Die Milch machte es « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Die Milch machte es

Benommen, aber glücklich taumle ich vor meine Haustür. Es war eine klasse Nacht gewesen, drüben, bei Sinan im Keller. Ein Würgereiz steigt in mir auf. Irgendwie schaffe ich es, das Abendessen im Vorgarten unserer Nachbarn abzulegen. Die Vögel zwitschern in ihren Baumkronen; ich stelle mir vor, sie würden auf diese Art Applaus spenden. Danke, danke. Ich klatsche in die Hände, verbeuge mich und strecke meinen Daumen in Richtung Himmel. Ihr seid alle meine Freunde, was wäre ich nur ohne euch! Ach, Natur, du gefällst mir. Mit einem Eichenblatt wische ich mir meinen Mund zurecht, dann setze ich mich vor die Tür und schaue zu, ob sich irgendwo etwas regt. Nichts. Alles tot. Ich vermisse die Morgenstunden, in denen ich dem Milchmann begegnete. Wobei es eher ein Milchmännlein war, denn er hatte es maximal auf fünfzehn Lenzen gebracht. Immer, wenn ich ihn auf seinem Klapprad ankommen sah, versteckte ich mich hinter einem Baum, um ihm dann, wenn er zur Haustür ging, zwei Flaschen aus seinem Anhänger zu stibitzen. Zwei Flaschen Milch reichen für eine Woche und weil ich in meinen besten Tagen bestimmt jeden zweiten Morgen auf der Pirsch war, konnte ich mich damals den reichsten Mann der Stadt nennen. Keine Ahnung, was die Menschen an Milch finden, aber der Tauschkurs im Pub von Mike war immer: eine Flasche Milch, eine halbe Packung filterlose Zigaretten. Einmal wäre der Milchdiebstahl aber sogar fast in die Hose gegangen, weil ich mich blöd anstellte, doch wohl vor lauter Ehrfurcht hat das Milchmännlein nur mit offenem Mund den Kopf genickt und ist weitergefahren. Von den paar Mark, die er damals für seinen Dienst mag ausgezahlt bekommen haben, konnte er unmöglich reich geworden sein. Und dann noch die ständigen Diebstähle meinerseits. Würde mich nicht wundern, wenn er heute vor dem Dom säße, um dort mit sich selbst zu reden. Ich fand den Jungen echt prima.

Milchmänner gibt es nicht mehr, die Leute kaufen ihre Milch jetzt im Supermarkt. Warum auch immer. Vielleicht bin ich mitschuldig. Hätte ich damals gewusst, dass ich mir meine allmorgendliche Zukunft zerstören würde, wäre ich wahrscheinlich weniger forsch gewesen. Es macht mich ein bisschen stolz, behaupten zu können, die Welt ein bisschen verändert zu haben. An diesem Vorhaben sind viele andere längst und auf ewig gescheitert. Aber verdammt, nun bin ich morgens immer allein. Es gibt zwar noch den Typen, der die Zeitung bringt, aber bei dem ist eben außer einem Haufen sinnlos bedrucktes Papier nichts zu holen. KRAWALLE IN LONDON – VIER MENSCHEN TOT. Solche Schlagzeilen tauscht niemand gegen Zigaretten. Abgesehen davon ist der Zeitungsbote knapp zwei Meter groß. Man hat wohl gelernt, dass man einem Halbstarken keine Ware in die Arme drückt, wenn da draußen noch Gestalten wie ich ihr Unwesen treiben. Ich stecke mir eine Pall Mall an. Nicht, dass ich etwas gegen Kotze hätte. Aber dass sie einem den Genuss einer Zigarette vermasselt, nehme ich der Magensäure übel. Ich bräuchte etwas, womit ich meinen Mund ausspülen konnte. Früher konnte ich das immer machen, natürlich, mit der Milch. Melancholie, fick dich ins Knie, du kriegst mich nie klein! Neben mir liegt noch die Zeitung von gestern, der Nachbar wollte sie wohl nicht lesen. Mal sehen. SCHWARZER MONTAG AN DER BÖRSE – REICHSTER MANN DER WELT VERLIERT 4,7 MILLIARDEN. Übel, Kumpel. Ich nehme mir die Zeitung, zerfleddere sie zu einem schönen Häufchen und halte mein Feuerzeug an die Sportseite. Erst brennen die Fußballer, dann die schwarzen Saxophonisten auf der Kulturseite und schließlich ist auch der Politikteil in Flammen aufgegangen. FDP WILL ARBEITSLOSENGELD FÜR ÄLTERE KÜRZEN. Es gibt so verdammt viele Gründe dafür, nicht alt zu werden.

Drüben auf der anderen Straßenseite regt sich endlich etwas. Eine alte Dame stolziert mit ihrem Zwergpinscher von rechts nach links. Sie hebt ihre kleine Nasen nach oben, als schwebe sie über den Dingen und dem Hundekot, der ihr alle paar Schritte begegnet. Ich rufe „Wuff, wuff!“. Nichts geschieht. Ich lege nach: „Passen Sie auf, Fräulein, die FDP schmiedet Pläne gegen Sie!“. Es scheint ihr nichts auszumachen. Sie geht einfach weiter, bis sie schließlich aus meinem Blickfeld entkommen ist. Ich hoffe, sie übersieht heute noch einen Fladen Hundescheiße. Ich überlege kurz, ihr nachzugehen, um mal nach ihrer Enkelin zu sehen. Aber dieses Vorhaben wird jäh dadurch gestört, dass nun ein grüner Volkswagen angefahren kommt. Obwohl es längst hell geworden ist, hat er die Scheinwerfer angeworfen. Er hält vor dem Haus der Nachbarn. Ich stehe auf, um die Geschehnisse besser beobachten zu können. Mein Rücken zwickt und zwackt. Ein kräftiger Mann mit Zeitungen unter dem Arm läuft zum Briefkasten der Nachbarn, dabei rümpft er böse seine Nase. Verzeihung, Kumpel, das war dann wohl ich. Ich sehe, dass im Auto noch eine junge Dame sitzt. Jetzt fahren die also schon zu zweit raus, erstaunlich. Sie soll wohl auf die Blätter und die Karre aufpassen, während ihr Kollege die Zeitungen in Schlitze schmeißt. Na, dann will ich mal sehen, wie gut sie ihren Job drauf hat. Ich sprinte so schnell und schmerzfrei es geht zum Auto, öffne die Tür, setze mich stinkend neben sie und frage: „He, Süße, wohin soll’s gehen?“. Sie hat lange, braune Haare, ein gutes Gesicht und weiter komme ich nicht, da sie schreit und mir mit ihren zarten Händen im Gesicht herumfuchtelt. Ihr Kollege kommt hinzu, gibt mir einen gewaltigen Tritt in den Rücken. Scheiße, Achillesferse. Ich falle aus dem Auto hinaus, nehme noch ein paar Beschimpfungen in Empfang und dann braust das Papierauslieferungs-Pärchen davon.

Einige Minuten lang bleibe ich auf dem Asphalt liegen, Stichwort Regeneration. Schließlich richte ich mich irgendwie wieder auf. Kontrolliere zunächst, ob noch alles an Ort und Stelle ist: Zigaretten in der rechten Hosentasche, check. Haustürschlüssel in der linken Hosentasche, check. Vor mir auf dem Boden liegt eine Zeitung. Ich schaue aufs Datum und sie ist von heute. Ich lese die Schlagzeile: WELTMACHT USA VERLIERT AN MACHT UND GELD – ZEITEN ÄNDERN SICH.