Kein Sitzplatz im Regionalexpress nach Münster « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Kein Sitzplatz im Regionalexpress nach Münster

Um mich wieder daran zu erinnern, wieso ich zum dritten Mal innerhalb einer Woche in diesem Zug sitze, krame ich eilig ihr Foto aus meiner Tasche hervor. Was folgt, ist ein Lächeln.

Auch mag ich die deutsche Bahn. Zugverspätungen sind nicht so häufig, wie drittklassige Kabarettisten es gerne hätten und die ach so lustigen englischen Durchsagen bekomme ich im Regionalexpress nach Münster nicht zu hören; der Ansagemann spricht hier nur Deutsch. Nächster Halt: Bochum-Wattenscheid. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Bisher haben mich Züge noch immer dahin gefahren, wo es besser war – das weiß ich sehr zu schätzen. Der Herr neben mir riecht sehr stark, ich wünsche mir spontan einen Schnupfen oder eine Nasennebenhöhlenentzündung, aber auch das gehört zum Zugfahren dazu. Dass sein Körper Beachtung einfordert und seine Schweißdrüsen schreien „Hey, hier, seht und riecht! Dieser Körper wurde gefordert und genutzt, ganz fleißig war sein Wirt! Riecht der Arbeit Lohn!“ – geschenkt. Irgendwann stinkt einjeder. Aber bitte verzeiht mir, dass ich nun selbst zum dritten Todesurteil der Bahnfahrtberichterstattung gegriffen habe: der Beschreibung der Mitfahrenden. Viele sind der Meinung, sie hätten auf ihrer Reise den verrücktesten Sitznachbarn der Sitznachbarngeschichte getroffen, aber natürlich irren sie. Eine Dame, die sich beim Einstieg in Mülheim an der Ruhr für einen Rülpser nicht entschuldigt hat, ist nicht nacherzählenswert. Auch wenn besagte Dritteklassekabarettisten ihr Programm gerne ebenso eröffnen. Hey Zwechfelle, kennt ihr das, wenn ihr im Zug sitzt und dann hört da so ein Rotzlöffel laut mit seinem Handy Musik? Sprotzaarrghhuuuuh. Ich möchte nicht, dass jemand, der Geld von mir erhält, nur Dinge erzählt, die ich schon kenne. Ein bestätigtes Klischee unterhält nur beim Selbstentdecken.

Ich wühle noch ein bisschen in meiner Tasche, teste die Reaktion auf ein langsames Öffnen der Colaflasche. Zischhh. Der Effekt verpufft, alle um mich herum sind mit der eigenen Trostlosigkeit beschäftigt. Niemand hustet, keiner diskutiert über Sarrazin und ich bin allein. Kratze mich kurz am Kopf, dann im Schritt, beendet wird das Rundumkratzen schließlich am dreitätigenbärtigen Hals. Kratz kratz, grübel grübel. Im Zugmülleimer suche ich spontan das Glück, finde es aber nicht, wie so oft. Werfe ein zerknülltes Papierknäul hinein. Wühle dann in meinem Kopf nach zeitvertreibenden Gedanken. Überlege, ob ich die Welt retten soll oder die Welt vor mir. Was soll ich aus mir machen? Beschließe einen Mittelweg. In zahlreichen Gesprächen mit Älteren habe ich erfahren, dass ich noch ganz am Anfang meines Lebens stehe und manch eine Tür auf mich warten würde. Ich kann nur hoffen, dass mich der glückliche Zufall an einem guten Tag besucht, sonst verschlafe ich ihn und bleibe auf ewig lebensgeschichtenlos. Doch manchmal, da klingelt der Zufall bereits an meiner Tür, noch seltener öffne ich sie dann sogar und begrüße ihn freundlich den Gast mit einem flotten Spruch. So krame ich wieder ihr Foto hervor. Ja, richtig fühlt es sich an und gut. Gleich aber brauche ich es nicht mehr, dann steige ich aus. Ja, aussteigen ist dort schöner als Einsteigen.


5 Antworten auf “Kein Sitzplatz im Regionalexpress nach Münster”


  1. 1 Moritz 01. September 2010 um 0:48 Uhr

    Mh. Wäre hier so ein „Like“-Button-Mist, ich würde draufklicken. Ehrlich, das würde ich. Aber so mache ich es eben nicht und schreibe darüber, dass ich es tun würde. Und das ist ja eigentlich das Gleiche, nur irgendwie besser. Ich mag das.

  2. 2 Johannes 01. September 2010 um 17:22 Uhr

    Solange ich hier das Sagen habe, wird es keinen „Gefällt mir!“-Button geben. ;D
    Bedankt.

  3. 3 Moritz 05. September 2010 um 15:33 Uhr

    Du könntest auch einen „Fuck You“-Button, oder ein kleines süßes rotes Herz, oder sowas nehmen. Einfach was zum Draufklicken – das ist voll hip und so! Die Leute klicken sehr gerne, musst du wissen. Vermutlich als Ersatz für ihr unausgeprägtes Sexualleben.

  4. 4 robert 06. September 2010 um 14:41 Uhr

    ich mag das..wie du schreibst.
    sehr schön und zum erkennen.

  5. 5 Facebook 15. September 2010 um 15:01 Uhr

    ANNIKA BENFER GEFÄLLT DAS

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.