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Was Thomas Mann vom kleinen Nick lernen kann

Bis heute Mittag wusste ich nicht, wer Wolf Schneider ist. Okay, nicht wahnsinnig schlimm, hoffe ich. Und ich nehme auch an, dass die wenigsten meiner zahlreichen Leser wissen, wer dieser Herr ist. Ich löse auf: er ist „deutscher Journalist, Sachbuchautor und Sprachkritiker“, sagt zumindest sein Wikipedia-Artikel und der muss es wissen. Man könnte diese Aufzählung neuerdings durch „Videokolumnist“ erweitern, denn Herr Schneider lässt sich in „Speak Schneider!“ regelmäßig von der „SZ“ dabei filmen, wie er schlaue Dinge über die deutsche Sprache sagt. In seinem ersten Filmchen spricht er dabei wohl Feministinnen an, aber da ich diese Folge nicht einmal gesehen habe (Schande! Über das meinige Haupt!), soll es auch darum nicht gehen. Es geht nämlich um seinen tagesaktuellen Monolog an die Deutschlehrer unseres Landes.

Er kritisiert, dass man an Schulen (gerade an Gymnasien) viel zu hohes und grammatikalisch perfektes Deutsch lehre und den Schülern damit die Freude an der Sprache (und am Lesen an sich) kaputt machen würde. Schuld seien hier die Richtlinien, die „Bedingungsgefüge überprüfen“ und „Textkohärenz erfahren“ für die gymnasiale Oberstufe vorsehen würden – sein Appell richtet sich nun also an die Lehrer, dass diese möglichst clever um diese Regelung herumschlägeln sollten, damit man den Schülern nicht die bereits erwähnte Freude versauen würde. Klingt plausibel, oder? Nicht dass ich über ein großes Hintergrundwissen verfügen würde, aber meine persönlichen Erfahrungen reichen nunmehr aus, um dem guten Herrn Schneider da einfach mal zuzustimmen.

Denn jetzt komme ich! Ich bin zwar kein Lehrer (Gott bewahre!), aber gewiss ein Schüler, der den Deutsch-Unterricht der gymnasialen Oberstufe besucht. Und, was haben wir zuletzt gelesen? „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann. Unfassbar lange Sätze, aber nicht so nett und lustig wie beispielsweise beim „Kleinen Nick“, sondern voll mit Fremdwörtern, Anspielungen auf die altgriechische Kultur und all so Zeug, das wir Jugendlichen natürlich voll Moppelkotze finden. Es wäre unheimlich schwer gewesen, den Inhalt des Buches ohne die zahlreichen zusätzlichen Informations-Blätter, die wir im Unterricht von unserem Lehrer erhalten hatten, oder den Wikipedia-Artikel (jaja, Klischee, ich weiß) einigermaßen auf die Reihe zu kriegen. Noch haben wir unsere Klausuren nicht zurückbekommen, aber meine Note wäre mit Sicherheit eine sehr viel schlechtere, wenn es Internet und Textzusammenfassungen nicht gegeben hätte.

„Tod in Venedig“ mag ein hochspannendes Buch für diejenigen sein, die Freude daran haben, einen Satz vier- oder fünfmal lesen und analysieren wollen, aber bereitet man so eine Gruppe Halbwüchsiger auf das Berufsleben oder von mir aus auch nur auf den späteren Besuch in einer Bücherei vor? Muss es ein höchst anspruchsvolles literarischen Werk, so grammatikalisch perfekt und ausgeklügelt geschustert, sein wie dieses von Thomas Mann? Nö. Abschließend lasse ich dann noch einmal Herrn Schneider zu Wort kommen, der (frei nach Brecht) sagt: „Stell dir vor, du liest Deutsch und du verstehst jedes Wort.“


3 Antworten auf “Was Thomas Mann vom kleinen Nick lernen kann”


  1. 1 kai 03. Juni 2009 um 20:59 Uhr

    Zum einen muss ich allein aus persönlichen Gründen jegliche Kritik an gymnasialem Deutschunterricht unterstützen, zum anderen ist aber auch neutral gesehen einiges an Argumenten gegen die bestehenden Verhältnisse zu finden.(Ich bin selbst schon geschädigt: ein Satz mit 29 Wörtern bei einem Kommentar zu einem Blogeintrag!)
    Kein Wunder, dass kaum Schüler regelmäßig die Tageszeitung lesen, wenn sie eine hochkomplizierte Struktur aus einem Zeitungstext herausarbeiten und analysieren müssen, der kaum Struktur besitzt, da sein Autor einfach nur kurz vor Redaktionsschluss schnell noch eine Lücke auf seiner Seite füllen wollte.
    Genug des Frustes, da müssen wir halt durch.

    P. S.: Der kleine Nick ist wirklich lustig.

  2. 2 Johannes 03. Juni 2009 um 21:20 Uhr

    Wobei das mit den Tageszeitungen wieder ein anderes Thema ist. Hier ist meiner Meinung nach hauptsächlich das Internet Schuld daran, dass sie immer weniger gelesen werden.
    Lesen kann man darüber zum Beispiel hier beim Niggemeier:
    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/die-zeitungen-luegen-wie-gedruckt/

    Abgesehen davon finde ich nicht, dass die Tageszeitungen zu umständlich formulieren. Gerade im Vergleich zu Thomas Mann, natürlich.

  3. 3 Felix 04. Juni 2009 um 15:46 Uhr

    Ich stimme hier dem Autor des Blogeintrages zu!
    Jedoch muss ich bemängeln, dass er in Zeile 6 des letzten Absatzes das Komma falsch gesetzt hat!

    „Kai“ stimme ich auch zu, dass dieser Eintrag an manchen Stellen auch seine Länge hatte. Das es nichts für unser späteres Leben bringt, trifft auch für andere Bereiche der Schule zu, als Beispiel Physik. Die einzigen Fächer, die mir wichtig für später vorkommen sind die Fremdsprachen, weil man sich damit später auch verständigen kann.

    Wie mein Vorredner schon gesagt hat, müssen wir da einfach durch!

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