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Tapeten übermalen

Schlürff, schlüüüürff. Köstlich. Milchkaffee ist eine gute Sache. Ich bin jetzt schon seit neunzehn Wochen regelmäßiger Milchkaffeeschlürfer in diesem Café und das brachte mir das Du anderer Stammgäste ein. Sie begrüßen mich freundlich und beiläufig, wenn ich den Laden betrete und sagen „Tschökes!“, wenn ich am frühen Nachmittag wieder im Großstadtgewüle verschwinde. Ich weiß nicht, wie sie heißen und noch viel weniger weiß ich darüber, was sie machen, wenn nicht gerade Unbekannte begrüßt und verabschiedet werden. Habe Besseres zu tun. Denn jedes mittelgute Café bietet dem Kunden aktuelles Tageszeitungsmaterial und so auch meins. Multi-Genitiv, witzig: Material der Zeitungen des Tages. Kleine Schmunzelei am Rande. Nette Freude des Lesealltags. Ein Spaßhappen. Nun ein bisschen Milchkaffeeverbesserung mit dem Zuckerstreuer. Auf einmal: Geräusch von rechts. Ich identifiziere es als gesprochenes Wort: Tag, ich bin der Karl! Du bist doch jeden Tag hier, sag mal, wie heißt du eigentlich? Verschriftlicht sieht das harmlos und nett aus, aber geklungen hat es ganz anders. Eher so: Tach, isch binner Kaahl! Du bis doch och jeden Tach hier, sach ma, wie heissu eigentlisch? Hm, schwer. Muss man sich vorlesen. Rheinischer Dialekt ist sehr eigen und manchmal ist dieses Eigene sehr unsympathisch, aber hier sprechen alle so und wenn es mich eklatant stören würde, wäre ich längst ausgewandert. Aber zurück zum aufkeimenden Dialog. Davor: schlüüüürffff.

Ich verriet Karl meinen Namen, er nickte und stieß unüberraschte „Aha!“-Laute aus. Was sollte er auch sonst tun. Der Schrat, der also den Namen Karl spazieren trug, setzt sich. Neben mich. Sind wir nun Freunde? Am Computer braucht man nur wenige Mausklicks, das muss doch auch auf die Realität übertragbar sein. Sag mir deinen Namen und ich sage dir, welche Musik ich gerne höre, in welches Land ich bevorzugt reise und wie regelmäßig ich dusche. Und wie temporär diese Bekanntschaften sind! Wie viele Leute doch alle paar Monate ihre Handys und Facebookfreundeslisten durchforsten, um sogenannte „Karteileichen“ zum Aussortieren finden. „Karteileichen“, was für ein Wort! Ich bin mir sicher, dass es vor etwa siebzig Jahren in anderem Zusammenhang von den bürokratiesüchtigen Autobahnerfindern in den Duden gebracht worden ist, aber sagen sollte ich das besser nicht. Ganz dünnes Eis. Und Karl? Karl sitzt einfach nur da. Er wartet wohl auf mich. Ich muss den nächsten Schritt machen. Will ich? Ach, sei es drum. Und, Karl, du bist wohl öfter hier? Ja, ist er. Ich auch. Hm. Unser Gespräch kommt nicht ins Laufen. Karteileiche Karl? Ja, so wird er wohl enden. Einsortiert, aussortiert, vergessen. Karl sagt: „Na dann, bis morgen. Tschökes!“. Bis morgen und bis nie, Karl.


1 Antwort auf “Tapeten übermalen”


  1. 1 karl haha 06. Januar 2011 um 14:09 Uhr

    sehr schön!

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