Essbare Kieselsteine aus dem Harz gibt es nicht « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Essbare Kieselsteine aus dem Harz gibt es nicht

Vorgestern hatte es geklappt. Olaf erzählte mir davon. Ich muss es ausprobieren gehen. Fressbefehl von Kommandant Hunger. Das Grummeln meines Magens erinnert mich an eine demolierte Tuba. Das Rumpelkonzert muss aufhören. Ich, der einzige Zuhörer, möchte es so. Emsig packte ich meine sieben Sachen ein. Steppdecke, Plüschlöwe, Ballonmütze, Feuerzeug, eine kleine Schachtel voller Zigarettenstummel, … – es sind doch nur fünf Sachen, nicht sieben. Hallo Realität, wer dich denn schon wieder eingeladen. Du hast hier Hausverbot! Besuche doch die, die mit dir zurechtkommen und sich grinsend in dir suhlen. – Sei es drum. Alles hinein in die Netto-Stofftasche. Es passt mehr recht als schlecht. Tolle Tüte. Sapperlot, aber was ich da an Beispielen für fundamentale Ungenügsamkeit meinen Besitz nenne! Aber ich will nicht weiter jammern. Jammernde sterben weinend, Optimistische hämisch lachend. Sprich: besser. Und Besserung ist in Sichtweite. Der Himmel erhebt sich und glänzt. Heute wird es Bonaqua regnen und oben thront die Capri-Sonne. Rettungsanker Olaf, ich halte mich an dir fest! Du bist ein guter Informant, erzähltest mir bereits viel von kostenlosen Leckereien und Pfandflaschenhorten. Ohne dich hätte mein Bierdeckel-Testament längst Gültigkeit und die Straße hätte meine fünf Sachen geerbt. Du bist mehr wert als Gutscheinbücher und dicke Illustrierte zusammen!

Also auf zum temporären Glück. Auf dem Weg dorthin begegne ich nicht vielen schönen Dingen, eine gelbgrüne Katze fängt eine Maus. Aber ich treffe Rudi, welcher mir Olafs Geschichte bestätigt. Er sieht erstaunlich lebendig aus. Als hätte ihm jemand eine frische Brause geschenkt oder ein großzügig belegtes Baguette. Ich halte mein linkes Ohr an seinen Bauch und höre, dass es stimmt. Rudi ist satt. Und er hat noch Vorräte für die nächsten zwei Tage! Hastig verabschiede ich mich, Eile muss nun sein. Die Nuggets sind schnell weg. Gute Goldschürfer wissen das. Ich bin gut. Meine Tuba dröhnt und stöhnt. Eile! Eile muss nun dringend sein! Kurz vor dem heiligen Ziel stecke ich mir einen Zigarettenstummel an. Den größten, der sich auftreiben ließ. Ein großes Danke an alle, die sich eine Minute vor dem planmäßigen Eintreffen der Straßenbahn noch eine Kippe anzünden, um diese dann überrascht und fast ungequalmt auf den Boden zu schmeißen. Aber länger lässt sich der Magen nicht durch Nikotin austricksen. Noch zweimal ziehen zum Genießen, dann hinein in den Hauptbahnhof.

Olaf hatte mir erzählt, dass ein Süßigkeitenspender im östlichen Teil des Bahnhofs defekt sei. Er hätte die sympathische Macke, immer drei Teile auf einmal herunterpurzeln zu lassen. Drei für eins – ein gutes Geschäft! Ich stehe vor dem satten Koloss und betrachte das Angebot. Lauter bunte Verpackungen mit englischen Namen und süßen Bildern. So greifbar! So köstlich! Was gäbe ich nun für einen guten Schokoriegel mit Nougatfüllung! Fünfzig Cent, zum Beispiel. Das Experiment bedarf eines Versuches. Die Hypothese muss bestätigt werden. Olaf, drück mir die Daumen. Rudi, drück mit. Plüschlöwe, befreie dich aus der Stofftüte, siehe zu und beteilige dich am kollektiven Daumendrücken! In meiner Hosentasche klimpern noch ein paar Münzen. Zweiundsechzig Cent, der erbärmliche Lohn für einen Nachmittag traurig in der Fußgängerzone beim Sterben angesehen werden. Ernüchternd, aber möglicherweise der Dietrich für den Leckereiautomaten. Zwanzig Cent, dreißig, vierzig, fünfzig. Zwei Tasten drücken. Hoffen. Bangen. Knibbeln. Der Greifarm dreht sich im Uhrzeigersinn und ein Riegel fliegt im Sturzflug Richtung Freiheit. Und nun, und nun? Ein weiterer folgt ihm. Ein dritter tut es seinen Freunden gleich. Und noch einer. Aller guten Dinge sind fünf. Es hört nicht mehr auf. Mehr Riegel als Zähne. Alle mein.

Danke. Danke einfach. An Gleis 7 steht eine alte Frau und schmeißt eine halbe Zigarette hinfort, um den Regionalexpress nach Hannover noch zu erwischen. Die Kippe fliegt in Zeitlupe und ich staune.