Einzimmerwohnung auf der Schlossallee « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Einzimmerwohnung auf der Schlossallee

Ein Bekannter von mir hat neuerdings angefangen zu rauchen, wohl vom Fehlgedanken geleitet, dass sich seine gesellschaftliche Position dadurch verbessere. Auf seine erste weggequalmte Schachtel Marlboro war er so stolz, dass er die Zigarettenstummel gesammelt und samt Schachtel aufgehoben hat. Falls mal Gäste kommen: seht her, ich rauche! Wahrscheinlich hat er auch mit einem Taschenmesser das Datum des Erstrauchens in die Packung geschnitzt. So ein Unfug. Ich habe doch auch nicht den Bierdeckel aufgehoben, auf dem mein erstes Bier stand. Oder das Kondom vom ersten Mal. Ich nenne ihn jetzt „Ersterfahrungsammelmessi“. Ersterfahrung-Sammel-Messi. Schönes Wörtchen. Doch ratzfatz zum nächsten Termin auf meiner Kurzgeschichtenschnipselagenda: Zugfahren. Es hat Gründe, weswegen hier derzeit häufiger vom Zugfahren erzählt wird, sehr gut sind die Gründe sogar. Es klingt so wunderbar touristisch, wenn der digitale Fahrbegleiter sagt „In Kürze erreichen wir Lünen Hauptbahnhof!“. Als wären wir Fahrgäste ein großes, fröhliches Reisekollektiv auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten und Stadtranderholungen. Wenn Sie nun in Fahrtrichtung rechts schauen, sehen Sie die neue Zugverspätungsanzeige, erbaut 2009 von Rüdiger Grube! Beachten Sie auch die kulinarischen Genüsse, die unser Weingummiautomat für Sie bereit hält! Und die jungen Fahrscheinkontrolleurinnen servieren bunte Informationsbroschüren namens „Wunderschönes Westfalen“ und kostenlose Cocktails.

Auch sehr schön: das Bahnpropagandaheftchen „bahn mobil“. Hier geben sich Bahnberichte und Nichtmeldungen die Hand, verschmelzen miteinander und bilden so eine konsumentenfreundliche Journalismussymbiose. Man erfährt, wie nett die Bahn ist („Tausend neue Auszubildene bei der Bahn! Kinder sind unsere Zukunft und Bildung ist voll wichtig!), wie supernett die Bahn ist („Fensterplatz im ICE? Kein Problem, kostet aber!“) und nebenbei noch ein paar witzige Geschichten von hier und drüben. Wusste ich vorher, dass es in Ostdeutschland noch Ostseegebiete gibt, in denen Zwangsnudismus herrscht? Nein, wusste ich natürlich nicht, aber natürlich bin ich ein großer Freund der Freikörperkultur, wenn auch nur im eigenen Hause und selten. Ein Sodokurätsel bietet das Blättchen ebenfalls und wer ein fieser Fahrgast ist, der kann ja einfach eine einzige, aber absichtlich falsche Zahl in das Rätselquadrat hineinschreiben; zur Unfreude des Sitzplatznachfolgers. Zu gewinnen gibt es eine Bahncard 25. Hab ich schon. Schade.


2 Antworten auf “Einzimmerwohnung auf der Schlossallee”


  1. 1 Jens 16. September 2010 um 21:31 Uhr

    Ich habe von Ostdeutschland die Nase voll!

    Wollte ich nur mal so erwähnt haben!

  2. 2 Sie. 19. September 2010 um 15:28 Uhr

    Ich bin ein Erinnerungssammelmessi… :)

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