Verpissen « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Verpissen

„Hömma, Monsieur, dat iss mein Pissoir, wo du deinen kleinen Kollegen da reinhältst! Tu ma ganz schnell gucken, dat du den da weghängst! Sonst zeig ich dir meine Rechte und meine Linke, da kannsu dir sicher sein, du Pimpf.“

Ich schaue verdutzt. Um dem Mann, der diese klugen Worte sprach, in die Augen zu sehen, muss ich meine Nase relativ weit oben heben. Seine Arme sind doppelt so dick wie meine und bei ihm sind es Muskeln, bei mir Fett. Zu meinem Glück muss ich nicht besonders dringend, so dass ich den Harndrang aufhalten und den Kerl ansprechen kann:

„Ist ja gut, ist ja gut. Ich gebe nach. So wie ich übrigens immer nachgebe, weil ich genau so klein bin wie ich aussehe.

Beispiel.

Wenn ich etwas lesen möchte, da aber nur Zeitungen sind, die mir wehleidig die Nachrichten von gestern aufwärmen, so wie ein Fertiggericht in der Mikrowelle fressfertig gedreht wird und ich lese diese blöde Blätter dann trotzdem, weil die um mich herum gegebene Langeweile nicht zu schätzen weiß und mich ablenken will von irgendetwas, was mich ja eigentlich doch nur peripher stört. Hinter der Süddeutschen steckt eben nicht immer ein kluger Kopf, manchmal versteckt man sich auch einfach hinter ihr. Und Nichtstun in der Straßenbahnfahren ist ein zu wenig respektiertes Privileg. Nun ja.

Weiteres Beispiel fürs Nachgeben.

Wenn ich etwas zu kritisieren haben möchte, da aber nur ein paar große Dinge sind, über die sich das Beschweren ernsthaft lohnen würde, dann nehme ich mir eben diese Großbaustellen vor und sage ‚Gesellschaft, pff, doof‘ oder ‚Politiker, hm, korrupt‘ oder ‚Medienlandschaft, joa, verseucht‘ und komme gar nicht erst in die verwegene Gelegenheit, da mal konstruktiv im Detail drüber nachzudenken, weil ich Kopfschmerzen als Konsequenzen fürchte. So bleibt alles wie vorher, niemandem ist geholfen, erst recht nicht mir. Aber wenigstens konnte ich motzen. Dem kann ich nicht nachgeben, weil ich schwach bin.

Und noch ein Beispiel dafür.

Wenn ich etwas zu essen haben möchte, da aber nur ein McDonald’s ist, wo ich dann Kühe, Kartoffeln und Cola konsumiere und mir nachher denke: Meine Güte, Jung, wo ist dein Idealismus geblieben? Wolltest du nicht die Welt verbessern und wenn du das nicht hinkriegen würdest, wenigstens du selbst sein? Und dann kommt man ungewollt in diese unschöne Phase, in der man sich fragt, wer dieses ‚Ich‘ überhaupt ist, sein will und sein kann. Manch einer liest dann ein Buch von Richard David Precht, die Bibel oder zumindest jemand Anderem die Leviten, damit man sich beweisen kann, dass immerhin der Körper verdammt stark ist. Genau wie du jetzt.

Doch so das Leben als oberflächliche Phrase zu definieren lässt wenig Spielraum für eigene Interpretationen, denn etwas derart Komplexes wie unser verdammtes Leben herunterzubrechen auf derart simple Formeln ist eine ziemliche Milchmädchenrechnung.“

Mein pinkelndes Gegenüber sieht mich an, als spräche ich serbokroatisch. Hat mich wohl nicht verstanden. Vielleicht ist er betrunken. Ich gebe ihm noch eine Chance.

„Okay, okay, lass es mich anders ausdrücken: wer boxen tun will, weil der andere so total böse ist und so und halt mal voll das Falsche macht, dann darf man nicht den Fehler machen und auch so voll das Falsche tun und den dann boxen, weil boxen dann auch total dumm ist und wir müssen viel mehr schmusen und uns gegenseitig in der Suche nach einer besseren Gesellschaft unterstützen und dann kann man sich auch mal Fragen stellen, zum Beispiel: Welche Kinder haben deine Hose genäht und leben diese Menschen überhaupt noch? Wer hat den Klostein da drüben hergestellt? In welchem Land der Erde findet man Fliesen wie die die um uns herum überhaupt noch modern und überhaupt und überhaupt und überhaupt. Gedanken machen ist das Zauberwort, beziehungsweise sind die Zauberwörter, je nachdem, welche Rechtschreibreform man nun favorisieren möchte, ist ja auch völlig egal, ich glaube, ich verhasple mich total, was ich eigentlich von Anfang an nur sagen wollte: Hau mich nicht auf die Fresse, ich will nur Pipi machen.“

Der Typ zieht sich den Reißverschluss seines Hosenstalls zu und sagt:

„Hömma, ich hab zwar nur zwei, drei Sätze verstanden, aber du hast da schon ganz schön schlaue Sachen gesagt, zwischendurch. Das mit dem Leben und so, hier das mit McDonald’s, das stimmt, ich ess‘ da auch manchmal. Na ja, du biss schon nen ganz feiner Kerl. Kannst hier pissen, wenne wills. Machet jut!“

Dann zieht er die Spülung seines Lieblingspissoirs und geht.


1 Antwort auf “Verpissen”


  1. 1 Anonymous 25. September 2011 um 21:27 Uhr

    Wenn schon, dann steckt (nicht) hinter jeder FAZ ein kluger Kopf. ;-)

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