Viva la Faszination « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Viva la Faszination

Die Form der Faszination ist immer ein Kreis. Das Runde dreht sich mit Tempo Dreitausendvierundreißig und schwurbelt sich fleißig in absurde Vergnügungshöhen, um uns davon abzulenken, dass die Tiefe tiefer ist als die Höhe hoch. Ohne Ecken und Kanten wird die Begeisterung für Banales auf gleichförmige Art kanalisiert und fährt ohne Kurven auf den Ursprung zurück, um mit einer gehörigen Portion Anlauf die gleichen Gefühle auszulösen wie zuvor und gerade jetzt und in jedem Moment, dem man dem Faszinierenden mit naivem Leichtsinn schenkt. Und irgendwann Krämpfe bekommt. Weil kein Reifen sich immer dreht. Weil jeder Käse mal gegessen ist. Und irgendwann in höchster Höhe das Flugzeugbegleitungsmädchen vor einem steht, das Glücksrad stoppt und den Freudentaumel-Flug für beendet erklärt. Das darf man der Dame nicht übel nehmen, es ist einfach ihr beschissener Job. Sie muss uns daran erinnern, dass kein Platz für all die schönen Dinge ist. Manche wirft man weg und ersetzt sie. Gut, dass es da das gute, alte Unterbewusstsein gibt. Dieser Kompost der Erinnerungen behält den ein oder anderen Fetzen und wenn mutig ein bisschen nachdenkt, spuckt er manchmal vergangene Faszinationen aus und man kann sich den wichtigen Fragen der eigenen Person stellen:

Wo sind all meine Pokémonkarten hin?
Ich möchte an meiner glitzernden Glurak-Karte riechen, vielleicht duftet sie noch wie am ersten Tag.

Warum finde ich die Musik der Schlümpfe nicht mehr lustig?
Ich bin doch beim „Mambo mit den Schlümpfen“ immer so fröhlich in meinem Zimmer umher gesprungen, was ich heute nicht mehr mag.

Wer hat meine Benjamin Blümchen-Kassetten?
Benjamin, du lieber Elefant, komm bitte zurück, törööö!

In welchen Kisten liegen meine Pixi-Bücher?
Ich vermisse Geschichten wie „Conni beim Zahnarzt“ oder „Bernd strickt Taschentücher“.

Wie konnte ich so dumm sein, meinen Nintendo 64 in einem ranzigen Dreckslochgeschäft gegen lächerliche zwanzig Euro einzutauschen? Da wäre doch mindestens noch ein Fünfer mehr drin gewesen.

Wieso habe ich früher in Schalke-Bettwäsche geschlafen?
Weil es keine vom KFC Uerdingen gab, okay.

Wie konnten mich meine zahlreichen Verflossenen einfach so durch andere Typen ersetzen?
Okay, wahrscheinlich so wie ich sie, aber immerhin tat ich das mehr als adäquat!

Aber weshalb kann ich das Intro von „Darkwing Duck“ nicht mehr auswendig?
Er war Zauberduck und Räucherduck und Maskenduck und mehr und im Nu verschwand er, zusammen mit Käpt‘n Balu und seiner Crew, der Gummibärenbande und all den anderen alten Freunden, bei denen ich mich längst mal wieder melden müsste.

Warum habe ich die ersten neunzehn Jahre meines Lebens nicht stetig gespart?
Ich könnte mir heute doch so viele tolle Dinge kaufen.

Die dann aber auch irgendwann in Kellerkisten verstauen und langsam ergrauen lassen würde. Alles vergeht. Der Kreis kann auch stehen bleiben. Das Manifest der Faszination ist ein wirres Objekt so wie ein Hütchenspieler. Es trickst dich aus. Es stellt dir Fallen. Er vertauscht, ohne dass du es merkst und am Ende hast du meistens verloren. Es kann dir aber auch die besten Gefühle der Welt bescheren. Für fünf Minuten. Für drei Wochen. Für neunzehn Jahre. Und in deinem ganzen, verdammten Leben. Und so schließt sich der Kreis. Faszinierend.