Résumé alla Chef « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Résumé alla Chef

Neulich frug mich ein Freund meiner literarischen Arbeit etwas, das ich hier im genauen Wortlaut wiedergeben möchte: „Mensch, Johannes. Du siehst so unverhältnismäßig gut aus, wirst regelmäßig auf den größten Kleinkunstbühnen des Landes gefeiert und trotzdem bist du mit beiden Beinen auf einem Teppich geblieben. Wie machst du das bloß?“
Ich antwortete: „Ach, Oma.“ Sie erwartete wohl eine ausführliche, ihre Miterziehung lobende Rede voller Liebe, Zuneigung und Pathos. Doch auch wenn ich Gefahr lief, all meinen Anspruch auf Taschengeld zu verlieren, blieb ich lieber bei der harten, stolz reduzierenden Wahrheit: „Liebe Großmutter väterlicherseits. Es ehrt mich, dass du derart liebreizende Worte für meine künstlerische Ader, durch die wahrscheinlich auch einige deine Gene fließen, gefunden und mir mitgeteilt hast. Jedoch bleibt festzustellen, dass ich auf Poetry Slams nicht die großen Urkunden, Siege und Applausfontänen gesammelt habe, die du dir vielleicht letzte Nacht erträumt hast. Es kommt nicht selten vor, dass ich bereits in der Vorrunde unter großem Verlust von Tränen die Bühne für andere Poeten räumen muss. Weißt du, wie das auf der Bühne in etwa ist? Stell dir vor, du würdest eine Zigarette rauchen und müsstest dir mit der Kippe in der Hand aus ungesundheitlichen Gründen die Nase putzen. Gar nicht so einfach, nicht immer gelingt es, weswegen man auch auf dem Tatsachenboden bleibt, zudem ist immer viel Rotze im Spiel. Aber wenn es mal da landet, wo es hingehört, dann freut man sich. Außerdem sehe ich gar nicht so gut aus.“
Oma fährt sich mit der alten Knochenhand durch die Haare, wählt, weise wie sie ist, ihre Worte mit Bedacht und spricht: „Was zum Teufel ist ein Poetry Slam, Junge?“
Verdammt. Sie war es gewohnt, dass ich auch moderne Modeerscheinungen und gesellschaftliche Strömungen vollkommen anglizismenfrei und rentnerkompatibel erkläre. Und dann komme ich frecher Enkel mit sowas daher. Meine Oma war noch nie bei einem Poetry Slam, weil ich sie vor allzu vielen Texten über Onanie und Facebook schützen wollte. Daher hatte sie auch nie die Chance, bei der obligatorischen Eingangsfrage („Wer war noch nie auf einem Poetry Slam?“) fragend den Arm in Richtung Gott zu heben. Also dann.
„Ein Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit, wobei die Leute eher selten Gedichte vorlesen, meistens lesen sie Kurzgeschichten, also müsste es eigentlich Short Story Slam heißen, tut es aber nicht, weil es offiziell um Poesie und Lyrik und Wortspielerei geht, tut es aber meistens nicht, weil inoffiziell viele Publikumsmenschen einfach nur zum Lachen gekommen sind, tun sie aber bei meinen Texten manchmal nicht, weil ich einige verquere Vergleiche und Satzkonstruktionen exklusiv lustig finde, stört mich aber nicht, weil ich das Verstehenwollen sowieso längst aufgegeben habe. Oma, ich weiß nicht, wie häufig du noch auf Rockkonzerte gehst, aber da drücken die Gitarristen doch auf immer mit ihren Füßen auf so einen kleinen Kasten vor sich, schalten irgendetwas um, bringen Lämpchen zum Aufleuchten und dann rocken die weiter. Niemand auf der ganzen Welt weiß, wofür diese Gestalten das genau tun, aber sie tun es, sind damit erfolgreich und deswegen hinterfragt niemand diesen geheimnisvollen Vorgang. So ist es auch bei Poetry Slams. Einige Texte funktionieren, einige nicht. Und wenn jemand anders besser ist, muss man ja auch mal Können gönnen können. Okay, mein Gitarren-Vergleich hinkt und humpelt gewaltig, aber, Oma, hast du verstanden, wie komplex und unberechenbar so ein Poetry Slam ist?“
Oma sagte mit faltiger Stirn: „Ja, glaube schon. Und diese Dinger, auf denen die Gitarristen herumtreten, heißen MIDI-Schalter oder Pedale, verzerren das Klangbild oder erzeugen Echos oder sonst was. Das weiß doch wirklich jeder Thünnes, du dummer Enkel! Außerdem siehst du gar nicht so schlecht aus. Gestern habe ich mit Opa RTL geschaut, da liefen viel dämlichere Fatzkes von links nach rechts. Du duschst ja wenigstens regelmäßig, auch wenn du schon seit längerer Zeit keine Frisur hast.“
Diese geschickt nach einem kleinen Lob versteckte Kritik nahm ich mir zum Anlass, den Dialog mit meiner Großmutter zu beenden. Wenn sie auch noch darauf zu sprechen käme, dass eine Ausbildung/Lehre viel sinnvoller wäre als das regelmäßige Vorlesen von Halbgarem, dann wäre dieser Text mindestens: länger. Aber Poetry Slam heißt auch, über einen fünf- bis siebenminütigen Zeitraum selbst zu entscheiden, wann man einen Satz enden


1 Antwort auf “Résumé alla Chef”


  1. 1 Moritz 20. April 2011 um 16:09 Uhr

    Ein Poe­try Slam ist ein Dich­ter­wett­streit, wobei die Leute eher sel­ten Ge­dich­te vor­le­sen, meis­tens lesen sie Kurz­ge­schich­ten, also müss­te es ei­gent­lich Short Story Slam hei­ßen, tut es aber nicht, weil es of­fi­zi­ell um Poe­sie und Lyrik und Wort­spie­le­rei geht, tut es aber meis­tens nicht, weil in­of­fi­zi­ell viele Pu­bli­kums­men­schen ein­fach nur zum La­chen ge­kom­men sind, tun sie aber bei mei­nen Tex­ten manch­mal nicht, weil ich ei­ni­ge ver­que­re Ver­glei­che und Satz­kon­struk­tio­nen ex­klu­siv lus­tig finde, stört mich aber nicht, weil ich das Ver­ste­hen­wol­len so­wie­so längst auf­ge­ge­ben habe.

    Word! Richtig! Volle Zustimmung! So isch!

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