Das Innenstadtmuseum « HerrSalami.de – Johannes‘ Blog.

Das Innenstadtmuseum

Wenn Lust, Zeit und Kraft einen gemeinsamen Nenner finden, dann besuche ich das tollste Museum der Welt: die Innenstadt. Nirgendwo sonst kann man so prima so viele Kunstobjekte namens Mensch beobachten. Der Eintritt ist frei und es gibt keine offiziellen Öffnungszeiten, wobei man natürlich möglichst dann erscheinen sollte, wenn die Sonne scheint, sonst ist fast nichts los; das tierische Innenstadtmuseum-Pendant „Zoo“ hat ja auch nachts nicht geöffnet. Aber schon ziemlich unkompliziert so ein Museumbesuch: man spaziert planlos und frei von Geschäft A zu Geschäft B und dann schaut man sich die Entgegenkommenden einfach mal ein bisschen an.

Manche sind wirklich ansehnlich, manche haben verboten-bunte Klamotten an und manchen sieht man das Verderben bereits aus der Ferne im verlebten Gesicht an. Man kann seinen Besuch auf dieses Betrachten von Leuten beschränken, aber der Spaß vergrößert sich, wenn man irgendwo Menschen reden sieht und die Möglichkeit hat, unaufdringlich zuzuhören. Nichts ist ehrlicher als ein Dialog von Gesicht zu Gesicht und wenn man beispielsweise im Café neben einem Pärchen sitzt, dann kann man da schon die ein oder andere lustige Anekdote mitbekommen und sich an ihr erfreuen, so wie man auch im Fernsehen gerne irgendwelche Sendungen über das „wahre Leben“ guckt, nur dass sie im Innenstadtmuseum eben wirklich echt sind. Ob das moralisch vertretbar ist, dass man wildfremden Leuten beim Gespräch zuhört, weiß ich nicht, aber die sind ja selbst schuld, wenn sie ihre Probleme in die Öffentlichkeit heraustragen und das nicht ganz modern per SMS oder E-Mail klären. Was ja auch ein ganz spannendes Thema ist: ich weiß nicht, ob das euch bereits aufgefallen ist, aber die Leute reden immer weniger miteinander. Oder wann hat euch das letzte Mal jemand nach der Uhrzeit gefragt? Was schätzt ihr, wie viele Menschen rufen „Gesundheit!“, wenn man im Bus niest? Die Menschen reden einfach nicht mehr miteinander, wenn es nicht irgendeinen Anlass gibt. Smalltalk gibt es nur noch bei älteren Menschen. Achtet mal drauf.

Toll ist aber, dass einem beim Herumlaufen fast immer irgendwelche netten Geschichten begegnen oder dass einem etwas einfällt, was man aufschreiben könnte, so ist dieser Text hier beispielsweise auch schon vor gut einer Stunde in meinem Kopf entstanden. Was ich mich aber noch gefragt habe: ob mir vorhin wohl noch andere Museumsbesucher begegnet sind? Ob da noch andere Menschen waren, die verlebte Gesichter und Beziehungsprobleme gesucht haben, nur so zum Spaß? Ich hätte ja einfach mal irgendjemanden ansprechen können. Aber das ist viel zu unmodern. Modern ist, meine Gedanken hier mit meinen paar Lesern zu teilen. Hatschi. Es ist übrigens gerade 16:44Uhr.


2 Antworten auf “Das Innenstadtmuseum”


  1. 1 Muriel 29. Dezember 2009 um 11:54 Uhr

    Nenn mich einen Spanner, aber ich finde es ein bisschen schade, dass du uns deine Beobachtungen alle verschwiegen hast und ganz im Meta geblieben bist.
    Ich erinnere mich gerade an so ein hässliches fettes Paar, das auf der einen Straßenseite stand und seine auf der anderen Seite wartenden Kinder beschimpfte, weil sie nicht bei Rot rübergehen wollten. Das sind so die Momente, in denen man da steht, mit seiner moralischen Entrüstung, und keine Ahnung hat, was man damit anfangen soll.

  2. 2 Charlotte 05. Januar 2010 um 11:38 Uhr

    Also wer genauer wissen will, was auf der Straße so passiert, kann ja auf belauscht.de gehen. Ich liebe es.

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