Magazin unterstützt ihren noch kindlichen Orientierungssinn. Zwischendurch wirft sie sich den Inhalt einiger Tüten Urzeitkrebse-Futter in den Hals, denn das ist, was außer den Urzeitkrebsen selbst kaum einer weiß, ziemlich schmackhaft. Es gibt übrigens Urzeitkrebse-Futter mit den Geschmacksrichtungen Pommes Schranke, Fanta und (für die Gourmets): Roastbeef. Was für unser Märchen zunächst irrelevant erscheinen mag, doch jede gute Geschichte erzählt auf dem Weg hin zum letzten Satz einige, winzige Details, welche dem Konsumenten unwichtig vorkommen, damit diese Dinge, wenn sie denn nochmal vorkommen, für einen „Aha, soso, achja-Moment“ sorgen. Wenn etwa Hauptkommissar Frank Thiel im Tatort Münster zu Beginn der Sendung einen Eierschneider in seiner linken Jackentasche versteckt, dann wird das im Laufe der Ermittlungen einmal Sinn ergeben.

Zurück zum Märchen. Überraschenderweise gelangt das kleine Mädchen nun an die Lichtung des ast-essenden Waldschrates. „Oh! Heda, Süße, komm doch mal rum!“, ruft der Waldschrat, um danach anzumerken, dass seine Definition von „süß“ im Zusammenhang mit Kindern eine juristisch Einwandfreie ist: „Keine Sorge, ich tue dir nichts, ich bin Astheist!“, das Mädchen denkt dann lustigerweise: „Gott sei Dank“ und trabt langsam hin zum freundlichen Nackedei. „Hallo, Waldtyp mit kleinem Pimmel“, sagt das Mädchen. „Guten Tach, Stadtmädchen mit dem potthässlichen Kleid“, sagt der Waldschrat, „Willkommen im Establishment!“. Schnell werden die zwei Freunde. Der Waldschrat vertraut dem Mädchen vertrauensvoll an, dass er etwas vermisst. „Ich sehne mich nach Kapitalismus und Bahnhöfen; komm, lass uns was spielen!“, schlägt er vor und holt eine Hosentaschen-Version von Monopoly aus dem Geäst. „Oh, die Sonderausgabe ‚Estland‘!“, freut sich das Mädchen. Und wie sie dann so spielen, wächst im Kopf des Mädchens eine Frage heran. „Du, wo wir hier gerade so spielen, da frage ich mich, ob du weißt, wo Goethe gewohnt hat. Meinst du, er hatte ein Haus auf der Goethestraße? Das wäre ja toll gewesen für ihn, ich meine, ein Haus in der Straße, die so heißt wie man selber, das wäre doch totale Spitzenklasse, voll cool und so!“. Der Waldschrat antwortet lässig: „Wir sitzen hier übrigens gerade in der Waldschrat-Allee“.

Das Mädchen ist begeistert, die Stunden vergehen wie im Flug. Als die Sonne dann schon längst untergegangen ist, fragt der Waldschrat: „Sag mal, hast du Hunger, kleine Freundin? Hier, da hast du einen Ast, guten Appetit“. Doch das Mädchen scheint wenig begeistert zu sein. „Magst du etwa kein Ast? Ich hätte auch noch Geäst, Stöcke, Rinde, Holz oder Baum vorrätig.“ Das Mädchen schüttelt ihren Kopf langsam von rechts nach links nach rechts nach links. Der Waldschrat hakt nach: „Was ist los? Fehlt dir das Besteck? Hier, da hast du eine Astgabel“. Zwei Eichhörnchen haben die Szenerie beobachtet, schütteln beschämt mit dem Kopf, hoppeln davon. Und das Mädchen schaut immer noch traurig auf den Boden. „Ja, tut mir leid, ich kann dir sonst nichts Leckeres anbieten“, entschuldigt sich der Waldschrat und würzt das Gespräch mit ein wenig Melancholie: „Ich hätte ja auch gerne mal wieder Stadtessen, so eine Portion Roastbeef auf der Zunge, was wäre das töfte!“. Und das, liebe Leser, ist nun euer ganz persönlicher „Aha, soso, achja-Moment“. Denn es folgt natürlich, dass das Mädchen fröhlich ein Tütchen Urzeitkrese-Futter mit Roastbeef-Geschmack hervor zieht. „Hurra! Juchee!“ rufen sie gemeinsam und strecken die Münder in die Luft, um sich den Tütcheninhalt möglichst zelebrierend in den Hals schütten zu können.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schütten sie noch heute.