Die Beobachtung « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Die Beobachtung

Linus und Annette liegen im Stadtpark auf einer Wiese und schauen sich die Sterne an. Der Rasen ist ein wenig nass vom Regen des Nachmittags, ihre Rücken sind feucht. Linus ist nachlässig mit Hemd und Jeans bekleidet, Annette trägt ein rotes Kleidchen ohne was drunter. Minutenlang schweigen sie, bis Annette ihren linken Zeigefinger so nach oben streckt, dass ein 90°-Winkel entsteht.

„Da oben ist der große Wagen, dort ist der kleine Bär, dahinten siehst du die Luftpumpe“, sagt sie.
„Die Luftpumpe?“, fragt er.
„Ja, die Luftpumpe. Dahinten, neben der Wolke, die aussieht wie ein trächtiges Schaf. Nicolas Louis de Lacaille, ein französischer Astronom, hat sie irgendwann im 18. Jahrhundert entdeckt.“
„Verrückt. Woher weißt du das?“
„Ich war dabei.“

Linus geht nicht darauf ein. Er weiß, dass Annette so etwas nicht zum Spaß behauptet. Sie ist irre. Sie glaubt, damals wirklich dabei gewesen zu sein. Wahrscheinlich würde sie auf Nachfrage auch noch behaupten, 1785 mit dem Astrologie-Typen geschlafen zu haben. Sie hat einen tollen Körper und mit ihren zweiundzwanzig Jahren ist sie naturgemäß noch gut in Schuss. Ohne ihren wüsten Verstand hätte sie sicher was Besseres abbekommen als den arbeitslosen und unschönen Linus. Nun hängt sie an ihm wie Jesus am Kreuz: leidend, zu Unrecht und bis zum Tod. Pech gehabt. Aber, verdammt: eine Luftpumpe! Im Himmel! Das ist nicht mehr kurios, das ist schon hochgradig bescheuert. Als den Menschen die mythologischen Gestalten ausgegangen waren, mussten sie wohl technische Errungenschaften nehmen, um irgendwelche Sternenkonstellationen zu benennen. Heute würden diese Bilder wahrscheinlich iPad, Xbox 360 und Faxgerät heißen. Dann doch lieber eine Luftpumpe.

Linus nimmt noch einen Schluck aus der Küstennebel-Flasche. Der Anis-Geschmack segelt durch seinen Mund. Er hustet wild.

„Schmeckt gut“, sagt er.
„Dass du immer saufen musst“, sagt sie.
„Glaubst du, dass die Leute das früher nicht taten? Dein komischer Franzose da, der hat bestimmt auch gesoffen wie ein Elefant. Sonst hätte er bestimmt keine Luftpumpe im Himmel gesehen.“
„Nicolas hat nicht getrunken. Und er war zärtlicher, als du es dir mit deinem Spatzenhirn überhaupt vorstellen kannst.“
„Dann war er also ein Idiot.“

Linus greift wieder zur Flasche, spuckt ein bisschen in der Gegend herum. Dann greift er nach seiner Tasche, zieht eine Pistole hervor. Er steht auf und brüllt: „Nimm das, Luftpumpe!“ Er ballert blind und wild und unkontrolliert in den Nachthimmel. „Gib mir Deckung, ich knall auch noch die Heizdecke, den Reisewecker und den gottverdammten Schraubenzieher ab! Die ganze, irre Sippe!“, Annette zappelt panisch und stumm wie ein frisch gefangener Fisch an der Leine auf dem Rasen herum. Der Park ist menschenleer, keiner nimmt Notiz vom dargebotenen Schauspiel. Nur ein paar Vögel flattern aufgeregt umher. Linus springt auf dem feuchten Boden herum; es wirkt, als würde er ungelenk tanzen. „Und was ist mit dem Mond? Der kotzt mich auch an, wie er da so stumm auf stolz und wichtig tut! Peng, peng!“ Die Munition ist längst verschossen, doch Linus ist in Rage und drückt weiter ab. Bis er schließlich ausrutscht. Er landet schmerzverzerrt auf seinem Rücken: „Argh, verdammte Scheiße! Diese beschissenen Sterne sind einfach zu weit weg, sie drücken sich vor ihrem Schicksal! Angsthasen, alle! Arrgh!“.

„Geschieht dir recht, du hättest fast noch jemanden umgebracht!“, keucht Annette.
„Wen hätte ich denn treffen sollen? Ein paar Fliegen vielleicht!“, antwortet Linus.
„Auch Fliegen haben ein Recht auf ihr Leben!“

Linus setzt sich mit letzter Kraft aufrecht hin.

„Schau mal, Kleines. Uns Menschen wird ständig eingetrichtert, dass wir jeden Tag leben sollen, als wäre es unser letzter. Weil das Leben so kostbar und kurz ist. Aber was soll so eine Fliege dann bloß sagen? Die lebt nur ein paar Tage und ist zu blöd dazu, eine Glasscheibe als solche zu erkennen. Die flattern dann also herum, stören, nerven und nur wenn sie Glück haben, finden sie jemanden zum Ficken. Dann ficken die ein bisschen, nur um danach wieder ziellos durch die Gegend zu fliegen. Es gibt so viele dieser Viecher. Und kaum eine hat wirklich was zu tun. Glaubst du, die wären ernsthaft traurig, wenn ich ihr trostloses Leben beenden würde? Ich glaube kaum.“

Annette trinkt ihren ersten Schluck Küstennebel. Sie schraubt die Flasche nicht wieder zu und schmeißt sie unachtsam auf den Rasen zurück. Dann fragt sie: „Was ist der Unterschied zwischen dir und einer Fliege?“

„Ich weiß, wie eine Glasscheibe aussieht und ich habe eine Pistole. Komm, lass uns nach Hause gehen, diese beknackten Sternbilder widern mich an!“

Linus greift nach Annettes Arm und sie verlassen den Stadtpark. Die Vögel sitzen in ihren Baumkronen und zwitschern wieder ihre Lieder. Es war wieder einmal kein guter Abend gewesen.


2 Antworten auf “Die Beobachtung”


  1. 1 Hörmann Handsender 17. August 2011 um 16:02 Uhr

    Es gibt genug Frauen, die wegen der wüsten Ver­stand einen unpassenden Mann an der Seite haben.

    Ein guter Beitrag.

  2. 2 Elena 19. August 2011 um 11:52 Uhr

    heeeeeey … dein forum muss wieder gepusht werden ..
    hab mal wieder reingeschaut .. wir müssen alle zamsammeln :D:D:D:D:D:D ich nehme an du siehst meine email adresse schreib mir dann bitte :D

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