Im Kiosk « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Im Kiosk

Es gibt viele Arten, sich zu begrüßen. Manch einer sagt „Hallihallöchen“, andere sagen „Heidiho“, wieder andere heben einfach nur wortlos die Hand. Und Britta sagt „Tach Matze, einmal wie immer“, wenn sie ihren Stammkiosk an der Höflerstraße betritt. Britta hat über ihren Körper ein Zelt aus Baumwolle gespannt, ihre Haare fliegen durch die Luft als wären die Wolken magnetisch. An ihren Füßen kleben zwei pappige Gesundheitsschuhe, die nicht mehr so aussehen, als könnten sie ihrem Namen noch gerecht werden. Sie macht sich keine Gedanken darüber, wie sie das Haus verlässt und das sieht man ihr auch ganz gut an. „Hallihallöchen Britta“, sagt Kioskkoryphäe Matze und greift zielsicher ins Regal hinter sich. Er legt eine Packung blaue Pall Mall und eine BILD-Zeitung auf den Tisch. So wie immer eben. Aber pardauz, plötzlich interveniert Britta: „Nein, heute mal die roten, also die starken, bitte. Als Bigpack.“

Matze kratzt sich verwundert den Kopf, ein paar Schuppen rieseln herunter.

„Wieso das? Bist du krank? Ist jemand gestorben?“
„Guck mal da in die Zeitung.“
„Ja, hm, die FDP rutscht bundesweit unter die magische 1%-Hürde und die frivole Frohnatur Fiona hat schöne…hm…mhh…“
„Nein, nein, guck dir die Lottozahlen an!“
„Schau mal, Fiona steht auf erfolgreiche Geschäftsmänner mit Humor. Erfolgreich ist mein zweiter Vorname und ich kenne ein paar Witze, ich bin doch lustig, oder?“
„Äh, jetzt guck doch mal, Lotto, da unten steht’s doch!“
„Wie wäre es mit dem hier? Was ist gelb und trinkt viel Bier?“
„Homer Simpson?“
„Nein, eine Barnane! Haha! Der wird Fiona gefallen! Hahahaha!“

Matze röchelt vor Lachen, Britta nästelt an ihrem Baumwolle-Zelt herum. Sieh mal einer an, da war irgendwo eine Tasche eingenäht, erstaunlich. Sie zieht einen Lottoschein hervor. „Da! Vier Richtige! Ich bin reich, ich bin reich!“. Sie dreht vor Freude tanzend ein paar Kreise auf dem Kioskboden. „Und jetzt habe ich Hunger! Matze, tu mir mal ein Raider!“ und weil Matze sich inzwischen wieder beruhigt hat, kann er auch antworten.

„Raider heißt nicht mehr Raider.“
„Dann eben ein Twix!“
„Twix heißt nicht mehr Twix, Twix heißt jetzt ‚Pausenduo‘.“
„Dann eben ein Pausenduo!“
„Zum hier essen oder mitnehmen?“
„Sehr witzig!“
„Sag ich doch!“

Britta nimmt sich ein Raiderpausenduotwix, packt es aus, legt sich einen Riegel auf den Tisch und verlangt nach Messer und Gabel, weil man das in ihren neuen Kreisen eben so handhabt mit dem Essensverzehr. Stichwort Manieren. Beiläufig reicht Matze ihr das, was sie verlangt. Dann widmet er sich wieder dem Seite 1-Mädchen der BILD. Britta mampft, Matze gafft. Der gemütlichste Kiosk der Welt. Im Radio singt Jürgen Marcus ein Lied, von dem er wohl selbst nicht mehr weiß, dass er es mal gesungen hat.

„Reiche mir nun die Zigaretten, Matze! Ich verschwinde!“

Matze antwortet nicht, er zeigt nur mit dem Finger auf den Tisch, wo besagte Zigarettenschachtel liegt. An seinem Ohr sein Handy: er will die BILD-Redaktion anrufen, um zu erfragen, wo Fiona wohnt. Britta nimmt davon keine Notiz, sie geht zur Kiosktüre und ist im Begriff, sich zu verabschieden. Und es gibt viele Arten, sich zu verabschieden. Manch einer sagt „Tschüssikowski!“, andere sagen „Adieu mit ö!“, wieder andere heben einfach nur wortlos die Hand. Und Britta sagt: „Tschüss Matze, ich kaufe mir jetzt eine Yacht!“.