Ob dachlos oder nicht, die Luft fliegt dir um’s Gesicht « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Ob dachlos oder nicht, die Luft fliegt dir um’s Gesicht

Die Überpünktlichkeit des Busfahrers ermöglicht mir die Gelegenheit, vor dem obligatorischen Schwänzen des donnerstäglichen Physikunterrichts noch einen Schwenk in die Innenstadtrandgebiete zu machen. Wie ich dort so spazierend eine Zigarette qualme und mir erlaube, an meiner Abiturzulassung zu zweifeln, da entscheidet sich meine Aufmerksamkeit für einen Ausflug auf den Boden. Dort hatte sich ein offensichtlich Obdachloser in eine Wolldecke gekauert. Er schläft den traurigen Schlaf der Nutzlosen. Seine kleine Decke ist dabei derart bemitleidenswert, dass sie einen eigenen Bettelpappbecher verdient hätte. Dreck, Löcher und der unaufhaltsame Großstadtsmog wohnten ihr bei. Wäre die Decke ein Lebewesen mit Verstand und Gestalt, so trüge sie der eigenen Armseligkeit angemessen ein trauriges, aufgebendes Gesicht. Sie wäre sich ihrem Schicksal bewusst – wohl nur ein pervers großer Zufall könnte sie retten und ihr eine löcherstopfende, warme Zukunft schenken. Ja, diese Decke gehört seinem Besitzer zurecht. Welch seltener Gedanke; zuletzt, so recherchiere ich, muss ich ihn in der Grundschulzeit gedacht haben, als ich im Kinderzimmer meines langweiligsten Grundschulfreundes Martin eine Bettdecke von Bayern München vorfand. Ich freue mich über so viel vom Obdachlosen angeregte Geistesaktivität – meine Physiklehrerin erreichte Vergleichbares nur dann, wenn sie voller Pathos über den deutschen Erfindergeist referierte – und lasse mich diesen Gedankenstrom fünfzig Cent kosten. Der Pappbecher dankt, stellvertretend für seinen ruhenden Eigentümer.

Schlafend verdient der Obdachlose dort nun also sein Geld, reich werden wird er damit dennoch nicht werden; unabhängig davon, über wie viele Jahreszeiten er den Winterschlaf noch ausdehnen konnte. Es ist mir übrigens wichtig, bewusst von einem „Obdachlosen“ zu sprechen und nicht die Bezeichnung „Penner“ zu wählen, die deutschlandweit synonym für eben diese zumeist unfreiwillige Lebensverkürzungsmaßnahme verwendet wird. So wie es Gründe dafür gibt, dass der Maler und Lackierer eben nun Maler und Lackierer geworden ist und beispielsweise nicht als Flugbegleiteter oder Theologe arbeitet, so hätte mein schlafender Freund gewiss auch eine Erklärung für die Tatsache, dass er zwischen von Hunden und Säufern vollgepissten Wänden übernachtet. Bei seiner Erklärung müsste man zwar auf witzige Zufälle und die Zufriedenheit im Gesicht verzichten. Aber wer nur schöne Geschichten hören will, der soll anderorts nach ihnen suchen. Für derlei Juhu und Tralala bieten sich prinzipiell Familienfeste und öffentlich-rechtliche Volksmusiksendungen an. Und da sich beides, ungeachtet meines fast objektiven Urteils, Scheiße zu sein, in unverständlicher Beliebtheit suhlt, möchte ich beim Schönegeschichtenhörenwollen mitterweile schon von einem Volkssport sprechen. Tut mir leid, Schlafender, den Weg zum Glück geht die Gesellschaft wohl freiwillig ohne dich.

Und du, du träumst gerade von einer hübschen Frau, die dir Kinder und zu Weihnachten Classic Rock-Sampler schenkt. Von schönen Klamotten, deren Preisschilder du derzeit noch vom Boden aufsammelst und studierst. Von einem Urlaub, meinetwegen auch nur innerhalb Deutschlands, das Erzgebirge soll so schön sein. Du träumst von einem schnellen Auto und häufigem Volltanken. Von warmen Mahlzeiten und Zeitungsabonnements. Und du träumst von einer Wolldecke, die grinst und wärmt. Ich wünsche dir viel Glück, du schlafender Riese. Und stelle fest: am meisten lernt man im Physikunterricht, wenn man ihn vermeidet.


2 Antworten auf “Ob dachlos oder nicht, die Luft fliegt dir um’s Gesicht”


  1. 1 see olen mina 29. September 2010 um 13:49 Uhr

    Schön, gut, sehr schön…
    Mach weiter so!

  2. 2 Kaufi 24. Oktober 2010 um 11:32 Uhr

    Sehr schön geschrieben.

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