Düdeldü und Entchen « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Düdeldü und Entchen

Mit dem Linienbus auf zum alle drei Monate stattfindenden Jahrmarkt. Nein, Vierteljahrmarkt. Oder einfach Kirmes. Auch egal, ich wundere mich ohnehin alleine, denn mich begleitet niemand und gar keiner. Alleine losziehen ist clever, da wird man bei aufkeimendem Unfug nicht durch Ablehnereien oder Dummheiten gestört. Man ist Chef und nicht bloß Teilchef. Diktator des eigenen Willens. Außerdem gibt man als Einzelperson nur halb so viel Geld aus. Aber mehr als doppelt so viel, als wenn man gar nicht unterwegs ist. Unsinn Mathematik, unfaires Zahlengeschwurbel für Verquerdenker. Eins plus eins gleich zwei, aber die Hälfte von eins ist manchmal null. Und die nächste Ungerechtigkeit des Lebens lässt nicht lange auf sich warten: noch bevor ich die richtige Haltestelle erreiche, kotzt mir mein jugendliches Gegenüber vor die Füße. Er hatte Ravioli zu Mittag. Es gibt Dinge, die möchte man nicht riechen, sehen und auf seinen Schuhen wissen. Ich wünsche ihm Syphilis an sein Geschlechtsteil, reiche ihm beim Aussteigen noch hilfsbereit ein Taschentuch. Weg mit der Sauerei! Meine Plateaustiefel säubere ich im feuchten Gras. Ein Abend, der so beginnt, wird reich an Erzählbarem und Erlebnissen sein. Hinein ins Getümmel, hinein in die bunte, glitzernde Welt. Hollywood für die Kleinstadt, Disneyland für Arme.

Fahrgeschäfte, die sich immerzu im Kreis drehen. Abzweige Fehlanzeige. Beeindruckender kann man unser Leben nicht darstellen. Und ab und an ein Typ, der buntes Plastik einsammelt. Nichts tut man ungestört, Bürokratie lauert selbst in der Aussichtslosigkeit. Verdammt, ich verfalle in depressive Melancholie. Erwerbe mir ein Bier, aber nur eins, denn lediglich ein einzelnes alkoholisches Getränk hebt die Stimmung. Mehrere machen die Birne grau und Matsch. Das kleine Einmaleins des Alkohols. Leichter und sympathischer als die Mathematik aus den Büchern. Welch kluger Gedanke. Vom Glück gepackt versuche ich mich beim Entchenangeln, Hauptgewinn ist ein Schwamm aus Plüsch. Der blödsinnige Kinderfernsehenkommerz verschont eben keine Ecke der Welt. Ich will das Teil unbedingt haben. Drei Euro. Dreimal Anglerglück? Drei, angeblich Zahl aller Dinge. Ich erangle vierzig Punkte, immerhin doppelt so viele wie mein Nachbar im Grundschulalter. Der moppelige Fratz schaut ein wenig neidisch zu mir hinauf. Zu mir, dem König der Plastikenten. Mein Preis: ein Lineal, ein Lutschbonbon und eben dieses traurige Kindergesicht. Sadismus, wie gern ich dir fröne! Das Karamellbonbon schmeckt unsagbar gut, das Kind bettelt bei seiner Mutti verzweifelt um einen zweiten Angelversuch. Alleine zur Kirmes ist eben besser, sag ich doch.

Ich schlendere weiter. Drei Jugendliche verteilen einander Backpfeifen, aus diesem Alter bin ich heraus. Bleibe aber ein bisschen stehen, schaue mampfend zu. Lecker, Crêpes mit Nutella. Wie erwartet verliert der Typ mit Brille. Tja, Brillenträger haben es halt schwer im Nahkampf. Brille von der Nase boxen, dann ist der ungleiche Kampf bereits entschieden. Mit dem Nasenfahrrad kann man eben nicht wegfahren. Worum es im Duell ging, bleibt mir verborgen, aber die Szenerie löst sich erstaunlich schnell auf. Auf dem Boden klebt eine Blutspur, ich messe nach, sieben Zentimeter. Sah nach mehr aus. Unweigerlich muss ich an meine letzte Freundin denken, auch dort erlebte ich eine Enttäuschung beim Nachmessen. Denn, als sie ihren Schrank in unsere gemeinsame Wohnung integrieren wollte, war dieser neun Zentimeter zu breit. Ganz und gar nicht groß ist jedoch der Keyboardmusiker, welcher vor ein paar Rentnern deutsche Schlager „spielt“. Er tappst mit seinen Fingern unkoordiniert auf der Tastatur herum, vollkommen gelöst von Melodie, Rhythmus und Noten. Man kann es sehen, wenn man am Bühnenrand steht. Die Töne kommen vom Band. Was für eine arme Wurst. Betrugsmusiker bei der Arbeit. Live sind nur Gesang und Merchandisingstand. Seine CDs gehen weg wie geschnittenes Brot.

Ich marschiere zum Stand, zielgerichtet wie ein Soldat. Auf in den Krieg, auf in den Kunstkrieg. Ich erfahre, dass hier seine Mutter und seine Freundin die Tonträger an den dummen Mann bringen. Ob ich auch eine CD erwerben möchte? Iwo! Lieber fresse ich noch sieben Nutella-Crêpes oder angle viertausend Plastikenten, bevor ich Geld in die beschissene Kackfickarschlochhurensohnmusik dieses Triebtäters verschwende. Ich bin Musikfundamentalist. Entweder, man kann es oder man lässt es. Ich suche nach etwas zum Werfen, entdecke in der rechten Tasche meines Trechcoats das Lineal vom Entchenangeln. Schmeiße es konzentriert Richtung Berufsbetrüger, treffe ihn am Kopf, doch der Kerl ist Profi. Routiniert singt er sein einfallsloses Programm herunter. Diese Party bleibt von mir ungestört. Trotzdem packt mich ein Glatzkopf mit Schulterpolstern am Arm, sein Gesichtsausdruck bittet mich höflich darum, nun zu gehen. Pff, wollte ich eh. Scheiß aufs Riesenrad. Geisterbahn? Drauf geschissen. Das hier war gruselig genug. Lerne bitte die Tonleiter, du armseliger, nur finanziell reicher Thünnes.

(Hinweis: Ich sah besagten Unterhaltungsmusiker letztes Jahr auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt und dass er dort auf Playback zurückgriff, ist eine Tatsache. Kann ihn nicht leiden. Beworfen habe ich ihn damals aber nicht. Dennoch sei ihm dieser Text gewidmet.)