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Das Melt gefällt – ein Festivalbericht

Hurra, mein erstes mehrtägiges Festival! Das ein oder andere Konzert hatte ich ja schon hinter mich gebracht, aber jetzt war es soweit: ein Festival, ui! Über drei Tage! Wow! Im Osten! Gräfenhainichen! Mit echten Ossis1 und echtem Sächsisch! Und guter Musik! Melt! Und es war vorab schon alles ausverkauft, erstmals! Ein spontaner Bericht ohne zu viele Details, dafür mit viel Liebe geschrieben.

Melt! - Foto: Johannes F.Freitag – 17.07.09
Die ganzen Geschichten von Zeltaufbau und dauer-betrunkenen Dänen mit Megafon im Zelt nebenan erspare ich euch, daher direkt zum wichtigen Teil: der „Location“, wie man als cooler Trendsetter heute sagt, oder wie ich es nenne: das Festivalgelände. Früher Braunkohletagebau, heute Musik. Überall Bagger und so Zeug. Dufte! Die erste Band, die man sich dann angucken durfte, waren die Cold War Kids, zu denen ich außer dem Adjektiv „okay“ komischerweise nichts erzählen kann, weil belangloser Alternativ-Indie-Kram. Kurz darauf gab es dann aber für mich das erste große Highlight, als ich zum dritten Mal innerhalb von drei Wochen Gisbert zu Knyphausen sehen durfte, der immer noch der Beste ist. Das neue „Seltsames Licht“ ist das schönste traurige Lied der Welt. Kennt ihr vielleicht noch nicht, aber wenn es das irgendwann mal als Studio-Version gibt, werdet ihr davon hier lesen. Später am Freitag folgten dann aber erstmal noch Klaxons (tanzbarer 08/15-Britpop ohne Ohrwürmer), Röyksopp (live für mich zu abgedreht, aber auch nicht mein Genre) Crystal Castles (selbiges hier) und The Virgins („Rich Girls“ ist ein verdammt geiler Ohrwurm und die Band ist auch überraschend gut!). Achso, und natürlich noch Travis, bevor mein Körper dann den Geist aufgegeben hat und ich leider unter anderem Gossip verpasst habe. Bei Travis reicht es eigentlich, diesen Bericht aus dem letzten November zu lesen, denn die Setlist und die Spielereien mit dem Publikum waren bis auf die fehlende „Why Does It Always Rain On Me?„-Zugabe nahezu identisch, aber eben identisch spaßig und gut. Außerdem ist Frontmann Fran Haley bestimmt der netteste Mensch der Welt. Muss man mögen.

Super700 - Foto: Johannes F.Samstag – 18.07.09.
Nach einer durchregneten, aber erholsamen Nacht gab es am Samstag einen wahnsinnigen, beinahe neunstündigen Musik-Marathon. Beginnend mit den öden Baddies, über die gute deutsche Band Mikroboy, die noch viel tolleren Berliner von Super700 (siehe Bild rechts) und dem ehemaligen Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer, dessen Auftritt aber irgendwie nicht so recht fluppen wollte, so ging es mir zumindest. Die neuen Solo-Songs zündeten noch nicht, die alten Blumfeld-Hits kenne ich gar nicht erst und wenn zwischenzeitlich nicht Liedmacher-Gott Gisbert zu Knyphausen neben mir am Bierzelt gestanden hätte, wäre mir vom Auftritt wohl gar nichts in Erinnerung geblieben. Ach, wenig später traf ich dann noch zwei MTV-Gestalten; Joko und Klaas hießen die, glaube ich. Waren sehr nett und spendierfreudig, was alkoholische Getränke und Geschichten aus dem Leben eines B-Promis und Musikfreund angeht. Ihre Groupies kenne ich jetzt auch, aber eine weitaus tollere Erfahrung war selbstredend wenig später der Auftritt von The Whitest Boy Alive, die ziemlich lässigen Easy-Listening-Dance-Pop machen (und dafür auch hier schon mal von mir gelobt worden sind). Bei untergehender Sonne perfekt. Anstrengender waren anschließend Animal Collective, weswegen ich auch schnell zur seichteren Jazz-Songwriterin Anna Ternheim geflüchtet bin. Übelst super-fetzig (!!) wurde es dann bei Phoenix, mit ganz viel Rumgespringe und Versuchen, die englischen Texte der Franzosen mitzusingen. „1901“ ist mein Hit des Sommers, glaube ich. Bin Fan. War danach aber körperlich wiedermal völlig fertig und habe Bloc Party auch nur so halbwach mitverfolgt. Am nächsten Morgen durfte ich mir dann noch anhören, wie viel ich bei Bonaparte kurz vor vier Uhr nachts verpasst hätte, scheiße.

Melt! - Foto: Johannes F.Sonntag – 19.07.09
Oh, letzter Tag. Ein letztes Mal über die teuren Preise und den Nieselregen ärgern, ein letztes Mal über sehr gute Musik in guter Gesellschaft freuen. Bedingt durch Zeltabbau, Koffer wegbringen (waren mit dem Reisebus da) und Ausschlafen konnte ich vom im Vorfeld so viel empfohlenen Patrick Wolf leiderleiderleider nur noch knappe zehn Minuten sehen. Die haben gereicht, eine lustige kleine Tucke mit einer Stimme, die der von Conor Oberst (Bright Eyes) ziemlich ähnlich ist. Sein Abschluss „The Magic Position“ verdient auch sehr positive Adjektive („geil“, „launig“, „knorke“) und auch hier: bin jetzt Fan. Leider mussten danach Glasvegas auftreten. Der Sänger ist ein arroganter Macho und die Musik ist auch – mit Verlaub – richtig richtig scheiße. Langweilig, laut, scheiße. Sogar eigentlich gute Songs wie „Daddy’s Gone“ gehen live kaputt. Was für eine scheiß Band! Mit der Meinung bin ich übrigens nicht alleine, zumindest gab es bei keinem anderen Auftritt so wenig hörbaren Applaus. Kein Applaus für Scheiße; gut so, Melt-Publikum! Cooler waren zeitgleich die rockenden Team Monster, die sich unter Masken versteckt haben, aber in Jogging-Hose und mit Konfetti-Kanone eine sehr unterhaltsame Bühnenshow abgeliefert haben. Beste Unterhaltung lieferte dann auch ein Nackedei (Video), der den ja doch eigentlich ganz okayen Polarkreis 18 für viele Minuten Aufmerksamkeit und Applaus raubte. Hihihi. Es folgten noch Kasabian, die von den vielen britischen Besuchern maßlos gefeiert worden sind, aber irgendwie nicht so toll waren, und abschließend Oasis (siehe Bild links). Und bis auf eine Ausnahme spielten die Junge die selben Songs wie vor ein paar Monaten in Düsseldorf. Klar, da sind alle Hits dabei, aber es ist ein wenig so, als würde man den gleichen Film zweimal gucken, denn Ansagen gibt es bei den Gallaghes nun mal nicht wirklich. Ich will nicht motzen, aber ein anderer Headliner wäre mir lieber gewesen, so sehr ich Oasis auch mag.

Danach Busfahrt, einige Portionen Schlaf und Ankunft zu Hause. Adieu Dosenfutter, auf Wiedersehen betrunkene Dänen oder kurz: tschö Melt. Bis zum nächsten Jahr, vielleicht.

  1. Weil es leider genau drei Beschweden darüber gab, dass ich mich so fies über Ostdeutsche lustig mache: Satire, liebe Leser. Satire! Vielleicht habe ich als Titanic-Leser viel schlechten Einfluss, aber der Fehler liegt bei euch, nicht bei mir: und zwar wenn ich diesen kleinen Jux ernst nehmt. Ist doch nicht so gemeint, haha! So.

9 Antworten auf “Das Melt gefällt – ein Festivalbericht”


  1. 1 herr lucarelli 21. Juli 2009 um 14:57 Uhr

    Fast erschreckend wie konservativ man in Bezug auf Musik
    schon in jungen Jahren sein kann.

  2. 2 Johannes 21. Juli 2009 um 15:00 Uhr

    Verzeihung.

  3. 3 Tim 21. Juli 2009 um 18:39 Uhr

    Hey,

    war doch schön zu lesen dein persönlicher Bericht, also für mich. Musik ist doch immer subjektiv, demnach klar, dass es da Unterschiede gibt.

    Zu Glasvegas muss ich aber was sagen. Ich habe sie in Berlin im Magnet gesehen, bevor ihre tolle Platte hier veröffentlicht wurde. Es war ein geniales Konzert damals. Beim Melt? Sie gehören nicht auf eine große Bühne, dennoch fand ich es sehr amüsant und auch gut. Und die Sprüche vom Sänger waren großartig, weil sie absolut ironisch gemeint waren, hundert prozentig.
    So ne kleine Band aus Glasgow steht uff ner Riesenbühne, der Bassist hat ne Zahnlücke und die Drummerin konzentriert sich dermaßen aufs Spielen. James Allan kann einfach nicht glauben was alles passiert ist und wer da alles schreit, seitdem Daddys Gone erschien. Großartig.

    Viel Spass beim nächsten Festival

  4. 4 Jellybeam Meltdown 22. Juli 2009 um 13:19 Uhr

    Ein Freund des seichten Musikgeschmacks!
    Schön zu lesen, aber leider gefällt nicht der satirische Touch, denn nicht bissig genug, zu augenzwinkernd, zu lasch, zu „Titanic“.

  5. 5 Johannes 22. Juli 2009 um 13:29 Uhr

    @Jellybeam Meltdown:
    Naja, das ist ja das Problem bei diesem Artikel: manche (vier!) beschweren sich darüber, dass ich überhaupt was Satirisches reingebracht habe und anderen (wie dir) ist das noch zu seicht. In Zukunft muss ich da mal eine andere Lösung finden, das hier ist wohl kein guter Kompromiss.

  6. 6 Jellybeam Meltdown 23. Juli 2009 um 19:04 Uhr

    Naja, „kein guter Kompromiss“ klingt schon wieder zu abwertend für etwas, das sich schon Unterhaltsam las, das gebe ich zu.

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