Die Geschichte vom hingeschmierten Disput « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Die Geschichte vom hingeschmierten Disput

Die Hausfrau kratzt sich an der Kopfhaut. Ein Tunichtsogut hat die Wand ihres Arbeitsplatzes mit Sprühfarbe versehen. Unsere Protagonistin hat schon viele Bücher und schlaue Texte gelesen, doch diese Buchstabenkombination ist auch ihr gänzlich unbekannt. FreakXstlyz1337. Hm. Vielleicht, bestimmt, wahrscheinlich Englisch. Möglicherweise eine politische Botschaft? Könnte aber auch eine persönliche Beleidigung sein. Oder eine Aufforderung zum Massenmord! Fremdsprache Graffiti. Wand und Hausfrau stehen sich im stillen Duell gegenüber; Backstein gegen Hirnschmalz, Lehm gegen Fleisch, satte Brauntöne gegen matte Kittelschürze. Das spannende Duell ‚Mauer gegen Mensch‘ lässt sich erneut Zeit, einige Sekunden lang passiert überhaupt nichts, die Kontrahenten stehen sich schweigend gegenüber. Sprachnot auf beiden Seiten, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Glotzen, angestrengt nachdenken, trotzdem erstarren. Elf Buchstaben und vier Zahlen auf der einen Seite, ein Hausfrauenhirn mit Körper dran auf der anderen Seite. Kratz, kratz – arme Kopfhaut. Schmierereien an den Wänden, das gab es doch zuletzt in Zeiten der Höhlenmenschen. Moderne Höhlenmalerei neben der eigenen Haustür! Ob sie einen Archäologen zu Rate ziehen sollte? Dieser verdammte, kryptische Code in grüner Farbe, er frisst die Struktur ihres Tages auf. FreakXstylz1337. Ein Fahrradfahrer durchfährt die Szenerie, klingelt, grüßt, ist schnell wieder weg.

Die Sonne verliert die Lust, entscheidet sich fürs Untergehen. Mal sehen, was auf der anderen Seite der Erde so passiert. Auch Planeten haben einen gewissen Anspruch an den Alltag. Die Hausfrau schüttelt kurz, aber wichtig ihren Kopf und man freut sich schon, dass sie nun den Putzeimer holen würde, um endlich wieder Platz für Ereignisreicheres zu schaffen. Stattdessen ist ihr geschüttelter Kopf nur Ausdruck ihrer Verzweiflung. Nicht weiter wissen, das kann sie gut. Problem nur, dass es hier jeder sehen kann. Der Postbote, der Müllmann und auch die letzten Verbliebenen der nur kurzzeitig florierenden Skateboard-Kultur. Sie wissen, dass der Wert der Mauermalerei zu vernachlässigen ist. Doch heute verhindert sie Bügeln, Putzen, Klostein-Einsetzen, Herdplattenreinigung und Pfandboneinlösen. Die Macht der Worte. Da ist sie wieder. Und derjenige, der diese ruhige Aufruhr zu verantworten hat, sitzt gerade nichts ahnend und wenig wissend zwischen seinen vier Wänden. Vielleicht schreibt er ein Liebesgedicht, vielleicht plant er einen Bankraub, vielleicht ist er aber auch heute Mittag beim Anschrauben einer Glühbirne von einer Leiter gestürzt und hat sich einen Knochen geprellt. Vielleicht, vielleicht. Immer dieses vielleicht. Nichts weiß man so genau. Würde man vor jedem Rätsel so verharren, wie es die Hausfrau hier heute tut, man käme zu nichts Anderem mehr. Die Menschen würden stehen bleiben. Fortschritt nimmer, Stillstand immer. So kann es nicht weitergehen.

Möglicherweise löst sich wenigstens der Mauer/Mensch-Konflikt nun: Der Mann der Hausfrau kommt von der Montage zurück. Er legt sein Arbeitsmaterial auf den Bordstein, begutachtet seine rätselnde Frau und der Mond wird von ein paar Sternen flankiert. Der Montagemann öffnet seinen Mund und sagt: „Lass es an der Wand. Das ist Kunst. In der Kunst gibt es keine Fehler.“