Verzweifeltes Kleinstadttrinken « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Verzweifeltes Kleinstadttrinken

Und wie ich da so alleine am Tresen saß, da kam ein Stammgast und stellte Stammgastansprüche. Es sei sein Platz, auf dem ich hier säße und wenn ich ein Problem damit hätte, dann könnten wir vor die Tür gehen und er war zudem auch tätowiert und Menschen mit Tattoos sind statistisch gesehen im Normalfall stärker als ich. Ein langer Satz, eine kurze Reaktion: ich räumte meinen Platz und spielte ein bisschen Verständnis vor. Mein Bier schmeckte nun nicht mehr so gut. Ich bin doch auch jede Woche mindestens einmal hier, wie lange dauert es denn noch, bis auch ich einen festen Platz habe und Kneipentouristen von meinem Sitz verscheuchen kann? Ist es nur die Zeit, die vergehen muss? Aber Zeit rumbekommen ist doch keine Leistung, ein Stammplatz darf keine Dauerrumsitztrophäe sein! Naja, vielleicht erstmal eine rauchen. Der dahinten hat immer Gras mit, der ganze Puff hier riecht immer nach dem Zeug. Was ich nicht verstehe: wieso hängt in dieser Kneipe an der Decke ein Ventilator? Diese dreiblättrigen Rotordinger, wie man sie sonst nur in US-Filmen sieht, glaube ich, weiß nicht so genau. Das Geruchsgemisch aus Haschisch, Bier und Nikotin kann sich nicht an der Decke absetzen, sondern schwirrt unfreundlich über die Köpfe der Trinkenden. Ist das gesund? Soll mir auch egal sein, ich wünsche mir stattdessen ein Musikstück: „Lightning Blue Eyes“ von Secret Machines. Ein Brecher von einem Song! Der Wirt versteht nicht, was ich will und spielt Billy Talent. Arschloch. He, Arschloch, gib mir noch ein Pils! Ja, ein großes!

Klingeling, mein Handy vibriert. Geil, eine SMS! Freunde! Ich lese: „ey du ficker wir pokern in der ritterstraße 48 komm ma vorbei wir brauchen gelt“ Geld mit t, hohoho, Humor! Ich bin ein außerordentlich schlechter Pokerspieler, deswegen fragen sie mich ja immer nach meinem Erscheinen. Bevorzugt dann, wenn ich mit hoher Wahrscheinlichkeit Hochprozentiges in mich hinein gekippt habe. Die Gefahr eines Ausversehensieges des mittelreichen Säufers besteht dann zwar natürlich immer noch, aber sie ist verschwindend gering, weil sie mich immer verarschen, wenn es um den Wert meiner Karten geht. Ich werde immer Letzter, lege mich dann aufs Sofa, trinke, gröle und kotze, bis ich rausgeworfen werde. Irgendwo erbärmlich, aber ich pokere halt gerne. Poker riecht so nach großen Gewinnen und Coolness. Ritterstraße, wo ist die denn nun wieder, Scheiße. Ich frage einen Alten. Alte Menschen sind sehr schlau und haben die Pokerlounge-App in ihren Kopf eingebaut. Sie kennen alle Straßen dieser Stadt, wissen aber nicht, wo in der nächstgrößeren Stadt der Bahnhof ist. In ihrer Heimatstadt liegengebliebene Versager. Freunde und Verwandte alle tot oder ausgewandert. Die Frau ist nicht mehr so schön wie früher und liegt bereits schlafend zu Hause und hat komische Furunkel am Fuß. So möchte ich nicht enden. Die Ritterstraße ist nur vier Straßen weiter, hinter der großen Fleischerei, wo früher eine Krawattenfabrik war. Soso. Nö, ist mir zu weit. Ich habe Lust auf eine Versagergeschichte und lasse mir eine erzählen.

Ohhh, schade, er ist bei seiner Arbeitsstelle rausgeflogen, weil er ein Alkoholiker war und ist. Dann ging er in Frührente und verschuldete sich auf einer Kaffeefahrt. Hahaho, Klieschee, mein alter Freund, da bist du wieder und bestätigst dich! Dreimal verheiratet war er und fremdgegangen ist er regelmäßig und dann war es vorbei mit dem Frohsein. Und nun sitzt er hier neben mir, würgt sein halbes Leben heraus. Er hat wenig erreicht und dabei nichts geschafft. Respekt. Wir freunden uns an, hoffentlich stirbt er mir nicht so schnell weg, denke ich mir. Vier Stunden später kommt eine weitere SMS: „arschloch wir wissen eh wo du bist du elender krüppel wir kommen gleich vorbei halt uns plätse frei“. Plätze mit s, clever. Dann bis gleich, der Stammgast hat seinen Platz sowieso längst geräumt! Cheers, auf uns!


1 Antwort auf “Verzweifeltes Kleinstadttrinken”


  1. 1 Anonymous 20. September 2010 um 18:35 Uhr

    bei ner molle in der tanne liegt selbst das hartz4 gelaber nicht so schwer im magen.

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