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Würfel sind Gefallen

Trinkspiele machen immer Spaß. Er würfelt, die quadratischen Entscheidungsträger scheppern gegen den Becher. Eine fünf und eine drei. Wenn die Summe der erwürfelten Zahlen ein gerades Ergebnis brachten, so musste er einen Kurzen trinken. Es reicht aber auch, wenn eine der beiden Ziffern gerade ist; auch dann muss er trinken. Schnell rechnet man sich aus, dass er dank seiner eigenen Regeln immer ein Gewinner war. Unwichtig, was er letztlich würfelte. Er war sich dessen bewusst, aber er störte ihn nicht, denn das Trinkspiel war nur eine Ausrede für den eigenen Verfall. Das Gefühl, sinn- und grundlos zu trinken, bereitete ihm Angst. Niemals wollte er zum Alkoholiker werden. Es würde am nächsten Morgen auf der Arbeit zudem auch sympathischer und geselliger klingen, wenn er sein verklebtes Gesicht und sein madiges Gemüt mit einem Trinkspiel erklären könnte. Er muss ja nicht erwähnen, dass er allein dabei gewesen war.

Bei einem Kreuzworträtsel hatte er 1996 eine Kuckucksuhr gewonnen. Zu jeder vollen Stunde kommt ein Plastikvogel aus seinem Türchen und macht ein unmelodisches Surrgeräusch. Nie im Leben sind Kuckucks wirklich so doof, sie besitzen wahrscheinlich nicht mal ein Zeitgefühl. Die Uhr befindet sich hinter seinem Rücken; er versuchte stets zu erraten, wann denn eine Stunde in seinem Saufkosmos vergangen war. Manchmal drehte er sich um, sah auf das Zifferblatt und probierte dann, die Uhrzeit zu erwürfeln. Dreiundzwanzig Uhr und sieben Minuten. Nun versuchte er, irgendwie auf eine dieser beiden Zahlen zu kommen: sei es durch Division, Multiplikation oder großzügiges Runden. Dabei schummelte er oft, denn als Belohnung winkte der Alkohol. Und der Kuckuck als einziger potentieller Zeuge schwieg. Er konnte es nicht sehen, seine Arbeitszeit kam erst in dreiundfünfzig Minuten.

Doch, da! Huch! Der Kuckuck erschien, spielte sein beschissenes Tralala und er sammelte die Gedanken: war sie defekt? Oder war er bereits zu betrunken, um diese Szene fachgerecht zu beurteilen? Gott sei Dank, die Begebenheit klärte sich auf und er Vogel sang ein neues Lied: „Ach, mach deine Scheiße doch alleine, elender Hundejob; ich kündige! Morgen gehe ich nach Paris.“

(der letzte Satz ist auch der letzte Satz in Sealfields „Morton oder die große Tour“ – was vielleicht, aber bestimmt kein Zufall ist)


2 Antworten auf “Würfel sind Gefallen”


  1. 1 Ron 15. März 2010 um 19:44 Uhr

    Ich hoffe du schickst solche Sachen auch irgendwo hin oder trägst sie wenigstens mal zum lokalen Poetry Slam.

  2. 2 Johannes 16. März 2010 um 16:12 Uhr

    So halb. Der hier stammt aus dem Literaturkurs an unserer Schule und mit dem tragen wir auch demnächst einen Poetry Slam aus – 14. Mai, wer kommen will…;-)

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