Die gelebte Werbebotschaft « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Die gelebte Werbebotschaft

Der Elektrofachmarkt hält sich nicht an die eigenen Öffnungszeiten und öffnet seine Pforten heute zwei lange Minuten zu früh. Quo Vadis, deutsche Pünktlichkeit? Vielleicht ist auch die Schweiz mit ihren gar nicht so klischeetreuen Uhrwerken schuld. So oder doch nicht so, heute lügt das Öffnungszeiteninformationsschild. Ladenaufschließerei um 9:58 Uhr, durchgeführt von einem Schnauzbärtigen mit wichtiger, blauer Uniform. Die Konsumtreuen, enttäuscht und fröhlich zugleich, pfeffern ihre Zigaretten auf den Boden und beenden ihre Warterei überbrückenden Telefonate. Auf zum Kauf! Das Paradies hat geöffnet, lässt jeden hinein. Einzige Ausnahmen: Schwerverbrecher, Mittellose, Unsichtbare, Waffenbesitzer, Tote, Abwesende, Nahrungsaufnehmende, Hausverbothabende, Menschen mit auffälligem Rucksack, Tiere. Wogegen die Rentnerin mit Regenschirm willkommen ist. Sie sieht sich auf einem Bildschirm, eine Überwachungskamera filmt sie in ihrem dunkelroten Trenchcoat. Erstaunt bleibt sie stehen, bis ihr Mundoffenhalten jäh von einer Rempelei beendet wird. Ein Kundenkollege möchte möglichst hurtig an ihr vorbei spazieren. Stehenbleiben ist hier ohnehin nicht erwünscht. Zumindest nicht, wenn keine betrachtungsfrohe Ware vor der Nase liegt. Die preisreduzierte neue DVD mit Tom Cruise gibt es nur noch zweimal, da lohnen sich Eile und starke Schultern. Im Internet gibt es den Film zwei Euro billiger, versandkostenfrei.

Unsere Rentnerin, wir nennen sie spaßeshalber Yvonne, ist aber auf der Suche nach einem Fernsehgerät. Ihre jetzige Flimmerkiste zeigt nur noch matte statt satte Farben, bei Fußballspielen hat sie oft Mühe, die Mannschaften über die komplette Spieldauer auseinander zuhalten. Bei der letzten Weltmeisterschaft hat sie so fälschlicherweise für Spanien gejubelt. Ein peinlicher und sympathischer Fauxpas eines vom Fortschritt überholten Temporärfans. Etwas mit HD soll es nun sein. Doch vor dem Konsum lauscht sie heimlich den Gesprächen zwischen zwei Kassiererinnen, welche sich adjektivreich von den Erlebnissen des letzten Wochenendes berichten. Das können sie in aller Ruhe tun. In den ersten fünf Minuten möchte nie jemand etwas bezahlen, bezahlte Freiminuten. Und Ladendiebe stehen nicht so früh auf, die schlafen noch drei Stunden. Das Gespräch enthält viele Worte, die Yvonne nicht kennt, sie klingen nach Großbritannien und Nachmittagsfernsehen. Endlich erklingt etwas Musik durch den großen Laden, ein Praktikant hat eine aktuelle CD aus den Charts aufgelegt.

Yvonne kennt auch „Ich & Ich“ nicht, aber wippt ein bisschen im Takt. Summsummsumm, ja, das ist eine einfach schöne Melodie, schön einfach. Als der Refrain zum zweiten Mal seine Runden dreht, versucht sie, ein paar Worte mitzusingen: „Vom selben Stern, ich kann deinen Herzschlag hören“. Romantisch, hach. Mit ihrer Freiheit wird Yvonne jedoch mehr und mehr zum Ziel vieler Augen. Sie verliert sich, würden hauptberufliche Beschreiber nun sagen, aber sie verliert nicht, sie gewinnt. Ein Verkäufer verlässt mit gerunzelter Stirn seinen Handystand und bittet Yvonne, mit dem Ausdruckstanzen aufzuhören. „Aufhören? Ich? Ich bin doch nicht blöd!“