„1000 Wege zum Faschismus“ « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

„1000 Wege zum Faschismus“

Am gestrigen Abend gastierten Guido Westerwelle, Andreas Pinkwart und unbedeutende FDP-Regionalpolitiker im Krefelder Seidenweberhaus. In der Innenstadt hängen daher seit Wochen gelb-blaue Plakate, die die Bevölkerung zu dieser Veranstaltung einluden – auch die Regionalpresse verbreitete, dass diese Wahlkampfveranstaltung „öffentlich“ und „kostenlos“ sei. Natürlich wollte auch ich in die neoliberale Hölle besuchen – jeder weiß, dass ich eine Schwäche für Spaßparteien und Realsatire habe. Ich habe mir sogar Edding, titanic und Mohnbrötchen (lecker!) mitgenommen. Doch nö.

Eine halbe Stunde vor Beginn spazierten wir (G., L. und ich) über den Theaterplatz vor dem Seidenweberhaus. Zahlreiche Polizisten mit ganz vielen schicken Sternen auf der Jacke, ein Informationsstand der Deutschen Kommunistischen Partei und ein paar Demonstranten in „spätrömisch-dekadenter“ Bekleidung (Toga, Lorbeerkranz). Ich ging in Richtung Eingang und hatte natürlich keine Zweifel daran, dass mir der Eintritt verwehrt werden würde. Ich sagte „Hallo!“ und der Türsteher „Nein, kein Einlass“. Ich begann eine Diskussion darüber, wieso ich ohne Nennung von Gründen von einer öffentlichen Veranstaltung ausgesperrt würde, da spazierten nach und nach auch immer wieder Leute in den Saal. Hier selektierte die Security sehr grob: alte Leute wurden einfach durchgewunken und Leute, die jünger waren als siebzig, die mussten wenigstens noch ihren FDP-Mitgliedsausweis parat haben. Der Großteil der „Ausgeschlossenen“ war entweder jugendlich (Jung- und Erstwähler!) oder nicht im Anzug. Später bekam ich zu hören, dass der Saal nun voll sei und nur noch FDP-Mitglieder hineingelassen würden.

Ich kann nachvollziehen, wenn sich der Veranstalter Gedanken darüber macht, dass niemand randaliert oder die Sicherheit des ja doch nicht so unwichtigen Guido Westerwelle gefährdet. Doch darum ging es gestern nicht.

So wendete ich mich an die Polizei. Die sprach davon, dass die FDP nur von ihrem Hausrecht Gebrauch mache, der Securitydienst nur seinen strengen Anweisungen folge und man hier machtlos sei. Ein Polizist gab an, dass er diese Selektion ebenfalls als „extrem falsch“ ansehe, aber er könne eben wie seine Kollegen nichts dagegen tun.

Also wendete ich mich an die Presse. Drei Männlein mit gelb-blauen Presseschildchen erzählten mir, sie seien vom WDR und es wäre ihre Aufgabe, ein paar schöne Jubelbilder von Guidos Rede für die Wahlsondersendung am Sonntag zu drehen. Als ich erwähnte, dass man ja auch über die diffamierende Selektion der Anwesenden berichten könne, fügte er hinzu: es sei heute die einzige Aufgabe, ein paar schöne Jubelbilder zu drehen. Mit meiner Geschichte solle ich doch zu den Printmedien gehen, der WDR sei für sowas nicht zuständig. Öffentlich-rechtliches Fernsehen 2010. Was war eigentlich nochmal Journalismus?

Nur wenige der Leute, die abgewiesen worden sind, blieben auf dem Gelände – es war wie Freitagabend vor der Disco. Du kommst rein, du nicht. Du trägst Sandalen, Tschüss. Bei einer öffentlichen Wahlkampfveranstaltung. Um uns herum standen Mitglieder der NRW-LINKEN und die konnten uns berichten, dass sie selbst vor einiger Zeit NPD-Mitglieder den Eintritt zu einer linken Veranstaltung gewähren mussten, das sei gesetzlich so. Einer sagte, er werde den Securitydienst verklagen. G. sagte, er fühle sich nun wie ein Hund. Ich sagte, man müsse nicht die Veranstaltung vor mir schützen, sondern mich vor dem Grundgesetz. Und einer schrieb mit Kreide „1000 Wege zum Faschismus“ auf den Boden.

Was ich gestern erlebt habe, hat mein Demokratieverständnis und Freiheitsdenken zutiefst eingeschränkt. Ich dachte wirklich, ich hätte das Recht, mir anzuhören, was ein paar Politiker zu sagen haben, doch nun habe ich erlebt, wie manchen Leuten der Zugang wegen Äußerlichkeiten verwehrt wurde. Es wurden bewusst nur die Leute hineingelassen, die das abfeiern würden, was die FDP-Wichtigmänner zu sagen hatten. Wen haben die Worte von Westerwelle und Pinkwart erreicht? Hauptsächlich alte Leute und FDP-Mitglieder. Hatten diese Leute es nötig, sich anhören zu müssen, was sie längst wissen? Oder hätte man besser Leute hineingelassen, die das Gesagte noch nicht kennen oder möglicherweise auch noch kritisch hinterfragen würden? Ach, was rege ich mich eigentlich darüber auf. Alle sind sie zufrieden mit dem gestrigen Abend. Westerwelle und Co. haben nur Leute getroffen, die mit ihnen kuscheln wollten, das Publikum durfte „ihren Guido“ sehen und die Presse, nun ja:

RP-Online

(RP-Online hat die Überschrift inzwischen geändert.)

Bisher mochte ich die FDP einfach nur nicht. Nun habe ich endlich einen Grund, sie zu hassen.


5 Antworten auf “„1000 Wege zum Faschismus“”


  1. 1 hykos 06. Mai 2010 um 17:22 Uhr

    Frei nach Loriot : „liberal im liberalen Sinne heißt nicht nur liberal “

    Dem ist eigentlich nciht hinzuzufügen…

  2. 2 Jens 06. Mai 2010 um 18:51 Uhr

    Tja Keule. Solche Aktionen passieren jeden Tag irgendwo und wen wundert es da noch, dass es mit unserer politischen Kultur ohnehin nicht gut bestellt ist. Da verkommt die Möglichkeit zur Partizipation zur Farce.
    Im Prinzip unterscheiden wir uns da nicht von anderen „demokratischen“ Staaten. Da wird bei politischen Veranstaltungen gleich welcher Art – ebenso selektiert. Vielleicht hättest du einfach einen Bauchladen mitführen sollen. Mit gelben Artikeln, u.a. Bananen. Würde ja ganz gut passen.

  3. 3 anti 06. Mai 2010 um 23:54 Uhr

    Warum verurteilst Du die Demokratie? Schaue mal über die Grenzen !!! Kaum ein Land, hat eine so gute strukturierte Demokratie wie wir!

    Bist Du ein Kommunisten-Vogel oder was? Ein Links-Extremer? Einer von denen, die Scheiben am 1.Mai kaputt schmeißen, weil sie keinen Job haben UND sich auch noch darüber wundern, denn sie haben keinen Abschluss? Bist Du so einer?

  4. 4 Anonymous 07. Mai 2010 um 0:04 Uhr

    „Bisher mochte ich die FDP einfach nur nicht. Nun habe ich endlich einen Grund, sie zu hassen.“

    Es scheint mir, als hätten die Türsteher genau den Richtigen nicht hereingelassen. Hätten dich die Worte von Pinkwart und Westerwelle überzeugt? Ich behaupte nein! Hättest du irgendeinen Nutzen daraus gezogen, abgesehen von ironischen Scharmützeln hier auf der Seite? Ich behaupte ebfalls: Nein!
    Merkel hat es heute auf die Titelseite der Zeitungen geschafft, weil es bei einem ihrer Auftritte Probleme mit Demonstranten gab. Diese Tatsache bezeugt doch, dass es sich eher um eine Abweichung handelt, kritische Bürger zu einer Parteiveranstaltung zuzulassen, als um die Regel. Ob diese Tatsache positiv zu betrrachten ist oder nicht, lasse ich mal Außen vor.

    Und einen Satz noch zu den NRW-Linken: 10 Jahre Gemeinschaftsschule. Ich hab die Erfahrung gemacht: Je mehr man fordert, desto mehr bekommt man auch (Stephan Hagemes/Krefeld I).

  5. 5 Johannes 07. Mai 2010 um 10:04 Uhr

    @anti:
    Nur weil die Demokratie in anderen Ländern nicht so gut läuft wie hier, heißt das nicht, dass ich die Vorgänge in diesem Land kommentarlos akzeptieren muss. Und nein, ich bin kein weder linksextrem noch „Kommunisten-Vogel“, besuche derzeit ein Gymnasium und strebe das Abitur an.

    @Anonymous:
    Du hast recht, wahrscheinlich hätten Guido und Pinki mich nicht überzeugen können, aber ist das ein Grund, einen Erstwähler wie mich auszuschließen?

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