Aus die Maus « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Aus die Maus

Olga spielt mit den Puscheln auf ihren Brustwarzen. Um ihren Bauchnabel herum trägt sie ein Tattoo mit irgendeinem Scheiß auf Chinesisch. Joe Cocker krächzt: „you can leave your hat on“. Das Licht flackert wild, die Drinks sind lausig zusammengepanscht, Olga zeigt einen Spagat an der Stange. Vor mir jubeln vier dicke, mittelalte Herrschaften und wedeln mit Monopolygeld. Ihre Penisse drücken sich durch die engen Cordhosen wie ungeladene Pistolen. Es ist der blanke Hohn. Und ich bin mittendrin.

Aber ich kann es erklären. Es gibt drei Dinge, die jedes Menschenleben treu begleiten: schlechte Nachrichten, Drogen und Sex. An allen drei Dingen geht man zwangsläufig zugrunde. Es ist immer die gleiche, verdammte Routine: man liest in der Zeitung von tausend gestrichenen Arbeitsplätzen, trifft sich in Bars mit Betroffenen und am Ende des Tages will man ficken. Das Problem ist dann, dass das ziemlich viele wollen. So viele, dass am Ende der Nacht nie genug Vaginas für alle da sind. Probleme, Probleme überall; vielleicht sollte man sich das Lesen abgewöhnen, damit beginnt das ganze Elend nämlich meistens. Heute Nachmittag las ich in der Zeitung von einem Großbrand in der örtlichen Krawattenfabrik, bei der drei Arbeiter starben und nun macht der Betrieb wahrscheinlich dicht. Ich ging rüber zu Pete in die Pinte, ließ mir sieben große Bier auf meinen Deckel schreiben, schließlich landete ich hier. Es wäre wohl auch ohne Zeitung so gekommen, aber Scheiße, man muss doch irgendwo einen Auslöser für all diesen Rotz suchen. Das Lesen muss aufhören, wenn man sich schon vom Leben nicht trennen kann.

Wieso eigentlich nicht? Alle gehen einem auf den Sack, nur entleeren will ihn niemand. So landet man immer wieder in einer dieser düsteren Wichsfabriken und lässt sich bescheißen von der Lust, vom nackten Fleisch und die Tänzerinnen haben nicht nur uns, sondern auch unser Geld in der Tasche. Und das geht so: im Eingangsbereich wacht ein Zweimeterturm, der einem fünfzig Euro abknüpft und einem dann besagte fünfzig Euro in Spielgeld wiedergibt. Dieses darf man sich dann über den gesamten Aufenthalt aufteilen und den Tanztanten bei besonders geilen Kunststücken zustecken. Getränke kosten extra. Ein gutes, weil einfaches System. Ich habe noch keinen einzigen Spieldollar ausgegeben. Muss man ja auch nicht. Einzig die Tänzerinnen haben etwas davon, da sie für jeden erstrippten Schein Extraknete bekommen, vermute ich. Ich habe nicht vor, heute auch nur einen einzigen Spieldollar auszugeben. Denn ich stelle mir vor, wie Olga und ihre Kolleginnen später hinter der Bühne tuscheln und sich gegenseitig erzählen, welcher Versager ihnen wie viel und wofür gegeben hat. Ich möchte nicht Teil dieser Gespräche sein. So viel Restwürde möchte ich mir dann doch bewahren.

Doch Obacht, uns wird nun das große Finale präsentiert: Schichtarbeiterin Olga zeigt uns ihren erfahrenen Po. Ich nehme es hin. Zwei Backen, zwei Löcher – so sehen die doch alle aus. Allmählich stumpfe ich ab, eine Erektion habe ich trotzdem. Das Quartett vor meiner Nase ist da doch deutlich begeisterungsfähiger. Man klatscht sich lachend und feiernd gegenseitig ab. Obwohl jeder von ihnen ganz gern allein hier wäre. Allein mit Olga, allein mit Olgas Po, allein und reich. Stattdessen tanzen diese Affen hier nun herum wie vier Kirchenmäuse vor einer Mausefalle. Sie fallen alle darauf rein. Wir fallen alle darauf rein. Alle fallen darauf rein. Zusch, die Lichter gehen aus, Olga verpisst sich und lässt uns mit unseren dicken Schwänzen allein. Die Show ist für heute beendet. Morgen gibt es die gleiche Vorstellung nochmal, ich freue mich nicht darauf. Trinke noch ein Bier, dann marschiere ich hinaus; zurück in die echte Welt, die auch nicht viel besser ist. Wenigstens weiß man da drinnen noch, dass man von vorne bis hinten über den Tisch gezogen wird. Hier draußen sieht das ganz anders aus.

Tierisch aufgegeilt und benommen taumle ich durch die Nacht, erfreue mich an meinem giftigem Atem. Ich bin widerlich, ich bin am Ende, ich bin ich. Es ist alles wie immer. Die Straßenlaternen flackern, spenden nur in unregelmäßigen Abständen Licht, vollkommen willkürlich das Ganze. Da hat wohl auch noch jemand anders keinen Bock. Mit Mühe erkenne ich, wie mir auf der anderen Straßenseite ein Grummeln entgegengeworfen wird. Ein anderer Irrer mit Weihnachtsmannbart und Trenchcoat kommt mir entgegen. Er scheint auch nicht viel besser dran als ich. Mit letzter Kraft jault er mich an wie ein halbtoter Hund:

„He, Kumpel! Haste schon gehört? ‚Krawatten Kempkes‘ macht zu! Die machen alles dicht! Platt! Pleite!“
„Scheiße, was meinst du, wieso ich hier so verkommen und gequollen rumspaziere? Der Teufel schlägt täglich zu und immer erwischt es mich!“
„Nein, nein, mein Junge, es erwischt nicht nur dich, nicht nur mich, sondern uns alle! Und Jesus lässt sich nicht blicken! Wenn ich den Kerl zu packen bekomme, poliere ich ihm die Fresse!“
„Gib ihm eine von mir mit!“
„Mach ich, Kumpel, mach ich! Du bist echt ein feiner Kerl! Pass mal auf.“ Er zeigt auf ein Tanzlokal, in dem immer nur die Schwarzen zu ihren ganzen verrückten Jazzsongs tanzen. „Geh mal da drüben rein, da findest du noch Abhilfe für das kleine Problem in deiner Hose! Die ganzen Neger ficken nämlich nur noch die weißen Mösen. Irgendeine Negerbraut kriegste da mit Sicherheit! Viel Glück.“

Dann torkelt mein Freund ziellos davon. Ich stecke mir eine Zigarette an und sehe mir den Laden mal von außen an. Das Schild ist in einem bemitleidenswerten Zustand, man kann nicht man den Namen lesen. Vor dem Kellereingang liegen drei Ladungen Kotze. Gefällt mir, da ist noch Leben drin. Ist einen Versuch wert. Mit der Kippe an der Lippe steige ich die Treppe hinab, die Saxophone erklingen immer lauter. Auf der Tanzfläche ist fast nichts mehr los, ein paar schwarze Männlein und Weiblein hängen herum. Es dauert nur wenige Sekunden, da reibt sich auch schon eine runde Schwarze an mir. Sie zeigt, was sie hat und was sie kann. Und das ist einiges. Olga ist ein Fliegenfurz dagegen. Ich genieße und wiege mich im Jazz. Als sie sich eine kurze Pause gönnt und an ihren Haaren herumfummelt, stecke ich ihr zwanzig Spieldollar in den üppigen Ausschnitt. Sie lacht, zerrt mich die Treppe hinauf nach draußen. Ein paar Kerle pfeifen uns hinterher. Sie wird mich jetzt wohl mit zu ihr nach Hause nehmen.

Falls sie eins hat.