Im Sozialismus hätten immer alle genug zu rauchen « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Im Sozialismus hätten immer alle genug zu rauchen

Es roch nach Hund. Ist dies der Großstadtgeruch oder bin ich hier falsch? Das schlechte Wetter erschwerte mir den Fußweg zu meiner Arbeitsstelle ein wenig, doch ich fühlte mich davon nicht gestört. Im Gegenteil. Der Wind föhnte meine ungekämmten Haare zu einer schicken Frisur, die ich lediglich ab und an durch einen Blick in die Schaufenster korrigieren musste. Man hätte fast vermuten können, ich hätte geduscht. Zigarettensuchtbedingt legte ich eine Pause ein und stellte mich unter. Seit ein paar Tagen rauche ich Pall Mall. Neulich sah ich einen französischen Film, der doppelt so alt war wie ich – und dort hatten die Darsteller Zigaretten, die doppelt so dick zu sein schienen wie die, die ich in viel zu kurzen Intervallen aus meiner teuren, roten Packbox fummelte. Außerdem war rauchen damals noch cool und sogar die schönen Frauen taten es. Schnell wusch ich den Neid von mir, suchte Ablenkung. Rechts neben mir ein Meer aus Klingelschildern. Allerweltsnamen, türkische Namen, zwei bemitleidenswerte Familien mit Doppelnamen, ein Lichtschalter. Links von mir ein Geschäft mit Hochzeitskleidern. Teuer, weiß, unansehnlich. Französinnen aus den 60ern hätten sich darauf nicht eingelassen. Ich schaute in den Laden hinein. Eine runde, ungesunde Frau saß auf einem Holzschemel und starrte in den Regen. Eine gemütliche Arbeit: meistens rumsitzen, manchmal Frauen in Kleidern sagen, dass sie gut aussehen. Zu ihr hat das wohl lange niemand mehr gesagt. Ich klopfte, winkte aufmunternd und weil die Hochzeitskleiderfrau mich nicht auf einen Kaffee einlud, fütterte ich ihren Briefkasten mit einem Zigarettenstummel. Die Arbeit ruft, ich muss dem Ruf folgen.

Vor zehn Minuten hätte ich im Büro erscheinen müssen. Der Herr mit dem Zwirbelbart und die Dame mit der Handtasche aus Schmetterlingsflügeln sitzen bestimmt bereits auf ihren Ledersesseln, reißen Briefe auf und murmeln Sachen wie: „Na, wo wohl der Herr Fleur bleibt, vielleicht hat der Wind ihn fortgeweht, ahaha!“ oder „Verspätet sich mal wieder; hat wohl seine Hose nicht gefunden!“. Ich verachte sie aber nicht nur für ihren Humor. Wie sie mich jeden Tag nur durch ihre Blicke wissen ließen, dass sie es kaum erwarten können, dass man mich rauswerfe und ich mich endlich zu den Bahnhofspennern legen müsste. Natürlich ahnen sie nicht, dass die Bahnhofspenner die richtigen Gewinner beim Verlieren sind. Zwirbelbart und Handtaschendame würden alles dafür geben, wären sie auch einmal nur so frei1. Manchmal wünsche ich mir, die beiden würden im Lotto gewinnen und dann den Job schmeißen. Sie könnten dann in die Karibik und Skifahren in Österreich und Golf spielen mit Prominenten und Handtaschendame könnte ihre klobigen Finger mit einer Mandarinennagelfeile schönschmirgeln. Dann wäre Besserung in Sicht, aber auch nur vielleicht, denn sicher würden die zwei durch ähnlich Gestrickte ersetzt. Der Hass hat viele Gesichter. Ich wäre schon mit einem einzigen zufrieden.

Völlig nass vom Geplästere2 erreiche ich mit einer gemütlichen Verspätung das lausige, graue Büro. Handtaschendame rührt in ihrem Fencheltee, Zwirbelbart legt seine Briefe beiseite und lacht mich an: „Na, Fleur, Regenjacke nicht gefunden?“ Leider doch, Zwirbelbart, leider doch.

  1. Frei nach: Rocko Schamoni - Gegen den Staat (Du siehst die Penner dort am Hauptbahnhof / Sie leben frei und ihnen kommt keiner doof / Traurig fährst du im Benz an ihnen vorbei / Du würdest alles geben / wärst auch nur einmal so frei)
  2. plästern“, Krieewelsch für „regnen“