Da dachtest du, dass du schlauer wärst, aber das dachtest du allein « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Da dachtest du, dass du schlauer wärst, aber das dachtest du allein

Schönes Wetter, die Lerchen gurren, die Nachbarskatzen schnurren. Der schönste Tag seit gestern. Heute gönn‘ ich mir mal was. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad, lasse gekonnt die Bremsstütze mit dem linken Fuß hochschnellen und fahre die Straße hinab. Mit meiner Fahrradklingel zaubere ich eine schöne Sommermelodie. Sunshine, Sunshine Reggae! Meine Laune lässt sich nun durchaus mit den drei Buchstaben Gee, Uuh und Teh beschreiben. Am Ziel angekommen, schwinge ich mich von meinem Fahrrad und lasse gekonnt die Bremsstütze mit dem rechten Fuß herunterschnellen. Hallo Pommesbude! Es gibt kein schöneres Mittagessen als Pommescurrywurstmayozummitnehmen, da stimmen mir meine Organe zu: Dickdarm und Dünndarm reißen, metaphorisch gesprochen, die Hände in die Luft, jubeln, hurra, komm‘ zu uns, Kaloriengranate und schlag ein! Bumm! Viva la Geschmacksexplosion! Feuerwerk der Sinne! Sattmacher der glücklichen Art!

Doch dann: Peng & Pardauz! Hinter der Eingangstür besetzt ein narbiger Klumpen Mensch einen Barhocker und strahlt, als er mich erblickt. Diese unbestellte Portion Freundlichkeit ist mir nicht geheuer: sie wird mir sonst nur von Menschen entgegengebracht, denen ich noch Geld, Aufmerksamkeit oder Schnaps schulde. Narbenmann jedoch kenne ich nicht. Nie gesehen. Ich schulde Martin noch zehn Euro, aber hat der einen behinderten Sohn, welchen er in meiner Stammpommesbude auf mich hetzen könnte? Ich glaube kaum. Wer ist der Narbige also? Will er mich überfallen? Quatsch, seine Narben sehen nicht Selbstvertrauen schenkend aus. Will er Sex? Quatsch, meine Lederjacke ist viel zu eindeutig heterosexuell, als dass er sich Liebeleien mit mir ausmalen könnte; so viel Fantasie bringen nur Kinderbuchautoren und Berufsoptimisten auf, nicht aber Pommesbudenbesuchervolk. ~ Ich gönne meinen Gedanken nun eine kurze Pause, denn meine Augen melden mir sehend, dass Narbenmann nun ein paar Worte an mich richten will. Möglicherweise verraten diese etwas über seine dubiosen Absichten. Mein Ohr meldet mir hörend, was Narbenmann mit gebrochener Stimme in meine Richtung posaunt: „Na? Wie geht’s?“ Oh Schreck! Schnell, Gehirn, lass dir etwas Unverbindliches einfallen, damit Narbenmann nicht erfährt, welche kognitiven Schwerstarbeiten er in dir auslöst! „Gut. Und dir? Ist doch wirklich wunderbares Wetter draußen, die Lerchen schnurren und die Katzen gurren! Da bekommt man spontan Lust, mit dem Fahrrad ein paar Runden zu drehen, nicht wahr?“ Verdammt. Das war nicht besonders unverbindlich.

Es bleibt nun abzuwarten, wie Narbenmann auf diese Doppelfrage reagiert. Wird er sie zum Anlass nehmen, sich Geld bei mir zu leihen? Wird er mit einer Gegenfrage antworten? Wird er mich auf eine Portion Pommes einladen oder wenigstens auf ein Bier? Wird er jemals wieder gesund oder bilden die tiefen Narben über den Tod hinaus eine Symbiose mit seinem Gesicht? Wird er wegen seiner Gesichtskrater von seinen Freunden „Mondmann“ genannt? Hat er überhaupt Freunde? Wie heißt er überhaupt? Kennen wir uns? Wie viele Fragen werde ich mir noch ausdenken können, bevor Narbenmann die nächste Etappe unserer Konversation besteigt? Erstaunlich, wie schnell das menschliche Gehirn arbeitet. Neun Fragen in so kurzer Zeit. Oder ist Narbenmann derart langsam? Vielleicht ist dies hier sein erstes Gespräch seit neun Jahren. Vielleicht aber auch sein letztes vor seiner Beerdigung. Hm. Ich sollte nett zu ihm sein, sonst erzählt er in der Hölle Ungutes über mich und der Höllenfürst richtet mir eine ungemütliche Zelle mit vier bis neun Kilometern Fußweg zur nächsten Bar ein. Mit dem Tod ist nicht zu spaßen. Die Gesprächsrettungskapsel „Ironie“ ist nie bis zu ihm durchgedrungen, da er nur mit Witzfiguren statt Witzen arbeiten muss. Er ist dank seiner Unwissenheit resistent gegenüber Ironie und jeder, der behauptet, eine besonders böse Satire hätte etwas „Teuflisch-Gutes“, der irrt. Gott hat bei der Geburt des weltweit ersten Menschen der Welt genau festgelegt, wie sich „Humor“, „Gutes“ und „Böses“ definieren, aber all dies zu erklären, würde hier zu weit führen.

Aber man darf sich beruhigt fühlen: Cindy und Mario aus Berlin werden ebenso sicher in der Hölle schmoren wie Kater Karlo, die Daltons und leider auch Lucy von den Peanuts, weil sie Charlie Brown immer den Football vor der Nase wegzieht, wenn dieser einen Tritt dagegen versucht, woraufhin . Ob ich mich zu dieser illustren Gruppe gesellen darf oder muss oder soll, liegt natürlich nicht in meiner Entscheidungsgewalt. Ich rechne jedoch fest damit, seitdem ich einer damaligen Nachbarin frech meinen Penis gezeigt und vor ihre Füße uriniert habe. Verdammt, da war ich doch erst vier Jahre alt und sie war bloß halb so alt. Aber der Ärger war groß, vor allem erholte sich der Sandkastensand nie von diesem Fauxpas und wurde so gelb, wie er sonst nur in Comics dargestellt wird. Das wird Gott nicht ungemeldet geblieben sein. Seine Boten arbeiten 24 Stunden am Tag und sechs Tage die Woche, sonntags haben sie als gläubige Christen natürlich frei, aber besagtes Ereignis ereignete sich leider an einem Freitag. So ein Pech. Gott wird sein Büchlein aufschlagen, vom Leid der Babyaugen und dem des Sandkastensandes erfahren und dann war es das für mich mit Himmel, 99 Jungfrauen und ebenso vielen Party-Luftballons bei meiner Ankunft. Stattdessen Hölle, ewige Verdammnis und 99 Narbenmenschen als Nachbarn.

Prima Überleitung: Narbenmensch verzieht seine Miene, stellt sein rechtes Bein wichtig auf den Boden und sagt: „Hör mal zu, Unbekannter. Ich war lediglich auf der Suche nach einem ungebundenen Plausch, um die Wartezeit auf mein Zigeunerschnitzel ein wenig freundlicher werden zu lassen. Es wird dich sicher tangieren, dass ich als Gedankenleser mein Geld verdiene und da du so voller Fragen bist, werde ich sie dir nun beantworten: Meine Freunde nennen mich Lutz als Kosenamen für ‚Luzifer‘, auf Sex mit dir kann mein Penis verzichten, das mit der Hölle ist Unfug, meine Krankheit nennt sich Schuppenflechte, Lärchen schnurren nicht, Lucy von den Peanuts ist nicht böse und auf eine Portion Pommes lade ich dich gewiss nicht ein, du, du Doofmann! Und he, Pommesbudenfrau, einmal Pommescurrywurstmayozummitnehmen für den Sandkastenpinkler hier, bitte!“


1 Antwort auf “Da dachtest du, dass du schlauer wärst, aber das dachtest du allein”


  1. 1 Bastian 09. März 2011 um 1:20 Uhr

    Bin gerade eben durch Zufall vorbei gekommen. Gefaellt mir sehr.

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