Irre Alte « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Irre Alte

Ein Tattergreis schwingt
seinen Gehstock durch die Luft.
Er wäre gern ein Hubschrauber.
Wer will ihm das verübeln!
Niemand will das.

Ein Großmütterchen strickt
seit zwanzig Jahren einen Schal.
Sie wird niemals fertig werden.
Wer will ihr das verübeln!
Niemand will das.

Es herrscht Ruhe.

Alle machen ihr Ding.
Alle dürfen sie selbst sein.
Und niemand muss.

Alle können.
Alle könnten.
Theoretisch.

Keiner will mehr sein.
Keiner will mehr sein.
Praktisch.

Alltagstrott
ohne Trotzdem,
ohne Aber,
ohne Wenn,
ohne Antrieb.

Zu alt, zu irre,
zu spät, zu spät,
zu kalt, zu kirre,
zu spät, viel zu spät.

Endstation Rentnerpsychiatrie.

Hier nun
kollektiv durchdrehen
ohne aufzufallen.

Hier nun
Irrenstatus einsehen
ohne entgegensetzen.

Hier nun
auf den Tod warten.

Wo bleibt er denn,
der verdammte Sensemann;
wer kann denn da noch
wichtiger sein und
dringender sein und
ehrlicher auf das
allerletzte irdische Urteil warten.
Niemand kann das.

Bernd spielt
statt ‚Bunga, Bunga‘
nur noch ‚Bingo, Bingo‘.

Walter war Opernsänger,
er kannte die Texte aller Schlager,
von Willi Fritsch bis Zarah Leander.
Heute hat er Alzheimer
und vergisst regelmäßig
seinen berühmten Namen.

Hilde fängt statt Männern
nun nur noch Fliegen,
mit dem Wasserglas,
und schaut den Tieren
tagelang
beim Sterben zu.

Sie wartet,
und wartet,
und wartet,
und wartet,
bis die Viecher
nach ihrem letzten Riecher
eingefangen und hilflos,
ihr Leben los sind.

Täglich beneidet sie die Fliegen.
Wer will ihr das verübeln!
Niemand will das,
in der Endstation Rentnerpsychiatrie.