Das ist Kunst, Mann! « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Das ist Kunst, Mann!

Besorgt schwinge ich mit dem Löffel durch den Kaffee. Ich rühre im Uhrzeigersinn, dann wieder gegen, dann wieder im, dann wild hin und her und dann her und hin und dann nochmal im und manchmal auch gegen die Kaffeetasse. Diese Kling- und Plirrgeräusche halten mich wach und lenken mich ein wenig ab vom Gedanken daran, dass dies heute mein letzter Tag in Freiheit werden würde. So eng und traurig es auch ist, wenn man sich selbst in ein Korsett zwingt: Kleider machen Leute und meine aktuelle Kleidung macht mich dröge; egal wie bequem Baumwolle im Vergleich zum klassischen Korsettstoff Coutil auch sein mag. Den Gürtel enger schnallen ist wahrscheinlich der beste Kniff, wenn einem die Luft zum Atmen keine Freude mehr bringt. Viele Versuche, mir die dünne Luft schmackhaft zu machen, sind gescheitert. Also werde ich auf den heiligen freien Willen verzichten und testen, wonach diese andere Luft schmeckt, welche die Erfolgreichen stets umgibt. Ein letzter Versuch. Jedoch soll der Mensch nichts unversucht lassen. Man soll so viele Vorhaben beschließen, wie man nur kann, denn sollte dort auch nur ein richtiger dabei sein, ist das mehr wert als sechs Richtige im Lotto. Letztlich ist aber auch das Leben ein unfaires Glücksspiel mit Millionen Verlierern. Doch heute habe ich mein Schicksal eines Taugenichts endgültig satt und mache es wie die Restaurantbetreiber: ich setze alles auf eine Karte. Auf eine einzige. Alles. Gewissen. Verstand. Moral. Brauche ich nicht mehr. Habe ich nie gebraucht. Nicht für mein Glück, nicht für das Glück der anderen und woher will ich überhaupt wissen, was Glück ist, wenn ich doch das Gefühl habe, nie welches erfahren zu haben. Oje, ich klinge schon wie ein wehleidiger Dauerpatient mit neurotischem Philosophiezwang. Bevor ich beginne, den Eigenhass zu manifestieren, mache ich mich lieber auf zum Arbeitsamt, um zu sehen, ob auch der letzte Rettungsanker zwangsläufig in die Tiefe stürzt.

Am Arbeitsamt angekommen fasse ich es gleich als schlechtes Omen auf, dass der Eingang eine Drehtür ist, wo sich mir doch hier Türen öffnen und auftun sollen. Im Kreis dreht sich ohnehin schon alles und längst wird mir dabei schwindelig. Benommen trete ich ein, begebe mich auf die Suche nach dem korrekten Eingang. Ich werde schließlich fündig, eine untersetzte Dame mit auffällig vielen Leberflecken gewährt mir den Zutritt. Auf einem ungemütlichen Stuhl nehme ich Platz, die Leberfleckfrau sitzt deutlich bequemer auf ihrem ergonomischen Bürostuhl. Ihr Blick mustert mich, jedoch nur kurz. Jahrelange Berufserfahrung, schätze ich. Ein kurzes Überfliegen über Gesicht und Kleidung, dann weiß sie auch schon, ob ich hier Dauergast werden würde oder eben nicht. Als ich ihr aber sage, dass sie sich bei ihrer flotten Musterung von meinem Langarm-Leibchen nicht blenden lassen müsse, weil ich nun auf ein Korsett umsteigen wolle, reagiert sie verwirrt. Gut, die Dame versteht mich nicht, also werde ich konkret und trage selbstbewusst mein Anliegen vor:

„Frau Schneider, ich bin seit einigen Jahren als freier Autor und Schriftsteller tätig, schreibe Gedichte, Prosa und Kurzgeschichten, wonach mir halt gerade der Sinn steht. Auch habe ich mal einen Roman geschrieben, da ging es um einen Rosenverkäufer, der sich in eine Kellnerin verliebt und tagtäglich in das Restaurant zurückkehrt, um ihr eine Rose zu schenken – bis die Dame plötzlich nicht mehr dort arbeitet und so weiter, naja, es ist mehr eine melodramatische Geschichte ohne glückliches Ende, ist ja auch unerheblich. Denn von Verlagen erhielt ich nur Absagen, wenn überhaupt. Sie werden verstehen, dass sich weder Miete, noch Kaffee so auf Dauer finanzieren lassen. Daher möchte ich auf diesem Wege gerne eine Umschulung beantragen. Ich möchte Dienstleister werden.“

Endlich hatte ich meinen Wunsch ausgesprochen. Mein Körper entwickelte das sympathische und seltene Gefühl von Erleichterung. Doch Frau Schneider zeigt sich unbeeindruckt. Mit monotoner Stimme fragt sie: „An welchen Bereich hatten Sie denn da gedacht, Herr Lütkebohmert?“. Ich bin etwas verwirrt über ihr Unverständnis und stammele: „Naja, an den gleichen wie jetzt“, und Frau Schneider verstand nicht so recht, ich ergänze also: „Ich möchte nicht mehr das schreiben, was mir selbst gefällt, sondern von nun an für das Publikum schreiben, deren Erwartungen erfüllen und die Sätze so konstruieren, dass sie alle verstehen und gut finden. Sehen sie, mit meinem Stil bin ich erfolglos, immer gewesen. Also will ich mich der breiten Masse anpassen. Ich möchte die Kunst liefern, die auch bestellt wird!“.

Frau Schneider lehnt sich nach vorn, schaut mir erstmals direkt in die Augen und sagt: „Wenn Sie alleine im Bus sitzen und nicht darüber nachdenken, wo Sie aussteigen müssen, sondern wo sie aussteigen wollen. Das ist Kunst, Mann!“

(die Überschrift ist angelehnt an den gleichnamigen Song der sehr guten Band „Lehmann“.)