Talk Talk Talk (ohne Sonya Kraus) « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Talk Talk Talk (ohne Sonya Kraus)

Carsten trinkt ein Glas warme Milch und zählt die Striche auf seinem kleinen Schreibblock. Siebenundzwanzig. Siebenundzwanzig! Carsten lehnt Alltag kategorisch ab. Dieses Schicksal teilt er mit vielen Menschen. Morgens aufstehen ist Scheiße, muss aber. Dem Busfahrer seine Monatskarte zeigen ist Scheiße, der Arsch kann sich auch mal Gesichter merken. Im Supermarkt von einer fetten Kassiererin auf seinen Einkauf angesprochen werden ist Scheiße, gib mir einfach mein Wechselgeld und wieso dauert eine Stornierung eigentlich immer so lange. Carsten hatte vorgestern eine unheimlich gute Idee. Er wollte per Strichliste zählen, mit wie vielen Menschen er an einem einzigen Tag gesprochen hat. Ob Geschäftliches (Carsten macht irgendwas mit Computern, da redet man selten, chatten zählt nicht.), Privates oder Triviales: jedes real geführte Gespräch geht mit in die Wertung ein. Er musste natürlich überlegen, ab wann eine Kommunikation ein Gespräch ist. Ein Gespräch ist, wenn Carsten die zwei Rollen einer Kommunikation (Hörer und Sprecher) beide ausgefüllt hat. Es ist einigermaßen schwierig, diese Definition hier in Schriftform verständlich zu machen, aber Carsten und der Autor dieser Zeilen wissen, was gemeint ist. Also egal.

Er positionierte also den prominent im ersten Satz platzierten, kleinen Schreibblock in seiner Hosentasche und ging den Tag an, als wäre es ein ganz normaler. Ha! War es natürlich nicht. Man muss sich Carstens Tag folgendermaßen vorstellen: er sagt in der Bäckerei „Guten Morgen!“, der Bäckermensch grüßt mit den gleichen Worten zurück, dann kauft Carsten sich die BILD und nach dem Verlassen der Backstube kommt heimlich der Block aus der Tasche. Naja. Ich glaube, das Prinzip ist klar. Viel mehr gibt diese Idee auch nicht her, das Nacherzählen ist langweiliger als das Gespräche zählen. Sapperlot, wozu dann der Quatsch? Einfach so, wieso nicht. Niemand rechtfertigt sinnlose Statistiken. Man führt sie. Mhh, lecker, warme Milch. Carsten denkt so: wenn er morgen in der Straßenbahn sitzt, wünscht er sich, dass ihn möglichst niemand anspricht, damit er in aller Ruhe gar nichts machen und rausgucken kann. Aber am großen Statistiktag hat er sich darüber gefreut, dass er zwischen Haltestelle Borkenhof und Haltestelle Borkenhof II (was für dämliche Fantasienamen, haha, ich bin so genial.) nach der Uhrzeit gefragt worden ist. Es war 11:43 Uhr. Wahnsinn. Etwa zwei Minuten später dann der Strich im Block. Großartig. Vielleicht sollten alle Menschen auf statistische Gesprächejagd gehen, bringt Laune. Und wird nie, bzw. nach zehn Minuten langweilig.

Eigentlich, wenn ich mal nachdenke, machen junge Leute ja heute mindestens Vergleichbares bei Facebook und ähnlichen unsozialen Netzwerken. Ich schreibe irgendwem auf die Pinnwand und freue mich, wenn er oder sie zurückschreibt. Einem „Hi, wie geht’s?“ folgt ein „Gut und dir?“, dann ein „Cool und was machst du so?“ und nach dem „Ach, nichts, ich chille nur.“ ist das Gespräch auch schon vorbei. Und dann sucht man jemand anderen; je mehr Freunde und Facebookpinnwandeinträge, desto toller ist man. Wie toll ist eigentlich Carsten? Eigentlich wollte ich ja noch ein bisschen über Carsten erzählen, aber auch Carsten gibt als bescheuerter Strichlistenführer mit PC-Fachwissen einfach nicht so viel mehr her als seine komische Zählidee. Also ich persönlich würde nicht lange mit ihm erzählen. Aber warme Milch, gute Idee, eigentlich. Auf jeden Fall besser als das mit dem Schreibblock. Bis später dann, Leser.