Sonnenbrand im Gesicht « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Sonnenbrand im Gesicht

Mein Praktikum zum Gabelstabelfahrer verläuft ausgesprochen und ausgeschrieben gut. Jeden Tag lerne ich neue Kniffe, seit heute kann ich rückwärts fahren und „Seven Nation Army“ hupen. Passend zur Deutschlandfahne, die der Sohn meines Chefs mit Fingerfarben auf die Seite des gelben Seitenstaplers gemalt hat. Praktisch: er brauchte nur schwarze und rote Farbe, gelb war ja schon da. Zum Glück regnet es derzeit auch nicht, deswegen hält die Deutschlandlakierung gewiss auch noch bis zum Ausscheiden der DFB-Elf. Mein Chef ist ein sehr geselliger, bärtiger Mensch und obwohl er sehr reich ist (er besitzt Lacoste-Hemden und zwei Handys), hat er sich bei der Betriebsgründung seiner Gabelstabler GmbH gegen Gabelstapler mit Elektromotor entschieden. Und für Gabelstapler mit Benzinantrieb. Das ist derzeit gut, weil altmodische Gabelstapler mit Benzinantrieb nicht in geschlossenen Räumen rumfahren dürfen und so bin ich jeden Tag an der frischen Luft. Die Leute freuen sich immer, wenn ich mit tonnenschwerer Last an ihnen vorbeifahre und unbeschwert winke – hoffentlich lachen sie nicht über meinen grünen Overall oder über meine lustige Betriebskappe (bzw. Betriebscäppi, bzw. Betriebsbaseballcap, bzw. betrieblich geförderte Kopfbedeckung mit Werbezweck), sondern freuen sich ernsthaft über meinen freundlichen Gruß. An dieser Stelle fällt mir ein, dass ich wieder eine Frisur brauche, ich schwitze mit meinen langen Haaren inzwischen Pfützen mit beachtlichem Durchmesser. Derzeit bin ich unreinlicher als ein wilder Pinkelhund. Ob das zum harten Bauarbeiterleben dazugehört wie Ich könnte mir einen Zopf binden, aber das sieht so komisch aus. Wenn ich mal auf einer einsamen Insel wohne, werde ich mir einen Oberlippenbart wachsen lassen; will wissen, wie das aussieht. Eine der drei Dinge also, die ich mit auf eine einsame Insel mitnehme würde: Ganzkörperspiegel. Merke ich mir, Leute ohne Gesprächsansatz wollen sowas immer wissen.

In den Fünfzehnminutenpause, in der die meisten Gabelstablerkollegen drei Zigaretten rauchen und Sodokus lösen, schreibe ich immer Gedichte über mein Leben. Gestern kam ein besonders Schönes heraus, es heißt „Ich bin ein Gabelstaplerfahrer“. Und das geht so:

Ich bin ein Gabelstaplerfahrer, yeah!
Mein Beruf gefällt mir sehr,
ich verdiene gutes Geld,
weswegen er mir gefällt.

Mein Beruf, der ist so cool,
und ja gar nicht schwul,
ich mache brumm brumm,
und Radladerfahrer sind dumm.

Wirklich gut. Ich lese meine Gedichte niemandem außer meiner Mutter vor, aber später will ich damit mal mein Geld verdienen. Es gibt in unserer heutigen Zeit viel zu wenig gute Dichter, mir fällt zumindest keiner ein und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass wir früher in der Schule mal ein Gedicht von jemandem gelesen haben, der nicht schon seit Monaten oder sogar Jahren tot ist. Zeit also für eine neue Generation. Morgen bin ich aber erstmal in Rommerskirchen, schwere Last von A nach B fahren. Danach stehe ich bereit, liebe Deutschlehrer!


2 Antworten auf “Sonnenbrand im Gesicht”


  1. 1 hannes 26. Juni 2010 um 0:40 Uhr

    das gedicht war natürlich schrecklich (wegen doppelironie), der restliche text aber sehr gut. brova. mist, verschrieben: bravo.

  2. 2 jan 26. Juni 2010 um 14:58 Uhr

    guter dichter (noch nicht tot): durs grünbein. ich empfehle „grauzone morgens“.

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