Eine lebensbejahende Geschichte, in der prinzipiell nichts passiert « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Eine lebensbejahende Geschichte, in der prinzipiell nichts passiert

Mark greift nach einem alten T-Shirt, um sich den Schweiß von der Stirn zu streifen. Eine Mücke landet rückwärts auf seinen Rücken und macht Rast. Da, auf deinem Rücken, Mark, auf dem Rücken, Mark, eine Mücke! Mark! Es ist ihm egal. An diesem freien Sommersonntag sitzt er unbekleidet auf seinem Ledersofa und lässt sich durchs Nichts aus der Ruhe bringen. Mark, vierundvierzigjährig wie er nun einmal ist, hat kaum noch Haare und einen dicken Bauch. Sonst gibt es nicht viel zu beschreiben, soweit ich das in meiner Rolle des allwissenden Erzählers von meiner Warte aus erspähen kann. Der Fernseher ist ausgeschaltet, die Nadel des Plattenspielers steht arbeitslos in der Luft herum und Mark hat auch keine Frau, die ihm Gesprächsanreize oder wenigstens ein kühles Bier bringen könnte. Wir wissen also nun bereits, was Mark nicht tut, nicht einschaltet und nicht besitzt. Doch was gibt es sonst noch zu entdecken in seiner Wohnung? Hm, mal sehen. Da sind noch vier Wände um ihn herum, Luft sowieso, auch sonst so wie so oft nur das Übliche. Teppich, Stuhl, Decke, Tisch, Tischdecke und liebevoll, aber schlampig mit kümmerlichen Herzchen bestickte Stuhlkissen. Schauen wir uns das Sammelsurium auf seinem Tisch genauer an. Kerzen, Gläser, Schimmelkäse, Schimmelkäsehobel, Silberlöffel, Silbergabeln, Silbermesser, Silbermarmorkuchengabel, Silberschimmelkäsepiekser – oder kurz: Silberbesteck für jeden Anlass – zudem Ordner, Servietten, Serviettenspender, Serviettenzusammenhaltnadel – oder kurz: Serviettenallerlei. Alles, was man braucht, brauchte oder mal brauchen könnte. Marks Tisch ist sehr gut, eine glatte eins.

Kommen wir zum Sims. Auf besagtem Sims liegen eine gesäßfreundliche Thrombosehose, eine vertrocknete Rose, eine knotenlose Wollknäuelsoße, eine leblose Sammelfigur von Miro Klose in Jubelpose, die ein oder andere Modechose, eine Brotdose und ein Ziegelstein. Oder, um auch diese Aufzählung kurz zusammenzufassen: auf Marks Sims ist ordentlich was los. Außerdem erblicke ich dort noch eine Fernbedienung für das Fernsehgerät, also sozusagen ein Fernseherfernsteuerungsgerät. Auf der Taste namens 1 ist die ARD, auf der 2 das ZDF und weil Mark ein arg lustiger Schelm ist, lässt sich bei ihm auf der 3 „Das Vierte“ finden. Auf dem Boden sehe ich ein Katzenklo samt Katzenstreu für den nicht unmöglichen Fall, dass Mark eine Katze zuläuft. Einen Namen für die Katze hätte Mark auch schon: Bello. Wie gesagt, Mark hat einen ausgezeichneten Sinn für Humor, für welchen er auch überregional sehr geschätzt wird. Aber weiter im Text. Da sind noch Gitarre, Steckdosenleiste, Stehlampe, Bromeliengewächs samt dazugehörigem Pflanzentopf mit dazu dazugehöriger Erde drin, Regale, Regalfüllmaterial, also Bücher und CDs und DVDs und Videokassetten und unschöne Mitbringsel aus dem letzten Urlaub, und dann sind da Gardinen am Fenster und ja, das Fenster ist natürlich auch noch da, das hatte ich in meiner Aufzählung vergessen.

Und dann ist da eben noch dieses verdammte Sofa, welches Mark im doppelten Sinne besitzt. Er ist alleine, aber nicht einsam. Er trägt keine Unterhose, fühlt sich aber nicht nackt. Er hat nichts zu tun. Aber ihm ist nicht langweilig. Er schaut sich um. Wundert sich über den ganzen Plunder um ihn herum. Wie er zu dem ganzen Zeug gekommen ist, weiß er zum Teil nicht mehr. Wann er für den Schimmelkäsehobel noch einmal Verwendung hat, weiß er auch nicht. Er weiß eigentlich ziemlich wenig. Das stört ihn nicht. Draußen plärren ein paar Kinder herum, weil ihr Plastikball scheinbar unwiederbringlich unter einen PKW gerollt ist. Das stört ihn nicht. Er besitzt keinen Ventilator und der Schweiß verwandelt seinen Körper in eine Wildwasserbahn für Kleinstbakterien. Stört ihn nicht. Doch: Oh! Mark! Da! Oh! Mark! Da! Oh! Da! Mark! Guck! Die Mücke verlässt seinen Rücken, fliegt noch ein bisschen wirr und irr durch die Gegend, bis sie endlich den Fensterspalt erreicht und an der Miro Klose-Figur vorbei ins Freie fliegen kann. Wahnsinn, denkt sich Mark, da hat das Leben für die Mücke ja doch noch einen Funken Freude parat gehabt. Er freut sich und weiß: ein Sonntag, der einen solchen Gedanken entstehen lässt, kann schöner nicht sein.


3 Antworten auf “Eine lebensbejahende Geschichte, in der prinzipiell nichts passiert”


  1. 1 Kaffeepads 23. August 2011 um 15:28 Uhr

    Ich habe/hatte „Freunde“, die genau dasselbe Leben führen wie Mark – mit anfangs 20. Einfach nur ausgelaugt.

  2. 2 Webdesign 24. August 2011 um 11:58 Uhr

    So sieht ein tristiges Leben aus. Schade drum.

  3. 3 Blockhaus 03. September 2011 um 11:49 Uhr

    Korrekt, ein schöner Beitrag.

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