Zurückgeblieben um zu nicht bleiben « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Zurückgeblieben um zu nicht bleiben

Fährt man in Hamburg ohne Kopfhörer im Ohr von Altona nach Bramfeld, so erhält man von einer Computerstimme alle zwei Minuten eine freundliche, aber bestimmte Bitte hinterher geworfen. Sie lautet: „Zurückbleiben, bitte“. Gewiss ist dies hier räumlich zu verstehen; schließlich stören Fahrgäste, die auf den letzten Drücker die Schiebetüre aufreißen wollen, die Weiterfahrt nicht erst dann, wenn ihre Gliedmaßen von der strengen Automatik der Einstiegspforte abgetrennt worden sind. Das richtige Leben sieht personifiziert Zuspätkommen nicht besonders gerne und bestraft gnadenlos, in dem es die Unpünktlichen sprichwörtlich das Beste (hier: die Abfahrt Richtung Osten) verpassen lässt. Zudem muss Rücksicht genommen werden auf diejenigen in der Straßenbahn, die kein Blut sehen wollen, sollen, können. Gerade in Hamburg, wo man sich in gefühlt jeder zweiten Straße mit vielen Bannern, Aufklebern und witzigen Mülleimersprüchen als „Umwelthauptstadt Europas 2011″ feiert. Mal ganz davon abgesehen, dass einzelne Arme und Beine nur in den seltensten Fällen über eine gültige Fahrkarte verfügen, somit illegal sind und zur Strafe eigentlich ins Gefängnis, Zuchthaus oder wenigstens in eine Vorstellung vom „König der Löwen“ müssten. Es hocken ohnehin schon zu viele Arme in Hamburgs widerlichen Musicalpalästen herum. Das locker und routiniert gehauchte „Zurückbleiben, bitte“ dient also dem Manifestieren von Sicherheit, Ordnung, Fahrplan, Gesundheit, nebenbei dem Legalitätsprinzip und letztlich ganz sicher auch noch der guten Laune. Denn nur ein pünktliches, nach den gleichen Regeln fahrendes Kollektiv ist ein homogenes. Würde man auf jeden warten und alle mitnehmen, käme man ja nie ans Ziel.

Es stellt sich mir also zwangsläufig die Frage, ob „Zurückbleiben, bitte“ auch als Gesellschaftsmodell funktionieren würde. Ob wir dann alle glücklich wären. Ob wir trotz Zurückbleiben zum Ziel kommen würden, wo auch immer unsere Endhaltestelle wohl liegen mag, vielleicht ja auch im Osten. Ob wir dann beim Aufstehen beide Daumen in Richtung Sonne heben würden, weil es uns so gut ginge, weil wir uns zugehörig fühlen würden, weil wir den Stumpfsinn als Trumpf in allem akzeptiert und bejaht hätten. Als Zurückgebliebene müssten wir nicht mehr an dem ganzen Sinn und Unsinn zweifeln, wir würden es einfach hinnehmen, genauso wie man im Kiosk das Wechselgeld entgegen nimmt, einsteckt und dann vergisst. Man weiß schließlich nie genau, wie viel Münzgeld im Portmonee klimpert, nur über die Scheine hat man einen groben Überblick. So wäre es auch in einer Welt der Zurückbleiber. Man wüsste, wer da oben regiert und auf Dinge reagiert, aber das Agieren würde niemals tiefer hinterfragt werden, denn solche Kleinigkeiten, die hätten schon irgendwie seine Richtigkeit. Man hat selbst dafür gesorgt, dass es so ist wie es nun einmal nun und immer ist und mit Zweifeln würde man über die ein oder andere Ecke ungemütlicherweise sich selbst kritisieren, die eigene Wahl in Frage stellen und wer will das schon: sich selbst den Spiegel vorhalten und nach Narben suchen. Auf dem Planeten der Zurückgebliebenen hängt man lieber alle Spiegel ab; ist ja auch viel gesünder, in den Fernseher oder in bunte Hefte zu gucken. Da informieren wir uns dann über die bunte, feine Welt, für die wir auch irgendwo mitgestaltet haben, also doch gewissermaßen ein Spiegelbild, aber ein einfacheres, gemütlicheres, weil komplett kritikloses.

Die Gesichter lachen allesamt, damit das so bleibt, malen wir mit dem Filzstift die Konturen nach, dann malen wir den männlichen Gestalten noch ein Hitlerbärtchen unter die Nase, stecken das in die Schublade „Vergangenheitsbewältigung“, weil man niemals vergessen darf, soll, wird – wonach wir uns dann deutlich besser fühlen, nochmal ins Portmonee greifen, dann überlegen, wo das Geld dann geblieben ist, ausnahmsweise ein bisschen grübeln und denken, uns bemühen und verrenken, bis wir endlich erkennen: es ist bei den Falschen zurückgeblieben. Und wo wir schon einmal beim Erkennen sind, hören wir nicht damit auf: verdammter Scheißfick, hier, nun, jetzt, gerade, just in diesem Moment umgeben uns schon ziemlich viele Zurückgebliebene! Hm. Waren wohl schon zu viele Leute in Hamburg.