Zwei Vögel wollten Hochzeit haben « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Zwei Vögel wollten Hochzeit haben

Wir saßen gemütlich im Wohnzimmer der Neunzimmerwohnung und spielten Monopoly. Ich spielte traditionell mit dem Fingerhut, weil ich die alte slawische Tradition, die Finger mit Hüten zu schmücken, sehr schätze. Mein Mitspieler Philipp hoppste mit einem kleinen Zinnsoldaten über das Spielfeld. Er möchte so ein militärisches Zeichen gegen den Kapitalismus setzen, meint er. Wie bescheuert, finde ich. Aber er darf das, denn er ist Jude. Manchmal wundert sich jemand über seine kapitalismuskritische Einstellung, schließlich gelten Juden nicht nur an ostdeutschen Stammtischen als besonders geldgeil. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch nicht, wie modern dieser Stereotyp überhaupt noch ist. Der letzte Film, der sich mit jüdischen Klischees beschäftigt hat, lief bereits vor einigen Jahrzehnten an. Abgesehen davon ist mir auch völlig egal, woran Philipp glaubt oder nicht, solange ich ihn noch kichernd angucken darf, sobald er bei Monopoly auf einem der vier Bahnhöfe landet. Ich darf das, ich bin sein Freund. Er versteht das. Zugegeben, beim ersten Mal fand er es nicht so spaßig, aber ich kann den rechten Arm längst wieder bewegen und dieser Heilungsprozess wird keine zwölf Jahre dauern, haha. Naja. Wir saßen also nun gemütlich im Wohnzimmer, Fingerhut, Zinnsoldat, Monopoly, das Szenario hatte ich eingangs bereits in 41 Worten beschrieben. Ich würfelte eine 45, kam ins Gefängnis. Verdammte Scheiße! Philipp lachte hämisch, ich brach ihm berechtigterweise die Nase. Er blutete, aber dass es meinem rechten Arm wieder besser ging, schien ihn ehrlich zu freuen. Er hob seine Hand und rief „High five“! Ich hob pflichtbewusst und bemüht meine rechte Hand hoch, das Einklatschen schmerzte. Aber haha, so sind wir, wir sind schon zwei verrückte Vögel.

Apropos Vögel: Wie aus einem Himmel, der heiter ist, flog urplötzlich ein Tukan ins Zimmer. Wir wunderten uns kurz. Doch unser Gast war freundlich. Er stellte sich vor: „Guten Tag. Ich bin ein Tukan.“ Soweit nicht verwunderlich, dachten wir uns. Gut, dass er noch weitersprach: „Ich komme aus der Zukunft. Ihr fragt euch sicher, warum ich hier erschienen bin. Nun, das hat einen einfachen Grund: Ich bin Schriftsteller und verfasse Gedichte. Nun habe ich das Problem, dass ich einfach keinen Reim auf ‚Tukan‘ finde. Vielleicht könnt ihr mir ja helfen?“. Philipp und ich hörten damit auf, uns zu wundern. Ja, das ergab durchaus Sinn. Wir hatten schon Angst, dass uns der Tukan beklauen könnte oder er eine Vergewaltigung vornehmen wollte. Wäre aber auch ziemlich peinlich für Philipp gewesen, wenn er seine Jungfräulichkeit ausgerechnet an einem Tukan verloren hätte! Obwohl der Tukan äußert attraktiv aussah; er hatte einen witzigen Hut auf seinem winzigen Kopf und der Trenchcoat stand ihm wirklich gut. Ich beschloss, keine Angst mehr vor der Zukunft haben zu müssen, denn eine Zukunft, in der selbst die Tukane chic sind, kann nur eine gute sein. Dann fiel Philipp auf, dass der Tukan einen kleinen Stern an seinem Trenchcoat trug. Er frug interessiert: „Herr Tukan, sind Sie auch Jude?“, der Tukan verneinte höflich. Den Stern trage er nur aus modischen Gründen und er sei Atheist. Kann man machen, fand Philipp, während seine Nase fleißig weiterblutete. Der Tukan kramte kurz in den Taschen seines Trenchcoats und holte ein Taschentuch der Marke „Tempo“ hervor. „Ach, die gibt es in der Zukunft immer noch?“, wollte ich wissen. Rhetorische Fragen waren immer schon mein Fachgebiet gewesen.

Vollkommen zurecht bat der Tukan dann darum, ihm doch endlich seine Frage nach einem Tukan-Reim zu beantworten. Er habe es durchaus eilig und wolle noch zu einem Tennisspiel. „Ach, Tennis gibt es in der Zukunft immer noch?“, frug Philipp mit ironischem Unterton. Ich empfand das als Beleidigung und schlug erneut auf seine Nase, das Blut spritze in alle Richtungen, außer nach hinten, weil das physikalisch nicht möglich ist. Den Tukan amüsierte diese willkürliche Gewalt, er vergaß kurz seine Absichten, hob seinen Flügel und rief zu mir: „High five!“, ich erwiderte natürlich. Wie ich später erst bemerken sollte, nutzte Philipp diesen Moment dafür, mir die Schlossalleekarte zu klauen. Wie seine Nase später bemerken sollte, was das keine gute Idee. Aber zurück zu den spannenden Geschehnissen: Nun wolle er aber wirklich einen Reim auf „Tukan“ haben, sagte der Tukan und Philipp erkannte den Ernst der Lage schnell und beteiligte sich an meinem Nachdenken. Uns fiel auf die Schnelle nichts ein, also setzte ich Kaffee auf und bot den Anderen eine Zigarette ein. Der Tukan wunderte sich: „Lucky Strike? Was ist das denn für eine Marke?“ und ich war froh, fragen zu können: „Ach, Lucky Strike, die gibt es in der Zukunft also nicht mehr?“, hehe. Doch der Tukan schwieg und flog herüber zum Monopolyspielbrett. Er wurde sichtlich wütend: „Wenn ihr mir nicht in sieben Sekunden einen Reim auf ‚Tukan‘ nennen könnt, picke ich mit meinem prächtig gefärbten Schnabel euer Spielbrett kaputt!“. Gut, dass Philipps Gehirn in Drucksituationen immer besonders eifrig arbeitet. Panisch rief er: „Dekan! Vulkan! Pelikan!!“ und der Tukan nickte zustimmend, pinkelte uns zum Abschied aber noch in die Zimmerecke. Er war wohl etwas gereizt, weil wir ihn solange haben warten lassen.

Ich sah Philipp grinsend an und sagte: „Ach, guck mal einer an, Pipi gibt es in der Zukunft also auch noch!“.


1 Antwort auf “Zwei Vögel wollten Hochzeit haben”


  1. 1 Jan 15. Mai 2011 um 11:06 Uhr

    Ein bisschen bedenklich behämmert, aber trotzdem super. :)

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