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Johannes Floehr

Die größte Scheiße

Panik in den Straßen Londons.
Panik in den Straßen Birminghams.
In unseren Köpfen spielt das Panik-Orchester
einen Walzer, zu dem man nicht tanzen kann.

Und ich
ich bin nur ein altkluger Fläz,
ein Kritiker ohne Plattform
ganz platt vom
Auflegen der immer gleichen Platte:
Ja, die Welt ist schlecht.
Ja, der Mensch ist scheiße.

Aber Gesellschaft ist toll.
Wenn nur all die Leute nicht wären.
Also möchte ich mich
gegen das Vermehren wehren:
Fickt euch! Aber verhütet.
Weniger sind mehr, bitte sehr.

„Aber, aber, ist Misanthropie nicht total unsympathisch?“
Gerne, von mir aus. Außerdem:
Wenn irgendwer wieder mal für irgendwas die Todesstrafe fordert.
Wenn Homosexuelle nicht gleichberechtigt heiraten dürfen.
Wenn naive Menschen nicht an die Hand,
sondern ins Nachmittagsfernsehen genommen werden.
Dann finde ich das total unsympathisch.

Aber ja:
Vor dem Gesetz sind wir alle gleich!
Am Geldautomaten nicht, da ist der
Erste arm, der Zweite so mittel und der Dritte reich!
Die Schere für den Schnitt schließen.
Ist das zu schwierig oder ich zu naiv?
Ich geh kaputt, wer geht mit?

Aber Achtung, ich
ich bin ja nur ein altkluger Fläz,
ein Kritiker ohne Plattform
ganz platt vom
Auflegen der immer gleichen Platte:
Ja, die Welt ist schlecht.
Ja, der Mensch ist scheiße.

Es ist diese kleinbürgerliche Larmoyanz:
„Ooooh, wir haben nix zu sagen“,
da bittet der Müßiggang zum Tanz,
da kommt das System zum Tragen.

Der Staat fickt als Rabenvater wild
durch die Gegend der Länder,
hinterlässt den Samen der Lobbyisten,
freches Gewichse, zugunsten der Spender;
ich glaube ja, es wehrt sich nur deswegen
keiner gegen Korruption, weil es
kaum jemand fehlerfrei schreiben kann.
K, O, R, R, U, P, T, I, O, N.
Bitte sehr, die Rechnung folgt.

Aber nein, auch ich weiß es nicht besser.
Ich habe nur längst das Hoffen aufgegeben,
dass jemand anderes es tut.
Ich bin müde.
Mit zwanzig Jahren.
Gesellschaftskritik ist älter,
so alt wie der Mensch an sich.
Alter Tattergreis Gesellschaftskritik.

Und ich
ich bin nur ein altkluger Fläz,
ein Kritiker ohne Plattform
ganz platt vom
Auflegen der immer gleichen Platte:
Ja, die Welt ist schlecht.
Ja, der Mensch ist scheiße.

Schuld haben jedoch immer nur die anderen.
Wirf den Leuten Dummheit vor,
niemand wird sich angesprochen fühlen.
Das Problem liegt nicht auf der Straße.
Es geht darauf spazieren.

So denke und lenke ich den
Seifenblasengedankenwagen strikt
den Berg hinauf und die die das Keifen wagen
nehm‘ ich gern in Kauf;
Sympathie ist nicht mein Ziel.

Doch: Obacht!
Es folgt völlig sinnlos eine Auswahl der schönsten
in diesem Text enthaltenen Zweckreime:
wären/wehren, mehr/sehr, gleich/reich,
sagen/tragen, hinauf/kauf.

Und von mir aus kann das das Einzige sein,
was irgendwer von diesem Text mit nimmt.
Da, Zweckreime! Interesse an „mehr/sehr“?
Nehmt es euch! Hurra!

Vielleicht kann ich nicht gut reimen
und mache es trotzdem. Na und?
Ich kenne viele, die können nicht leben
und machen es trotzdem.
Was ist nun schlimmer?
Was möchte uns der Autor mit
diesen Zeilen sagen?
Und kommt jetzt wieder dieser Refrain?
Ja:

Und ich
ich bin nur ein altkluger Fläz,
ein Kritiker ohne Plattform
ganz platt vom
Auflegen der immer gleichen Platte:
Ja, die Welt ist schlecht.
Ja, der Mensch ist scheiße.

Aber wer hört schon gern alte Platten?
Und jetzt: Fresse.

(Dieser Text enthält vier Zeilen aus sehr guten Songs von The Smiths und PeterLicht. Wer sie findet, hat einen guten Musikgeschmack.)

Kurzgeschichten in 140 Zeichen

Die Initiative „Bamberg liest“ hat gute Ideen. Zum Beispiel die der „Bierdeckelgeschichten“: Autoren dürfen Kürzestgeschichten (maximale Länge: 140 Zeichen!) einreichen und am Ende entscheiden Besucher der Seite und eine „Fach“-Jury, welche dreißig Geschichten auf Bierdeckel gedruckt werden. Auf! Bierdeckel! Ich möchte also alle Leser dieser Zeilen freundlich dazu zwingen, auf besagter Seite nach meinen Beiträgen zu suchen und vielleicht auch auf das kleine Herzchen darunter zu klicken. Klingt narzisstisch, aber: Bierdeckel! Der eigene Name! Auf Bierdeckeln! Das wäre doch ziemlich dufte. Ich würde zwecks diverser Jubel-Autokorsi sogar darüber nachdenken, den Führerschein nachzumachen. Vielleicht.

Aber hier lieber erstmal meine Beiträge:

„Panik in den Straßen Londons.
Panik in den Straßen Birminghams.
Und ich hocke hier in einer Pinte.
Ich hätte niemals Polizist werden dürfen.“

„Hier könnte Ihre Steuererklärung stehen.
Oder Ihre Lebensgeschichte.
Oder natürlich: Ihr Bier. Prost.“

„Er stand vor dem Eingang eines Tanzcafés, las das Plakat:
‚Ü50 – Auch altes Eisen lässt sich biegen‘.
Und tatsächlich: Er bog hinein.“

„Der feine Gast hob den Finger: ‚Noch zwei, bitte!‘
Seiner Bestellung wurde rasch nachgegangen.
Weitere Millionen landeten auf seinem Konto.“

„Mit dem Paket in der Hand stand er vor den Klingelschildern.
Und fand heraus:
In einem Hochhaus sollte man nicht ‚Licht‘ heißen.“

Stolz schwenkte er die Fahne und fuhr ein paar Runden im Kreis. Einzelne Menschen jubelten ihm zu. Der Vatikan war Europameister geworden.

Nachzulesen allesamt bei den Bierdeckelgeschichten. Tolle Sache, das.

Ich selbst? Zweifel

Alles lief geschmiert wie ein leckeres Butterbrot. Aber dann! Da schrieb ich einen neuen Text und gleich der erste Satz enthielt einen peinlichen Vergleich, der an Dilettantismus kaum zu unterbieten war. Verdammt! Es blieb nur zu hoffen, dass doch nicht nur der erste Eindruck zählen würde. Und falls er es doch tut? Doppel-Verdammt! Spontan kam Herr Selbstzweifel vorbei, machte in meinem Kopf Klingelmännchen und sprang dann lachend hinfort, wie er es immer tat. Man ist immer nur so gut, wie es die Zweifel zulassen. Herr Selbstzweifel hinterließ mir unnetterweise ein paar Fragen; wobei „ein Paar Fragen“ falsch ist, denn es waren nicht zwei, sondern drei, hahaha, sehr witzig. Und ich frug mich fragend folgende Fragen:

Bin ich ein eigentlich ein Autor? Joa.
Mache ich Kunst? Joa.
Stelle ich mir rhetorische Fragen, die ich mir dann selbst beantworte? Triple-Joa!

Insgeheim jedoch bin ich sehr, sehr gut und finde das auch von Zeit zu Zeit. Manchmal schmeiße ich mir selbst ein bisschen Geld in meinen Spendenhut, so gut gefalle ich mir an manchen Tagen! Schade, dass man davon nicht leben kann. Ich lande stets bei plus/minus null. Aber im Minus war ich noch nie! Solides Wirtschaften! Guckt mal, diverse Länder, so macht man das! Vielleicht.

Tauge ich als Vorbild? Eher nein.
Tauge ich überhaupt? Das Kreiswehrersatzamt Mönchengladbach sagte: nein.
Und kann ich eigentlich rappen? Ach du Scheiße, man ahnt, was nun kommt.

Yo! Yo! Yo! Johannes Floehr tut jetzt Rhymes verteilen,
No! No! No! Keine Sorge, es sind nur dreizehn Zeilen.

Obacht, Obacht! Jetzt gibt es Floehr ins Gehör!
Obacht, Obacht! Delikat wie Eier vom Stör!
Obacht, Obacht! Reimen macht voll Bock, yoah!
Obacht, Obacht! Ein Gedicht ist eine Brücke und du gehst drü-boah.

Und ich bin so Floehr, flüster‘ dir Unsinn ins Öhrchen,
bin ungesund wie Nutellatoast, tu mal lieber die Möhrchen.
Ich bin so Floehr, bin nicht bloß einer von vielen,
ich bin so Floehr, ich kann mit einem Auge schielen,
ich bin so Floehr, ein Maleur ganz eigener Coleur, gehe nie zum Frisör
und ich schwör‘: ich kenne so viele Reime auf meinen Namen,
ich könnt‘ locker fünf Minuten damit füllen!

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es Gesetze gibt, die das verhindern. Mindestens ungeschriebene. Meinungsfreiheit ja, aber doch bitte nicht, wenn man sie so missbraucht! Die Kunst darf alles, sonst liefe sie im Privatfernsehen. Und im Radio läuft das, was der Computer den Hörern zumuten möchte. Ist alles, was der Masse nicht gefällt, Scheiße? Falls ja, fordere ich: Mehr Mut zu Scheiße! Einheitsbrei schmeckt nun mal nicht jedem, mir bereitet er Verstopfungen. Ich probiere statt Schnitzel „Wiener Art“ mit Pommes gerne auch mal eine Portion Gummibärchen in Aspik mit frittierten Schokoriegeln. Wird wohl nicht schmecken, aber probieren? Gerne!

Ausprobieren ist kreativ und gesund; dumm nur, dass dieses komische Schreiben und noch komischere Auftreten die meiste Zeit frisst. Meine Freundin droht mir regelmäßig damit, sich selbst das Luftventil zu ziehen und meine Freunde sagen schon: „Geh doch mal wieder mit uns ins in der Pinte versacken! Lass uns Fußball spielen, im Matsch, draußen, so wie früher, als wir dich immer ausgelacht haben, weil du ein Uerdingen-Trikot trugst und wir eins von Real Madrid! Oder lass uns generell mal wieder Minuten teilen, sonst kannst du dir auch wieder neue Freunde ausdenken!“

Und exakt so ist das. Was nur ausgedacht ist, kann ganz schnell wieder verschwinden. So ist das mit der guten, alten Fantasie! Eine ganz neue Erkenntnis, ich weiß. Eine mit vielen Nach-, aber noch mehr Vorteilen. Wenn man etwa die Augen zumacht, ist man der Held mit viel Geld und nicht mehr der letzte Rest vom Schützenfest. Deswegen schlafe ich so gerne. In meinen Träumen bin ich anerkannt, ein richtig dufter Typ und so bekannt, dass mich die BILD nach meiner „unentgeltlichen“ Meinung fragt. Und bin dann mal mutig und antworte das, was mein geschätzter Kollege Christian Gottschalk schon sagte:

„Ihre Meinung zu BILD, Johannes Floehr?“
„Fickt euch ins Knie und sterbt, ihr Wichser!“

Aber wenn meine Augen offen sind, dann werde ich höchstens gefragt, ob ich bitte aufhören, gehen oder wenigstens erklären könnte. Und das ist kein Understatement, sondern eben der Herr Selbstzweifel, der regelmäßig dazu führt, dass Textanfänge und Ideen sterben. „Das was du da machen willst, das klappt doch niemals!“, sagt er mir und weil ich insgeheim dümmer bin als ich mir eingestehe, glaube ich es ihm. Ich frage mich, ob ich ein Autor bin und er sagt: nein. Ich frage mich, ob ich Kunst mache und er schüttelt nur hämisch mit dem Kopf.

Nur in seltenen, klaren Momenten scheiße ich auf ihn und sage: Ist doch vollkommen egal. Denn, wie vielleicht schon erwähnt, bin ich eigentlich ganz prima und wenigstens ich selbst. Und nicht nur ausgedacht. Eigentlich müsste ich daraus häufiger Kraft schöpfen können. Wenn also Herr Selbstzweifel das nächste Mal erscheint, dann werde ich keinen Respekt vor ihm haben, sondern nur vor mir, um ihm Folgendes ins Ohr zu hauchen:

Ich bin so Floehr, flüster‘ dir unentgeltlich meine Meinung ins Ohr:
fick dich einfach ganz doll ins Knie und komm nie wieder vor.

Der Sinn von Träumen kann doch nicht nur sein, dass man sich beim Schlaf nicht langweilt

Neulich, da träumte ich von geistiger Umnachtung. Jeder tat Dummes. Chaos in allen Gassen. Jeder hier könnte ein „I’m with stupid“-Shirt tragen und bei niemandem ginge es als Ironie durch. Und für gewöhnlich bin ich ja ein recht gehässiger Kauz. Dumme Menschen, ts. Eigentlich ein gefundenes Fressen für mich, ich habe häufig Hunger auf Häme. Sich erheben und besser fühlen: Manchmal voll okay! Und nirgendwo wird es einem leichter gemacht als hier. Ein wahres All-You-Can-Diss-Mekka. Aber mir ging das Irren der Alptraummenschen tatsächlich sehr nah. Ausnahmsweise. So hatte ich regelrecht Unterhautausschlag, als ich sah, wie einige Menschen panisch Straßenlaternen hinauf zu klettern versuchten. Sie wollten Wolken essen, vermute ich. Besser wussten sie es nicht, vermute ich ebenfalls. Überhaupt: Keiner wusste irgendwas, alle wussten nix; was war, was ist und wofür das hier alles hingestellt worden ist und weshalb. Ein großer, hilfloser Haufen Mensch. Körper-Klumpatsch. Mit Antwortpanik und Unwissenheitstourette; auf der erfolglosen Suche nach der Ausfahrt aus der Irrfahrt. Hier konnte man Fragezeichen in den Köpfen nicht nur fühlen, sondern auch sehen. Ich bin mir sicher, [hier bitte beliebigen, als außergewöhnlich dumm geltenden Prominenten einsetzen] wäre hier bereits als Baby Bürgermeister, Bundestrainer und Nobelpreisträger geworden. Doch dumm ist nicht der, der Dummes tut, sondern der, der nichts gegen Dummes tut. So hielt ich es ausnahmsweise für meinen Traumjob, den Gestalten hier zu helfen.

Besonders bedürftig erschien mir eine ältere Dame mit grünem Seidentuch um den Kopf. Sie ging die Straße immer wieder auf und ab, planlos und mit den kleinen Händen an den Kopf geklammert, so als würde sie hoffen, es käme ihr durch Händedruck eine Antwort. „Kann ich Ihnen helfen? Wollen Sie irgendwo hin?“, frug ich sie. „Nach Hause! Nach Hause!“, wimmerte mir die Frau entgegen. Sie zeigte mit Armen und Beinen in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig, es wirkte wie ein tragischer Tanz. Erst jetzt fiel mir ihr ungewöhnliches Äußeres auf. Ihre Zähne waren so orange wie etwas, das sehr orange ist (z.B. eine Orange). Und ihre Augen waren sehr, sehr groß. Wäre ich Journalist, so müsste ich ausrechnen, wie häufig das Saarland oder Fußballfelder hineinpassten. Stattdessen frug ich weiter: „Wo ist denn Ihr Zuhause? Können Sie mir einen Straßennamen nennen?“, „Nein, nein! Weiß nix! Dahinten!“. Sie lief Richtung Norden. „Nein, dahinten nix, dort hinten!“, sie lief Richtung Süden. Ihre nackten Füße klapperten auf dem Asphalt hin und her. Ich lief ihr nach, um sie zu fragen, was sich denn Markantes in der Nähe ihrer Wohnung befände. Vielleicht könnte ich ihr ja doch noch helfen. Sie antwortete: „Mein Mann“. Ich blieb regungslos stehen und konnte nur noch hinterher sehen, wie sie breitbeinig auf eine Straßenlaterne sprang.

Ein paar Vögel zwitscherten ein Lied, vielleicht Mozart. Vielleicht improvisiert. Vielleicht aber auch egal. Ein dürrer Mann im Unterhemd fiel vor meine Füße. Er schwitzte stark wie ein Marathonläufer nach dem Zieleinlauf. „Wie spät ist es, wie spät ist es?“, keuchte er mich an und ich antwortete ihm wahrheitsgemäß: „Drei Uhr in der Nacht“. „Und warum? Warum ist es drei Uhr in der Nacht? Warum nicht Nachmittag? Warum? Warum? Waruhuhuhuhum?“. „Tut mir leid, das weiß ich nicht“. „Das höre ich immer, keiner hier weiß etwas!“. Nun veränderte sich seine Stimme, als hätte man seine Zunge ausgetauscht oder seine Stimmbänder geölt: „Aber ich stelle mich erstmal vor, wenn du schon von mir träumst. Hallöchen, ich bin hier gewissermaßen so etwas wie dein Gewissen. Der Geist der vergangenen Diffamierungen, oder so. Ich muss jetzt auftauchen, denn gleich wachst du auf. Und ohne Moral wäre so ein Traum ja ganz schön sinnlos, nicht wahr? Träume sind schließlich nicht nur dafür da, dass man sich beim Schlaf nicht langweilt. Achso, mein Name ist übrigens Kevin“, er reichte mir seine linke Hand. Ich schüttelte sie. Was sollte ich auch sonst tun.

Er fuhr fort: „Übrigens heißen hier alle Kevin. Sogar einige Frauen. Die anderen heißen Chantal. Und weißt du, wieso wir hier so heißen? Weil man dir erfolgreich eingeredet hat, dass dumme Menschen so heißen. Du bist aber nicht nur schuld an unseren Namen, sondern auch an unserer Existenz. Diese ganzen Vorurteile, die du mit dir herumschleppst. Deine Verachtung für vermeintlich weniger Gebildete. Deine politische Inkorrektheit. All das paart sich und ergibt eben diese Bastarde, die du hier nun herumpurzeln siehst. Dieser Traum hier war ein Test, du hast ihn bestanden. Zwinker, zwinker! Du hast aber hoffentlich gesehen, dass deine uncoole Art langfristig eher zu einem gesellschaftlichen Alptraum führt. Merke: Nett sein belohnt dich, Arschloch sein lohnt nich‘. Also, du weißt, was zu tun ist. Wache nun auf und sei erleuchtet. Keine Ursache, Adieu mit ö.“

Ich tötete ihn. Und tatsächlich, dann ich wachte auf. Noch im Schlafanzug verpackt rannte ich auf die Straße, kletterte auf eine Straßenlaterne und versuchte, Wolken zu essen.

[der Titel des Textes ist angelehnt an einen Spruch des sehr guten Komiker-Duos Katz & Goldt, erwerbt das dazugehörige T-Shirt bitte hier.]

Interview zur Lesebühne

Ich habe dem Essener Magazin „Off Guide“ ein Interview zu unserer Lesebühne „Zwei Ossis und ihr Johannes“ gegeben. Also tappst bitte kollektiv nach Essen, um euch die Off Guide-Ausgabe 06/12 zu sichern – oder lest die Fragen und Antworten nun hier.

Auf einer Lesebühne der etwas anderen Art im Essener Kunst & Kultur Cafe (KKC) verbünden sich seit neuestem zwei „Ossis“ Ilja Budnizkij, Sascha Matesic (aka Sushi da Slamfish) und „Quotendeutscher“ Johannes Floehr einmal im Monat um mit geballter Wortspielerei zu begeistern.

Live on Stage improvisieren „Zwei Ossis und ihr Johannes“ eine skurrile Mischung aus Prosa, Storyboard, Gedicht, Musik und Performance. Wechselnde Gäste, wie z.B. Horror- und Comedy Schriftsteller Thorsten Sträter (trat mit 41 Jahren erstmals auf die Poetry-Slam-Bühne und gewinnt seither Wettbewerb um Wettbewerb) setzen das i-Tüpfelchen auf die Veranstaltung. DJ Cutoon (High Five Disco, Supakool, Soundsystem, Beatplantation) setzt den Kontrapunkt mit Hip Hop, Breaks, Funk, Dubstep und Elektro.

Wir trafen Johannes Floehr zum Gespräch in der Sonne … mit einem Poeten, der gleichzeitig zart und hart sein kann …

Off-Guide: Vielseitiger als die „Lesebühne” kann eine Bühnenshow kaum sein, oder? Wie haben „Zwei Ossis und ihr Johannes” zueinander gefunden?

Johannes Floehr: Eigentlich passen wir gar nicht zusammen, das stimmt. Wir sind sehr unterschiedliche Käuze, jeder mit seiner ganz eigenen Biografie. Und offensichtlich auch mit ähnlichen kleinen, positiven Dellen im Kopp. Sushi da Slamfish macht seit dreizehn Jahren Poetry Slam-Gedöns, Ilja hat russlandgroße Theater- und Radioerfahrung und ich bin der junge, forsche Springinsfeld. Das passt. Wir kannten uns durch viele gemeinsame Slams und stellten fest, dass unsere Ideen gut zusammenpassen. Oder, um es anders zu sagen: Ilja ist der Kaviar, Sushi die gefüllte Paprika und ich das gemäß dem deutschen Reinheitsgebot gebraute Pils. Alles sehr lecker. Auch und gerade zusammen.

Als Moderatoren und Veranstalter regionaler Poetry Slams, wie z.B. in der Essener HeldenBar seid Ihr in der Szene längst keine Unbekannten mehr. Was genau war die Initialzündung für ein weiteres Projekt?

Wir hatten einfach das Gefühl, dass es passt mit uns dreien. Die Idee einer Lesebühne hatten wir alle schon länger im Sinn. Dann haben wir uns gesucht, gefunden und das alles zurecht und glücklicherweise. Gegenseitig profitieren wir jetzt von unseren unterschiedlichen Charakteren und Schreibstilen, entwickeln uns weiter. Davon haben wir etwas, davon hat der Zuschauer etwas. Eine SS-Situation (Sieg/Sieg-Situation) für alle! Außerdem bietet uns eine Lesebühne auch die Möglichkeit, Kollegen, die wir sehr schätzen, als Gäste einladen zu können. So gab zum Beispiel MC Rene, der ja mit seinem Bahncard 100-Buch derzeit omnipräsent durch deutsche Landen düst, auf unserer Bühne sein literarisches Debüt.

Slam Poetry, Lesebühnen, Kabarett- und Comedyprogramme entstehen selten spontan – warum liegt der Fokus bei „Zwei Ossis und ihr Johannes” auf der Improvisation?

Wir improvisieren ja nicht ausnahmslos, es gibt stets einen roten Faden. Der allerdings auch mal reißen darf und sogar: muss. Nur Text auf Text auf Text würde nicht funktionieren. Schließlich sind wir nicht Günter Grass. Und unsere Gedichte reimen sich sogar meistens. Abgesehen davon macht Improvisation selbstredend am meisten Spaß. Es steht für das Unerwartete für alle Beteiligten. Natürlich geht dadurch ab und an mal etwas in die Hose. Was man uns aber gewiss nicht übelnehmen kann, weil wir extrem dufte Typen sind. Und bescheiden.

Im Gegensatz zum Poetry Slams kommen „Zwei Ossis und Johannes” ohne Wettbewerbs-Charakter aus …
scheut Ihr den Vergleich? Oder habt Ihr einfach keine Lust auf noch mehr Stress und Leistungsdruck?

Essen hat bereits drei monatliche Poetry Slams, allerdings gab es vor uns keine Lesebühne hier. In diese Lücke haben wir uns gequetscht. Jetzt quetschen wir uns zusätzlich gegenseitig aus, damit die bestmöglichen Texte entstehen. Wir sind gekommen, um zu quetschen. Dabei einen Wettbewerb zu veranstalten ergäbe wenig Sinn, weil wir auch ausführlich gegen die üblichen Poetry Slam-Regeln verstoßen: Wir arbeiten bisweilen mit Requisiten und ohne Zeitlimit, auch Fremdtexte kommen ab und an vor. Auf unserer Lesebühne machen wir das, was uns anderswo verboten ist. Frei von allem und damit auch frei von dem Gedanken, uns am Nächsten messen zu lassen. Wenn wir uns dann doch mal duellieren wollen, machen wir das auf regulären Slams in der Region. Oder am Telefon, wenn es darum geht, welchen Hochklasse-Gast wir uns als nächstes einladen wollen.

Welche Autoren dienen als Inspirationsquelle für Eure Texte?

Da kann ich jetzt natürlich nur für mich sprechen und nenne drei Namen: Charles Bukowski, Max Goldt, Heinz Strunk. Letztes Jahr bekam ich von Ilja zum Geburtstag ein Buch von Wladimir Sorokin geschenkt; er meinte, es wäre genau das, was ich lesen wolle. Vielleicht sollte ich mal langsam damit anfangen. Sonst köpft er mich. Und das sähe ja ganz schön blöde aus: zwei Ossis ohne Johannes.

Was bedeutet Euch Slam?

Viel.

Vielen Dank für das Interview!

(Interview: Christiane Mihoci / Fotos: Lisa M. Engel)

Die nächste Lesebühne findet übrigens am 11.07. im KKC statt! Kommt zahlreich.

Zehn Tage Hitler (neue Version)

Die Äl­te­ren wer­den sich ge­wiss noch gut an das Jahr 1983 er­in­nern. Be­son­ders drei Dinge wer­den ihnen im Ge­dächt­nis ge­blie­ben sein: zum einen der 5:0-​Heim­sieg von Bayer Uer­din­gen gegen Darm­stadt (und der damit ver­bun­de­ne Auf­stieg in die Bun­des­li­ga) und zum an­de­ren: der Skan­dal um die an­geb­li­chen Ta­ge­bü­cher von Adolf H. im Fak­ten­ma­ga­zin „Stern“. Der „Stern“ bekam nur Fälschungen. Wer hat das Original? Ich. Lange Zeit habe ich mich dagegen gewehrt, diesen Text als eher links-orientierter Mensch zu publizieren, doch Ilja Budnizkij, russisch-jüdischer Teil meiner Lesebühne „Zwei Ossis und ihr Johannes“ meinte, dass ich diesen Text nicht nur veröffentlichen dürfte, sondern sogar müsste. Wenn man nicht über Hitler lacht: Worüber denn dann? Stimmt. Und vorab noch ein Zitat Hendry M. Broders: „Adolf Hitler ist der einzige deutsche Beitrag zum Welthumor“.

12. April 1944
Liebes Tagebuch. Habe heute ver­sucht, Blon­die den Hit­ler­gruß bei­zu­brin­gen. Doch das elen­de Vieh wei­ger­te sich. Vielleicht hat es auch einfach die falsche Rasse. Es war aber auch total un­kon­zen­tiert! Ich hoffe, ich finde noch eine End­lö­sung für die­ses Kon­zen­tra­ti­ons­pro­blem. Da müss­te ich doch noch ir­gend­was auf Lager haben… Au­ßer­dem habe ich noch ein biss­chen Schif­fe ver­sen­ken im bri­ti­schen Ge­wäs­ser ge­spielt, aber lei­der ver­lo­ren. Churchill, dieser elende Cheater! Lol!

13. April 1944
Habe heute endlich einmal etwas gebacken bekommen: ein preußengroßes Backblech voll mit NSDAPlätzchen! Lecker! Ansonsten ist heute nicht viel passiert. Habe meine Lebensversicherung gekündigt, denn weil ich ja unsterblich bin, brauche ich die nicht. Clever! Mal gucken, ob der morgige Tag besser wird.

14. April 1944
Leider nein: Neu­ig­kei­ten von der Front. Ach ja, Krieg, stimmt, da war doch noch was. Zehn­tau­send un­se­rer Män­ner sind in Le­nin­grad ge­fal­len. Ja, meine Güte, dann sol­len sie halt wie­der auf­ste­hen! Ich habe jedoch ver­an­lasst, den Ka­me­ra­den zwan­zig­tau­send Pflas­ter mit Blüm­chen­mus­ter zu­kom­men zu­las­sen. Bin ja kein Un­mensch.

15. April 1944
End­lich Sonn­tag! Habe Eva ge­fragt, ob wir nicht mal wie­der Ge­schlechts­ver­kehr haben könn­ten – ich wün­sche mir doch so sehr einen klei­nen Verfüh­rer­sohn. Aber Eva lach­te nur und hat mich ge­fragt, ob denn schon wie­der Weih­nach­ten wäre. So eine Frech­heit! Ist sie Franz Beckenbauer oder was! Und Blon­die, diese dumme Töhle, kann den Füh­rer­gruß immer noch nicht!

16. April 1944
Klug wie ich bin, habe ich heute ein neues Ge­setz er­dacht. Unter Pa­ra­graph 14181418, Absatz 888888Periode8 ist jetzt fest­ge­legt, dass das Weih­nachts­fest von nun an am 17. April ge­fei­ert wird. Eva weiß noch nichts von ihrem Glück, mor­gen werde ich sie über­ra­schen. Das wird sehr, sehr gut.

17. April 1944
Was hatte ich mich auf die­sen Tag ge­freut! Weih­nach­ten! Das Fest der Liebe! Im gan­zen Reich bau­ten die Kin­der Schnee­män­ner aus Asche, die Leute schenk­ten sich ge­gen­sei­tig hübsch ver­zier­te Kör­per­tei­le (oder was sie sonst noch so auf den Stra­ßen fin­den konn­ten) und ich freu­te mich dar­auf, mei­nen, zu­ge­ge­ben, klei­nen Adolf in Eva ein­mar­schie­ren zu las­sen. Alles war vorbereitet: Im rechten Winkel meiner Schmusestube hat sich ein HJ-Chor aufgestellt (ich weiß nicht wie viele, aber ich schätze es waren 33-45 Buben), um „Sex Machine“ von Evas Bruder James zu singen. Die totale Romantik! Doch Evas Mumu wagte einen Putsch, sie woll­te sich mir nicht öff­nen! Also entschied ich mich für Blitzwichs. So etwas darf nie, nie wieder passieren!

18. April 1944
Ich traf mich heute mit Jo­seph, dem alten Spas­ti vom Nie­der­rhein, um ihm mein Leid zu kla­gen. Jo­seph war sehr ein­fühl­sam, wir tran­ken ge­mein­sam drei ari­sche Kan­nen Kaf­fee und dann frug er mich: „Willst du die to­ta­le Auf­mun­te­rung?“ und na­tür­lich wil­lig­te ich ein. Eine to­ta­le Auf­mun­te­rung ist die kür­zes­te Auf­mun­te­rung. Er er­zähl­te mir, ich bräuch­te mir keine Sor­gen um Evas Mumu zu ma­chen, die wäre nicht immer so tro­cken. Na dann.

20. April 1944
Ge­burts­tag! Juhu! Jubeldubeldei! Alle meine Freun­de sind ge­kom­men und wir haben zu dritt eine tolle Fete bei mir im Füh­rer­bun­ker. Hein­rich schenkt mir ein Ei. Ein rohes Ei! Wozu? Ich weiß es nicht, ver­dammt! Aber alle an­de­ren fan­den es lus­tig, also habe auch ich ein biss­chen mit­lei­dig ge­schmun­zelt. Bin ja immer noch kein Un­mensch. Dann hat jemand gepupst. Man gab mir die kollektive Schuld! Doch ich war das nicht! Das Gas kam aus einem Gestapo! Scha­de nur, dass Eva und Jo­s­peh nicht zu mei­ner Feier ge­kom­men sind. Wo sie bloß sind?

21. April 1944
Heute habe ich etwas ge­lernt: wenn Blon­die auf dem Rü­cken liegt, ge­lingt ihr an­nä­hernd der Füh­rer­gruß. Ich bin stolz auf sie. Gab ihr zur Be­loh­nung ein paar übrig gebliebene NSDAPlätzchen und EssEss-Papier. Im deut­schen Reich soll nie­mand hun­gern! Achso, Eva ist üb­ri­gens wie­der auf­ge­taucht. Und als nach­träg­li­ches Ge­burts­tags­ge­schenk brach­te sie mir einen neuen Film von Leni (nicht Lenin!) mit. Auf DVD. Ach nein, die gibt es ja noch nicht. Also im Super8-Format. Der Titel des Films: „Wie ich in Auschwitz mein Herz verlor – und alle anderen Organe auch“. Scheint eine Liebeskomödie zu sein.

22. April 1944
Habe Depressionen. Eva will nicht fi­cken, der Krieg geht mir auf den ein­ei­igen Sack, alles läuft ein­fach schei­ße im Mo­ment. Daher lenke ich mich ein wenig ab. Hein­rich hat mir zum Ge­burts­tag eine Schall­plat­te mit ent­ar­te­ter Musik mit­ge­bracht. Ich höre sie nun schon seit Stun­den und tanze flip­pig dazu. Da fällt mir auf, was hier für ein Dreck regiert! Wer hat denn da mit meinem Globus Fußball gespielt? Apropos Fußball: Ich muss heute früh schlafen gehen. Morgen erwartet mich der FC Buchenwald. Muss da einen neuen Ascheplatz einweihen. Gute Nacht!

Entschuldigung.

Die dreiteilige Reißzwecke

Neulich wurde ich gefragt, warum ich denn nur albernen Unfug schreiben würde und nicht, zum Beispiel, unalbernen Fug. Mit eben selbigen – und mit Recht! – habe ich mich an einem etwas anderen Text versucht. So mit Romantik (wtf, lol!) und so. Das Werk trägt den sehr guten Titel „Die Reißzwecke“. Hier die erste Version, inklusiver einiger Anspielungen auf jemanden, auf den ich anspiele.

Es war einmal eine handelsübliche Reißzwecke an einem für sie unüblichen Ort. Sie lag auf dem warmen Asphalt einer wenig befahrenen Straße im Osten Schleswig-Holsteins nahe der kleinen Gemeinde Schleinitz an der Potz. Häufig, wenn die Sonne unterging, dachte die kleine Zwecke darüber nach, wie es hätte sein können. Sie hätte bei ihren gutsituierten Freunden in einer Schreibtischschublade aus Teak oder Tropenholz liegen können, doch stattdessen lag sie einsam und nutzlos auf der Straße herum wie [hier bitte passendes Beispiel einfügen]. Das Schicksal macht auch vor Büroartikeln nicht halt. Melancholiefördernd kommt hinzu, dass am Straßenrand Maiskolben wuchsen. Sie tanzen vergnügt und gelb im lauen Wind. Bis schließlich Joseph kam und die Halunken erntete. Joseph war mal Kranführer gewesen, doch nun war er der Maiskolbenmann, der Mais in die Welt hinaus trug. Unsere Reißzwecke wäre gerne wie der Mais. Oder wie Joseph. Weltenbummler und nützlich. Monatelang hoffe sie, der Laster, von dem sie einst fiel, käme irgendwann zurück, um sie einzusammeln. Vergeblich. Hätte sie Tränendrüsen, so würde sie viel weinen. Doch eines Tages, es war ein Mittwoch (oder auch nicht), da kam ein grüner Ford Mondeo vorbei und fuhr unachtsam mit dem linken Vorderreifen über die Reißzwecke. Sie bohrte sich tief ins Profil, wo sie übrigens bis heute steckt. Der Fahrer des Fahrzeugs war zufälligerweise ein afrikanischer König. Und so kam die Reißzwecke dann doch noch in den Genuss, die Welt zu entdecken.

Für eine erste Version ganz gut, dachte ich. Doch dann wollte ich eine „Johannes-Version“ schreiben, die mit allerlei Albernheiten aufwartet und bescheuert ist. Herausgekommen ist folgende, zweite Version:

Es war einmal eine Reißzwecke, die auf einer wenig befahrenen Straße im Disneyland Resort Paris herumlag. In ihrem früheren Leben war die Reißzwecke ein Tannenzapfen gewesen, woran sie sich gut erinnerte, denn sie war Buddhist. Nun war sie traurig. Manchmal kamen Goofy und Minnie Maus vorbei, allerdings nur, um die Reißzwecke neckisch zu kitzeln, nicht um ihr zu helfen. Und so lag sie dann da, die olle Zwecke – ohne, dass sie einen Zweck erfüllte, höhö. Manchmal weinte die Reißzwecke ganz viele Tränen, die sich flink wie Buzz Lightyear in einen reißenden Bach entwickelten, in welchem auch Arielle, die Meerjungfrau gerne nackig badete; übrigens hat Gerüchten zufolge die Seine hier ihren Ursprung. Armes Reißzweckchen. Erschwerend kommt dann noch hinzu, dass am Straßenrand das Musical „König der Löwen“ probte und die Reißzwecke Musicals scheiße fand. Wäre sie mal lieber ein Teak-Schreibtisch oder Mais oder Kranführer geworden oder so. Doch eines Tages, es war sehr sicher ein Mittwoch, da kam plötzlich eine ganze Fahrzeugkolonne vorbei. Vorneweg natürlich der Papst im Papamobil, dahinter ein fliegender Teppich mit Aladdin drauf, gefolgt von den Flintstones, dem A-Team-Bus, Wolfgang Schäuble, „K.I.T.T.“ aus Knight Rider, dem Mannschaftsbus von Fortuna Düsseldorf, Mary Poppins und abgeschlossen wurde die Parade mit Caspar, Melchior und Balthasar, die auf einem Bobbycar sitzend Aristocats-Witze improvisierten. Die Reißzwecke, gar nicht dumm, nutzte die Gunst der Stunde und pieckste sich in Aladdins Teppich, wo sie noch heute steckt und von wo aus sie die Welt erkundet. Gut für sie, denn im Disneyland ist es ziemlich öde und Goofy stinkt.

Bescheuert, aber vielleicht noch etwas zu lang. Daher schrieb ich auch noch eine dritte, kurze Version:

Es war einmal eine Reißzwecke, die irgendwo herumlag und in die weite Welt hinaus wollte. Doch leider hatte sie AIDS und starb. Schade.

So. Aber welche Version ist nun die beste?

Wird die EM verschoben?

Zwar hat Bundestrainer Joachim Löw heute seinen (vorläufigen) Kader für die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine bekanntgegeben, doch es kann sein, dass die EM verschoben wird. Nein, nicht wegen der Situation in der Ukraine. Sondern wegen mir. Den folgenden E-Mail-Wechsel habe ich mir nicht ausgedacht, ich habe ihn mit dem DFB vor ein paar Tagen tatsächlich so geführt. Ich schwöre.

Sehr geehrter DFB, Hallöchen Oli Bierhoff, Grüß Göttle Herr Löw.

Mein Name ist Johannes Floehr, ich bin zwanzig Jahre alt und Freund, Fan und Freund der deutschen Nationalmannschaft. Und als solcher freue ich mich natürlich auf die Europameisterschaft. Ich denke, sie wird ganz gut.

Nun habe ich allerdings ein Problem. Ich las auf einer „Internetseite“, dass am Tag des Spiels gegen Niederlande/Holland/diese Orangen (13.6.) auch meine Lesebühne „Zwei Ossis und ihr Johannes“ (gemeinsam mit Ilja Budnizkij und Sushi da Slamfish) in Essen stattfindet. Das passt mir und unseren Zuschauern nicht.

Weil unsere (sehr, sehr schönen) Plakate bereits gedruckt sind, möchte ich Sie bitten, dieses Spiel auf einen anderen Tag zu verschieben. Gerne auf Dienstag oder Donnerstag, mir schnuppe. Und gewinnt gegen Holland bitte möglichst zweistellig. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,
Johannes Floehr

PS: Bitte nehmt Gerald Asamoah noch mit zur EM, ich finde den ganz cool.
PPS: Bitte nehmt Kevin Großkreutz nicht mit zur EM, ich finde den nicht so cool.

Einen Tag später erhielt ich bereits eine Antwort:

Hallo Herr Floers,
vielen Dank für Ihr Schreiben. Wir werden Ihr Anliegen selbstverständlich an Herrn Löw und das Team um die Nationalmannschaft herantragen und Ihre Interessen vor der UEFA-Delegation mit Nachdruck vertreten. Wir können Ihnen allerdings keinen Erfolg versprechen. Wär Ihnen eventuell egholfen wenn die EM um ein Jahr auf 2013 verschoben würde?
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr DFB-Team

Ich antwortete:

Hallo DFB-Team,
Ja.

Grüße,
Johannes Fleurs

Und wieder der DFB:

Hallo.
Na dann schauen wir doch mal was sich da machen lässt. Sollte es zu einer Verlegung kommen, wird Jogi Löw persönlich bei Ihnen vorbei kommen um die Nachricht zu überbringen.
Mfg,
DFB-Team

So. Wisster Bescheid. Und kommt am 16.05. zur Lesebühne in Essen, der wunderbare Torsten Sträter ist dann wieder bei uns zu Gast!

Vorstellungsgespräch

Huiuiui, Vorstellungsgespräch. Ausnahmsweise war ich zu einer einstelligen Uhrzeit aufgestanden, tags zuvor hatte ich mir sogar ein Hemd gebügelt. Also ich würde mich nehmen, so viel stand fest. Selbstbewusst trat ich ein. Ich schüttelte eine wichtige Hand, setzte mich hin und noch vor meinem ersten Wort bot man mir ein Glas Wasser an. Ja, vielen Dank, sehr gerne; sehr gastfreundlich die Leute hier, durchaus! Prost! Und es war ein leckeres Wasser, ein sehr leckeres Wasser. Mjamm, mjamm, mjamm! Ich hatte gerade erst meinen ersten Schluck genommen, da stellte mir mein Gegenüber plötzlich eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet war:

„Wer sind Sie denn?“

Hm. Ich dachte ein paar Sekunden nach, weil nicht schon der erste Satz eine Lüge sein sollte. Dann stand ich auf, kratze mich staatsmännisch am Kopf und beantwortete die Frage so gut ich konnte:

„Was bin ich, wer bin ich, wieso, weshalb, warum, fidibum.
Nun: Mein Name ist Johannes und ich bin schwarz. Zudem bin ich Jude. Aber auch: eine Frau. Genauer noch: Ich bin eine Türkin. Ich bin also eine jüdische Afro-Germanin mit zusätzlichem Bonus-Bosporus-Migrationshintergrund – um es ‚korrekt‘ zu sagen und modern zu sein und blablabla. Achso, und ich bin schwul. Und behindert. Und klug. Und sehr, sehr schön. Und, und, und ich sehe, dass sie ein wenig verwundert sind. Zurecht. Das steht so schließlich nicht in meinem Lebenslauf. Da steht nur drin, dass ich ein Praktikum hinter mir habe. Das ist vielleicht auch richtig, aber nicht wichtig. Sehen Sie, ich bin ein kleiner Teil unserer bunten Gesellschaft. Das finde ich gut. Doch als was bin ich hier? Als Mensch. Als Facettenreicher im Facettenreich. Das habe ich wiederum mir nicht ausgesucht. Jetzt bin ich es eben. Bleibe es wohl auch.

Obwohl heute ja so einiges möglich ist, habe ich in naher Zukunft beispielsweise nicht vor, mich zu einem Tier umoperieren zu lassen. Wäre ja auch für uns beide etwas komisch, wenn jemand in Ihren Betrieb käme und dann säße da eine Giraffe im Anzug, hehe. Ganz zu schweigen vom Krawattenproblem, so lange Krawatten gibt es nirgendwo, obwohl manch einer ja gerne mal so ’nen Hals hat, wenn Sie verstehen, was ich meine, hahaha! Kleiner Scherz. Dieser Witz wurde Ihnen präsentiert von: Johannes. Aber ich bin ein wenig abgeschweift, Verzeihung.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie mich fragen, was ich bin, dann muss ich Ihnen ehrlich sagen: Alles. Alles ein bisschen. Manchmal fühle ich mich mongoloid, dann wieder wie ein junger Springinsfeld, ja, mönchmöhl föhle öch möch sögahr wie ein Östdoitschör. Kommt alles vor. Dass ich so manisch schizophren bin, liegt vor allem an meinem Geburtsjahr. Einfach nur tolerant sein ist nicht hip genug für Menschen meines Alters! Wir vom Jahrgang 1991 sind postmoderne Toleranz-Faschisten! Wir akzeptieren nicht bloß, wir sind! 2012 ist das Jahr 0 der ehrlichen Akzeptanz. Bis dahin war es ein weiter Weg, aber mal ehrlich: Menschen in Schubladen stecken ist sooo 1933. Einfach nur mit allen schmusen und auskommen ist sooo 1968. Und zu betonen, dass wir doch alle gleich sind, ist auch längst überholt, das muss man nicht mehr sagen. Aber wir sind anders! Für uns sind alle noch mehr als gleich! Wir sind gleicher! Wir sind die erste Generation, die ‚gleich‘ steigern kann! Und wo alle gleicher sind, da muss ich es ihnen gleichtun!

Gleicher unter Gleichen! Mann gleich Frau! Fleischfresser gleich Veganer! Sie gleich ich. Die simple Mathematik einer funktionierenden Gesellschaft! Übrigens gäbe es auch keine Kriege mehr, denn wer kämpft schon gegen sich selbst? Nur Dumme. Und Dumme gibt es unter Gleichen nicht, weil alle dumm, aber eben auch schlau zugleich sind. Gedankenkommunismus, wenn Sie so wollen. Es fände quasi eine Vergesellschaftung des rationalen Denkens statt. Ich weiß, auch das ist ein wenig verwirrend, ich fasse deswegen leicht verständlich zusammen: Einsetzen statt aussetzen. Verstehen statt [hier bitte passendes Verb einfügen]. Und wenn Sie mich nun fragen, wer ich bin, dann muss ich schlussendlich sagen: Ich bin Sie. Ich bin alles. Ich bin jeder.“

So sprach ich und dachte: Ganz großes Kino, also ich würde mich sowasvonaufjedenfall nehmen! Doch nun wurde es spannend. Der Mann mir gegenüber legte seine Hände auf den Tisch und sagte: „Gut, aber ‚jeden‘ nehmen wir hier nicht. Außerdem denke ich, dass Sie für den Job als Zeitungsbote leicht überqualifiziert sind. Sie erzählen viel Unsinn und argumentieren völlig schief. Sie bauen Zusammenhänge, wo keine sind und das mit der Giraffenkrawatte habe ich immer noch nicht verstanden. Sie sind ein Kauz. Ein lügender Kauz. Gehen Sie doch in die Politik oder werden Sie Comedian oder so etwas in der Art. Ich jedenfalls kann Sie hier nicht gebrauchen, tut mir leid.“

Ich erhob mich, trank noch einen letzten Schluck Wasser und ging. Und bis heute vermute ich, dass er mich nur aus einem Grund nicht einstellen wollte: Weil ich schwarz bin.

Am Gartenzaun

Auf der Straße, in der ich wohne, ist für gewöhnlich nicht besonders viel los – daher wohl ihr Name „Randstraße“. Und so erklärt sich auch meine ungewohnte Schaulustigkeit: Vor einem kleinen Haus irgendwo zwischen meiner Wohnung und einem Supermarkt standen viele, viele Autos mit fernen Kennzeichen, man versammelte sich chic und lachend in einem Vorgarten. Ich blieb stehen. Hm. Leute, die in dieser Gegend auffällig gut gelaunt sind, sind immer erstmal verdächtig. Rasch wurde jemand auf meine Anwesenheit aufmerksam und meine Blicke schienen zu fragen, was hier denn los sei. Eine Dame erklärte mir, dass hier eine italienische Hochzeit gefeiert würde. Hossa!

Trotz meines Aussehens frug man mich dann: „Wollen Sie mitfeiern? Oder sind Sie ein Nazi?“ und ich verneinte beides. „Also doch Nazi?“, „Nein, nein; aber ich halte nichts von Hochzeiten“ erklärte ich plausibel. Unverständnis hinter dem Gartenzaun. Und als ich schließlich davontrottete, rief mir ein älterer Herr hinterher: „Kommunist!“– womit ich zwar deutlich besser leben kann, aber vielleicht hätte ich einfach einen Grappa mittrinken sollen. Denn so wird das nichts mit der guten Nachbarschaft. Mi scusi!

Kann Spuren von Restalkohol enthalten

Es begab sich, dass eine deutsche Mutter drei Kinder warf. Hintereinander und untenrum nackt. Das Wunder der Geburt entfaltete sich wie eine Ziehharmonika, nur lauter. Beim Pressen wurde ge-ooooht, ge-aaaaht und gepresslufthämmert. Was vollkommen okay ist. Drei Kinder auf einmal, das ist mehr als doppelt so viel wie die durchschnittliche deutsche Durchschnittsmutter im Durchschnitt per Kaiserschnitt auf die Welt schmeißt. Respekt! Ich hätte das aus Gründen nicht gekonnt. Die deutsche Mutter hat mir einiges voraus! Und im kühlen Lampengeflacker des Werner Schulze-Erdel-Hospitals wurde es dann eine wahre Nachwuchstrilogie; eine Drillingsgeburt in drei gleich großen aktentaschengroßen Akten. Die Hebamme, gelernte Kellnerin, nahm die dreiteilige Brut auf einmal auf, legte sie beiseite und wunderte sich währenddessen über den kuriosen Verlauf der Geburt: Getreu der deutschen Tugend „Ordnung“ hatte sich Mutter Natur in Kooperation mit Vater Mammon nämlich etwas überlegt.

So fielen die Filiusse und Filia gemäß ihrer finanziellen Zukunft aus der mütterlichen Mumu heraus. Es ist wie es ist wie es ist wie es ist, es ist folgendermaßen: Das Erstgeborene trägt exklusiv die traurige Last des Erstgeborenen – die anderen nicht. So wurde das erste Kind arm geboren, das zweite so mittel und das dritte reich. Und das Reichste bekam auch als einziges Kind einen Namen geschenkt, weil die Mutter sparen musste. Jüngst verlor sie wegen ihres irrational expandierenden Bauches sogar ihren Arbeitsplatz als menschliches Korrektiv bei „Lafer! Lichter! Lecker!“. Wie inspirierend diese Arbeit für sie gewesen war, zeigt jedoch die Namenswahl für das reichste Kind. Es wurde geschlechtsneutral auf den Namen „Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran“ getauft.

Was zu ungeahnten Schwierigkeiten im Kindergarten führte. Obwohl die anderen Kinder selbst mehr Bindestriche als Vokale in ihren Vornamen trugen, waren sie kognitiv nicht dazu in der Lage, sich den leckeren Namen zu merken. Dabei hätten sie ihn in jedem gut sortierten Supermarkt nachlesen können. So erhielt Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran schnell beziehungsweise fix den tollkühnen und toll kurzen Spitznamen „Tütensauce“. Und schwuppdischwabbeldiwuppwupp, ausgestattet mit diesem sehr guten Namen lief es auch gleich viel besser für Tütensauce. Es war ihm nun beispielsweise ein Leichtes, Mitspieler für sein flippiges Traktor-Quartett zu finden und auch sonst entwickelte sich Tütensauce prächtig.

Mit vier Jahren hatte es bereits seinen ersten eigenen Kaufladen. Mit fünf Jahren führte es ein komplettes Kasperletheater. Und mit gerade einmal sechs Jahren untersuchte es als „Dr. Tütensauce“ diverse Kinderkörper auf Herz, Nieren und Kitzeligkeit. Ausgestattet mit diesem runden Teil, an welches so ein an den Ohren endender Schlauch angeschlossen ist – Klugscheißer nennen diese Vorrichtung „Plastik-Stethoskop“ – stellte es verlässlich fest, ob jemand lebte oder eben nicht mehr. Und siehe da! Der ganze Kindergarten lebte! Dank und wegen und mit Tütensauce. Für seine Mutter zurecht ein Grund für das Fühlen von ehrlichem Stolz.

Ebenfalls tröstete es sie darüber hinweg, dass der Spender des Drillingssamens zu dieser Zeit gesellschaftlich einen schweren Stand besaß. Tütensauces Vater hatte ein mittelmäßiges Gedicht über Israel geschrieben und die Leute hatten sich anschließend mächtig darüber aufregt; wahrscheinlich, weil es sich nicht reimte. Immerhin hatte Tütensauce durch ihn ein gewisses Bisschen künstlerisches Talent geerbt. Es malte gern und gut wie ein begabter Schimpanse, manchmal fanden am hauseigenen Kühlschrank Vernissagen statt. Zudem tanzte es wunderbar Ballett. Weswegen Tütensauce in diversen Theaterstücken mitspielen durfte: in „Wilhelm Tell“ spielte es den Apfel, in „Faust“ einen heftigen Luftzug und in „Don Carlos“ einen Baum.

Weniger erfolgreich verlief hingegen leider das Heranwachsen seiner weiterhin namenlosen Geschwister. Ach ja, die waren ja auch noch da, mag der geneigte Textkonsument nun denken. Ähnlich dachten auch die Eltern. Schatten-Geschwister, irgendwie existent, natürlich auch geliebt, aber eben nur im Hintergrund. Sie lernten gerade erst das Lesen und verwechselten dabei ständig O und Q, was mitunter zu lustigen Neologismen wie „Ouoatschkqpp“ führte. Ganz schön arm! Aber man hätte es schon bei der Geburt erkennen können: Reich sein hilft. Und mit dieser nicht sonderlich neuen Erkenntnis endet dieser Text; gewiss jedoch nicht die Geschichte des unglaublichen Maggi fix & frisch Kartoffelpfanne Mediterran. Ein Typ der Meisterklasse! Von ihm wird man noch viel hören! Oder essen, falls er denn irgendwann mal Koch wird. Guten Appetit!

„Sacksuppe“ live

(gelesen am 04.04.2012 im Finale des Poetry Slams in Moers)

Sacksuppe

Lies diese Zeilen und vergiss sie wieder.
Jeder Text hier ist nur ein Fertiggericht aus Fragmenten,
gut angereichert mit Dingen, die du nicht lesen willst,
verfeinert mit Anspielungen, die du nicht verstehst,
und das Endprodukt ist nur Wortwichse, die dir ins Gesicht spritzt.
Du musst es wegwischen.

Dein Taschentuch ist die Zeit, sie reinigt dich und
lässt dich vergessen und treibt dich zurück auf deine einsame Insel;
wo du unbenommen und weich im Nehmen
die Etikette verfolgst so als wärst du ein Luftballon,
der den Himmel sucht, aber vorher platzt.
Du musst wegschwimmen.

Wir haben nicht grundlos Grenzen auf die Landkarten gemalt,
denn dir dienen die Schranken als Wegweiser;
exakt ebenda erwartet dich Glück, da wo das Fremde gurrt,
wo der Horizont nicht in ein Korsett gezwängt
nach Puste schnappt, sondern weiter geht, weiter, weiter, weg.
Du musst dich ausziehen.

Nicht Kleider machen Leute, sie geben es nur vor;
eine Trainingshose ist pragmatisch, ein Trikot ist pathetisch,
doch beides bist du nicht des Stoffes wegen.
Weil sich auch hinter Lumpen eine Idee verstecken kann,
ist die Optik ein böser Diener der Vorurteile.
Du musst die Augen schließen.

Die Fantasie ist ein Freizeitpark mit Rutschen nur nach oben,
du kannst fliegen, ficken, Fliegen ficken oder den Himmel finden;
den Mut, den du auf der Straße nicht aufbringst,
kannst du dir hier in die Waagschale legen und das
ewige Gleichgewicht der Gesellschaft revolutionieren.
Du musst zur Revolution werden!

Verkörpere die Veränderung!
Baue dir Luftschlösser, die mehr Verstand kosten würden als Miete,
lege deinen Finger in die Wunde und male den Teufel an die Wand,
sonst wird beides ignoriert und todgeschwiegen und die heile Welthülle dehnt sich aus,
fahre aus der Haut, bis du jedes angefressene Gramm Dummheit verlierst,
sei kein Moralapostel, werde ein Jünger der Vernunft,
bewaffne dich mit Toleranz, ziehe aber nicht in den Krieg gegen den Krieg und
lege dich nicht in Ketten, sondern an den Strand, aber passe auf:
die Sonne kann dir nicht nur Wärme geben, sondern auch Hautkrebs.
Niemand will dir etwas Gutes, sonst hätten sie es längst getan.

Mein Tipp für dich ist also folgender:
Creme dich ein mit deiner eigenen (Gedanken-)Pisse,
nur die ist unverfälscht
und frei von fremden Flausen.
Sei lieber dein eigener Idiot als einer von ihnen.

Wenn du jedoch zu faul bist
und lieber ein Luftballon sein willst:
lies auch dann diese Zeilen.
Aber bitte: vergiss sie wieder.
Die nächste Ejakulation kommt bestimmt.

Polemik und Exkremente

Etwas Großes leisten.
Sich etwas Großes leisten.
Groß werden im Kopf!
Nicht das Leben imitieren
und mal Pipi in die Augen zaubern,
nicht nur an die Nachbarswand
oder in die Regenrinne.

Und dann groß machen wie
damals auf dem Kinderklo,
das lustige Melodien spielt,
wenn man was abgesetzt hat.
Aktion und Reaktion!
Absatz und Rendite!
Abdrücken muss sich wieder lohnen, Steuern rauf!

Die Abfälle ins Töpfchen,
den Unsinn ins Köpfchen.
„Für Elise“ auf einem Kinderklavier spielen,
mit Elise auf einem Flügel die Welt retten.
Oder wenigstens dort mit ihr schlafen.
Dafür ist die Welt doch da!
Elise auch. Seid furchtbar und belehret euch!

Bitte, da habt ihr jetzt ein Ziel.
Macht etwas daraus,
ich selbst bin leider verhindert,
weil leicht bis schwer geistig behindert,
sonst wäre ich ja kein Autor, rofllolxd.
Aber jetzt ist Schluss.
Ich muss groß.

„Also, ich würde mich wählen!“

Bislang war ich lediglich Poet, Moderator und Raucher. Doch dieser Tag wird in die Geschichte meiner Lebensgeschichte eingehen, denn ab sofort bin ich auch: Politiker. Wie es dazu kam und weitere, ehrliche Informationen dazu lesen Sie jetzt in einem Interview mit mir selbst. Verbreitung erwünscht.

„Also, ich würde mich wählen!“

Krefeld. Ein junger Nachwuchsbürger geht in die Politik. Soll er halt. Und soll er halt mal was zu sagen. Unser Redakteur Johannes Floehr traf sich mit Johannes Floehr, um mit ihm über die kommende Landtagswahl, die Ziele der PARTEI und Hannelore Kraft zu sprechen.

Guten Tag, Herr Floehr. Erklären Sie uns doch zunächst einmal, wovon wir hier reden.

Sehr gerne. Das sogenannte „Bundesland“ Nordrhein-Westfalen sucht aus Gründen einen neuen Landtag. Einen zu finden ist allerdings gar nicht so einfach. Weswegen die Partei „Die PARTEI“ für Sie, liebe Demokratinnen und Demokraten, am 13.05.2012 eine Landtagswahl ausrichtet. Wir bitten um Kenntnisnahme. Und Ihre Stimme für die PARTEI. Selbstverständlich sind aber auch andere Partien („Piraten“) und Splittergruppen („FDP“, „CDU“) herzlich dazu eingeladen, sich auf die Wahlzettel drucken zu lassen – wir werden deren Ergebnisse nach der Wahl ganz basisdemokratisch unter „Sonstige“ bekanntgeben. Übrigens: Als erste Partei der ganzen Welt hat die PARTEI am vergangenen Samstag seine Landesliste gewählt. Und auf selbiger steht auch irgendwo mein Name.

Sie sind nun also ein Politiker.

Vielen Dank bzw. Arschloch. Mit Verlaub.

Welchen Listenplatz haben Sie denn ergattern können?

Ich stehe relativ weit hinten, weil die Listenplätze nach der Höhe des Einkommens vergeben worden sind. Absteigend. Die Reichen nach oben, die Armen nach unten. So machen es andere Partien übrigens auch, aber nur wir geben es zu. Man könnte nun sagen, dass es für mich mit einem so „späten“ Platz auf der Landesliste knapp werden würde mit dem Einzug in den Landtag, aber wer Derartiges behauptet, hatte früher definitiv keinen Mathe-Leistungskurs: Denn es genügen bereits etwa 40% der Wählerstimmen, um mich in den nordrhein-westfälischen Landtag zu wählen. Angesichts des Wahlziels der PARTEI, nämlich das Erreichen der absoluten Mehrheit („plus x“), bin ich mir sehr sicher, demnächst in Düsseldorf arbeiten zu dürfen. Wofür ich mich vorab bereits bedanken möchte.

Nicht so voreilig. Noch sind Sie nicht gewählt. Bei der Landtagswahl 2010 erhielt die PARTEI nur rund 0,12% der Zweitstimmen.

Die Statistik lügt, wir glauben nur unseren eigenen. Bei einer vergangenen Kreistagssitzung haben wir beispielsweise ganz spontan gefragt, welche Partei die Anwesenden wählen würden – dass 100% der Befragten für die PARTEI stimmten, spricht für sich. Ich denke also, dass es sich bei den Ergebnissen der letzten Landtagswahl um ein Versehen gehandelt hat. Genau aus diesem Grund geben den Bürgerinnen und Bürgern ja auch nun die Chance, alles wiedergutzumachen.

Erklären Sie unseren Lesern doch einmal, wieso man gerade der PARTEI vertrauen sollte.

Jeder Wähler, der der PARTEI seine Stimme gibt, beweist, dass er Ahnung hat. Wähler der PARTEI haben durchweg Ahnung. Schließlich ist die PARTEI sehr gut. Nehmen wir als Beispiel unseren Landesvater Dr. Mark Benecke. Er ist die Ahnung in Person. Er hat nicht nur einen echten Doktortitel, sondern in seiner nebenberuflichen Tätigkeit als Kriminalbiologe mutmaßliche Knochen Adolf Hitlers untersucht. Er bewies, dass es sich um Fälschungen handelte. Ich hätte das nicht gekonnt. Sie etwa? Oder irgendjemand anders? Ich glaube nein. Nur Dr. Mark Benecke kann das. Er war auch schon einmal bei Markus Lanz, also sind auch die Beziehungen zu schmierigen Halli-Galli-TV-Nasen gegeben. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: Sollte die PARTEI gewählt werden, bekämen wir es gewiss hin, die Sendung „Wetten dass…?“ – die Älteren werden sich erinnern – für immer in die Mehrzweckhallen Ostdeutschlands zu verbannen. Die endgültige Verbannung der trivialen Samstag-Abend-Unterhaltung aus NRW. Das ist unser Auftrag. Und Tierschutz.

Gut, dass Sie es selbst ansprechen: Tierschutz scheint Ihnen besonders wichtig zu sein. Er kommt auch im Kürzel der „PARTEI“ vor (Anm. der nicht vorhandenen Redaktion: „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“). Erläutern Sie dieses Anliegen doch bitte.

Ich bedanke mich für diese Frage. Korrekt, „Tierschutz“ steht in unserem Namen. Doch das „T“ ist, wie übrigens alle anderen Buchstaben auch, austauschbar. Wir stehen für alles, was uns Mehrheiten bringt. Tiere sind zwar sehr süß und manche Arten sind nicht nur zwischen Fladenbrot sehr schmackhaft. Doch sollte sich herausstellen, dass die Bürger Nordrhein-Westfalens etwas Anderes als wichtiger einstufen, so können wir reagieren. So haben beispielsweise nächtliche Befragungen am Duisburger Hauptbahnhof ergeben, dass die Kernthemen der Leute dort ganz andere sind als etwa in der Universität Münster. Die Befragten in Duisburg ziehen „Titten“ dem „Tierschutz“ vor. Weswegen „PARTEI“ dort für „Partei für Arbeitslosengelderhöhung, Rente mit 30, Titten, Erektionsförderung und kostenlose iPhones“ steht. Wir sind flexibel, wo wie es der Zeitgeist von uns auch verlangt. Wir sind eine Partei neuen Typus. Modern und sehr gut, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte.

Was halten Sie von Hannelore Kraft?

Sie ist gar nicht so verkehrt. Wenn Sie möchte, kann sie nach unserem Wahlsieg bei der PARTEI anfangen. Ich persönlich bräuchte zum Beispiel noch einen Fahrer für meinen Dienstwagen, da ich keinen Führerschein habe. Frau Kraft darf sich gerne um die Stelle bewerben! Auch SPD-Mitgliedern muss man eine zweite Chance geben, etwas Vernünftiges aus dem eigenen Leben zu machen. Obendrein würde sie dann auch erfahren, wie es ist, bei einer Partei mit auf-, statt absteigenden Mitgliederzahlen zu sein. Das täte ihr vielleicht ganz gut, für das Zählen ihrer Augenringe braucht man ja längst eine beachtliche Truppe von Mathematikern.

Wie viele Mitglieder hat die PARTEI denn derzeit?

In NRW sind es etwa zweitausend. Doch im Land wohnen noch rund achtzehn Millionen Bürger, die wir „Schlaf-Mitglieder“ nennen: Menschen, die in unserer schnelllebigen Gesellschaft einfach noch nicht die Zeit gefunden haben, den Mitgliedsantrag auszufüllen. Man kommt ja zu nix. Das wissen wir, weswegen wir den Bürgern nach der Wahl entgegenkommen wollen und die PARTEI-Mitgliedschaftskarte zur Pflicht werden lassen. So könnte der Bürger rund zehn Minuten Zeit sparen – und gespart werden muss in NRW ja ohnehin, wenn ich mir das milliardenschwere Haushaltsloch so ansehe. Unsere Rechnung ist einfach: Zeit ist Geld, Zeit sparen ist Geld und bei achtzehn Millionen Mal zehn Minuten Zeitersparnis wäre unser Land blitzschnell raus aus den Schulden. Ich weiß nicht, wieso da nicht schon jemand drauf gekommen ist, aber Politiker denken ja generell gerne viel zu kompliziert.

Sie scheinbar nicht. Sprechen wir also nun wieder über Ihre Person. Warum gerade Sie, Herr Floehr?

Sehen Sie, Herr Floehr: Es sind Neuwahlen. Und ich bin quasi noch neu. Erst vor zwanzig Jahren bin ich durch hier nicht weiter wichtige Umstände auf diese Welt gekommen. Seither habe ich keine Scheiße gebaut: Ich leihe mir nichts bei Freunden, fahre mit keinem Dienstwagen in den Urlaub und Weltkriege habe ich auch keine angefangen. Und überdies stand ich noch nie zur Wahl. Niemals (!) hatte der mündige Bürger die Chance, mir seine Stimme zu geben. Nun schon. Das ist neu. Alles an mir ist neu, weil unbekannt. Ich bin die Neuwahl in Person. Das passt. Also, alleine deswegen würde ich mich schon wählen. Außerdem passt mir der Düsseldorfer Landtag als Arbeitsplatz ganz gut, die kneipenreiche Altstadt ist zu Fuß nicht einmal dreißig Minuten entfernt.

Werden Sie doch bitte konkret: Was möchten Sie ändern?

Es gibt so Tage, da habe selbst ich nichts Besseres zu tun, als in die Zeitung zu sehen. Dort lese ich dann, dass Politiker ständig Scheiße bauen. Ich sprach bereits davon: Am laufenden Band machen die Scheiße! Das kann doch nicht sein! Mit mir ist Scheiße nicht zu machen. Ich stehe für Spökes, sprich: Unsinn und Spaß. Es ist nicht auszuschließen, dass ich im Landtag Witze erzählen werde. Wissen Sie, Witze werden zu Unrecht von der Gesellschaft geächtet. Ein guter Witz lockert jede spießige Debatte auf, Witze sind demnach prädestiniert für die Politik. Auch PHOENIX hätte sicher höhere Einschaltquoten, wenn Wolfgang Schäuble statt Sudoku zu spielen ein gutes Witzebuch lesen würde. Ein Beispiel: Kennen Sie den Witz mit dem Laubfrosch, der beim Frauenarzt zufällig Hannelore Kraft trifft?

Nein, den kenne ich leider nicht.

Dann wissen Sie ja, welcher Partei Sie am 13.05. Ihre Stimme geben müssen. Und ich denke, Ihre Leser wissen das auch.

Potzblitz, Sie haben mich überzeugt! Ich bedanke mich für das Gespräch.

Liebe Bürger in NRW! Wählen Sie am 13.05. die PARTEI! Nähere Informationen entnehmen Sie bitte der Tagespresse, wir werden in Kürze ein paar Pressemitteilungen herumschicken. Vielen Dank.

Klein, aber oh oh!

Kinder. Ich habe ja nichts generell gegen sie. Ich war ja auch mal eins! Hey, Überraschung! Ich war zwar kein sonderlich schönes, intelligentes, sportliches oder beliebtes. Aber manche Dinge ändern sich eben! Oder eben nicht. Das soll jetzt hier jetzt aber nicht das Problem sein. Das liegt woanders: Kinder sehen immer nur das Gute im Menschen. Sie lachen ständig grundlos und nehmen einfach alles so hin. Das geht mir tierisch auf die Klötze. Naiv sein, es aber noch nicht mehr schreiben können. Das ist so dreist. Das Wort „Satansbraten“ reicht da gar nicht als Umschreibung.

Kinder sind viel mehr so Teufel-ChickenMcNuggets oder Gummibaumhirnbärchen oder so. So kleine, weichgeklopfte Mini-Dingerchen. Und alles wirklich Relevante ist denen egal. Kinder denken nicht nach, interessieren sich für nix und die gehen nicht mal zur Bundestagswahl. Scheiß Nichtwähler, ist doch wahr, dass es sowas heute immer noch gibt. Inzwischen weiß doch jeder Thünnes, dass Nichtwählen die radikalen Partien unterstützt! Alle wissen das! Nur Kinder nicht. Diese Nazis aus Versehen. Die juckt das gar nicht, bei denen jucken nur die Windpocken. Das reicht heutzutage.

Wie viele Kinder sitzen denn im Bundestag? Okay, schlechtes Beispiel, aber wenn man nach dem Alter geht, dann null. Aber wie viele Kinder haben denn Nobelpreise und Integrationsbambis gewonnen, na? NULL! In wie vielen Kindergärten spricht man denn über den neuen Bundespräsidenten oder die Eurokrise? In keinem! Das ist doch ein riesiger Skandal, über zwanzig Millionen Kinder und alle faul! Und wir fördern das ja auch unentwegt. Wenn der eigene Filius es geschafft hat, ein verschissenes Mandala mit Wachsmalkreide auszumalen, dann sind wir voll des Lobes und tätscheln dem kleinen van Gogh auf den Kopf und sagen ei, ei, fein hast du da die Blume lila gemalt, feiin. Das kann doch nicht seiin.

Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch ich will keine Kinderarbeit, aber so ein bisschen könnten die doch mal tun für unsere Gesellschaft! Wollense aber nicht. Immer nur schön Halligalli und Trallafitti und Konfetti und Hotel Zack & Cody und wie die ganze Kacke heißt, die auf i und y endet. Handy. RTL zweii. Oder: Filly. Das sind so kleine, Arschloch-Pferdchen. Zum Sammeln. Die können nix, man kann die nur streicheln und die sehen dann nett aus. In 2012 wohl das passende Kinderspielzeug. Statt den SPIEGEL lesen Kinder nur Wendy, das lustige Hoppehoppereiter-Journal.

Aber Zügel in die Hand nehmen hat mehrere Bedeutungen, liebe Kinder! Bildet euch doch mal. Das wäre mir fürs Erste genug, dann muss ich mit euch nicht immer über Playstation und Ponys reden. Hüa, galoppiert mal Richtung Einsicht! Aber nein! Kinder gehen nicht in die Oper oder ins Theater, die gucken nur den ach so lustigen Kasperle. Und der fragt dann: „Seid ihr alle da?“ JA, VERDAMMT! SIND SIE! Leider. Einfach gestrickt wie eine Tischdecke und genauso intelligent. Da hab ich keinen Bock mehr drauf! Da muss man doch mal was tun! Was verändern! Schnitt.

Wir, als Gesellschaft, wir müssen kleine Menschen so früh es geht auf unsere große Welt vorbereiten. Mit all seinen Tücken und Hindernissen. Deswegen habe ich mir etwas überlegt. Obacht! Jedes Kind liebt Überraschungs-Eier. Wegen der lustigen Figuren. Wie wäre es, wenn jedem siebten Ei liegt eine Figur beilegen würde, die auf soziale Missstände und doofe Sachen hinweist? Ich denke da etwa an Sextourismus-Happy Hippos. Oder bayrische Kindesmissbrauch-Bärchen. Oder iranische Massenvernichtungswaffen-Kätzchen, ganz süüüß und putzig, aber auf einer Atombombe sitzend. Das hätte dann wenigstens einen Realitätsbezug ohne all das Heile-Welt-Gedöns.

Und wäre auch aus pädagogischer Sicht nicht gefährlich. Die Generation meines Großvaters hat mit martialischen Zinnsoldaten gespielt und hat es ihnen geschadet? Gut, zugegeben, sie haben Hitler gewählt und einen Weltkrieg angefangen, aber sonst? Eben. Alles nette Menschen. Opas sind immer nette Menschen. Und ich will, dass auch aus den heutigen Kindern mal nette Omas und Opas werden! Wenn in ein paar Jahren schon halb Deutschland über fünfzig Jahre alt ist, dann sollen diese Leute auch bitteschön nett sein! Sonst drehe ich noch komplett durch und das will doch keiner.

Ich habe meinen Ü-Ei-Figuren-Vorschlag übrigens an Ferrero geschickt. Kein Scheiß. Aber auch keine Antwort. Vielleicht hält man meine Idee für Ironie. Oder für bescheuert. Beides ist im Bereich des Möglichen. Und liegt wie so vieles: im Auge und Alter des Betrachters.

Eine kleine Geschichte, die vielleicht auf Missstände hinweist

Die Laus sitzt auf einem Blatt und guckt herum. Hier oben von der Eiche aus kann man prima in den Wald blicken. Und staunen. Mutter Natur ist eindeutig die kreativste Frau der Welt, weit, weit vor Ruth Moschner und Erika Steinbach, um nur zwei unpassende Beispiele zu nennen. Im Wald sind Politik und Comedy egal, man lebt einfach nur seinen tierischen Alltag. Fern von allem, nah am Glück. Dort drüben, da spielen ein Igel und ein Hase Fangen, dahinten schleppen circa tausend Ameisen eine große Menge Kleinigkeiten von hier nach da. Und die Laus futtert ein bisschen Blattzeug. Am schmackhaftesten sind die weichen Mittelteile, der Rand schmeckt nur so mittel. Blätter sind wie Toastbrot, nur anders. Dann kommt der Wind. Mühelos übertönt er die feinen Kehlen der Singvögel. Wenn einem die Natur kommt, dann geht das Konzert in eine unfreiwillige Pause. Der Wind, der Wind, das himmlische Findelkind des Sturms. Die sehr kleinen und schwachen Waldtiere verstecken sich in Löchern, man sucht Schutz und findet ihn. Nur die Laus ist gefangen, hält sich mit ihren kleinen Laus-Tatzen am Blättchen fest. Das Eichen-Geäst wackelt bedenklich von links nach rechts, oben und unten. Der Stiel des Blattes leistet fleißig Widerstand, doch der Diktatur des Windes hat es nicht viel entgegenzusetzen. Es bricht. Das Blatt segelt hinunter. Und die Laus fühlt sich wie Superheld. Fliegen! Wie Fliegen! Oder Vögel! Oder Flugzeuge! Paradoxerweise vergeht die Zeit im Flug exakt so schnell wie üblich.

Am Boden angekommen, schüttelt sich die Superlaus kurz, um den Baum wieder hinauf zu krabbeln. Das war toll! Nochmal! Was einen nicht tötet, das will man nochmal machen. Doch der Wind ist längst weitergezogen. In die Stadt, wo die Menschen ihn nur als notwendiges Übel ansehen. Dort ist der Wind ist wie Politik und Comedy. Mutter Natur gefällt das nicht. Und der Laus ist es egal.

Ein modernes Märchen im Präsens

Es sind einmal ein cholerischer Misanthrop, eine chinesische Rentnerin und ein Kleinwüchsiger in einem Dinosaurier-Kostüm. Die sitzen in einer Bar. Sie wünschen sich ständig irgendwelche Lieder, die der Barkeeper nicht kennt und bauen lustige Häuser aus Bierdeckeln. Die Stimmung ist dennoch betrübt: In der Redaktion des örtlichen Telefonbuch-Verlages hat ein Schelm die Nullen durch Os ersetzt und jetzt kann niemand mehr die Telefonnummern lesen. „So eine Scheiße, ich hasse euch alle!“ ruft der Misanthrop plötzlich völlig unvermittelt und völlig plötzlich, da unvermittelt. Besonders die Chinesin erschreckt sich sehr stark, weil sie nicht versteht, was gerade gesagt wurde und generell gar nicht weiß, wie sie überhaupt hergekommen ist. Eigentlich wollte sie eine leckere Marzipantorte backen und in Deutschland rasch ein wenig Marzipan erwerben. Dass daraus nicht wurde, muss man der deutschen Infrastruktur vorwerfen. Die ist nicht so gut. Aber nun ist die Chinesin eben da und wird brav toleriert. Manchmal quietscht sie vergnügt und altersmilde. Der Barkeeper sagt dann stets: „Völkerverständigung beginnt in der Leber! Prost!“ und schmeißt eine Lokalrunde.

Besonders amüsant ist es dann, dem Kleinwüchsigen zuzusehen. Die Biergläser sind kaum größer als er. Wenn er sich die Mühe machen würde, den Haltegriff hinauf zu klettern, könnte er im Bier schwimmen. Doch diesen Gefallen tut er den Anwesenden nicht. Schade. Dafür erfreuen sie sich fleißig an seinem vollkommen sinnlosen Dinosaurier-Kostüm, welches er wie folgt hergestellt hat: Man nehme eine kleine Hartgummi-Figur der Firma „Schleich“, höhle das Innere der Figur hinaus und wenn dann noch akrobatisches Talent vorhanden ist, kann man in das harte Korsett hinein schlüpfen. Fertig. „So ein Scheiß-Kostüm, ich hasse dich!“ ruft der Misanthrop und fügt hinzu: „Aber nicht, weil du sehr, sehr klein bist, sondern weil du ein Mensch bist, nur um das klar zustellen. Misanthropie und Rassismus sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. So wie Post-Its und reguläre Notizzettel.“ Und dann quietscht die chinesische Rentnerin; ein drei Meter großes Bierdeckelhaus fällt infolgedessen in sich zusammen. Der Kleinwüchsige wünscht sich ein tiefgründiges Liebeslied von Peter Maffay, der Barkeeper kommt diesem Wunsch nach und so weiter.

Als die Szenerie dann beginnt, sich langweiligerweise ständig zu wiederholen, kommt auf einmal der liebe Gott in die Bar. „Tach, Gott“ begrüßen ihn die Barbesucher beiläufig, der Barkeeper hält einen mäßig unterhaltsamen Monolog mit vielen „oh mein Gott“-Anspielungen. „Oh mein Barkeeper, mix mir einen Scotch mit Single Malt! 50:50!“, sagt Gott ganz lässig und cool und alle sind sich sicher, dass das tatsächlich der liebe Gott sein muss, denn sonst wäre er nicht so lässig und cool. Schnell realisieren die Gäste, dass dies ein besonderer Moment ist. Mit Gott sprechen kennen sie nur aus dem Fernsehen und gilt nun zu testen, ob BibelTV so authentisch ist wie gedacht. Als Erste wendet sich die Chinesin an Gott und erzählt ein bisschen mit ihm, der ja praktischerweise alle Sprachen der Welt spricht, weil er sie erfunden hat. [irgendwas auf Chinesisch, keine Ahnung] Gott zeigt Richtung Norden, wo spontan eine pittoreske Marzipanbäckerei aus dem Boden wächst. Ein letztes Mal quietscht die Rentnerin, um anschließend fröhlich die Bar zu verlassen. „JAWOLL, endlich ist sie weg! Ich hasste sie“, jubelt der Misanthrop und fügt an: „Aber ich freue mich nicht darüber, weil ich ein Nazi bin, sondern einfach nur so, weil. Ich. Es. Kann. Fickt euch!“.

Und dann bewegt sich der Kleinwüchsige in die Richtung des Allmächtigen. Gott kann ihn erst nicht sehen, da er unschön über die Teppichfransen gestolpert ist, aber dann sieht er ihn doch, weil alles andere nicht in die „Dramaturgie“ dieser Geschichte passen würde. „Dein Problem ist kaum zu übersehen, mein Sohn“, sagt Gott und tätschelt sanft über das Dinosaurierkostüm. „Hier, du sollst haben, was dir fehlt.“ spricht er weise und kurioserweise in einem ostdeutschen Dialekt. Und dann zaubert er dem Kleinwüchsigen ein verkehrssicheres Damenfahrrad herbei. „Nun kannst du radeln, wohin du willst! Aber denke immer daran, dass jeweils zwei Katzenaugen in die Speichen geklemmt sind und achte stets aufmerksam auf den Verkehr!“ Der Kleinwüchsige ist hocherfreut, tritt sehr kräftig in die Pedale und vor lauter Geschwindigkeit fährt er ein Loch in die Tür. Gottseidank ist es sehr klein, so dass höchstens Kellerasseln hindurch passen würden.

„Gut, dass der weg ist, ich habe ihn immer geha…“, will der Misanthrop dann sagen, doch seine intelligenten Ausführungen werden von Gott jäh gestört. „Schweig“, sagt er, „ich weiß, was du sagen willst. Und ich sage dir eins: du hast völlig recht. Menschen sind total bescheuert. Verzeihung dafür.“ Da ruft der Barkeeper: „Reue fängt in der Leber an! Lokalrunde!“ und wenn sie nicht gestorben sind, dann saufen sie noch heute.

Tausendfünfhundert…

…Aufkleber sind bestellt, gedruckt und für schön befunden worden. Damit kann die Werbeoffensive für diesen sehr, sehr guten Blog nun beginnen! Man könnte auch sagen: Werbekrieg. Nur eben friedlich. Und alle sind Gewinner.

(ja, das Foto sind für die Verhältnisse des 21. Jahrhunderts unscharf, aber man darf nicht so gierig nach hochauflösenden Fotos sein. Ihr Gierigen! Apropos: Falls jemand einen Aufkleber möchte, möge er/sie mich bitte einfach anquatschen, ich werde immer welche bei mir tragen.)

Fitze, Fitze, Fotze

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Stimmt gar nicht. Meine Oma fährt meistens mit dem Bus. Auf Straßen. Ohne Eier drumherum. Und überhaupt: Ich kenne keinen einzigen Menschen, der im Hahngehege lustige Kreise fährt. Was für ein Unsinn! Aber, irgendwer schon das schon machen. Irgendjemand fährt im Hühnerstall Motorrad, Motooorrad.

Alle meine Entchen schwimmen auf dem See. Ich habe Entchen?! Nein. Ich habe eine Katze. Die macht zwar ihr Schwänzchen in die Höh‘, schwimmt aber nicht. Die macht nur „miau“. Immer dieses „miau“. Weiß nicht, was die an dem findet. Der hat fünfzig Millionen Chinesen getötet! Gut, bei einer Milliarde Einwohnern fällt das nicht so auf. Trotzdem! Mao, Mao? Ich sage ja auch nicht den ganzen Tag „Hitler, Hitler“. Na, Johannes, wie geht’s dir? Hitler! Zum hier essen oder mitnehmen? Hitler! Wo kämen wir denn da hin! Hitler fährt im Hühnerstall Motorrad. Alle meine Hitlers schwimmen auf dem See, IQ unter Durchschnitt, Ärmchen in die Höh‘. Ist ja albern.

Abgesehen davon müsste es heißen: Mutter Naturs Entchen schwimmen auf dem See. Aber soweit denkt ja niemand! Meins, meins, meins; meine Entchen! So ein Quak! So ein schlechtes Wortspiel! Werden wir kurz wieder ernst: Es ist doch. Schon im Kindergarten werden wir auf den Kapitalismus vorbereitet. Und ene, mene, mu, raus bist du; auf der Reise ins Konsumharem zieht dir immer jemand den Stuhl weg. Und auf dem Boden der Tatsachen kommt niemand vorbei und schenkt dir die T-Aktie. Da kannste lange drauf warten. Das Leben ist kein Waldorfkindergarten, sonst wären Formulare aus Filz und bei „Deutschland sucht den Superstar“ würden die Teilnehmer Eurythmie tanzen und das „Viva la Waldorf“-Lied singen. Das es übrigens wirklich gibt. Ich möchte daraus zitieren:

Das hier ist unser Liebeslied
für die Schule am Vollkorn-Kiez.
12 Jahre ein Volksfest für Freaks,
von den Waldis gibt’s jetzt dicke Beats.

Ich finde schön, dass diese Menschen am Vollhonk-Kiez so kreativ und selbstironisch sind. Ob es jetzt freiwillig lustig ist oder nicht, spielt keine Rolle. Außerdem: Es gibt in der Historie der scheinbar harmlosen Lieder über Randgruppen viel schlimmere Beispiele. Nehmen wir etwa „Zehn kleine Negerlein“. Ein Lied, in dem Schwarze als dumm, unzivilisiert und dumm dargestellt werden. Das ist an sich schon so weltfremd und rassistisch, dass sich auch unsere Haare kräuseln müssten. Okay, Sklaverei gibt es offiziell nicht mehr, aber Intoleranz ist für die meisten noch immer im doppelten Wortsinne ein Fremdwort. Die moderne Version der zehn kleinen Negerlein müsste folgendermaßen klingen:

Zehn kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund zogen mal hierher,
da kamen Geschlechtspartnerinnen vorbei und schon waren sie viel mehr.

Tausend kleine Mitbürger mit afrikanischem Migrationshintergrund wollten dann studieren,
„nein, aber oh, sie kommen aus dem Kongo, können wir sie zum Bongospielen animieren?“

frug ein Frackträger namens Dr. Soundso,
nun sitzen die Meute bei McDonald’s rum und putzt da das Klo.

Und hier gilt nun das gleiche wie bei „Mitten im Leben“: ich wünsche, es wäre Satire. Sprich: überzogen. Doch: Das Leben da draußen ist nicht wie in Kinderliedern, es ist teilweise viel schlimmer. Um davon abzulenken, erzähle ich nun einen Witz:
Was ist weiß, rechteckig und überflüssig? Dieser Text! Hahahahaha!

Warum ich diesen Unsinn hier dennoch erzähle? Hitler. Und jetzt gehe ich. Aber nicht mit meiner Laterne, ihr Doofen.

Das Quiztaxi kann nicht überall gleichzeitig sein [neue Version]

„Sagen Sie mal, wieso läuft das Taxameter eigentlich auch dann weiter, wenn wir an einer Ampel stehen?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf leicht nach rechts, in seinen Augen flackert das Böse: „Ist halt so.“

Sie stehen an der Kreuzung zwischen Ostwall und Marktstraße. Die Laternen arbeiten, es ist Nacht. Der Fahrgast hätte natürlich laufen können, aber auch zwei Kilometer können sich ganz schön ziehen. Und: Wer kann, der kann eben. Das Taxameter zeigt sechs Euro und zehn Cent. Portokasse, das sind lediglich Peanuts/Erdnüsse für ihn. Der Staat will zwar einen Teil seines Einkommens, aber der Spitzensteuersatz wurde im unermüdlichen Laufe der Zeit so sehr gesenkt, dass, nun ja, er kann sich Taxifahren halt leisten. Als sie dann an einem Wahlplakat einer beliebigen Partei vorbeifahren, liegt ihm eine weitere Frage auf den Lippen:

„Sagen Sie mal, wieso beschweren sich immer alle über die Politik? Jeder, der in unser Land kommt kann doch aus sich machen, was er will. Und das sage ich jetzt nicht, weil sie schwarz sind.“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so. Und ich das sage ich Ihnen nicht, weil sie weiß sind.“

Nieselregen setzt ein, ein einsamer Passant schaut dem Taxi hinterher und sucht in seiner Hosentasche nach einem Feuerzeug. Ob er es findet, bekommen die Taxi-Insassen nicht mehr mit.

„Okay, gut, aber, sagen Sie mal, wieso sind alle Taxis aus dem Hause Mercedes, wo es doch so viele andere gute, tolle, deutsche Automarken gibt; so ein Taxi-Porsche, kennen Sie doch, oder?, das hätte doch mal was, vor allem: Stil?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert immer noch der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

Die Ampel springt auf grün, das Auto mit dem gelben Schild fährt den Ostwall hinauf. Aus dem Funkgerät des Taxifahrers kommen alle paar Sekunden irgendwelche Krefelder Straßennamen gekrächzt. Breite Straße, Lewerenzstraße, Tiergartenstraße, Horstdyk; überall Menschen, die abgeholt werden müssen. Und dann? Manchmal kotzt einer auf die Ledersitze, manchmal versucht einer ohne zu zahlen zu flüchten, manchmal ist es sogar ganz angenehm. Und heute ist es so, wie es ist. Das Taxi fährt nun eine Linkskurve, rumpelt langsam in die Rheinstraße. Vorbei an leer stehenden Geschäften, vorbei an Geldautomaten, vorbei an Tauben, die sich selbst mit ein paar Brotkrümeln füttern.

„Sagen Sie mal, was würden Sie tun, wenn Sie ein Tier wären, also, ein richtiges Tier, sagen wir eine Taube? Ich würde ja jeden Tag auf McDonald’s kacken. Kann diesen Schuppen nicht leiden; das ist gar kein richtiges Restaurant, die tun nur so. Ein Pseudorestaurant ist das doch. Für Leute, die die Fischgabel nicht von der Aufschnittgabel unterscheiden können. Dort bekommt man noch nicht einmal ein Schälchen mit Brotscheiben und Kräuterbutter, oder haben Sie schon mal einen Brotkorb bei McDonald’s bekommen? Haben Sie bestimmt nicht! Die wissen nicht einmal, wie man Kräuterbutter überhaupt buchstabiert! Ich schon! K, R, hm, Ä, U, T, E, R, B, U, Doppel-T, E, R. Ha!“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nicht, in seinen Augen flackert überhaupt nichts mehr: „Wenn ich eine Taube wäre, wäre sich bestimmt irgendeine Taube nicht dafür zu schade, mich zu fragen, was ich tun würde, wenn ich ein Mensch wäre. Und ich sage Ihnen eins:“, nun dreht er seinen Kopf doch noch: „Ich würde dann bestimmt nicht antworten: Taxifahren.“

Während sie über die Uerdinger Straße fahren, übt sich der Gast in einem erstaunten, aber lautlosen Ausdruck des Verständnisses. Er scheitert auf eine wenig würdevolle Art und Weise. Dialog gescheitert. Wenigstens das geographische Ziel wird erreicht, sie biegen in die Zielstraße ein. Als wären sie es gewohnt, wird nun geschwiegen. Portmonee-Rascheln ist das einzige Geräusch weit und breit. Der Fahrgast stöhnt ein wenig: Acht Euro vierzig, da war der Türke neulich günstiger, na gut. Doch er moniert beim Aussteigen etwas Anderes: „Sagen Sie mal, kennen Sie das Lied ‚ICE‘ von Rainald Grebe? Da singt er die Zeile: ‚die Wahrheit sagt dir jeder Taxifahrer‘, aber das ist wohl komplett gelogen. Ich bin ehrlich enttäuscht, wissen Sie das?“

Der Taxifahrer schmunzelt in sich hinein, nimmt das abgezählte Honorar ohne Trinkgeld beiläufig in Empfang. Er sagt: „Enttäuschungen kommen im Leben vor, denn, wissen Sie: das ist halt so.“ Und dann fährt er fort.

Der dritte Weltkrieg

Ich stehe an einer Kreuzung.
Straße links, Straße rechts;
um mich herum nur Straßen,
die irgendwo hinführen,
wo ich wahrscheinlich nicht hin möchte.

Hm. Wo möchte ich denn hin? Schwierig.
Überall verschanzen sich Popanzen,
die sich nicht darum scheren,
dass ihre Telefone klüger werden
als sie selbst je sein können.

Wo liegt denn darin der Sinn?
Wenn man alles im Internet nachguckt
damit nimmermehr eine Achsel zuckt?
Nachdenken findet nicht mehr im Kopf statt, sondern
mit den Fingern auf dem Touchscreen: schnell und platt.

Geteiltes Wissen ist genug Wissen, es ist die
Wissensteilung: jeder weiß ein bisschen.
Aber keiner weiß genug, um uns endlich zu sagen,
wie die da oben außer Namen und Gesicht
auch ihr Gemüt ändern können.

Und das zu sagen ist nicht politikverdrossen,
das ist menschenverdrossen; man muss doch nur
mal gucken, welche Musik alle hören,
auf welche Produkte alle schwören, aber macht
ihr nur. Ich will weder stören, noch dazugehören.

Was habe ich also überhaupt hier und da verloren,
alles Gute scheint längst futschikato
und wir sind wie Stäbchen bei Mikado:
wir wackeln und wenn wir weg sind,
werden wir ersetzt, weil wir wie Dreck sind.

Was sich ganz toll reimt. Toll reimen? Kann ich!
Ich sollte was mit Kunst machen.
Nur schade, dass da keiner was für zahlt.
Für diesen Text hier bekomme ich null Euro.
Das ergibt einen Stundenlohn von: null Euro die Stunde.

Ich mache etwas, wofür ich kein Geld bekomme.
Das ist okay, denn, meiner Nase nach stinkt Geld!
Und ich eh will kein Freier der Finanzen werden,
sondern ein Freier bleiben im anderen, guten Sinne.
Texte schreiben allein befriedigt genug.

Und dann schreibe ich einen Text, mache Pause, treffe Oma
beim Karnevalsitzung-Gucken, sie sagt: „Guck mal, die machen
quasi das Gleiche wie du, nur mit mehr Publikum!“
Sitze später wieder vor dem Text und baue
wütend eine Publikumsbeleidigung ein, Obacht:

„Applaus ist wie Kotze, nur lauter!“

Was sich schwerlich erklären lässt – patsch, patsch!
sollen die Leute doch spenden was sie spenden können
und wenn es nur die 1-Cent-Münze für Afrika und
das eigene Gewissen ist; sinnvoll ist nur der Hydrant,
der spendet etwas, was wirklich alle brauchen: Wasser. Plitsch platsch.

Und ich will weg, suche nach Flüssen und mehr,
finde aber nur Pfützen, da kann man nur als Amöbe
glücklich und frei sein und ich möchte Folgendes sagen:
Freiheit heißt, nicht da auszusteigen, wo man hin muss,
sondern da, wo man hin möchte; wo immer das ist.

Und ich will immer noch weg, suche im Wahn Bus und Bahn,
entdecke aber nur jene Jecke, die meine Oma mal meinte.
An jeder Ecke Menschen, die das Falsche feiern,
weil sie das Richtige nicht kennen: liebe Leute,
lest Bukowksi und hört Musik mit Instrumenten.

Lauft nicht den Schnellsten nach, nicht das Ziel ist das Ziel,
grabt keine Gruben mehr, das Tiefgründige muss man
an der Oberfläche verstecken und finden, überhaupt,
finden ist sowieso etwas sehr Gutes,
ich wüsste gern, wo denn jetzt mein Weg ist.

Die Ampel mir gegenüber springt auf grün
und sagt: „Geh doch!“. Und ich sehe,
wie eine leere Supermarkt-Tüte
über den Zebrastreifen fliegt und
dem dritten Weltkrieg trotzt. Chapeau.

Vom Radioübertragungsfußballgott und Anderem

Ich weiß noch, früher. Da habe ich stets die WDR2-Konferenz der Fußball-Bundesliga im Radio gehört (Manni Breuckmann!) und mich auf die Sportschau gefreut, um dort dann zu sehen, wie die Tore, die ich mir zuvor nur vorgestellt hatte, in Wirklichkeit gefallen sind. Fantasie und Fußball, das passte nicht nur der Alliteration wegen sehr gut zusammen. Außerdem hatte man so vom Spieltag doppelt und fünffach was: hören, vorstellen, warten, gucken, verstehen. Heute stelle ich mich da dümmer an. Wenn ich heutzutage am Samstagnachmittag erfolgreich das Internet nach möglichst ruckelfreien, arabischen Live-Streams der Bundesliga-Konferenz durchforste, weiß ich zwar früher Bescheid, aber zu was für einem Preis? Das abendliche Sportschau-Schauen macht dann viel weniger Spaß, denn, klar, man kennt ja fast alles schon. Nur sieht man es mit weniger Pixeln, beziehungsweise mit mehr – diese Erklärung würde aber jetzt zu weit führen.

Doch: ja, früher, da war ich deutlich klüger und fantasievoller. Wenn beispielsweise der ehemalige Leverkusener „Staubsauger“ Carsten Ramelow eins seiner seltenen Tore erzielt hat, dann habe ich mir das in meinen Gedanken seltsamerweise immer sehr gestolpert ausgemalt. So, als wäre es ein Versehen, dass er den Ball über die Linie befördert hätte. Ein abgefälschter Verlegenheitsschuss, ein angeschossenes Körperteil oder ein zufälliges Zucken Richtung Tor nach einem verunglückten Eckball: ein Versehen eben. Ups, Tor! Später in der Sportschau wurden etwaige Rätsel aufgelöst, und: nur sehr selten fielen die Tore so wie vermutet. Carsten Ramelow, Radioübertragungsfußballgott. Was er heute macht, weiß wahrscheinlich nur noch seine Familie. Ich grüße ihn an dieser Stelle, schließlich bin ich mir sicher, dass er täglich seinen Namen in eine Internet-Suchmaschine tippt, um zu sehen, ob sich noch überhaupt noch jemand an ihn erinnert. Ja, Carsten! Hier! Ich erinnere mich. Grüße.

Manchmal habe ich aber auch auf die WDR2-Konferenz verzichtet, um mich abends von den Toren und Ergebnissen überraschen zu lassen. So wusste ich noch nicht einmal, ob meine Lieblingsspieler überhaupt auf dem Platz standen, ob sympathische Mannschaften gegen unsympathische gewinnen konnten oder ob Diverses geschah! Nervenkitzel! Man konnte aber auch damals schon anhand der Reihenfolge der zusammengefassten Partien ablesen, welches Spiel besonders ereignis- und torreich verlaufen sein mag. Gut, das Bayern-Spiel gab und gibt es aus Gründen fast immer am Schluss, aber wenn etwa Wolfsburg gegen Freiburg als erstes Spiel gezeigt wurde, dann deutete vieles auf ein torloses Remis hin. Jedoch ging diese Rechnung nicht immer auf, ich war schon damals nicht so gut in Mathematik und Sendungsabläufen.

Und nun wieder der Blick darauf, wie es heute ist: Spannung erhalten? Äußert schwierig, wenn man sich zur Bundesligazeit im Internet tummelt. In sozialen Netzwerken fliegen einem ungefragt zahlreiche Tormeldungen um die Ohren („TOOOOOR!!! POLDIIIIII! FC!! <3″) und auf Newsportalen tickern die Ticker ungebremst, was sich auf den mir damals noch unbekannten Fußballplätzen in Augsburg, Hoffenheim oder Mainz ergeben hatte. Der beste Trick ist, komplett alle Medien zu meiden und etwas Ungewöhnliches zu tun. Spazieren gehen, Bücher lesen, Pfandflaschen wegbringen. Ich halte übrigens nicht viel von Dosen- und Flaschenpfand. Pfandflaschen gibt es nur, damit man sie zeitvertreibend wegbringen kann. Überhaupt: Geld für eine leere Hülle erhalten? Man bringt doch auch leere Pizzaschachteln nicht zurück zur Pizzaria Amalfi. Und falls doch, habe ich extrem hohe Schulden. Ganz ohne Handy-Vertrag oder Sky-Abonemment. Womit ich galant zurück zum Thema Fußball übergeleitet habe. Ich bin so ein Fuchs.

Also, Fußball. Früher: Radio und Fantasie. Heute: beides viel zu selten. Tore fallen trotzdem. Nur Carsten Ramelow, der spielt nicht mehr.

Nichtraucher

Die Opti-Mistgabel

Ein Floehrchen gibt Tönchen

Wie ich in Minuten der Langeweile herausgefunden habe, kann ich mit beinahe jedem meiner Körperteile Geräusche erzeugen.

Pups!
Quak!
Und padautz!
Ich bin ein Instrument! So schön.

Sehr praktisch und gesund ist, dass man mich nicht bespielen muss. Ich bin ein sich selbst spielendes Gerät. Niemand muss mich zupfen oder mit Stöcken auf mich schlagen oder in mich hinein blasen. Wie schön auch das ist! Niemand muss in Johannes hinein blasen! Der kann das alles alleine! Lass den mal. Wenn eine Gitarre das auch könnte, wäre das für Gitarrenspieler nicht so gut.

Manchmal gebe ich auch Konzerte. Zwei Stunden lang. Nur mein Korpus und ich. Das siamesische Kapelle. Kurios. Zu zweit und doch allein. Was außergewöhnlich viel Körperbeherrschung und Konzentration verlangt. Für einen allein wäre es möglicherweise zu viel, aber mein Körper und ich, wir kennen uns schon seit Geburt, sind ein eingespieltes Team und teilen uns die Arbeit sehr gut auf. Ich denke mir einen Befehl aus und über, öhm, diverse Prozesse werden diese Informationen dann an die einzelnen Körperteile weitergeleitet. Muss man nicht verstehen. Jahrelange Übung, Expertengeschwafel.

Mein erstes abendfüllendes Programm trägt übrigens einen Titel, der nach diesem Relativsatz der Weltöffentlichkeit präsentiert wird: „Körperklangwelten“. Hehe.

Wäre ich eine Frau, würde ich es folgendermaßen nennen: „Ton: Scheide, Fersen.“ Sehr lustig, diese Anspielung. Schade, dass die Frau kein exklusives Körperteil besitzt, welches sich prima auf „Scherben“ reimt. „Knerben“, beispielsweise. So könnte etwa diese, noch namenlose, wahrscheinlich stets schwitzende Mulde unterhalb der Brust heißen. Knerben. Davon wird man noch viel hören. Übrigens: der Wikipedia-Eintrag zu „Frau“ ist (ziemlich genau) doppelt so lang wie der zu „Mann“. Wer möchte, kann diese Information gerne behalten und einen lustigen Mann/Frau-Witz daraus machen. Ich will das nicht, ist nicht mein Stil. Und was ich eigentlich sagen wollte: Bereits am Titel einer Veranstaltung erkennt der Fachmann, wie gut der Abend wird. Kommen wir also nun zu den Körperklangwelten.

Ich beginne mit der Nase, damit alle erkennen, dass ich es kann. Ich halte mir das linke Nasenloch zu und puste virtuos ein wenig Luft hinaus. Guck mal, da fliegt ein Popel in die erste Reihe! Hui! Der erste Höhepunkt des Abends! Wobei man mit einer solchen Aussage eigentlich alle anderen Momente des Abends diskreditiert. Denn jede Sekunde meiner großen Schau ist ein Höhepunkt für sich. Zum Beispiel wenn ich die komplette Bob Dylan-Diskografie mit Fingerknacken nachspiele. Oder wenn ich durch wildes Bauchtrommeln die gleichen Klangteppiche ausbreite wie das WDR-Sinfonieorchester. Das muss man erstmal können, um es zu können.

Ich möchte nicht zu viel vorab verraten, aber zeitweise, da wackle sehr laut mit den Ohren, was nur wenige Menschen können. Man muss es sehr schnell tun; Wind ist sehr leise und gemein. Aber eine ganze Tonleiter mit den Ohren erwackeln, das ist große Kunst. Ganz im Gegenteil zum Klassiker „mit den Achseln pupsen“. Lange keinen mehr gesehen, der das gemacht hat. Generell scheint der gute, alte Furz langsam aus der Mode zu kommen. Flatulenz ist wohl nicht mehr en vogue. Es ist an den Hipstern, diesen Trend zu stoppen. Die mögen doch generell alles, was sonst niemand Vernünftiges mag: Club Mate, Apple oder Löcher in der Hose. Warum dann nicht auch Achselpupsen? Berlin-Kreuzberg, ich zähle auf dich!

Uninteressant ist auch Folgendes: viele finden es schwierig, ein passendes Ende zu finden. Das Leben endet ja netterweise einfach so, aber alles andere? Hier ein Rat: Alles muss mit irgendeinem Kracher enden. Peng! Sehr praktisch dabei: Ein guter Schluss kann den vorherigen Unsinn ungemein aufwerten und vergessen machen. Beispiel. Dein Referat über den zweiten Weltkrieg ist dröge, unspannend und „Hitler“ in einem ernsten Kontext sagen macht keinen Spaß? Dann sag doch als letzten Satz einfach Folgendes: „Und mein Opa war bei diesem ganzen Scheiß live dabei und hat von allem gewusst, dieser Schelm, ahahaha!“. Die Reaktionen werden unterschiedlich ausfallen, aber wenigstens wird es welche geben. Funktioniert auch nicht nur, wenn man Deutscher ist.

Und womit einen Konzertabend ausklingen lassen? Nun, ich mache es so: „One Moment in Time“, intoniert durch Husten. Wegen Whitney Houston. Sehr witzig, sehr kreativ! Und für alle Beteiligten immer noch besser als wenn jemand in mich hinein blasen würde. In diesem Sinne: tröööt!

Feierabend!

Immer die gleiche Frequenz

Im Radio, da dudelt so
ein Lied mit Instrumenten.
Warum denn auch nicht.

Es tut ja nicht weh.
Weder im guten, alten,
noch im schlechten Sinne.

Der Opa fragt: „Ist das Englisch?“,
der Enkel sagt: „Glaub schon“,
und spricht dabei sehr undeutlich.

Für den Kaffeeklatsch
am heutigen Tage genügt
das Gedudel, keine Frage
sollte je unbeantwortet bleiben:
Warum spielt man so langweilige Musik?

Da ist kein Schmiss!
Keine Ambition!
Da lohnt kein Verriss!
Nur Ton auf Ton.
Ganz monoton.

Den Liedtitel?
Vergessen. Schon.

Danke schön,
noch ein Lied,
nächstes Lied,
Staumeldungen,
nächstes Lied,
noch ein Lied,
Nachrichten aus Ihrer Region.
das nächste Lied
ist nicht das beste aus den
Siebzigern, sondern
einfach nur: irgendeins.

Der Opa fragt: „Noch Sahne auf die Schnitte?“,
der Enkel sagt: „Ja, zwei Esslöffel, bitte!“,
und beide trinken Kaffee, um nicht einzuschlafen.

Man schweigt.

Meinungen können sich nicht bilden.
Denn an Worten ist da nur das,
was der Radiomann zwischen den
vom Computer ausgewählten Songs
euphorisch und leer ins Mikrofon spricht.

Blabla, blablaba, blab, bla, bal,aa,b lab,l
ba,lbal,b,bl, blaabl,bl,bblb blaal, ballal, blalala,
balla balla.

Es werden nur Nichtigkeiten angesagt.
Die sind aber eben nichtig, nicht angesagt.

Ein Blitzgerät droht Autofahrern,
ein Lokalpolitiker hat was Dummes gemacht,
ein Fußballergebnis sorgt für Freude oder Leid,
abhängig davon, wessen Farben man trägt.

Mit Fußball können Opa und Enkel nichts anfangen,
erst recht kein Gespräch. Sie mögen Handball.
Warum denn auch nicht.

Handball gut finden tut ja nicht weh.
Weder im guten, alten,
noch im schlechten Sinne.
Ganz im Gegensatz zu diesem Radiosender!

Durchsagen ohne Durchschlagskraft,
Werbepausen voller Wortflausen,
Songs von Kunstprodukten,
die mehr Produkt als Kunst sind;
Hitradio 123: auf dieser Welle kann niemand reiten!
Höchstens herumreiten, so beschwerdemäßig.

Opa? Enkel?
Na?
Wie wäre es?

So eine klitzekleine Beschwerde am Nachmittag,
so ein bisschen Aufruhr zwischen Löffel und Gabel,
wie wäre es mit ein wenig Radio-Revolution?

Ach, hmm.

Wenn denn der Kuchen nicht so lecker schmeckte,
wenn es draußen wärmer wäre,
wenn der schicke Mantel nicht in der Reinigung läge,
und wenn es den beiden nicht völlig egal wäre,
weil es nur darauf ankommt, dass Musik läuft.
Und nicht: welche.

In seiner jetzigen Form
ist das Radio nur der Fernseher für Blinde
oder der Fernseher für Fernsehlose,
so oder so läuft er nur nebenher
und der Kunst hinterher,
weil sie dort nicht stattfindet.

Der Harndrang setzt ein.
Der Opa stößt sich mit,
im wahrsten aller Sinne,
letzter Kraft nach oben und sein
Enkel hilft ihm, die Toilette zu finden.

Und im Radio läuft dieses eine Lied
mit dem schönen Klavier.

Veranstaltungshinweis

Die sehr gute Lesebühne „Zwei Ossis und ihr Johannes“ gibt es natürlich auch in 2012 wieder! Mit Sushi da Slamfish, Ilja Budnizkij und mir! Hurra! Hier die neuen Termine für das Essener „KKC“:

08.02.2012 – Essen / KKC (Universitätsstr. 2) [Gast: Sascha Thamm]
11.04.2012 – Essen / KKC (Universitätsstr. 2)
16.05.2012 – Essen / KKC (Universitätsstr. 2)
13.06.2012 – Essen / KKC (Universitätsstr. 2)
11.07.2012 – Essen / KKC (Universitätsstr. 2)

Seid meine Freunde und schaut vorbei!

Durchgeplantes Düdeldüdeldü

Ich bin ein Mann der Strukturen. Mein Körper hat Struktur, meine Texte haben Struktur und wenn ich das alte Stilmittel der Aufzählungen bemühe, dann nenne ich immer exakt drei Dinge, weil jede gut strukturierte Aufzählung das so macht. Eins, zwei, drei; ene, mene, mu und Glumanda, Glutexo, Glurak; zum Beispiel. Doch die schönste Struktur der Weltgeschichte der Strukturen habe ich in meinen Alltag eingewebt. Denn, wenn ich nicht gerade fremde Städte oder Bühnen mit meiner Anwesenheit beehre, halte ich mich strikt an einen auditiven Plan, den ich mir selbst ausgedacht habe, weil ich so verdammt kreativ bin. Die Spannung steigt, mein Plan geht so: Ich höre jeden Tag nur eine einzige Musiksparte. Abwechselnd und vorbestimmt. Stichwort: Fatalismus statt musikalisches Durcheinander! Um es zu konkretisieren: Mein Kalender gibt mir also vor, was ich höre. Was konventionellen Erdenbürgern außergewöhnlich ungewöhnlich erscheinen mag.

Schließlich ist anzunehmen, dass die meisten Leute nur das hören, was sie auch hören wollen. Aber so bin ich nicht. Ich brauche strenge Zwänge und obskure Strukturen, sonst langweile ich mich und das muss ja wirklich nicht sein, schließlich bin ich, wie bereits erwähnt, kreativ und zudem ein reisender Bühnenpoet. Die Leute zahlen bisweilen Geld dafür, nur um mich zu sehen und zu hören. Was ich verstehen kann. Schließlich liegt auch in meinem Zimmer stets ein Hut auf dem Boden, damit ich mir, wenn ich mich wieder einmal selbst gut unterhalten habe, einen kleinen Obolus zukommen lassen kann. Was zwar auch wieder sehr kreativ ist, jedoch kann man davon nicht leben, ich lande meistens bei plus/minus null. Doch ich schweife ab.

Montag.
Die Woche soll gut starten, deswegen ist der Montag auch der Tag für richtig, richtig gute deutsche Musik mit tollen Texten und virtuos gespielten Instrumenten, abseits der bis zum Klang-Tod mit platten Metaphern penetrierten Dienstleistungs-Schnulzen, die einem sonst so aus dem Radio ins Ohr geschwabbelt kommen. An dieser Stelle ein unherzliches: Fick dich, Tim Bendzko! Wenn Worte deine Sprache wären, dann hättest du vielleicht auch mal was zu sagen, stattdessen spülst du nur abgehangene Plattitüden in deine Texte, du singende Spülmaschine, du! Montags höre ich also nur sehr selten etwas.

Dienstag.
Um dann wieder zu guter Laune zu gelangen, ist der Dienstag der Tag der Musiker, die in ihren Texten deutsch und englisch mischen dürfen, weil sie es können. Sprich: Am Dienstag höre ich nur „Ja, Panik“. Die kommen aus Österreich und wohnen jetzt in Berlin. Österreichische Künstler, die irgendwann nach Berlin ziehen und dort dann erfolgreich werden. Hm. Dazu fallen mir absolut keine Witze und Vergleiche ein. Übrigens, ihr 2011er-Album „DMD KIU LIDT“ ist eines der besten Alben der letzten Jahre. Ernsthaft jetzt. Muss ja nicht immer alles Halligalli und hihihi sein hier.

Mittwoch.
Auch nicht am Mittwoch. Im Gegenteil. Ich mag Alliterationen, daher heißt dieser Tag bei mir nur „Melancholie-Mittwoch“. Traurige Songs über Liebe und so ein Gedöns. Ich mache mir dann eine heiße Tasse Schokolade (Milka, Sorte „Kuhflecken“), setze mich vor den Fernseher bei eingelegter Kaminfeuer-DVD und weine ein bisschen. Ja, ich weine. Das muss man doch mal zugeben! Ich weine. Manchmal bitterlich, manchmal süß-sauer, aber immer: zurecht. Ehrliche Tränen am Nachmittag. Auch ich habe eine romantische Seite in mir, so wie Bücher von Charles Bukowski.

Donnerstag.
Oh, Kontrastprogramm: Volksmusik. Überschwemmung der gespielten guten Laune. Akkordeons, ahahah, ist das euer Ernst? Volksmusik ist die ur-deutsche Flut, vor der uns selbst Noah nie retten würde. Hm, Volksmusik am Donnerstag. Möglicherweise ist diese Regel vom Abendprogramm des mitteldeutschen Rundfunks beeinflusst. Ja, das kann sein. Gut, dass ich donnerstags fast nie zu Hause bin.

Freitag.
Geilo, Wochenende! Natürlich muss ich freitags etwas Fetziges hören. Heavy Metal! Meine Haare wachsen pro Tag kurioserweise etwa um sieben Zentimeter, was wahrscheinlich ein lustiger Gendefekt ist. Er zwingt mich dazu, jede Woche zum Frisör zu gehen. Aber natürlich nur an Samstagen, damit ich an Metal-Freitagen noch wuchtig meine gigantische Haarpracht durch die Lüfte gleiten lassen kann. Es kommt vor, dass ich an Freitagen auf manche Menschen verstörend wirke. Aber das ist okay. Wie gesagt, obskure Strukturen finde ich total töfte.

Samstag und Sonntag verzichte ich komplett auf Musik. Der Mensch muss auch verzichten können. So wie dieser Text. Er hat kein Ende. Er geht immer weiter und wiederholt sich. Jede Woche. Ständig. Das kann anstrengend sein. Immerhin hat er eine gute Struktur.

Der Philofant

Mal Nachrichten

Guten Abend, meine Damen und Herren.

Hamburg.
Bei einer zunächst harmlos wirkenden Grundsatzdiskussion über Ethik, gleichgeschlechtliche Fortpflanzung und die Zukunft von süßem Kaffee-Gebäck starben bei einer Studentenfete in Hamburg-Altona zu später Stunde etwa zwölf Millionen Gehirnzellen. Darunter drei deutsche. Finanziell von uns abhängige Experten gehen davon aus, dass der bereits mehrfach vorbestrafte und pervers hoch besteuerte Alkohol im Spiel gewesen sei. Bestärkt wird diese These durch den selbst für Studenten ungewöhnlich beißenden Mundgeruch einiger Opfer. Zeugen berichten zudem von sehr schlechter Musik, die bis tief in die Nacht sogar noch in der Nachbarwohnung vernommen werden konnte. Akut tatverdächtig seien, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, der widerliche Whiskey von „netto“, diverse Produkte mit dem Etikett „Karlskrone“ und eine kanadische Kapelle namens „Nickelback“. Doch auch ein terroristischer Hintergrund könne zu diesem frühen Zeitpunkt der Ermittlungen noch nicht ausgeschlossen werden.

Die Staatsanwaltschaft warnt aus diesem Anlass vor allem dumme Menschen dringlich davor, durch den Konsum von Pseudorockmusik und billigem Alkohol das eigene Denken weiter einzuschränken. Die Gesellschaft habe schon genug doofe Heinis, die sich bei „Starbucks“ über große grüne Strohhalme und das kostenlose WLAN-Netz freuen würden. Es wird empfohlen, sich in Zukunft bei anbahnenden Diskussionen in geselliger Runde auf bewährte Dinge wie Party-Pumpernickel und Leitungswasser zurück zu besinnen. Dies würde die Gesprächskultur in Deutschland nachhaltig verbessern, außerdem schmecke Pumpernickel entgegen der landläufigen Meinung hervorragend und rege den Stoffwechsel angenehm an. Des Weiteren prüfe der Ermittlungsausschuss derzeit, inwieweit der Band „Nickelback“ mithilfe der Genfer Konventionen das Veröffentlichen von Langspielplatten außerhalb Kanadas verboten werden könne. Deutschen „Nickelback“-Fans bliebe dann zwar nur noch die Möglichkeit des Imports, aber das würden die beiden wohl noch schaffen, so der Sprecher weiter.

Auch ein Prominenter Befürworter dieser Maßnahme steht parat: Finanzminister Wolfgang Schäuble prangerte an, die Jugend solle sich lieber wieder auf richtigen Rock ‚n‘ Roll besinnen. Schließlich käme auch er nur bei ehrlichen Rockern wie Deep Purple oder Led Zeppelin so richtig in Fahrt. Überdies könne er das Spirituosen-Sortiment von Edeka empfehlen, das wäre „relativ günstig und vor jeder CDU-Ratssitzung ein echter Hit“, so Schäuble auf seiner Facebook-Fanseite. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle ließ bereits verlauten, ihm würde dies gefallen.

Hören Sie dazu nun einen Kommentar unserer estnischen Putzhilfe:
„Mul on väga hea meel olla televisioonis. Teiselt puuetega inimeste WC-s ei ole WC-paberit ei ole enam. Tere, emme! Üks, kaks, kolm, näkileib.“

Nachdenkliche Worte in einer Zeit, die viele Menschen unsicher werden lässt. Lesen Sie zusätzlich auch unser großes Online-Spezial auf www.irgendwasmitnachrichten.de: „Rockmusik und Schnaps – was die 68er unserer Jugend voraus hatten (und was nicht, Stichwort putzige Katzenvideos auf YouTube)“. Das Wetter fällt heute aus, die Sonne hat keinen Bock.

Guten Abend.

Im Badezimmer

Vielleicht lügt Musik nicht

Mitte der Neunziger. Wir zwei saßen im Auto, sind irgendwo hingefahren und haben Frank Zappa gehört. Genauer gesagt, „Joe’s Garage“:

It wasn‘t very large
There was just enough room
to cram the drums
In the corner over by the Dodge

„Joe’s Garage“ ist ein Song über einen Typen, der mit seinen Kumpels Rockmusik in einer dreckigen Garage macht. Plötzlich werden die Jungs um Joe mit ihrer Musik erfolgreich und berühmt. „Joe ist Englisch für Johannes“, hast du mir erzählt und mich dann gefragt, ob wir die nächste Ausfahrt nehmen sollten, damit ich Pipi machen kann. Ich habe mit dem Kopf geschüttelt und weiter der Musik gelauscht. Ohne, dass ich auch nur ein weiteres Wort des Textes verstehen konnte, dachte ich: „Joe’s Garage“ ist dann ja wohl mein Song. Ich wollte Trommler werden in einer Rock ‚n‘ Roll-Band. So wie Joe. Freunde hatte ich, eine Garage und Instrumente hätten sich sicher auch irgendwie auftreiben lassen. Bis dahin würde ich eben mit Stiften und Löffeln auf allem herum trommeln, was sich nicht schnell genug retten könnte. Ich glaube, für genau diese Situationen hat man Federmäppchen und kleine Schwestern.

Aber was ist letztlich aus meiner Musikkarriere geworden? Nichts. Meine Schwester ließ ich – was das betrommeln angeht – in Frieden, rudimentäres Gitarre spielen lernte ich erst spät mit siebzehn Jahren. Um es dann schnell wieder aufzugeben, weil du mir zwar einen guten Musikgeschmack, aber kein musikalisches Talent vererbt hast. So wurde aus mir dann doch kein zweiter Jimmy Page, nicht mal ein dritter oder wenigstens tausendster. „Stairway to Heaven“ werde ich niemals covern können. Immerhin, die Akkorde für ein fetziges „Im Frühtau zu Berge“ könnte ich bestimmt auch heute noch jederzeit greifen. Es sind ja auch nur drei: D7, G und C. Fallera, fallera.

Doch darum dreht es sich hier nicht, so wie es damals schon nicht darum ging, wirklich ein Schlagzeuger zu werden. Es geht nur darum, im Leben einen Traum zu haben. Wo auch immer der herkommt. Einfach nur das machen, was einem Spaß macht. Der scheinbar unerfüllbare Wunsch vieler Menschen: den monotonen Alltag gegen ein polyfones Füllhorn voller Abwechslung tauschen. Mal hier, mal da und welcher Tag morgen ist, weiß man erst, wenn man Zeitung gelesen hat. Wenn man so will, lebe ich derzeit so. Offiziell bin ich arbeitslos, inoffiziell jedoch ein freier Autor für mich selbst. Wodurch ich genug Zeit habe, um Texte zu schreiben und sie deutschlandweit zur allgemeinen Belustigung auf Kleinkunstbühnen oder in Kneipen vor Unbekannten vorzutragen. Ich bin quasi eine ewige Ein-Mann-Band und Worte sind mein einziges Instrument.

Mal lauschen die Leute meinen Kompositionen konzentriert, manchmal warten sie nur auf das Ende des Textes, um sich ein Bier holen zu können. Es ist immer anders. Nicht jeder Satz sitzt und vielleicht sind nicht alle meine Gedanken so klug und neu, dass ich hunderte Kilometer dafür fahren müsste, um sie zu teilen. Trotzdem gibt es am Ende jeder meiner Texte Applaus. Mal lauter, mal leiser, mal nur aus Höflichkeit. Mehr kann ich nicht verlangen. Und ob ich Kunst bin oder mache, ob ich unterhalte oder nerve, sollen von mir aus andere entscheiden, wenn sie denn unbedingt wollen. Ich mache nur das, was auch Joe getan hat.

Am Ende seines, na ja, unseres, Liedes zerbricht seine Band übrigens am Erfolg und Diversem. Joe schwört der Musik endgültig ab und nimmt eine Arbeitsstelle als Bäckerlehrling an. Niemand kann sagen, ob es bei mir nicht auch irgendwann so laufen wird. Erst recht konntest du es damals nicht, als du mir diesen Song im Auto vorgespielt hast, ohne Hintergedanken, einfach nur so, weil er dir gefiel. Mehr als zehn Jahre später lasse es jetzt darauf ankommen, dass es bei mir irgendwie klappt. Weil ich nichts Anderes kann. Weil ich nichts Anderes will. Aber ob ich auch von dir Applaus erhalten würde, das würde ich gern erfahren können. Ich kann es aber nicht und daran haben wir beide keine Schuld. Und das ist vielleicht das Schlimmste daran.

Guess you only get one chance in life
To play a song that goes like…

Klatsch klatsch, klatsch, klatsch, klatsch.

[Zitate aus „Joe’s Garage“ von Frank Zappa]

Vom Tag, an dem Schabrina Sick mit mir Kaffee trinken war

„Und? Sag mal! Wie war es gestern beim traditionellen Solinger Pfingst-Wett-Melken der trächtigen Zierkühe?“

„Ach du, der blasierte Bauer Balduin hat uns alle mal wieder tüchtig gefoppt, indem er sich auf den Rücken gelegt und mit Fingern und Zehen gleichzeitig gemolken hat, GLEICHZEITIG! MIT FINGERN UND ZEHEN! Dieser Frechdachs! Ich sag dir: Wenn eine Kuh mehr als vier Zitzen hätte, würde er doch auch noch Bauchnabel und Popoloch zum Melken verwenden, irgendwie, dieser doofe Baldiun! Hach, ich finde ihn so ungut! SO ungut!“

„Oh, das klingt ja nicht besonders töfte.“

„War es auch nicht! Untöfte war das! Die Hölle auf Erden, sag ich dir, DIE HÖLLE!“

Ich sitze auf einer Parkbank und werde unfreiwillig Zeuge dieses Dialogs. Eigentlich müsste man „Hörer“ des Dialogs statt „Zeuge“ sagen, doch weil die beiden Euter-Amigos beim Erzählen so prächtig und unkoordiniert gestikulieren wie zwei Meerschweinchen in der Mikrowelle, passt hier auch „Zeuge“ ganz gut. Ich mag es, wenn nicht nur Beine, sondern auch Arme tanzen dürfen. Das sollte es häufiger öffentlich geben: Tanzen für Arme. (Hier könnte Ihr Studentenparty-Witz stehen.) Eine putzige Entenfamilie watschelt vorbei, ich träufle großherzig ein wenig Fanta auf den Boden. Der kleinste Enterich nippt fröhlich daran. Ich schütte noch ein wenig mehr Fanta herunter, sodass sein Federkleid ein wenig klebrig und gelb wird. In meinem Kopf spielen sich leckere Bilder ab: gebackene Ente mit Fanta-Geschmack. Mhmmm.

Und dann mache ich etwas wahrlich Verrücktes: Ich denke über das vorhin Gesagte nach. Dabei kreisen meine Gedanken aber nicht um den Bauern Balduin oder die, zugegeben, etwas seltsamen Pfingst-Traditionen im bergischen Land, nein. Vielmehr bedenke ich, dass die Floskel „Hölle auf Erden“ hier völlig falsch verwendet wurde. Ist es denn wirklich so schlimm, wenn jemand anders cleverer war – selbst wenn er „Balduin“ heißt und es um den maximalen Milchertrag geht? Nö. Das ist Neid. Neid ist menschlich, also irdisch, also existent, also auch nicht die Hölle. Ich stehe auf, um sachgemäß und eloquent auf den linguistischen Fehler aufmerksam zu machen.

„IHR KNALLKÖPPE! IHR SEID DOCH KOMPLETT WACKELPUDDING IN DER BIRNE! Und passt auf. Ich sag euch zwei Zitzenzuzlern mal was. Wenn man Mario Kart spielt und in der letzten Kurve wird man von einem blauen Panzer von Platz eins verdrängt; wenn man in einem Buch einen japanischen Namen liest und sich diesen nicht übersetzen lassen kann, weil man diese geschnörkelten Zeichen nicht auf seiner Tastatur findet; wenn man auf einem Konzert ist und vor einem halten dreißig Idioten ihre Kamerahandys hoch, DAS ist die Hölle auf Erden! Und nicht euer provinzielles Kuhtitten-Problemchen da! Melkt eure Kühe doch mit dem Mund, dann muss euch wenigstens niemand mehr reden hören! Was ihr da für Unsinn erzählt, ist doch wahr.“

Sage ich, verneige mich staatstragend und setze mich zurück an meinen Platz, als sei nichts gewesen. Meinen hochgradig intelligenten Vortrag haben die Adressaten schweigend über sich ergehen lassen. Umso gespannter war ich, wie ihr Gespräch dann weiter verlaufen würde. Ich lauschte:

„Sag mal, warst du mal auf einem Konzert, wo die dann da so mitgefilmt haben?“

„Nö.“

„Ich auch nicht. Ich bin nur mal beim ZDF-Fernsehgarten gewesen, aber da durften wir selber nicht filmen, da durften wir nur fröhlich gucken und im Takt klatschen.“ (er macht das Klatschen vor, aber falsch, nämlich auf 1 & 3)

Hm. Mein kleiner Diskussionsversuch ist also verpufft. Die kleine Fanta-Ente schüttelt sich und läuft witzig watschelnd seiner Familie hinterher. Und ich stelle fest: die Hölle auf Erden ist, wenn man nichts gebacken bekommt.

Freund von Klischees und funkelnden Jacken

In Tante Gerdas Tanzcafé ist heute großer Ü50-Abend. Das heißt für Bernd: raus aus den Adiletten, rein in die alte Glitzerjacke. Sie glitzert und funkelt wie damals, als man ihn landauf landab nur den „Boogie-Bernd“ nannte und Parties noch Feten hießen. Früher, da war Bernd der Held in seinem Freundeskreis. Schließlich war er der Älteste und kam so immer am einfachsten an die drei wichtigsten Drogen: Zigaretten, Schnaps und Frauen. Jetzt, in 2012, ist wenig Heroisches geblieben. Nicht der Zahn der Zeit hat an ihm genagt, es war wohl eher ein komplettes Gebiss. Sein Gewicht hat sich verdoppelt; sein Äußeres ähnelt längst einem überdimensionalen, geplatzten Fußball, aus dem Arme und Beine so mitleidig und beiläufig herauslauern wie Salzstangen aus einem Mettigel.

Bernd hat ein Problem: er altert. Er altert jedoch nicht so gut wie manch ein Super Nintendo-Spiel oder ein Led Zeppelin-Album, nein. Vielmehr altert er eben, wie es Menschen leider meistens tun: unwürdig. Wenn das Leben ihn gezeichnet hat, dann ist es ein verdammt beschissener Maler. Es ist längst nicht mehr alles Bernd, was glänzt. Doch er flüchtet sich gern zurück in diese wilde Zeit von damals, die Siebziger, ach Gottchen waren die dufte! Bernd stopft seine Füße in fesche Lederschuhe und macht sich glitzernd auf zu Tante Gerdas Tanzcafé.

Am Eingang steht ein gelangweilt durch die Straßen blickender Taxifahrer. Als Bernd eintreten will, wird er gefragt, wie lange er bleiben wolle. Bis er umfalle, antwortet Bernd. Der Taxifahrer entgegnet: „Sagen wir, halb zwölf?“, Bernd schüttelt nur den Kopf und betritt stumm das Tanzlokal. An der Wand ein Plakat zur Veranstaltung: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich biegen“. Drinnen angekommen erklingt Musik. John Paul Young, „Love is in the Air“. Bernd ist auf dem Weg zur Theke und wippt dabei lustig im Takt. Er bestellt sich ein Bier. Ein richtiges Bier. Eins ohne Zitronen, Äpfel, Kirschen, Grapefruit und all diesem Obstzeug, kurz: eins, bei dessen Geschmack Hopfen und Malz noch nicht verloren sind. Bernd mag es als Filou der alten Schule eben klassisch. Dann guckt er. Und guckt. Und guckt. Auf der Tanzfläche bewegen sich rund zwanzig rüstige Körper, die meisten unfreiwillig komisch und: allein. Selbst die großzügig parfümierten Damen. Riechen kann man ihre Bemühungen aber auch so. 4711 is in the Air. Liebe nicht.

Und dann wird gezappelt.

Wackel, du Wackelpeter, klapp die Achseln auf und zu!
Tanz, du Tanzmarie, rock den Rock und stepp den Schuh!

Wenn man zwischen den Songs ganz genau hinhört, kann man ganz leise ein paar Knochen knirschen hören. Bernd hingegen vernimmt etwas Anderes: „Boogie-Bernd! Da ist BOOGIE-BERND!!“, ruft ertönt es aus einer Ecke. Irgendjemand nimmt dies zum Anlass, am CD-Player auf Lied zwölf zu schalten. Es scheint unausweichlich. Baccara, „Yes Sir, I can Boogie“. Das ist Bernds Stichwort! Er stolpert in die Mitte des Raumes, wo er von roten und grünen Lampen ausleuchtet wird. Boogie, Boogie, all night long! Seine Glitzerjacke reflektiert jeden Lichtpartikel und wenn man den eigenen Kopf auf die Seite legt, lässt sich Bernd in seiner Glitzerjacke nur schwerlich von der Discokugel unterscheiden. Boogie, Boogie, whole life long! Seine dem fortgeschrittenen Alter geschuldete, etwas krude Interpretation des Boogie gefällt den Anwesenden ganz gut. Boogie, Boogie, Bernd hat’s im Blut! Sie klatschen und freuen sich und wähnen sich zurück in 1977.

Die kompletten vierzig Sekunden lang. Der Song läuft weiter, Bernd braucht eine Pause. Um ihn herum bildet sich eine begeisterte Kölnisch Wasser-Duftwolke. Seine alten Fans sind auch seine neuen Fans, auch wenn es immer noch alte Fans sind. Anders gesagt: Er hat es eben immer noch drauf! Die Legende Boogie-Bernd lebt. Weil sich eben auch altes Eisen noch ein bisschen biegen kann.

Bernd schaut auf seine Uhr. Es ist halb zwölf. Er setzt sich ins Taxi und fährt nach Hause.

Exklusive Vorschau: So wird 2012!

Frohes Neues! Oder so.

Dann doch lieber WDR2

Über die Breite und Tiefe von Treibsand

Ich setzte mich also auf einen Hydranten. Nackt. Fleißig bahnte sich das Wasser den Weg durch meinen Körper. So wurde meine Lunge sauber und ich zum Fisch. Langsam. Zwischen meinen Fingern und Fußnägeln bildeten sich Schwimmhäute, auf meinem Kopf wuchsen die ersten Schuppen. Mein kompletter Körper deformierte sich, verdammt, mein Schicksal ließ mich scheinbar zu einem Tiefseefisch werden. Na gut. Ich verlor die Fähigkeit zu stehen und fiel um. Plumps, wie ein Idiot. Ich zappelte. Menschen kamen vorbei. Sie nutzten ihre Zeigefinger, um zeigend auf mich zu zeigen. „Guten Tach, helft mir!“, wollte ich sagen, doch aus meinem Mund kam nur Luft. Überhaupt, Luft: als Mensch hatte ich sie möglicherweise viel zu wenig geschätzt. Sie war kostenlos und überall, so wie man es sich von WLAN oder Gebäck wünscht. Fürs Schätzen war es nun zu spät. Jetzt mochte ich Luft nicht mehr. Ich liebte von nun an Wasser. Wasser ist total geil und superduper, dachte ich. Der Hydrant hatte mir viel davon geschenkt, doch noch immer war ich durstig. Ungeahnt durstig sogar. Und gierig. Ich wollte keine lumpige 1,5l-Flasche von Apollinaris oder ja!, ich wollte auch keinen kleinen Tümpel mit Provinzfischen, ich wollte das beschissene, riesige Meer! Über hier nicht näher erläuterte Wege kam ich dann in selbiges. Es war wie im Märchen. Wasser, soweit man gucken konnte. Paradiesisch. Da drin konnte man Blubberbläschen machen, Purzelbäume schwimmen und, das gefiel mir am Fischsein besonders, es gab keine Portmonees, Ausweise und Mobiltelefone, die man verlieren konnte. Man hatte nur sich selbst und seine glitschige Würde. Der Ozean, die bessere Gesellschaft. Keiner konnte gefeuert werden, alle waren arbeitslos. Keiner hatte Schulden beim Kreditinstitut, alle waren pleite. Unter Wasser gab es keine Krisen und Diktatoren, keine Verträge und Ämter. Nur das Sein. Erstmals fühlte ich, was es heißt, die Natur zu lieben. Bis ich mich genauer ansah. So ein Scheißdreck, als Fisch hat man ja gar keinen Penis! Ich schwamm nach oben und ertränkte mich in Luft.

Eins, zwei, drei, Erdbeerkäse und Aa

Ich wache in einem Wald auf. Wie gewohnt zähle ich zunächst meine Beine und komme ausnahmsweise auf vier. Nach kurzem Überlegen komme ich nur auf eine einzige plausible Erklärung: Scheiße, ich bin das letzte Einhorn! Meiner gigantischen Erektion zufolge befinde ich mich zudem in der Brunftzeit. Und weil ich ja das letzte Einhorn bin und körperliche Liebe zu anderen Tieren ablehne, entscheide ich mich für Masturbation. Von Ohr bis Huf unfassbar geil wichse ich ein bisschen ins Geäst, spritze in kleine Gewässer und am Ende des Tages tut mein Horn so weh, dass ich mich auf eine kleine Bank kauere und stundenlang weine.

Meine Damen und Herren, ich hoffe, diese gute Einleitung hat Sie prima unterhalten. Doch möglicherweise hat nichts mit dem folgenden Text zu tun. Gleiches gilt für die Überschrift. Das Stichwort ist: Manipulation. Das Wort „Manipulation“ kommt aus dem Keltischen und bedeutet „trügerische Absicht“ oder auch „Verwerfung“; manch ein Linguist beteuert gar, die Germanen hätten es synonym für „Wahnsinn“ verwendet. Und all das behaupte ich. Wer könnte mir widersprechen, ohne das Internet zu befragen? Wenige. Wer könnte von sich sagen, dass er noch nie auf irgendeine Manipulation hereingefallen ist? Niemand. Und wer kann mir sagen, wer uns Kleingeister am häufigsten korrumpiert? Medien? Politiker? Osteuropäische Fußball-Schiedsrichter? Ja, okay, die alle natürlich auch, aber jetzt mal über was Anderes, natürlich: Werbung. Vorhang auf, Glotze an.

Ba, ba, ba, ba – „Babybel“ ist Käse. Käse ist gelb, obwohl Milch weiß ist.
Be, be, be, be, – „Becel pro activ“ ist Margarine. Margarine nennt man im Volksmund auch „Kunstbutter“, obwohl sie künstlerisch vollkommen wertlos ist.
Bi, bi, bi, bi – „Bionade“ ist ein Getränk. Getränke sind Genussmittel, obwohl „Bionade Quitte“ da Anderes verspricht.
Bo, bo, bo, bo – „Bofrost“ ist ein Tiefkühlkostlieferant. Tiefkühlkostlieferanten bringen Fertiggerichte, die ja mal überhaupt gar nicht verzehrfertig geliefert werden – Tiefkühlpommes etwa muss man zuvor backen, frittieren oder wenigstens warm lutschen.
Und Bu, bu, bu, bu – „Butterfinger“ ist ein Schokoriegel. Ein Nestlé-Schokoriegel mit einer Erdnusskrokantdecke auf Erdnussbuttercreme, umhüllt von zarter Schokolade. Ein Nestlé-Schokoriegel, welcher in Deutschland seit 1999 nicht mehr verkauft wird. Weil gentechnisch manipulierter Mais im Riegel steckt.

Ha! Da sind wir wieder beim Thema. Ich kenne ein Ehepaar, das kauft sich jeden Morgen am Kiosk gleich drei Zeitungen, damit es sich aus all den Lügen bequem die eigene Wahrheit puzzlen kann. Drei Chancen auf Realität. Gucken wa mal. Kim Jong-il ist in einem Zug vor Erschöpfung gestorben, er hatte einen Herzinfarkt oder aber er wurde von Jesus in den Himmel bestellt, damit sie gemeinsam Weihnachten feiern können – ja, was denn nun? Das hängt ganz davon ab, welche Zeitung man liest und welchem Nachrichtensprecher man am meisten vertraut. Die sagen dies, da steht das, Aussage gegen Aussage, Lüge gegen Lüge, Unsinn gegen Quatsch! Osama Bin Laden und die Mondlandung gab es nie. Die Titanic ist nicht untergegangen, sondern außerplanmäßig hinab nach Atlantis gefahren. Adolf Hitler hatte ein Ufo und wohnt jetzt zusammen mit Elvis Presley auf dem Jupiter, wo sie alle drei Wochen ein großes Scrabble-Turnier ausrichten. Ohne Vokale! Ja! Kann doch alles sein! Beim Scrabble bringt das Wort „Wahrheit“ dreizehn Punkte, Unglückszahl!, „Vertuschungsmanöver“ jedoch, kein Scheiß; zweiundvierzig Punkte. 42! Die Antwort auf alles! Zufall?

PeterLicht kommt vorbei und singt: „Wir gehen durch die Straßen und glauben kein Wort, von den Worten, die an den Wänden stehen.“ Ein kluger Typ, dieser Typ. Und dann reitet PeterLicht auf dem allerletzten Einhorn durch die abgelegenen Industriestraßen in Willich-Münchheide und überall kleben Plakate von Kleinkünstler-Tourneen und dann diese Buchstabensammlungen wie FDP, SPD, CDU, ACAB und ein geföhnter Lokalpolitiker grinst sich mit seinem Überzeugungs-Grinsen die Zukunft zurecht. Das Einhorn hält an und pinkelt der Zukunft in den Mund. Kompagnon PeterLicht singt wieder: „Die Zukunft leuchtet schon und wir halten unsere Hände in ihre wärmenden Ränder.“ Das muss man sich mal vorstellen, der viel zu unbekannte Musiker PeterLicht und das letzte Einhorn stehen in einem Industriegebiet irgendwo am Niederrhein und sie patschen ihre Hände bzw. Hufe an eine Wand. Das ist schon etwas kurios. Hat aber wirklich so stattgefunden. Vielleicht. Und dann klingelt Peters Telefon. Gott ist dran. Er sagt:

Da, da, da, da – Da macht ihr aber ganz schönen Unsinn!
De, de, de, de – Dem armen Politiker in den Mund pieseln, das ist doch keine Satire mehr, das ist
Di, di, di, di – Die endgültige Verdummung meiner kleinen Schöpfung!
Do, do, do, do – Donnerstag habt ihr die Sauerei wieder in Ordnung gebracht, sonst gibt es einen Tsunami!
Du, du, du, du – duuut, duuuut, duuut. Aufgelegt.

Wir sind hip, hip; hurra!

Neulich war ich aus Versehen in Düsseldorf auf der Königsallee, dem Paradies der Popanzen mit prallem Portmonee. Stichwort: Lederfetisch mal anders. Doch die Königsallee wird niemals mit ihrem richtigen Namen angesprochen, denn so wie niemand zu einem Ulrich Ulrich oder zu einem Hans-Peter Hans-Peter sagt, so haben auch die Gäste der dekadenten Einzelhandelsschleuse für ihr Markenmekka einen kurzen Kosenamen. Getreu der Devise: „Zeit ist Geld“ sagen sie schlicht: Kö. Ein Ka, ein Öh, reicht. Ansonsten wird hier nicht viel gespart; man protzt und klotzt, und wenn doch mal einer kleckert, dann ist das Kunst oder nur ein dummer Zufall. Überall eine Feinkostbar und Klamotten, Cafés an jeder Ecke gibt es „Iced Caramel Macchiato“ und Handtaschen mit ungewöhnlichen Namen. Alles nix für mich. Ich spaziere vorbei an einem Kind in Begleitung seines in einen wichtigen Anzug steckenden Vaters. Der Kopf des Kindes ist eingehüllt in eine rote Eisbärmütze, die wohl suggerieren soll, dieses Kind würde täglich fünf Stunden lang Skifahren in St. Moritz oder St. Hans-Peter oder wo auch immer. Unerwartet werde ich Zeuge eines Skandals.

Eisbärmütze und Anzug flanieren an einem seltenen Kiosk vorbei und der Nachwuchs äußert einen Wunsch. Statt „Strawberry Cheesecake“ von „Ben & Jerry’s“ zur Abwechslung soll heute mal ein „Mini Milk“ mit Vanillegeschmack sein, aber ohne echte Vanille drin. „Mini Milk“. Für den Anzug klingt das gefährlich proletarisch nach Einzimmer-Plattenbau-Snack für Trainingshosen-Ottos. Anders gesagt: Eine falsche Welt bricht für ihn zusammen. Doch der reiche Anzug beugt sich, damit die Eisbärmütze nicht auf die feinen Leinen-Fußstulpen weint. In der Geldbörse nur ein gelber Schein. Den will der Anzug nicht in so einem ranzigen Kleinartikel-Schuppen mit dem einfallslosen Namen „Trinkhalle“ verjubeln. Er sucht einen Geldautomaten, um sich einen Zehneuroschein abzuheben. So wird der große Schein bewahrt, haha, Wortwitz. Beim guten, alten Papier gegen Ware-Tausch mit dem Kioskmann sagt der Anzug lässig: „Stimmt so.“

Und dann singen die teuer umhüllten Königsallee-Körper leise ihr einziges Lied:

Wir sind hip hip, hurra!
Wir stecken unsere Euter
in den teuersten Wonderbra,
und es ist doch wunderbar
wenn die wahren Wunder bar bezahlt werden,
yah!

Zumindest stelle ich mir das Lied der Dekadenz so vor. Rap mit einfachen Reimen, eingängig, irgendwas mit Titten, aber cool. Zurück zur Szenerie.

Plötzlich stehe ich vor einer menschlichen Schlange. Eingekesselt von diesen trennenden, roten Wurst-Bändchen stehen rund fünfzig Gestalten und Gestaltinnen rum und ich habe keine Ahnung, warum. Ich traue mich auch kaum, irgendeinen Schlangenmenschen anzusprechen. Alle scheinen beschäftigt. Sie machen: tipp, tipp, tipp, klingeldingeldu, zapp, zapp, düdeldüdeldü; sprich: sie spielen mit mobilen Telefonen, die klüger sind als sie selbst. Warum stehen alle hier herum? Umsonst wird es nichts geben, Ich stecke mir eine Zigarette an und lausche folgendem, aufklärenden Dialog zwischen zwei jungen Mädchen.

„Ey! Geilomat! Endlich ein Abercrombie & Fitch-Laden bei uns hier in Düsseldorf!“
„Endlich, jau! Die sind immer voll geil, diese Läden, war noch nie in einem drin!“
„Ja! Geil! Ich hol mir gleich einen Douglass Mountain-Hoodie, die sehen voll krass aus! So direkt aus New York so! Fast so geil wie die Sachen von Hollister!“

Und ich denke: oh weh, oh weh. Mit mehr Mini Milk in der Kindheit wäre das vielleicht nicht passiert.

Von mir aus kann ja jeder anziehen, was er will – und wenn es Leute gibt, die blöd genug dafür sind, für einen „coolen“ Markennamen horrende Preise zu zahlen, dann wird der Kapitalismus eben vorbildlich gelebt. Die einen bestellen sich Klamotten aus der „Rumpfkluft“-Kollektion des Duos Katz & Goldt, die anderen wollen lieber einen Douglass Mountain-Hoodie von A&F. Das Problem bei diesem Abercrombie & Fitch-Zeug ist jedoch, dass man sich mit dieser Kleidung einen Stempel anzieht. Genauer gesagt, den Stempel „Möchtegern, kann aber nich“. Vergleichbares gilt übrigens für die „Ed Hardy“–“Mode“, die aber sagt: „Möchte auch, kann aber mal so was von gar nich“. In Amerika gibt es eine Reality-Show namens „Jersey Shore“ und deren Hauptdarsteller sind geistig reichlich beschränkte, stereotype Testosteron-Luftballons. Eine dieser Figuren trug in der Sendung häufig Abercrombie & Fitch und dem Konzern war diese ungewollte Negativ-Werbung so peinlich, dass man „Mr. Sorrentino“ einen Millionenbetrag bot, damit er ihre Kleidung in Zukunft nicht mehr trage. Das ist sehr lustig, finde ich. Höhö.

Früher gab es diese A&F-Sachen nur in New York und man konnte Menschen, die schon mal in New York waren, an eben diesen Fummeln erkennen. Und an „I ♥ NY“-Shirts. In der heutigen Zeit hat sich das geändert. Nix mehr mit „exklusiv an der upper east side“. Heute kann sich auch Ulrich aus dem Ostseeort Hohenfelde A&F kaufen, um sich endlich modisch und gesellschaftlich ganz oben zu fühlen, obwohl er maximal gedanklich in New York gewesen ist.

Hauptsache: hip, hip, hurra!

Im Eingangsbereich des neuen Düsseldorfer Flagshipstores stehen Menschen und lassen sich für die Nachwelt von ihren klugen Telefonen fotografieren. Theoretisch. Ein junger Herr scheitert erstaunlich hilflos daran, auf seinem Handy die Fotokamera-Applikation zu finden. Von hinten ruft jemand: „Macht mal hinne da, ihr seid doch doof im Kopf!“ Ich nicke und denke: Stimmt so.

Schlechtes Gewissen

Regentage sagen niemals Adieu zum Verlangen.“ (Jacques Palminger)

Das Schönste, was ich heute gesehen habe, war eine Taube. Eine Taube, die ihren Kopf rhythmisch und zugleich stupide von hinten nach vorn geschoben hat, weil sie es kann – und sonst außer gucken, kacken, fliegen, picken nicht viel mehr. Tauben werden kollektiv gehasst, doch sie sind harmlos, reden weniger Scheiße als die allermeisten von uns und der Fehler liegt nicht in ihrer Existenz, sondern in unserer Betrachtung.

Dazu ein paar Beispiele aus meinem eigenen, unwichtigen Leben.

Als Kind habe ich auf meinem roten Bobbycar weit, weit mehr als siebzehn Ameisen überfahren. Entschuldigung, ihr Krabbelfreunde. Weil ich mich nicht bücken wollte, habe ich Pusteblumen gepflückt und erst dann die Pollen über die Felder fliegen lassen. Verzeihung, ihr Wildgewächse. Und jetzt trage ich schwarz-weiße Schuhe von Adidas, weil sie mich an Fußballschuhe aus einer Zeit, die ich aktiv nicht miterlebt habe, erinnern. Sollte ich diesen Satz jemals irgendwo vorlesen, so werden fünfzig Prozent des Publikums auf meine Schuhe schauen. Sie werden verpassen, wie ich im Gesicht eine traurige und ehrliche Grimasse forme. Für die Kinder, die diese Treter geknüpft haben. Denn darum geht es mir. Aber: It’s not your fault, children of Bangladesh.

Cause I am just a little guy
in a crazy world
full of madness and sadness,
and we will go on upon
our endless journey of tragedy
until we see the sea
beyond the „knowledge of good and evil-tree“.
Der Baum heißt auf Deutsch „Baum der Erkenntnis“, Digger. Denk da mal drüber nach.

Mühsam mit Schulenglisch verfasste Bekenntnisse eines Mörders; die Wahrheit ans statt hinter des Licht zu führen ist eine unangenehme Gabe der Vernunft. Wer vor narzisstischer Freude platzt, soll danach auch die Sauerei wegputzen oder wegkärchern oder wenigstens mit dem Handkehrer die Gefühls-Fusel von sich wegschieben – so wie man überhaupt immer die Schuld von sich weist, weil immer die Anderen den schweren Rucksack der Sünde aufsetzen müssen. Trotzdem sagt ständig irgendein Spinner, er hätte Rücken. Nur ernsthaft belasten will ihn niemand. Schon der lustige Jesus sagte: Wer ohne Schuld ist, soll den ersten Stein schmeißen und nicht nur wegen einer bestimmten Szene des grandios verfilmten „Leben des Brian“ verspreche ich, dass uns alle dann ein Steinhagel begraben wird. Wir werden wimmern und die Situation kolossal verkennen; nur das Äußere lässt sich mit Photoshop optimieren, nicht das Innere. Lasst euch lieber vom Lauf der Sonne verdunkeln, nicht von all dem Unsinn, der rechts und links und hinten und vorne lauert und sich von euren Gehirnzellen ernährt, verdammtnochmal.

Dann: Kunst- und Dunstpause.

Fabian ergreift Partei gegen die Stille und sagt jubelnd: „Ich habe jetzt eine Waschmaschine!“ und gemeinsam sitzen wir auf einem Baumstamm, vertreiben uns die Zeit mit Wundern über Dinge.

Ich sage: Vielleicht wäre es besser, wir wären alle Tauben. Dann könnte man sich wirklich aussuchen, worauf man scheißen würde.

Ob nun
auf den Reichs-, Bundes- oder Landtag,
oder auf den Mon-, Diens- oder Mittwoch,
oder auf die Stätten, in denen wir uns wie an Ketten unseren Tagelohn erarbeiten,
oder wir koten auf den immer gleichen Alltag,
oder auf den Tag, der auf den Tag folgt, an dem wir uns endlich verändern wollen,
oder auf den Taxifahrer,
oder doch nur auf den Nachbarn, der einem immer die kostenlose Zeitung vom Sonntag stibitzt, obwohl man doch noch den Media Markt-Prospekt nach günstigen Spielfilmen durchstöbern wollte.

Sei klug, spare hier und da ein paar Euro. Sei klüger, spare dir hier und da einen Kommentar. Oder sei ganz einfach und doch so schwierig: der Klügste und denke nicht nur dann nach, wenn jemand etwas von dir will, sondern auch vorher, nachher und zwischendurch. Denken ist schön, denke ich mir und manchmal muss man sich auch mal die Welt schön denken, denn sie ist es nicht. Aus Gründen.

Dennoch will ich hier jetzt nicht ewig weitermachen mit dem Waschen der schmutzigen Wäsche. Das soll Fabian machen. Denn der hat jetzt eine Waschmaschine.

Hinweise

Tach. Ich hätte hier ein paar Informationen für euch. Es sind drei.

I
Anfang des Monats war ich Gast beim „satznachvorn“-Slam in Aachen und freundlicherweise haben die technikaffinen Menschen vom Aachener Hochschulradio den kompletten Slam mitgeschnitten, sodass alle Texte des Abends nun nachkonsumiert werden können. Ich las dort „Viva la Faszination“, „Hannover“ und „Gute Nacht“, sowie vorab ein paar richtig geile Kindergeschichten. Und andere tolle Leute wie Michael Heide, Oliver Malinkowski oder Nadja Tulakow waren auch dort. Bitte anhören. Hier:
https://gigamove.rz.rwth-aachen.de/d/id/7hxffwcrpB5xAa

II
Es gibt da ein neues Satire-Magazin, das nennt sich „TOTPUNKT“. Der Chef des Blättchens, Florian L. Arnold, beschreibt es so: „Totpunkt ist subjektiv. Totpunkt schert sich nicht um Korrektheit. Totpunkt schimpft, meckert, philosophiert.“ Das klingt doch ganz prima. Und in der neuen, dritten Ausgabe lässt sich auch einer meiner Texte („Kulturausdehnung“) darin finden. Wenn das nicht ein weiterer Grund dafür ist, das Heft zu bestellen, dann weiß ich nicht, welchen Grund es anstelle dessen bräuchte. Bestellbar ist es hier:
http://www.totpunkt-magazin.de/

III
Außerdem habe ich einen Text („Gute Nacht“) zur Ausstellung „DAS BLAUE LEBEN IN S/W“ beigetragen. Dort durften Schreiberlinge Texte zu Bildern verfassen und ich habe mich für das Bild „Fenster“ entschieden. Die Vernissage zur Ausstellung findet am 2.12.2011 um 18Uhr in den Räumlichkeiten der Allianzagentur Hinz in Schömberg (das ist irgendwo in Baden-Württemberg) statt. Wer aber nicht irgendwo in Baden-Württemberg wohnt, der kann sich das Buch zur Ausstellung bald bestellen – noch ist es nicht auf dem Markt, aber in den nächsten Tagen wird es bei Amazon und Co. unter folgender ISBN-Nummer zu finden sein: 978 3 8448 0827 8. Kann man sich auch mal bestellen.

Das war es dann. Neue Texte folgen. Tschüss.

Für Sportsfreunde

Im Fernsehen ein „Plock“. Und Rolf Kalb kommentiert auf Eurosport mit sonorer Stimme: „Wauisaui, Ronnie O’Sullivan mit einem 42er-Break, Jimmy White braucht jetzt Snooker.“ Hm. Danke, Rolf Kalb. Ein sehr interessanter Satz, über den ich in dieser trüben Novembernacht lange nachdenke. Denn ich bin mir nicht sicher, ob überhaupt irgendjemand auf dieser Welt Snooker wirklich braucht. Denn Snooker ist eine krude, recht ereignislose Abart der Randsportart Billard. Eine Variation einer Randsportart, das muss man sich mal vorstellen, wie kurios, hohoho! Das kann ich selbstverständlich auch bildlich erklären, weil ich nämlich ein intellektueller Autor bin: Snooker ist nicht mehr am Tellerrand, sondern vielmehr beim Besteck beheimatet, so weit weg ist dieser elitäre Queue-Quatsch vom Rest der Sportwelt. Dass man dieses Gestoße dann auch noch live im Fernsehen zeigt, ist in etwa so, als würde man auch die Ennepetaler Kreismeisterschaften im Hüppekästchen übertragen. Live in Sat1. In HD. „Das große Hüppekästchen-Wetthüpfen“, kommentiert von Johannes B. Kerner.

Ich weiß nicht, ob sich irgendein Thünnes dieses Spektakel am Sonntagnachmittag ansehen würde. Aber woher soll man das so genau wissen in einer Zeit, in der das Berliner Olympiastadion nur noch von zwei Leuten gefüllt wird: zum einen von einem senilen, alten Mann mit einer mammutbaumgroßen Angst vor Pimmelmützen und zum Anderen von einem Typen, der seit Jahren so viel Geld mit so alten Mann/Frau-Kalauern verdient, dass man den Papst fast modern nennen könnte. Ich weiß, Mario Barth-Kritik ist mindestens so von 2006 wie Jürgen Klinsmann, aber es ist mir immer noch ein großes Bedürfnis, vor dieser kulturschädigenden Gestalt zu warnen. Denn weil Herr Barth stets die selbe Kleidung trägt – ein orangefarbenes T-Hemd – ist gerade für Kinder die Verwechslungsgefahr sehr groß. Deswegen hier ein Tipp, liebe Kinder: der Typ in orange, der ist böse, und der Typ in grün, das ist Christoph Biemann von der Sendung mit der Maus, der ist nett, der erklärt uns die Welt. Vielleicht müsste man ihn mal fragen, was dieses Snooker ist und vor allem: warum.

Das, liebe Leser, war eine Überleitung, mit der ich zurück zum eigentlichen Thema komme, die Älteren werden sich erinnern: es ging hier mal um Snooker. Nicht, dass ich etwas gegen Snooker hätte, sonst würde ich es mir nicht ansehen, rofl, wiedummwäredasdenn. Aber ich möchte jetzt, hier in aller Öffentlichkeit an der Relevanz dieses Präzisionssports zweifeln. Ich meine, wie häufig passiert beispielsweise Folgendes: man sitzt mit seinem/r Partner/in am Frühstückstisch, ärgert sich über das zu flüssige Eigelb (oder so) und sagt: „Mensch, Schnuffelinchen, wie der John Higgins gestern den vierten Frame gewonnen hat, das war ganz, ganz tolles Tennis. Ich finde, dafür hat er den Laureus Sport-Award verdient! Reich mir doch bitte mal die Butter.“ Abgesehen davon, dass ich so gut wie nie frühstücke, kann ich mich nicht an derartige Dialoge erinnern. Und ich bin noch jung, ich erinnere mich an alles. Also, wirklich an alles. Ich weiß etwa noch, wie ich 2001 bei Bekannten in Trier von der Mondlandung erfuhr, oder wie mir meine Großeltern 1997 im Auto von der Nichtexistenz des Weihnachtsmann berichteten, oder wie man mir erst letzte Woche mitteilte, dass es in Deutschland doch tatsächlich noch Rechtsradikale gebe. Ach was. Das ist ja mal ein dolles Ding.

Und nun folgt etwas, was dieser Geschichte gut tut: es passiert etwas. Bis gerade eben war es in meinem E-Mail-Postfach ruhig. Zu ruhig. Bis mich plötzlich eine elektronische Buchstaben-Post erreicht, die mein Leben verändern wird. Ein virtueller Brief voller ehrlicher Liebe, ganz persönlich, nur für mich. Der Absender: „GMX Best Price“. Manch ein böser Mensch vermutet hinter so einem Absender gerne mal einen Reklamepixelhaufen, doch diese Mail ist anders. Sie enthält einen Hinweis, den ich nicht ignorieren kann. Während ich nervös mit dem Löffel ein paar gefährliche Strudel in meinen Kaffee drehe, lese ich langsam die Betreffzeile besagter Schicksalspost: „Gratis Mini-Rennbahn mit Looping und Rundenmesser: jetzt FOCUS lesen! 8 Ausgaben frei Haus + 30% sparen! +++ Hohe Zinsen für Ihr Tagesgeld“. Leckmichamarsch, wiegeilistdann! Und das um diese Uhrzeit! Mit dem Satiremagazin „Focus“ kann ich zwar nicht viel anfangen, aber wenn ich die 30 gesparten Focus-Abonnement-Prozente mit den hohen Zinsen für mein Tagesgeld verrechne, bin ich bald stinkereich! Yeah! Und dazu die kostenlose Mini-Rennbahn mit Looping und Rundenmesser! Ich sehe mich jetzt schon in meinem Zimmer sitzen und fleißig ein paar Runden drehen! DAS wird dann echter Sport!

Und falls Rolf Kalb Zeit und Lust hat, kann er das Ganze gerne kommentieren.

Gedanken zur Lage der Situation

Und ich liege viel herum und meistens richtig.

Wenn ich mehr Haare an den Füßen hätte,
könnte ich als Teppich arbeiten.
Mal ganz symmetrisch gedacht.

Wenn ich dann ein fliegender Teppich wäre,
könnte ich im Orient ein gefeierter Held sein.
Oh, du schöne Mythologie!

Wenn ich dann ein Held wäre,
könnte ich mir Autogramm- und Visitenkarten drucken lassen.
Wegen meiner Prominenz.

Und dann kämest du – aber
nicht gezielt, sondern ganz
aus Zufall und versehentlich
vergucken wir uns ineinander.

Wenn du dann nach einem Autogramm frügest,
könnte ich dir diesen Wunsch erfüllen.
Wegen meines Kugelschreibers.

Wenn du dann lesen und wissen würdest, wer ich bin,
müsstest du nicht die Katze im Sack heiraten.
Oh, du schöner Aphorismus!

Wenn du dann meine Katze bist,
dann würde ich an deiner Stelle auf dem Teppich bleiben.
Mal ganz gemütlich gedacht.

Und dann lägen wir viel herum und alles bliebe: richtig.

Das Leben eines Künstlers

Wenn ich mein Kommen ankündige, dann malen die Veranstalter Superlative auf die Plakate.
Plakate, auf Stromkästen geklebt und mit meinem Tausendsassa-Gesicht beklebt.

Jeder soll es sehen, jeder soll meine Fresse sehen; „die größte Supershow der Totalen, Unterhaltung pur,
Literatur at it’s best, das feine Kulturhäppchen für Zwischendurch und Jeden, neunzehn Uhr ist Einlass“.

Wenn dann alle über mein Kommen informiert sind, tauschen die Leute fleißig Papierscheine gegen Abreißkarten.
Abreißkarten, die der Abreißmann am Tag des Abreißens abreißen wird, weil er es kann.

Seht! Er kommt! Er bringt uns Kleinkunst mit! Endlich! Die heilige Messe der Kleinkunst!
Nur Kleinkunst vermag unseren Alltag aufzufetzen! Hurra, hurra! Kleinkunst!!

Und wenn ich dann in den Ort komme, schmeißen die Leute mit Konfetti.
Konfetti, ausgestanzt aus Originalschriften von Ovid. Oder Micky Maus. Oder Ähnlichem.

Hinter der Bühne gönne ich mir zwei Schlücke Trüffellikör, den Rest gieße ich ins Künstler-Bidet;
zwei knapp bekleidete, westeuropäische Mädchen klopfen ans Fenster – ich weise sie ab, weil ich es kann.

Wenn ich dann in Zeitnot komme, vierzig Minuten im Verzug bin und noch meine Texte sortiere,
sortiere ich meine neunhundert besten Texte ganz nach hinten, ich will die Leute ja nicht zu sehr verwöhnen.

Begleitet von vierzehn turmhohen und muskelverzierten Sicherheitsleuten trabe ich schließlich auf die Bühne;
um meinem Publikum ein paar wichtige Gesten vorführen zu können, trage ich Schuhe mit vierzig Zentimeter Absätzen.

Wenn ich komme, stellen sich die Leute rabiat applaudierend auf ihre Stühle.
Stühle, die es ihnen ermöglichen, mir, dem Künstler, näher zu sein.

Neunminütiger Begrüßungsapplaus, ganz ordentlich, ich verneige mich, werfe meinen
Zylinder wichtig in die Lüfte, fange ihn mit Augen zu („Wahnsinn! Und das in den Schuhen!“ ruft jemand aus dem Publikum) und dann lese ich ein Gedicht auf Estnisch vor.

Es trägt den Titel: „Jello“.

Jello.
Talv tuleb ja peeretan,
Ma vihkan hooaega
minu publik on loll nagu leib,
oma raha, et osta jama.

Und jedes Wort ist wahr. Jedes Wort klingt wie Poesie. Auf deutsch heißt in etwa so viel wie:

Wackelpudding.
Der Winter kommt und pupst,
ich hasse die Jahreszeiten,
mein Publikum ist doof wie Brot,
von eurem Geld kaufe ich mir Unsinn.

Und jedes Wort ist wahr. Jedes Wort klingt wie Poesie; solange man es nur so sagt, dass es niemand versteht.
Wilder Applaus, weil ich nicht nur bilingual, sondern omnilingual bin und jede Sprache der Welt spreche.

In allen jemals gesprochenen Sprachen der Geschichte bedanke ich mich also bei meinem Publikum für den beschissenen Abend,
mein Programm neigt sich dem Ende zu; ein Gedicht muss ja wohl reichen, nächstes Jahr werde ich wiederkommen, dann gibt es noch eins. Auf armenisch.

Wenn ich dann gehe, hüpfen die Leute vor Begeisterung die Sitzvierecke der Stühle kaputt,
meine vierzehn Bodyguards geben in meinem Namen Autogramme und alle sagen stolz:

Wahnsinn! Das war ja wohl mit kilometerweitem Abstand die größte Supershow der Totalen, Unterhaltung purpur, Literatur at it’s motherfuckin‘ best, das allerfeinste Kulturhäppchen seit Rémy Belleau. yabadabaduh!

Und wenn ich dann aufwache, in Ennepetal vor neun Leuten lese – ohne Konfetti, ohne Zylinder, ohne Trüffellikör,
aber mit einem Becher Fanta in der Hand – dann denke ich: Alter, Kleinkunst. Hurra, hurra!

Er

Flötend und den Mond betrachtend läuft er über den Bürgersteig, bis ihn ein Laternenpfahl zu Boden zieht. Dass es auf Wegen auch Hindernisse geben kann, hatte er in seinem jugendlichen Leichtsinn nicht bedacht. Mit dem Hinterkopf voraus knallt er längs auf den kühlen Asphalt, wo er Ameisen und gelesenen Zeitungen unfreiwillig Gesellschaft leistet. Ganz unten angekommen ist er, willkommen heißt ihn niemand. Noch bevor er sich Gedanken darüber machen kann, ob er verletzt oder sogar tot ist, verliert er mit einem Mal alles, was sich an ihm zu vermissen lohnt: sein Bewusstsein, seine Sinne, seinen Verstand und alle anderen mühsam angeeigneten kognitiven Fähigkeiten. Als hätte jemand bei ihm im Gehirn einen Schalter umgelegt und von „an“ zu „aus“ gestellt.

Unfähig, wie Gott ihn einst schuf, liegt demgemäß seine mit Trenchcoat und Jeans verzierte, dumme Hülle jetzt einfach nur noch so herum. Dabei wollte er doch nur nach Hause. Jetzt ist er endgültig ganz woanders. Dort, wo man weder tot, noch lebendig ist. Dort, wo niemand unbedingt hinreisen möchte, weil niemand weiß, wo genau es ist und wie es dort wohl sein mag. Für diese Zwischenwelt jenseits vom Diesseits (und andersherum) gibt es keinen Reiseführer und keine Erlebnisberichte. Und wie eine Opfer-Verhöhnung erscheint es, dass die Straßenlaterne kaum Licht in die Nacht bringt, aber gerade ihn noch ausreichend ausleuchtet. So, als solle einjeder ihn liegen sehen müssen. Ihn, den umgefallenen Tunichtgut.

Noch ist er auf eine undefinierbare Art und Weise anwesend, aber das alte „Aktion-Reaktion“-Spiel des Lebens funktioniert nicht mehr. Alles ist deaktiviert, ausgestöpselt, man könnte sogar sagen: sein Sein ist paralysiert. Die Granitplatte ist kalt, doch er kann sie nicht spüren. Der Wind weht sanft und freundlich über seine Glieder, doch er nimmt ihn nicht wahr. Eine schwangere Katze tappst unsicher über seinen runden Bauch und er würde sie gewiss gerne begrüßen oder streicheln, füttern oder verjagen, ärgern oder wenigstens ignorieren, doch er kann nur noch: nichts. Und mit Nichts lässt sich die Katze natürlich nicht beeindrucken. Sie missbraucht ihn kurz als Brücke, dann ist er reichlich uninteressant geworden. Sie läuft auf die andere Straßenseite, legt sich neben eine Mülltonne und drückt der Erde drei neue Katzenkinder aus sich heraus. Sie jauchzen und stolpern und kneifen sich ihre kleinen Augen zu, fast, als wäre es im Katzeninnern schöner als auf diesem Planeten. Süß, würde er denken, wenn er denn noch denken könnte.

Es beginnt zu regnen. Sein Trenchcoat verteidigt tapfer nur die ersten paar Regentropfen, immer mehr Wasser verteilt sich in sympathischer, aber gemeiner Willkür auf seinem Körper. Er wird weich. Er wird zu einem nassen, ungewollten Klumpen Fleisch. Die Ameisen verkriechen sich in ihre kleinen, feinen Löcher. Und er kauert begossen am Tellerrand der Gesellschaft; bloß darauf wartend, dass sich Ratten und Fruchtfliegen häppchenweise durch ihn durch futtern. Tagelang könnte er als Mahlzeit dienen, immerhin, es winkt ihm eine so wohl nicht gewünschte Zukunft als quasi ewiges Gericht. Der Weg dorthin wird ihm bereits bereitet. Er verwest jede Sekunde ein kleines Bisschen mehr, hilflos und wie im Koma. Sekunden, Minuten, Stunden vergehen. Der Lauf der Dinge schreitet unaufhaltsam und dennoch langsam voran, so wie eine junge Schildkröte, die die Welt umrunden will. Trottend, aber beständig.

Schließlich taucht die Sonne am Horizont auf. Der computergesteuerte Zehnstunden-Leucht-Rhythmus schaltet die Lampe der Straßenlaterne ab. Sonnenlicht reicht, Anzeichen von Leben verdichten sich. Die ersten Autos fahren vorbei, viele noch mit angeschalteten Scheinwerfern. Und die Frühaufsteher hocken hinter ihren Lenkrädern und fahren zur Arbeit, zum just im Motel betrogenen Ehepartner oder sonst irgendwohin, wo man hin muss oder kann oder will. Aber immerhin, Menschen. Ist das seine Rettung? Nein, das Schicksal serviert Pustekuchen. Geholfen wird ihm nicht. Niemand hält an und sieht nach. Vielleicht denken die Leute, das sei Kunst, das müsse so. Vielleicht denken die Leute, er würde schlafen und das wäre nun mal sein Lieblingsschlafplatz. Vielleicht denken die Leute aber auch generell noch nichts Kluges zu dieser Uhrzeit und die ersten, zaghaften Gedanken des so jungen Tages schweifen nicht bis an den Bordstein ab.

Irgendein Vogel irgendeiner Vogelart springt irgendeinen Baum irgendeiner Baumart hinunter und pickt dem Bewusstlosen auf der Stirn herum. Auf selbiger hat sich über Nacht ein kleiner, blauer Fleck gebildet. Und plötzlich scheint das Leben zurück in seinen Körper zu gelangen, er bewegt langsam seine Arme und der Vogel fliegt in Angst vor einer Bedrohung davon. Mit Mühe schafft er, sich aufzurichten und der erste Gedanke, der ihm nach dieser nassen, langen, ungemütlichen Nacht kommt, ist: „Gute Güte, nie wieder Alkohol.“, woraufhin er sich kurz schüttelt und irgendwo einen Kaffee trinken geht.

Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wärn

(„Das Ende der Beschwerde“, das neue Album vom alten PeterLicht - bitte kauft es euch mehrfach und zahlt den doppelten Preis, weil fünfzehn Euro einfach viel zu wenig dafür sind)

Gute Nacht

Ich träume davon
mich auf Erfolgen ausruhen zu können
mal anhalten zu können
mal den Pausenknopf zu finden
mal die Kunst Kunst sein lassen und mich mich

nur wenn ich ich sein kann
kann ich sein
was ich bin
was ich sein will
so will ich sein
wenn ich ich sein kann
kann zumindest so sein
aber auf jeden Fall will ich sein
und zwar deaktiviert

ich will
mich vom Können entledigen
so wie eine Tanzfrau sich im Nachtlokal
von ihren Klamotten entledigt
unbekleidet und unbezahlt und doch gefeiert
möchte ich nicht mehr müssen müssen

von Massen möglich gemacht
sollen mich Reichtum und Anerkennung zudecken
wie eine Bettdecke aus Samt
oder woraus die weichen Decken halt sonst noch so gemacht werden

übrigens
Frottee klingt wie ein Getränk
daraus sollte man keine Bettwäsche machen dürfen
denke ich mir dann

verschriftliche den Gedanken aber nicht
weil ihn in Zukunft niemand mehr braucht
weil schon genug andere verschriftlicht wurden
ist er wertlos
man kann auch zu viel sagen
bei all der Zeit
die wir haben
ich frage mich
wann ich diesen Punkt für mich erreiche

aber wenn ich dann irgendwann
genug gesagt und geschrieben habe
dann bin ich zufrieden
dann habe ich gut abgeliefert
dann kann ich mich zu einer Pause überreden
Kunstpause
Kunstpause
keine Sätze mehr bilden
keine Bilder mehr kreieren
keine Kommas mehr setzen

denn
Satzzeichen sind der Tod der Fantasie
ein Satzgefüge endet wann immer es möchte
Freiheit für den Satz! Freiheit für die Fantasie!
nur Ausrufezeichen sind noch erlaubt

denn sie sind Ausdruck von Befehl!
von Endgültigkeit!
von Wissen!
von Wucht!
von der andere Sätze nur träumen können
träumen
träumen können
ist auch das Schönste was der Mensch kann

und genau deswegen will ich
inne halten und
Stop sagen
und eine Haltestelle im Kopf einrichten
all die Sackgassen verlegen
all die Erfolgsspuren mal verlassen für die Raststätte

und dann
dann schlafe ich
den Schlaf des Geliebten
den Schlaf des Gewinners
den Schlaf des Richtigen
des Wichtigen
des Gewollten
des Wahnsinnigen im Wahn

dann schlafe ich
meinen Schlaf

Eine sichere Bank

Vielleicht wird der ein oder andere mitbekommen haben: Wir befinden uns in einer Zeit der Krise, der Ungewissheit, der Sorgen. Alle von klein bis groß fragen sich zurecht: Was ist denn jetzt morgen? Weltuntergang? Schwarzer Montag? Oder Samstag? Manch ein kluger Kopf ist bereits daran zerbrochen. – Wie ein lustiger Millionär namens Hape Kerkeling bereits im September 1991, also einen Monat vor meiner Geburt, feststellte, ist das ganze Leben ein Quiz. Daher gibt es nicht nur Fragen, sondern auch Antworten. Theoretisch zumindest. Praktisch gibt es nur ein dem Laien namentlich gänzlich unbekanntes und scheinbar zufällig zusammengepuzzeltes Gremium, das diese Antworten dann berufswegen auch sucht. Gut, ganz so wie beim Jauch ist es hier nicht. Die 50:50-Chance ist vielleicht ein wenig zu riskant. Das Publikum fragen kommt ebenso nicht in Frage, denn das hat ja ohnehin keine Ahnung. Jemanden anrufen wurde versucht, ergebnislos – Silvio Berlusconi etwa hat ja auch in anderen Themengebieten alle Hände voll zu tun; keine Zeit. Und es gibt hier nicht nur Antwortmöglichkeit A, B, C oder D. Es sind vielmehr viel mehr Lösungen als uns das Alphabet Buchstaben schenkt – selbst, wenn man Ä, Ö, Ü und das scharfe S mitzählen würde. Aber: immerhin. Da sind welche, die suchen nach Lösungen. Und ein zerzauster Hippie namens Jesus versprach vor knapp 2000 Jahren, also rund 1991 Jahre vor meiner Geburt, dass diejenigen, die suchen, auch finden werden. Nur wann, das hat uns der heilige Sohn Gottes natürlich nicht gesagt.

So sitzen sich die wichtigen Leute schon seit Monaten auf ihren Ledersitzen die Popos wund und kommen zu keinem verdammten Ergebnis. Dabei sind doch alle so fleißig: Auf „Meetings“ wird die „Big Question“ gestellt, der „Masterplan“ wird gesucht, aber weil uns kleinen Leuten ewig keine Ergebnisse präsentiert werden, kann das alltägliche „Brainstorming“ doch nicht die kognitive Ruhe vor dem Sturm sein! Die entscheiden doch nichts, da oben die! Die mampfen doch nur Häppchen vom reichhaltigen „Catering“-Angebot, bezahlt von uns! Und wir können nicht mehr einschlafen, weil uns die Ungewissheit plagt. Wie soll es denn jetzt weitergehen? Antworten haben viele parat, doch so ganz koscher sind die mir nicht. Tagtäglich geben sogenannte „Very Important Persons“ in der „yellow press“ hanebüchene „Statements“ zur Lage der Nation ab, pff. Pseudokritische Meinungen werden zu simplen „Give-Aways“, die man einfach so in die Öffentlichkeit pustet, weil das ja jetzt jeder macht, weil jeder was dazu sagen kann und jeder davon betroffen ist.

Ahnung haben dabei leider die allerwenigsten. Aber Hauptsache, man hat sein „Feedback“ als Prominenter prominent in einer kleinen Kolumne platziert, damit auch Frau Schlütkewömpel am Frühstückstisch sagen kann: „Oh, Friedhelm, schau mal hier! Der Sky du Mont, der hat auch was dazu gesagt! Er ist zwar keiner vom Fach und ich verstehe die Hälfte nicht, aber toll! Toll, dass er sich da mal zu Wort meldet!“. Wenn ich mich früher, in der Schule, in Mathematik zu Wort gemeldet habe, dann habe ich auch viel geredet, jedoch zumeist inhaltlich relativ wenig gesagt. Denn es gibt Themen, bei denen solche man sich bei akutem Mangel an Fachwissen auch einfach mal zurückhalten. An dieser Stelle schöne Grüße an meine langjährige Mathelehrerin Frau Franck: Frau Franck, ich weiß immer noch nicht, wie man den Abstand eines Vektors zu einer Ebene berechnet, geschweige denn, was das alles überhaupt heißt. Und damit muss ich mich auch – „Gott“ sei Dank! – gar nicht mehr beschäftigen, weil mein Alltag inzwischen von größeren, finanzkräftigen Problemen bestimmt wird.

Es ist doch so: Unser mehr oder weniger geliebtes Europa ist, wie der anglizismenfreundliche Fachmann sagt, am „Vagina Way“, also am Scheideweg. Gut, dass es Leute gibt, die sich dagegen erheben. Das einfache Volk geht endlich mal wieder außerhalb von Fußball-Weltmeisterschafen auf die Straße, protestiert, macht sich Sorgen, Schilder werden beschriftet, Plakate werden vor Fernsehkameras ausgerollt, da ist ja richtig was los, heidewitzka, Revolution liegt in der Luft! Aber was uns dann doch fehlt, ist ein einziger, toller, kluger, redegewaltiger und -gewandter Typ, der sich hinstellt und sich auch zutraut, für die Massen einzustehen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen! Einen Helden brauchen wir! Einen Retter! Einen Die sehr, sehr gute Nachricht ist: nach dem diesen Kerl muss man nicht mehr suchen, denn er spricht gerade zu euch. Ja, verdammt! Komm! Ich mach es! Ich kann es! Ich will es! Ja! Ich bin eine sichere Bank!

Ich werde die Moderation von „Wetten, dass“ übernehmen! Heureka!

Bald…

Mehr dazu:
http://uerdinger.blogsport.de/lesebuehne/

Oh, Badezimmer!

Oh, Badezimmer!
Du gekachelte Enklave meiner Vierzimmerwohnung.
Du Hauptstadt der Reinlichkeit.
Du funkelnder Rückzugsort für Tage,
an denen es mir dreckig geht.
Du ungeheimes Kuschelnest,
du nur für meinen – bisweilen – nackten Korpus
reservierte Oase der Hygiene.
Lass mich hinein, ich stinke wie ein Iltis.

Manch ein Miefiger verpestet übrigens
die Schmuse-Atmosphäre des Bades
mit „Bitte im Sitzen pinkeln“-Aufklebern
und Klopapier mit nur zwei Lagen, pfui.

Wenn es um mein reinliches Reich geht,
kommt mir derart dubioser Unfug
natürlich nicht in die Rossmann-Tüte.
Vierlagiges Klopapier ist Pediküre für den Po.
(für die Lateinfreunde: also Paduküre, weil: „padus“ lat. für „Gesäß“)

Am Fenster weisen vier Warnvögel-Aufkleber
die Federvieh-Freunde milde darauf hin,
dass hier bitte nicht hineingeflattert
werden darf; ich bin vogelfrei und will es bleiben.

Denn meinen Toilettenthron besitze ich exklusiv.
Im guten, alten, doppelten Wortsinne.

Nur ich bin der König der Klobürste,
Wächter des reinigenden Rechteckpapiers,
Leiter des Leitungswassers,
Rektor der rektalen Reinigung,
Herrscher über das Haarsieb,
Chef des Schwamms,
Diktator der Duschdauer und nur ich
bin der allmächtige Badezimmer-Kapitän, ahoi!

Warmes Wasser, kalte Kacheln, ein Handtuch
hängt an seinem Platz, es ist aus Frottee!
Frottee, verdammt! Kuschlig weich und
trocknend und wohlig, schmusig, toll!

Vier Popopapier-Lagen, vier Warnvögel, Vierzimmerwohnung,
vier verschiedene Dusch-Intensitätsstufen am Duschkopf,
vier ist die goldene Zahl der sauberen Poren;
vier, vier, vier. Vier!

Weswegen es auch vier goldene, nein,
glitzernde Regeln der freundlichen Badezimmer-Benutzung gibt.

Regel #1: Ins Bidet pinkeln dürfen nur Kleinkinder.
Regel #2: Gardinen beim Duschen zuziehen, Penis und Scheide sind privat.
Regel #3: Nie zu viel Seife beim Händewaschen – Schaum ist böse, quillt meterhoch über und das kriegt man nicht so einfach wieder weg.
Regel #4: Handtücher müssen aus Frottee sein, Frottee für alle!

Ich befolge jede dieser Regeln eisern, stur und zurecht.
Oh, Badezimmer, ich bin ein guter Wirt deiner Kachel-Strukturen,
ich pflege und hege mich und dich und alles in allem
kann ich hier und dort nur von dir schwärmen.

Badezimmer, ich finde dich gut.

Stolz und vor Wasser tropfend blicke ich in das
spiegelnde Quadrat über dem Waschbecken
und freue mich darüber, dass ich bin.
Und ich bin: sauber, Mann!

Ahoi!

Womit man nicht rechnen konnte

Alles
beginnt
charmant.
Der
emsige
Filou,
genannt,
hihi,
„I-Dötzchen“,
jubiliert.
Klasse!
Lernen!
Mathematik,
natürlich!
Ob
Prozente,
Quadratwurzeln,
Radius,
Sinuskurve,
Tangentengleichungen.
Umformungen,
Vektorberechnung!
Warte.
X-Achsen,
Y-Achsen?
Zeitverschwendung.

Aber damit kann man in der ersten Klasse einfach noch nicht rechnen.

Festgestellt

Wie man vielleicht weiß, fahre ich derzeit viel herum, um meine tollen Texte auf Poetry Slams und Lesebühnen vorzulesen und Bier zu trinken. Dabei komme ich ein bisschen in Deutschland herum. Das macht Spaß. Das bildet. Das wächst. Und davon berichte ich hier äußert selten bis gar nicht, anders als etwa Jay Nightwind oder Matthias „Maschi“ Marschalt. Doch gestern, da fuhr ich nach Koblenz und auf dem Weg in diese gar nicht unschöne Stadt fuhr ich an einem Örtchen vorbei, welches den folgenden Namen trägt: Andernach. Andernach am Rhein. Da war doch mal was. Richtig, da war mal was. Nämlich 1920 – die Älteren werden sich vielleicht erinnern. In diesem Jahr kam dort Charles Bukowski zur Welt. Und wer sich jetzt am Kopf kratzt und denkt „Hä, werissndas“, der möge bitte von hier verschwinden, um seine Wissenslücke in einer beliebigen Buchhandlung dieser Welt zu schließen.

Alle anderen werden ahnen, dass ich heute, auf der Rückfahrt, in Andernach am Rhein Halt gemacht habe, um mir das Geburtshaus vom guten, alten Buk in der Aktienstraße anzusehen. Zunächst einmal: die Gegend ist sehr schön. Kleinstädtisch, putzig und harmlos. Frieden liegt in der Luft. Gut, dass Bukowski von dort weggezogen ist. Denn sonst hätte er nie von dem ganzen Unsinn, Dreck und Scheiß erfahren, von dem er dann so großartig schrieb. Aber zurück zu seinem Geburtshaus. Im Erdgeschoss ist irgendein Antiquitätenladen, durch die Fenster konnte ich jedoch nur Karnevalsunsinn erspähen und der Laden hatte geschlossen. Sei es drum. Und an der Hauswand hängt eine Gedenktafel mit Bukowski-Büste, mit Blick nach links. Der eigentliche Skandal ist nun, dass Charles Bukowski auf eine Borussia Mönchengladbach-Fahne blickt. Bitte was?! Wollt ihr mich eigentlich alle verarschen?! Ja, wollt ihr. Und hier der bildliche Beweis:

Man kann es aber auch ganz gut auf dem Wikipedia-Foto erkennen. Aber folgender Hinweis sei noch gestattet: der Stromkasten vorne rechts, der sieht jetzt ein bisschen anders aus. Dort klebt nämlich nun ein KFC Uerdingen-Aufkleber. Wer auch immer ihn dort hingeklebt hat: danke. Und wer 1920 auch immer den kleinen Bukowski aus seiner Vagina gepresst hat: ebenfalls danke.

Hannover / Freitag

„So, wer will jetzt noch tanzen gehen? Disco, Disco!“

Ich sitze als Gast in einer Hannoveraner Wohngemeinschaft, in welcher ich auch zu nächtigen gedenke. Anwesend sind zwei Damen, zwei Herren und ich. An der Wand hängt ein Che Guevara-Poster – sehr einfallsreich – auf dem Boden liegen leere Weinflaschen und in der Luft streiten sich Haschisch und Hund um die Geruchs-Hoheit. Gefühlte sieben Stunden lang haben wir über Nichtigkeiten, Unfug und deutsche Musik diskutiert. Und jetzt sind vier Fünftel der Gesellschaft bereit für „Disco, Disco“. Ich nicht. So hocke ich als Opposition auf dem Boden der stinkenden Tatsachen. Hm, was ist denn da los? Ob ich müde sei, werde ich gefragt. Ja, auch. Und füge hinzu, dass ich eher so der Kneipentyp sei. Es reiche mir, mich in einer Pinte neben einen Rentner zu setzen und mir aus seinem Leben erzählen zu lassen.

Da wäre dann beispielsweise ein hannoveranischer Heinz, der sagen würde: „Früher, als ich noch jung war, da gab es noch keine Telefone, die klüger waren als ihre Besitzer!“ und ich würde darauf sagen: „Ja, früher, als ich jung war, da gab es nur 150 Pokémon!“. So kämen wir ins Gespräch und unter dem Strich hätte ich dann mehr gelernt als beim studentischen Dauerzappeln in der Disco. Doch diese Meinung vertrete ich hier exklusiv. Ohne, dass es jemand ausspricht, liegen die Begriffe „Langweiler“ und „Spielverderber“ auf ihren Zungen; der stinkende Hund tappst in einen Aschenbecher. Die Stimmung rauscht endgültig in den Keller. Da könne man sich ja gleich einen Kasten billiges Bier kaufen und sich neben die Penner in der Fußgängerzone setzen, merkt einer an.

Was ich zunächst für eine gute Idee halte. Leider entpuppt sich dieser sehr gute Vorschlag rasch als launige Anmerkung, deren einziger ernster Sinn es ist, mich nonchalant einen „Langweiler“ oder „Spielverderber“ zu nennen.

Schade, dann eben „Disco, Disco“.

Auf dem Weg hin zum heute so nicht mehr genannten Tanzlokal müssen wir am Goetheplatz vorbei. Goethe, kennt man vielleicht. Ebenfalls bekannt: die Laune der Ladenbesitzer, ihre Buden nach ihrem Standort zu benennen. Apotheke am Theaterplatz, Theater am Apothekenplatz oder so. Aber was ich hier so zu lesen bekomme, lässt mich an vielen, vielen Dingen zweifeln. „Goethe-Kiosk“, „Goethe-Imbiss“, „Goethe-Sushi“, „Goethe-Casino“ und „Goethe-Shisha-Bar“. Sag mal, Hannover, geht es dir gut? – Ich glaube nein. Aber wer mich zu kennen glaubt, weiß, dass ich derart kuriose Situationen gerne zur eigenen Belustigung nutze. Ein Bier von Goethe, das hätte Stil, denke ich mir. Also weise ich die Gesellen und Gesellinnen darauf hin, dass ich gedenke, einen Zwischenhalt einzulegen: „Haaalt, stop! Jetzt kaufe ich!“, sage ich, erwerbe mir ein Goethe-Bier und es schmeckt.

Ich habe mein Getränk erst zur Hälfte wegkonsumiert, da erreichen wir auch schon das laute Etwas namens Disco. An der Wand noch ein Plakat einer vergangenen Ü50-Party: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich biegen“. Schnell fühle ich mich unwohl und unpassend, aber auch überrascht. Das hier ist nicht die Höhle des Löwen, sondern der Keller der Schlümpfe. Alle sind blau, DJ Gargamel hält sie mit seinen massentauglichen Klischee-Rocksongs gefangen und alle sind auf der Suche nach ihrer ganz persönlichen Schlumpfine. Und ich schlumpfe mich als müder, deplatzierter Brillenschlumpf durch das tanzende Studentenknäul. Dicke und dünne Beine reiben sich unfreiwillig an mir, ich erkämpfe einen Platz auf einem Barhocker. Zweifelnd und unfreiwillig unterhalten blicke ich auf die Tanzfläche. Eine Dame trägt ein grünes Kleid mit weißen Punkten – und dennoch hat sie gute Laune. Wo bin ich hier? Zappelnde Hilfigerhemden und -hosen, schmierig eingegeelte Haare unregelmäßig hoch und runter springende Brüste (na gut, das ist okay!“ und fuchtelnde Handbewegungen, für die sich jeder Puppenspieler der Welt schämen würde. Die glitzernde Discokugel dient als Sonnenersatz; hier strahlt heute kein Planet, sondern all die jungen Leute, wenn DJ Gargamel einen alten Hit von Britney Spears spielt. Ja, Britney Spears, so stark wurde dank Alkohol die Schmerzensgrenze schon verschoben. Ich erinnere mich wieder an Goethe, der einst sagte: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten“. Stimmt. Dann läuft „Eternal Flame“ und die Klischee-Pärchen schmusen wild, die Singles gehen auf Klo; machen Pipi und Aa. Gute Güte, was ist hier los.

Ein Studentenhonk fliegt vorbei. Er fragt mich, was ich denn studieren würde. Ich antworte: „Euch.“ Ist ihm zu subtil, er fliegt davon. Zurecht verachte ich ihn ein wenig.

Es ist vier Uhr in der Nacht, die coolen Leute trinken Club Mate und andere, hippe Getränke. Überhaupt, diese ganzen blöden, hippen Gestalten sind hier versammelt. Diese Hipster, die sich ihre Lieblingsfernsehserie auf DVD kaufen, um sie sich dann auf Videokassetten zu überspielen, weil das „true“ ist. „Pff, Hippies!“ denke ich und denke an ein Zitat eines Leander Haußmann-Films: Ich bin viel zu alt für mein Alter. Oder zu unstudentisch für Studentenfeten. „Disco, Disco“ ist nicht meine Welt und wenn ich mich ihr doch hingebe, bin ich das fünfte Reifen am Bobbycar und der ungewollte, letzte Schluck am traurigen Boden einer Bierflasche. Das merkt dann auch einer meiner Begleitpersonen. Ich werde nach draußen gezerrt und mir wird mitgeteilt, dass man diesen Laden hier auch verlassen könne.

Fast tröstend wird mir versprochen: „Das nächste Mal , wenn du in Hannover bist, können wir auch in eine Kneipe gehen!“. Und ich sage so laut „Ja!“ wie man das zu dieser Uhrzeit noch sagen kann. Doch dann füge ich hinzu: „Aber ich gehe jetzt nochmal rein.“ und mein Gegenüber fragt mich, wieso ich das denn vor hätte. Um zu studieren, sage ich. Um zu studieren.

FWT 2011

(Hinweis für sehr junge Menschen, Fernsehverweigerer und andere Leser: es ist für die Lektüre dieses Textes sinnvoll, von der Existenz der Serie „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ zu wissen.)

Ein Fernsehrelikt aus der guten, alten Zeit
war eingenickt und hat nicht mitgekriegt,
dass es ein paar Jahre übersprungen hat.
Und da liegt es nun, im Dunkel der Stadt.
Obacht, es erwacht.

Schuhu, schuhu.
Guten Morgen und guten Tach.
Ich bin das Fliewatüüt.
Ich kann fliegen wie ein Zeppelin,
schwimmen wie ein morsches Stück Holz
und Autofahren wie, öhm: ein Auto.
Falls Sie mich bis eben noch nicht kannten,
möchte ich Ihnen dennoch hiermit das „Du“ anbieten.
Bitte sehr.

Und nun zu mir.
Ich komme aus der Vergangenheit.
Ich weiß nicht so genau, wie ich hergekommen bin.
Da war so ein helles, grelles Licht
und dann
Huiuiui, huiuiui, huiuiuiui!

Es wundert sich, es sieht sich um,
es sieht sich um den Verstand gebracht.
Unser armes Fliwatüüt,
so sehr es sich auch müht,
weiß nicht, was ihm blüht.
Es guckt und schluckt und denkt:

Alles ist so anders hier.
Riesige Automobile, große, alberne Häuser und ich wüsste auch nicht,
wo ich hier mir hier mit meiner scheckkartengroßen Telefonkarte telefonieren könnt.
Und viel wichtiger:
Wo sind die ganzen Kaugummiautomaten hin?
Mir steht der Sinn nach einem Himbeer-Kaubonbon für fünf Pfennig!
Jawohl.
Die extreme Lage lässt mich sogar daran denken,
zehn Pfennig für so etwas auszugeben.
Denn ich finde, dass Himbeer-Kaubonbons sehr, sehr lecker sind.
Die Himbeere ist schließlich das aller-, allerknorkeste bzw. am Knorkesten seidende Gemüse im ganzen Gebiet.
Ich schwöre auf meine tollen Flügel.

Aber, ich sagte es bereits einmal, alles ist ja so anders hier.
Wunderei, wunderei.

In der von ihm bewohnten Zeit
war die Welt noch schnell erklärt,
Jungen trugen Hosen, Mädchen ein Kleid,
und es war der Mann, der Auto fährt.
Beziehungsweise fuhr. Mist. Egal. Weiter.

Owei, owei, was ist denn das.
Ich höre Stimmen in meinem Kopf.
Da reimt jemand.
Reime sind böse.
Robbi, Tobbi und ich, wir kamen damals auch ohne welche aus.
Wir sind doch nicht Goethe hier.
Ich will jetzt Himbeere, bitte.
Ohne Himbeeren geht es mir schlecht.
Total unknorke, wie man bei uns im Westen zu sagen pflegt.
Es schmerzt.
Es schmerzt.
Auuuuaaa, uuuuuahhhh, uauuuuahhhhuuuuahhhh.
Au.

Dem Fliwatüüt ergeht es schlecht,
es kommt 2011 nicht mehr zurecht,
es vermisst die Dinge, die damals gut waren,
und die große Menge, die ihm beim Fliegen zusah,
die ist heute erwachsen und reif und alt. Zu Alt?
Früher konnte man faxen,
heute macht man das per Mail,
man hörte die Nachtigall noch trapsen,
heute isses dafür zu schnell. Zu schnell!
Wir eilen und beeilen, doch verweilen nicht,
schnellerhöherweiter ist das Credo der Masse,
statt Klasse im Fernsehen ein Fatzke weise spricht:

Früher, da war alles besser.

Aber nein, Kollege, du täuscht dich kolossal,
Dinge so zu pauschalisieren ist tierisch trivial,
es war nicht besser, aber auch nicht schlechter,
es war einfach nur anders und vor allem nicht gerechter.

Ich könnte jetzt tausend kluge Beispiele nennen,
doch du, liebes Fliwatüüt, musst schon selbst erkennen,
dass die Welt sich immer drehen wird und wenn
dir nicht schwindelig werden soll,
dann musst du dich eben mitdrehen.
Sonst bist du von gestern.
Das willst du nicht.
In zwanzig Jahren ist das Heute die gute, alte Zeit
und dann wird man zurückdenken:
an das iPhone, Mensch, was ist das doch für ein stupider, kleiner Kasten;
an Jörg Pilawa, herrje, was ist das nur für ein sympathischer Moderator;
an die FDP, ach ja, die gab es ja auch mal.
Geschichte wird nicht geschrieben, sie wird gemacht.
Von dir, von mir, von allen.
Du musst es nur zulassen.

Und weißt du was?
Es gibt die alten Folgen von „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ jetzt als restaurierte Neufassung für knapp achtzehn Euro auf DVD im Internet zu kaufen. Und was das mit dem Euro, DVD und diesem Internet auf sich hat, das erkläre ich dir vielleicht ein anderes Mal. Nur so viel: ohne ging es uns nicht besser. Aber anders.

Unerwünscht sein

Das Märchen von der zweifelhaften Begegnung des Waldschrates mit einem kleinen Mädchen

Es war einmal ein bärtiger Waldschrat, der saß im Wald auf einem Baumstamm und knabberte an ein paar Ästen. Er rief immerzu: „Ich bin Ästhet, ich bin Ästhet!“, denn sein Sinn für Wortspiele war mindestens so ausgeprägt wie andere Dinge, die sehr ausgeprägt sind. Die Tiere im Wald konnten seine Scherze jedoch weder schätzen, geschweige denn verstehen. Regelmäßig sprangen die Eichhörnchen hinfort, wenn der Waldschrat des Weges kam. Er war unbeliebt, ungepflegt, unbekleidet, aber immerhin auch äußerst unterhaltsam, wenn man denn mit schrulligen, stinkenden, nackten Gestalten mehr anfangen kann als nichts. Und nun begibt es sich, dass sich aus Gründen ein kleines Mädchen im Wald verlaufen hat. Sie trägt ein grünes Kleid mit weißen Kreisen drauf, dennoch hat sie gute Laune. Eine Kompass-Armbanduhr aus dem Yps-Magazin unterstützt ihren noch kindlichen Orientierungssinn. Zwischendurch wirft sie sich den Inhalt einiger Tüten Urzeitkrebse-Futter in den Hals, denn das ist, was außer den Urzeitkrebsen selbst kaum einer weiß, ziemlich schmackhaft. Es gibt übrigens Urzeitkrebse-Futter mit den Geschmacksrichtungen Pommes Schranke, Fanta und (für die Gourmets): Roastbeef. Was für unser Märchen zunächst irrelevant erscheinen mag, doch jede gute Geschichte erzählt auf dem Weg hin zum letzten Satz einige, winzige Details, welche dem Konsumenten unwichtig vorkommen, damit diese Dinge, wenn sie denn nochmal vorkommen, für einen „Aha, soso, achja-Moment“ sorgen. Wenn etwa Hauptkommissar Frank Thiel im Tatort Münster zu Beginn der Sendung einen Eierschneider in seiner linken Jackentasche versteckt, dann wird das im Laufe der Ermittlungen einmal Sinn ergeben.

Zurück zum Märchen. Überraschenderweise gelangt das kleine Mädchen nun an die Lichtung des ast-essenden Waldschrates. „Oh! Heda, Süße, komm doch mal rum!“, ruft der Waldschrat, um danach anzumerken, dass seine Definition von „süß“ im Zusammenhang mit Kindern eine juristisch Einwandfreie ist: „Keine Sorge, ich tue dir nichts, ich bin Astheist!“, das Mädchen denkt dann lustigerweise: „Gott sei Dank“ und trabt langsam hin zum freundlichen Nackedei. „Hallo, Waldtyp mit kleinem Pimmel“, sagt das Mädchen. „Guten Tach, Stadtmädchen mit dem potthässlichen Kleid“, sagt der Waldschrat, „Willkommen im Establishment!“. Schnell werden die zwei Freunde. Der Waldschrat vertraut dem Mädchen vertrauensvoll an, dass er etwas vermisst. „Ich sehne mich nach Kapitalismus und Bahnhöfen; komm, lass uns was spielen!“, schlägt er vor und holt eine Hosentaschen-Version von Monopoly aus dem Geäst. „Oh, die Sonderausgabe ‚Estland‘!“, freut sich das Mädchen. Und wie sie dann so spielen, wächst im Kopf des Mädchens eine Frage heran. „Du, wo wir hier gerade so spielen, da frage ich mich, ob du weißt, wo Goethe gewohnt hat. Meinst du, er hatte ein Haus auf der Goethestraße? Das wäre ja toll gewesen für ihn, ich meine, ein Haus in der Straße, die so heißt wie man selber, das wäre doch totale Spitzenklasse, voll cool und so!“. Der Waldschrat antwortet lässig: „Wir sitzen hier übrigens gerade in der Waldschrat-Allee“.

Das Mädchen ist begeistert, die Stunden vergehen wie im Flug. Als die Sonne dann schon längst untergegangen ist, fragt der Waldschrat: „Sag mal, hast du Hunger, kleine Freundin? Hier, da hast du einen Ast, guten Appetit“. Doch das Mädchen scheint wenig begeistert zu sein. „Magst du etwa kein Ast? Ich hätte auch noch Geäst, Stöcke, Rinde, Holz oder Baum vorrätig.“ Das Mädchen schüttelt ihren Kopf langsam von rechts nach links nach rechts nach links. Der Waldschrat hakt nach: „Was ist los? Fehlt dir das Besteck? Hier, da hast du eine Astgabel“. Zwei Eichhörnchen haben die Szenerie beobachtet, schütteln beschämt mit dem Kopf, hoppeln davon. Und das Mädchen schaut immer noch traurig auf den Boden. „Ja, tut mir leid, ich kann dir sonst nichts Leckeres anbieten“, entschuldigt sich der Waldschrat und würzt das Gespräch mit ein wenig Melancholie: „Ich hätte ja auch gerne mal wieder Stadtessen, so eine Portion Roastbeef auf der Zunge, was wäre das töfte!“. Und das, liebe Leser, ist nun euer ganz persönlicher „Aha, soso, achja-Moment“. Denn es folgt natürlich, dass das Mädchen fröhlich ein Tütchen Urzeitkrese-Futter mit Roastbeef-Geschmack hervor zieht. „Hurra! Juchee!“ rufen sie gemeinsam und strecken die Münder in die Luft, um sich den Tütcheninhalt möglichst zelebrierend in den Hals schütten zu können.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schütten sie noch heute.

Verpissen

„Hömma, Monsieur, dat iss mein Pissoir, wo du deinen kleinen Kollegen da reinhältst! Tu ma ganz schnell gucken, dat du den da weghängst! Sonst zeig ich dir meine Rechte und meine Linke, da kannsu dir sicher sein, du Pimpf.“

Ich schaue verdutzt. Um dem Mann, der diese klugen Worte sprach, in die Augen zu sehen, muss ich meine Nase relativ weit oben heben. Seine Arme sind doppelt so dick wie meine und bei ihm sind es Muskeln, bei mir Fett. Zu meinem Glück muss ich nicht besonders dringend, so dass ich den Harndrang aufhalten und den Kerl ansprechen kann:

„Ist ja gut, ist ja gut. Ich gebe nach. So wie ich übrigens immer nachgebe, weil ich genau so klein bin wie ich aussehe.

Beispiel.

Wenn ich etwas lesen möchte, da aber nur Zeitungen sind, die mir wehleidig die Nachrichten von gestern aufwärmen, so wie ein Fertiggericht in der Mikrowelle fressfertig gedreht wird und ich lese diese blöde Blätter dann trotzdem, weil die um mich herum gegebene Langeweile nicht zu schätzen weiß und mich ablenken will von irgendetwas, was mich ja eigentlich doch nur peripher stört. Hinter der Süddeutschen steckt eben nicht immer ein kluger Kopf, manchmal versteckt man sich auch einfach hinter ihr. Und Nichtstun in der Straßenbahnfahren ist ein zu wenig respektiertes Privileg. Nun ja.

Weiteres Beispiel fürs Nachgeben.

Wenn ich etwas zu kritisieren haben möchte, da aber nur ein paar große Dinge sind, über die sich das Beschweren ernsthaft lohnen würde, dann nehme ich mir eben diese Großbaustellen vor und sage ‚Gesellschaft, pff, doof‘ oder ‚Politiker, hm, korrupt‘ oder ‚Medienlandschaft, joa, verseucht‘ und komme gar nicht erst in die verwegene Gelegenheit, da mal konstruktiv im Detail drüber nachzudenken, weil ich Kopfschmerzen als Konsequenzen fürchte. So bleibt alles wie vorher, niemandem ist geholfen, erst recht nicht mir. Aber wenigstens konnte ich motzen. Dem kann ich nicht nachgeben, weil ich schwach bin.

Und noch ein Beispiel dafür.

Wenn ich etwas zu essen haben möchte, da aber nur ein McDonald’s ist, wo ich dann Kühe, Kartoffeln und Cola konsumiere und mir nachher denke: Meine Güte, Jung, wo ist dein Idealismus geblieben? Wolltest du nicht die Welt verbessern und wenn du das nicht hinkriegen würdest, wenigstens du selbst sein? Und dann kommt man ungewollt in diese unschöne Phase, in der man sich fragt, wer dieses ‚Ich‘ überhaupt ist, sein will und sein kann. Manch einer liest dann ein Buch von Richard David Precht, die Bibel oder zumindest jemand Anderem die Leviten, damit man sich beweisen kann, dass immerhin der Körper verdammt stark ist. Genau wie du jetzt.

Doch so das Leben als oberflächliche Phrase zu definieren lässt wenig Spielraum für eigene Interpretationen, denn etwas derart Komplexes wie unser verdammtes Leben herunterzubrechen auf derart simple Formeln ist eine ziemliche Milchmädchenrechnung.“

Mein pinkelndes Gegenüber sieht mich an, als spräche ich serbokroatisch. Hat mich wohl nicht verstanden. Vielleicht ist er betrunken. Ich gebe ihm noch eine Chance.

„Okay, okay, lass es mich anders ausdrücken: wer boxen tun will, weil der andere so total böse ist und so und halt mal voll das Falsche macht, dann darf man nicht den Fehler machen und auch so voll das Falsche tun und den dann boxen, weil boxen dann auch total dumm ist und wir müssen viel mehr schmusen und uns gegenseitig in der Suche nach einer besseren Gesellschaft unterstützen und dann kann man sich auch mal Fragen stellen, zum Beispiel: Welche Kinder haben deine Hose genäht und leben diese Menschen überhaupt noch? Wer hat den Klostein da drüben hergestellt? In welchem Land der Erde findet man Fliesen wie die die um uns herum überhaupt noch modern und überhaupt und überhaupt und überhaupt. Gedanken machen ist das Zauberwort, beziehungsweise sind die Zauberwörter, je nachdem, welche Rechtschreibreform man nun favorisieren möchte, ist ja auch völlig egal, ich glaube, ich verhasple mich total, was ich eigentlich von Anfang an nur sagen wollte: Hau mich nicht auf die Fresse, ich will nur Pipi machen.“

Der Typ zieht sich den Reißverschluss seines Hosenstalls zu und sagt:

„Hömma, ich hab zwar nur zwei, drei Sätze verstanden, aber du hast da schon ganz schön schlaue Sachen gesagt, zwischendurch. Das mit dem Leben und so, hier das mit McDonald’s, das stimmt, ich ess‘ da auch manchmal. Na ja, du biss schon nen ganz feiner Kerl. Kannst hier pissen, wenne wills. Machet jut!“

Dann zieht er die Spülung seines Lieblingspissoirs und geht.

Die Hoffnung

Im Kiosk

Es gibt viele Arten, sich zu begrüßen. Manch einer sagt „Hallihallöchen“, andere sagen „Heidiho“, wieder andere heben einfach nur wortlos die Hand. Und Britta sagt „Tach Matze, einmal wie immer“, wenn sie ihren Stammkiosk an der Höflerstraße betritt. Britta hat über ihren Körper ein Zelt aus Baumwolle gespannt, ihre Haare fliegen durch die Luft als wären die Wolken magnetisch. An ihren Füßen kleben zwei pappige Gesundheitsschuhe, die nicht mehr so aussehen, als könnten sie ihrem Namen noch gerecht werden. Sie macht sich keine Gedanken darüber, wie sie das Haus verlässt und das sieht man ihr auch ganz gut an. „Hallihallöchen Britta“, sagt Kioskkoryphäe Matze und greift zielsicher ins Regal hinter sich. Er legt eine Packung blaue Pall Mall und eine BILD-Zeitung auf den Tisch. So wie immer eben. Aber pardauz, plötzlich interveniert Britta: „Nein, heute mal die roten, also die starken, bitte. Als Bigpack.“

Matze kratzt sich verwundert den Kopf, ein paar Schuppen rieseln herunter.

„Wieso das? Bist du krank? Ist jemand gestorben?“
„Guck mal da in die Zeitung.“
„Ja, hm, die FDP rutscht bundesweit unter die magische 1%-Hürde und die frivole Frohnatur Fiona hat schöne…hm…mhh…“
„Nein, nein, guck dir die Lottozahlen an!“
„Schau mal, Fiona steht auf erfolgreiche Geschäftsmänner mit Humor. Erfolgreich ist mein zweiter Vorname und ich kenne ein paar Witze, ich bin doch lustig, oder?“
„Äh, jetzt guck doch mal, Lotto, da unten steht’s doch!“
„Wie wäre es mit dem hier? Was ist gelb und trinkt viel Bier?“
„Homer Simpson?“
„Nein, eine Barnane! Haha! Der wird Fiona gefallen! Hahahaha!“

Matze röchelt vor Lachen, Britta nästelt an ihrem Baumwolle-Zelt herum. Sieh mal einer an, da war irgendwo eine Tasche eingenäht, erstaunlich. Sie zieht einen Lottoschein hervor. „Da! Vier Richtige! Ich bin reich, ich bin reich!“. Sie dreht vor Freude tanzend ein paar Kreise auf dem Kioskboden. „Und jetzt habe ich Hunger! Matze, tu mir mal ein Raider!“ und weil Matze sich inzwischen wieder beruhigt hat, kann er auch antworten.

„Raider heißt nicht mehr Raider.“
„Dann eben ein Twix!“
„Twix heißt nicht mehr Twix, Twix heißt jetzt ‚Pausenduo‘.“
„Dann eben ein Pausenduo!“
„Zum hier essen oder mitnehmen?“
„Sehr witzig!“
„Sag ich doch!“

Britta nimmt sich ein Raiderpausenduotwix, packt es aus, legt sich einen Riegel auf den Tisch und verlangt nach Messer und Gabel, weil man das in ihren neuen Kreisen eben so handhabt mit dem Essensverzehr. Stichwort Manieren. Beiläufig reicht Matze ihr das, was sie verlangt. Dann widmet er sich wieder dem Seite 1-Mädchen der BILD. Britta mampft, Matze gafft. Der gemütlichste Kiosk der Welt. Im Radio singt Jürgen Marcus ein Lied, von dem er wohl selbst nicht mehr weiß, dass er es mal gesungen hat.

„Reiche mir nun die Zigaretten, Matze! Ich verschwinde!“

Matze antwortet nicht, er zeigt nur mit dem Finger auf den Tisch, wo besagte Zigarettenschachtel liegt. An seinem Ohr sein Handy: er will die BILD-Redaktion anrufen, um zu erfragen, wo Fiona wohnt. Britta nimmt davon keine Notiz, sie geht zur Kiosktüre und ist im Begriff, sich zu verabschieden. Und es gibt viele Arten, sich zu verabschieden. Manch einer sagt „Tschüssikowski!“, andere sagen „Adieu mit ö!“, wieder andere heben einfach nur wortlos die Hand. Und Britta sagt: „Tschüss Matze, ich kaufe mir jetzt eine Yacht!“.

Ungreifbare Musik

Konzert. Ich habe mich erwartungsfreudig in einer alten Bahnhofshalle eingefunden. Obwohl diese Räume hier seit Jahren keinen Bahnhofshallendienst mehr verrichten, riecht es, wie man es auch von aktuellen Bahnhofshallen gewohnt ist, nach: Pipi. In meinem Kopf stelle ich mir vor, wer hier alles schon an die Wand gepinkelt haben könnte. Menschen, die inzwischen Karriere gemacht haben. Menschen, die längst tot sind. Menschen, die geplatzt wären, hätten sie in ihrer Not nicht an die Backsteinwände gewendet. Diese Wände hier erzählen mehr Geschichten, als ich je schreiben werde. Mein Respekt vor Wänden wächst immens. Und für all diese Gedanken habe ich gerade reichlich Zeit, denn der eigentliche Grund für meine Anwesenheit, die Musik, wird noch nicht gespielt.

Überhaupt, die Musik.

Ich schätze sie so sehr wie keine andere Kunstform. Denn es ist so einfach und doch so schwierig, sie zu erzeugen. Im Grunde genommen genügen ein paar richtige Fingerbewegungen. Entweder man macht [hier virtuoses Fingergezappel vorstellen] oder [wildes Fingergezappel] oder [total wahnsinniges Fingergezappel plus cooler Gesichtsausdruck] und schwupps, Kunst. Wahrscheinlich kann man jeden Kunst-Erzeugnisprozess derart frech klein reden, aber weder bei Buch oder Bild ist der Vergleich von Ursache und Wirkung so beeindruckend wie bei Musik. Sie löst im bestmöglichen Falle derart viele Gefühle, Gedanken und Körperspannungen aus, dass sich vergleichbare Künste schämend in die Ecke stellen würden, wenn sie könnten. Um dies dem Leser näher zu bringen, wähle ich einen Vergleich: wenn beispielsweise Literatur auf mich wirkt wie eine leckere Flasche Bier, dann ist Musik mindestens ein 20l-Liter Fass schottischer Whiskey, in welches reihenweise Aufputschmittel und halsfreundliche „Rachendrachen“-Bonbons gekippt worden ist. Zu letztgenannten Wick-Bonbons, welche es früher immer in der Apotheke gab, wenn ich artig gewesen bin, komme ich, weil nun ein paar bärtige Männer auf die Bühne tappsen und wild husten. Sieh mal einer an, die Herrn Musiker sind da.

Und genau vierzehn Leute sind gekommen, um sie sich anzuhören. Beschämend wenig, aber ich muss mir keinen Vorwurf gefallen lassen, ich bin hier. Ohne ein ‚Hallo! Wir sind diese, machen das, hier kommt Lied 1, viel Spaß!‘ beginnt nun das Konzert. Ich schließe die Augen. Die wummenden Klänge lösen noch viel mehr aus, wenn man dies tut. Und das muss und darf man sich dann so vorstellen: man fährt mit geschätzt fünfhundert Kilometern pro Stunde auf einer endlos nach geradeaus führenden Autobahn und links und rechts neben der Fahrbahn explodieren wahllos Häuser, Kühe und Gebirge. Krabumm! Eine Explosion, die scheinbar niemals endet, dann aber doch. Zwischen den Liedern murmelt der singende Gitarrist ein unmotiviertes „Thank you“ ins Mikrofon und der Hall, der auf seiner Stimme liegt, lässt es zu einem „Thank you-uh-uh-uh“ werden. „Bitte schön, gern!“, rufe ich auf die Bühne. Ohne Hall.

Nicht, dass ich musikjournalistische Ambitionen hätte, aber ich bin Klugscheißer genug, um die Musik der bärtigen Hustenden als psychedelischen Krautrock zu definieren. Ein Schlagzeuger, zwei Bassisten und ein Gitarrist, der ab und an Textfetzen ins Mikrofon haucht, wobei man jedoch kein Wort versteht. Manch einer würde den Klangteppich, den diese Gestalten in den miefigen Ex-Bahnhofshallen auslegen, als Krach bezeichnen. Doch diese Art der Musik hat einen Trick, den man erst durchschauen muss: Jeder Musiker spielt seine eigene Melodie und scheißt darauf, was die Kollegen gerade so fabrizieren. So entstehen Lieder ohne Refrain, dafür aber mit schreibe und sage vier Melodien, aus denen sich der Zuhörer die liebste herausfiltern kann. Eigentlich, so könnte man meinen, ist dann doch für alle was dabei. Weit gefehlt. Diese Musik ist nur etwas für Leute, die einer bestimmten „Szene“ angehören oder wenigstens angehören wollen. Ich bin eine Mischung aus beidem, zudem alleine hier und wie so oft: der mit Abstand jüngste. Gewissermaßen bin ich die Szene in der Szene, worauf ich ein bisschen stolz bin.

Ganz vorne tanzt allein ein Typus Konzertbesucher, der sich wahrscheinlich auf jedem gottverdammten Konzert der Welt entdecken lässt. Es ist die mittelalte Frau mit den langen, braunen Haaren, die sich wie wild zu den Tönen bewegt und scheint, als hätte sie sämtliche Drogen der Welt in der richtigen Dosis zu sich genommen. Egal, ob vierzehn oder vierzehn mal neunzehn Zuschauer: es ist immer exakt eine – nie zwei oder null! – dieser Damen anwesend und meistens wird sie irgendwann vom Sicherheitsdienst ermahnt, weil sie versucht, sich eine Zigarette anzuzünden. Nicht so heute. Sie raucht und schwingt in Trance durch die Gegend. Wahrscheinlich heißt sie Brigitte. So kann sich nur eine Brigitte verhalten, stelle ich mir zumindest vor. Eine Gabi täte so etwas nicht. Eine Gabi stünde dort hinten, würde sich über den Geruch beschweren und nach zwei Liedern genervt nach Hause traben. Nicht so meine Brigitte! Tanz, Brigitte, tanz! Brigitte hat’s verstanden.

Nach gut einer Stunde Beschallung mit gefühlt tausend Dezibel schließt der Krachgarten Eden dann. Ich taumle auf die Straße und vermisse den Krach. In meinen Ohren fiepst ein temporärer Tinnitus, den ich als alter Konzerthase aber längst kenne. Noch verschwindet der unangenehme Ton nach einiger Zeit, aber irgendwann einmal wird er sich bei regelmäßigen Konzertgängern für immer ins Ohr einnisten. Dies ist dann sozusagen das körperinterne Gütesiegel dafür, dass man einen verdammt guten Musikgeschmack hat. Eine unsichtbare Auszeichnung. Gefällt mir.

Die Straßen sind komplett leer, ich gehe auf die Mitte der Fahrbahn, renne panisch nach vorn und versuche, auf Tempo fünfhundert zu beschleunigen, komme aber auf nur auf zwölf. Ich schließe die Augen und da ist: nichts. Tja, ärgerlich. Das kann nur: die Musik.

Flache Witze #1

Endlich bewiesen: Rauchen wirkt sich positiv auf das soziale Umfeld aus!

Beachtenswerter Hinweis

Liebe Freunde!

Bald wird sie in Gelsenkirchen feierlich eröffnet, die neue Lesebühne mit dem Titel „Zwei Ossis und ihr Johannes“, welche ich gemeinsam mit Ilja Budnizkij und Sascha Matesic (besser bekannt als Sushi da Slamfish) bestreiten werde! Und zwar ab bald regelmäßig in Krefeld und Essen! Und so sieht das (vorläufige) Plakat dazu aus:

Aber ich möchte hier gar keine Worte mehr verlieren, denn derer habe ich auf der neuen Unterseite „Lesebühne“ schon genug gelassen. Ebenso empfehle ich die dazugehörige Facebook-Seite. Das wird ganz schön gut!

Bis dahin,
Johannes

Die unglaubliche Reise zweier Hirschkäfer auf einer Scheibe Knäckebrot

Einleitung:
Hirschkäfer im Allgemeinen tun normalerweise nur das, was sie normalerweise im Allgemeinen so tun: mit dem Mundwerkzeug an Dingen herumschnipseln, sinnfrei von A nach B, C, und D krabbeln, ab und zu Geschlechtsverkehr. Doch ich würde nicht von diesen Tierchen berichten, wenn es heute nicht grundlegend anders wäre. Doch dazu später (und im Namen des Textes) mehr. Und noch ein kleiner Hinweis: in Hirschkäferfamilien ist der Brauch, seinem Nachwuchs Namen zu geben, nicht verbreitet. Aber im Folgenden werden die Hirschkäfer spaßeshalber Ernie und Bert genannt, damit ich ein oder zwei Sesamstraße-Witze einbauen kann. Und nun viel Vergnügen mit der unglaublichen Reise von zwei Hirschkäfern auf einer Scheibe Knäckebrot.

Hauptteil:
Es waren einmal zwei Hirschkäfer, die vergnügten sich damit, eine Eiche sinn- und pausenlos hinauf und hinab zu krabbeln. Der eine Käfer namens Ernie war etwas dicker und kleiner als der andere, welcher den typischen Hirschkäfer-Namen Bert trug. Es ist ungeklärt, ob die beiden Geschwister, gute Freunde oder homosexuell sind – auf alle Fälle krabbeln sie die Eiche regelmäßig als Paar hoch und wieder herunter. Jedoch schlafen sie in getrennten Holzstückbetten. Nun begibt es sich aus reiner, spontaner Laune, dass ein Lastkraftwagen voller Knäckebrote an den Hirschkäfern vorbei fährt. Und als dieser mit seinen insgesamt schreibe und sage vier Reifen über einen kieselsteingroßen Kieselstein ruckelt, fällt eine Packung Knäckebrot mit Karamellgeschmack heraus, fliegt lustig durch die Luft und weil Gravitation und Gott es so wollen, widerfährt einem mit Bürobedarf beladenen Kleintransporter auf der Nebenspur das gleiche Kieselsteinschicksal, so dass eine Schere herausflattert, grußlos einen Riss in der Knäckebrotverpackung produziert und nun ist es an der Zeit, dass dieser viel zu lange Satz endlich mit einer reichlich offensichtlichen Information beendet wird: eine einzige Scheibe Knäckebrot landet vor den Mandibeln (Fachwissen: das sind diese Greifzangen vorne am Kopf der Viecher) der Hirschkäfer. Bert ist froh über die Abwechslung und heißt sie willkommen, Ernie folgt alsbald.

Ihnen war nie zuvor ein Knäckebrot begegnet, daher wissen sie so recht nichts mit dem Vollkornrechteck anzufangen. Stundenlang beraten sie sich; die Sonne geht auf und unter und etwa zweikommavier Tage vergehen, bis Ernie in seinem kleinen Hirschkäferhirn endlich eine halbwegs okaye Idee entwickelt hat. Aber gut Ding will Weile haben, sagen Volksmund und Großmütter. Ernie schlägt nun vor, aus dem Knäckebrot ein Floß zu machen und die Pfütze entlang der Straße als Unterfläche für die Knäckebrotoberfläche zu nutzen. „Au yeah!“, sagt Bert in Hirschkäfersprache und hält diesen Vorschlag für das Intelligenteste, was Ernie je gesagt hat, er spricht diesen Gedanken aber nicht aus. „Ich halte diesen Vorschlag für das Intelligenteste, was du je gesagt hast, Ernie!“. Okay, er sagt es doch. Und dann greifen sie sich das Knäckebrot und tragen es triumphierend hinab zur Pfütze, welche komplett mit Wasser befüllt war. Nur eine nasse Pfütze ist eine gute Pfütze.

Da sitzen die beiden Freunde also auf ihrem Knäckebrotkreuzer und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Ernie, mal ganz kreativ, tauft das Knäckebrot auf den Namen „Emm-ess-bar“. Sie fahren die Pfütze, die vielleicht die schönste Pfütze der Welt ist, herunter und ein paar Ameisen schießen vom Bordstein aus Fotos als Erinnerung an diese schöne Reise. Ernie sagt voller Freude: „Ich bin so froh und frei, ich fühle mich wie ein Quietscheentchen in der Badewanne!“, doch Bert muss ihn in seiner Glückseligkeit stören: „Aber gibt es denn auch Tauben bei dir in der Badewanne, Ernie? Sieh mal da, eine riesengroße Tauben-Armee! Sie fliegt direkt auf uns zu! Aarrraagahghaaaghhhh“. Und damit hatte Bert recht. Zwei Tauben hatten die Reisenden entdeckt und freuten sich über das schwimmende Essen, welches auf Essen schwamm. Aber, juhu: trotz angemessener Panik behielten Ernie und Bert den Überblick. Emsig machten sie von ihren Flügeln Gebrauch, stürzten sich auf die Tauben und kniffen ihnen mit ihren Beißgeweihen die Schnäbel ab. Das gefiel den Tauben nicht gut. Angepisst flogen sie wieder davon.

Nachdem sich Ernie und Bert beruhigt hatten, wurde Bert ein wenig patzig: „Einfach so eine bedrohte Tierart angreifen, ist nicht besonders human. Die blöden Tauben können doch irgendwelche Tiere essen, von denen es sowieso schon viel zu viele auf dieser Erde gibt. Zum Beispiel sich selbst.“ – Ernie hielt diesen Vorschlag für äußert amüsant, daher folgt als Reaktion auch das ernietypisches Ernielachen: [hier bitte ernietypisches Ernielachen vorstellen]. Endlich ist auf dem Knäckebrotfloß wieder Ruhe eingekehrt. Doch diese wertvolle Ruhe währt nicht lange: denn wie Bert mit seinen sehr, sehr guten Hirschkäferaugen schon aus der Ferne erkennen kann, schippern die zwei Passagiere auf einen Abfluss zu. Vollkommen zurecht warnt er Ernie: „Ernie, da, oweiowei, ein Abfluss! Unser wunderschönes, nach Karamell schmeckendes Knäckebrot wird dort hinein stürzen!“.

Noch bevor Döspaddel Ernie den Ernst der Lage realisieren kann, bleibt das Knäckebrot plötzlich stehen. Das Wasser hatte die tapfere Scheibe so durchweicht, dass es nun wie ein Waschlappen im Spülbecken liegen bleibt. „Was los? Haben wir einen Anker dabei?“, fragt Ernie. Bert verzichtet auf eine Antwort auf diese wirklich dumme Frage. Stattdessen schlägt er vor, zurück zur Eiche zu fliegen. Er habe plötzlich eine unglaublich große Lust auf sinn- und pausenloses Hinauf- und Hinabkrabbeln. Ernie hält diese Idee für das Intelligenteste, was Bert je gesagt hat und sagt das dann auch. Also fliegen unsere Freunde die Straße wieder hinunter, zurück zur allbekannten Eiche. Und wenn sie nicht gestorben sind, krabbeln sie noch heute.

Ausleitung:
Das war sie also, die unglaubliche Reise von zwei Hirschkäfern auf einer Scheibe Knäckebrot. Doch was können wir aus dieser Geschichte mitnehmen? Was lehrt sie uns fürs Leben? Wo ist die versteckte Moral? Gut, ich will ganz offen sein: nirgends. Entschuldigung.

Das Quiztaxi kann nun einmal nicht überall gleichzeitig sein

„Sagen Sie mal, wieso läuft das Taxameter eigentlich auch dann weiter, wenn wir an einer Ampel stehen?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert das Böse: „Ist halt so.“

Sie stehen an der Kreuzung zwischen Ostwall und Marktstraße. Die Laternen arbeiten, es ist Nacht. Der Taxibeförderung-in-Anspruch-Nehmer ist zu faul und zu reich, um die drei Kilometer nach Hause zu laufen. Wer kann, der kann. Das Taxameter zeigt sechs Euro und zehn Cent. Portokasse, das sind lediglich Peanuts/Erdnüsse für ihn. Apropos Knabbersüßzeug: Er wirft sich ein paar Weingummi in den Schlund und hat gleich schon die nächste Frage auf Lager.

„Sagen Sie mal, wieso haben hier die Weingummihersteller den Schriftzug ‚Vodka‘ auf die Oberfläche gepresst, wo doch ganz offensichtlich kein Vodka in dieser runden Süßigkeit enthalten ist?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

„Okay, gut, aber, sagen Sie mal, wieso sind alle Taxis aus dem Hause Mercedes, wo es doch so viele andere gute, tolle, deutsche Automarken gibt; so ein Taxi-Porsche, das hätte doch mal was – und vor allem: Stil?“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nach rechts, in seinen Augen flackert immer noch der Glanz der Gleichgültigkeit: „Ist halt so.“

Die Ampel springt auf grün, das Auto mit dem gelben Schild fährt den Ostwall hinauf. Aus dem Funkgerät des Taxifahrers kommen alle paar Sekunden Krefelder Straßennamen gekrächzt. Breite Straße, Lewerenzstraße, Tiergartenstraße, Horstdyk, Hilfe, Hilfe, holt diese Leute doch jemand ab! Manchmal kotzt einer auf die Ledersitze, manchmal versucht einer ohne zu zahlen zu flüchten, manchmal ist es sogar ganz angenehm. Und heute ist es so, wie es ist. Das Taxi fährt nun eine Linkskurve, rumpelt langsam in die Rheinstraße. Vorbei an leer stehenden Geschäften, vorbei an Geldautomaten, vorbei an Tauben, die sich selbst mit ein paar Brotkrümeln füttern.

„Sagen Sie mal, was würden Sie tun, wenn Sie eine Taube wären? Ich würde ja jeden Tag auf McDonald’s kacken. Kann diesen Schuppen nicht leiden; das ist gar kein richtiges Restaurant, die tun nur so. Ein Pseudorestaurant ist das doch. Für Leute, die die Fischgabel nicht von der Aufschnittgabel unterscheiden können. Dort bekommt man noch nicht einmal ein Schälchen mit Brotscheiben und Kräuterbutter, oder haben Sie schon mal einen Brotkorb bei McDonald’s bekommen? Haben Sie bestimmt nicht! Die wissen nicht einmal, wie man Kräuterbutter überhaupt buchstabiert! Ich schon! K, R, hm, Ä, U, T, E, R, B, U, Doppel-T, E, R. Ha!“

Der Taxifahrer dreht seinen Kopf nicht, in seinen Augen flackert überhaupt nichts mehr: „Wenn ich eine Taube wäre, wäre sich bestimmt irgendeine Taube nicht dafür zu schade, mich zu fragen, was ich tun würde, wenn ich ein Mensch wäre. Und ich sage Ihnen eins:“, nun dreht er seinen Kopf doch noch, natürlich, nach rechts: „Ich würde dann bestimmt nicht antworten: Taxifahren.“

Während sie über die Uerdinger Straße fahren, übt sich der Gast in einem erstaunten, aber lautlosen Ausdruck des Verständnisses. Er scheitert auf eine wenig würdevolle Art und Weise. Dialog gescheitert. Sie biegen in die Zielstraße ein, Portmonee-Rascheln ist das einzige Geräusch weit und breit. Acht Euro vierzig, beim letzten Mal war der Weg vom Hauptbahnhof zur Mozartstraße billiger. Doch der Fahrgast moniert beim Aussteigen etwas Anderes: „Sagen Sie mal, kennen Sie das Lied ‚ICE‘ von Rainald Grebe? Da singt er die Zeile: ‚die Wahrheit sagt dir jeder Taxifahrer‘, aber das ist wohl komplett gelogen. Ich bin ehrlich enttäuscht, wissen Sie das?“

Der Taxifahrer schmunzelt in sich hinein, nimmt das abgezählte Honorar in Empfang und dann muss er auch schon weiter zur Weberstraße, wo ein betrunkenes Pärchen auf ihn wartet. Seinen Gast will er aber trotzdem noch verabschieden: „Enttäuschungen kommen vor, denn, wissen Sie: das ist halt so.“ Und dann fährt er fort.

Im Wunderland gabs heute Hack

(man tue mir den Gefallen und erwerbe das Album „Auf Eis“ von Ludger auf dieser Internetseite.)

Irre Alte

Ein Tattergreis schwingt
seinen Gehstock durch die Luft.
Er wäre gern ein Hubschrauber.
Wer will ihm das verübeln!
Niemand will das.

Ein Großmütterchen strickt
seit zwanzig Jahren einen Schal.
Sie wird niemals fertig werden.
Wer will ihr das verübeln!
Niemand will das.

Es herrscht Ruhe.

Alle machen ihr Ding.
Alle dürfen sie selbst sein.
Und niemand muss.

Alle können.
Alle könnten.
Theoretisch.

Keiner will mehr sein.
Keiner will mehr sein.
Praktisch.

Alltagstrott
ohne Trotzdem,
ohne Aber,
ohne Wenn,
ohne Antrieb.

Zu alt, zu irre,
zu spät, zu spät,
zu kalt, zu kirre,
zu spät, viel zu spät.

Endstation Rentnerpsychiatrie.

Hier nun
kollektiv durchdrehen
ohne aufzufallen.

Hier nun
Irrenstatus einsehen
ohne entgegensetzen.

Hier nun
auf den Tod warten.

Wo bleibt er denn,
der verdammte Sensemann;
wer kann denn da noch
wichtiger sein und
dringender sein und
ehrlicher auf das
allerletzte irdische Urteil warten.
Niemand kann das.

Bernd spielt
statt ‚Bunga, Bunga‘
nur noch ‚Bingo, Bingo‘.

Walter war Opernsänger,
er kannte die Texte aller Schlager,
von Willi Fritsch bis Zarah Leander.
Heute hat er Alzheimer
und vergisst regelmäßig
seinen berühmten Namen.

Hilde fängt statt Männern
nun nur noch Fliegen,
mit dem Wasserglas,
und schaut den Tieren
tagelang
beim Sterben zu.

Sie wartet,
und wartet,
und wartet,
und wartet,
bis die Viecher
nach ihrem letzten Riecher
eingefangen und hilflos,
ihr Leben los sind.

Täglich beneidet sie die Fliegen.
Wer will ihr das verübeln!
Niemand will das,
in der Endstation Rentnerpsychiatrie.

Drei Probleme, die beim Verzehr von Tortillas auftreten können

Zehn Tage Hitler

Die Äl­te­ren wer­den sich ge­wiss noch gut an das Jahr 1983 er­in­nern. Be­son­ders drei Dinge wer­den ihnen im Ge­dächt­nis ge­blie­ben sein: zum einen der 5:0-​Heim­sieg von Bayer Uer­din­gen gegen Darm­stadt (und der damit ver­bun­de­ne Auf­stieg in die Bun­des­li­ga) und zum an­de­ren: der Skan­dal um die an­geb­li­chen Ta­ge­bü­cher von Adolf H. im Fak­ten­ma­ga­zin „Stern“. Die ge­fälsch­ten Bände waren un­ge­rech­net etwa fünf Mil­lio­nen Euro teuer; der Stern muss­te sei­ner­zeit fast neun­hun­dert Mal­bo­ro-​An­zei­gen schal­ten, um die­sen Ver­lust auf­zu­fan­gen. Und die Welt­be­völ­ke­rung trau­er­te: Zi­ga­ret­ten­wer­bung, pff, da wären uns ein paar in­ti­me Ge­heim­nis­se aus dem Füh­rer­bun­ker aber reich­lich lie­ber ge­we­sen. Man rauch­te und wein­te – bis zum heu­ti­gen Tage. Denn, wie ich hier nun kos­ten­los ver­kün­de, be­fin­den sich die ech­ten Ta­ge­bü­cher in mei­nem Be­sitz. Und weil ich mir aus Geld nichts mache, werde ich nun hier ex­klu­siv einen Aus­zug aus den brau­nen Bü­chern prä­sen­tie­ren. Bitte sehr:

12. April 1944
Habe heute ver­sucht, Blon­die den Hit­ler­gruß bei­zu­brin­gen. Doch das elen­de Vieh wei­ger­te sich. Vielleicht hat es auch einfach die falsche Rasse. Es war aber auch total un­kon­zen­tiert! Ich hoffe, ich finde noch eine End­lö­sung für die­ses Kon­zen­tra­ti­ons­pro­blem. Da müss­te ich doch noch ir­gend­was auf Lager haben… Au­ßer­dem habe ich noch ein biss­chen Schif­fe ver­sen­ken im bri­ti­schen Ge­wäs­ser ge­spielt, aber lei­der ver­lo­ren. Churchill, dieser elende Cheater! Lol!

13. April 1944
Hein­rich rief mich heute Mit­tag an. Er be­rich­te­te mir davon, be­ruf­lich einen Juden ge­trof­fen zu haben. Ich er­schrak, meine Ver­füh­rer­lip­pen form­ten ein lau­tes ‚Wie­so­das­denn­dual­ter­va­ter­lan­des­ver­rä­terrr!‘. Aber Hein­rich, die­ser Schelm, fügte hinzu, wie er den Juden ge­trof­fen hatte: durch den Kopf. Ich lach­te sehr. Hein­rich ist wirk­lich ein her­vor­ra­gen­der Wit­ze­er­zäh­ler. Arrow to the knee, ein Klassiker.

14. April 1944
Neu­ig­kei­ten von der Front. Ach ja, Krieg, stimmt, da war doch noch was. Zehn­tau­send un­se­rer Män­ner sind in Le­nin­grad ge­fal­len. Ja, meine Güte, dann sol­len sie halt wie­der auf­ste­hen! Ich habe jedoch ver­an­lasst, den Ka­me­ra­den zwan­zig­tau­send Pflas­ter mit Blüm­chen­mus­ter zu­kom­men zu­las­sen. Bin ja kein Un­mensch.

15. April 1944
End­lich Sonn­tag! Habe Eva ge­fragt, ob wir nicht mal wie­der Ge­schlechts­ver­kehr haben könn­ten – ich wün­sche mir doch so sehr einen klei­nen Verfüh­rer­sohn. Eva lach­te nur und hat mich ge­fragt, ob denn schon wie­der Weih­nach­ten wäre. So eine Frech­heit! Ist sie Franz Beckenbauer oder was! Und Blon­die, diese dumme Töhle, kann den Füh­rer­gruß immer noch nicht!

16. April 1944
Klug wie ich bin, habe ich heute ein neues Ge­setz er­dacht. Unter Pa­ra­graph 18181818, Absatz 888888Periode8 ist jetzt fest­ge­legt, dass das Weih­nachts­fest von nun an am 17. April ge­fei­ert wird. Eva weiß noch nichts von ihrem Glück, mor­gen werde ich sie über­ra­schen. Das wird sehr, sehr gut.

17. April 1944
Was hatte ich mich auf die­sen Tag ge­freut! Weih­nach­ten! Das Fest der Liebe! Im gan­zen Reich bau­ten die Kin­der Schnee­män­ner aus Asche, die Leute schenk­ten sich ge­gen­sei­tig hübsch ver­zier­te Kör­per­tei­le (oder was sie sonst noch so auf den Stra­ßen fin­den konn­ten) und ich freu­te mich dar­auf, mei­nen, zu­ge­ge­ben, klei­nen Adolf in Eva ein­mar­schie­ren zu las­sen. Doch Evas Mumu wagte einen Putsch, sie woll­te sich mir nicht öff­nen. So etwas darf nie, nie wieder passieren! Abends bat ich dann Gott um Hilfe, aber er ant­wor­te­te mir nicht. Dar­über wun­der­te ich mich kurz, aber ich hätte mir ja ei­gent­lich den­ken kön­nen, dass der keine Zeit hat, wenn sein Sohn ge­ra­de Ge­burts­tag fei­ert. Wie dumm von mir. Aber auch ein Füh­rer ist nicht un­fehl­bar.

18. April 1944
Ich traf mich heute mit Jo­seph, dem alten Spas­ti vom Nie­der­rhein, um ihm mein Leid zu kla­gen. Jo­seph war sehr ein­fühl­sam, wir tran­ken ge­mein­sam drei ari­sche Kan­nen Kaf­fee und dann frug er mich: „Willst du die to­ta­le Auf­mun­te­rung?“ und na­tür­lich wil­lig­te ich ein. Eine to­ta­le Auf­mun­te­rung ist die kür­zes­te Auf­mun­te­rung. Er er­zähl­te mir, ich bräuch­te mir keine Sor­gen um Evas Mumu zu ma­chen, die wäre nicht immer so tro­cken. Na dann.

20. April 1944
Ge­burts­tag! Juhu! Jubeldubeldei! Alle meine Freun­de sind ge­kom­men und wir haben zu dritt eine tolle Fete bei mir im Füh­rer­bun­ker. Hein­rich schenkt mir ein Ei. Ein rohes Ei! Wozu? Ich weiß es nicht, ver­dammt! Aber alle an­de­ren fan­den es lus­tig, also habe auch ich ein biss­chen mit­lei­dig ge­schmun­zelt. Bin ja immer noch kein Un­mensch. Dann hat jemand gepupst. Man gab mir die kollektive Schuld! Doch ich war das nicht! Das Gas kam aus einem Gestapo! Scha­de nur, dass Eva und Jo­s­peh nicht zu mei­ner Feier ge­kom­men sind. Wo sie bloß sind?

21. April 1944
Heute habe ich etwas ge­lernt: wenn Blon­die auf dem Rü­cken liegt, ge­lingt ihr an­nä­hernd der Füh­rer­gruß. Ich bin stolz auf sie. Gab ihr zur Be­loh­nung ein paar Ha­ken­kreuz­kek­se und EssEss-Papier. Im deut­schen Reich soll nie­mand hun­gern! Achso, Eva ist üb­ri­gens wie­der auf­ge­taucht. Und als nach­träg­li­ches Ge­burts­tags­ge­schenk brach­te sie mir einen neuen Film von Leni (nicht Lenin!) mit. Auf DVD. Ach nein, die gibt es ja noch nicht. Also im Super8-Format. Der Film scheint eine Liebeskomödie zu sein: „Wie ich in Auschwitz mein Herz verlor – und alle anderen Organe auch“.

22. April 1944
Eva will nicht fi­cken, der Krieg geht mir auf den ein­ei­igen Sack, alles läuft ein­fach schei­ße im Mo­ment. Daher lenke ich mich ein wenig ab. Hein­rich hat mir zum Ge­burts­tag eine Schall­plat­te mit ent­ar­te­ter Musik mit­ge­bracht. Ich höre sie nun schon seit Stun­den und tanze flip­pig dazu. Und dann stelle ich fest, dass ich eine ganz schön arme Wurst bin. Allerdings nicht knackig wie Wiener oder würzig wie Krakauer, sondern mehr so wie die in Schweinskopfsülze. Owei. Hoffentlich liest das hier niemand jemals.

Joa, ups.

Life on Stage

(gestern, da gab es einen sehr schönen Poetry Slam in Frankfurt; dort sind auch dieses Bild und dieser Gedanke entstanden.)

Später Erfolg

Aus die Maus

Olga spielt mit den Puscheln auf ihren Brustwarzen. Um ihren Bauchnabel herum trägt sie ein Tattoo mit irgendeinem Scheiß auf Chinesisch. Joe Cocker krächzt: „you can leave your hat on“. Das Licht flackert wild, die Drinks sind lausig zusammengepanscht, Olga zeigt einen Spagat an der Stange. Vor mir jubeln vier dicke, mittelalte Herrschaften und wedeln mit Monopolygeld. Ihre Penisse drücken sich durch die engen Cordhosen wie ungeladene Pistolen. Es ist der blanke Hohn. Und ich bin mittendrin.

Aber ich kann es erklären. Es gibt drei Dinge, die jedes Menschenleben treu begleiten: schlechte Nachrichten, Drogen und Sex. An allen drei Dingen geht man zwangsläufig zugrunde. Es ist immer die gleiche, verdammte Routine: man liest in der Zeitung von tausend gestrichenen Arbeitsplätzen, trifft sich in Bars mit Betroffenen und am Ende des Tages will man ficken. Das Problem ist dann, dass das ziemlich viele wollen. So viele, dass am Ende der Nacht nie genug Vaginas für alle da sind. Probleme, Probleme überall; vielleicht sollte man sich das Lesen abgewöhnen, damit beginnt das ganze Elend nämlich meistens. Heute Nachmittag las ich in der Zeitung von einem Großbrand in der örtlichen Krawattenfabrik, bei der drei Arbeiter starben und nun macht der Betrieb wahrscheinlich dicht. Ich ging rüber zu Pete in die Pinte, ließ mir sieben große Bier auf meinen Deckel schreiben, schließlich landete ich hier. Es wäre wohl auch ohne Zeitung so gekommen, aber Scheiße, man muss doch irgendwo einen Auslöser für all diesen Rotz suchen. Das Lesen muss aufhören, wenn man sich schon vom Leben nicht trennen kann.

Wieso eigentlich nicht? Alle gehen einem auf den Sack, nur entleeren will ihn niemand. So landet man immer wieder in einer dieser düsteren Wichsfabriken und lässt sich bescheißen von der Lust, vom nackten Fleisch und die Tänzerinnen haben nicht nur uns, sondern auch unser Geld in der Tasche. Und das geht so: im Eingangsbereich wacht ein Zweimeterturm, der einem fünfzig Euro abknüpft und einem dann besagte fünfzig Euro in Spielgeld wiedergibt. Dieses darf man sich dann über den gesamten Aufenthalt aufteilen und den Tanztanten bei besonders geilen Kunststücken zustecken. Getränke kosten extra. Ein gutes, weil einfaches System. Ich habe noch keinen einzigen Spieldollar ausgegeben. Muss man ja auch nicht. Einzig die Tänzerinnen haben etwas davon, da sie für jeden erstrippten Schein Extraknete bekommen, vermute ich. Ich habe nicht vor, heute auch nur einen einzigen Spieldollar auszugeben. Denn ich stelle mir vor, wie Olga und ihre Kolleginnen später hinter der Bühne tuscheln und sich gegenseitig erzählen, welcher Versager ihnen wie viel und wofür gegeben hat. Ich möchte nicht Teil dieser Gespräche sein. So viel Restwürde möchte ich mir dann doch bewahren.

Doch Obacht, uns wird nun das große Finale präsentiert: Schichtarbeiterin Olga zeigt uns ihren erfahrenen Po. Ich nehme es hin. Zwei Backen, zwei Löcher – so sehen die doch alle aus. Allmählich stumpfe ich ab, eine Erektion habe ich trotzdem. Das Quartett vor meiner Nase ist da doch deutlich begeisterungsfähiger. Man klatscht sich lachend und feiernd gegenseitig ab. Obwohl jeder von ihnen ganz gern allein hier wäre. Allein mit Olga, allein mit Olgas Po, allein und reich. Stattdessen tanzen diese Affen hier nun herum wie vier Kirchenmäuse vor einer Mausefalle. Sie fallen alle darauf rein. Wir fallen alle darauf rein. Alle fallen darauf rein. Zusch, die Lichter gehen aus, Olga verpisst sich und lässt uns mit unseren dicken Schwänzen allein. Die Show ist für heute beendet. Morgen gibt es die gleiche Vorstellung nochmal, ich freue mich nicht darauf. Trinke noch ein Bier, dann marschiere ich hinaus; zurück in die echte Welt, die auch nicht viel besser ist. Wenigstens weiß man da drinnen noch, dass man von vorne bis hinten über den Tisch gezogen wird. Hier draußen sieht das ganz anders aus.

Tierisch aufgegeilt und benommen taumle ich durch die Nacht, erfreue mich an meinem giftigem Atem. Ich bin widerlich, ich bin am Ende, ich bin ich. Es ist alles wie immer. Die Straßenlaternen flackern, spenden nur in unregelmäßigen Abständen Licht, vollkommen willkürlich das Ganze. Da hat wohl auch noch jemand anders keinen Bock. Mit Mühe erkenne ich, wie mir auf der anderen Straßenseite ein Grummeln entgegengeworfen wird. Ein anderer Irrer mit Weihnachtsmannbart und Trenchcoat kommt mir entgegen. Er scheint auch nicht viel besser dran als ich. Mit letzter Kraft jault er mich an wie ein halbtoter Hund:

„He, Kumpel! Haste schon gehört? ‚Krawatten Kempkes‘ macht zu! Die machen alles dicht! Platt! Pleite!“
„Scheiße, was meinst du, wieso ich hier so verkommen und gequollen rumspaziere? Der Teufel schlägt täglich zu und immer erwischt es mich!“
„Nein, nein, mein Junge, es erwischt nicht nur dich, nicht nur mich, sondern uns alle! Und Jesus lässt sich nicht blicken! Wenn ich den Kerl zu packen bekomme, poliere ich ihm die Fresse!“
„Gib ihm eine von mir mit!“
„Mach ich, Kumpel, mach ich! Du bist echt ein feiner Kerl! Pass mal auf.“ Er zeigt auf ein Tanzlokal, in dem immer nur die Schwarzen zu ihren ganzen verrückten Jazzsongs tanzen. „Geh mal da drüben rein, da findest du noch Abhilfe für das kleine Problem in deiner Hose! Die ganzen Neger ficken nämlich nur noch die weißen Mösen. Irgendeine Negerbraut kriegste da mit Sicherheit! Viel Glück.“

Dann torkelt mein Freund ziellos davon. Ich stecke mir eine Zigarette an und sehe mir den Laden mal von außen an. Das Schild ist in einem bemitleidenswerten Zustand, man kann nicht man den Namen lesen. Vor dem Kellereingang liegen drei Ladungen Kotze. Gefällt mir, da ist noch Leben drin. Ist einen Versuch wert. Mit der Kippe an der Lippe steige ich die Treppe hinab, die Saxophone erklingen immer lauter. Auf der Tanzfläche ist fast nichts mehr los, ein paar schwarze Männlein und Weiblein hängen herum. Es dauert nur wenige Sekunden, da reibt sich auch schon eine runde Schwarze an mir. Sie zeigt, was sie hat und was sie kann. Und das ist einiges. Olga ist ein Fliegenfurz dagegen. Ich genieße und wiege mich im Jazz. Als sie sich eine kurze Pause gönnt und an ihren Haaren herumfummelt, stecke ich ihr zwanzig Spieldollar in den üppigen Ausschnitt. Sie lacht, zerrt mich die Treppe hinauf nach draußen. Ein paar Kerle pfeifen uns hinterher. Sie wird mich jetzt wohl mit zu ihr nach Hause nehmen.

Falls sie eins hat.

Eine lebensbejahende Geschichte, in der prinzipiell nichts passiert

Mark greift nach einem alten T-Shirt, um sich den Schweiß von der Stirn zu streifen. Eine Mücke landet rückwärts auf seinen Rücken und macht Rast. Da, auf deinem Rücken, Mark, auf dem Rücken, Mark, eine Mücke! Mark! Es ist ihm egal. An diesem freien Sommersonntag sitzt er unbekleidet auf seinem Ledersofa und lässt sich durchs Nichts aus der Ruhe bringen. Mark, vierundvierzigjährig wie er nun einmal ist, hat kaum noch Haare und einen dicken Bauch. Sonst gibt es nicht viel zu beschreiben, soweit ich das in meiner Rolle des allwissenden Erzählers von meiner Warte aus erspähen kann. Der Fernseher ist ausgeschaltet, die Nadel des Plattenspielers steht arbeitslos in der Luft herum und Mark hat auch keine Frau, die ihm Gesprächsanreize oder wenigstens ein kühles Bier bringen könnte. Wir wissen also nun bereits, was Mark nicht tut, nicht einschaltet und nicht besitzt. Doch was gibt es sonst noch zu entdecken in seiner Wohnung? Hm, mal sehen. Da sind noch vier Wände um ihn herum, Luft sowieso, auch sonst so wie so oft nur das Übliche. Teppich, Stuhl, Decke, Tisch, Tischdecke und liebevoll, aber schlampig mit kümmerlichen Herzchen bestickte Stuhlkissen. Schauen wir uns das Sammelsurium auf seinem Tisch genauer an. Kerzen, Gläser, Schimmelkäse, Schimmelkäsehobel, Silberlöffel, Silbergabeln, Silbermesser, Silbermarmorkuchengabel, Silberschimmelkäsepiekser – oder kurz: Silberbesteck für jeden Anlass – zudem Ordner, Servietten, Serviettenspender, Serviettenzusammenhaltnadel – oder kurz: Serviettenallerlei. Alles, was man braucht, brauchte oder mal brauchen könnte. Marks Tisch ist sehr gut, eine glatte eins.

Kommen wir zum Sims. Auf besagtem Sims liegen eine gesäßfreundliche Thrombosehose, eine vertrocknete Rose, eine knotenlose Wollknäuelsoße, eine leblose Sammelfigur von Miro Klose in Jubelpose, die ein oder andere Modechose, eine Brotdose und ein Ziegelstein. Oder, um auch diese Aufzählung kurz zusammenzufassen: auf Marks Sims ist ordentlich was los. Außerdem erblicke ich dort noch eine Fernbedienung für das Fernsehgerät, also sozusagen ein Fernseherfernsteuerungsgerät. Auf der Taste namens 1 ist die ARD, auf der 2 das ZDF und weil Mark ein arg lustiger Schelm ist, lässt sich bei ihm auf der 3 „Das Vierte“ finden. Auf dem Boden sehe ich ein Katzenklo samt Katzenstreu für den nicht unmöglichen Fall, dass Mark eine Katze zuläuft. Einen Namen für die Katze hätte Mark auch schon: Bello. Wie gesagt, Mark hat einen ausgezeichneten Sinn für Humor, für welchen er auch überregional sehr geschätzt wird. Aber weiter im Text. Da sind noch Gitarre, Steckdosenleiste, Stehlampe, Bromeliengewächs samt dazugehörigem Pflanzentopf mit dazu dazugehöriger Erde drin, Regale, Regalfüllmaterial, also Bücher und CDs und DVDs und Videokassetten und unschöne Mitbringsel aus dem letzten Urlaub, und dann sind da Gardinen am Fenster und ja, das Fenster ist natürlich auch noch da, das hatte ich in meiner Aufzählung vergessen.

Und dann ist da eben noch dieses verdammte Sofa, welches Mark im doppelten Sinne besitzt. Er ist alleine, aber nicht einsam. Er trägt keine Unterhose, fühlt sich aber nicht nackt. Er hat nichts zu tun. Aber ihm ist nicht langweilig. Er schaut sich um. Wundert sich über den ganzen Plunder um ihn herum. Wie er zu dem ganzen Zeug gekommen ist, weiß er zum Teil nicht mehr. Wann er für den Schimmelkäsehobel noch einmal Verwendung hat, weiß er auch nicht. Er weiß eigentlich ziemlich wenig. Das stört ihn nicht. Draußen plärren ein paar Kinder herum, weil ihr Plastikball scheinbar unwiederbringlich unter einen PKW gerollt ist. Das stört ihn nicht. Er besitzt keinen Ventilator und der Schweiß verwandelt seinen Körper in eine Wildwasserbahn für Kleinstbakterien. Stört ihn nicht. Doch: Oh! Mark! Da! Oh! Mark! Da! Oh! Da! Mark! Guck! Die Mücke verlässt seinen Rücken, fliegt noch ein bisschen wirr und irr durch die Gegend, bis sie endlich den Fensterspalt erreicht und an der Miro Klose-Figur vorbei ins Freie fliegen kann. Wahnsinn, denkt sich Mark, da hat das Leben für die Mücke ja doch noch einen Funken Freude parat gehabt. Er freut sich und weiß: ein Sonntag, der einen solchen Gedanken entstehen lässt, kann schöner nicht sein.

Andere Ansichten anhimmeln

Rätsel für Nazis

[via NPD Berlin]

Die Beobachtung

Linus und Annette liegen im Stadtpark auf einer Wiese und schauen sich die Sterne an. Der Rasen ist ein wenig nass vom Regen des Nachmittags, ihre Rücken sind feucht. Linus ist nachlässig mit Hemd und Jeans bekleidet, Annette trägt ein rotes Kleidchen ohne was drunter. Minutenlang schweigen sie, bis Annette ihren linken Zeigefinger so nach oben streckt, dass ein 90°-Winkel entsteht.

„Da oben ist der große Wagen, dort ist der kleine Bär, dahinten siehst du die Luftpumpe“, sagt sie.
„Die Luftpumpe?“, fragt er.
„Ja, die Luftpumpe. Dahinten, neben der Wolke, die aussieht wie ein trächtiges Schaf. Nicolas Louis de Lacaille, ein französischer Astronom, hat sie irgendwann im 18. Jahrhundert entdeckt.“
„Verrückt. Woher weißt du das?“
„Ich war dabei.“

Linus geht nicht darauf ein. Er weiß, dass Annette so etwas nicht zum Spaß behauptet. Sie ist irre. Sie glaubt, damals wirklich dabei gewesen zu sein. Wahrscheinlich würde sie auf Nachfrage auch noch behaupten, 1785 mit dem Astrologie-Typen geschlafen zu haben. Sie hat einen tollen Körper und mit ihren zweiundzwanzig Jahren ist sie naturgemäß noch gut in Schuss. Ohne ihren wüsten Verstand hätte sie sicher was Besseres abbekommen als den arbeitslosen und unschönen Linus. Nun hängt sie an ihm wie Jesus am Kreuz: leidend, zu Unrecht und bis zum Tod. Pech gehabt. Aber, verdammt: eine Luftpumpe! Im Himmel! Das ist nicht mehr kurios, das ist schon hochgradig bescheuert. Als den Menschen die mythologischen Gestalten ausgegangen waren, mussten sie wohl technische Errungenschaften nehmen, um irgendwelche Sternenkonstellationen zu benennen. Heute würden diese Bilder wahrscheinlich iPad, Xbox 360 und Faxgerät heißen. Dann doch lieber eine Luftpumpe.

Linus nimmt noch einen Schluck aus der Küstennebel-Flasche. Der Anis-Geschmack segelt durch seinen Mund. Er hustet wild.

„Schmeckt gut“, sagt er.
„Dass du immer saufen musst“, sagt sie.
„Glaubst du, dass die Leute das früher nicht taten? Dein komischer Franzose da, der hat bestimmt auch gesoffen wie ein Elefant. Sonst hätte er bestimmt keine Luftpumpe im Himmel gesehen.“
„Nicolas hat nicht getrunken. Und er war zärtlicher, als du es dir mit deinem Spatzenhirn überhaupt vorstellen kannst.“
„Dann war er also ein Idiot.“

Linus greift wieder zur Flasche, spuckt ein bisschen in der Gegend herum. Dann greift er nach seiner Tasche, zieht eine Pistole hervor. Er steht auf und brüllt: „Nimm das, Luftpumpe!“ Er ballert blind und wild und unkontrolliert in den Nachthimmel. „Gib mir Deckung, ich knall auch noch die Heizdecke, den Reisewecker und den gottverdammten Schraubenzieher ab! Die ganze, irre Sippe!“, Annette zappelt panisch und stumm wie ein frisch gefangener Fisch an der Leine auf dem Rasen herum. Der Park ist menschenleer, keiner nimmt Notiz vom dargebotenen Schauspiel. Nur ein paar Vögel flattern aufgeregt umher. Linus springt auf dem feuchten Boden herum; es wirkt, als würde er ungelenk tanzen. „Und was ist mit dem Mond? Der kotzt mich auch an, wie er da so stumm auf stolz und wichtig tut! Peng, peng!“ Die Munition ist längst verschossen, doch Linus ist in Rage und drückt weiter ab. Bis er schließlich ausrutscht. Er landet schmerzverzerrt auf seinem Rücken: „Argh, verdammte Scheiße! Diese beschissenen Sterne sind einfach zu weit weg, sie drücken sich vor ihrem Schicksal! Angsthasen, alle! Arrgh!“.

„Geschieht dir recht, du hättest fast noch jemanden umgebracht!“, keucht Annette.
„Wen hätte ich denn treffen sollen? Ein paar Fliegen vielleicht!“, antwortet Linus.
„Auch Fliegen haben ein Recht auf ihr Leben!“

Linus setzt sich mit letzter Kraft aufrecht hin.

„Schau mal, Kleines. Uns Menschen wird ständig eingetrichtert, dass wir jeden Tag leben sollen, als wäre es unser letzter. Weil das Leben so kostbar und kurz ist. Aber was soll so eine Fliege dann bloß sagen? Die lebt nur ein paar Tage und ist zu blöd dazu, eine Glasscheibe als solche zu erkennen. Die flattern dann also herum, stören, nerven und nur wenn sie Glück haben, finden sie jemanden zum Ficken. Dann ficken die ein bisschen, nur um danach wieder ziellos durch die Gegend zu fliegen. Es gibt so viele dieser Viecher. Und kaum eine hat wirklich was zu tun. Glaubst du, die wären ernsthaft traurig, wenn ich ihr trostloses Leben beenden würde? Ich glaube kaum.“

Annette trinkt ihren ersten Schluck Küstennebel. Sie schraubt die Flasche nicht wieder zu und schmeißt sie unachtsam auf den Rasen zurück. Dann fragt sie: „Was ist der Unterschied zwischen dir und einer Fliege?“

„Ich weiß, wie eine Glasscheibe aussieht und ich habe eine Pistole. Komm, lass uns nach Hause gehen, diese beknackten Sternbilder widern mich an!“

Linus greift nach Annettes Arm und sie verlassen den Stadtpark. Die Vögel sitzen in ihren Baumkronen und zwitschern wieder ihre Lieder. Es war wieder einmal kein guter Abend gewesen.

Herkulesaufgabe für Ambitionierte

Die Milch machte es

Benommen, aber glücklich taumle ich vor meine Haustür. Es war eine klasse Nacht gewesen, drüben, bei Sinan im Keller. Ein Würgereiz steigt in mir auf. Irgendwie schaffe ich es, das Abendessen im Vorgarten unserer Nachbarn abzulegen. Die Vögel zwitschern in ihren Baumkronen; ich stelle mir vor, sie würden auf diese Art Applaus spenden. Danke, danke. Ich klatsche in die Hände, verbeuge mich und strecke meinen Daumen in Richtung Himmel. Ihr seid alle meine Freunde, was wäre ich nur ohne euch! Ach, Natur, du gefällst mir. Mit einem Eichenblatt wische ich mir meinen Mund zurecht, dann setze ich mich vor die Tür und schaue zu, ob sich irgendwo etwas regt. Nichts. Alles tot. Ich vermisse die Morgenstunden, in denen ich dem Milchmann begegnete. Wobei es eher ein Milchmännlein war, denn er hatte es maximal auf fünfzehn Lenzen gebracht. Immer, wenn ich ihn auf seinem Klapprad ankommen sah, versteckte ich mich hinter einem Baum, um ihm dann, wenn er zur Haustür ging, zwei Flaschen aus seinem Anhänger zu stibitzen. Zwei Flaschen Milch reichen für eine Woche und weil ich in meinen besten Tagen bestimmt jeden zweiten Morgen auf der Pirsch war, konnte ich mich damals den reichsten Mann der Stadt nennen. Keine Ahnung, was die Menschen an Milch finden, aber der Tauschkurs im Pub von Mike war immer: eine Flasche Milch, eine halbe Packung filterlose Zigaretten. Einmal wäre der Milchdiebstahl aber sogar fast in die Hose gegangen, weil ich mich blöd anstellte, doch wohl vor lauter Ehrfurcht hat das Milchmännlein nur mit offenem Mund den Kopf genickt und ist weitergefahren. Von den paar Mark, die er damals für seinen Dienst mag ausgezahlt bekommen haben, konnte er unmöglich reich geworden sein. Und dann noch die ständigen Diebstähle meinerseits. Würde mich nicht wundern, wenn er heute vor dem Dom säße, um dort mit sich selbst zu reden. Ich fand den Jungen echt prima.

Milchmänner gibt es nicht mehr, die Leute kaufen ihre Milch jetzt im Supermarkt. Warum auch immer. Vielleicht bin ich mitschuldig. Hätte ich damals gewusst, dass ich mir meine allmorgendliche Zukunft zerstören würde, wäre ich wahrscheinlich weniger forsch gewesen. Es macht mich ein bisschen stolz, behaupten zu können, die Welt ein bisschen verändert zu haben. An diesem Vorhaben sind viele andere längst und auf ewig gescheitert. Aber verdammt, nun bin ich morgens immer allein. Es gibt zwar noch den Typen, der die Zeitung bringt, aber bei dem ist eben außer einem Haufen sinnlos bedrucktes Papier nichts zu holen. KRAWALLE IN LONDON – VIER MENSCHEN TOT. Solche Schlagzeilen tauscht niemand gegen Zigaretten. Abgesehen davon ist der Zeitungsbote knapp zwei Meter groß. Man hat wohl gelernt, dass man einem Halbstarken keine Ware in die Arme drückt, wenn da draußen noch Gestalten wie ich ihr Unwesen treiben. Ich stecke mir eine Pall Mall an. Nicht, dass ich etwas gegen Kotze hätte. Aber dass sie einem den Genuss einer Zigarette vermasselt, nehme ich der Magensäure übel. Ich bräuchte etwas, womit ich meinen Mund ausspülen konnte. Früher konnte ich das immer machen, natürlich, mit der Milch. Melancholie, fick dich ins Knie, du kriegst mich nie klein! Neben mir liegt noch die Zeitung von gestern, der Nachbar wollte sie wohl nicht lesen. Mal sehen. SCHWARZER MONTAG AN DER BÖRSE – REICHSTER MANN DER WELT VERLIERT 4,7 MILLIARDEN. Übel, Kumpel. Ich nehme mir die Zeitung, zerfleddere sie zu einem schönen Häufchen und halte mein Feuerzeug an die Sportseite. Erst brennen die Fußballer, dann die schwarzen Saxophonisten auf der Kulturseite und schließlich ist auch der Politikteil in Flammen aufgegangen. FDP WILL ARBEITSLOSENGELD FÜR ÄLTERE KÜRZEN. Es gibt so verdammt viele Gründe dafür, nicht alt zu werden.

Drüben auf der anderen Straßenseite regt sich endlich etwas. Eine alte Dame stolziert mit ihrem Zwergpinscher von rechts nach links. Sie hebt ihre kleine Nasen nach oben, als schwebe sie über den Dingen und dem Hundekot, der ihr alle paar Schritte begegnet. Ich rufe „Wuff, wuff!“. Nichts geschieht. Ich lege nach: „Passen Sie auf, Fräulein, die FDP schmiedet Pläne gegen Sie!“. Es scheint ihr nichts auszumachen. Sie geht einfach weiter, bis sie schließlich aus meinem Blickfeld entkommen ist. Ich hoffe, sie übersieht heute noch einen Fladen Hundescheiße. Ich überlege kurz, ihr nachzugehen, um mal nach ihrer Enkelin zu sehen. Aber dieses Vorhaben wird jäh dadurch gestört, dass nun ein grüner Volkswagen angefahren kommt. Obwohl es längst hell geworden ist, hat er die Scheinwerfer angeworfen. Er hält vor dem Haus der Nachbarn. Ich stehe auf, um die Geschehnisse besser beobachten zu können. Mein Rücken zwickt und zwackt. Ein kräftiger Mann mit Zeitungen unter dem Arm läuft zum Briefkasten der Nachbarn, dabei rümpft er böse seine Nase. Verzeihung, Kumpel, das war dann wohl ich. Ich sehe, dass im Auto noch eine junge Dame sitzt. Jetzt fahren die also schon zu zweit raus, erstaunlich. Sie soll wohl auf die Blätter und die Karre aufpassen, während ihr Kollege die Zeitungen in Schlitze schmeißt. Na, dann will ich mal sehen, wie gut sie ihren Job drauf hat. Ich sprinte so schnell und schmerzfrei es geht zum Auto, öffne die Tür, setze mich stinkend neben sie und frage: „He, Süße, wohin soll’s gehen?“. Sie hat lange, braune Haare, ein gutes Gesicht und weiter komme ich nicht, da sie schreit und mir mit ihren zarten Händen im Gesicht herumfuchtelt. Ihr Kollege kommt hinzu, gibt mir einen gewaltigen Tritt in den Rücken. Scheiße, Achillesferse. Ich falle aus dem Auto hinaus, nehme noch ein paar Beschimpfungen in Empfang und dann braust das Papierauslieferungs-Pärchen davon.

Einige Minuten lang bleibe ich auf dem Asphalt liegen, Stichwort Regeneration. Schließlich richte ich mich irgendwie wieder auf. Kontrolliere zunächst, ob noch alles an Ort und Stelle ist: Zigaretten in der rechten Hosentasche, check. Haustürschlüssel in der linken Hosentasche, check. Vor mir auf dem Boden liegt eine Zeitung. Ich schaue aufs Datum und sie ist von heute. Ich lese die Schlagzeile: WELTMACHT USA VERLIERT AN MACHT UND GELD – ZEITEN ÄNDERN SICH.

Bisschen Sommer, bisschen rumdösen

Das dufte Pärchen

Freitagnacht im Ulmer Süden. Ich hocke auf einem Plastikstuhl, rauche, trinke, öde mich selbst an. Um mich herum lauter uninteressante Geräusche: Chartsmusik, Gespräche über den Unsinn des Lebens und wenn man genau hinhört, kann man im Gebüsch zwei junge Menschen ficken hören. Beide keuchen, es klingt nach harter Arbeit. Ab und zu läuft jemand lachend an mir vorbei.

- „Sag mal, bumsen dahinten welche im Busch?“
- „Jep.“

Ich nehme ein paar Schlücke aus der Flasche. In der Hoffnung, dass der Lustmolch mit seiner Handykamera in Richtung Busch los stürmen würde. Weit gefehlt, er traut sich wahrscheinlich nicht. Zumindest er sieht so aus, als kenne er das dargebotene Schauspiel nur aus dem Internet.

- „Hehehe, krassgeil, wer denn?“

Meine Güte, jetzt hau ab! Aber eine sehr gute Frage. Ich glaube, der Typ ist ein zwanzigjähriger großer Bruder von irgendwem, den ich flüchtig kenne. So Marke Wasserballer. Durchtrainierter Oberkörper, untrainiertes Gehirn, kleiner Penis. Ich vermute ja, die jungen Mädels nehmen die fehlenden Zentimeter gern in Kauf, weil sie denken, die ständige Bearbeitung der Hoden beim Wasserballspielen mache die Kerle impotent und man bräuchte deswegen kein Gummi. So dumm kann eigentlich selbst eine 14-Jährige nicht sein, könnte man denken. Doch, kann sie. Aber diese kleine Dame hier kannte ich nicht, aber ich hatte sie kurz in ihrem Minirock durch den Garten taumeln gesehen; sie hatte gute Beine. Das konnte man selbst hier im Dunkeln gut erkennen. Von mir aus könnte die zwei Stunden einfach nur im Kreis vor mir herlaufen. Das hätte Klasse. Und hoffentlich ist der Typ wirklich impotent, sonst wird die Kleine schwanger und dick, das würde ich ihren Beinen nicht gönnen. Außerdem wäre sie dann wahrscheinlich vom Markt.

- „Na ja, das ist bestimmt der Markus, der steckt seinen Pimmel derzeit in alle, die nicht bei drei auf dem Baum sind!“
- „Mir wäre lieber, sie säße jetzt auf einem Baum. Dann hätte ich Ruhe und was zu gucken.“
- „Haha, ja! Ist schon doof, dass sie nicht uns genommen hat, oder? Ich würde ja auch mal gern, du weißt schon.“
- „Wahrscheinlich hast du da recht.“
- „Genau, haha! Vielleicht will sie danach ja noch eine Runde!“
- „Kann sein.“
- „Also ich stehe bereit! Haha, ’stehen‘, verstehst du? Hahaha! Ich geh dann mal wieder rein, abchecken, wie so die Lage ist. Hau rein!“

Würde ich gern, Typ, würde ich gern. Und jetzt hau endlich ab. Tatsächlich, er stiehlt sich davon. Keine Ahnung, was er nun vorhat, ich sitze mit dem Rücken zum Haus. Wahrscheinlich geht er jetzt auf die Toilette und melkt sich ab. Soll er doch. Drüben im Busch ist es leise geworden, alles wendet sich zum Guten. Nur nicht für den Wasserballer, für den jetzt der unangenehme Part folgt: er muss noch ein bisschen mit ihr schmusen, ihr Komplimente machen und ihr sagen, wie besonders dieser Augenblick doch ist. Das Übliche eben. Vor und nach jedem Fick das gleiche Desaster. Immerhin ist es hier nun einigermaßen still, ich mache es mir wieder gemütlich. Oben leuchten die Sterne und unten trinke ich Bier. Doch die Ruhe währt nicht lange. Ein Stelzen von einem Mann marschiert von der Seite auf mich zu. Er trägt ein Holzfällerhemd, aber so schmächtig wie er da so rumwatschelt, hat der noch nicht einmal genug Kraft, um eine Axt überhaupt über dem Boden halten zu können. Er ist ein Idiot, er weiß, dass er einer ist und er weiß auch, dass ich einer bin, also ziehe ich ihn magisch an; der Mensch ist kein Magnet. Dennoch, wo verdammt kam der nun wieder her?

- „He, du Lappen! Prost!“
- „Cheers.“
- „Sag mal, was willst du jetzt eigentlich machen nach dem Sommer?“

Oh nein, er hatte es wirklich gefragt und ich sitze in der Falle. Keine Musik, der ich mich hingeben könnte, kein wichtiges Telefongespräch, keine Fluchtmöglichkeit. Also gut, wenn der Teufel schon einmal da ist.

- „Kann sein, dass ich mit Wasserball anfange.“
- „Achso, ja, ja, gut, sportlich bist du ja! Dann frag doch mal den Markus, der spielt doch beim TuS Neu-Ulm.“
- „Der kann nicht, der ist arbeiten.“
- „Okay, okay.“

An dieser Stelle müsste unser Gespräch eigentlich beendet sein. Stattdessen holt Holzfällerbohne nochmal aus:

- „Ich gehe ja für drei Monate nach Australien, bevor ich anfange, hier zu studieren. Die Universität Augsburg hat mich angenommen, astrein, oder?“
- „Haben die in Australien etwa zu viele Bäume? Ich dachte, da brennt dauernd irgendein Wald.“
- „Was?“
- „Schon gut. Viel Glück da unten.“
- „Danke! Ich geh dann mal wieder Party machen, tschüssi!“

„Tschüssi“, wie süß. Aber der Typ ist wirklich ein Schlitzohr. Er hatte mich doch nur angesprochen, um zu prahlen. Schön den Oberkörper aufpumpen und darauf herumtrommeln; so ein Affe. Gut, dass er sich jetzt ins Ausland verpisst. So wie viele andere Gurken auch. Die denken, dass ihnen das irgendwas bringen würde. Hier in Deutschland haben sie noch nichts geleistet, nichts kennengelernt und nichts getaugt, also fliehen sie in andere Länder und machen da den gleichen Scheiß wie hier auch. Wie das Land heißt, in dem man scheißt, schläft und frisst, ist doch letztlich auch egal. Er wird sich in Australien doch sowieso deutsche Freunde suchen, mit seinem iPhone die ganze Zeit auf deutschen Internetseiten surfen und wegen seines Hemdes wird man über ihn lachen, aber das ist er ja wahrscheinlich gewohnt. Seine größte australische Erfahrung wird es sein, ab und zu im Supermarkt ein paar Einheimische zu treffen und sie dann zu fragen, in welcher Abteilung die Zäpfchen stehen. Tja, einmal Idiot, immer Idiot. Eigentlich kann er auf die Toilette gehen und sich dem Spinner von vorhin anschließen. Der eine hat keine Eier, der andere keinen Schwanz. Die gäben ein ziemlich duftes Pärchen ab.

Und dann kommt der Wasserballer aus dem Gebüsch. Von seinem Fang keine Spur, schade. Er schwitzt und zwinkert mir zu.

- „Glückwunsch.“
- „Danke. Hast du mal eine Zigarette?“

Von mir aus. Ich gebe ihm eine, Feuer hat er selber. Er scheint mich zu kennen:

- „Sag mal, ich hab gehört, du liest Bukowski?“
- „Yeah.“
- „Bist du auch so ein Arschloch wie er?“
- „Yeah.“
- „Steht dir nicht. Sei lieber du selbst.“

Und dann lässt er mich wieder allein.

Haha, immer diese Muslime!

Zweitausendeinundsechszig

Kulturausdehnung

Kultur.

Ein äußert dehnbarer Begriff. Der zwei Vokale wegen.

Kuuuuultuuuuuur.

Kennste? Kennste! Jut.
Oh, hass ma welche jemacht?
Jeschrieben hasse also! Och jut.
Warste da fleißig jewesen?
Konnteste wat zu Papier bringen?
Bisse jetz sonne Art Stiftmusiker?
Enn Wortjongleur,
enn Satzbausteineinbrecher,
enn Phrasenverdrescher,
enn Worthülsenaufbrecher
unn Buchstabenfetischist?
Dann liecht da bei dir inner Butze nu sicher irgendwo nen Stapel Kultur rum!
Und nun fragste dich wohin damit.
Pass op, ich vertäll et dir:
Expansion. Expansion!

Dat heißt janz konkret:
Brich auf zu Kultur-Tourneen, schaffe Kultur-Nähen und –Fernen, pack deine Kunst unter die Arme und reiche deine Hände den kulturell reichlich Armen. Du wirst sehen: Teilen macht Spaß, aber meiden macht Hass! Meide also nichts und niemanden! Nimm alle mit! Sei ein menschgewordenes Reisebusunternehmen für Ausflüge in die lustige, bunte Welt der Metaphern, Enjambements und Pamphlete. Reise mit deinem Kulturkoffer in fremde Gefilden und erfahre etwas über die Vorzüge anderer Orte! Jede Stadt hat irgendetwas zu bieten – und wenn es nur die Autobahnausfahrten sind! Lerne alles kennen und lass dich kennenlernen! Denn dann gibt es einen kolossalen kulturellen Austausch der Kultursäfte! Du musst die guten Gedanken der anderen einfach nur abmelken und dir schmecken lassen, so komisch das auch klingt. Und dann: Prost, Cheers, Terviseks, Kippis, Salud und Santé; hau überall weg den Scheiß! Oder, lass es mich so erklären:

Öb dü nü im Östen weilst
ünd dört deinä Täxtö deilst.
Ob du die Noordseeeeküste
verwöhnst mit einer deiner Künste.
Oderr nach Polen fährst
und denen deinen Kopf erklärrst.
Oder du reist nach Holland
und lässt dich überraschen.
Ob duh noon nack America flieckst,
oder in Hannover singst und tanzt und liest.
Wesentlich ist nur: das Wesen der Kultur.

Erzeuge also Kunstdunst. Schüttle ungeschüttelte Hände und putze auch mal saubere Klinken. Und: pflanze Ideen in fremde Köpfe. Löse Gedanken aus. Sei der fehlende Impuls. Die Macht des Worts wird zwar vielerorts klein gemacht, aber auch Kleines kann man wieder groß werden lassen. Sei die Gießkanne! Lass dich von Kunstnebel umgeben, anstrahlen, anlachen und ansehen. Komm, los, lass dich doch mal ansehen! Fakten auf den Tisch packen: was kannst du? Nein, nein, das ist kein Vorwurf, sondern lediglich eine Erörterung, ein Ausmessen deines Horizonts. Ich möchte bloß wissen, was dich interessant macht. Jedoch, sag nicht, dass du nichts kannst und ein Nichts bist; ein bisschen Selbstvertrauen wäre nicht verkehrt. Jeder kann irgendwas. Schornsteinfeger können Schornsteine fegen, Fußbodenleger können Fußböden legen, Grasnarbenkorrektoraten können fehlerhafte Grasnarben korrigieren. Aber das sind alles bloß Nebenberufe. Dein Hauptberuf ist und bleibt: Mensch.

Und was kann der Mensch? Das versuche ich ja gerade zu erklären. Und, bevor ich in die Verlegenheit der Gelegenheit nutze und mich in Gedichten, Klamauk und Dialekten zu erklären versuche, sage ich einfach so, wie es ist: der Mensch kann Kunst, kann Kultur, kann und muss auch. Und soll ich dir zum Abschluss noch erklären, welchen großen Vorteil dieser ganze Quatsch hat? Ich denke, ich soll. Nun gut: in der Kunst gibt es keine Fehler.

Also, Gesäß hoch, verdammt! Tu mir keinen Gefallen, sondern einfach nur etwas, was viel zu selten gemacht wird: das Richtige. Bitte. Danke.

Hamburg – Stadt der Stile

Guten Appetit, Erdlöwe!

Und wie das Chamäleon so saß
auf seinem favorisierten Hügel,
da nahm Gottes Finger Maß
und zauberte ihm zwei Flügel.

Die Erklärung lieferte Gott anbei:
„Lieber Freund, ich hasse Fliegen.
Also flieg los mit deiner Flügel zwei,
um diese endlich zu besiegen!“

Der einstige Erdlöwe aber wollte
Fliegen nicht fliegend bekriegen:
„Ach, Gott, da bist du zu spät,
denn ich bin leider auf Diät.“

Sagte er und verschwand geschwind,
wechselte die Farbe,
wurd‘ somit unsichtbar
und flog glücklich mit dem Wind.

Gespräch bei Fuß

Guten Abend, meine Damen und Herren. Im Folgenden präsentiere ich Ihnen einen Ausschnitt aus einem fiktiven Gespräch. Der Dialog hat so nie stattgefunden, aber mit der Macht der Vorstellungskraft bzw. der Kraft der Vorstellungsmacht kann man sich bildlich vorstellen, wie sich zwei Menschen – etwa in einem Café – gegenüber sitzen und folgende Worte austauschen:

Person A: Weißt du, wofür ich gerade ziemlich viel Mitgefühl aufbringe?
Person B: Norwegen?
Person A: Nein, beziehungsweise doch, aber das meine ich nicht. Ich meine: Schuhe.
Person B: Schuhe?
Person A: Schuhe.
Person B: Schuhe?!
Person A: Ja, Schuhe.
Person B: Schuhe also.
Person A: Genau. Schuhe.
Person B: Du erwartest jetzt bestimmt von mir, dass ich nachfrage, wieso.
Person A: Das ist richtig.
Person B: Dann werde ich dir diesen Gefallen mal tun.
Person A: Danke.
Person B: Keine Ursache.
Person A: Jetzt frag schon.
Person B: Okay.
Person A: Gut.
Person B: Wieso um alles in der Welt hast du Mitgefühl für Schuhe?
Person A: Gut, dass du nachfragst. Nun, es ist so: ich sah heute Morgen durch Zufall, wie eine relativ dicke Frau ihre Sandalen ausgezogen hat.
Person B: Ich ahne, worauf du hinaus willst und stelle jetzt schon fest, dass du ein riesengroßer Idiot bist.
Person A: Nein, nein, warte, die Geschichte geht doch noch weiter. Also, diese Frau hat ihre Sandalen – übrigens welche mit Kreuzriemenbefestigung, sehr chic – dann pflichtbewusst irgendwo hingestellt und ich konnte einen Blick auf die Sohlen werfen. Und ich frage dich: wie viel muss man wiegen, damit man mit seinem Fuß einen schwarzer Abdruck auf die Sohle stempelt? Als wäre die Sohle aus Knete!
Person B: Das passiert bei mir auch manchmal; das ist halt so, wenn man seine Schuhe häufig spazieren trägt. Schuhe sind Nutzgegenstände und kein Haustier.
Person A: Hm, ja, gut, aber ist das nicht schlimm für so einen Schuh, wenn er täglich mit schätzungsweise zweihundert Kilo belastet wird? Permanent? Das ist doch nicht schön.
Person B: Hmm.
Person A: Schuhe sind genauso vom Glück abhängig wie wir. Schnell stellt sich heraus, ob man vom Zufall verwöhnt worden ist oder eben nicht. Sieh mal, meine Schuhe zum Beispiel, die sind richtig glücklich. Ich fahre viel Bus und Bahn, sie kommen also schön viel in der Welt herum, ich lasse sie ziemlich häufig einfach nur herumbaumeln und mute ihnen nicht viel Arbeit zu. Wenn mir meine Schuhe zuzwinken könnten, würden sie es tun.
Person B: Natürlich würden sie das.
Person A: Genau.
Person B: Ja.
Person A: Aber es gibt denkbar viele schlimme Schicksale für so einen Schuh und damit meine ich nicht nur besonders dicke Besitzer, sondern auch ganz andere, verdammt reiche zum Beispiel. Wenn so ein schweineteurer Schweinelederschuh von Paris Hilton gekauft wird und in einem riesigen Schuhschrank landet. Was ist das dann? Massenschuhhaltung! Das kann so einem Schuh doch nicht gefallen.
Person B: Paris Hilton? Gibt es die noch?
Person A: Bestimmt. Aber das ist doch jetzt hier völlig irrelevant.
Person B: Es gab eine Zeit, in der war Paris Hilton jeden Tag im Fernsehen und in den Zeitungen und alle haben ihr vorgeworfen, dass sie mit Nichtstun bekannt und berühmt geworden ist. Jetzt macht sie wahrscheinlich immer noch Nichts, aber wir bekommen davon nichts mit. Das finde ich sehr angenehm.
Person A: Das tut nichts zur Sache. Lass uns beim Thema bleiben.
Person B: Bei Schuhen?
Person A: Genau.
Person B: Bei Schuhen also.
Person A: Ja.
Person B: Und du findest, dass Schuhe quasi wie Menschen sind?
Person A: Korrekt, aber auch nur quasi. Ich will nur sagen, dass man sich auch mal dessen bewusst werden muss, was man da Sensibles unter seine Füße stülpt. So ein Schuh muss gehegt und gepflegt werden.
Person B: Weißt du, mit welchem Argument ich deine ganzen Geschichten von traurigen und glücklichen Schuhleben entkräften kann?
Person A: Nein.
Person B: Tjaha.
Person A: Aber du erwartest jetzt bestimmt von mir, dass ich nachfrage, welches Argument das wäre.
Person B: Das ist richtig.
Person A: Hm.
Person B: Dann frag mal.
Person A: Nein, sag’s halt einfach.
Person B: Gut. Also. Halt dich fest: Schuhe leben nicht. Sie haben kein Leben. Kein glückliches, kein trauriges, gar keins.
Person A: Noch viel schlimmer! Die armen Schuhe!
Person B: Du bist doch bescheuert.
Person A: Kann sein. Aber lieber bescheuert sein als sich überhaupt keine Gedanken machen.
Person B: Sieh mal dahinten, der Obdachlose. Sag mal, hast du Mitleid mit ihm?
Person A: Nein. Und ich finde, er sollte sich mal Arbeit suchen. Und Schuhe.
Person B: Damit hast du eigentlich alles gesagt.
Person A: Eigentlich.
Person B: Was fehlt denn noch?
Person A: Ich möchte dir noch erzählen, wie ich gestern

Nein, halt, stop. Wir klinken uns an dieser Stelle aus. Das war genug Dialogerfinderei für heute. Guten Abend.

Ein Blick in das Geschäftliche

Kreisky – Scheiße, Schauspieler

Abgefahren!

Zu den eigenartigsten Erfahrungen, die man unterwegs so sammeln kann, gehört es, in einer fremden Stadt ein Autokennzeichen mit dem Kürzel der Heimatstadt zu entdecken. Was wollen die denn hier? Haben die sich verfahren? Oder sind die umgezogen und nicht umgemeldet? Wer sind denn „die“? Man wird es nicht herausfinden können, nur darüber wundern ist selbstverständlich möglich. Und quasi unumgänglich, weil man sich nicht darauf vorbereitet hat, derart abseits in der Ferne mit der eigenen, öden Heimat konfrontiert zu werden. Gut, das gilt vielleicht nicht für Berliner, Hamburger oder Kölner. Aber wenn man umgekehrt als Krefelder nach Berlin fährt und dort dann gemütlich rauchend und nichts befürchtend an dem parkenden Kennzeichen „KR-ABC-123″ vorbei spaziert, sieht das schon wieder anders aus. Was wollen die denn hier? Haben die sich verfahren? Und wer, verdammt, sind denn nun „die“?

Ich möchte es wissen, bitte.

Informationsroulette XIII

Tach.

1.) Letzte Woche war ich für ein paar Tage auf riesengroßer Lesetour in Berlin. Sehr kiezig dort, sehr prima dort. Und es stimmt tatsächlich, dass sich dort an jeder Ecke Inspirationen entdecken und aufsammeln lassen. So lässt sich auch erklären, dass hier in den letzten Tagen ziemlich viel passiert ist. Ich bin derzeit wie eine gut geschüttelte Colaflasche: es sprudelt nur so aus mir heraus. Die nächsten Tage werden zwar sehr terminreich, aber hoffentlich kann ich diese Frequenz annähernd beibehalten.

2.) Und es gibt auch endlich Neues vom Projekt Teamw0rk: nachdem uns, großzügig gerundet, rund tausend intelligente Menschen Vorschläge für das Theaterstück schenkten, haben sich Moritz und ich an den Anfang des Stückes gesetzt. Dabei haben wir einstimmig entschieden, dass mein Gedicht „Altes aus der Anstalt“ den Prolog des Stückes bilden wird. Wie es danach weitergehen wird, lässt sich hier erlesen. Wer Einwände dagegen hat, kann und soll sich melden. (Was zum Teufel ist das Projekt Teamw0rk?)

3.) Ich hätte mal wieder Lust auf Wortwünsche. Wenn ihr ein besonders gutes Wort kennt, erfunden oder gefunden habt, dann schickt es mir irgendwie auf irgendeinem digitalem oder analogem Wege zu. Ich werde es möglicherweise prominent in einen meiner Texte einbauen und ihr könnt euch anschließend freuen oder ärgern.

Es folgen: Sätze, die Imperative enthalten.

4.) Werdet HerrSalami.de-Freund auf Facebook!

5.) Kauft ein Exemplar meines Büchleins!

6.) Schaut mir beim Lesen zu!

Das wäre es dann für nun. Es folgt: eine freundliche Verabschiedung.

Tschö!

Das sind doch bloß Glückskeksspruchbeschwerden!

Ein fast selbst geschriebenes Review

Das Erscheinen eines neuen Locas In Love-Albums ist endlich Realität. Denn immerhin ließen sie neun Jahre verstreichen und so präsentieren uns die Kölner um Walter Kohl, den leidgeprüften Sohn des Altkanzlers und Bestseller-Autoren mit LEMMING (Staatsakt./Rough Trade) ein (fast) durchgängig hörbares Folk-Album mit vielfältigen Einflüssen. Zunächst einmal steht fest: Wenn man die Band abgeschrieben oder gar vergessen hatte kommt Lemming wie ein schönes Geschenk. Über das Album läßt sich unendlich viel sagen.

Klar, einen besseren Albumtitel hätte sich die Band nicht aussuchen können – dennoch lässt es sich die Band nicht nehmen, diesen immer wieder anmutig, frisch und reizvoll neu zu interpretieren. Die Lemming-Songs, die uns Locas In Love hier vorstellen sind stellenweise Hits einer besseren Welt! Und dann ist da noch die Musik selbst, die sich erfrischend vom Standard-Jazz fern hält und so muß man wirklich feststellen, daß Locas In Love ihrer Aufgabe als Hoffnungsträger der Musik gerecht werden. Im Jahr 2011 und mit Lemming gilt auch nach wie vor insbesondere für alle, daß die Arrangements fast noch mehr beeindrucken als noch auf Saurus. Auch ohne die etwas verkopfte Komplexität des Vorgängers hat das Album mal wieder wirklich überrascht. Die Band und ihre Musik wird mit diesem Epos sicher noch mehr Anerkennung erhalten, als sie mit dem mit ca. 126000 € dotierten Förderpreis der Synthiepop-Ikonen von A-Ha eh bereits auf sich vereinen konnte und sind gerade deshalb so eindrucksvoll, und gleichzeitig bescheiden.

Lemming – Danke.

(geschrieben mit dem wunderbaren „Review Generator“. Das Album ist übrigens tatsächlich: gut.)

Zweiseitige Ansichten

Altes aus der Anstalt

Es klappst die Mühle
mit rauchendem Dach.
Durch den Kaminschacht
flieht der Rauch in die Freiheit.
Dahin, wo wir Insassen nicht mehr hineinpassen.
Dahin, wo wir mal wer waren bevor wir Ware wurden.
Dahin, wo man uns einst Verrücktsein attestiert hat.
Aber im schlechtesten Wortsinne.
Und jetzt bitte ich um Antworten.
Qualm darf hinaus, darf raus, darf weg.
Aber wieso dürfen wir uns nicht ins Freie begeben?
Wie Luft behandelt werden kennen wir längst.
Der Unterschied liegt wahrscheinlich im Detail.
Er wird uns aber nicht verraten, er ist wohl geheim.
Und Düdeldüdeldüdeldüüüüh,
wir sind verrückt (,) erklärt hat man es uns nicht!

Wir sind negative Superlative,
wir sind Unsuperlative,
wir sind die schlechtesten Beispiele,
die man mit Suchen nur finden kann.
Wir sind plemmplemm.
Wie haben eine Matschbirne.
Wir spielen den ganzen, lieben, langen, alten, guten Tag
mit Bauklötzen und reden wirres Zeug.
Wir beißen in Finger und reißen an Haaren,
wir scheißen im Stehen und wenn ihr einen Reim
erwartet, zeigen wir auf euch mit dem Zeigefinger.
So wird der Zeigefinger zum Mittelfinger,
da wir mittels des Fingers zeigen, dass ihr
das einfallslose Einfaltspinsel-Gesindel seid.
Ätschätschätsch, wir schießen zurück!
Und Düdeldüdeldüdeldüüüh,
ihr seid verrückt (,) erklärt sich von selbst!

Wir gestikulululululieren und artikulalalalalalieren
nicht wir ihr. Sonst würdet ihr uns ja verstehen.
Oder glauben, uns zu verstehen.
Das wollen wir nicht. Wir sind ja nicht blöd.
Wir sind ja nicht gaga. Auf keinen Fall.
Sonst würden wir uns euch ja ergeben.
Das wollen wir nicht. Wir sind ja nicht dumm.
Geist ist geil! Auf jeden Fall!
Aber noch sind wir ganz, ganz unten.
Und ihr seid ganz, ganz oben, erteilt Befehle,
stopft uns in Arme diskriminierende Fummel,
nehmt uns Blut ab, ihr Blutsauger!, ihr verdammten
Blutsauger werft uns Pillen in den Schlund,
unter dem Vorwand der Gesundheit.
Und Düdeldüdeldüdeldüüüüh,
alle sind verrückt verrückt verrückt, mit zwei r und keinem p!

Los! Los! Los! Losloslos!
Springt über eure langweiligen Schattengestelle!
Schlachtet den inneren Schweinehund
mit der Axt der Vernunft,
dann raus mit den längst lockeren Schrauben,
wir feiern ein großes Fest ohne Latten am Zaun,
ohne Tassen im Schrank, aber mit mehr als
fünf Sinnen, von welchen wir dann sind,
und lasst uns alle durchdrehen und einsehen,
dass alle alle alle meschugge sind
und alle alle alle neben mir hier in der Zelle
willkommen geheißen werden können.
Sollen. Müssen. Alle. Mit.
Weil wir so viel Wissenswertes wissen,
was kaum einer weiß und nie wissen wird.
Ich zum Beispiel weiß es, ich weiß es, ich weiß
weiß weiß weiß weiß weiß weißweißweiß ich
weiß w e ei ißßß iiii w eiiiiiii ß ei ß
eis eßßßßß ich weiiiß es!

Aber was weiß ich?
Was weiß ich denn.
Was weiß ich denn.
Weiß ich es wirklich? Weiß nicht.
Oder wusste ich es nur?
Ist es in Rauch aufgegangen,
den Kaminschacht hoch,
hinaus in die freie Welt?
Liegt nun der Sinn des Lebens in der Luft?
Liegt nun mein Sinn des Lebens in der Luft?
Oder singt und klingt nur ein leises
Düdeldüdeldüdeldüüüüh?
Woher soll ich das wissen?
Ich bin doch bloß verrückt.
Ich bin doch bloß einer von euch.
Ich bin doch bloß.
Ich bin doch.
Ich bin doch, bin doch, bin doch.
Ich bin.
Ich bin ich.

Und
vollkommen
fertig.

Die Feuer-Wehr

Na nü, na na.

Der Feuerwehrskörper verlässt rasch den nun falschen Ort.
Und die Sirene heult einsam ihr einziges Lied:

Na nü, na na.

Man fährt dahin, wo es jetzt richtig
und Anwesenheit wichtig ist.
Fährt dahin, wo vielleicht eine Eva Feuer fängt
oder ein Horst lichterloh brennt.
Fährt Kurven, aber nicht im Kreis;
überholt legal aufgemotzte Kirmeskarren,
und die Besatzung ist rot,
aber nicht von der Antifa;
will dennoch Leben retten,
ist aber kein Rettungsschwimmer,
vor allem keiner in einer viel zu engen,
eiereinkneifenden Unterhose an
einem viel zu dicht besiedelten Szene-Strand
im Süden, da unten,
wo die Sonne viel häufiger das tut,
was den Feuerwehrmännern mit ihren
weder praktischen, noch ansehnlichen
Unnützhüten täglich Nervenkitzel
und Beschäftigung bringt:
brennen.

Viel, viel, viel, viel.
Brennen, brennen, brennen, brennen.
Na na, na na, nü nü, nü nü.

Ein Wohnbungalow.
In Flammen.
Inmitten der Nacht.
Mitten in der Nacht.
Am so nicht genannten Mittag der Nacht.
Nachts halt.
Und die Sonne ist weg, macht Urlaub
im Süden wahrscheinlich, wie so viele
andere es ihr erfolgreich vorgemacht haben,
und die Sonne macht es einfach nach,
oller Nachmacher;
doofer, unkreativer Lampenplanet,
vor dem Populären machst
auch du nicht Halt, scheiß Mitläufersonne.
Komm her, schau lustig, was sich hier so tut:

Nacht, Nacht, Nacht, Nacht.
Feuer, Feuer, Feuer, Feuer, verdammt!
Verdammt, Feuer!

Holz und Spiritus
ist die Gesellschaft
von Streichholzschachteln
nicht geheuer.
Und nie gewesen.
Man gibt an, Todfeind zu sein.
Mit dem Tod von Mensch und Tier
als Folgeerscheinung, wenn
das Erscheinen der Feuerwehrleute
wie heute gestört wird durch
Großstadtrabatz und die Kindermeute,
die Rollhockey auf der Spielstraße spielt.
Nachts um vier Uhr.
Das geht hier in Berlin.
Aber auch wieder weg?
Wo bleibt die Erlösung,
wo bleibt der Bernhardiner mit Schnaps?

Wo erklingt es?
Na nü, na na.
Wo singt es?
Na nü, na na.
Wo ist es, das tolle Auto mit der Glücksmelodie
und dem Rettungsschlauch?

Es verspätet sich.
Es lässt warten und braten.
In der Hitze.
Mit Rauch auch.
Menschen hängen verzweifelt in ihren Fenstern,
so wie sie es auch am Tage auch gerne tun.
Mit dem Unterschied, dass dann nicht ihr
Mobiliar von Feuer gefressen wird.
Es braucht also Mitleid für diejenigen,
die selbiges nie empfinden. Aber:
Der Mond ist hilflos.
Der Mann im Mond ist anderweitig beschäftigt.
Und Gott zuckt mit den Schultern und sagt:
„Naturgewalten. Da habe ich keinen Einfluss, tja,
benötige selbst dafür den Passierschein 38A“.

Hm.

Der Allmächtige gibt auf.
Flüchtet sich im Humor.
Gesteht seine eigene Machtlosigkeit ein.
Eigentor?
Fragezeichen.
Nein!
Ausrufezeichen.

Denn die Hilfe kommt, ist schon recht nah,
in der Ferne klingt und singt es, hurra!:

Na nü. Na nü. Na na.

Was man so macht

Macht macht mächtig.
Wirken wirkt wirkend.

Ist die Wirklichkeit
für Macher gemacht
oder wirklich nur
auf Wirkung bedacht?

Ich mach drei Vorschläge:
1.) Wirke mit deiner eigenen Macht.
2.) Mach deine Wirkung nicht zum Ziel.
3.) Sei mächtig in deinem eigenen Kopf

und wenn du mal nicht mächtig wirkst,
ertrag die Entmachtung würdig mit Stil.

Das habe ich mir so gedacht

Gestern Nacht schlief ich auf einer sehr guten Couch, irgendwo in Ostberlin. Im Traum begegnete ich David Bowie und er verriet mir den Sinn des Lebens. Leider hat er mir verboten, mein neues Wissen auf diesem Wege zu teilen. Aber er hat mir versprochen, allen anderen Menschen der Erde ebenfalls im Schlafe zu erscheinen. Nun kann ich sagen: Schlafen lohnt sich.

Ebenfalls gestern ergab es sich, dass ich durch Bielefeld, Hannover und Wolfsburg fuhr. Die Fahrt wurde dadurch ziemlich melancholiereich, da ich energisch und spontan Mitleid für alle Bewohner dieser Städte entwickelte. Das Trio der Unwichtigkeit, der Unauffälligkeit und der langweiligen Fußballvereine. Dieses Schicksal gönne ich niemandem. Später fuhr ich noch durch Stendal. Klingt zwar nach einer Erektionspaste, aber. Aber! Aber.

Ich glaube, dass jeder Mensch, der nach Berlin fährt und sich deswegen oder aus anderen Gründen langweilt, kein guter Kerl ist. Hier ist so viel los. Es gibt nicht nur zwei oder zwölf schöne Ecken, sondern etwa (grob geschätzt) hundert. Berlin ist ein zehnfaches Dekagon. Man kann nicht einmal die Straßenseite wechseln, ohne dass man zwei Künstlern, drei Obdachlosen und einer guten Idee begegnet. Für die selbe Reizaufnahme muss man jahrelang in Krefeld wohnen, in Berlin reicht dafür der Alexanderplatz. Ich fühle mich dadurch etwas provoziert, denn an jedem Hydranten steht eine Inspiration und sagt „Verwende mich, verwende mich!“, aber ich bin doch keine Kunsthure. Zügelt euch! Irgendwann werde ich euch aufnehmen, versprochen.

So. Weiter geht’s!

(Foto von Husti.)

Ah!

(warum das? Siehe hier.)

Die Top 10 der Gründe, warum ich Kühe lieber Fußball spielen sehen würde als Frauen

Ich finde, ich biete viel zu wenig Angriffsfläche. Es muss doch auch endlich mal Texte geben, für die ich gehasst und verachtet werde! Richtig bitterböse, gemein, fies und entwürdigend soll es sein! Und tada, da zaubere ich nun Folgendes aus meinem schönen Hut: die zehn besten Gründe für eine Kuhfußball-Weltmeisterschaft und gegen das aktuell ausgespielte Wettkicken der Frauen. Wir beginnen bei…

Platz zehn:
Kühe fühlen sich auf dem Rasen von Natur aus wohl und müssten bei spontanem Hunger oder Schlafmangel nicht das Spielfeld verlassen. Auch plötzlicher Stoffwechsel wäre kein Problem, denn Kuhfladen sind ein sehr gutes Düngemittel.

Platz neun:
Kühe kennen die Abseitsregel.

Platz acht:
Sollte es auf dem Fußballplatz zu einem unschönen Todesfall, etwa nach einer Blutgrätsche, kommen, könnte man die Kuh wenigstens noch verzehren – Frauen jedoch schmecken wahrscheinlich nicht ähnlich lecker, nicht einmal gegrillt.

Platz sieben:
Kuhfußball müsste sich nicht ständig mit Männerfußball vergleichen lassen und wäre ein großer, allgemeiner Spaß.

Platz sechs:
Kühe geben zwar auch nur dann Milch, wenn man Monate zuvor Geschlechtsverkehr mit ihnen hatte. Aber Kühe beschweren sich – im Gegensatz zu Frauen! – nicht übertrieben theatralisch und unfair, wenn man ungefragt an die dafür vorgesehenen Milchdrüsen greift.

Platz fünf:
Kühe reagieren auf verlorene Spiele nicht mit Tränenausschuss, sondern bleiben ganz, höhö, kuhl.

Platz vier:
Kühe wissen, dass sie von Natur aus schön sind und würden deswegen vor dem Spiel nicht unnötig viele Stunden mit Schminken vergeuden.

Platz drei:
Finanzkräftige, indische Investoren hätten endlich ein neues Spielzeug.

Platz zwei:
Birgit Prinz.

Platz eins:
Aus eigener Erfahrung weiß ich: Kühe fühlen sich durch diese Rangliste nicht persönlich beleidigt.

(Bonusinformation für Nico Rosberg: das Maskottchen der Paralympics 2008 in Peking war: eine Kuh.)

Informationsroulette XII

Yohoo!

1.) Nicht nur ich bin nun bei Facebook, nein, dieser Blog hier nun auch. Wenn ihr bitte mal nach rechts blicken würdet: dort ist unter meinem Bild so ein hässliches „Gefällt mir“-Dingsbums und weil ich leider nun eine Klickhure bin, möchte ich euch bitten, dort einen Klick zu hinterlassen. Danke.

2.) Für die Nerds: ich habe eine neue Kolumne für Planet3DS.de geschrieben, dieses Mal geht es dort um den eShop des Nintendo 3DS. Wahnsinnig interessant für die einen – für andere wahrscheinlich öde. Dennoch: „Das Sommerloch zum Herunterladen“.

3.) Ich begebe mich wieder auf Lesetour, hurra. Begonnen wird heute (Mittwoch) in Moers (Bollwerk107 / 20Uhr), morgen geht es dann beim „Highlander“ in der Essener Heldenbar weiter. Dort könnte ich mich unter Umständen für die nationalen Meisterschaften in Hamburg qualifizieren, also drückt mir Daumen. Und nächste Woche geht es für ein paar Tage nach Berlin – bei Interesse nach genauen Daten bitte einmal hier vorbeischauen.

4.) Weiterhin das bisher beste und einzige Buch, welches ich je in meiner Karriere geschrieben habe: „Versammelte Werke der Klientelliteratur“. Kaufen! Los! Es sind nicht mehr viele Exemplare der zweiten Auflage vorrätig.

5.) Und macht beim „Projekt Teamw0rk“ mit!

Und bis bald!

Das Rampenlicht

Seit ich diese neue Stehlampe habe, sehe ich nur noch einen Schatten meiner selbst. Alles ist so, wie es scheint. Bei Licht betrachtet erkenne ich nur noch meine Umrisse. Man sagte mir, ich müsse endlich mal den Schalter umlegen, aber dann wird doch alles dunkel. Ich will reflektieren! Sehen, einsehen, ansehen, nachsehen, Dreck sehen, statt unter Deck und ins Versteck gehen und dem Leben widerstehen. So sitze ich locker auf meinem Barhocker, in meinem Rücken die Stehlampe und vor mir eine schwarze Silhouette meiner Gestalt. Ein böser Zwilling. Ein ungeliebter Verwandter. Ein ewiger Erinnerer an deine schlechten Eigenschaften. Ob ich mich von ihm befreien kann? Vielleicht muss ich mich auswechseln, in eine andere Gestalt schlüpfen und mich dann selbst wieder einwechseln, so wie Günter Netzer. Ja, so muss ich es machen. Radazong und wusch! Ich bin jetzt Lucky Luke, imitiere mit meinen Fingern einen Pistolenschuss und Peng!; verdammt, der Schatten ist genau so schnell wie ich. Beide tot. Wie die zwei Jäger, die sich so häufig in Witzen gleichzeitig treffen. Sind wir jetzt in die ewigen Jagdgründe eingegangen? Ich glaube nicht, denn so habe ich mir die Hölle nicht vorgestellt. Wo sind Satan, Adolf Hitler und Andrew Lloyd Webber? Ich beiße mir selbst in den Arm, um zu testen, ob ich tot, lebendig oder schlafend bin. Es blutet. Ich lebe noch. Oh, der Schmerz, der Schmerz! Und der Schatten ist immer noch da, dort, im Rampenlicht.

Matt

Schwarzer Bauer von E5 auf E4:
Dieser Zug endet hier.
Weißes Pferd von B4 auf C6:
Absprung in Blickrichtung rechts.

Auf C6 noch ein Läufer steht und
von seinem Platze will der nicht gehen,
drum fragt er das Pferdchen ganz diskret:
„Dürfte ich Ihre Berechtigung sehen?“

Und das Pferd erklärt.

„Herr Läufer, das Regelwerk belegt
schwarz auf weiß, dass weiß schwarz
schlägt und nun weichen Sie, sonst legt
sich diese unschöne Aufruhr womöglich nie.“

Doch der Läufer unfroh Anderes
hegt und er regt sich auf und
dann noch an, dass dies ja
wohl so nicht sein kann.

„Hömma, Pferdchen“, wird er frech und direkt,
„diese Regelung ist keinesfalls politisch korrekt!“
Dann neigt er sich – so ist es Sitte –
hin zum Pferde und flüstert leise eine Bitte:

„Und noch was, Kollege. Können wir aufhören zu reimen? Ich hasse Reime. Egal, was man ausdrücken will, es klingt immer gestelzt und unecht – zumindest, wenn man das nicht drauf hat mit dem Reimen, so wie wir. Wir sind doch nur kleine Figuren auf einem Feld und jemand bewegt uns hin und her. dann treffen wir irgendwann zufällig mal zusammen, reiben uns aneinander, haben Meinungsverschiedenheiten und müssen wir dann unbedingt versuchen, unsere Gedanken möglichst clever und geschickt zu formulieren? Und dann auch noch in Reimform? Nur um uns intellektuell auf eine höhere Stufe zu stellen? Das hier ist doch kein beschissenes Liebeslied, sag mir einfach in einfachen Worten, warum ich hier jetzt nicht mehr auf C6 herumstehen darf, okay? Pferd? Okay?“

Und das Pferd antwortet.

„Ich verstehe dich gut,
aber Reimen ist Passion,
ist gut, tut gut, ist Kunst,
ist gute Kunst, ist Kunstgut,
ist gutes Kunstgut und
Kunst tut gut, wenn uns Wut
im Herzen wehtut und wir ungut
und ohne Mut den Disput
nur mit Glut aufgießen,
um als Rekrut den Hut
nicht vom Kopfe zu schießen.
Es sprießen doch seit langer Weile
harte Pfeile in die zarten Teile,
die wir Köpfchen nennen und aua,
fühlst du den Hass nicht wütend brennen?
Würden wir uns zur Poesie bekennen,
so könnten wir nun hier, Mensch und Tier, tun,
was wir schon streiten nennen, aber
ohne dabei die Kunst zu verkennen.
Also schließ‘ dich meinen Reimen an,
weil Reimen einfach jeder kann!“

Der Läufer lässt die Worte wirken und fragt:
„Hä? Was?“

Und das Pferd erklärt erneut:
„Dein Verbleib auf diesem Feld ist so unsicher wie die Rübenernte mit der bloßen Hand, nur ohne Bücken und auf einer ganz anderen Ebene, weil sich die Begebenheiten in eine ganz andere Richtung verschieben. Du solltest von hier fliehen wie der Eskimo vor dem Eisbären: kalt, ehrfürchtig und zurecht.“

Und dann nochmal der Läufer:
„Versteck dich nicht hinter deinen Metaphern, wie soll ich die denn so schnell enträtseln? Lass uns doch jetzt bitte wie zwei normale Menschen beziehungsweise Holzfiguren über unsere Situation sprechen, ohne dass wir uns…“

Eine Hand greift nach dem Läufer, stellt ihn neben das Schachbrett und sagt: „Thank you for playing Chess with me. Schachmatt!“

Und jetzt alle!


Das Internet ist voll mit Künstlern und Personen, die irgendetwas schaffen – seien es Blogartikel, Blogkommentare, Musikstücke, Videos, Webseiten, Templates, Comics, Spiele, Grafiken, Malereien und so weiter und so fort.

Wir (Moritz und ich) vom Projekt Teamw0rk möchten dieser Liste nun einen neuen Punkt hinzufügen: Ein Theaterstück. Aber wir wollen nicht nur einfach irgendein Theaterstück schreiben. Nein: Wir wollen irgendein Theaterstück zusammen mit Euch schreiben! Mit Euch allen, die Ihr da draußen vor Euren Rechnern sitzt und Lust dazu habt.

Also schließt euch an, seid kreativ und nützlich und super!

http://teamw0rk.wordpress.com/

Fehlermeldung

Es gibt Tage, an denen laufen selbst Polizisten über rote Ampeln. Da essen selbst Nazis Döner. Da melden sich sogar Leute wie ich bei Facebook an. Verdammt. Ich habe mich unglaublich lange unglaublich erfolgreich gegen Facebook gewehrt. Es geht doch auch so, habe ich stets und laut gesagt. Aber es ist schon richtig, dass Facebook ein gutes Mittel zum Kontakteaufrechterhalten ist – gerade jetzt, wo sich nach dem endgültigen Ende der Schulzeit alle Menschen und Menschinnen in diverse Richtungen verstreuen. Und wenn man Facebook richtig nutzt, ist es wirklich ziemlich super! Blablabla. Ich werde versuchen, mich möglichst wenig dort zu bewegen und es nur oberflächlich zu benutzen. Drückt mir die Daumen, dass ich nicht süchtig werde.

Ich bin jetzt bei Facebook. Ach, verdammt. Wer will, kann dort mein Freund werden. Einfach dort meinen Namen eingeben, mir eine Freundschaftsanfrage schicken…ihr wisst, wie das funktioniert. Ich auch. Scheiße.

Informationsroulette XI

Tach.

1.) Es ist unsagbar heiß, ich habe ein Zimmer direkt unter dem Dach und kann nicht schlafen. Daher, und das wird dem Stammbesucher bereits aufgefallen sein, habe ich ein bisschen an der Headergrafik herum gedeichselt. Mir gefällt das sehr gut. Vor allem das eingearbeitete Foto aus dem Gelsenkirchener „Cafe 42“ mag ich. Ich hoffe, der Leser stimmt mir zu. Falls nicht: Tja.

2.) Ich komme derzeit kaum zum Schreiben, weil ich hauptsächlich mit dem Fußballmanager 2005 beschäftigt bin. Tut mir (fast) leid. Aber der Uerdinger FC 1905 muss erst Deutscher Meister werden, dann höre ich auf damit.

3.) Ich bin mit dem Artikel nicht zu einhundert Prozent zufrieden (Stichwort: nicht herauslesbare Ironie), aber wer möchte, kann hier ein Portrait meiner Person lesen. Danke liebe Westdeutsche Zeitung und Danke für die netten E-Mails, die mich infolge des Artikels erreicht haben.

4.) Gelesen wird aber trotz aller Ablenkung immer noch. Allzu viele konkrete Zukunfts-Termine gibt es zwar noch nicht, aber weil ich jetzt ordentlich Zeit und Leselust habe, ist da schon einiges in Planung. Berlin und Hamburg etwa dürfen sich wohl bald über meinen Besuch freuen.

5.) Weiterhin erworben werden kann mein Büchlein. Näheres dazu hier.

Tschüssikowski!

13 Jahre

Kosimos Kosmos

Unsere Titelfigur Kosimo ist zum Zeitpunkt dieser Aufzeichnungen achtunddreißig Jahre alt und arbeitslos. Wir begleiten ihn im Folgenden einige Stunden lang und beginnen so:

Mittwoch, 12:09 Uhr
Kosimo wacht auf. Sein Tag beginnt im Bad. Mit der Schere schneidet er sich seinen Bart zurecht, dann gurgelt er ein improvisiertes Liedchen, welches Versatzstücke aus den Werken Mozarts und Bohlens enthält. Hinter dem Waschbecken versucht eine Spinne verzweifelt zuzuhören, scheitert aber daran, dass sie keine Ohren besitzt.

12:14 Uhr
Kosimo sieht nach seiner Post. Er zieht ein Paket aus seinem Briefkasten, endlich ist sie da: die beim Teleshopping bestellte 4 CD-Sammlung der dreihundert größten Universumserfolge der Amigos. Weil Kosimo innerhalb von zehn Minuten und per Bankeinzug bestellt hat, liegt dem Paket eine Autogrammkarte der Amigos-Brüder Bernd und Karl-Heinz bei. Kosimo ist hocherfreut und feiert die Feier des Tages feiertagsgerecht mit Aufbackbrötchen.

12:27 Uhr
Kosimo legt sich satt und erschöpft zurück ins Bett, schläft noch eine Runde.

14:34 Uhr
Kosimo wacht wieder auf, geht erneut ins Bad, gurgelt nun „Hello Again“. Die Spinne krabbelt seitwärts das Waschbecken hinauf, versucht freudig zu winken, scheitert aber daran, dass sie zwar acht Beine, aber keine Arme besitzt. Kosimo hat die ständige Spinnerei satt und zerquetscht die Spinne mit einem gezielten Patscher.

14:35 Uhr
Die Spinne profitiert von ihrem buddhistischen Glauben und wird abseits der Szenerie im Senegal als hör- und winkfähiger Schimpanse wiedergeboren.

14:41 Uhr
Kosimo setzt sich an seinen Computer und sucht über Google den Sinn des Lebens. Findet ihn aber nicht. Dann fällt ihm ein, dass Arbeitslosigkeit keine besonders gute Sache ist, also widmet er sich einigen Vorstellungsgesprächen.

14:48 Uhr
Kosimo sitzt auf seinem Bürostuhl und stellt sich Gespräche vor. Diese Vorstellungsgespräche sind auch nicht so toll, wie alle meinen, denkt er.

15:13 Uhr
Kosimo beschließt, lieber richtige Gespräche zu führen. Er greift zielsicher nach seinem Handy und telefoniert sein Adressbuch ab.

15:14 Uhr
Kosimo telefoniert mit dem ADAC-Kundendienst.

15:15 Uhr
Kosimo stellt fest, dass er weder Auto, noch Führerschein besitzt.

15:16 Uhr
Kosimo telefoniert mit der Kontostandabfrage.

15:17 Uhr
Kosimo stellt fest, dass er pleite ist.

15:18 Uhr
Kosimo telefoniert mit der Uhrzeitansage, es ist 15:18 Uhr.

15:19 Uhr
Jetzt nicht mehr. Und Kosimo stellt fest, dass er nicht besonders viele Freunde hat.

15:31 Uhr
Kosimo fühlt sich allein und vermisst seine Spinne.

13:02 Uhr
Kosimo ist in die Vergangenheit gereist, um seine geliebte Spinne zu retten.

13:03 Uhr
Kosimo stellt fest, dass man nicht zeitreisen kann, indem man die Uhr zurückstellt.

15:43 Uhr
Kosimo trinkt ein Biermischgetränk. Bier gemischt mit Milch. Muss man mögen.

16:46 Uhr
Kosimo legt eine Amigos-CD ein und kann sich kaum entscheiden, welchen Titel er zuerst hören möchte: „Glocken am heiligen Abend“, „Der Trucker“, „Der Trucker II“ oder „Alle Engel sind Amigos“. Aber eigentlich ist es ihm fast egal, für welchen Welthit er sich letztlich entscheidet, da er findet, die Engelsstimmen der Amigos würden jedes Lied zu einem zauberhaften Erlebnis für alle Sinne machen. Ihre großartigen Lieder klingen, als hätte sie Gott persönlich auf einer sehr guten Harfe komponiert, während er im Schneidersitz auf einer Schäfchenwolke gesessen und hinab auf den Garten Eden geblickt hat.

17:42 Uhr
Kosimo liegt auf seinem Sofa, schläft ein, träumt von senegalesischen Affen, macht sich im Schlaf vor Verzückung in die Hose und wundert sich, warum er keine Freunde hat. Im Hintergrund läuft leise die vierte CD aus. Die Amigos singen: „Ein Amigo sagt Adio“.

Viva la Faszination

Die Form der Faszination ist immer ein Kreis. Das Runde dreht sich mit Tempo Dreitausendvierundreißig und schwurbelt sich fleißig in absurde Vergnügungshöhen, um uns davon abzulenken, dass die Tiefe tiefer ist als die Höhe hoch. Ohne Ecken und Kanten wird die Begeisterung für Banales auf gleichförmige Art kanalisiert und fährt ohne Kurven auf den Ursprung zurück, um mit einer gehörigen Portion Anlauf die gleichen Gefühle auszulösen wie zuvor und gerade jetzt und in jedem Moment, dem man dem Faszinierenden mit naivem Leichtsinn schenkt. Und irgendwann Krämpfe bekommt. Weil kein Reifen sich immer dreht. Weil jeder Käse mal gegessen ist. Und irgendwann in höchster Höhe das Flugzeugbegleitungsmädchen vor einem steht, das Glücksrad stoppt und den Freudentaumel-Flug für beendet erklärt. Das darf man der Dame nicht übel nehmen, es ist einfach ihr beschissener Job. Sie muss uns daran erinnern, dass kein Platz für all die schönen Dinge ist. Manche wirft man weg und ersetzt sie. Gut, dass es da das gute, alte Unterbewusstsein gibt. Dieser Kompost der Erinnerungen behält den ein oder anderen Fetzen und wenn mutig ein bisschen nachdenkt, spuckt er manchmal vergangene Faszinationen aus und man kann sich den wichtigen Fragen der eigenen Person stellen:

Wo sind all meine Pokémonkarten hin?
Ich möchte an meiner glitzernden Glurak-Karte riechen, vielleicht duftet sie noch wie am ersten Tag.

Warum finde ich die Musik der Schlümpfe nicht mehr lustig?
Ich bin doch beim „Mambo mit den Schlümpfen“ immer so fröhlich in meinem Zimmer umher gesprungen, was ich heute nicht mehr mag.

Wer hat meine Benjamin Blümchen-Kassetten?
Benjamin, du lieber Elefant, komm bitte zurück, törööö!

In welchen Kisten liegen meine Pixi-Bücher?
Ich vermisse Geschichten wie „Conni beim Zahnarzt“ oder „Bernd strickt Taschentücher“.

Wie konnte ich so dumm sein, meinen Nintendo 64 in einem ranzigen Dreckslochgeschäft gegen lächerliche zwanzig Euro einzutauschen? Da wäre doch mindestens noch ein Fünfer mehr drin gewesen.

Wieso habe ich früher in Schalke-Bettwäsche geschlafen?
Weil es keine vom KFC Uerdingen gab, okay.

Wie konnten mich meine zahlreichen Verflossenen einfach so durch andere Typen ersetzen?
Okay, wahrscheinlich so wie ich sie, aber immerhin tat ich das mehr als adäquat!

Aber weshalb kann ich das Intro von „Darkwing Duck“ nicht mehr auswendig?
Er war Zauberduck und Räucherduck und Maskenduck und mehr und im Nu verschwand er, zusammen mit Käpt‘n Balu und seiner Crew, der Gummibärenbande und all den anderen alten Freunden, bei denen ich mich längst mal wieder melden müsste.

Warum habe ich die ersten neunzehn Jahre meines Lebens nicht stetig gespart?
Ich könnte mir heute doch so viele tolle Dinge kaufen.

Die dann aber auch irgendwann in Kellerkisten verstauen und langsam ergrauen lassen würde. Alles vergeht. Der Kreis kann auch stehen bleiben. Das Manifest der Faszination ist ein wirres Objekt so wie ein Hütchenspieler. Es trickst dich aus. Es stellt dir Fallen. Er vertauscht, ohne dass du es merkst und am Ende hast du meistens verloren. Es kann dir aber auch die besten Gefühle der Welt bescheren. Für fünf Minuten. Für drei Wochen. Für neunzehn Jahre. Und in deinem ganzen, verdammten Leben. Und so schließt sich der Kreis. Faszinierend.

Informationsroulette X

Badabamm, Neuigkeiten!

1.) Abitur in der Hosentasche. Hurra. Grandioser Schnitt von 3,1, wie Günther Jauch. Nochmal hurra. Sei es drum.

2.) Die erste Auflage meines Buches „Versammelte Werke der Klientelliteratur“ ist komplett ausverkauft. Rund dreißig Büchlein sind also schon im Umlauf, das gefällt mir gut. Für die SPIEGEL-Bestsellerliste hat es leider noch nicht gereicht, wie ich am Montag mit einem Tränchen im Auge feststellen musste. Hatte mir da schon eine Top 10-Position ausgerechnet, schließlich lesen die Deutschen ja nicht mehr so viel und man weiß ja nie. Habe dem SPIEGEL aber schon einen Leserbrief geschrieben, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass nicht mindestens Platz 20 für mich drin gewesen ist. Diesen Fehler wird man sicher in der Montagsausgabe korrigieren.

3.) Und nun? Keine Bücher mehr? Na, doch! Doch! Natürlich! Na! Die zweite Auflage ist sogar noch besserererer als die erste ohnehin schon war. Denn sie erscheint nun im Taschenbuch-Format, mit mehr Texten und Bildern, Rechtschreib- und Flüchtigkeitsfehler wurden ausgemerzt und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass es 72 wunderbare Seiten geworden sind. Um die Produktionskosten wenigstens ein kleines Bisschen auszugleichen (mit der Erstauflage habe ich minus gemacht), verlange ich nun zehn runde Euro für das Büchlein. Wie man es bekommt, erfährt der Erfahrungssuchende hier.

4.) In den nächsten Tagen wird hier leider wieder nicht viel passieren, denn ich bin auf riesengroßer Leseweltreise mit sieben Terminen in acht Tagen. Zum Beispiel am Sonntag beim Jazz-Festival in Moers (19 Uhr), wo ich beim „Jazz Slam“ Texte zu improvisierter Jazzmusik lese. Das wird prima. Wo ich sonst noch so anzutreffen bin, lässt sich hier erfahren.

5.) Heureka und Tschüsseldorf!

Das ist Kunst, Mann!

Besorgt schwinge ich mit dem Löffel durch den Kaffee. Ich rühre im Uhrzeigersinn, dann wieder gegen, dann wieder im, dann wild hin und her und dann her und hin und dann nochmal im und manchmal auch gegen die Kaffeetasse. Diese Kling- und Plirrgeräusche halten mich wach und lenken mich ein wenig ab vom Gedanken daran, dass dies heute mein letzter Tag in Freiheit werden würde. So eng und traurig es auch ist, wenn man sich selbst in ein Korsett zwingt: Kleider machen Leute und meine aktuelle Kleidung macht mich dröge; egal wie bequem Baumwolle im Vergleich zum klassischen Korsettstoff Coutil auch sein mag. Den Gürtel enger schnallen ist wahrscheinlich der beste Kniff, wenn einem die Luft zum Atmen keine Freude mehr bringt. Viele Versuche, mir die dünne Luft schmackhaft zu machen, sind gescheitert. Also werde ich auf den heiligen freien Willen verzichten und testen, wonach diese andere Luft schmeckt, welche die Erfolgreichen stets umgibt. Ein letzter Versuch. Jedoch soll der Mensch nichts unversucht lassen. Man soll so viele Vorhaben beschließen, wie man nur kann, denn sollte dort auch nur ein richtiger dabei sein, ist das mehr wert als sechs Richtige im Lotto. Letztlich ist aber auch das Leben ein unfaires Glücksspiel mit Millionen Verlierern. Doch heute habe ich mein Schicksal eines Taugenichts endgültig satt und mache es wie die Restaurantbetreiber: ich setze alles auf eine Karte. Auf eine einzige. Alles. Gewissen. Verstand. Moral. Brauche ich nicht mehr. Habe ich nie gebraucht. Nicht für mein Glück, nicht für das Glück der anderen und woher will ich überhaupt wissen, was Glück ist, wenn ich doch das Gefühl habe, nie welches erfahren zu haben. Oje, ich klinge schon wie ein wehleidiger Dauerpatient mit neurotischem Philosophiezwang. Bevor ich beginne, den Eigenhass zu manifestieren, mache ich mich lieber auf zum Arbeitsamt, um zu sehen, ob auch der letzte Rettungsanker zwangsläufig in die Tiefe stürzt.

Am Arbeitsamt angekommen fasse ich es gleich als schlechtes Omen auf, dass der Eingang eine Drehtür ist, wo sich mir doch hier Türen öffnen und auftun sollen. Im Kreis dreht sich ohnehin schon alles und längst wird mir dabei schwindelig. Benommen trete ich ein, begebe mich auf die Suche nach dem korrekten Eingang. Ich werde schließlich fündig, eine untersetzte Dame mit auffällig vielen Leberflecken gewährt mir den Zutritt. Auf einem ungemütlichen Stuhl nehme ich Platz, die Leberfleckfrau sitzt deutlich bequemer auf ihrem ergonomischen Bürostuhl. Ihr Blick mustert mich, jedoch nur kurz. Jahrelange Berufserfahrung, schätze ich. Ein kurzes Überfliegen über Gesicht und Kleidung, dann weiß sie auch schon, ob ich hier Dauergast werden würde oder eben nicht. Als ich ihr aber sage, dass sie sich bei ihrer flotten Musterung von meinem Langarm-Leibchen nicht blenden lassen müsse, weil ich nun auf ein Korsett umsteigen wolle, reagiert sie verwirrt. Gut, die Dame versteht mich nicht, also werde ich konkret und trage selbstbewusst mein Anliegen vor:

„Frau Schneider, ich bin seit einigen Jahren als freier Autor und Schriftsteller tätig, schreibe Gedichte, Prosa und Kurzgeschichten, wonach mir halt gerade der Sinn steht. Auch habe ich mal einen Roman geschrieben, da ging es um einen Rosenverkäufer, der sich in eine Kellnerin verliebt und tagtäglich in das Restaurant zurückkehrt, um ihr eine Rose zu schenken – bis die Dame plötzlich nicht mehr dort arbeitet und so weiter, naja, es ist mehr eine melodramatische Geschichte ohne glückliches Ende, ist ja auch unerheblich. Denn von Verlagen erhielt ich nur Absagen, wenn überhaupt. Sie werden verstehen, dass sich weder Miete, noch Kaffee so auf Dauer finanzieren lassen. Daher möchte ich auf diesem Wege gerne eine Umschulung beantragen. Ich möchte Dienstleister werden.“

Endlich hatte ich meinen Wunsch ausgesprochen. Mein Körper entwickelte das sympathische und seltene Gefühl von Erleichterung. Doch Frau Schneider zeigt sich unbeeindruckt. Mit monotoner Stimme fragt sie: „An welchen Bereich hatten Sie denn da gedacht, Herr Lütkebohmert?“. Ich bin etwas verwirrt über ihr Unverständnis und stammele: „Naja, an den gleichen wie jetzt“, und Frau Schneider verstand nicht so recht, ich ergänze also: „Ich möchte nicht mehr das schreiben, was mir selbst gefällt, sondern von nun an für das Publikum schreiben, deren Erwartungen erfüllen und die Sätze so konstruieren, dass sie alle verstehen und gut finden. Sehen sie, mit meinem Stil bin ich erfolglos, immer gewesen. Also will ich mich der breiten Masse anpassen. Ich möchte die Kunst liefern, die auch bestellt wird!“.

Frau Schneider lehnt sich nach vorn, schaut mir erstmals direkt in die Augen und sagt: „Wenn Sie alleine im Bus sitzen und nicht darüber nachdenken, wo Sie aussteigen müssen, sondern wo sie aussteigen wollen. Das ist Kunst, Mann!“

(die Überschrift ist angelehnt an den gleichnamigen Song der sehr guten Band „Lehmann“.)

Die Kantine aus Holz

Vor ein paar Tagen war ich in Bielefeld, habe dort gelesen und übernachtet. Dennoch habe ich auch die Zeit für einen Text gefunden. Er entstand gegen vier Uhr morgens in der Indie-Disco „Movie“ und ich möchte sagen, dass es erstaunlich ist, zu welchen Metaphern man zu dieser Uhrzeit fähig ist. Oder anders gesagt: zu welchen Metaphern man eben nicht mehr fähig ist. Alkohol und Müdigkeit: das RedBull des Künstlerhirns. Wir lesen nun also: „Die Kantine aus Holz“:


Die Kantine aus Holz


Ist er der Partyhut erst aufgesetzt, lässt sich das eigene Psymonym (gemeint ist wohl: „Pseudonym“) schnell ergründen. Auferlegte Musikinstanzen bestimmen das eigene Wackeln im Sekundentakt. Vier Achteln, drei Sechszehntel und schon lässt sich ein anderer verlorener Zampano auf die Mottenkiste ein. Wackel, wackel. Fern von jedem individuellen Gedanken streut sich das Vergasen jeder Gehirnzelle. Studenten feiern ihr Sein. Arbeitslose ziehen hilflos am Ende der Gesellschaft. Apostrophe bilden Gemeinschaften und erfinden den Satzbau der Moderne. Hintergrundlose Metaphern werden zu Hymnen und Gelfrisurträger schleppen sich von Bedeutung hin zum temporären Glück namens Uff-Uff-Bumm-Bumm. Der Sinn versteckt sich, gemeinsam mit seinem guten Gesellen Verstand, weit unter den Möglichkeiten und fristet ein Dasein im Schatten der Monopolbildung. Litschi wird klammheimlich zum Obst des Jahres. Ich beobachte und missachte.

Wahnsinn. Wenn ich das nächste Mal abends weggehe, werde ich auf Papier und Tintenroller verzichten.

Keine Zeit, weil feiern

Aufstieg!

Informationsroulette VIII

Tach.

1.) Der Buchverkauf läuft prima, es wurde schon genau ein Büchlein verkauft. Danke dafür. Wen die hohen Versandkosten bei epubli abgeschreckt haben sollten, der kann sich nun hier sagen lassen, dass es inzwischen auch bei Amazon erhältlich ist.

2.) Kaufen!

3.) Die nächsten Lesetermine:

27.05.2011 – Wuppertal / Container (Poetry Slam)
01.06.2011 - Moers / Bollwerk107 (Poetry Slam)
13.06.2011 – Münster / Cuba Nova (Tatwort-Poetry Slam)

4.) Komme derzeit nicht zum Schreiben. Verzeihung.

Tschüss.

Kaufenkaufenkaufen

So. Ich habe es endlich geschafft, ein paar meiner Texte zusammenzufassen, zu streicheln und sie in ein Buch zu verpacken. Herausgekommen ist das Büchlein „Versammelte Werke der Klientelliteratur“. Es enthält rund dreißig (teils unveröffentlichte) Texte und sogar ein paar nette Bilder. Ich kann es nur empfehlen. Es ist sehr gut. Ich habe die komplette Nacht an der Gestaltung gearbeitet. Und mich für einen Preis von 6,95€ entschieden. Das Werk umfasst 40 Seiten im handfreundlichen DinA5-Format. Heftbindung.

Johannes Floehr – Versammelte Werke der Klientelliteratur
ISBN: 978-3-8442-0488-9

Kaufen, bitte. Yeah.

Poetry Unplugged im Theater hintenlinks

Es folgt: unaufdringliche Werbung.

Geil, geil, juhu. Am kommenden Sonntag, dem 22.05.2011, ist es endlich soweit: im Krefelder Theater hintenlinks (Ritterstraße 187) wird ein Sommerfest gefeiert. Noch viel geiler und juhu-iger ist aber, dass ab 19 Uhr ein Poetry Slam veranstaltet wird, welchen ich moderieren werde. Die Veranstaltung ist der Startschuss für die ab irgendwann regelmäßig stattfindende Reihe „Poetry Unplugged“. Wieso „unplugged“? Das kann ich erklären, weil ich es weiß. Weil ich es weiß, werde ich es erklären: „unplugged“, weil die Teilnehmer ohne Mikrofon auf der Bühne stehen werden. Wahnsinn! Und wir haben uns noch ganz viele andere Dinge ausgedacht, glaube ich. Es wird prima. Es wird spitze. An der Theke gibt es Bier. Und folgende Poetinnen und Poeten haben sich bis jetzt angekündigt:

- Andi Substanz (Münster)
- Achim Dietz (Krefeld)
- Boris Zeyer (Krefeld)
- Dan Pöne (Düsseldorf)
- Hatice Gönüleri (Krefeld)
- Jan Möbus (Remscheid)
- Sushi der Slamfisch (Düsseldorf)
- Ilja Budnizkij (Essen)

Das wird: gut. Seid: dabei. Der Eintritt ist: frei!

Unrundes aus dem bekannten Kreis

Du suchst nach Idealvorstellungen und findest,
gefallen über deine eigenen Schnürsenkel richtest
du dich auf und bindest sie wieder, zudem siehst
du dich als Hoffnungsträger und trägst Hoffnung
in die Kläger, aber realisierst du denn nicht die Zweckdemenz.

Der Gesellschaft schuldest nur deine Söldnermentalität
und verpflichtest dich zum Konsum. Von Abfallware
und Bildern, so aufreizend bunt, willst du dich nicht
blenden lassen, optimistisch bleibst du, auf unseren
Straßen liegt noch viel Potential und der Hund.

Begraben von Zeitungsblättern markiert der Obdachlose
sein Revier, verhalten schaust du auf die Konturen
und Kraterschwellen. In seinem Gesicht hinterließ der
Abschwung seine Spuren, er wird hier liegen bleiben, bis
er stirbt werden sich viele Pechvögel zu ihm gesellen.

Manchmal wirft ihm jemand eine Münze zu, meist jedoch
wird er ignoriert, obwohl alle hoffen auf den Frieden.
Störer sind die, die nichts tun; Können wird gefordert,
aber nicht gefördert, von welchen, die die eigene Ironie
fehlinterpretieren als Lebensphilosophie.

Vor dem Gesetz sind alle gleich, gültig ist der
Personalausweis nur auf ausgesuchten Wegen.
Denen, die hoffen auf Veränderung und
Wert legen auf den Wechsel. Willen kann man
nicht absprechen, nur entwickeln nach viel Zeit.

Verlustängste prägen unseren Alltag, stark
sind nur die Wenigen, die sich befreien. Aus-
drucksstark muss wieder gesprochen werden,
wenn jemand kollektiven Wohlstand predigt
und sich so des Verstandes entledigt.

Das Gefühl der Gemeinschaft wächst nicht durch
Gesetz; Pflicht ist, dass du im Herzen nicht undicht
bist, da mit ein jedem Teil des Ganzen, Großen und
auch Kleinen geholfen wäre, wenn die Schwere
nicht im zwischenmenschlichen Umgang läge.

Also, wenn du dem nächsten Kauz begegnest
und er reicht dir seine Hand: feste greifen und ab mit ihm
auf deine Seite, Schleifen machst du jetzt in deine
Schnürsenkel, aber bitte bück dich in Zukunft auch
für obdachlose Menschenschenkel.

Zwei Vögel wollten Hochzeit haben

Wir saßen gemütlich im Wohnzimmer der Neunzimmerwohnung und spielten Monopoly. Ich spielte traditionell mit dem Fingerhut, weil ich die alte slawische Tradition, die Finger mit Hüten zu schmücken, sehr schätze. Mein Mitspieler Philipp hoppste mit einem kleinen Zinnsoldaten über das Spielfeld. Er möchte so ein militärisches Zeichen gegen den Kapitalismus setzen, meint er. Wie bescheuert, finde ich. Aber er darf das, denn er ist Jude. Manchmal wundert sich jemand über seine kapitalismuskritische Einstellung, schließlich gelten Juden nicht nur an ostdeutschen Stammtischen als besonders geldgeil. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch nicht, wie modern dieser Stereotyp überhaupt noch ist. Der letzte Film, der sich mit jüdischen Klischees beschäftigt hat, lief bereits vor einigen Jahrzehnten an. Abgesehen davon ist mir auch völlig egal, woran Philipp glaubt oder nicht, solange ich ihn noch kichernd angucken darf, sobald er bei Monopoly auf einem der vier Bahnhöfe landet. Ich darf das, ich bin sein Freund. Er versteht das. Zugegeben, beim ersten Mal fand er es nicht so spaßig, aber ich kann den rechten Arm längst wieder bewegen und dieser Heilungsprozess wird keine zwölf Jahre dauern, haha. Naja. Wir saßen also nun gemütlich im Wohnzimmer, Fingerhut, Zinnsoldat, Monopoly, das Szenario hatte ich eingangs bereits in 41 Worten beschrieben. Ich würfelte eine 45, kam ins Gefängnis. Verdammte Scheiße! Philipp lachte hämisch, ich brach ihm berechtigterweise die Nase. Er blutete, aber dass es meinem rechten Arm wieder besser ging, schien ihn ehrlich zu freuen. Er hob seine Hand und rief „High five“! Ich hob pflichtbewusst und bemüht meine rechte Hand hoch, das Einklatschen schmerzte. Aber haha, so sind wir, wir sind schon zwei verrückte Vögel.

Apropos Vögel: Wie aus einem Himmel, der heiter ist, flog urplötzlich ein Tukan ins Zimmer. Wir wunderten uns kurz. Doch unser Gast war freundlich. Er stellte sich vor: „Guten Tag. Ich bin ein Tukan.“ Soweit nicht verwunderlich, dachten wir uns. Gut, dass er noch weitersprach: „Ich komme aus der Zukunft. Ihr fragt euch sicher, warum ich hier erschienen bin. Nun, das hat einen einfachen Grund: Ich bin Schriftsteller und verfasse Gedichte. Nun habe ich das Problem, dass ich einfach keinen Reim auf ‚Tukan‘ finde. Vielleicht könnt ihr mir ja helfen?“. Philipp und ich hörten damit auf, uns zu wundern. Ja, das ergab durchaus Sinn. Wir hatten schon Angst, dass uns der Tukan beklauen könnte oder er eine Vergewaltigung vornehmen wollte. Wäre aber auch ziemlich peinlich für Philipp gewesen, wenn er seine Jungfräulichkeit ausgerechnet an einem Tukan verloren hätte! Obwohl der Tukan äußert attraktiv aussah; er hatte einen witzigen Hut auf seinem winzigen Kopf und der Trenchcoat stand ihm wirklich gut. Ich beschloss, keine Angst mehr vor der Zukunft haben zu müssen, denn eine Zukunft, in der selbst die Tukane chic sind, kann nur eine gute sein. Dann fiel Philipp auf, dass der Tukan einen kleinen Stern an seinem Trenchcoat trug. Er frug interessiert: „Herr Tukan, sind Sie auch Jude?“, der Tukan verneinte höflich. Den Stern trage er nur aus modischen Gründen und er sei Atheist. Kann man machen, fand Philipp, während seine Nase fleißig weiterblutete. Der Tukan kramte kurz in den Taschen seines Trenchcoats und holte ein Taschentuch der Marke „Tempo“ hervor. „Ach, die gibt es in der Zukunft immer noch?“, wollte ich wissen. Rhetorische Fragen waren immer schon mein Fachgebiet gewesen.

Vollkommen zurecht bat der Tukan dann darum, ihm doch endlich seine Frage nach einem Tukan-Reim zu beantworten. Er habe es durchaus eilig und wolle noch zu einem Tennisspiel. „Ach, Tennis gibt es in der Zukunft immer noch?“, frug Philipp mit ironischem Unterton. Ich empfand das als Beleidigung und schlug erneut auf seine Nase, das Blut spritze in alle Richtungen, außer nach hinten, weil das physikalisch nicht möglich ist. Den Tukan amüsierte diese willkürliche Gewalt, er vergaß kurz seine Absichten, hob seinen Flügel und rief zu mir: „High five!“, ich erwiderte natürlich. Wie ich später erst bemerken sollte, nutzte Philipp diesen Moment dafür, mir die Schlossalleekarte zu klauen. Wie seine Nase später bemerken sollte, was das keine gute Idee. Aber zurück zu den spannenden Geschehnissen: Nun wolle er aber wirklich einen Reim auf „Tukan“ haben, sagte der Tukan und Philipp erkannte den Ernst der Lage schnell und beteiligte sich an meinem Nachdenken. Uns fiel auf die Schnelle nichts ein, also setzte ich Kaffee auf und bot den Anderen eine Zigarette ein. Der Tukan wunderte sich: „Lucky Strike? Was ist das denn für eine Marke?“ und ich war froh, fragen zu können: „Ach, Lucky Strike, die gibt es in der Zukunft also nicht mehr?“, hehe. Doch der Tukan schwieg und flog herüber zum Monopolyspielbrett. Er wurde sichtlich wütend: „Wenn ihr mir nicht in sieben Sekunden einen Reim auf ‚Tukan‘ nennen könnt, picke ich mit meinem prächtig gefärbten Schnabel euer Spielbrett kaputt!“. Gut, dass Philipps Gehirn in Drucksituationen immer besonders eifrig arbeitet. Panisch rief er: „Dekan! Vulkan! Pelikan!!“ und der Tukan nickte zustimmend, pinkelte uns zum Abschied aber noch in die Zimmerecke. Er war wohl etwas gereizt, weil wir ihn solange haben warten lassen.

Ich sah Philipp grinsend an und sagte: „Ach, guck mal einer an, Pipi gibt es in der Zukunft also auch noch!“.

Hasenmusik

Da wo die Schiffe fahren!

Grand Prix der Folkmusik

Wie selbst meine Großmutter weiß, steigt am Samstag der lustige „Eurovision Song Contest“ in Düsseldorf. Die Aufregung ist groß, schließlich kann Düsseldorf damit der Partnerstadt Köln mit seinem „Christopher Street Day“ in Sachen Schwulen-Messe erstmals Paroli bieten. Der semi-offizielle Eurovisionsblog „HerrSalami.de“ blickt exklusiv auf die wichtigsten Teilnehmer und bewertet ihre Siegeschancen. Exklusiv! Semi-offiziell! Je häufiger man ein Adjektiv verwendet, desto wichtiger wird es! Groß! Lustig! Schwul! Kommen wir aber ohne Umschweif nun zu den Teilnehmern.
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Musik, heil!

Nürnberg. Enkel Kevin kauert auf dem Wohnzimmerboden und kaut am Strohhalm seines Tetrapak-Kakaos. Seine Haare, sowie seine Großeltern haben in den üblichen Positionen Platz genommen, um mit dem „Frühlingsfest der Volksmusik“ in die wunderbare Welt der Playback-Akkordeons zu flüchten. Es erscheint wie ein Eingeständnis an den Unterhaltungswert des telemedial Dargebotenen, doch der fleißige Kaffeekonsum des Rentner-Ehepaares ist ein entkoffeinierter und trägt den Namen „Kaffee Haag“. „Mhh, legger!“ ruft Opa zum erwärmten Wasser und hebt das Kännchen in die Höh‘. Er weiß, dass der Erfinder seines Lieblingskaffees, namentlich Ludwig Roselius, ein Freund der NSDAP war und die SS finanziell unterstützte, doch davon lässt sich Großvater Gunther nicht am Genuss seines Kaffees stören. Stolz hebt er einen seiner zwei Zeigefinger in die Luft und informiert seinen Enkel: „Den hat es damals schon gegeben, als ich so alt war wie du!“. Kevin dreht sich kurz um, schaut seine Großmutter an. Sie nickt freundlich und verzweifelt danach wieder an den Spielregeln der Sudokus in der Apothekenzeitschrift. Nachdem Kevin dann seinen Kakao leer geschlürft hat, merkt er fröhlich an, dass er die Molkereiprodukte von „Müllermilch“ sowieso am besten fände. Opa merkt an, dass deren Chef Theo Müller sogar wie er selbst Mitglied in der Partei ist. Oma fügt hinzu, dass Opa die CSU meinte. Kevin zuckt mit den Schultern. Im Fernsehen singt ein bayrisches Paar ein Lied von ewiger Liebe.

Als Kevin das Wohnzimmer dann kurzzeitig zum Zwecke des Kakao-Nachschubs verlässt, gibt Opa Oma heimlich einen trockenen Kuss auf die Wange. Oma lächelt verträumt und richtet ihren Blick dann verträumt aus dem Fenster, wo ein paar Buntspechte durch die braunen Herbstblätter hüpfen: „Sieh mal, Gunther, die Vögelchen, wie süß!“. Opa fühlt sich in seiner Liebelei gestört und schaut nur unfreiwillig, aber grimmig nach draußen. Sein Lieblingsvogel ist der Spatz, aber Gunther hat lange keinen mehr gesehen oder wenigstens gehört. Die sind vielleicht in eine andere Wohngegend gezogen oder halten womöglich gerade in Südamerika Winterschlaf. Schade, findet er. Das kleine Buntspecht-Grüppchen sucht noch ein paar Minuten lang erfolglos nach Würmern, dann flattern die Vögel mit Gezwitscher zurück in ihr Nest. „Und wie laut die immer sind!“, nölt Opa, „da kann man ja sein eigenes Wort nicht mehr verstehen!“. Oma streichelt ihm beruhigend auf die Schulter. Schließlich kommt Kevin aus der Küche zurück und teilt traurig mit, dass es dort keine Strohhalme mehr gäbe. Er müsse seinen Kakao nun aus einem Glas trinken, was den Trinkgenuss mindere. Ach was, sagen die Großeltern, so entsteht wenigstens nicht so viel Müll. Kevin fühlt sich von diesem Argument getröstet. Er setzt sich auf die Couch und schaut gebannt in die Fernsehröhre. Roberto Blanco tappt die Showtreppe herunter und singt, dass ein bisschen Spaß sein müsse.

Kevin klatscht zustimmend in die Hände. Oma erzählt ihm, wie lustig es doch sei, dass „Blanco“ aus dem Spanischen übersetzt „Weiß“ heiße und Kevin weiß mit dieser Bemerkung erst nichts anzufangen, dann lacht er ein unschuldiges Kinderlachen. Während der lustige Mann im Fernseher vor sich hin singt, richtet Kevin seinen Blick auf seinen Opa. Er schaut mürrisch und gießt sich unvernünftig viel Milch in seinen Kaffee. Kevins Stirn beginnt sich zu runzeln und nachdem er all seinen Mut zusammengegtragen hat, fragt er seinen Großvater: „Du, Opa, wann hast du zum ersten Mal einen Schwarzen gesehen?“. Es folgt Stille. Opa zögert mit seiner Antwort. Er möchte nichts Falsches sagen. Gerade, als er antworten will, dass er das nicht mehr so genau wüsste, wird er von seiner Ehefrau gerettet: „Schau mal, Gunther, der Kevin hat vom Kakao einen kleinen Schokomilchbart unter der Nase bekommen, wie goldig!“.

Crazy Thoughts, yesyes.

Wer sich etwas auf die Fahne schreibt, beschmutzt.
Wer manchmal die Joghurtdeckel ableckt, kann zwischen Abfallprodukt und Nützlichkeit entscheiden.
Wer schon einmal im Flugzeug einen Salto versucht hat, fliegt.
Wer die Unendlichkeit eines Quadrates bezweifelt, hinterfragt wenigstens.
Wer festgestellt hat, dass es keine homosexuellen Enten gibt, der stellte falsch fest.
Wer hat an der Uhr gedreht.

Informationsroulette VII

Grüß Grüß.

1.) Da es keine wirkliche Archivseite vorhanden war und sich etliche Leser darüber beschwert haben, dass es durchaus schwierig sei, hier mein bisheriges literarisches Nichtschaffen nachzuvollziehen, habe ich in mühsamer Großarbeit die neue Unterseite „Geschriebenes“ erfunden. Dort gibt es sämtliche Texte, die seit 2010 von mir hier veröffentlicht worden sind, zu lesen. Viel Vergnügen.

2.) Ich schreibe ja derzeit nebenher auch Texte für meine Schule. Das Projekt nennt sich „Abiturprüfungen 2011″ und bisher war alles recht einfach, selbst ohne große Vorkenntnisse. Kann ich jedoch nicht jedem empfehlen, da die Bezahlung relativ gering ist und man früh aufstehen muss. Egal, wird schon alles klappen.

3.) Die nächsten Lesetermine:

06.05.2011 - Grevenbroich / Kultus das Cafe (Wort laut-Slam)
11.05.2011 – Hamm / Hoppegarden (Poetry Slam)
12.05.2011 – Krefeld / Kulturrampe (Lesung)

4.) Am 22. Mai moderiere ich, wie bereits an dieser Stelle erwähnt, den ersten Poetry Slam im „Theater hintenlinks“ . Ich darf bereits ankündigen, dass wir fantastische und sehr, sehr supergute Autoren in Krefeld begrüßen dürfen, zum Beispiel Sushi den Slamfish, Hatice Gönüleri, Jay Nightwind, Andi Substanz und andere. Falls noch irgendjemand mitmachen möchte, kann man sich per Mail kostenlos an mich wenden. Kommt in Scharen, der Eintritt ist frei.

5.) Tschüsseldorf!

Das Etikett am Korsett

Flaniert man ungeniert
über unsere Straßen
und den Spalt im Asphalt,
wo Jung und Alt schon saßen.
Und dann die Bärte fleißig stippen.

Dann vernimmt man bestimmt
eine Folter mit Worten,
ein Gepolter schlimmster Sorten,
voller rhetorischer Retorten.
Und dann Kippen in den Gulli schnippen.

Gestalten wie diese verwalten
moralische Falten nicht,
sie sind bloß aufs Erkalten
deines Gesichtes erpicht.
Und sehen die Wut als lästige Pflicht.

Also zetern sie und stöhnen,
üben sich im Verhöhnen
von potentiellen Hurensöhnen,
auf Metern ihre Novellen dröhnen.
Und kommen selbst aus der Unterschicht.

Auf Nachfrage folgt kein übler Tritt,
die Huren hasse man halt heute so,
doch schon zu Jesus‘ Zeiten glitt
man gern in den prostituierten Po.
Und zahlte nicht nur mit Talenten.

Nur alt, nicht kalt ist die Gewalt,
die sich seit gewisser Ewigkeiten
im weiblichen Korpus ballt und
dort für alle Zeiten weiter hallt.
Und wer sind nun wohl die Patienten?

Und keiner so: yeah!

(kauft euch alle Bücher von Hugleikur Dagsson, wenn ihr meine Freunde sein wollt.)

Informationsroulette VI

Grüß Grüß Internetwelt. Ich bin es, der Internetnutzer. Und ich habe Informationen für alle im Gepäck.

1.) Ab nächster Woche schreibe ich das schriftliche Abitur. Deswegen kann es vorkommen, dass es hier etwas ruhiger wird. Wünscht mir Glück, ich werde es gebrauchen und einsetzen können.

2.) Drei Livemitschnitte vom Poetry Slam im „C@fe 42“ (Gelsenkirchen) gibt es jetzt ganz frisch und in wahnsinnig dufter Qualität unter dem Reiter „Vertontes“ zu hören. Und wer mehr Interesse für diesen Abend aufbringt, kann sich auch noch diesen Artikel auf „DerWesten.de“ durchlesen. Liegt zwar schon ein paar Wochen zurück, aber „aktualität“ wird hier eben klein geschrieben.

3.) Die nächsten Live-Termine:
28.04.2011 - Mönchengladbach / projekt42 (Poeterey-Slam)
06.05.2011 - Grevenbroich / Kultus das Cafe (Wort laut-Slam)
11.05.2011 – Hamm / Hoppegarden (Poetry Slam)

4.) Am 22.05. moderiere ich im „Theater hintenlinks“ den ersten Poetry Slam, welcher unter dem Namen „Poetry Unplugged“ laufen wird, da wir dort ohne Mikrofone arbeiten werden. Ein paar unsagbar gute Teilnehmer haben wir bereits, doch anmelden kann man sich noch. Wahlweise an mich wenden oder direkt ans Theater. Mehr hierzu bei MySlam.

5.) Bis bald!

Bedeutungsexplosion

Mittwochnachmittag in einer WG. Carsten und Dimitri begegnen sich und es kommt spontan zu einem Dialog.

Carsten: He, Dimitri. Lass uns mal eine Unternehmung starten, irgendetwas Spaßiges und Günstiges. Hättest du Lust, mit mir in den Bus einzusteigen, bis zur Endhaltestelle zu fahren und dann wieder zurück? Einfach mal gucken, was auf der Strecke so passiert, wir kennen die Gegend ja auch noch nicht gut genug, um sie mit unserer Westentasche zu vergleichen und vielleicht stirbt ja unterwegs ein Passagier oder ein Reifen platzt oder sonst was. Kurze Rede, langer Sinn: kommst du nun mit?

Dimitri: Nein.

Carsten: Ich erbitte eine Erklärung. Schließlich hockst du ja den ganzen Tag nur ungemütlich in deinem Sitzkissen und wartest auf das Abendessen, das kann doch gar nicht sein! Würde man für das Rumsitzen von irgendjemandem Geld bekommen, du wärst längst berühmt genug für Boulevardmagazine und könntest dir tolles, außergewöhnliches Zeug kaufen, etagenlose Hochbetten oder elektronische Schuhanzieher oder Ähnliches. Also, erkläre!

Dimitri: Das ist sehr einfach. Nämlich: im Bus darf man nicht rauchen. Eine Busfahrt wäre so viel angenehmer und menschenfreundlicher, wenn es ein Raucherabteil gäbe. Sieh doch mal: eine Zigarette beruhigt und macht alle Tätigkeiten erträglicher. Sicher, die stündlich einkehrende Sucht nach Nikotin mag gewissermaßen ein Teufelskreis sein, aber auf der anderen Seite ist es auch ein freudenspendendes Perpetuum mobile, weil es uns Raucher über jedweden Ärger hinwegflattern lässt mit seiner Beruhigungskraft. Die Franzosen zum Beispiel, die hätten mit ihrem launigen Sturm auf die Bastille sicher viel mehr Erfolg und Teilnehmer gehabt, wenn Kaiser Gauloises da schon gelebt und ihnen Zigarettenpausen ermöglicht hätte. Die hatten doch dauernd Stress! Immer nur so voll engagiert sein und revolutionieren, das geht ganz bestimmt stärker auf die Lunge als eine halbe Schachtel Fluppen.

Carsten: Du willst doch nicht ernsthaft die französische Revolution mit einer beschissenen Busfahrt von der Luisenstraße bis hin zum Hauptbahnhof vergleichen! Wo auch immer du deine Vergleiche herholst, du solltest sie zurückbringen und es auf eine Reklamation ankommen lassen. Geld zurück, Vergleich ist Mist! Willst du neue Vergleiche? Ich hätte da ein paar für dich.

Dimitri: Na gut, schieß los.

Carsten: Peng!

Dimitri: Sehr witzig. Los jetzt, beginne.

Carsten: Okay, okay. Vergleich Nummer eins. Die Artisten im Zirkus Krone verbiegen sich nicht halb so arg wie du, wenn du versuchst, mir zu erklären, warum dir der Sinn nicht nach einer kurzweiligen Bustour steht.

Dimitri: Njoa, Zirkusse fand ich aber jetzt nie besonders rauschanregend. Da hüpfen immer so Leute im Quadrat und fordern dann Ovationen, am besten noch stehende, und eigentlich sind da ja sogar Zoobesuche viel spannender; Pinguine füttern oder auf einem Elefanten reiten oder so.

Carsten: Elefantenreiten wurde übrigens im Mainzer Zoo offiziell verboten, weil dort ein Einbeiniger beim Elefantenritt von einer Elefantendame für einen der ihren gehalten wurde und es fast zu Geschlechtsverkehr zwischen beiden gekommen ist. Das muss ziemlich widerlich ausgesehen haben. Aber hier muss man auch den Zoowärter rügen, schließlich hätte dieser das doch voraussehen können. Immerhin ist niemandem etwas wirklich Schlimmes passiert. Na ja, wollte ich nur kurz erzählen.

Dimitri: In Mainz gibt es gar keinen Zoo.

Carsten: Dann war es Koblenz.

Dimitri: Negativ.

Carsten: Auch nicht? Aber ist doch auch vollkommen egal, die Geschichte ist doch auch so erzählenswert und eigentlich wollte ich dir vorher doch ein paar nette Vergleiche schenken und noch viel früher wollte ich eigentlich mit dir eine kleine Busreise angehen, weswegen ich dich jetzt noch ein allerletztes Mal frage: Bustour; ja oder nö?

Dimitri: Nö.

Carsten: Warum nicht?

Dimitri: Weil ich jetzt nachsehen will, in welchem Zoo sich diese lustige Geschichte mit dem Behinderten zugetragen hat. Tschö! (geht weg)

Carsten: (ruft hinterher) Sadist!

Das mit dem Kapitalismus ist undankbare Lethargie in diesen Tagen

Die Österreicher von „Ja, Panik“ sind nicht nur die einzigen Menschen der Welt, denen ich das Mischen von Deutsch und Englisch nicht übel nehme. Nein, sie sind mit ihrem aktuellen Album „DMD KIU LIDT“ (wahrscheinlich: Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit) auch ganz heiße Anwärter auf den Titel „Langspielplatte des verdammten Jahres 2011″. Das Cover hielt ich erst für ungewöhnlich hässlich, denn es zeigt ein halbmilchiges Spiegelbild der eigenen Fresse. Nach mehrmaligem Anhören ergibt das erstaunlich viel Sinn. Ich bitte darum, sich das Titellied einmal komplett anzuhören:

Epochal! Das haut ins Maul. Am Ende verspricht der Sänger, dass noch Strophen kommen, an denen ihm „mehr als an allen anderen liegt“ – was auf dem Album folgt, ist minutenlange Stille. Clever. Falls irgendjemand auf dieser Welt gerade versucht, den Zeitgeist irgendwie musikalisch einzufangen: wird ganz schön schwierig, das hier zu toppen. Schapoh!

Zurückgeblieben um zu nicht bleiben

Fährt man in Hamburg ohne Kopfhörer im Ohr von Altona nach Bramfeld, so erhält man von einer Computerstimme alle zwei Minuten eine freundliche, aber bestimmte Bitte hinterher geworfen. Sie lautet: „Zurückbleiben, bitte“. Gewiss ist dies hier räumlich zu verstehen; schließlich stören Fahrgäste, die auf den letzten Drücker die Schiebetüre aufreißen wollen, die Weiterfahrt nicht erst dann, wenn ihre Gliedmaßen von der strengen Automatik der Einstiegspforte abgetrennt worden sind. Das richtige Leben sieht personifiziert Zuspätkommen nicht besonders gerne und bestraft gnadenlos, in dem es die Unpünktlichen sprichwörtlich das Beste (hier: die Abfahrt Richtung Osten) verpassen lässt. Zudem muss Rücksicht genommen werden auf diejenigen in der Straßenbahn, die kein Blut sehen wollen, sollen, können. Gerade in Hamburg, wo man sich in gefühlt jeder zweiten Straße mit vielen Bannern, Aufklebern und witzigen Mülleimersprüchen als „Umwelthauptstadt Europas 2011″ feiert. Mal ganz davon abgesehen, dass einzelne Arme und Beine nur in den seltensten Fällen über eine gültige Fahrkarte verfügen, somit illegal sind und zur Strafe eigentlich ins Gefängnis, Zuchthaus oder wenigstens in eine Vorstellung vom „König der Löwen“ müssten. Es hocken ohnehin schon zu viele Arme in Hamburgs widerlichen Musicalpalästen herum. Das locker und routiniert gehauchte „Zurückbleiben, bitte“ dient also dem Manifestieren von Sicherheit, Ordnung, Fahrplan, Gesundheit, nebenbei dem Legalitätsprinzip und letztlich ganz sicher auch noch der guten Laune. Denn nur ein pünktliches, nach den gleichen Regeln fahrendes Kollektiv ist ein homogenes. Würde man auf jeden warten und alle mitnehmen, käme man ja nie ans Ziel.

Es stellt sich mir also zwangsläufig die Frage, ob „Zurückbleiben, bitte“ auch als Gesellschaftsmodell funktionieren würde. Ob wir dann alle glücklich wären. Ob wir trotz Zurückbleiben zum Ziel kommen würden, wo auch immer unsere Endhaltestelle wohl liegen mag, vielleicht ja auch im Osten. Ob wir dann beim Aufstehen beide Daumen in Richtung Sonne heben würden, weil es uns so gut ginge, weil wir uns zugehörig fühlen würden, weil wir den Stumpfsinn als Trumpf in allem akzeptiert und bejaht hätten. Als Zurückgebliebene müssten wir nicht mehr an dem ganzen Sinn und Unsinn zweifeln, wir würden es einfach hinnehmen, genauso wie man im Kiosk das Wechselgeld entgegen nimmt, einsteckt und dann vergisst. Man weiß schließlich nie genau, wie viel Münzgeld im Portmonee klimpert, nur über die Scheine hat man einen groben Überblick. So wäre es auch in einer Welt der Zurückbleiber. Man wüsste, wer da oben regiert und auf Dinge reagiert, aber das Agieren würde niemals tiefer hinterfragt werden, denn solche Kleinigkeiten, die hätten schon irgendwie seine Richtigkeit. Man hat selbst dafür gesorgt, dass es so ist wie es nun einmal nun und immer ist und mit Zweifeln würde man über die ein oder andere Ecke ungemütlicherweise sich selbst kritisieren, die eigene Wahl in Frage stellen und wer will das schon: sich selbst den Spiegel vorhalten und nach Narben suchen. Auf dem Planeten der Zurückgebliebenen hängt man lieber alle Spiegel ab; ist ja auch viel gesünder, in den Fernseher oder in bunte Hefte zu gucken. Da informieren wir uns dann über die bunte, feine Welt, für die wir auch irgendwo mitgestaltet haben, also doch gewissermaßen ein Spiegelbild, aber ein einfacheres, gemütlicheres, weil komplett kritikloses.

Die Gesichter lachen allesamt, damit das so bleibt, malen wir mit dem Filzstift die Konturen nach, dann malen wir den männlichen Gestalten noch ein Hitlerbärtchen unter die Nase, stecken das in die Schublade „Vergangenheitsbewältigung“, weil man niemals vergessen darf, soll, wird – wonach wir uns dann deutlich besser fühlen, nochmal ins Portmonee greifen, dann überlegen, wo das Geld dann geblieben ist, ausnahmsweise ein bisschen grübeln und denken, uns bemühen und verrenken, bis wir endlich erkennen: es ist bei den Falschen zurückgeblieben. Und wo wir schon einmal beim Erkennen sind, hören wir nicht damit auf: verdammter Scheißfick, hier, nun, jetzt, gerade, just in diesem Moment umgeben uns schon ziemlich viele Zurückgebliebene! Hm. Waren wohl schon zu viele Leute in Hamburg.

Zeichen setzen

Hallo, Hamburg. Hallo, Musicalwelt.

Résumé alla Chef

Neulich frug mich ein Freund meiner literarischen Arbeit etwas, das ich hier im genauen Wortlaut wiedergeben möchte: „Mensch, Johannes. Du siehst so unverhältnismäßig gut aus, wirst regelmäßig auf den größten Kleinkunstbühnen des Landes gefeiert und trotzdem bist du mit beiden Beinen auf einem Teppich geblieben. Wie machst du das bloß?“
Ich antwortete: „Ach, Oma.“ Sie erwartete wohl eine ausführliche, ihre Miterziehung lobende Rede voller Liebe, Zuneigung und Pathos. Doch auch wenn ich Gefahr lief, all meinen Anspruch auf Taschengeld zu verlieren, blieb ich lieber bei der harten, stolz reduzierenden Wahrheit: „Liebe Großmutter väterlicherseits. Es ehrt mich, dass du derart liebreizende Worte für meine künstlerische Ader, durch die wahrscheinlich auch einige deine Gene fließen, gefunden und mir mitgeteilt hast. Jedoch bleibt festzustellen, dass ich auf Poetry Slams nicht die großen Urkunden, Siege und Applausfontänen gesammelt habe, die du dir vielleicht letzte Nacht erträumt hast. Es kommt nicht selten vor, dass ich bereits in der Vorrunde unter großem Verlust von Tränen die Bühne für andere Poeten räumen muss. Weißt du, wie das auf der Bühne in etwa ist? Stell dir vor, du würdest eine Zigarette rauchen und müsstest dir mit der Kippe in der Hand aus ungesundheitlichen Gründen die Nase putzen. Gar nicht so einfach, nicht immer gelingt es, weswegen man auch auf dem Tatsachenboden bleibt, zudem ist immer viel Rotze im Spiel. Aber wenn es mal da landet, wo es hingehört, dann freut man sich. Außerdem sehe ich gar nicht so gut aus.“
Oma fährt sich mit der alten Knochenhand durch die Haare, wählt, weise wie sie ist, ihre Worte mit Bedacht und spricht: „Was zum Teufel ist ein Poetry Slam, Junge?“
Verdammt. Sie war es gewohnt, dass ich auch moderne Modeerscheinungen und gesellschaftliche Strömungen vollkommen anglizismenfrei und rentnerkompatibel erkläre. Und dann komme ich frecher Enkel mit sowas daher. Meine Oma war noch nie bei einem Poetry Slam, weil ich sie vor allzu vielen Texten über Onanie und Facebook schützen wollte. Daher hatte sie auch nie die Chance, bei der obligatorischen Eingangsfrage („Wer war noch nie auf einem Poetry Slam?“) fragend den Arm in Richtung Gott zu heben. Also dann.
„Ein Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit, wobei die Leute eher selten Gedichte vorlesen, meistens lesen sie Kurzgeschichten, also müsste es eigentlich Short Story Slam heißen, tut es aber nicht, weil es offiziell um Poesie und Lyrik und Wortspielerei geht, tut es aber meistens nicht, weil inoffiziell viele Publikumsmenschen einfach nur zum Lachen gekommen sind, tun sie aber bei meinen Texten manchmal nicht, weil ich einige verquere Vergleiche und Satzkonstruktionen exklusiv lustig finde, stört mich aber nicht, weil ich das Verstehenwollen sowieso längst aufgegeben habe. Oma, ich weiß nicht, wie häufig du noch auf Rockkonzerte gehst, aber da drücken die Gitarristen doch auf immer mit ihren Füßen auf so einen kleinen Kasten vor sich, schalten irgendetwas um, bringen Lämpchen zum Aufleuchten und dann rocken die weiter. Niemand auf der ganzen Welt weiß, wofür diese Gestalten das genau tun, aber sie tun es, sind damit erfolgreich und deswegen hinterfragt niemand diesen geheimnisvollen Vorgang. So ist es auch bei Poetry Slams. Einige Texte funktionieren, einige nicht. Und wenn jemand anders besser ist, muss man ja auch mal Können gönnen können. Okay, mein Gitarren-Vergleich hinkt und humpelt gewaltig, aber, Oma, hast du verstanden, wie komplex und unberechenbar so ein Poetry Slam ist?“
Oma sagte mit faltiger Stirn: „Ja, glaube schon. Und diese Dinger, auf denen die Gitarristen herumtreten, heißen MIDI-Schalter oder Pedale, verzerren das Klangbild oder erzeugen Echos oder sonst was. Das weiß doch wirklich jeder Thünnes, du dummer Enkel! Außerdem siehst du gar nicht so schlecht aus. Gestern habe ich mit Opa RTL geschaut, da liefen viel dämlichere Fatzkes von links nach rechts. Du duschst ja wenigstens regelmäßig, auch wenn du schon seit längerer Zeit keine Frisur hast.“
Diese geschickt nach einem kleinen Lob versteckte Kritik nahm ich mir zum Anlass, den Dialog mit meiner Großmutter zu beenden. Wenn sie auch noch darauf zu sprechen käme, dass eine Ausbildung/Lehre viel sinnvoller wäre als das regelmäßige Vorlesen von Halbgarem, dann wäre dieser Text mindestens: länger. Aber Poetry Slam heißt auch, über einen fünf- bis siebenminütigen Zeitraum selbst zu entscheiden, wann man einen Satz enden

Und ihr findet Poposex pervers?

Höher, schneller, weiter. Das reicht vielen heute nicht mehr. Nur drei Sachen auf einmal? Das konnte doch schon das Überraschungs-Ei bieten. Ist das Überraschungs-Ei nicht längst überholt? Es gibt bestimmt schon irgendeine Kinderleckerschmerei mit vier Überraschungen auf einmal. Von Kellogg’s, oder so. Jetzt neu: die Kellogg’s Frosties wecken nicht nur den Tiger in dir, sondern auch den Bären, den Puma und den Stirnlappenbasilisken. Mit einer duften, kurzweilig Vergnügen bereitenden Plastikfigur in jeder sechsten Packung! Kann ich mir gut vorstellen. Denn das als Einleitung missbrauchte „Schneller, weiter, höher“ wurde still und unheimlich auf weitere Adjektive erweitert. Einfach nur schneller zu sein als irgendjemand anders ist doch auch total superöde, also quasi der gesellschaftliche Superduper-GAU pur. Um als einigermaßen okayes Individuum akzeptiert zu werden, muss man heutzutage auch noch geiler, klüger, straßentauglicher und reicher sein als der Nachbar. Aber wenn man sagt, dass Schönheitsoperationen, die nur der Porenvergrobung dienen, grober Unfug und ungrober Fug sind, dann bekommt man vereinzelten Applaus, vielleicht ein paar Schmunzler aus der hintersten Ecke und ein paar, die sich über die Neologismen wundern – aber die große Masse wird zustimmen. Um sich, bei spontanem Lottogewinn oder großzügiger Erberei, dann doch die paar kleinen Problemzonen am schlabbrigen Körper glätten zu lassen. Natürlich aufnahmslos für sich selbst. Für sein Selbstvertrauen. Und nicht zuletzt für die große, offiziell nach inneren Werten lechzende Masse.

Zurück zu „Weiter, höher, schneller“. Wenn man dieses verbale Trio des sozialen Dauerantriebs in die heutige Zeit übersetzt, nimmt man nicht mehr den öden Komparativ, sondern vertraut dem weitaus meinungsstärkeren Superlativ. Am höchsten, am schnellsten, am weitesten! Es wird nicht mehr akzeptiert, dass irgendjemand irgendetwas irgendwie besser macht als man selbst. Jeder versucht, sich mit den vermeintlich Besten eines Fachs zu duellieren, was naturgemäß zu vielen enttäuschenden Niederlagen und niederlegenen Enttäuschungen führt. Doch damit nicht genug. Gerne greift man auch auf hellseherische Kräfte zurück und gibt einer der schlimmsten Worthülsenfrüchte unserer Zeit eine Herberge: „aller Zeiten“. Dieses Suggerieren einer ewigen Allgemeingültigkeit ist, um ein bisschen albern zu werden, generell am falschesten. Rennfahrer, Kurzstreckensprinter und Seifenkistenpiloten sind nun nicht mehr nur schneller als andere, nicht bloß am schnellsten, nicht bloß diejenigen, die in einem lediglich der Unterhaltung dienendem Wettkampf die wenigste Zeit für das Bewegen von A nach B verschwendet haben; nein. Sie sind die Flottesten aller verdammten Zeiten. Präsens, Präteritum, Plusquamperfekt. Bis irgendwann ein neuer Getriebener den Weltrekord bricht, temporär ganz oben auf dem Siegertreppchen der Evolution stehen darf.

Und da hat man ihn nun als Poster an der Wand hängen, glotzt dem Schnellsten aller Zeiten neidisch auf das glatte Säuglingspopogesicht, sabbert Pfützen ins Wohnzimmer, liest dann im Plastikstuhl des Sportlers Biografie, fein garniert mit dem offiziellen Höher-Weiter-Schneller-Energiegetränk, man gehorcht seinen Worten, kauft ihm anschließend seine Lieblingsklamotten nach, erzählt im Bekanntenkreis von ihm als hätte er im eigenen Garten fleißig die Grashalme gestutzt, geht ins Fitnesscenter, besucht das ein oder andere offene Casting, versucht, Kontakte zu knüpfen zu denen da oben, wo man auch hin will, wo man die Superlativen bekommt und die Trauben, die hängen ganz schön hoch, aber man will ja auch höher und dann danach immer weiter, immer weiter, damit man für alle Zeiten ist und dann, dann hat man es angeblich geschafft. Und ich für meinen Teil finde Überraschungs-Eier immer noch ziemlich prima.

Informationsroulette V

Grüß Grüß. Es gibt Neues! Wahnsinn. Ja!

1.) Wer sich in irgendeiner Weise für den Nintendo3DS interessiert, einen besitzt oder generell alles lesen will, was es von mir zu lesen gibt, den wird sicherlich für die Kurzgeschichte „Der StreetPass-Irsinn“ begeistern können, welche ich für das Portal „Planet3DS.de“ geschrieben habe.

2.) Die letzten Poetry Slams verliefen recht erfolgreich. In Gelsenkirchen und Essen etwa konnte ich völlig verdient gewinnen. Ebenso schön der dritte Platz beim ursympathischen „Hinterhof-Slam“ in Lippstadt. Okay, in Neuss, Köln (Fotos ganz unten) und Düsseldorf konnte ich keine Treppchenplätze (und bei erstgenannten nicht einmal das Halbfinale) erreichen, aber wassolldennderganzeehrgeiz. Leider stelle ich immer häufiger fest, dass das Publikum eher „Autoren“ mit Pipikakafickenblut-Texten abfeiert – und die will ich den Plebejern nicht liefern. Tut mir leid.

3.) Wenn alles klappt, kann ich in der nächsten Woche meine zahlreichen Freunde in Hamburg mit zwei Auftritten erfreuen. Nämlich am 20.04. im Knust und am Tag darauf im Stage Club. Ganz wasserdicht sind die Termine noch nicht, aber man darf ja wohl mal im Voraus Versprechungen machen. Wäre geil.
Nachtrag: Termine stehen. Kerzengrade. Hurra!

4.) Ich befinde mich gerade in der letzten Schulwoche meines Lebens, am Horizont winkt mir schon das Abitur zu. Ich winke nicht zurück. Aber dafür verkleide ich mich im Zuge der unheimlich witzigen „Motto-Woche“ Tag für Tag. Vorgestern war das Thema „Helden der Kindheit“ und ich ging als Pokémontrainer. Gestern war Rockstar dran (Lederjacke, Sonnenbrille, Hut) und heute werde ich, passend zum „Krankenhaus“, mit Bademantel, Krücke und Verbänden erscheinen. Ist das nicht superlustig? Und es ist.

5.) Definitiv fixe Termine in der relativ nahen Zukunft:

28.04.2011 - Mönchengladbach / projekt42 (Poeterey-Slam)
06.05.2011 - Grevenbroich / Kultus das Cafe (Wort laut-Slam)

Aber da folgt bestimmt noch der ein oder andere spontane Termin.

6.) Mehr dann wie immer: übermorgen. Es grüßt der Autor dieser Zeilen.

Meine neue politische Einstellung

Es wurmte mich zwar etwas, dass ich bei der antiunsympatischen Partei „Die LINKE“ Mitgliedsbeiträge zahlen und Kontonummer angeben musste, aber dennoch bin ich sehr zufrieden mit dieser Vereinigung. Zwei Daumen hoch! Sie ist nicht bloß ein Mittel zum Zweck, sondern ein zweckmäßiges Mittel gegen die ungezählten Ungerechtigkeiten in unserem Land. Moment: ungezählte Ungerechtigkeiten? Mitnichten. Die LINKE bietet mir gezählte Ungerechtigkeiten! Wie ein paar meiner Genossen nämlich herausgefunden haben, sind es exakt drei. Wir von den LINKEN erheben unsere Stimme, damit nicht nur die Probleme, sondern auch deren Tage gezählt sind! Es muss Schluss sein mit dem Hin und Her, dem Hü und Hott, dem fauligen Atem des Kapitalismus. Die LINKE ist die laktosefreie Zahnpasta im Politikgeschäft! Aronal und Elmex in einem; zu jeder Tageszeit genießbar und wirksam! Doch bevor ich weiter abschweife, komme ich nun zu den drei bereits erwähnten Problemen. Der Übersicht wegen zähle ich sie in einer zufälligen und gleichberechtigten Reihenfolge im Folgenden auf:

Problem 1: Nazis, Neonazis und Nationalsozialisten!
An jeder Straßenecke lauern die braunen, glatzigen Breitschulterfrösche und spucken uns in die Suppe. Natürlich kann die LINKE derartige Laienköche nicht gebrauchen. Zwar sind wir grundsätzlich der Meinung, dass alle Menschen gleich sind, aber – und da bedienen wir uns ausnahmsweise auch bei der ein oder anderen Diktatur – Ausnahmen sind durchaus ab und an mal drin. Daher marschieren wir regelmäßig zu NPD-Aufmärschen und zeigen, dass wir lauter, sogar richtiger sind und meistens haben wir auch Argumente im Gepäck. Und Steine. Schnell habe ich bei den LINKEN gelernt, dass Steine kein Ausdruck von Gewalt, sondern von Ahnung sind. Wir sind David und die Springerstiefeltransporteure sind Goliath. Niemand wird bestreiten, dass David in seiner Zeit etwas Gutes tat. Mehr noch: er tat etwas sehr Seltenes; nämlich das Richtige. David ist demnach völlig zurecht unser Vorbild; nicht nur, weil er Jude war.

Problem 2: Weltverschlechterer!
Dieselben Straßenecken, andere Idioten. Da gibt es doch tatsächlich welche, die meinen, sie könnten mit zahlreichen Kleinstaktionen etwas Positives zur Gesellschaft beitragen. An Weihnachten zwei Euro in die Sparbüchse beim Massenbäcker für Afrika, Facebook-Boykott aus Datenschutzgründen und einmal in der Woche Verzicht auf Fleischprodukte. Die LINKE weiß: vollkommener und endgültiger Unsinn. Wenn man nur an ganz bestimmten Tagen etwas tut, ist man ein Tropfen auf den glühend heißen Stein. Wieso also ein Tröpfchen sein, wenn stattdessen auch ein Wasserfall sein kann? Die LINKE tut jeden Tag Gutes und so auch ich, damit fahre ich derzeit ziemlich gut. Wobei „fahren“ hier das falsche Wort ist, schließlich laufe ich. Wir von den LINKEN bewegen schließlich selbst schon genug, sind also Beweger, wodurch ein Fortbewegungsmittel zu nutzlosem Beiwerk degradiert wird. Wir sind die Schnellsten, kommen auch ohne Auto, Flugzeug und Zeppelin zum Ziel!

Problem 3: Hartz IV!
Erneut finden wir das Problem an Straßenecken, jedoch steht es nicht, sondern liegt herum. Zahlreiche Arbeitslose haben die Suche nach Beschäftigung längst aufgegeben. Das wenige Geld, das monatlich auf ihr Sparbuch fließt, tragen sie in Billigsupermärkte, investieren es in Schnaps, Zigaretten und über die Mehrwertsteuer in eine Wirtschaft, die keine Verwendung für diese Gestalten findet. Sicher, Arbeitslose stinken mitunter gewaltig, eine Frisur haben nur die Allerwenigsten. Doch gerade diese Leute sind es, die von der LINKEN gestützt werden! Wir nutzen diese Außenseiter nicht als Steigbügelhalter, sondern greifen ihnen freundlich unter die schwitzenden Arme. Mit Vollbeschäftigungen, Mindestlöhnen und kostenlosen Alkohol-Gutscheinen. Also weg mit Hartz IV, her mit flächendeckender Gerechtigkeit. Arbeit für alle, Reichtum für alle, Doppelkorn für alle, Mallorca für alle, vierlagiges Charmin-Klopapier für alle! Wir lassen keinen zurück, auch nicht Behinderte. Wir sind die Fremden, denen ihr blind folgen könnt.

So viel und doch so wenig über die Kernprobleme unserer Zeit. Der Weg hin zur Kernproblemschmelze ist ein weiter. Aber wir werden explodieren im besten und friedlichen Wortsinne. Wir ballern uns mit Wasserpistolen und Steinschleudern in jedes Parlament. Und jeder, der uns dabei nicht daumenhebend unterstützt, ist ein Nazi. Undoder bei der FDP.

Die kurze Geschichte einer noch kürzeren Karriere im Musikgeschäft

Zwei Menschen breiten den Klangteppich aus, nehmen darauf Platz, fliegen als Randnotiz davon. Es waren wohl Inder.

Nö!

Gestern meldete ich mich bei der etwas dubiosen Internetsammelseite „myON-ID“ an, um mein Profil ein bisschen zu verbessern. Heute dann empfing ich eine interessante E-Mail.

Hallo Johannes,

Gernot Herzog möchte dich als Kontakt hinzufügen.

Ich möchte Sie gern in meine Business-Kontaktliste einladen. Sicher lassen sich Synergien finden und nutzen. Ich freue mich auf interessante Beiträge.

Mit freundlichen Grüßen,
Gernot Herzog

Natürlich ließ ich es mir als Autor nicht nehmen, dem netten Gernot etwas zu lesen. Ich entschied mich für die Leviten.

Hallo Gernot,

leider habe ich weder Business, noch Synergien oder gar Interesse, irgendetwas Anderes mit Ihnen zu tun als Sie zu ignorieren. Wenn Sie im Internet zwanghaft Freunde suchen, empfehle ich an dieser Stelle vollkommen kostenfrei die Plattform „knuddels.de“. Dort können Sie nach Herzenslust mit Minderjährigen synergieren und pervers viel geistigen Durchfall aus sich heraus quetschen, ohne dass es jemanden stört. Denn dort sind alle so.

Ich wünsche viel Glück und verspreche Ihnen, dass dies meine letzten Worte an Sie sind. Ich freue mich auf gegenseitiges Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen,
Johannes

So. Ist sonst noch jemand bei myON-ID?

An den Mund gelegt

Ich begegnete dem Volksmund und wir redeten nicht über viel, nur ein paar Oberflächlichkeiten und Floskeln wurden ausgetauscht: man kann nicht sagen, dass wir befreundet sind oder uns einigermaßen gut kennen. Wir treffen nur ab und an aufeinander wie zwei Schienbeine beim Fußball, wahrscheinlich wundern wir uns gegenseitig über den anderen; ich für meinen Teil auf alle Fälle. Er sagt immer so komische und unfreiwillig dumme Dinge, der Volksmund. Neulich also nästelte ich an meiner Umhängetasche, da flog er wieder an mir vorbei. Er flüsterte mir brüllend ins Ohr: „Ohne Moos nichts los!“. Einige Sekundenbruchteile hielt ich inne, ließ mir diese Buchstabenkombination durch den Kopf gehen, ich grübelte, verübelte, dachte, lachte, verbrachte viel Zeit damit, meine Meinung zu diesem Satz möglichst treffend auf den Punkt zu bringen. Zurück blieb ein hallendes: Nö. Ohne Moos ist trotzdem was los. Man kann auch ohne Geld was aus sich, dem Freitagabend und dem Leben machen. Siehe Jesus. Siehe Martin Semmelrogge. Siehe da! Da halte ich es lieber mit den Billiardfreunden, welche nach dem maximal zweideutigen Credo „Ohne Stoß nichts los“ leben. Oder man ist eher ein Freund der Baukunst, dann kann man sich bei Huckleberry Finn bedienen: Ohne Holz kein Floß. Ohne Esche keine Depesche. Ohne Mahagoni keine Macaroni. Ohne Teak keine T-Aktie. Ich schweife ab, aber ich mag Holz, weil es mich nicht anspricht. Perfekt. So mag ich das als Misanthrop.

Ein spontan veröffentlichtes Fragment aus der vorletzten Woche

Echt? Potzblitz, ich hätte dich drei Jahre jünger geschätzt. Was ist das da unter deinem Auge? Mach doch mal was für die Schule! Ist das ein Bier- oder ein Sportverweigerbauch? Rauchst du schon lange? Wie wäre es mal mit neuen Schuhen? Du stinkst. Wie ist deine Einstellung zu Frisuren? Bist du eher der Ja- oder der Nötyp? Willst du nicht auch mal was Politisches schreiben? Geh doch mal früher ins Bett. Die Klobürste ist nicht nur zum Spaß existent! Socken bitte umkrempeln! Wenn du mal dein eigenes Geld verdienst, wird sich dein Lebensstil aber ganz schön verändern und zwar ins Negative, mein Freund! Einmal in der Woche Müll runterbringen ist ja wohl das Mindeste! Wieso machst du eigentlich nichts mehr mit dem Icksüpsilonn, der war doch früher immer so nett! Du nuschelst, rede mal deutlicher! Diese Hose trägst du schon seit Donnerstag! Willst du das hier stehenlassen bis es schimmelt? Lange macht das das Scharnier nicht mehr mit! ~ Stop. Tilde. Jetzt mal unter uns. Du suchst und suchst und suchst und findest dann das Haar in der Suppe meines Charakters. Aber wusstest du, dass sie dann immer noch schmeckt? Vielleicht laufe ich nicht so von A nach B, wie man das von mir erwartet. Aber Grüß, Grüß Gesellschaft, hier bin ich, dein Feind. Ich bin faul, desinteressiert und meine Meinung klaue ich gern aus Fernsehsendungen, Internetforen und aus Gesprächen mit Schlaueren. Aber weißt du was, ich kann auch anders! Peng, eigene Meinung.

Jetzt komme ich, der Reformator des Seins! Schön hart pflüge ich euch die Moralkeule in den Arsch – und zwar in der Missionarsstellung! Mich regt das nämlich morgens bis abends so tierisch auf, wie ihr immerzu uninteressante Dinge mitteilt und alte Muster so miteinander verstrickt, dass etwas „Neues“ entsteht. Wirklich. Gemeine, ihr!

Informationsroulette IV

Schneller, auf auf, verdammt, ich habe echt zu wenig Zeit derzeit. Immerhin habe ich in dieser Woche einen Text geschrieben – weitere werden jedoch nicht mehr dazukommen, weil ich nicht mehr dazu komme. Schade. Gibt aber dennoch was zu berichten:

1.) Ich habe für meine Freunde „Die Eckkinder“ ein Hörspiel aufgenommen, welches sich hier anhören und beurteilen lässt:
http://eckkinder.podspot.de/post/01-april/

2.) Ein weiteres Hörspiel ist fertig, es wird in den nächsten Tagen veröffentlicht. Mehr dazu – und zu anderen Aufnahmen, die ich bisher gemacht habe – gibt es auf der immer noch recht neuen Unterseite „Vertontes“.

3.) Hier, bitte sehr, die nächsten Ter mine:

01.04.2011 - Gelsenkirchen / Café 42 (Poetry Slam)
03.04.2011 - Neuss / Haus der Jugend (Make Some Neuss-Slam)
07.04.2011 – Essen / Heldenbar (Poetry Slam)
12.04.2011 – Düsseldorf / Pretty Vacant (Pretty Poetry Slam)

Also dann, bis später oder nie!

Die Geschichte vom hingeschmierten Disput

Die Hausfrau kratzt sich an der Kopfhaut. Ein Tunichtsogut hat die Wand ihres Arbeitsplatzes mit Sprühfarbe versehen. Unsere Protagonistin hat schon viele Bücher und schlaue Texte gelesen, doch diese Buchstabenkombination ist auch ihr gänzlich unbekannt. FreakXstlyz1337. Hm. Vielleicht, bestimmt, wahrscheinlich Englisch. Möglicherweise eine politische Botschaft? Könnte aber auch eine persönliche Beleidigung sein. Oder eine Aufforderung zum Massenmord! Fremdsprache Graffiti. Wand und Hausfrau stehen sich im stillen Duell gegenüber; Backstein gegen Hirnschmalz, Lehm gegen Fleisch, satte Brauntöne gegen matte Kittelschürze. Das spannende Duell ‚Mauer gegen Mensch‘ lässt sich erneut Zeit, einige Sekunden lang passiert überhaupt nichts, die Kontrahenten stehen sich schweigend gegenüber. Sprachnot auf beiden Seiten, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Glotzen, angestrengt nachdenken, trotzdem erstarren. Elf Buchstaben und vier Zahlen auf der einen Seite, ein Hausfrauenhirn mit Körper dran auf der anderen Seite. Kratz, kratz – arme Kopfhaut. Schmierereien an den Wänden, das gab es doch zuletzt in Zeiten der Höhlenmenschen. Moderne Höhlenmalerei neben der eigenen Haustür! Ob sie einen Archäologen zu Rate ziehen sollte? Dieser verdammte, kryptische Code in grüner Farbe, er frisst die Struktur ihres Tages auf. FreakXstylz1337. Ein Fahrradfahrer durchfährt die Szenerie, klingelt, grüßt, ist schnell wieder weg.

Die Sonne verliert die Lust, entscheidet sich fürs Untergehen. Mal sehen, was auf der anderen Seite der Erde so passiert. Auch Planeten haben einen gewissen Anspruch an den Alltag. Die Hausfrau schüttelt kurz, aber wichtig ihren Kopf und man freut sich schon, dass sie nun den Putzeimer holen würde, um endlich wieder Platz für Ereignisreicheres zu schaffen. Stattdessen ist ihr geschüttelter Kopf nur Ausdruck ihrer Verzweiflung. Nicht weiter wissen, das kann sie gut. Problem nur, dass es hier jeder sehen kann. Der Postbote, der Müllmann und auch die letzten Verbliebenen der nur kurzzeitig florierenden Skateboard-Kultur. Sie wissen, dass der Wert der Mauermalerei zu vernachlässigen ist. Doch heute verhindert sie Bügeln, Putzen, Klostein-Einsetzen, Herdplattenreinigung und Pfandboneinlösen. Die Macht der Worte. Da ist sie wieder. Und derjenige, der diese ruhige Aufruhr zu verantworten hat, sitzt gerade nichts ahnend und wenig wissend zwischen seinen vier Wänden. Vielleicht schreibt er ein Liebesgedicht, vielleicht plant er einen Bankraub, vielleicht ist er aber auch heute Mittag beim Anschrauben einer Glühbirne von einer Leiter gestürzt und hat sich einen Knochen geprellt. Vielleicht, vielleicht. Immer dieses vielleicht. Nichts weiß man so genau. Würde man vor jedem Rätsel so verharren, wie es die Hausfrau hier heute tut, man käme zu nichts Anderem mehr. Die Menschen würden stehen bleiben. Fortschritt nimmer, Stillstand immer. So kann es nicht weitergehen.

Möglicherweise löst sich wenigstens der Mauer/Mensch-Konflikt nun: Der Mann der Hausfrau kommt von der Montage zurück. Er legt sein Arbeitsmaterial auf den Bordstein, begutachtet seine rätselnde Frau und der Mond wird von ein paar Sternen flankiert. Der Montagemann öffnet seinen Mund und sagt: „Lass es an der Wand. Das ist Kunst. In der Kunst gibt es keine Fehler.“

Gefällt mir nicht.

BILD, DSDS, Facebook. Drei unschöne Buchstabenkombinationen. Und nun das hier:


(Quelle: http://www.bild.de/dsds/2011/dsds/autogrammstunde-oberhausen-video-17114464.bild.html)

Informationsroulette III

Es gibt ganz viel Weniges zu berichten.

1.) Ich bin ab Freitag Besitzer eines „Nintendo 3DS“ und ich teile die Meinung meiner Großmutter, dass ich für Videospiele zu alt bin, nicht. Erwähnung findet mein Konsumverhalten, weil ich damit recht gut erklären kann, dass ich ab sofort/jetzt/nun/heute wieder für Planet3DS.de schreiben werde. Meine News, Berichte und Tests erkennt ihr an meinem kreativen Autoren-Nicknamen „Johannes“.

2.) Die nächsten Lesetermine:

23.03.2011 - Köln / Die Wohngemeinschaft (Die ui.-Show / Lesung)
27.03.2011 - Krefeld / Jules Papp (Papp a la Papp-Slam)
01.04.2011 - Gelsenkirchen / Café 42 (Poetry Slam)

…und vielleicht/wahrscheinlich am 31.03. in Köln bei „Dichter am Dom“, dies entnehmt ihr bitte der Unterseite „Termine“.

3.) Meine Teilnahme beim „Krefeld on Comedy“-Festival am 06.05. muss ich leider aus Gründen zurückziehen, aber diese schlechte Nachricht bringt auch zwei gute mit sich: ich bin dann beim dritten Festival im (Spät-)Sommer dabei, weitere Informationen hierzu folgen. Stattdessen bin ich an besagtem Tag beim „Word Case“-Slam in Grevenbroich; Juhu.

4.) Bis später dann!

Update!

5.) Der Termin in Köln steht. Außerdem gibt es eine neue Unterseite, welche hoffentlich in Zukunft regelmäßig mit Zeug beliefert wird: „Vertontes“.

Der aktuelle Konzerttipp

(aus „Intro“ #190)

Von der Schublade ins Präsens

Johannes, immer lesen wir hier nur Aktuelles von dir. Es ist zu erwarten, dass du bereits vor deiner ganz persönlichen Erfindung des Internets geschrieben, gemalt und gemacht hast. Sag uns doch endlich einmal, was du in deiner Schublade versteckst!
Hallo, ja, das stimmt. Und weil heute so ein gutes Wetter ist, kann ich ausnahmsweise mal eine Ausnahme machen. Hier, das allererste Fundstück aus dem Sommer des sommerreichen Jahres 2002, „Affis Zeitung“:

So so; es ist anzunehmen, dass das frech und kopfüber „Hallo!“-sagende Etwas am linken Rand dieser ominöse und namensspendende „Affi“ ist, aber, teile deine Biografie doch, verrate uns, wer dieser Affi ist und warum er eine Publikation mit seinem Namen besaß. Nicht einmal Bob Dylan oder Helmut Schmidt haben eine eigene Zeitung!
Weit gefehlt. Helmut Schmidt hat den „Spiegel“ und Bob Dylan den „Rolling Stone“, aber darum soll es nicht gehen. „Affi“ ist ein kaputt geschmuster Kuscheltier-Affe, welchen ich zu meiner Geburt erhielt. Die Löcher an seinem Körper zeigen, dass ich ihn regelmäßig mit Liebe und großem Einsatz meiner Backen mit mir in einem Bett habe schlafen lassen.

Schön, so muss Liebe sein! Aber „Affis Zeitung“ hatte doch nicht bloß eine Überschrift, wir wollen Rubriken, Inhalte und kindgerechte Witze sehen!
Jaja. Hier kommt das, hihihi, „Wetta“. Denn „Affis Zeitung“ verstand sich auch als tagesaktuelles Informationsflagschiff.

Was hattest du damals in Erdkunde? Oder in Deutsch? Oder Kunst?
Jajajaja. Kommen wir zu Vergnüglicherem. Die erste Ausgabe von „Affis Zeitung“ erschien während der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 und das scheint Spuren hinterlassen zu haben. Auch bei Affi. Anders ist folgende Berichterstattung nicht zu rechtfertigen:

„Mit 9:0 fegte Affi Afrika vom Platz“ konnten die fußballinteressierten Affi-Interessenten damals lesen. Neununddreißig Torschüsse benötigte Affi hierfür! Interessant und von Interesse. Immerhin als Randnotiz wurde notiert, dass der Spieler „Arsch“ von „Tuneseien“ mit einer Strafe von 50 Cent belegt worden ist, da er „im letzten Spiel den Affi berührt haben [soll], worauf er nicht gelb bekam“.
Rechtschreibfehler, Rassismus, flache Witze. Man darf enttäuscht sein, oder?
Wieso, es hat sich schließlich nichts geändert. Ich schreibe doch immer noch so.
Stimmt.
Nächstes Filetstück: ein Witz über einen ehemaligen Torhüter.

Genial daneben! Eindeutig Afrika, nicht Oliver Kahn. Was mir aber jetzt bereits auffällt: sehr viel Negerei lässt sich in „Affis Zeitung“ entdecken.
Durchaus, durchaus! Aber, jetzt noch ein bisschen humorige Kunst mit der „Monster-Parade“:

Gute Güte. Ein Kot-“Haufen“, „Schissi“ und „Kotz“. Die Sonne heißt „Helli“. Einfallsreich ist das nun wirklich nicht.
Ich war erst elf Jahre alt, mein Gott, da darf man auch mal seinem Alter entsprechend schreiben. Aber das soll es nun wirklich gewesen sein, bevor noch mehr Peinliches das grelle Licht der Welt erblickt. Ich schließe natürlich mit der letzten Seite von „Affis Magazin“:

(diese Serie wird vielleicht weitergeführt.)

Fünf Sätze

Partyfalle Stuhlinkontinenz! Ich verließ die Szenerie hosenlos und suchte die Fußgängerzone nach Taschentüchern ab. Gar nicht so einfach um vier Uhr morgens. Emsig durchwühlte ich die Mülleimer und Obdachlosenheime, ohne Erfolg. Kacke.
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Qualitätsnirvana HerrSalami.de! Ich las die Einträge emotionslos und suchte die Seiten nach Einfallsreichem ab. Gar nicht so einfach bei soviel Blödsinn. Emsig klickte ich mich von Seite 1 bis 14, ohne Erfolg. Schade.
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Baumwollsockenfresser Waschmaschine! Ich öffnete die Miele-Tür erwartungsfreudig und suchte die Waschtrommel nach Socken ab. Gar nicht so einfach bei soviel Klamotten. Emsig hetzte ich mich durch den Kleidungshaufen, ohne Erfolg. Einzelsocke.
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Ideenwüste Schreibtisch! Ich griff fröhlich zum Bleistift, suchte nach Sätzen, gar nicht so einfach, emsig schrieb ich herum, ohne Erfolg. Fünfsätzetexte.

Unbekannte, aber sehr gute Musiker aus den Niederlanden [3]

Den dritten Teil meiner neuen Lieblingsrubrik feiern wir mit Gerd Damen:

Ein Austritt in die Fernsehwelt

Fernsehen! Wie gut könnte es uns mit und dank dir gehen! Mutig und frei könntest du sein, unterhaltsam und informierend zugleich. Doch im real existierenden Kapitalismus bist du ein keuchender Marathonläufer. Denn jetzt mal so unter uns. Wie kann es aber sein, dass das Fernsehen mehr Rotz produziert als meine Nase in vier oder fünf Wintern zusammen? Wie kann es sein, dass eine Sendung, die zehn halbstarke Jungmenschen singend aufeinander hetzen lässt, hierzulande unter dem Etikett „Unterhaltung“ firmiert? Wie kann es sein, dass permanent, auf allen Sendern, zu jeder Tageszeit, aus verschiedensten Gründen, irgendjemand von mir angerufen werden möchte? Auto gewinnen, Sieger bestimmen, Geldpakete erringen, Meinungen anbringen, Mixstäbe erwerben, Karrieren verderben, Telefontöne bestellen, Dunkles erhellen, Verlierer ernennen, Lage verkennen, Paarungswillige anklingeln, Falsches umkringeln, Experten zustimmen und: geistig verglimmen. Lasst mich in Ruhe. Ich telefoniere nicht mit Computerstimmen. Die fünfzig Cent spare ich mir und investiere sie in Kaugummiautomaten oder einfach mal in gar nichts. Spar- statt Fernsehschwein!

Denn selbstverständlich schaue auch ich nur Dokumentationen, arte und manchmal, ganz selten, wenn es mal sein muss, auch nur fast jeden zweiten Tag und nur bei schlechtem Wetter: Sportübertragungen. Aber wie kann es sein, dass die Einschaltquoten so brachial im Widerspruch zu dem stehen, was einem Bekannte, Verwandte und Dahergelaufene über ihren Fernsehkonsum erzählen? Vergangenen Samstag saßen bei einem langhaarigen Mannheimer Laienhumoristen mit türkischem Migrationshintergrund mehr Leute vor der Glotze als bei der Tagesschau, trotz Japan. Warum, wieso, weshalb verdammtnochmal. Wenn man sich mal einfach nur berieseln lassen will, kann man sich auch unter die Dusche stellen und muss sich nicht darüber amüsieren, dass zwei Kilo schwarze Haare zu Heavy Metal im Kreis geschwungen werden. Der folgende Satz klingt zwar etwas makaber, wenn man ihn einem Deutsch-Türken ins Ohr brüllt, aber: Geh nach Hause, Bülent Ceylan! Und nimm die Gestalten mit Handpuppen, überzeichnetem Dialekt-Einsatz und Witzebuch-Affinität gleich mit.

Es scheint viel zu wenig Leute zu interessieren, dass bereits nachmittags jugendliche Brüste vergrößert, Randgruppen heimlich diffamiert und Arbeitslose ohne Aussicht auf einen Ausweg bloßgestellt werden, ohne dass wenigstens der Off-Sprecher mit einen Funken hinterfragender Kritik im Unterton den Zeigefinger hebt. Jeder darf und soll für fünf Minuten ins Fernsehen und wenn er nichts Besonderes kann, dann kann er sich seines besonderen Nichtkönnens gerne bedienen. Denn gerade die geistig weniger Befruchteten werden besonders gerne ins stupide Korsett des Privatfernsehens gesteckt. Fernsehen für Dumme muss schließlich auch mit Helden der fortlaufenden Dämlichkeit bestückt sein. Von Dummen für Dumme senden führt zum Verdummen – diese logische Konsequenz wird uns irgendwann einholen; zumindest, wenn wir nicht alle längst zu blöd dafür sind, es zu bemerken.

Und kann es sein, dass wir nichts dagegen tun können? Quatsch, können wir wohl. Dem Scheiß einfach keine Aufmerksamkeit mehr schenken! Der Samstagabend muss nicht jede Woche mit trivialen Musikdeformationen gefeiert werden. Es gibt acht Millionen Leute „Deutschland sucht den Superstar“ gucken, dennoch gibt es gleichzeitig über siebzig Millionen Deutsche, die stattdessen etwas Anderes machen, zum Beispiel Monopoly, Fang den Hut oder Plätzchen backen. Das macht Hoffnung. Die acht Millionen Bohlen-Bejubler müssen aber unbedingt in unser Boot geholt werden, sonst gehen wir mit der Arche Noah des guten Geschmacks bald unter! Keiner wird es merken, weil die selbsternannten Nachrichtensender lieber was mit Hitler zeigen. Keiner wird es merken, weil die bunte Reklame zwischen Telenovela und Boulevardmagazin bei zwei Schnitten pro Sekunde unaufhaltsam in unser Gehirn rast und jedes Ansammeln von klugen Gedanken so wahrscheinlich macht wie einen telefonkostendeckenden Gewinn bei einem Call-In-Gewinnspiel. Und keiner wird merken, weil wir eben doch schon zu blöd geworden sind.

Kürzlich lag ich auf der schlabbrigen Wohnzimmercouch herum, ganz gediegen mit Jogginghose, Konzentration und einer Dokumentation in HD. „Mit dem Luxuszug durch Afrika“ grasten dort ein paar Vermögende die Sehenswürdigkeiten der dritten Welt ab. Ab und an fuhren sie an ein paar putzigen Negern vorbei, doch die dekadenten Luxusreisenden hatten für die hungrigen Schwarzmänner maximal ein bisschen Winkerei übrig. Es gab aber auch Wichtigeres zu beobachten, beispielsweise das größte durch den Mensch erschaffene Loch der Welt: die ehemalige Mine „The Big Hole“ in Südafrika. Das tiefe Loch wurde mit vielen „Ooohs!“, „Aaahs!“ und Digitalkamerablitzen versehen. Es darf jedoch vermutet werden, dass zwischen den Ohren mancher Fernsehzuschauer eine noch größere Lücke existiert.

Ein Spaziergang auf der Brücke

Esel entert eine einschlägige Essens-Einrichtung, erbittet einen Entenbraten. Ehrlich? Ehrlich. Esel erobern endlich die Erde. Esels Empathie den Enten entgegen? Am Ende. Entenfleisch, ein Essgenuss einzig für ehrlose Esel. Erfüllung des Ernährungstriebs, erreicht mit einer etwas eigenwilligen Enten-Euphorie. Erstaunlich. Ellenlange Essstäbchen etwa ermöglichen Eseln entsprechende Esshilfe. Echt einzigartige Erscheinung! Entenessende Esel: ein Exempel einer enorm entwürdigenden Erdengesellschaft. Einfach enttäuschend, entsetzlich, elend.

Entschuldigung.

Die Mühe vor dem Sturm

Du hast dir ihr aktuelles Album käuflich in einem Fachgeschäft erworben, um die Musikindustrie ein wenig langsamer sterben zu lassen. Aber besagte Nelly Furtado gab dem libyschen Zauseldiktatoren Gaddafi samt faschistischer Gefolgschaft ein Privatkonzert und dafür erhielt die kleine, harmlos singende Portugiesin mehr Geld, als du je in einen Media Markt wirst schleppen können. Auch andere Popmusik-Popanzen wie etwa Lionel Richie und Beyoncé Knowles schmusten singend mit der Gaddafi-Familie. Die erfolgreichsten Künstler unserer Zeit sind also mietbare Wanderzirkusse, die du dir bei Bedarf temporär auf den Wohnzimmerteppich bestellen kannst. Egal wie du heißt oder welche Minderheiten du auf Kamelen verfolgst. Was kannst du als Zweckkäufer da mit dem Kauf einer CD schon zum Erhalt der künstlerischen Freiheit und Vielfalt leisten? Nichts. Außer: bessere Musik hören.

Du pflegst Hasstiraden gegen deine Nachbarin, weil deren Tochter ihren fünften Geburtstag bei McDonald’s feiern will und nichts dagegen unternommen wird, dass die hungrige Kindergartenarmee die Feier des Tages mit braunem Fleischmatsch angeht. Wusstest du, dass es noch nie einen Krieg zwischen zwei Ländern mit McDonald’s-Fresslöchern gab? Denk mal darüber nach. Fast Food macht vielleicht dumm, aber auch Frieden. Wenn erst einmal alle Länder der Welt mit Cheeseburgern und Happy Meals versorgt sind, werden wir alle fett, aber gemütlich und friedlich auf den Tod warten. Was ist also schon daran auszusetzen, dass Kinder Ronald McDonald für den besten Koch der Welt halten. Du selbst schwörst auf Kochmarionetten wie Tim Mälzer und Johann Lafer und findest es nicht einmal verwerflich, dass diese Vollhonks Werbung für Fertigbrühe und Tiefkühlscheiße machen. Findest du da nicht einen kleinen Widerspruch? Der Quatsch, den du da täglich in dich hinein schaufelst, ist genauso synthetisch wie die McDonald’s-Speisekarte. Alles ist voller Chemie, voller Ungesundheit; jenseits des guten Geschmacks ist jenseits von Edeka1. Und was kannst du Leckermäulchen dagegen tun? Nichts. Außer hungern.

Du duscht jeden Tag zweimal, manchmal häufiger, kaufst dir kistenweise von der Stiftung Warentest empfohlene Cremes und Körperpflegemittel und an deine Haare kommt nur ein halb-wässriger Chemiematsch, den du für auf Hawaii geerntete Kokosnussmilch hältst. Doch tief in dir drin, in deinem Darm, wohnen 3,3 Millionen Bakterien. Sie wuseln und gedeihen fröhlich und ewig und unbeschwert und über deinen teuren Drang nach oberflächlicher Reinheit würden sie lachen, wenn sie könnten. Können sie aber nicht, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, deinen Verdauungstrakt als Spielplatz zu benutzen. Dein Darm ist ein sonnenloses Sammelbecken für Keime, Parasiten und Bakterienkot. Und was kannst du Saubermann dagegen machen? Nichts. Außer: sterben.

Du gräbst im Sandkasten nach Schätzen, du hasst Gutmenschen, du suchst im Kornfeld nach vierblättrigen Kleeblättern, du bist fünf Minuten vor der planmäßigen Abfahrt an der Bushaltestelle du lachst nur über Heinz Erhardt und Loriot, du schreibst bissige Leserbriefe an den „Spiegel“ und hoffst, damit deinen politischen Einfluss zu vergrößern, du findest Witze über Randgruppen gemein, du trennst deinen Müll nach Farben, du zählst voller Vertrauen nie das Wechselgeld, du schaltest den Fernseher nur für die Tagesschau ein, du findest, dass man dies und das ja wohl noch sagen dürfte in unserem Land, ja und du würdest die NPD verbieten – wenn du könntest; du würdest eine Revolution anführen – wenn du wüsstest wie; täglich würdest ganz verrückte Dinge tun – wenn du überhaupt irgendetwas wüsstest; und vor allem wirst du dich von diesen Zeilen hier nicht angesprochen fühlen. Du glaubst noch, dass du etwas verändern kannst, weil du Optimist bist, wenn es um deine Wirkung auf diesen Planeten geht. Du weißt zwar, dass du weder Rad noch Viereck neu erfinden kannst. Aber dass man den Kreis noch runder und besser machen kannst, bezweifelst du nicht im Geringsten. Kleinschritt-Fortschritt nennst du das. Du vergisst das Hinterfragen der Meinungen, die du dir von anderen abgeschaut hast. Du bist das Falsche im Richtigen.

Denn ich und du und sie und wir und er und ihr, wir können das große Ganze nicht ändern. Das Kollektiv rennt blind Frackträgern mit Gel im Haar hinterher, lacht aber über den Rattenfänger von Hameln. Und? Was können wir Tagediebe und Nachtschläfer daran ändern? Nichts. Außer: uns selbst ändern.

  1. Inspiriert durch den Text „Jenseits von Edeka“ vom wunderbaren Florian Cieslik

Unbekannte, aber sehr gute Musiker aus den Niederlanden [2]

…und heute: Stef Ekkel!

Unbekannte, aber sehr gute Musiker aus den Niederlanden [1]

Teil 1 meiner neuen Serie: Richard Pertijs.

Da dachtest du, dass du schlauer wärst, aber das dachtest du allein

Schönes Wetter, die Lerchen gurren, die Nachbarskatzen schnurren. Der schönste Tag seit gestern. Heute gönn‘ ich mir mal was. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad, lasse gekonnt die Bremsstütze mit dem linken Fuß hochschnellen und fahre die Straße hinab. Mit meiner Fahrradklingel zaubere ich eine schöne Sommermelodie. Sunshine, Sunshine Reggae! Meine Laune lässt sich nun durchaus mit den drei Buchstaben Gee, Uuh und Teh beschreiben. Am Ziel angekommen, schwinge ich mich von meinem Fahrrad und lasse gekonnt die Bremsstütze mit dem rechten Fuß herunterschnellen. Hallo Pommesbude! Es gibt kein schöneres Mittagessen als Pommescurrywurstmayozummitnehmen, da stimmen mir meine Organe zu: Dickdarm und Dünndarm reißen, metaphorisch gesprochen, die Hände in die Luft, jubeln, hurra, komm‘ zu uns, Kaloriengranate und schlag ein! Bumm! Viva la Geschmacksexplosion! Feuerwerk der Sinne! Sattmacher der glücklichen Art!

Doch dann: Peng & Pardauz! Hinter der Eingangstür besetzt ein narbiger Klumpen Mensch einen Barhocker und strahlt, als er mich erblickt. Diese unbestellte Portion Freundlichkeit ist mir nicht geheuer: sie wird mir sonst nur von Menschen entgegengebracht, denen ich noch Geld, Aufmerksamkeit oder Schnaps schulde. Narbenmann jedoch kenne ich nicht. Nie gesehen. Ich schulde Martin noch zehn Euro, aber hat der einen behinderten Sohn, welchen er in meiner Stammpommesbude auf mich hetzen könnte? Ich glaube kaum. Wer ist der Narbige also? Will er mich überfallen? Quatsch, seine Narben sehen nicht Selbstvertrauen schenkend aus. Will er Sex? Quatsch, meine Lederjacke ist viel zu eindeutig heterosexuell, als dass er sich Liebeleien mit mir ausmalen könnte; so viel Fantasie bringen nur Kinderbuchautoren und Berufsoptimisten auf, nicht aber Pommesbudenbesuchervolk. ~ Ich gönne meinen Gedanken nun eine kurze Pause, denn meine Augen melden mir sehend, dass Narbenmann nun ein paar Worte an mich richten will. Möglicherweise verraten diese etwas über seine dubiosen Absichten. Mein Ohr meldet mir hörend, was Narbenmann mit gebrochener Stimme in meine Richtung posaunt: „Na? Wie geht’s?“ Oh Schreck! Schnell, Gehirn, lass dir etwas Unverbindliches einfallen, damit Narbenmann nicht erfährt, welche kognitiven Schwerstarbeiten er in dir auslöst! „Gut. Und dir? Ist doch wirklich wunderbares Wetter draußen, die Lerchen schnurren und die Katzen gurren! Da bekommt man spontan Lust, mit dem Fahrrad ein paar Runden zu drehen, nicht wahr?“ Verdammt. Das war nicht besonders unverbindlich.

Es bleibt nun abzuwarten, wie Narbenmann auf diese Doppelfrage reagiert. Wird er sie zum Anlass nehmen, sich Geld bei mir zu leihen? Wird er mit einer Gegenfrage antworten? Wird er mich auf eine Portion Pommes einladen oder wenigstens auf ein Bier? Wird er jemals wieder gesund oder bilden die tiefen Narben über den Tod hinaus eine Symbiose mit seinem Gesicht? Wird er wegen seiner Gesichtskrater von seinen Freunden „Mondmann“ genannt? Hat er überhaupt Freunde? Wie heißt er überhaupt? Kennen wir uns? Wie viele Fragen werde ich mir noch ausdenken können, bevor Narbenmann die nächste Etappe unserer Konversation besteigt? Erstaunlich, wie schnell das menschliche Gehirn arbeitet. Neun Fragen in so kurzer Zeit. Oder ist Narbenmann derart langsam? Vielleicht ist dies hier sein erstes Gespräch seit neun Jahren. Vielleicht aber auch sein letztes vor seiner Beerdigung. Hm. Ich sollte nett zu ihm sein, sonst erzählt er in der Hölle Ungutes über mich und der Höllenfürst richtet mir eine ungemütliche Zelle mit vier bis neun Kilometern Fußweg zur nächsten Bar ein. Mit dem Tod ist nicht zu spaßen. Die Gesprächsrettungskapsel „Ironie“ ist nie bis zu ihm durchgedrungen, da er nur mit Witzfiguren statt Witzen arbeiten muss. Er ist dank seiner Unwissenheit resistent gegenüber Ironie und jeder, der behauptet, eine besonders böse Satire hätte etwas „Teuflisch-Gutes“, der irrt. Gott hat bei der Geburt des weltweit ersten Menschen der Welt genau festgelegt, wie sich „Humor“, „Gutes“ und „Böses“ definieren, aber all dies zu erklären, würde hier zu weit führen.

Aber man darf sich beruhigt fühlen: Cindy und Mario aus Berlin werden ebenso sicher in der Hölle schmoren wie Kater Karlo, die Daltons und leider auch Lucy von den Peanuts, weil sie Charlie Brown immer den Football vor der Nase wegzieht, wenn dieser einen Tritt dagegen versucht, woraufhin . Ob ich mich zu dieser illustren Gruppe gesellen darf oder muss oder soll, liegt natürlich nicht in meiner Entscheidungsgewalt. Ich rechne jedoch fest damit, seitdem ich einer damaligen Nachbarin frech meinen Penis gezeigt und vor ihre Füße uriniert habe. Verdammt, da war ich doch erst vier Jahre alt und sie war bloß halb so alt. Aber der Ärger war groß, vor allem erholte sich der Sandkastensand nie von diesem Fauxpas und wurde so gelb, wie er sonst nur in Comics dargestellt wird. Das wird Gott nicht ungemeldet geblieben sein. Seine Boten arbeiten 24 Stunden am Tag und sechs Tage die Woche, sonntags haben sie als gläubige Christen natürlich frei, aber besagtes Ereignis ereignete sich leider an einem Freitag. So ein Pech. Gott wird sein Büchlein aufschlagen, vom Leid der Babyaugen und dem des Sandkastensandes erfahren und dann war es das für mich mit Himmel, 99 Jungfrauen und ebenso vielen Party-Luftballons bei meiner Ankunft. Stattdessen Hölle, ewige Verdammnis und 99 Narbenmenschen als Nachbarn.

Prima Überleitung: Narbenmensch verzieht seine Miene, stellt sein rechtes Bein wichtig auf den Boden und sagt: „Hör mal zu, Unbekannter. Ich war lediglich auf der Suche nach einem ungebundenen Plausch, um die Wartezeit auf mein Zigeunerschnitzel ein wenig freundlicher werden zu lassen. Es wird dich sicher tangieren, dass ich als Gedankenleser mein Geld verdiene und da du so voller Fragen bist, werde ich sie dir nun beantworten: Meine Freunde nennen mich Lutz als Kosenamen für ‚Luzifer‘, auf Sex mit dir kann mein Penis verzichten, das mit der Hölle ist Unfug, meine Krankheit nennt sich Schuppenflechte, Lärchen schnurren nicht, Lucy von den Peanuts ist nicht böse und auf eine Portion Pommes lade ich dich gewiss nicht ein, du, du Doofmann! Und he, Pommesbudenfrau, einmal Pommescurrywurstmayozummitnehmen für den Sandkastenpinkler hier, bitte!“

Informationsroulette II

Hier ein paar aufgewärmte Informationshäppchen für den interessierten Leser.

1.) Am vergangenen Donnerstag war ich einer von fünf Autoren beim „Wort-Café Einwurf“ in der Mayerschen Buchhandlung der wunderunschönen Stadt Bochum. Es wurden elf Worte vom Publikum „eingeworfen“ (z.B. Rindenmulch, Fallschirm, Anonymität) und wir Schreibmenschen mussten daraus innerhalb von 45 Minuten einen Text backen. Zu meiner Freude und Überraschung erreichte ich mit meiner Geschichte „Ausgeknobelt und zweckverhobelt“ den zweiten Platz. Das heißt auf der einen Seite, dass mein Selbstbewusstsein einen kleinen Schub erhalten hat, außerdem erscheint meine Kurzgeschichte im Laufe der Weltgeschichte exklusiv in einem kleinen Büchlein der Buchhandlung. Näheres dann.

2.) Die nächsten Termine:
08.​03.​2011 – Düs­sel­dorf / Pret­ty Va­cant (Pret­ty Poe­try Slam)
09.​03.​2011 – Hamm / Hop­pe­gar­den (Poe­try Slam)
10.​03.​2011 – Du­is­burg / Stadt­teil­bi­blio­thek Ge­samt­schu­le Süd (Poe­try Slam)

3.) Ich habe jetzt die Vor-Abiturprüfungen hinter mir und werde hoffentlich wieder ein bisschen Zeit für unsagbar gute Kurzgeschichten und außergewöhnlich imposante Lesungen haben. Kann aber auch sein, dass weiterhin beides nur so mittelmäßig bleibt.

4.) Das war es eigentlich schon. Sollte es Fragen, Leseanfragen oder neue Viagra-Sortimente geben: zeno91[at]gmx.de.

Wo ist der Hase, ich weiß von nichts!

Suppe schmeckt auch mit Haaren

(Der nachfolgende Text ist für alle missionarischen Vegetarier, welche allwochenendlich versuchen, Fleischfresser in ihr Bioholzboot zu holen. Fühlt euch bitte nicht an den Kopf gestoßen, sondern in den Po getreten. Ich finde Fleisch dufte, ihr findet Fleisch undufte; dabei sollte es belassen werden. Ich tendiere zu Frieden! Aber zuvor:)

Angebrannter Speck macht sich gewisse Eigenschaften der Luft zunutze und säuselt kitzelnd in meine Nase. Speck, der anbrennen darf; das ist mir nicht bis wenig, vielleicht sogar gar nicht oder wahrscheinlich sogar verdammt nochmal in keiner Weise sympathisch. Wer tötet da – bewusst oder unbewusst – ein totes Tier? Doppelmord! Ich plädiere auf schuldig. Das Leben eines rosa glänzenden Schweinchens zu töten ist die eine Seite, das Herumtrampeln auf der weiterhin lebendigen Seele des sich einst so quiekend im Matsch kuschelnden Schweinerückens die andere Seite der zweifelhaften Medaille! Unsichtbar baumelt sie den Fleischfressern auf dem Würstchenwanst herum. Aber Mord kann man riechen! Wir Weltretter ahnen derartige Vergehen nicht bloß, wir stellen fleischfaschistische Fakten fest und reagieren dementsprechend. Unsere Berufung sieht hierfür die Missionarsstellung vor. Die biologisch abbaubare Moralkeule muss den Mördern mit Karacho in den Arsch gerammt werden! Dem Einlauf folgt im Bestfall die Einsicht. Kritiker werfen uns Tierschmusern ja gerne vor, dass es doch viel schlimmere Probleme auf der Welt gäbe als Massentierhaltung und Huhnkopfabschlagerei. Ja, andere Missstände mag es zwar durchaus hier und da in manchen kurios klingenden Ländern geben, aber jetzt kommt das große ‚aber‘: ABER die Protestmenschen in Libyen sterben nur und werden danach eben nicht gegessen. Ein kleiner, feiner Unterschied. Deswegen müssen erstmal die Tiere gerettet werden, die Zweibeiner können sich hinten anstellen. Außerdem sind die Damen und Herren von der Kommune gegenüber für Menschenrechte, Sponti-Demos und bedürftige Schwarzmänner zuständig. Denen möchte ich ungern in die Suppe pinkeln.

Nur ein reines Herz schlägt gesund. Obst ist unser Gemüse und Freiheit vom Fleisch ist Freiheit vom massenmediengesteuerten Konsum, Freiheit vom Tiereaua, Freiheit von ungeilen Fettschwadern an Oberschenkel und Bauch. Jeder Biss in einen Hamburger muss ein Gewissensbiss sein! Fett sein hat schwere Folgen für die eigene Gesundheit und die der unfreiwillig sterbenden Tiere. Jeder, der einmal auf einem Bauernhof gewesen ist, wird bestätigen können, dass die Lebensqualität eines Kälbchens bei der Schlachtung rapide sinkt. Fleischverzicht aus Leidenschaft, weil Mettwurst kneten Leiden schafft! Tierabfälle gehören nicht kleingehäckselt in Menschenmagen, sondern ans Tier, bis Onkel Tod sein Zepter schwingt. Gerne wird Kasslerkonsum damit legitimiert, dass es einfach lecker schmeckt. Diese Menschen haben wohl noch nie gebackenes Rosinen-Lauch mit einer Priese Meersalz, köstlich abgerundet mit einem Glas Ziegenmilch, verzehrt. Ein gutes Gericht schmeichelt dem Gaumen auch ohne Fischstäbchenfische und Currywurstkühe. Das wusste schon Jesus, sonst hätte er Wasser in Wurstwasser verwandelt und seine rund zwölf Gäste beim letzten Abendmahl mit Gänsegulasch oder einer Grillparty überrascht. Hat er aber nicht. Es gab Wein und Brot. Das sollte unseren Verstand zum Arbeiten anregen.

Aber wo kommt nun der Speckgeruch her? Liebevoll platziere ich meine Füße in die dafür vorgesehenen Fußmulden meiner Birkenstock-Sandalen und schlendere den Gang herunter zur Haustür 42. Ich klopfe höflich. Die nicht abgeschlossene Tür öffnet sich. Überrascht stelle ich fest, dass mein veganer Kommunenkollege Dirk an der Tür steht.
„Was machst du denn hier? Speck? Spinnst du?“
„Jo, fettes Sorry, bin jetzt zu den politischen Spontis rübergewechselt. Die sehen das mit dem Fleisch hier nicht so eng, aber morgen gehen wir auf die Straße und demonstrieren für mehr soziale Gesetze und so was! Wusstest du beispielsweise, dass 100% aller Hartz 4-Empfänger sterben?!“

Beschissen einsam

Quelle: gmx.de

Ja, Zahnärztin!

Warum Helge Schneider der Beste und Nina Ruge die Unbeste ist:

Hass ist ein Gefühl, welches man in der Pubertät lernt, abzulegen

Ich hasse alkoholfreies Bier, ich hasse Fotos mit Überblendungen, ich hasse Knorpel, ich hasse Witze am Fließband, ich hasse Kopfstände, ich hasse getrocknete Knete, ich hasse das doppelte Verwenden von Adjektiven wie zum Beispiel in „der nordisch-frische Kabeljau“, ich hasse die Grenzen der deutschen Sprache, ich hasse CDs mit Bonus-Liedern, ich hasse Kaputzenpullover ohne Reißverschluss, ich hasse Tiefkühlgemüse, ich hasse Spitznamen, die auf Partys entstanden sind, bei denen ich nicht dabei gewesen bin, ich hasse Sachen teilen mit Arschlöchern, ich hasse manchmal Grenzkontrollen, ich hasse Gläser mit Stiel und ich hasse leere Feuerzeuge, ich hasse Städte, die mir nicht gefallen haben, zum Beispiel Chemnitz, Hannover oder Duisburg, ich hasse Pauschalhass, ich hasse zu kurze Ladekabel, ich hasse Nachfragen, ich hasse Telefonieren, generell hasse ich ständige Verfügbarkeit, ich hasse, ich hasse, ichhassehassehasse, ich hasse Wiederlungen, ich hasse das generelle Ablehnen von FDP, McDonald’s und BILD, obwohl ich auch die hasse, aber das hintergrundlose Daumenrunter ist polemischer als jede Rede von Guido Westerwelle – weiter im Text – ich hasse T-Shirts mit Sprüchen, ich hasse den glitzernden Streifen oben auf den Tickets der Deutschen Bahn, ich hasse Pupsen ohne Geruch, ich hasse die Frau von der Pommesbude gegenüber, ich hasse mehr als drei Alliterationen auf einmal: „Alte ägyptische Armbrust ausprobiert, astrein!“ Hasshasshass, ich hasse Verkleidungen, ich hasse Teppichklopfer, ich hasse Geschichten aus der guten, alten Zeit, ich hasse Liebesgedichte von verliebten Teenagern, ich hasse Selbstunterschätzung, ich hasse die Menschen, die sich in Bus und Bahn ungefragt neben mich setzen, ich hasse Mario Barth, ja, ich hasse Mario Barth so sehr, aber ich hasse alle, die diesem unbegründeten Hass zustimmen, ich hasse „Mein Haus, mein Auto, mein Pferd“, ich hasse Schnitzel ohne Zitronen, ich hasse Stottern als Stilmittel, ich hasse Aufzählungen (nicht), ich hasse Ölwechsel, ich hasse das Wiederaufnehmen einer halbfertigen Arbeit, ich hasse Weckergeräusche, ich hasse Privatinsolvenzen, ich hasse das A und O, H&M, Alpha und Omega ich hasse Luftholen, ich hasse Snickers, Mars und Twix mini, ich hasse Sortieren, ich hasse vollgewichste Taschentücher, ich hasse Klamottenkaufen, ich hasse Katastrophenalarm, ich hasse Ausreden, Hass überall, aus der Nummer komme ich nie wieder heraus, das hasse ich!

Oh, und ich liebe Hasstiraden.

Informationsroulette

Grüß Grüß. Für diejenigen, die am Uninteressanten interessiert sind, biete ich nun kostenfrei folgende Aufzählung an:

1.) Ich habe einen neuen Laptop. Das ist sehr schön für dich, werdet ihr nun denken und ja: stimmt.

2.) Kurzer Lesereise-Rückblick: im Gelsenkirchener Werkhaus konnte ich am 12.02. den dritten Platz feiern, knapp scheiterte ich am Finale. Gewonnen hingegen habe ich einen Tag später in Duisburg, im Hundertmeister, yuhu mit y. Gestern jedoch las ich in Dortmund und stellte erst vor Ort fest, dass der „Poetry Jam“ ohne Wettbewerb auskam und die Autoren einfach nur so aus Spaß an der Freude lesen sollten. Freude am Spaß gab es für mich jedoch nicht, denn in der eigentlich schönen Kneipe „Subrosa“ war es während des nichtvorhandenen Wettbewerbs derart laut, dass maximal die Hälfte der Gäste dem Lesenden zugehört hat. Extrem beschissen organisiert, die elf Autoren dabei nur Fließbandware, der nur ab und an mal gelauscht wird – vorzugsweise dann, wenn ein Text mit Lachern erwartet worden ist. Ein kleiner, sympathischer Kerl aus Kiel beispielsweise las ein tief persönliches, fast schon bedrückendes Gedicht über sein Leben und die Liebe vor und von meiner Warte aus konnte ich nach zwei Minuten vor lauter Geschubse, Gepupse und Gerede nichts mehr verstehen. Respekt vor dem Autoren sieht anders aus. Ich möchte hier nicht nachtreten, aber über ein Lokalverbot würde ich mich sehr freuen.

3.) Übersicht über die nächsten Termine:
25.​02.​2011 – Essen / Emo (Sla­mas­sel-Slam)
03.​03.​2011 – Bo­chum / May­er­sche Buch­hand­lung (Wort-​Café: „Ein­wurf“)
10.​03.​2011 – Du­is­burg / Stadt­teil­bi­blio­thek Ge­samt­schu­le Süd (Poe­try Slam)
(mehr Informationen zu den jeweiligen Terminen hier.)

Wobei besonders das Wort-Café interessant wird: dort bekommen wir Autoren vom Publikum elf Worte geschenkt, aus welchen wir in 45 Minuten einen Text kneten dürfen, während die Zuschauer mit Musik bespaßt werden.

4.) Ich habe in den letzten Tagen ein klitzegroßes Bisschen am Aussehen dieser Seite gedeichselt, was den Stammlesern natürlich vielleicht sofort aufgefallen sein könnte. Bin aber noch nicht endgültig zufrieden, daher bitte um Hilfe. Ich verrate nicht, worum es geht, daher hier nun ein Überraschungslink: Klick.

5.) Tschüss, tschüss.

Düdeldü und Entchen

Mit dem Linienbus auf zum alle drei Monate stattfindenden Jahrmarkt. Nein, Vierteljahrmarkt. Oder einfach Kirmes. Auch egal, ich wundere mich ohnehin alleine, denn mich begleitet niemand und gar keiner. Alleine losziehen ist clever, da wird man bei aufkeimendem Unfug nicht durch Ablehnereien oder Dummheiten gestört. Man ist Chef und nicht bloß Teilchef. Diktator des eigenen Willens. Außerdem gibt man als Einzelperson nur halb so viel Geld aus. Aber mehr als doppelt so viel, als wenn man gar nicht unterwegs ist. Unsinn Mathematik, unfaires Zahlengeschwurbel für Verquerdenker. Eins plus eins gleich zwei, aber die Hälfte von eins ist manchmal null. Und die nächste Ungerechtigkeit des Lebens lässt nicht lange auf sich warten: noch bevor ich die richtige Haltestelle erreiche, kotzt mir mein jugendliches Gegenüber vor die Füße. Er hatte Ravioli zu Mittag. Es gibt Dinge, die möchte man nicht riechen, sehen und auf seinen Schuhen wissen. Ich wünsche ihm Syphilis an sein Geschlechtsteil, reiche ihm beim Aussteigen noch hilfsbereit ein Taschentuch. Weg mit der Sauerei! Meine Plateaustiefel säubere ich im feuchten Gras. Ein Abend, der so beginnt, wird reich an Erzählbarem und Erlebnissen sein. Hinein ins Getümmel, hinein in die bunte, glitzernde Welt. Hollywood für die Kleinstadt, Disneyland für Arme.

Fahrgeschäfte, die sich immerzu im Kreis drehen. Abzweige Fehlanzeige. Beeindruckender kann man unser Leben nicht darstellen. Und ab und an ein Typ, der buntes Plastik einsammelt. Nichts tut man ungestört, Bürokratie lauert selbst in der Aussichtslosigkeit. Verdammt, ich verfalle in depressive Melancholie. Erwerbe mir ein Bier, aber nur eins, denn lediglich ein einzelnes alkoholisches Getränk hebt die Stimmung. Mehrere machen die Birne grau und Matsch. Das kleine Einmaleins des Alkohols. Leichter und sympathischer als die Mathematik aus den Büchern. Welch kluger Gedanke. Vom Glück gepackt versuche ich mich beim Entchenangeln, Hauptgewinn ist ein Schwamm aus Plüsch. Der blödsinnige Kinderfernsehenkommerz verschont eben keine Ecke der Welt. Ich will das Teil unbedingt haben. Drei Euro. Dreimal Anglerglück? Drei, angeblich Zahl aller Dinge. Ich erangle vierzig Punkte, immerhin doppelt so viele wie mein Nachbar im Grundschulalter. Der moppelige Fratz schaut ein wenig neidisch zu mir hinauf. Zu mir, dem König der Plastikenten. Mein Preis: ein Lineal, ein Lutschbonbon und eben dieses traurige Kindergesicht. Sadismus, wie gern ich dir fröne! Das Karamellbonbon schmeckt unsagbar gut, das Kind bettelt bei seiner Mutti verzweifelt um einen zweiten Angelversuch. Alleine zur Kirmes ist eben besser, sag ich doch.

Ich schlendere weiter. Drei Jugendliche verteilen einander Backpfeifen, aus diesem Alter bin ich heraus. Bleibe aber ein bisschen stehen, schaue mampfend zu. Lecker, Crêpes mit Nutella. Wie erwartet verliert der Typ mit Brille. Tja, Brillenträger haben es halt schwer im Nahkampf. Brille von der Nase boxen, dann ist der ungleiche Kampf bereits entschieden. Mit dem Nasenfahrrad kann man eben nicht wegfahren. Worum es im Duell ging, bleibt mir verborgen, aber die Szenerie löst sich erstaunlich schnell auf. Auf dem Boden klebt eine Blutspur, ich messe nach, sieben Zentimeter. Sah nach mehr aus. Unweigerlich muss ich an meine letzte Freundin denken, auch dort erlebte ich eine Enttäuschung beim Nachmessen. Denn, als sie ihren Schrank in unsere gemeinsame Wohnung integrieren wollte, war dieser neun Zentimeter zu breit. Ganz und gar nicht groß ist jedoch der Keyboardmusiker, welcher vor ein paar Rentnern deutsche Schlager „spielt“. Er tappst mit seinen Fingern unkoordiniert auf der Tastatur herum, vollkommen gelöst von Melodie, Rhythmus und Noten. Man kann es sehen, wenn man am Bühnenrand steht. Die Töne kommen vom Band. Was für eine arme Wurst. Betrugsmusiker bei der Arbeit. Live sind nur Gesang und Merchandisingstand. Seine CDs gehen weg wie geschnittenes Brot.

Ich marschiere zum Stand, zielgerichtet wie ein Soldat. Auf in den Krieg, auf in den Kunstkrieg. Ich erfahre, dass hier seine Mutter und seine Freundin die Tonträger an den dummen Mann bringen. Ob ich auch eine CD erwerben möchte? Iwo! Lieber fresse ich noch sieben Nutella-Crêpes oder angle viertausend Plastikenten, bevor ich Geld in die beschissene Kackfickarschlochhurensohnmusik dieses Triebtäters verschwende. Ich bin Musikfundamentalist. Entweder, man kann es oder man lässt es. Ich suche nach etwas zum Werfen, entdecke in der rechten Tasche meines Trechcoats das Lineal vom Entchenangeln. Schmeiße es konzentriert Richtung Berufsbetrüger, treffe ihn am Kopf, doch der Kerl ist Profi. Routiniert singt er sein einfallsloses Programm herunter. Diese Party bleibt von mir ungestört. Trotzdem packt mich ein Glatzkopf mit Schulterpolstern am Arm, sein Gesichtsausdruck bittet mich höflich darum, nun zu gehen. Pff, wollte ich eh. Scheiß aufs Riesenrad. Geisterbahn? Drauf geschissen. Das hier war gruselig genug. Lerne bitte die Tonleiter, du armseliger, nur finanziell reicher Thünnes.

(Hinweis: Ich sah besagten Unterhaltungsmusiker letztes Jahr auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt und dass er dort auf Playback zurückgriff, ist eine Tatsache. Kann ihn nicht leiden. Beworfen habe ich ihn damals aber nicht. Dennoch sei ihm dieser Text gewidmet.)

Der Tag der Intellektualität

Heute ist der große Feiertag der Verstandesmäßigkeit. Das Kleingedruckte in meinem Vertrag: ausschließlich schlaue Dinge, keine pseudointellektuellen oder kleingeistigen Aktivitäten. Nichts, was Erklärungen bedarf. Es fängt beim Aufstehen an. Mit beiden Beinen auf dem Laminat auftreten. Auch die Rückseite der Zähne mit Elmex putzen. Nassrasur statt Stoppelbart. Klug, rational und gesund. So kann es am Frühstückstisch weitergehen. Schwarzes statt weißes Brot. Ein paar glückliche Tomaten oben drauf, dann den Pumpernickel mit dem Messer in kleine, sparsame Stücke schneiden. Mit dem Gabel langsam zum halb geöffneten Mund führen. Brot mit der Hand essen ist Mampferei, ist proletarisch, ist unakzeptabel. In meinem Glas schwappt blütenweiße Milch von zufriedenen Kühen aus meiner Region. Bauer Müller und seine Milch, die sind meine Sympathie wert, die sind schlau. Das intelligenteste Frühstück seit der Erfindung des Sonnenaufgangs. Ich würde mich nun nicht als vollkommen satt umschreiben, aber Sättigung ist die Vorstufe der Völlerei und Völlerei ist Verschwendung der Ressourcen. Klingt rechthaberisch, ist aber weitsichtig und Weitsichtigkeit ist verdammtnochmal wichtig, denn die Kinder meiner Kindeskinder sollen stolz meinen bis dahin als Buch veröffentlichten Wikipedia-Artikel lesen können.

Eine wunderbare, ja fast schon schlaue Überleitung zum nächsten Thema: Geschlechtsverkehr. Ich kämme mir mit der Fischgabel meine Haare nach hinten (Anmerkung: Multifunktionalität ist sparsam, Sparen ist schlau) und robbe frisch gestriegelt zurück ins Ehebett, wo meine Freundin liegt und wertvolle Zeit überschläft. Schlafen ist Zeitverschwendung, der frühe Vogel fängt den Wurm, der schnelle Hahn fickt das Huhn. Auf Details verzichte ich an dieser Stelle, aber es ging aus Rücksicht auf den Spruch „Zeit ist Geld“ wie gewohnt schnell und wenn wir alles richtig gemacht haben, dann brütet meine Freundin jetzt neun Monate lang ein pfiffiges Streberkind aus. Wahrscheinlich wird es mit Sehschwäche geboren und bekommt mit vier Jahren eine Brille verschrieben. Schließlich thront auf den allermeisten Nasen schlauer Köpfe eine Sehhilfe: Mahatma Ghandi, Sigmund Freud, Harry Potter, Götz Alsmann. Meine Freundin weiß zwar noch nicht von dem sich anbahnenden Familienglück, aber sie wird es wohl mitbekommen, wenn sie zunimmt. Sie ist ja nicht dumm, nur naiv. Übrigens orientiere ich mich auch hier an der Zeitgeschichte: hätte Gott den Menschen gleich von Beginn an mitgeteilt, dass Demokratie und Menschenrechte was Tolles sind, würden diverse Fernsehsender große Probleme damit haben, ihr Nachtprogramm zu füllen.

Eine noch wunderbarere, ja fast schon weitaus schlauere Überleitung als beim Absatz zuvor. Also dann, Stichwort Fernsehen. 3sat, arte, DisneyChannel. Heute nur Bildungsfernsehen für Bildungsreiche. Ich schalte den Ton ab, denke mir die Kommentare des Off-Sprechers beim Schauen selbst. Die doppelte Dosis Weisheit. Gleichzeitig legt meine hoffentlich trächtige Lebensabschnittsgefährtin eine Schallplatte auf; ich vermute, es ist Bach oder Goethe. Ja, das hat Niveau, das gefällt mir. Unaufgefordert bringt mir mein Liebchen ein Dosenbier. Sehr klug von ihr, Dosen lassen sich toll recyceln und sind prima für die Umwelt. Ich trinke also noch ein paar weitere Getränke, Umweltschutz ist schließlich ebenso wichtig die Sicherung der Arbeitsplätze von hunderten Menschen in Callcentern. Alle fünf Minuten rufe ich bei einem Shoppingsender an und gebe zu Protokoll, mir einen Entsafter erwerben zu wollen, was wiederum auch dem heutigen Tag angemessen ist, denn das Zahlen der Mehrwertsteuer hilft der Wirtschaft. Mir nur bedingt. Es ist zwölf Uhr mittags und die ganze außerplanmäßige Beanspruchung meines Gehirns macht mich allmählich müde. Eigentlich wollte ich ja noch den SPIEGEL lesen und ein Hörbuch von Richard David Precht kaufen. Schade. Vielleicht ja morgen, am Tag der Klugscheißer.

Die gelebte Werbebotschaft

Der Elektrofachmarkt hält sich nicht an die eigenen Öffnungszeiten und öffnet seine Pforten heute zwei lange Minuten zu früh. Quo Vadis, deutsche Pünktlichkeit? Vielleicht ist auch die Schweiz mit ihren gar nicht so klischeetreuen Uhrwerken schuld. So oder doch nicht so, heute lügt das Öffnungszeiteninformationsschild. Ladenaufschließerei um 9:58 Uhr, durchgeführt von einem Schnauzbärtigen mit wichtiger, blauer Uniform. Die Konsumtreuen, enttäuscht und fröhlich zugleich, pfeffern ihre Zigaretten auf den Boden und beenden ihre Warterei überbrückenden Telefonate. Auf zum Kauf! Das Paradies hat geöffnet, lässt jeden hinein. Einzige Ausnahmen: Schwerverbrecher, Mittellose, Unsichtbare, Waffenbesitzer, Tote, Abwesende, Nahrungsaufnehmende, Hausverbothabende, Menschen mit auffälligem Rucksack, Tiere. Wogegen die Rentnerin mit Regenschirm willkommen ist. Sie sieht sich auf einem Bildschirm, eine Überwachungskamera filmt sie in ihrem dunkelroten Trenchcoat. Erstaunt bleibt sie stehen, bis ihr Mundoffenhalten jäh von einer Rempelei beendet wird. Ein Kundenkollege möchte möglichst hurtig an ihr vorbei spazieren. Stehenbleiben ist hier ohnehin nicht erwünscht. Zumindest nicht, wenn keine betrachtungsfrohe Ware vor der Nase liegt. Die preisreduzierte neue DVD mit Tom Cruise gibt es nur noch zweimal, da lohnen sich Eile und starke Schultern. Im Internet gibt es den Film zwei Euro billiger, versandkostenfrei.

Unsere Rentnerin, wir nennen sie spaßeshalber Yvonne, ist aber auf der Suche nach einem Fernsehgerät. Ihre jetzige Flimmerkiste zeigt nur noch matte statt satte Farben, bei Fußballspielen hat sie oft Mühe, die Mannschaften über die komplette Spieldauer auseinander zuhalten. Bei der letzten Weltmeisterschaft hat sie so fälschlicherweise für Spanien gejubelt. Ein peinlicher und sympathischer Fauxpas eines vom Fortschritt überholten Temporärfans. Etwas mit HD soll es nun sein. Doch vor dem Konsum lauscht sie heimlich den Gesprächen zwischen zwei Kassiererinnen, welche sich adjektivreich von den Erlebnissen des letzten Wochenendes berichten. Das können sie in aller Ruhe tun. In den ersten fünf Minuten möchte nie jemand etwas bezahlen, bezahlte Freiminuten. Und Ladendiebe stehen nicht so früh auf, die schlafen noch drei Stunden. Das Gespräch enthält viele Worte, die Yvonne nicht kennt, sie klingen nach Großbritannien und Nachmittagsfernsehen. Endlich erklingt etwas Musik durch den großen Laden, ein Praktikant hat eine aktuelle CD aus den Charts aufgelegt.

Yvonne kennt auch „Ich & Ich“ nicht, aber wippt ein bisschen im Takt. Summsummsumm, ja, das ist eine einfach schöne Melodie, schön einfach. Als der Refrain zum zweiten Mal seine Runden dreht, versucht sie, ein paar Worte mitzusingen: „Vom selben Stern, ich kann deinen Herzschlag hören“. Romantisch, hach. Mit ihrer Freiheit wird Yvonne jedoch mehr und mehr zum Ziel vieler Augen. Sie verliert sich, würden hauptberufliche Beschreiber nun sagen, aber sie verliert nicht, sie gewinnt. Ein Verkäufer verlässt mit gerunzelter Stirn seinen Handystand und bittet Yvonne, mit dem Ausdruckstanzen aufzuhören. „Aufhören? Ich? Ich bin doch nicht blöd!“

Geflügelte Worte, oder: Warum gibt es keine Plüschfliegen?

Fliegen. Als Verb geliebt, als Tier verachtet. Eintagsfliegen, Zweitagsfliegen, Einewochefliegen, Stubenfliegen, Deckelschlüpfer, Fruchtfliegen, Keulenschwebfliegen, Schmeißfliegen, die ganze Sippe. Allesamt seit immer im Fadenkreuz der Menschheit. Peng, peng! Mit dem Stempel „Nervtier“ verstehen und unversehentlich in die tiefste Schublade der Welt gestopft. Weil der gemeine Mensch es nicht ertragen kann, dass solch einem Geschöpf die Fliegerei in die Gene gesteckt wurde, während die eigene Gefolgschaft auf Flugzeuge, Zeppeline und Ufos angewiesen ist. Schweben, Saltos in der Luft, Flügelputzen. Das können nur die Fliegen! So klein und trotzdem schuldig. Dabei sind es doch die Zweibeiner, die auf die Anklagebank des allerhöchsten Gerichts müssen, nicht die Zweiflügler. Die Fliege wird systematisch am Sein gestört und auf der ganzen fliegenfeindlichen Welt mit teils unsichtbaren Waffen beschossen. Nur, damit irgendwann gar kein Vieh mehr auf einem herumkrabbeln kann. Ruhestörer Fliege. Sind sie denn wirklich so böse? So unnütz? So ausrottungswürdig? Haben wir denn gar nichts aus unserer Geschichte gar nichts gelernt?

Fliegen werden voller Erregung mit der Hand zerpatscht, so dass es nur so eine Freude ist. Die Freude zu töten! Wo kommen wir denn dahin? In die Hölle, liebe Leute. Und auch dort gibt es Fliegen. Tausend. Viertausend. Dreihundert Millionen! Mehr! Ihr könnt ihnen nicht entkommen! Aber selbst Spinnen werden daumenhebend akzeptiert, solange sie nur als vielbeinige Insektenpolizei unterwegs sind. Getreu dem Motto: Mein WG-Genosse schläft zwar mit meiner Freundin, aber wenigstens putzt er monatlich das Klo. Wo ist da die Logik? Die Moral? Die Liebe für alle göttlichen Schöpfungen, selbst wenn sie noch so hässlich sind, Stichwort Fledermaus. Weg vom Pauschalhass, hin zur Akzeptanz. Und wenn man schon mal auf dem Weg dorthin ist, kann man gleich noch ein paar Reformen gebären. Ich hätte da ein paar Maßnahmen ausgearbeitet. Zur Güte, nicht zur Belustigung. Da mich an dieser Stelle niemand daran hindern kann, werde ich sie der Weltöffentlichkeit nun auf den Teller legen.

Punkt eins: Fliegengitter an Flugzeugturbinen.
Täglich sterben etwa unendlich viele Fliegen, weil sie beim Starten und Landen der Flugkolosse in die Turbinen flattern. Chancenlos müssen sie dem drehenden Tod in die tausend Augen gucken, schließlich bewegen sich Flugzeuge schneller fort als Vergleichbares (z.B. Adler). Ein Fliegengitter aus einem ganz weichen Stoff, beispielsweise Wolle, könnte die Fliegen sanft und unfallfrei darauf hinweisen, dass sich die Erkundung einer Gasturbine selten lohnt.

Punkt zwei: Kalte Straßenlaternen an deutschen Straßenrändern.
Fliegen lieben Licht. Der Mensch weiß um diesen Fakt, deswegen stellt er flächendeckend Laternen auf, um die hilflosen Fliegen hinters bzw. ans Licht zu führen. Ein millisekündiger Tod folgt, doch auch ein schnelles Ableben führt immer zum Jenseits. Pech für lichtgeile Fliegen. Kalte Lampenschirme wären die Rettung für Milliarden netter Insekten, zudem würde die bei Dunkelheit vom Homo Sapiens weitestgehend ungenutzte Straße so zu einem freundlichen Treffpunkt für Fliegen und andere Nachtschwärmer werden. Chilloutlounge am Luisenweg.

Punkt drei: Gesellschaftliche Anerkennung in allen Bereichen.
Die Fliege muss lediglich den Aufstieg vom Raustier zum Haustier schaffen, um ein bisschen billige Polemik in mein ernstes Anliegen zu integrieren. Fliegen müssen akzeptiert und im besten Falle sogar geliebt werden. Angedacht sind etwa Plüschtierfliegen, Kinofilme, Kaffeetassen, YouTube-Filmchen und witzige Anstecknadeln mit des Slogans „Fliegen – der summende, ewige Menschentraum“ und „Wenn Fliegen fliegen, fliegen Fliegen hinter Fliegen her“.

Um mein Plädoyer leicht verdaulich abzurunden, rufe ich den Fliegenhassern ins Gewissen: Rational ist nur die Liebe zu allen Tieren dieser Erde. Deswegen kürze ich den kompletten Text auf vier einfache Worte herunter: Sozial geht nur rational! Und mit Fliegen!

(Danke an Aaron für die Anregung zu diesem Text.)

Feirerei ist zu zweit doppelt so gut

(kauft euch alle Bücher von Hugleikur Dagsson, wenn ihr meine Freunde sein wollt.)

Ein Text über Hüte mit exakt zweihundert i

Aufgesetzt und abgelehnt. Der alte Hut ist ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der man sich noch vor dem Himmel und dem Haarausfall fürchtete. Gleichsam schützte er das Hirn. Den ewigen Feind, dem Kopfschmerzorgan mit dem Anrecht auf exklusive Gedanken, Informationen und Gefühle. Wer einen Hut trug, der zog auch die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Seht her, mein Schädel, der wird noch gebraucht! Ich muss ihn beschützen, manchmal fallen Steine vom Himmel oder Tauben oder deren Stoffwechsel und da braucht man Schutz. Aber bitte nicht mit einem Helm, Helme sind unsexy. Früher sagte man noch „unchic“, aber wenn man „unchic“ aufschreibt, sieht man, dass es komisch aussieht, weil man dieses Wort nicht mehr liest oder spricht und dieses Adjektiv wird bald aussterben wie die Dinosaurier oder Dampflokomotiven und so auch der Hut und vielleicht stirbt ja auch das Gehirn aus, denn man braucht heute ja nur noch ganz wenige kluge Einzelpersonen, die unseren Alltag mit ihren Erfindungen heiter und easy und locker und toll machen und wie lang soll dieser Satz denn noch werden, mal sehen, mir fällt sicher noch was ein, vielleicht eine lustige, popkulturelle Anspielung, nein, doch nicht, Satz zu Ende. Ging ja gerade noch mal gut.

Gut ist auch der Hut, eine Überleitung wie aus einem nobelpreisverwöhnten Spitzenroman. Zur Entspannung aber nun ein paar kurze Sätze ohne Bezug zum Rest des Textes: Er setzte sich hin. Margarete kochte einen Kaffee. Die USB-Ladekabel von Apple sind sehr untoll, die gehen immer schnell kaputt. So. Wo war ich stehen geblieben. Hier auf der Bühne. Mit einem Text über Hüte. Richtig. Ich mag Hüte. Obwohl ich selten einen trage. Meine Frisur passt nicht zu einem Hut. Köpfe müssen langhaarig oder objektiv schön oder gut geformt sein, damit ein Hut nicht aussieht wie ein Deckel oder wie der verzweifelte Versuch, sich von anderen abzuheben, so ein Hut macht ja in der Regel auch größer, ich persönlich mag ja Jagdhüte, die strahlen so eine gewisse Gefahr aus und Gefahr ist gut, ich möchte böse wirken, damit die Leute über meine kümmerliche Körpergröße hinwegsehen und auf keine dummen Gedanken kommen, so wie ich, schließlich sollte es uns Menschen egal bis fast egal sein, wie wir auf andere wirken, aber so funktionieren wir nun mal nicht.

Schuld hat unser Gehirn. Es hat sich in die falsche Richtung entwickelt, wahrscheinlich eine spontane Mutation, früher hätte es sowas nicht gegeben, da waren alle chic und nicht sexy, das hatte viel mehr Stil, mein Opa sieht heute noch besser aus als eine Busladung Schulkinder. Und wie kam es dazu? Natürlich, der bald folgende Abschlusssatz ist doch offensichtlich, das ist hier doch ein Plädoyer für die Hüte, da wird wohl ein positives Ende folgen, aber ich will mein Publikum nicht enttäuschen, abgesehen davon ist es mir egal, ob ihr alle Hüte tragt, ich sehe euch sowieso nie wieder und falls doch, erkenne ich euch nicht, also macht doch, wonach euch ist und lasst euch nicht von mir beeinflussen, wer bin ich schon und wer werde ich sein, kann euch doch auch egal sein, so wie ohnehin alles egal ist, selbst wenn man mal Taubenaa auf den Kopf bekommt. Dann duscht man eben. Aber bitte ohne Hut. Der geht sonst kaputt.

Von Huiiiii und Tschuuuu

Ein kleines Mädchen schaukelt im Wind. Ich beobachte sie beim Fliegen, Freuen und Freisein. Sie trägt ein ehrliches Lachen im Gesicht, ob sie es mit mir teilen möchte? Sie müsste nur kurz mal hierher sehen und nicht geradeaus. Auf diesen Spielplatz wurden schon hunderte Hundehaufen gesetzt, es wurden Drogen verkauft und ich kenne jemanden, der hat mal die Rutsche heruntergekotzt. Die Schauklerin weiß es nicht. Sie ahnt es nicht. Es liegt nicht in der Luft. Warum sollte die Luft auch etwas Böses wollen, trägt der Windstoß sie doch vor und zurück und vor und hui, sie versucht einen Überschlag. Sie wird ihn nicht schaffen. Nicht heute. Nicht jemals. Und es kümmert sie nicht. Der Versuch zählt und freut. Ob ich der Künstlerin mal zuwinken soll? Sie nimmt mich doch maximal als Randerscheinung wahr. Ich weiß, was sie denken würde. ~ Ja, da sitzt jemand und schaut mich an, der alte Kerl, riesengroß und mit Lederportmonee, aber er kann nicht schaukeln. Bestimmt würde er gerne. Ätschibätsch, damit ist längst Schluss für dich, hier fliege nur ich! Tschuuuuuu! ~ Weiß ich doch. Muss mich ablenken.

Neuigkeitenabquetschgrat

1.) Vorgestern waren diese Seiten für geschätzte zwei Stunden nicht zu erreichen. Ich kann da gar nix dafür und sage trotzdem entspannt Verzeihung.

2.) Das Archiv habe ich wegen fehlenden Interesses entfernt. Wenn ich mir die Besucherzahlen dieser Seiten so ansehe, könnte ich mit der gleichen Begründung auch gleich den ganzen Blog schließen, aber nö. Ein ehrliches Danke an die geschätzten zwölf Stammleser!

3.) Hier die nächsten Termine für Zuhörerei:

04.​02.​2011 – Gre­ven­broich / Kul­tus das Cafe (Wort laut-​Slam)
06.​02.​2011 – Neuss / Haus der Ju­gend (Make Some Neuss-​Slam)
23.​03.​2011 – Köln / Die Wohn­ge­mein­schaft (Die ui.-Show / Le­sung)

Weiteres Gutes ist geplant, aber dazu in einigen Tagenwochenmonaten mehr.
Die letzten beiden Slams waren recht erfolgreich mit einem zweiten und einem vierten Platz. Zufrieden bin ich mit meinen Texten derzeit dennoch nicht, daher:

4.) Bitte ich um Wortwünsche. Welches hübsche, unbekümmerte Wörtchen sollte in eine meiner nächsten Kurzgeschichten eingepflanzt werden? Prima Vorschläge bitte per Mail an mich oder unter diesen Text in die dafür vorhergesehene Kommentarkiste. Untolle Worte werden ignoriert.

5.) Bis später!

Essbare Kieselsteine aus dem Harz gibt es nicht

Vorgestern hatte es geklappt. Olaf erzählte mir davon. Ich muss es ausprobieren gehen. Fressbefehl von Kommandant Hunger. Das Grummeln meines Magens erinnert mich an eine demolierte Tuba. Das Rumpelkonzert muss aufhören. Ich, der einzige Zuhörer, möchte es so. Emsig packte ich meine sieben Sachen ein. Steppdecke, Plüschlöwe, Ballonmütze, Feuerzeug, eine kleine Schachtel voller Zigarettenstummel, … – es sind doch nur fünf Sachen, nicht sieben. Hallo Realität, wer dich denn schon wieder eingeladen. Du hast hier Hausverbot! Besuche doch die, die mit dir zurechtkommen und sich grinsend in dir suhlen. – Sei es drum. Alles hinein in die Netto-Stofftasche. Es passt mehr recht als schlecht. Tolle Tüte. Sapperlot, aber was ich da an Beispielen für fundamentale Ungenügsamkeit meinen Besitz nenne! Aber ich will nicht weiter jammern. Jammernde sterben weinend, Optimistische hämisch lachend. Sprich: besser. Und Besserung ist in Sichtweite. Der Himmel erhebt sich und glänzt. Heute wird es Bonaqua regnen und oben thront die Capri-Sonne. Rettungsanker Olaf, ich halte mich an dir fest! Du bist ein guter Informant, erzähltest mir bereits viel von kostenlosen Leckereien und Pfandflaschenhorten. Ohne dich hätte mein Bierdeckel-Testament längst Gültigkeit und die Straße hätte meine fünf Sachen geerbt. Du bist mehr wert als Gutscheinbücher und dicke Illustrierte zusammen!

Also auf zum temporären Glück. Auf dem Weg dorthin begegne ich nicht vielen schönen Dingen, eine gelbgrüne Katze fängt eine Maus. Aber ich treffe Rudi, welcher mir Olafs Geschichte bestätigt. Er sieht erstaunlich lebendig aus. Als hätte ihm jemand eine frische Brause geschenkt oder ein großzügig belegtes Baguette. Ich halte mein linkes Ohr an seinen Bauch und höre, dass es stimmt. Rudi ist satt. Und er hat noch Vorräte für die nächsten zwei Tage! Hastig verabschiede ich mich, Eile muss nun sein. Die Nuggets sind schnell weg. Gute Goldschürfer wissen das. Ich bin gut. Meine Tuba dröhnt und stöhnt. Eile! Eile muss nun dringend sein! Kurz vor dem heiligen Ziel stecke ich mir einen Zigarettenstummel an. Den größten, der sich auftreiben ließ. Ein großes Danke an alle, die sich eine Minute vor dem planmäßigen Eintreffen der Straßenbahn noch eine Kippe anzünden, um diese dann überrascht und fast ungequalmt auf den Boden zu schmeißen. Aber länger lässt sich der Magen nicht durch Nikotin austricksen. Noch zweimal ziehen zum Genießen, dann hinein in den Hauptbahnhof.

Olaf hatte mir erzählt, dass ein Süßigkeitenspender im östlichen Teil des Bahnhofs defekt sei. Er hätte die sympathische Macke, immer drei Teile auf einmal herunterpurzeln zu lassen. Drei für eins – ein gutes Geschäft! Ich stehe vor dem satten Koloss und betrachte das Angebot. Lauter bunte Verpackungen mit englischen Namen und süßen Bildern. So greifbar! So köstlich! Was gäbe ich nun für einen guten Schokoriegel mit Nougatfüllung! Fünfzig Cent, zum Beispiel. Das Experiment bedarf eines Versuches. Die Hypothese muss bestätigt werden. Olaf, drück mir die Daumen. Rudi, drück mit. Plüschlöwe, befreie dich aus der Stofftüte, siehe zu und beteilige dich am kollektiven Daumendrücken! In meiner Hosentasche klimpern noch ein paar Münzen. Zweiundsechzig Cent, der erbärmliche Lohn für einen Nachmittag traurig in der Fußgängerzone beim Sterben angesehen werden. Ernüchternd, aber möglicherweise der Dietrich für den Leckereiautomaten. Zwanzig Cent, dreißig, vierzig, fünfzig. Zwei Tasten drücken. Hoffen. Bangen. Knibbeln. Der Greifarm dreht sich im Uhrzeigersinn und ein Riegel fliegt im Sturzflug Richtung Freiheit. Und nun, und nun? Ein weiterer folgt ihm. Ein dritter tut es seinen Freunden gleich. Und noch einer. Aller guten Dinge sind fünf. Es hört nicht mehr auf. Mehr Riegel als Zähne. Alle mein.

Danke. Danke einfach. An Gleis 7 steht eine alte Frau und schmeißt eine halbe Zigarette hinfort, um den Regionalexpress nach Hannover noch zu erwischen. Die Kippe fliegt in Zeitlupe und ich staune.

Ein bisschen Politik

Heinzer for Bürgermeister! Now!

Hätte jemand anders den Text geschrieben, so hätte ich nur Hass für ihn übrig

Was ist, wenn der Wetterbericht lügt und es morgen schneit, hagelt und kracht? Nichts ist.
Was ist, wenn der Bäcker morgen früh seine Brötchenpreise um einen Cent erhöht? Nichts ist.
Aber was ist, wenn man denkt, dass morgen wie übermorgen und gestern wie heute wird und all die vielen Tage im Kalender einer grauen Symmetrie folgen, während der Sonnenaufgang gleichzeitig ein -untergang ist. Und es sich für uns gewiss nicht lohnt, morgen von der Matratze zu rollen, weil unten ja doch nur Alltagspflege und Nahrungsaufnehmerei auf uns warten. Fragezeichen. Ist dann nichts? Nicht doch. Wer so denkt, leidet an zu viel Grau. Wer so denkt, sollte sich professionell aufräumen lassen. Der eigene Kopf ist nur ein Wohnraum, wie das Schlafzimmer und die Gästetoilette. Alles braucht in den richtigen Abständen eine emsige Putzfrau. Staub und Flausen müssen weggewischt werden. Ab und an raus mit den bis zur Verzweiflung ausgequetschten Gedanken. Hier oben drin sein dürfen ist ein Privileg für ausgewählte Weisheiten, die in großer Kleinstarbeit mit dem kleinen Löffel aus der großen Buchstabensuppe geangelt worden sind. Und das ungebetene Arschloch darf kein Dauergast werden. Er wird pinkeln, kneifen und keifen und als Miete wird er dir Kopfschmerzen und Musik von The Cure bringen. Wo man singt, da lass dich nieder und wo etwas sinkt, da verlasse nicht das Schiff, sondern repariere den Mast. Oben ist wichtig. Der Rest ist Mode. Nur ein formatiertes Hirn ist ein gesundes Hirn.

Und nein, ich möchte nicht als Hobbypsychologe den warnenden Finger hoch heben und auch nicht in die Wunde stopfen. Ich will nur ein bisschen vom Frohmut, der mich derzeit beim Langewachsein, Liegenbleiben und Grinsen begleitet, verschenken. Jeder sollte in meinen Kanon der naiven Partymusik einstimmen können. Abgesehen davon bin ich komplett übermüdet, ich schlief die letzten Tage konsequent zu wenig, zu kurz, zu ungenau, zu wälzend, auch zu unregelmäßig und zu krumm, zu schnarchend, zu ungewollt, zu langsam, wahrscheinlich auch zu wach, zu stehend oder zu laut, aber vor allem schlief ich: zufrieden. Und von der schönen Welt zugedeckt. Schlaf gut, du Grau und wach nie wieder auf.

Die Dinger heißen Kundendifferenzierungsdreiecke

Und nicht Warentrenner.

Unglücklich versacken hier im Getrommel der kleinen Großstadt. Den Ärger des Morgens verschlafen, den Kopfschmerz-Dunst des Nachmittags schweigend über sich ergehen lassen. Abends dann in der Kneipe ausgedehnte Selbstzweifelei und sich nach neuen Sorgen umschauen. Ein neues Unheil marschiert die Tür hinein, wartet auf der Toilette oder im Portmonee. Irgendwas ist immer und überall und immer ist mir viel zu lange. Meine Woche nur eine Sekunde im lebendigen Giga-Komplex Welt und meine Worte nur ein nutzloses, unlebendiges Zitat vom Tod. Wenn ein Miniliter Regenwasser von der Decke tropft, sitze ich garantiert darunter. Tropfen auf den kalten Schein vom Sein. Keine Haare auf dem Kopf. Ungeschütztes, leeres Hirn. Die gestohlene Trinkgeldbox reicht nur für zwei Bier. Langes, schales Getränk. Die Leute haben zu wenig Geld und ich habe zu viel Durst. Zu wenig, zu viel, ständig von allem etwas und trotzdem nicht richtig. Wie ungegossene Zimmerpflanzen im Büro. Langsam verwesend, verfärbend, sterbend. Am Ende wird man umgetopft, Deckel drauf und Neues ersetzt das Leblose. Die Wahrscheinlichkeit, ausgetauscht zu werden, eine Hürde wie ein ägyptischer Turm. Klettern unmöglich.

Mein Schreibblock bleibt eine ewige Jungfer. Ideen kommen ans Fenster, winken mir zu. Sie wollen aufs Papier, sehnen sich nach Aufmerksamkeit. Ich könnte, sollte, müsste. Stattdessen ertrinke ich im Schwall der Nacht. Als Dirigent ohne Orchester.

Vom schönen Schein und wirklichen Leben

Vierzehn Uhr, Drehbeginn. Witzige Musik erklingt. Das Publikum in Studio 38 klatscht, jubelt, pupst und schaut nach links. Da springt jemand in die Manege, es ist der blondierte, pünktliche Moderator. Grinsende Rolle rückwärts, dann ein geiler Blick in Kamera 4.

„Grüß Gott, Grüß Publikum, Grüß Fernsehzuschauer! Willkommen bei ‚Wuttke‘, der Talkshow mit Wumms!“ Ein wuchtiges Wumms!-Geräusch erklingt. Das Publikum kennt das Jingle und freut sich, es endlich mal live hören zu dürfen. Der Telepromter fährt fort: „Unser heutiges Thema: ‚Hilfe! Meine Tochter geht illegal anschaffen und obwohl mein Mann Steuerberater ist, will sie die Erträge nicht von der Steuer absetzen‘! Und hier ist auch schon unser erster Gast: Melanie, 15 Jahre aus Memmingen!“ Von rechts kommt ein junges Mädchen herein, setzt sich auf den Stuhl und lässt sich von zweihundert Buh-Rufen beschallen. Sieben Sekunden lang sitzt sie regungslos herum. Dann erkundigt sich der Moderator, wie lange sie schon anschaffen gehe. Zwei Monate lang, sagt sie. Vereinzelte Buh-Rufe. Die nächste Frage fragt sie, wie viel sie pro Monat mit der Fickerei verdiene. Tausend Euro, sagt sie. Viele Buh-Rufe. Ob sie sich denn immer schütze, ist Frage drei. Ja, mit Kondomen, sagt sie. Der Kameramann winkt ins Publikum und zeigt an, dass hier nicht gebuht werden muss.

Ein Basecapmensch aus dem Publikum steht auf und der Talkshowfan weiß: Aha, da möchte wohl jemand eine Anmerkung machen. Kamera 1 hält drauf, der Moderator spaziert die Treppe zum Aufgestandenen hoch. Basecapman gibt sich zu erkennen: „Guten Tag, mein Name heißt Dieter Wedel und ick würde das Leben der kleinen Melanie jerne verfilmen, damit sie lernen tut, wie man mit ihren Problem umgehen kann! Du jehörst ins Kino!“ Melanie entkommt ihrer Regungslosigkeit und lacht vor Freude. „Ick mache aus dir einen janz großen Star!“ Nun weiß auch das Publikum, dass diese Idee sehr gut ist und manche fügen ihrem Applaus sogar Aufsteherei hinzu. Der Moderator improvisiert fremdsprachlich: „Juppie, wer sagt’s denn: a star is born in unserer Show! Tolle Sache, das!“ Melanies Mutter kommt aus dem Hinterstudiobereich herbei und fällt ihrer Tochter in die tätowierten Arme. Ein Praktikant hat Konfetti parat und schmeißt es vor die Linse von Kamera 3, welche gerade ein Freudentänzchen von Melanie und Melaniemutter filmt. Sektflaschenkorken fliegen und aus dem Nichts hört man Whitney Houston singen.

Im Hintergrund, abseits des Sichtfeldes der Kameras, schleicht sich ein Krawattenmann hinein. Er hat Mühe, sich das Mikrofon des Moderators zu stibitzen, aber als er es dann geschafft hat, hebt er seinen Zeigefinger und sagt: „Aber dass die Einnahmen ordentlich versteuert werden, junges Fräulein!“

Krieg ich auch, was?

(ich habe ordentlichen Spaß am Erstellen solcher Collagen alter Spiegel-Ausgaben gefunden, deswegen kann es unter Umständen vielleicht möglicherweise wahrscheinlich sein, dass weitere folgen.)

Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs!

Achtung, gut:

(Warum bitte schön heißen die so? Deswegen. Großartig!)

Einige mitteilungsgeile Informationen

Tärä, viel Spaß mit folgender Informationsflut:

1.) Seit etwa genau heute kann man unter der nicht sehr gut versteckten Sparte „Gemachtes“ schauen, was ich in den letzten Jahren so verbrezelt habe. Ich erlaube hiermit der Presse, diese Informationen in ihre Arbeiten aufzunehmen. Auch ein Wikipedia-Eintrag kann meinetwegen damit erstellt werden. Und ja, das mit den eingeschickten Witzen an „Micky Maus“ und „Yps“ ist leider wahr.

2.) Und seit ein paar Tagen arbeite ich als Autorenhure für „textbroker.de“. Dort schreibe ich sehr, sehr gute Texte für irgendwelche Kunden, bekomme da ein paar Euros für und vom dadurch entstandenen Überangebot an Geld kann ich mir ganz viele Qualitätszigaretten kaufen. Also, sollte sich ein Leser nicht um meine Gesundheit scheren, so kann er mich kontaktieren, dann teile ich ihm die Kontaktdaten für Textbroker mit.

3.) Die nächsten Vorlesetermine:
19.​01.​2011 – Kre­feld / Molt­ke-​Gym­na­si­um-​Kul­tur­abend (Le­sung)
21.​01.​2011 – Düs­sel­dorf / Zakk (Zwi­schen­ruf-​U20-​Slam)
04.​02.​2011 – Gre­ven­broich / Kul­tus das Cafe (Wort laut-​Slam)

(Zuletzt sind zwei Termine ausgefallen, aber da kann ich weniger für als beispielsweise „Gott“. Ich bitte um Verzeihung.)

4.) Viertens. Tschökes!

Rätsel mit 2612 Zeichen, vorne ein Emmm

Mittwochnacht in Hamburg. Kurt saß im Wohnzimmer und löste Rätsel der „Apotheken-Rundschau“. Seine Frau bezog er in die Rätselei ein: „Hilde, sag an! Scheißlanges Wort mit achtundzwanzig Buchstaben! Vorne Peeeh!“. Hilde, gar nicht dumm, schrie zurück: „Palatalisierungsassimilation!“, doch Rätsel-Kurt musste sie enttäuschen. „Passt nicht! Neunter Buchstabe ist ein Errrr!“, „Hm, Pandaausrottungsmechanismen?“, „Neee, das hat ja nur siebenundzwanzig Buchstaben! Du bist ja zu gar nichts zu gebrauchen! Hurtig, koche mir einen Kaffee!“. Hilde ging hurtig in die Küche und kochte Kurt einen Kaffee. Sie stellte dafür einen Topf lauwarmes Leitungswasser in die Mikrowelle, drückte auf einen Knopf und der Topf wärmte sich drehend auf. Dreißig Sekunden lang. Ticktackticktackticktack. Ping! Die Tür sprang auf. Hilde goss den Topfinhalt in eine witzige Tasse, gab ein bisschen Pulver hinzu und steckte ein kleines, grünes Regenschirmchen in die Tasse. Für den Urlaubsflair, meint sie. Auf Mallorca machen das alle so. Kulturelle Trends muss man übernehmen, sonst geht man nicht mit der Zeit, sondern vor die Hunde. Wuff, wuff! Kläffen, bellen, kacken, fressen, rumliegen, pupsen, entlausen, urinieren und vor allem: blamieren. Hunde sind die peinlichsten Tiere der Welt.

Hilde tappte zurück ins Wohnzimmer. „Und, Kurti, hast du des Rätsels Lösung lösend enträselt?“, „Nein, aber ich möchte des Getränkes Geschmack trinkend erschmecken! Reiche mir die Tasse!“. Hilde reichte die Tasse und rieb sich nervös ein paar Mückenstiche auf. „Wollen wir nicht mal schlafen gehen?“, „Verdammte Yucca-Palme! Du siehst doch, dass ich rätsle! Was man angefangen hat, soll man auch zu Ende bringen. Oder glaubst du, ich wäre noch mit dir verheiratet, wenn ich nicht nach diesem Credo leben würde?“, „Kann ich dir irgendwie beim Rätseln helfen?“, „Nein! Neinneinnein! Nö.“ Minutenlange Stille. Ab und an ein Schlürfen. Einmal kurz konnte man Kurt murmeln hören: „Ha! Beliebte Technik autonomer Gruppen mit zweiundzwanzig Buchstaben und einem Kaaah am Anfang, wie rotzeeinfach! Kommunikationsguerilla!“ Zögerlich sah sich Hilde ihren Mann an. Er mühte sich sichtlich ab, seine Schweißporen arbeiteten fleißig. Achselschweiß steht niemandem. Die narbigen Hände zitterten. Schließlich gaben Poren und Körper auf. Muskelkater. Der Schwächere gibt nach. „Ich werde nun doch zu Bett gehen, Hilde. Scheiß aufs Rätsel!“. Hilde sah ihm tief in die Augen. Das war ihre Chance, jetzt! „Kurt, wollen wir uns scheiden lassen?“, „Mhh. Ja.“, „Okay. Gute Nacht!“, „Gute Nacht! Übrigens, was ich dir noch sagen wollte: Pandoraarmbandverkäuferinnen.“.

Tapeten übermalen

Schlürff, schlüüüürff. Köstlich. Milchkaffee ist eine gute Sache. Ich bin jetzt schon seit neunzehn Wochen regelmäßiger Milchkaffeeschlürfer in diesem Café und das brachte mir das Du anderer Stammgäste ein. Sie begrüßen mich freundlich und beiläufig, wenn ich den Laden betrete und sagen „Tschökes!“, wenn ich am frühen Nachmittag wieder im Großstadtgewüle verschwinde. Ich weiß nicht, wie sie heißen und noch viel weniger weiß ich darüber, was sie machen, wenn nicht gerade Unbekannte begrüßt und verabschiedet werden. Habe Besseres zu tun. Denn jedes mittelgute Café bietet dem Kunden aktuelles Tageszeitungsmaterial und so auch meins. Multi-Genitiv, witzig: Material der Zeitungen des Tages. Kleine Schmunzelei am Rande. Nette Freude des Lesealltags. Ein Spaßhappen. Nun ein bisschen Milchkaffeeverbesserung mit dem Zuckerstreuer. Auf einmal: Geräusch von rechts. Ich identifiziere es als gesprochenes Wort: Tag, ich bin der Karl! Du bist doch jeden Tag hier, sag mal, wie heißt du eigentlich? Verschriftlicht sieht das harmlos und nett aus, aber geklungen hat es ganz anders. Eher so: Tach, isch binner Kaahl! Du bis doch och jeden Tach hier, sach ma, wie heissu eigentlisch? Hm, schwer. Muss man sich vorlesen. Rheinischer Dialekt ist sehr eigen und manchmal ist dieses Eigene sehr unsympathisch, aber hier sprechen alle so und wenn es mich eklatant stören würde, wäre ich längst ausgewandert. Aber zurück zum aufkeimenden Dialog. Davor: schlüüüürffff.

Ich verriet Karl meinen Namen, er nickte und stieß unüberraschte „Aha!“-Laute aus. Was sollte er auch sonst tun. Der Schrat, der also den Namen Karl spazieren trug, setzt sich. Neben mich. Sind wir nun Freunde? Am Computer braucht man nur wenige Mausklicks, das muss doch auch auf die Realität übertragbar sein. Sag mir deinen Namen und ich sage dir, welche Musik ich gerne höre, in welches Land ich bevorzugt reise und wie regelmäßig ich dusche. Und wie temporär diese Bekanntschaften sind! Wie viele Leute doch alle paar Monate ihre Handys und Facebookfreundeslisten durchforsten, um sogenannte „Karteileichen“ zum Aussortieren finden. „Karteileichen“, was für ein Wort! Ich bin mir sicher, dass es vor etwa siebzig Jahren in anderem Zusammenhang von den bürokratiesüchtigen Autobahnerfindern in den Duden gebracht worden ist, aber sagen sollte ich das besser nicht. Ganz dünnes Eis. Und Karl? Karl sitzt einfach nur da. Er wartet wohl auf mich. Ich muss den nächsten Schritt machen. Will ich? Ach, sei es drum. Und, Karl, du bist wohl öfter hier? Ja, ist er. Ich auch. Hm. Unser Gespräch kommt nicht ins Laufen. Karteileiche Karl? Ja, so wird er wohl enden. Einsortiert, aussortiert, vergessen. Karl sagt: „Na dann, bis morgen. Tschökes!“. Bis morgen und bis nie, Karl.

Gerissen und von der Steuer abgesetzt

Hilfe! Mein Dachstuhl brennt! Jemand muss für mich die Feuerwehr anrufen! Ob ich das nicht selber erledigen könne? Sicher, aber ich bin nicht der Typ, der Probleme gerne selber löst. Gelernt habe ich diese Technik im Internet: wächst mein Bedürfnis nach Hilfe, so tippe ich mein Problem in eine Suchmaschine und irgendwer wird schon die Lösung haben. Schwierig wird es, wenn man Zeuge eines neuen, zumindest online nie dagewesenen Problems wird. Hilfe! Mein Dachstuhl brennt! Einfache Haushaltstipps gibt es da nicht. Halt nur die Feuerwehr. Oder Feuerlöscher, je nach Größe des Feuers. Hm. Ob ich mich anstrengen sollte, ein weiteres Beispiel zu kreieren? Eins mit ganz viel Spektakel und Humor und Idee? Gut, wie wäre es mit folgendem: Hülfe! Meine Schwiegermutter kann mich nicht gut leiden und verwehrt mir den sexuellen Zugang zu ihrer Tochter! Ob das neu ist? Tipptipptipp, mal sehen: ungefähr 109.000 Ergebnisse bei Google. Mist. Und ja, natürlich habe ich mich eines ganz, ganz alten und flachen Witzgerüstes bedient: dem der Schwiegermutter. Haha, ja, Schwiegermütter, lustig, das ist ja immer schwierig mit denen, hahaha, jaja, kenntmanja. Ich hasse Witze zum Sichdrinwiederfinden. Bei Sat1 laufen am Samstagmorgen derartige Comedyshows aus dieser sehr tiefen Humorschublade permanent. Die Pointe kennt man immer schon, bevor sie, gekennzeichnet von Bandlachern, offenbart wird. Schrecklich. Früher mochte ich sowas. Früher trug ich aber auch grüne Hosen aus dem Kaufhof. Ich habe noch irgendwo eine CD von „Supa Richie“-Matze Knop und eine von Mirco Nontschew besitze ich wahrscheinlich sogar fast exklusiv, denn außer mir erinnern sich höchstens sieben und maximal acht Menschen noch an dieses schaurige Werk mit dem Titel „Das Album“. Oh, neues Problem: zu guter Humor. Verdammter Dammbruch, was nun? Ganz klar: Max Goldt, Heino Jaeger und Heinz Strunk. Drei ganz große, kann man bei Unwissenheit ja mal googeln.

Ein bisschen Belehrungsdrang ist immer. Nach Bus- und Bahnfahrten immer besonders. Wenn es nach mir geht, lesenhörenessentrinkenbesprechen Leute immer die falschen Dinge. Es fehlt mir an Gelassenheit, wobei ich voll von Ärger bin. Ich rede mir ein, dass das irgendwie dazugehört, das sich selber besser finden. Aber das möchte ich gar nicht weiter ausführen. Betroffenheitsprosa, getippt von pubertären Fingern, kann ich nämlich auch sehr wenig leiden und wenn ich diesen Text übermorgen oder später nochmal lese, möchte ich mich ungern selbst nicht mehr mögen. Ärgerlich, dieser Text schippert wieder in einen Strudel, den ich nicht aufhalten kann. Morgen schreibe ich lieber wieder eine absurde Kurzgeschichte mit Blödsinn. Blödsinn kann ich. Hat jemand Wortwünsche? Baue gerne irgendein lustiges Wort ein, zum Beispiel Freiluftgebäude oder Organisationstalent.

Übrigens, wenn man erst gar nicht heiratet, hat man gar keine Schwiegermutter. Ein simpler, ganz neuer Tipp! Kostenlos von mir! Für euch! Nehmt ihn euch! Bitte sehr! Macht was draus! Lieben kann man sich ja auch so.

Exklusive Vorschau: so wird 2011!

(ich weiß, den Scherz gab es an dieser Stelle auch schon 2009 und 2010 zu beschmunzeln, aber sei es drum. Danke an alle Leser für das Lesen meiner Texte! Weiter so! Applaus!)

Kinderzimmerdekoration

(Schnipsel aus: Prinz, Cicero, Spiegel [v.o.])

Ein kurzer Bericht über Waldemars Weihnacht

„Technik, die entgeistert!“ ruft Waldemar und schmeißt die neue Digitalkamera gleich wieder aus dem Fenster. Konsequent, der Waldemar. Das Geschenkpapier behält er. Getreu der alten Messi-Weisheit: davon kann man nie genug haben. Kann man wohl. Ach Waldemar! Ein Urtyp bist du zwar, aber eben auch unsympathisch. Und doof. Schließlich ist nun das Fenster hinüber und der kalte Wind fliegt ins Wohnzimmer. Windtöne verschriftlichen ist schwierig, aber in etwa: schiiiiuuuuuuw. Siehst du, Waldemar; der Lohn für deine Konsequenz ist ungemütlich. Manch einer wäre nun an der Situation verzweifelt. Gut, dass du eine Idee hast: Tesa-Film. Taptaptap, in der Küche ist noch eine Packung, taptaptap, zurück ins Wohnzimmer. Eifrig klebst du die Lücken ab, bis deine Klebestreifenvorräte aufgebraucht sind. Du taptaptapst zurück in die Küche, aber dort liegt nichts zum Verkleben Brauchbares herum. Hättest du dein Geschenk nur nicht mit so verschwenderischer Tesa-Filmerei bedacht. Zweimal vier Zentimeter-Streifen, alte Faustregel. Nur, wieso schenkst du dir eine Digitalkamera, wenn du doch weißt, dass du keinen Nutzen aus ihr ziehst? Das siebte alleine verbrachte frohe Fest in Folge hat dich wohl gaga gemacht. Ach Waldemar. Jetzt fröstelt es hier noch mehr. Schau doch mal nach, was im Fernsehen kommt. Und hol dir einen kuscheligen Kashmir-Pullover, du wirst dir noch Schnupfen und Husterei holen. Wie es wohl der Weihnachtsgans geht? Ach, bei dir gibt es heute Tütenchips mit Käsedip? Konsequent, aber doof.

24.12.

(kauft euch alle Bücher von Hugleikur Dagsson, danke. Und Frohes Fest!)

Wie einfallslos: ein Text übers Rauchen

Fast immer in der Weltgeschichte ist es doch so: irgendjemand kommt und macht einem die Freude an Freudebringendem kaputt. Da waren zum Beispiel die Ägypter, die Spaß an Sklaverei und Diebstahl hatten. Padautz, schon kam der alte Mose, teilte irgendein Gewässer und dann waren Leibeigene verboten. Rückblickend vielleicht nicht so verkehrt, aber als Ägypter hätte ich mich ganz schön veräppelt gefühlt. Kein Wunder, dass die Nilmenschen anschließend alle bescheuert geworden sind. Stichwort Einbalsamierungen und Pyramiden. So ein Unfug. Aber komme ich nun endlich zum Thema, zum Rauchen.

Um den Rauchern die Freude am Rauchen zu nehmen, bedurfte es ebenfalls eines Bärtigen: Jean-Pierre Filou. Herr Filou trug nicht nur Bart und einen schönen Nachnamen spazieren, nein, sonst wäre er auch sicher nicht berühmt geworden. Ruhm erlangte besagter französischer Gesundheitspräsident Mitte der 60er-Jahre mit der These, dass jeder Mensch sterben würde, sobald er eine bestimmte Anzahl an Zigaretten rauchte. Da flog den Lebenden natürlich der Hut hoch, ihre Münder formten ein fürchtendes „O“ und die manchmal nicht mal halb aufgerauchten Zigaretten fielen vor Schreck auf den Boden. Die Angst wuchs durch die Ungewissheit: Monsieur Filou nannte keine genaue Zahl. Nach wie vielen Kippen gehe ich denn nun drauf? lautete damals die Frage ohne Antwort. Ich weiß von Hausfrauen, die begannen, Strichlisten über ihr Quarzverhalten zu führen. Quatschidee. Zählen ab der ersten Fluppe wäre richtig gewesen. Rückwirkend zählen ist unmöglich. Ich wüsste gerne, wie viele Kippen ich seit meiner ersten Packung Marlboro weggequalmt habe. Aber nur, weil die Zahl sicher erschreckend hoch wäre. Ich lasse mich immer gerne von Zahlen schocken, lieber als von Lebensverkürzungstheorien oder anderem philosophischen Tinnef. Wie gruselig ist z.B. 9348! Oder 128! Oder 1933! Und 9999 erst! Hilfe!

Jeder Raucher weiß, dass der Moment, in dem man die stinkende Ungesundheit in seinen Körper flattern lässt, ein sehr schöner ist. Dieser Moment, wenn das Nikotin in den eigenen Körper eindringt, es ist wie eine Spritze des Glücks. Also kann ich mir die Sechzigerjahremenschen nicht erklären. Feuerzeug und Gauloises oder L&M oder Lucky Strike oder Malboro oder eine Selbstgedrehte aus der Hosentasche gefummelt, Kippe anzünden, sich zwei Züge genehmigen, froh sein. Und dann? Bimmelbimmel, dann kommt der Leichenwagen. Ein Tod durch Zigaretten garantiert demnach den glücklichen Tod, denn vor dem Bimmelbimmel kam ja das Frohsein! Hey, Sechzigerjahremenschen, wiegeilistdasdenn, glücklich sterben? Auf zur endlosen Fahrt ins Grinseland. Unfreiwillige Passivraucher sterben hingegen unfroh und ohne bimmelbimmel. Selbst schuld. Rauchen ist eben auch posthum total geil. Und ich könnte trotzdem jederzeit ohne. Ja. So ist das. Selbstverständlich. Dazu folgender Schwank: Mark Twain hat zwar Tom Sawyer verbrochen, aber als Entschuldigung hat er die feine Weisheit erfunden, dass mit dem Rauchen aufhören einfach sei, er habe es schließlich schon hundertmal geschafft. Solche Sprüchlein finden wir Raucher fast so töfte wie das Rauchen an sich. Sie legitimieren unsere Sucht. Ein bisschen. Wir lachen hustend über sowas. Bescheuert. Eigentlich sind wir fast schon eine Sekte. Ob Tom Cruise raucht? Oder ob Jesus geraucht hat? Hätte es damals Zigarettenautomaten gegeben, wäre er Stammkunde gewesen. Ganz sicher. Johannes Heesters hat neulich dem Rauchen aufgehört, habe ich gelesen. Herzlichen Glückwunsch. Idiot. Ich glaube, er hatte fast herausgefunden, von welcher Anzahl Zigaretten der witzige Franzose Filou damals gesprochen hatte.

Dann rauche ich eben weiter. Im Sinne der Wissenschaft. Prost!, oder wie wir Raucher sagen: Hust, hust!

Rest in Peace

Danke für alles, Meister. Grüß Frank von mir.

Captain Beefheart
* 15. Januar 1941 – † 17. Dezember 2010

Auf eine Kippe mit Koppruch

Das sehr, sehr gute Hamburger Label „Grand Hotel van Cleef“ bat zum alljährlichen „Fest van Cleef“ (Rückblick: 2009) und weil ich mich eingeladen gefühlt habe, war ich letzten Sonntag im Bielefelder Ringlokschuppen körperlich und geistig zugegen. Und Heissa, es war ein Fest! Es gab Glühwein, Bratwurst und Heizpilze, aber nur im Draußenbereich für Raucher und Frischluftfetischisten, die eigentliche Veranstaltung fand in einer Halle statt. Mit acht Bands auf zwei Bühnen, so dass man immer hin und her wandern musste. Wie ein richtiges Festival fühlte es sich also immerhin bedingt an, aber das Wichtigste an solchen Veranstaltungen (Ausnahmen: Wacken, Rock im Park, Rock am Ring, etc.) ist ja ohnehin die Musik. Und die war prima. Ein kleiner Eintrag ins Konzerttagebuch.

Ich arbeite mal chronologisch den Ablaufplan ab: Beat!Beat!Beat! sah ich bereits zum dritten Mal und irgendwie werde ich mit dieser Band nicht warm. Ja, nette Musik machen sie ja bestimmt, aber meine ehemalige Sitznachbarin aus dem Chemieunterricht ist auch nett und dennoch weiß ich ihren Nachnamen nicht mehr. Immerhin konnte man die durch das langweilige erste Konzert gewonnene Zeit in Alkohol- und Fanartikelkonsum investieren. Danach: wandern zur Bühne zwei, wo Tim Neuhaus auf der Bühne herumsoundcheckte. Ich setzte mich mit meiner mich begleitenden Freundin an den Bühnenrand, da spazierten Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen an uns vorbei – Gisbert hielt inne und erinnerte sich: „Ihr wart doch auch in Oberhausen, oder?“ Ja, waren wir – und tags zuvor auch in Münster. Wir verabschiedeten uns wahrheitsgemäß mit „Und nächsten Freitag sehen wir dich schon wieder, in Hamburg!“. Scheiß Groupies sind wir. Aber eigentlich wollte ich was zu Tim Neuhaus sagen, kann ich aber nicht, da mir von seinem Programm nichts im Ohr geblieben ist. War so ein Songwriter-Geschwurbel mit Drummer. War vielleicht gut. Vielleicht aber auch nur so naja. Und bestimmt was fürs Radio. Also weiter zu den mir vorab völlig unbekannten Young Rebel Set. Britische Hut-, Bart- und Unterhemdenträger, also sehr sympathisch. Musikalisch irgendwo zwischen The Pogues, Mumford & Sons und den Fleet Foxes. Aber beim ersten Hören leider auch nur nett.

Grand Hotel/Fest van Cleef in BielefeldDanach begann für mich der Festivaltag. Nils Koppruch war schließlich nicht nur zum Spazierengehen nach Bielefeld gekommen. Irgendjemand hat mal geschrieben, dass er der deutsche Tom Waits sei. Aber das ist eine noch größere Lüge, als wenn ich sagen würde, dass Birnen und Äpfel fast das Gleiche wären. Ein ziemlicher Schrat ist Koppruch (siehe Bild) dennoch, denn er nennt außergewöhnlich unschöne Cowboystiefel und einen Dreißigtagebart sein eigen. Sein aktuelles Album „Caruso“ ist einer der besten Tonträger des Jahres, übrigens. Auch auf der Bielefelder Bühne funktionierten seine Stücke, getragen nur von Gitarre (wahlweise: Banjo), Bass und Koppruchs markanter Stimme, ziemlich gut. Er sang von Liebe, Zweifeln und (gemeinsam mit zu Knyphausen) der Aussicht. Ja, das war sehr gut. Und wenn wir schon bei „sehr gut“ und Gisbert sind: Gisbert zu Knyphausen ist sowieso der unangefochtene Spitzenreiter in den Liedermachercharts. Auch wenn er seinen Vorsprung bei seinem sonntäglichen Akustikgitarrenauftritt nicht ausbauen konnte, da er ohne Band eben deutlich an Wucht und Gänsehautmomenten verliert. Egal, Freitag in Hamburg sind die Herren Bandkollegen ja wieder dabei.

Es folgten Bierstandvisitationen und verspätetes Eintreffen beim Auftritt des australischen Indie-Rock-Duos An Horse. Ein Drummer und eine Gitarristin. Ich weiß zu wenig über die Band, um an dieser Stelle nicht (wie alle anderen auch) „The White Stripes!“ zu rufen, Verzeihung. Scheint aber gute Musik zu sein. Schön auch, dass während des Auftritts Nils Koppruch aus Gründen zu mir kam und mir nach einem kleinen Plausch eine Zigarette anbot. Jetzt ist er endgültig mein Lieblingsschrat. Zu An Horse vermag ich hingegen leider nichts mehr zu berichten, daher schnell weiter zum heimlichen Headliner Thees Uhlmann, der begleitet von befreundeten Musikern zunächst zwei Tomte-Klassiker („Das hier ist Fußball“, „Die Schönheit der Chance“) und anschließend Titel von seinem im nächsten Jahr erscheinenden Soloalbum spielte. Es bleibt dabei: Uhlmann, Gründungspapa vom Grand Hotel van Cleef und seit Jahren schon der alberne Weise der deutschen Popkultur, ist ein echt prima Kerl. Und ich möchte prognostizieren, dass sein Soloalbum ein echtes Feuerwerk wird.

Grand Hotel/Fest van Cleef in BielefeldDie Kritiker werden zwar schreiben, dass sich die Songstrukturen zu sehr ähneln und dass er immer noch ein wenig nuschelt, aber diesen Leuten möchte ich jetzt schon sagen: Fresse. Bei Uhlmann selbst muss ich mich allerdings auch beschweren, denn mir an einem Abend dermaßen viele Ohrwürmer ins Hirn schießen, ohne dass ich zu Hause auf Tonträgeraufnahmen zurückgreifen kann und auf YouTube-Mitschnitte angewiesen bin – fies und gemein. Trotzdem ist Uhlmann einer der Besten unter all den Guten, allein schon wegen Songtiteln wie „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“. Am Epochialsten ist allerdings der zwei Sätze zuvor verlinkte Song namens „Und Jay-Z singt uns ein Lied“ (wer genau hinhört, bemerkt zum Ende des Liedes zwei Textzeilenverwechsler des mitsingenden Gitarristen): „Und wie häufig schlägt dein Herz? Wie häufig siehst du himmelwärts? Und wie häufig stehst du auf und freust du dich darauf? Und Jay-Z singt uns ein Lied“ singt Thees und wenn das Lied nach drei Minuten so tut, als wäre es vorbei, hauen einem die Gitarren noch einmal mächtig in die Fresse und föhnen einem die Gänsehaut auf die Arme. Sapperlot! Groß. So viel Applaus spendete ich selten.

Ganz wenig Klatscherei bekamen zum Abschluss des Tages Kettcar spendiert, allerdings nur deswegen, weil letzte Züge am Bahnhof erreicht werden wollten. Mit dem ungewöhnlicherweise nicht zum Konzertende, sondern schon nach vier Songs gespielten „Balu“ in den Ohren verließen wir frohen Mutes den Ringlokschuppen und begaben uns in die ostwestfälische Kälte. Feste soll man feiern, wie sie fallen – sagt der Volksmund. Aus diesem Sprüchlein ließe sich sicher ein lustiges Fazit für das Fest van Cleef 2010 basteln, aber schlechte Wortspiele hebe ich mir lieber für die nächste Kurzgeschichte auf. Stattdessen möchte ich diesen kleinen Bericht schließen mit: bis nächstes Jahr, Grand Hotel van Cleef-Menschen!

(Danke an Annika! Auch für die Bilder.)

Dunkelrätseldeutschland

Weil ich das hier regelmäßig voller Grinsen lese, habe ich mir gestern die SportBILD gekauft, wofür man mich bitte zurecht ächten soll. Aber darum soll es nicht gehen. Denn heute habe ich versucht, Zeitvertreiberei mit dem heftinternen Kreuzworträtsel zu betreiben, aber ein einer Stelle kam ich nicht weiter, vielleicht können mir meine überdurchschnittlich klugen Leser helfen?


(Quelle: SportBILD 49/10, Seite 64)

Es ist doch „Neuer“ gesucht, oder? Toll von den Arschlöchern der SportBILD, dass sie dem Rätselnden die Wahl lassen, ob man an der leeren Stelle ein „u“ oder doch lieber ein „g“ platziert. Einen Preis kann man übrigens auch gewinnen: ein Rasierer der Marke „Braun“ ist als Gewinn ausgelobt. Durchaus den ein oder anderen Schmunzler wert.

Und, weil mir danach ist, hier ein vergleichbarer Ausschnitt einer BRAVO aus dem Jahre 1978 (wir erinnern uns):


(Quelle: BRAVO 38/78, Seite 58)

Mir ein Rätsel.

Die fröstelnde Zellmembran des Erektionsgestörten

Herr Weber sitzt, friert und macht Verkaufsversuche. Er hat sich einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt gemietet, doch seine Engelaktbilder gehen nicht weg wie warme Handschuhbommeln. Auch am heutigen fünften Tag wird er wohl wieder weihnachtsmannrote Zahlen schreiben. Einmal kam ein Zottel vorbei und hob den Finger, denn es sei ja Pädophilie, wenn kleine Engelchen unbekleidet und beflügelt auf einer Wolke sitzen. Erworben hat er nichts. Abgesehen von den lustigen Bommelmützen, die er aber zweiundvierzig Stände weiter gekauft hat. Von erhobenen Fingern kann ich nicht leben, seufzt Herr Weber in sich hinein. Die Verzweiflung scheint sich ihn als Endwirt ausgesucht zu haben. Nicht einmal das „20% auf alles!“-Schild lockt das Interesse der Geldbörsenbesitzer. Doch noch immer kosten die Farbdrucke von Gotters Helfern mindestens 39€, selbst wenn man sich nur vom kleinsten Format (19×19cm) anregt fühlt. Ob es der Preis ist, der den Kunstverkauf verhindert? Herr Weber wagt ein Herausfindungsexperiment. Er verlässt seinen Stand, stellt sich an einen Glühweinpilz und bestellt sich ein Warmgetränk mit einem Schuss Rum. Seinen einsamen Engelaktbildstand hat er aber noch im Blickfeld. Nun bald würde er wissen, ob die irren Leute seine Weke wenigstens stehlen würden. Fünfzehn Minuten vergehen, ohne dass jemand auch nur eine Notizblocknotiz vom verkäuferlosen Engelasyl genommen hat.

Sogar der indische Maronenmensch dort drüben verkauft seine alten und heißen Maronen. Herr Weber eskaliert innerlich vor Wut auf die falschen Konsumwünsche um ihn herum. Ein Engelbild sei doch viel nachhaltiger und wertvoller, meint er. Schließlich verlören sie nie an Aktualität und Ästhetik. Sie wären ein kreatives Geschenk, nicht nur fürs heilige Fest, nein, auch für Junggesellenabschiede, Trauerfeiern oder Firmenjubiläen. Diese Meinung vertritt Herr Weber leider äußert exklusiv und erfolglos. Er aber beschließt, weiter am Glühweinstand auszuharren und sein Experiment um ein prozenthaltiges Detail zu verbessern: für jede Viertelstunde, in der niemand seinen Stand konzentriert beachtet, bestellt er sich ab nun an einen weiteren alkoholreichen Glühwein. Ohnehin würden ja viele Erfolglose ihr weniges Geld versaufen, aber im Gegensatz zu ihm sinnlos, aber er hätte ja eine berufliche Komponente in seinen Alkoholrausch eingebaut. Da in der folgenden Zeit wenig passierte, behält sich der Autor dieser Zeilen vor, ein bisschen am Minutenzeiger zu drehen – Selbe Szenerie, zwei Stunden später. Herr Weber konnte keinen echten Besucher seines Standes beobachten, dementsprechend alkoholisiert taumelte er den Makronenverkäufer an und aß ihm frech seine Ware weg. Von den Verbrennungen an seinen Fingern sollte er erst tags darauf erfahren, als er flankiert von Schmerzen unter einem Tannenbaum unweit des Bommelmützenstandes aufwachte.

Doch er hatte Glück: seine Engelbilder waren zwar voll Schnee, aber vollzählig an ihrem Platze. Herr Weber zündete sich eine Zigarette an und dachte nach.

Irgendwas mit Vorweihnachtsstimmung

Feiermorgen! Feiernachmittag! Feierabend! Oder, bündig in ein einziges Wort zusammengepackt: Feiertag. Ich knuspere am Kaffeebeilagenkeks, reinige meine Nasennebenhöhlen in der Serviette und wärme meine Hände an der zweiten Kerze. Das Radio knartzt, es erklingt Weihnachtsmusik aus der Vorkriegszeit. Weihnachten ist nicht so gemütlich, wie es mir die Reklame immer vorgespielt hatte. Man reicht mir Kirschkuchen. Kirschen assoziiere ich mit Sommer. Irgendjemand macht hier irgendetwas falsch. Am Ende des Feiertages sind wir doch ohnehin wieder allein; allein mit uns, allein mit unserem Schnupfen, einsam mit unseren Problemen – heile Welt gleich verlogene Welt. Ich habe noch dieses Foto der Soldaten im Kopf. Dieses Zweiteweltkriegsbild, wo an Weihnachten Freund und Feind das Kriegsbeil im Schnee versteckt hatten, um gemeinsam am 24.12. den heiligen Tag zu zelebrieren. Und wie endete die Geschichte? Totgeballert haben sie sich trotzdem. Verlogen, sagte ich doch bereits. Oma stellt still Schlagsahne auf den Tisch, Onkel zögert, greift dann aber doch zu. Seine Worte passen nicht zu seinem Gesicht: Mhh, lecker, Sahne. Opa pupst, lässt diesen Vorfall aber wie immer unkommentiert. Morgen schon werden sie ihre Mäuler wieder aufreißen: Junge, geh früher ins Bett! Junge, hör auf zu rauchen! Junge, und wie du wieder aussiehst! Ich weiß, unliebe Verwandte. Ich weiß. Aber wundert euch nicht, wenn ihr unter dem Tannenbaum wieder nur Champagne-Trüffel-Pralinen von mir vorfindet.

Die Feiertagsgesellschaft schweigt sich weiter fleißig an. Anwesenheit ist die Pflicht, Verschweigen die Kür. Der dumpfe Radioton bestimmt einsam die Szenerie. Tralala, Friedefreude, Kirschenkuchen. Meine einzige Freude ist ein langer, unfreundlicher Furz, den ich bewusst nicht zurückhalte, um die Reaktionen zu testen. Tante reagiert am Schnellsten: Junge, sowas gehört sich aber zu Tisch nicht! Aber aufgezwungene Besinnlichkeit hat keinen anderen Kommentar meinerseits verdient. Und ab heute bekommt der Weihnachtsmann Gesellschaft im Club der Dinge, an die ich nicht mehr glaube. Kein Grund zum Feiern.

Nur Geschichten dürfen ungestraft eingebildet sein

Ich saß am Tresen in einem Café, ich trank konzerterwartungsfroh ein viel zu kaltes Bier. Ein alter Mann setzte sich neben mich und ich bemerkte schnell, dass er durchaus klüger war als ich, denn er bestellte einen Glühwein. Ich roch ihm an, dass er Raucher war und bot ihm eine Selbstgedrehte an. Er wehrte sich nicht, wollte aber von mir wissen, was ich als junger Bub denn auf einem Konstantin Wecker-Konzert wolle. Bier und Musik, sagte ich. Der alte Herr lachte, stimmte mir zu und pustete zwecks Getränkabkühlung in seine Glühweintasse. „Na, dann viel Spaß bei meinem Konzert!“, sagte er mit einer lustigen Altemenschenstimme. Diese schöne und unernste Tonlage, die junge Menschen nicht hinbekommen, weil es ihnen noch an Erfahrung und Koks fehlt. Ich jedoch fühlte mich ein bisschen schlecht, weil ich Herrn Wecker nicht erkannt hatte, aber er war es, ja, er war es, denn drüben hing ein Plakat mit ihm drauf und ja, doch, er war es wirklich. Konstantin Wecker rettete die Situation höchstpersönlich: „Nicht schlimm, Bub, Günther Jauch hat mich neulich auch nicht erkannt.“ Ich, wieder ganz der Alte, witzelte zurück: „Der ist ja auch ein Kapitalist, der hat mit Ihnen doch auch nichts am Hut!“, Herr Wecker und ich lachten und rauchten und tranken, auch der Glühwein hatte inzwischen wohl eine trinkfreundliche Temperatur.

Nach ausführlichen Gesprächen über unsere sehr unterschiedlichen Leben reichte mir der Grand Senijöhr des Liedermaching seine linke Hand, er schenkte mir das „du“ und so ein „du“, das lässt sich gut behalten, dachte ich. Ich nahm es später mit nach Hause. Zuvor sah ich meinem neuen Freund Konstantin dann noch ein bisschen beim Musikmachen zu und ich stelle mir vor, dass er mir sogar einmal kurz zuzwinkerte. Und leider, leider war dieser Satz der einzig Wahre in dieser Geschichte. Ich füge noch einen weiteren hinzu: es gab nicht einmal Glühwein dort.

Verwandlung

Du? Opa? Wann hast du zum ersten Mal einen Schwarzen gesehen? Ihr sagtet früher ja Neger. Hattest du damals den Mund offen? Hast du ungläubig gestaunt? Wolltest du, dass er lieber weiß wäre? Bei deinem Nachmittagskaffee ist das Färben einfacher, ich weiß. Milch hinein, Kaffee rein. Vielleicht noch Zucker hinzu? Dann das Löffelchen hinzu, fein umrühren!, los Opa, du bist doch geübt! Aber verzeih mir, gewiss bist du kein Altnazi. Du bist nur alt. Kommt es zur Debatte über den demographischen Wandel, so schweigst du nur weise und alternd in dich hinein. Wandel gehen dich nichts mehr an. Schließlich hast du bereits viele mit- und überlebt. Kaffee ist immer Kaffee geblieben. Auch Meinungen hast du viele gehabt, geäußert und, falls nötig, geändert. Diesen Stress tust du dir schon lange nicht mehr an. Irgendwann ist auch mal gut und wenn es nicht gut ist, dann ist es trotzdem irgendwann wieder anders, oder: vorbei. Am letzten Wandel kommst du eben leider nicht vorbei. Milch hingegen wird es immer geben. Ob das ein Trost ist? Aber nun erzähl doch mal, Opa: wann hast du zum ersten Mal einen Schwarzen gesehen?

Kopfschmerz beginnt im Herzen

An diesem Tag, an dem ich der Straßenlaterne beim Angeknipstwerden zusehen konnte, fragte mich meine Begleitung, ob es witzig sei, wenn man eine Fantasorte „Fanta Morgana“ nennen würde. Nein, sagte ich. Schade, sagte sie. Und fügte hinzu, dass mein Humor generell ein sehr eigenartiger sei. Ob sie sich selbst für eigenartig hielte, fragte ich sie. Nein, antwortete sie. Noch viel schader, sagte ich. „Schade“ lässt sich nicht steigern, sagte sie. Weil du solche Anmerkungen verteilst und zudem über das Falsche lachst, gehe ich selten mit dir spazieren, sagte ich. Ich gehe ungern spazieren, sagte sie. Siehst du, sagte ich. Und wusste: der Weg zum Zigarettenautomaten wird in Zukunft einsamer. Nein, ich hatte nicht sie verloren, sondern sie mich, redete ich mir stolz ein. Es kann nicht jeder permanent begeistert von mir sein, weiß ich heute. Denn gerade den eigenen Geist soll man möglichst lückenlos durchleuchten, bevor er vor lauter Flausen unsichtbar und ätzend geworden ist. Selbstwusstsein ist nämlich oft ein freches Gut. Man muss doch auch zittern dürfen, wenn man mal bewusst lügt oder sich unwohl ist beim Wechselgeldzählen.

Wer sich selbst vertraut, der kennt sich selbst zu gut oder wenig oder schon viel zu lange. Für diese Erkenntnis brauchte ich Jahre, genauer gesagt die zähen Jahre der Pubertät. In dieser Zeit trifft man den Alkohol, die Abkehr von einst heiligen Kuscheltieren und dennoch, hoffentlich, die Liebe. Am besten sogar die Liebe zu sich selbst, weil man selbst immer das größte Arschloch bleibt. Weil man sich nicht meldet. Weil man Pfandflaschen wegwirft. Weil man versucht, mit fremden Federn zu fliegen. Ich aber will fortan spontan sein und dennoch zielgerichtet. Das freundliche Wort gepaart mit dem Gedanken ist das Ziel. Der Gedanke an das Gemütliche, an die Zuverlässigkeit der Straßenlaternen und an die Gelassenheit. Pinkelt dir mal einer vor die Haustür, so mach den Gartenschlauch an, nicht den Pinkler. Er wollte dir nichts Böses. Er wollte nur er selbst sein. Er hatte wohl einfach nicht genug Selbstbewusstsein. Oder zu viel? Mache Dinge, die sind so verquer. Aber „Fanta Morgana“ ist mir heute durchaus einen Schmunzler wert. Es tut mir leid, Zigarettenmädchen.

Sand wie Heu im Stall am Meer

Wir befinden uns in einem beliebigen Kaufhaus. Kind zerrt Mutter jauchzend am Arm. Ein Dialog wird geboren.

Kind: (hektisch): „Mutti, bitte, ich möchte, dass dieses heitere Eiffelturmpuzzle in meinen Besitz übergeht! So erwirb es mir doch bitte! Du weißt doch: Puzzeln ist mein ungeheimes Steckenpferd, sozusagen mein Zusammensteckenpferd, hoho! Haha!“
Mutter (kalt): „Nein, Kind.“
(Traurige Stille. Kind entschiedet sich spontan für Tränenausschuss.)
Mutter: „Du weit, dass wir uns finanziell derzeit keine Steckenpferdsprünge erlauben können, Kind.“
Kind (schnauffend): „Mein Wortspiel war besser, schnüff! (holt Luft) Aber reite du nur weiter auf meiner Unzufriedenheit herum! Ich bin doch ohnehin nur noch dein zum Prestigeobjekt degradierter Sattelschlepper. Seit Vati fortgallopiert ist, genüge ich dir nur noch als menschlicher Lockduft für Frischfleisch. Du zerrst mich zu Singleparties, damit die wilden Hengste ein Gespräch mit dir beginnen. Du willst doch einfach nur wieder geritten werden!“
Mutter (bleibt uninteressiert): „Los, eile, die Kutsche namens Bus wartet gewiss nicht auf dich und mich.“
Kind: „So höre mir doch zu! Was interessiert mich der Bus! Es bleibt die traurige Tatsache, dass du meinen Kinderschweiß für deine Zwecke missbrauchst! Und was bekomme ich zum Dank? Zweitklassige Wortspiele statt erstklassiger Ravensburger-Puzzles! Ach Muttertier, du Luder! (frech) Höhott, na wo ist er denn, der nächste goldene Reiter? Na?“
Mutter: „Ich gebe zu, deine Wortspielerei ist durchaus amüsant, aber es bleibt bei der Konsumverweigerei. Doch wir können den Spielplatz visitieren, wenn du magst.“
Kind (blickt nun gehässig hinauf): „Hoho, gehen wir zum Moritzplatz; dort gehört ein Schaukelpferd zum Inventar? (Der Ernst kehrt zurück) Nein, mein einziger Wunsch bleibt das Tausendteilepuzzle. Siehst du meine zittrigen Hände? (zeigt seine Hände) Sie fordern den Eiffelturm! In tausend Teilen! Jetzt! Sofort! Und vergiss bloß das Geburtstagsgeschenkargument, es ist und bleibt ein leeres Versprechen! Du schenkst mir ja doch wieder nur Unfug. Ich erinnere dich an das Wendy-Abonnement im letzten Jahr.“
Mutter (endlich genervt): „Weißt du, was ich mir wünsche? Ein ruhiges, spielplatzliebendes Kind. Und einen Mann mit Pferdeschwanz. Frisur egal.“ (kichert)
Kind: „Mutter, dieser Witz ist von schlauen Kindern wie mir wegen fehlenden Tiefgangs verpöhnt. Und zudem nicht meinem Alter entsprechend. Nimm doch spaßeshalber einmal an, ich wäre nicht so ein forscher Springinsfeld; sollte ich mir den Witz von dir erklären lassen? Du kämest in Windeseile in Erklärungsnot. Um zu den heiteren Wortspielen zurückzukehren: deine Erziehung trottet im Schrittempo voran, wage doch wenigstens mal den Trab! Ich möchte nicht so güterlos enden wie du, du Zierpony!“
Mutter (will schlichten): „Du hast meine Nerven nun entschieden zu lange gekitzelt! Darum tausche ich deine Ruhe gegen folgenden Vorschlag: wir gehen heute Abend zu McDonald’s, wie wär’s?“
Kind: „Die haben ja nicht mal einen McHorse!“

Kind schweigt und grinst, Mutter sucht den Bus.

Für Annika

(Quelle: 11Freunde #109, Seite 73)

Der kalte Tag, an dem ich beschloss, dass Porzellan ab nun ein Gestein ist

Du kannst doch nicht ewig mit dem Bleistift gegen den Schreibblock klopfen und hoffen, dass eine kluge Metapher vom Himmel direkt in dein Gehirn rutscht. So eine Rutsche gibt es gar nicht! Verstehst du, was ich dir sagen will? Der Fisch muss dem Fischer schmecken, nicht der Schleuse. Oder, anders gesagt: wenn man Zahnschmerzen hat, geht man zum Zahnarzt. Wenn mal Pinienkerne möchte, sucht man den Wochenmarkt auf. Und wenn der Sinn nach frischen Geistesblitzen lechzt, geht man raus vor die seltene Tür. Dahin, wo all die Geschichten herumfliegen! Und nein, denk jetzt bitte nicht an Zeppeline oder Helikopter, nein, in solchen Gerätschaften sind die schönen Geschichten nicht unterwegs. Aber, wenn du Metaphern so gern magst, biete ich dir kostenlos die folgende an: die Geschichten befinden sich in Luftballons und dein Verstand ist der Pfeil, mit dem du sie greifbar und erntereif zauberst. Ein gezielter Wurf und der geheime Inhalt der Ballons wird in deinen Besitz schweben! Such vor allem nach dem literarischen Bullseye deiner Wohngegend! Das linke Auge bei der Jagd aber unbedingt zukneifen, damit sich dein literarischer Horizont erweitert. Weniger sehen ist manchmal mehr und manch ein Detail wird an dir vorbeiflattern, wenn du deinen Spürsinn stur auf das große Ganze richtest. Ein weiterer Geheimtipp, so von Hobbyschütze zu Hobbyschütze: wenn ein Luftballon in einem Baum zappelt, dann wird das einen Grund haben. Und vergiss nicht: dein Stift wird später dein Mähdrescher sein. Da kannst du also keine trivialen Kastanien gebrauchen, denn die zerstören deine mühsame Pfeilschießarbeit. Lass also liegen, was dir für deine Absichten ungelegen erscheint. Und zurück am Schreibtisch, bei der Auslese der Ernte, brauchst du schließlich nur schmackhafte Zutaten für der Zubereitung des Ganzen. Niemand mag Gewürznelken! Desweiteren kochst du am besten ohne Rezept und mit viel Mut. Schmeiß ruhig ein wenig Unreifes und Gewagtes hinein! Mische Porzellan und Marmor, letztlich ist beides Gestein! Bei lodernder Ungewissheit koste ruhig ab und an testend am Süppchen, aber verbrenn dir nicht die Löffel. Die wirst du noch brauchen, mein Freund! Verschwendung ist der eheliche Sohn des Unschönen. Aber bei richtiger Vorgehensweise wird dein Ergebnis irgendwann ein leckerer Anekdotensalat auf dem einst so hungrigen Notizblock sein.

Na, das war eine clevere Umschreibung, oder? Oder? Oder? Gefällt dir sowas? Na dann, die Tür steht vor dir. Ich könnte dir natürlich den Schlüssel leihen, wenn ich ihn denn besäße.

Fick dich, Hannah Montana!

Zu den schönsten Dingen, mit denen man die Zeit überholen kann, gehört das Ansehen alter Fernsehserienintros. Intros alter Cartoonserien, wie sie damals so unschuldig und fern aller Sorgen über die Röhrenfernseher flimmerten. Wenn man beim Anschauen der Anfangsmelodien von „Duck Tales“, „Käpt‘n Balu“ und „Rockos modernes Leben“ Gänsehaut bekommt, dann hat man als Kind in den 90ern so einiges richtig gemacht. Da gab es „Chip & Chap“, wo Ahörnchen und Behörnchen Detektive spielen und als „Ritter des Rechts“ bösen Schurken auf den Kopf hauen. „Boings“ haben die Bösewichter dann gemacht. Damit waren sie besiegt. Tatort für Kinder. Wie großartig das alles früher war. Oder: „Zwo, Eins, Risiko“! Darkwing Duck! Oder die Gummibären! Sie waren immer für dich da, wenn du sie brauchtest. Disney war damals noch so ein sympathisches Unternehmen. Die iPhone-Kinder von heute wissen ja gar nicht, was sie verpassen. Ich möchte hier aber gar nicht weiter schwafeln, denn: ältere Leser werden mit diesen Zeilen nichts anfangen können und diejenigen, die jetzt im Kopf „Ooooh, ja! Duck Tales! Yuppie!“ schwärmen, denen möchte ich nicht weiter Zeit rauben. Denn die Zeit braucht ihr, meine Freunde, für dieses Video, mit dem garantiert jede Langweiligparty und noch so ansatzlose Gesprächsrunde in ein großes Freudenkonzert verwandelt wird:

http://www.youtube.com/watch?v=GsNr1sHCIzg (Einbetten geht nicht, aber klickt kollektiv auf diesen Link, bitte!)

Schnüff.

Die teuersten Produkte bei Amazon

Viermal hintereinander im Lotto gewonnen? Oder einen Goldschatz gefunden? Bill Gates geheiratet? Oder einfach nur auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk? Es muss ja nicht immer ein Wochenendurlaub in Cannes sein. Hier die aktuellen Schnäppchen von Amazon.de:

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UhrenPaul Picot Herrenmodelle Atelier La Rattrapante (EUR 61.870,00)
ZeitschriftenSonoma Magazine (EUR 4.284,28)

(Alle Preisangaben inkl. MwSt. / Stand: 10.11.2010)

Ein gekauftes Interview mit Onkel Fisch über ihr Buch „Bewusstlos zum Glück“

Onkel Fisch - InterviewSchon wieder ein Interview mit Onkel Fisch! Heute aber exklusiv mit Grund: meine besten Freunde Markus und Adrian haben ein Buch geschrieben. Ihr Universallebensratgeber „Bewusstlos zum Glück“ soll von euch allen gekauft und geliebt werden! Es ist sehr hilfreich. Seit der Lektüre hat sich mein Leben deutlich verbessert, so ist beispielsweise mein Bücherregal nun weitaus imposanter und um ein sehr, sehr gutes Buch reicher. Und das sage ich nicht, weil Adrian und Markus meine besten Freunde sind. Nein. Das sage ich, obwohl sie es sind. Lest also nun das unfassbar gute Interview und erfahrt, warum ihr „Bewusstlos ins Glück“ unbedingt braucht – und warum meine Freunde Adrian und Markus mich siezen.

ONKeL fISCH: Zuerst ein paar praktische Fragen, die uns zeigen sollen, ob Sie unser Buch „Bewusstlos zum Glück“ überhaupt gelesen haben. Frage: Was sind für Sie die größten Vorteile von Eastern Creeping gegenüber herkömmlichen Nordic Walking?

HerrSalami.de: Hallo Freunde! Ja, natürlich habe ich euer Buch gelesen, ihr habt es mir schließlich geschenkt. Ich las es im Zug und ich vermute, dass der Herr, der ab Bochum neben mir saß, nur wegen des Mitlesegenusses freiwillig drei Haltestellen weiter gefahren ist, als er eigentlich nötig hatte. Er wollte unbedingt mitlesen! Die Kraft eures Buches spüren! Vom Kuchen des endgültigen Glücklichseins mitessen! Ein wenig frech und schade für euch, da er dafür keinen Cent bezahlt hat, aber ich zwinkerte ihm beim gemeinsamen Ausstieg in Hamm (Westf) die Bitte zu, das Buch käuflich zu erwerben. Auch, damit er das von euch angesprochene Kapitel „Eastern Creeping – Power-Kriechout für Jung und Alt“ lesen kann. Dort werden die größten Vorteile von Eastern Creeping gegenüber herkömmlichen Nordic Walking erklärt. Von Seite 82 bis 93. Die Seitenzahlen wusste ich auswendig. Und der größte Vorteil von Eastern Creeping gegenüber herkömmlichen Nordic Walking ist natürlich, dass es nicht in Witzen von Mario Barth auftaucht. Aber, Freunde, was ich mir beim Lesen des Kapitels „Kräuterkerzen – Heilung von Hinten“ gefragt habe: welche Volksgruppe hat eigentlich Probleme bei der Vorstellung, sich eine brennende Kräuterkerze in den Hintern zu propfen?

Wir Europäer haben Probleme bei der Vorstellung, uns eine brennende Kräuterkerze in den Hintern zu propfen.

Achso.

Aber Mönche aus dem Mittelalter hätten auch Probleme mit der Vorstellung gehabt, warum Menschen sich RTL2 angucken. Was bevorzugen Sie?

Ich persönlich bevorzuge natürlich Kräuterkerzen. Sicher, auch RTL II ist für den Arsch, aber wie man eurem Buch („Bewusstlos ins Glück“, hier kaufen) entnehmen kann, sind Kräuterkerzen im After deutlich gesünder als „Frauentausch“ und die „RTL II News“. Außerdem wird sich Mönch Quintus von Ulm (1067-1233) etwas dabei gedacht haben, als er damals vor der schweren Entscheidung stand: erfinde ich nun Kräuterkerzen oder RTL II? Dass er sich für Ersteres entschieden hat, spricht doch für sich! Und für Kräuterkerzen! Ich selbst bin nun ein großer Freund von Petersilienkerzen im Po geworden; just in diesem Moment, beim Beantworten eurer Fragen, brennt eine solche Kerze in meinem Hintern. Fühle mich merkbar besser, aber habe ein wenig Angst vor dem nächsten Stuhlgang.

Das Schrankorakel – Niemanden in eine Schublade stecken. Ein Blick in den Schrank genügt und der Patient liegt wie ausgezogen vor uns. Führen Sie bitte ein Selbstanalyse anhand ihres Jugendzimmerschrankes durch.

Gern.

Wir sehen hier meinen Jugendzimmerschrank – ein Wandschrank. Was hat dieser Umstand zu bedeuten? Möchte ich mit dem Kopf durch die Wand? Mit der dort hängenden Lederjacke zu Punkkonzerten? Oder einfach nur fort? Wahrscheinlich. Dafür sprechen mehrere Dinge: wir sehen beispielsweise am linken Bildrand zwei Schallplatten (The Kinks – Give the People What They Want / Ideal – Der Ernst des Lebens) und auf beiden Covern rennt irgendjemand irgendwovor weg. Die Zeitungsschnipsel rechts daneben sind auch eindeutig: die Beatles schwimmen weg und Menschen sitzen auf einer Mauer. Darunter steht: „Bloß weg hier!“. Und rechts oben auch noch ein wütender, schwarzer Schlumpf (nicht zu verwechseln mit dem schwarzen Hutträger über den Beatles oder den schwarzen Muskelmenschen ganz unten)! Aber alles wird gut. Denn es stehen bereits 2 (zwei! 5-3!) Schuhe bereit, zum Fortlaufen benutzt zu werden. Und auch die beste Lektüre fürs Glücklichwerden steht zufällig im Wandschrank herum: „Bewusstlos zum Glück„!

Was halten Sie, als Internet-Bloger, von unserem Diättipp: Einfach mal das Essen weglassen und Elektrosmog positiv nutzen?

Viel, vielleicht sogar mehr! Denn wir ihr in eurem Buch („Bewusstlos zum Glück“) feststellt, ist Elektrosmog überall, kostenlos und echt lecker. Und Ernährung auf Elektrosmogbasis spart auch verdammt viel Zeit, verbrachte ich mit dem vorherigen Essen von handelsüblichen Nahrungsmitteln (Pizza Tonno, Waldmeisterpudding, Spätzle) doch rund ein Drittel des Tages! Sodass nur rund drei Viertel des Tages für Geschlechtsverkehr, lesen („Bewusstlos zum Glück“) und schlafen blieben! Aber nun habe ich Spannung in mein Leben gebracht. Wer hätte gedacht, dass Batterien so schmackhaft sind? Ich nicht! Und Elektrosmog ist echt töfte! Wenn nur der Hunger nicht wäre…

Herr Salami, Sie scheinen ein kulinarisch geprägter Mensch zu sein. In letzter Zeit sind viele vergessene Gemüse wie Pastinaken oder Bärlauch wieder aufgetaucht, aber kennen Sie auch kleine Äste – das vergessene Gemüse? Nennen Sie uns Ihre 547 Lieblingsrezepte!

In eurem Buch („Bewusstlos zum Glück“) stehen doch nur fünf Rezepten mit kleinen Ästen (z.B. „Rinde-Bouillon“ oder „Baumkuchen“, mhhh!), woher soll ich 542 weitere Gerichte kennen? Sehe ich aus wie ein Koch? Wie sehe ich überhaupt aus? Was ist eigentlich gesünder: Elektrosmog oder kleine Äste? Was ist der Sinn des Lebens? Stellt ihr jetzt bitte die nächste Frage? (Abgesehen davon kann ich gebrannte Astanien nur empfehlen, Asta Asciutta ebenso.)

Ja. Seien Sie ehrlich: Wie hoch ist ihr Wellness-Quotient (WQ) und warum?

Der Test sagt:

12.000-~ Punkte Typ Großer Buddha (WQ 256)
Glückwunsch! Sie haben gepfuscht. Test noch mal machen!
Sie erhalten die Waschmaschine mit der Post.

Ich habe ihn daraufhin nochmal gemacht, aber das Ergebnis blieb das gleiche. Vermutlich, weil ich die selben Antworten gewählt habe wie zuvor. Aber ich wollte eben nicht lügen! Bekomme ich eigentlich nun zwei Waschmaschinen? Meine Adresse habt ihr ja.

Herr Salami, als begeisterte Leser Ihres Blogs, als Bewunderer Ihrer Schönheit und Ihres Wohlgeruchs, lassen Sie uns noch diese Frage stellen: Was halten Sie von anbiedernder Lobhudelei zum Zweck des Verkaufes des Buches „Bewusstlos zum Glück“ zum Preis von nur 14,95€ in allen Buchhandlungen ihres Vertrauens?

Lobhudeleien kann ich grundsätzlich nicht leiden. Auch nicht, wenn es sich um sehr, sehr gute Produkte handelt (wie zum Beispiel das Buch „Bewusstsein zum Glück“, eine „Paul Picot Herrenmodelle Atelier La Rattrapante“-Uhr oder eine preisgünstige Druckerpatrone). Außerdem möchte ich nicht, dass auf meiner Seite irgendeine Art von Werbung zu finden ist. Auch heimliche, in Klammern versteckte Werbung, kann ich überhaupt nicht leiden. Meine überaus intelligenten und wenigen Leser sollen selbst entscheiden können, welches Buch sie unbedingt kaufen sollen (-> „Bewusstsein zum Glück“) und welches nicht (-> „Nur die Harten kommen in den Garten!: Der Weg zum Superstar“).

Sie haben uns um ein kostenloses Freiexemplar unseres Buches „Bewusstlos zum Glück“ mit dem Argument einer Rezension gebeten – dann jedoch, um beim Leser den Eindruck einer offensichtlich gekauften Lobhudelei zu vermeiden, die Idee mit diesem Interview geboren. Ist Ihr Plan aufgegangen?

Ja. Meine Leser werden herauslesen können, dass ich mich überaus kritisch und ausreichend mit dem Buch „Bewusstlos zum Glück“ beschäftigt habe, um sagen zu können, dass es sehr, sehr gut ist. Aber, um es endlich mal sagen zu können: „Bewusstlos zum Glück“ ist ein überaus gelungenes, witziges Buch mit Absurditäten, Blödsinn und genau der richtigen Prise Beklopptheit. Tolles Autorendebüt! Ihr könnt aber auch alles, Freunde! Weiter so! Bis zum nächsten Interview, wenn ihr euren ersten Kinofilm gedreht habt.

(Dank an Onkel Fisch für das Interview!)

Top 5 der dümmsten Tweets von Dr. Kristina Schröder

Kabarettisten sagen, dass es gefährlich ist, wenn Politiker sagen, was sie wirklich denken. Ein besonderes Beispiel für diese These ist Dr. Kristina Schröder – Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ihr oft Dummes und selten Schlaues Interview im heutigen SPIEGEL (und auch das hier) hat mich dazu bewegt, mir mal anzusehen, was die bürgernahe Sympathieträgerin im Netz so an Stuss verteilt. Ich wurde fündig. Zum Beispiel voll cool jugendlich und modern bei Twitter. Hier meine persönliche Top 5 ihrer Tweets.

Aber: Eine Familie in Hartz IV, 2 Kinder, erhält inkl. Elterngeld 1885 € vom Staat. Netto! Ist das gerecht gegenüber denen, die wirklich arbeiten?
6:11 PM Jun 7th via Twitter for BlackBerry®

Sie erhält als Ministerin 12.860€ vom Staat. Netto! Pro Monat! Plus Nebenverdienste! Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?

Fahre gerade von „Hart aber fair“ nach Hause. Meine Eltern sind zufrieden, dann ist ja alles gut :-)!
7:30 PM Nov 3rd via Twitter for BlackBerry®

Fanden andere jetzt nicht so :-)!

Komme gerade von der Eröffnung der „Respect-Gaymes“, bei der Heterosexuelle gegen Homosexuelle Fussball spielen.
7:53 AM Jun 5th via Twitter for BlackBerry®

Jetzt dürfen nur nicht die schwulen Mannschaften auf den letzten Plätzen landen, schliesslich sollen ja Vorurteile widerlegt werden ;-).
7:54 AM Jun 5th via Twitter for BlackBerry®

Freiwillig komisch oder unfreiwillig dumm ;-)?

Heute morgen bei der Kika-Sommertour in Wiesbaden durfte ich mit meinen (früheren) Idolen Ernie und Bert auf der Bühne stehen!
6:16 PM Aug 22nd via Twitter for BlackBerry®

Das hat Bert nicht verdient! Ernie vielleicht, aber hmm, nein, auch er nicht. Wozu eigentlich die Klammern?

Wurde heute bei einem Termin in Rosenheim in Bayern von Redakteuren von „Extra 3″, meiner Lieblings-Satiresendung, erwischt.
Donnerstag, 29. Juli 2010 20:59:41 via Twitter for BlackBerry®

Ich hoffe, ich konnte mich einigermassen wacker schlagen…
Donnerstag, 29. Juli 2010 21:00:08 via Twitter for BlackBerry®

Naja.

Aber schon irgendwie süß, die Kristina. Mal sehen, was aus ihr wird, wenn sie groß geworden ist.

Rückwärts gelesen eine Mischung aus Pulli und Etui

Stammleserin Charlotte hat mich neulich in den Kommentaren auf sie aufmerksam gemacht und nun weiß ich von Illutes musikmachender Existenz. Ich bestellte mir ihre CD und möchte euch empfehlen, mich in diesem Punkte als Vorbild zu nehmen. Das, was die singende Frau da auf „immer kommt anders als du denkst“ tut, nennt man im Musikgenredeutsch „LoFi“, glaube ich, aber wen interessieren Schubladen, wenn der Schrank gefällt. Huch, wie poetisch. Verzeihung. Weiter im Text: mit deutscher Musik bin ich sehr gut befreundet, aber gute deutsche Sängerinnen gibt es pervers wenige. Johanna Zeul fällt mir da spontan ein. Christiane Rösinger und die Lassie Singers überhaupt und sowieso. Aber sonst? Definitiv Illute. Bürgerlich heißt sie Ute Kneisel, aber das verzeiht man ihr gern.

Illtues Debutalbum „immer kommt anders als du denkst“ gegen Geld ertauschbar bei Analogsoul.

If you don‘t put your two cents in, how can you get change?

Kurze Kurzmitteilung: wer will, darf jetzt Geld fürs kostenlose Lesen meiner Texte bezahlen. Und wie? Ganz einfach. Man suche den Flattr-Button rechts in der Leiste – oder klicke auf diesen Link:
http://flattr.com/thing/80338/HerrSalami-de
Eigentlich möchte ich Flattr nur dafür nutzen, befreundeten Blogs ein paar Cents aus meinem Portmonee zu schenken. Aber wer will, darf auch mir ein paar Brocken des eigenen Reichtums abgeben. Danke.

(Leser, die die Frage „Was ist Flattr?“ beantwortet bekommen möchten, finden sicher Suchmaschinen, die das Antworten für mich erledigen.)

Von Doppelnullen und dem Kribbeln im Unterleib

Auf die Tür einer Pinkelkabine der Herrentoilette des Duisburger Hauptbahnhofs hat ein einsamer Mensch geschrieben: „Suche russische Frau für Dates“. Namenlos nur mit Handynummer versehen. Toiletten sind und machen eben einsam. Oh du stillstes Örtchen, wieso nennt man dich verniedlicht so, wo du doch meistens so unniedlich und gar kalt bist? Elvis Presley ist angeblich auf der Toilette gestorben. Auch wenn man sich auf der Toilette erleichtert, die größere Leistung des Lokus‘ ist eben doch die Erschwerung. Die Erschwerung von allem. Der miefende Alltag klettert die unschuldig sitzenden Knie hinauf, das Toilettenpapier ist unbeschrieben wie man selbst und am Ende des Tages ist dann doch alles voll mit Scheiße. Trotzdem wäscht man anschließend artig seine Hände. In Unschuld, natürlich. Aber von wegen entleert: der Zweifel ist ein dauerhafter Wirt. Dennoch hastig zurück ins Bunte, die Sorgen längst wieder weggespült. Jaha! Immer nur rein und raus: das ist verkehrt. Ständig die Hast, niemals bleiben sie stehen. Nie schauen sie mal in den Spiegel, er hängt herum und möchte benutzt werden. Sie lassen sich nicht erschrecken, so wie damals in der Geisterbahn. …~ Nur die Glücklichsten können es sich leisten, beim Stuhlgang zu lesen oder Gameboy zu spielen. Anstatt die Probleme auszusitzen, haben sie auf der Toilette die besten Ideen und finden es entspannend dort. Diese reinen Leute sind Selbstzweifeln und Einsamkeitsgefühlen gegenüber resistent. Sie fürchten sich nicht vor der Wahrheit, die auf der Toilette hockt und beißt und pieckst und tritt und nicht wegspülbar ist.

Es ist unfein, der zweiten Gruppe der Zufriedenen und Gefühlsgesunden anzugehören. Aber was, wenn man derzeit einfach viel zu wenig Gründe zum hat? Es stirnrunzelt sich derzeit eben sehr schlecht bei mir1. Ich spiele „Super Mario Land“ auf der Toilette. Heute habe ich viel gegrinst. Ich esse die Suppe derzeit mit der Gabel. Die Duisburger Toilettenschmiererei hätte aber auch mal von mir stammen können. Viele schlechte Poeten haben sie ja bereits angesprochen, die fiesen Nebenpfade, die auf dem Weg zum Glück warten. Ich habe sie alle durchquert! Ich prügelte mich mit Igeln und schwamm durch Pfützen! Ich widerstand dem Baum der Erkenntnis; ach was, ich widerstand einem ganzen Wald! Und nun Hallöchen, Pfad des Glücks! Hier bin ich, hier ist mein Grinsen! Ich werde nun auf dir spazieren! ~ Ob der tatsächliche Herrentoilettenautor dem unausweichlichen Leben inzwischen ähnlich unbeschwert zuzwinkern kann wie ich? Irrte sich eine adrette Russin an der Toilettentür und hat sich in ihrer Verwirrung auf seine Annonce gemeldet? Kann er jemandem die Hände reichen und sagen: Hey, komm, wir fahren nachts mit der Elbfähre Glückstadt–Wischhafen die Elbe hinauf und trinken dabei ein gutes Getränk! Einfach nur so, weil wir es können! – Kann er? Kann er?…

  1. vgl.: Du hast gelogen, als wir das Geld sammelten, Zeile 1.

Alljährliche Gruselei

(kaut euch alle die Bücher von Hugleikur Dagsson, danke.)

Urknallerbsenstrauch

Kastanienmännchen gehören abgeschafft. Pflanzen, die mehr als einmal täglich Wasser benötigen, müssen verboten werden. Ich bin für die Abschaffung von Peniseinführungsgebühren. Und weil ich das alles derzeit noch exklusiv denke, werde ich spätestens in meinem nächsten Leben werde Politiker auf ganz, ganz hoher Ebene. Bundestag reicht mir nicht. Europaparlament ist zwar nett und fein und groß und bestimmt auch für irgendwas wichtig (Europa?), aber wenn man wirklich mal auf den Mahagonitisch hauen will, muss man ins weiße Haus. Aus den amerikanischen Nachmittagssendungen habe ich gelernt: Amerikaner sind nicht so schlau wie, zum Beispiel, finnische Kinder. Deswegen ist es in den USA auch so einfach, Präsident zu werden. Forderungen werden dort jubelnd durchgewunken, sobald man sie mit zwei bis drei Kilo Pathos serviert -…Amerika braucht jetzt ein Kastanienmännchenverbot, damit die Welt in Frieden leben kann! Wir Amerikaner sind stolz auf unser Vaterland und auf unsere glorreiche Geschichte und I have a dream und der Irak kann nur demokratisiert werden, wenn Kastanien nicht länger von Streichhölzern und ach so kreativen Kinderhänden penetriert werden. Time for change! Wählt mich! – So oder so ähnlich. Nur eben auf Englisch. Die Menschen in Amerika sprechen nämlich gar kein Deutsch. (In der Schule aufpassen lohnt sich manchmal eben doch, denn hätte ich dieses Faktum nicht parat, wäre das ganz schön peinlich für mich; so ganz viele Zuhörer und alle gucken nur unverstehend herum, man stelle sich das nur mal vor!) Auf der Englischübersetzungenfachmannseite „leo.org“ diskutiert man derzeit darüber, wie man „Kastanienmännchen“ vernünftig übersetzt. Aktuell im Rennen: „Chestnut man“, „Chestnut manikin“ und „conker man“. Letzteres soll allerdings „British English“ sein, kommt also nicht für meine amerikanische Wahlkampfrede in Frage. Außerdem erhält man das hier, wenn man danach googelt.

Hodentorsion sollte übrigens auch abgeschafft werden. Sieht einfach nicht ästhetisch aus. Aber auch darum kümmere ich mich, wenn es soweit ist. Oma meint, zu weit im Voraus planen ist verkehrt. Aber ich glaube es war Goethe, der mal gesagt hat, dass man nicht auf morgen verschieben solle, was man auch heute tun könnte. Ich wäge nun also ein bisschen zwischen Oma und Goethe ab. Kann danach ja entscheiden, ob ich lieber morgen oder heute Präsident der USA sein möchte. Vielleicht mache ich das aber auch davon abhängig, auf welche Übersetzung sich die „Leos“ nun einigen. Bin für „Chesnut manikin“. Übrigens, lang lebe Vic Chesnutt.

Halt still, sonst kommt dir das Shampoo in die Augen und es tränt

Tiefgründig recherchieren heißt, die Wurzel einer Begebenheit auszubuddeln oder sie wenigstens ein bisschen mit dem Spaten an ihr zu klopfen. Buddeln kostet Kraft. Also kein Buddeln. So schüttle ich behutsam den großen Informationsbaum; ein paar Happen Infoobst werden sich gewiss von ihren schwachen Ästen trennen lassen. Und siehe da, der Mammutbaum des Wissens zeigt sich spendabel. Danke, Wikipedia. Wikipedias gesammelte Ausführungen zum Thema stillen meinen kleinen Hunger in diesem Falle vollkommen. Auch wenn Kalenderspruchgutfinder nun krakeelen werden, dass man nie genug wissen könne. Oh, ihr Kalenderspruchbesitzer, was wisst ihr denn schon. Vom Datum mal abgesehen. Eben dieses braucht man sich sowieso nicht merken, so schnell wie es sich in einer unsympathischen Regelmäßigkeit ändert. Vorgestern ist übermorgen schon letzte Woche, oder so ähnlich. Nein, anders, denn ausschließlich am Wochenende könnte man diesen Satz sagen, ohne peinlicherweise im Unrecht zu sein. Ich kenne aber auch Leute, die mit voller Absicht derlei Falschheiten in Gespräche puzzeln. Clever, denn objektiv Falsches ist Medizin für jedes Gespräch. Balsam für die Konversation. Sanostol für den Schwatz. Neinsager sein ist gesund. Jasager sterben unglücklich und vollkommen zurecht: in der Hölle wartet bereits der Kopfnickausnutzer Satan und schwingt sabbernd seinen Dreizack, der die frisch gestorbenen Jasager daran erinnert, dass sie ruhig Jasager bleiben dürfen – sie werden schließlich noch für schwere körperliche Arbeit benötigt. Jasager müssen nämlich in der Hölle Pyramiden und sinnlose Statuen bauen und zwar rund um die Uhr. Seht ihr, liebe Jasager, dann kann euch auch scheißegal sein, mit welchem Datum sich der Tag schmückt.

Und Neinsager? Wir mutigen Neinsager dürfen im Himmel vollkommen legal in der Öffentlichkeit urinieren. Und in der Straßenbahn rauchen! Beschissene Partydresscodes gibt es dort oben auch nicht. So wie es ohnehin keine Mottoparties mehr gibt. Und auch die Starbucksleckerfinder fehlen gänzlich, sie landen alle bei Satan. So einladend wie der Himmel könnte ruhig auch mal ein Stadtteil von Berlin sein. In Berlin sind alle Stadtteile irgendwie gleich und die, die sich dann doch ein bisschen unterscheiden, sind immer noch schlechter als die, die gleich sind. Meine Meinung zu Berlin kann ich aber auch in einem Satz ohne drei Kommata kundtun: Berlin mag ich nicht. Aber, lieber Leser, erinnern Sie sich an die These, die ich im Verlauf dieses Durcheinanders zu objektiven Falschheiten in Gesprächen geäußert habe? Und bermeken Sie, wie ich diesen Text mit eben solchen, naja, Lügen am Leben gehalten habe? Sehen Sie? Ein paar verquere Blödsinnigkeiten reichen und das Gespräch (hier: Textgebilde.) gedeiht und wird ein interessantes. Einst, nämlich bei der Einleitung, ging es mir nur darum, von meiner Recherche zum Thema „Tourette-Syndrom“ zu berichten. Denn der Wikipediaeintrag zu dieser Erkrankung enthält in seinem Inhaltsverzeichnis den Unterpunkt 4: „Positive Auswirkungen des Tourette-Syndroms“. Ich wollte nur kurz die Frage stellen, ob es moralisch vertretbar sei, bei einer Krankheit von einer positiven Begleiterscheinung zu sprechen. Einem Menschen, der bei einem Skiunfall sein rechtes Bein verloren hat, macht man doch auch nicht fröhlich darauf aufmerksam, dass er nun einen vergünstigten Eintritt zu Kinovorstellungen und Sportereignissen habe. Kann man das vergleichen? Also ich kann.

(Außerdem, positive Begleiterscheinungen des Tourette-Syndroms? Da gab es doch mal eine lustige South Park-Folge. Richtig! Und die kann man sich hier ansehen. Geiler Scheiß! Und als zusätzliche Bonusleckerei hier ein kurzer Spaß vom lustigsten Isländer der Welt. Nein, nicht von Friðrik Þór Friðriksson, sondern von Hugleikur Dagsson: klick)

Wenn es nach Kommunismus riecht

Hurra! Hurra! Mittwoch ist es wieder soweit: der Autor dieser Zeilen liest vor! Ich lese dort allseits unbekannte Kurzgeschichten mit vielen Nebensätzen, cleveren Witzen und vielleicht lasse ich mir auch die ein oder andere pointierte Geste entlocken. Kommt also alle, gerne auch zahlreich! Gerne dürft ihr euer Kommen auch durch das wirklich ziemlich gute Teilnehmerfeld begründen:

:: Till Reiners (Berlin)
:: Sushi (Düsseldorf)
:: Thorsten Baßfeld (Moers)
:: Johannes (Krefeld)
:: Jennifer Lawrenz (Duisburg)
:: Tobias Glufke (Halle/Saale)
:: Patrick Salmen (Wuppertal)

Johannes, das bin ich. Till, Sushi, Thorsten, Jennifer, Tobias und Patrick, das sind die anderen. Es wird prima.

Wo und wann?
Bollwerk107
Homberger Straße 107
47441 Moers
27.​10.​2010 / ab 19 Uhr / Eintritt: 4€ (erm. 2,50€)

In diesem Raum ist keine Liebe

Im ICE fühlte ich mich ein wenig verkehrt am Platze. Lauter Schlipsträger, die mit ihrer täglichen Fahrt von Frankfurt nach Münster fleißig hunderte bahn.bonus-Points sammelten, um diese dann für Krimskrams einzutauschen, den sie sich ohnehin locker hätten leisten können. Wer scheißreich ist, braucht keine unpersönlichen Geschenke. Alle fünf Minuten kam eine Gestalt satt und zufrieden aus dem Speisewagen. Und ich saß unsatt herum, las mein kicker-Sportmagazin und freute mich darüber, dass St. Pauli gewonnen hatte. Ich konnte mich auch nicht satt sehen am schönen Tabellenbild der ersten Bundesliga. Wie so viele Menschen hege auch ich eine begründete Sympathie zum FC St. Pauli – und gehöre auch zur Gruppe derer, die sich, sobald die Paulisympathie auf den Tisch gelegt worden ist, darüber beschweren, dass St. Pauli heutzutage so ein Kommerzclub geworden ist. Der einzige Nicht-Kommerzclub im deutschen Profifußball ist der SC Paderborn. Und niemand mag den SC Paderborn. Aber darum soll es nicht gehen. Meine Mitfahrerin bejate meine Frage, ob es Zufall sei, dass sich „ICE“ auf „FDP“ reime. Während des Bejaens spielte sie an ihrem iPhone. Ach wisst ihr was, fahrt ihr doch alle eure eigene Zugfahrt, ich höre nun „Die Sterne“. Die Tage davor waren angepasster. Im Urlaub lacht man beinahe täglich über nichtverstandene Witze in anderen Sprachen. Spanisch ist übrigens keine schöne Sprache.

Ich mag vollbärtige Südeuropaurlauber, die sich in einem sonnigen Land holzbraun färben lassen, um sich dann, zurück im eisigen Allgäu, den Bart abrasieren zu lassen. Was dann als Souvenier bleibt, ist ein halbbraunes Gesicht. Nicht, dass ich einen derart tollkühnen Menschen bereits getroffen hätte, aber weil ich mir den Anblick heiter vorstelle, möchte ich hiermit darum bitten, meine Idee einmal umzusetzen. Der Trend ist gebärfähig, aber irgendjemand muss den Fötus endlich mal ausspucken. Kennt jemand prominente Vollbartmenschen aus dem Allgäu? Alter, Größe, Geschlecht, alles egal. Ich möchte nicht umziehen müssen deswegen, das Allgäu gefällt mir nicht und dieses Urteil darf ich mir erlauben, denn ich fuhr gestern in ihm herum (siehe erste vierzehn Sätze dieses Textes). Menschen ziehen meistens dann um, wenn sie glauben, die Nachbarn könnten einen nicht leiden. Und dann hoffen diese Gemochtheitsfanatiker darauf, dass der neue Nachbar Potential für Liebeleien oder wenigstens eine gute Freundschaft haben könnte. Doch so spendabel ist der Zufall nicht. (Dies war eine Überleitung zum nächsten Gedankenkomplex. Bitte lesen Sie weiter:) Die besten Dinge, so sagen nicht nur umziehende Menschen, passieren aus Zufall. Selbstredend weiß der hier schreibende Mensch diese These zu widerlegen. Dafür hat er ein Beispiel parat. Wir befinden uns geitig nun auf einer Party. Ein Männlein trifft „zufällig“ ein ihm unbekanntes Weibchen, er äußert sexuelles Interesse, die beiden ficken die ganze Nacht auf der Toilette, verlieben sich dann sogar noch ineinander und müssen sich Jahre später zwei Kinder teilen. Zufall? Nö. Unwissen.

Männlein wusste nicht, dass Weibchen herumexistiert und andersrum. Auf der Party wurde diese Wissenlücke gestopft. Und nicht nur die, haha, Pubertätshumor, Verzeihung. Auf folgende, einfache Schlussfolgerung wollte ich eigentlich hinaus: die besten Dinge passieren aus Unwissen, beziehungsweise Dummheit. Endlich eine vernünftige Antwort auf die Feststellung, dass sich heutzutage so viele Menschen fürs Dummsein entscheiden. Gar nicht so dumm, die Dummen. Die fummeln wenigstens auf Toiletten herum. Und die Schlauen? Die fahren ICE? Ich habe, für mich untypisch, keine Ahnung; schade aber, dass für derlei Begebenheiten das alte Arschloch Zufall all den Ruhm für sich beansprucht. Denn auch beim Geschichtenschreiben behaupten viele, dass der Alltagskönig „Zufall“ Ehre und Respekt verdiene. Zu Unrecht. Denn die schönsten Geschichten, die schreibt Max Goldt.

(Ich bedanke mich ausdrücklich bei Oliver für die famose Überschrift!)

Die dritte Seite im Regelheft habe ich von meinem Tischnachbarn abgeschrieben und dabei jeden Rechtschreibfehler absichtlich übernommen

In Dresden freuen sich die Mägen regelmäßig über „Eierschecke“. So nennen die Leute dort eine Kuchenspezialität aus Hefe, Eigelb und Pudding. Neulich war irgendein Mauerdeutscheeinheitjubiläum und anlässlich dieses stupiden Feiertages berichtete ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender über diese angebliche Leckerei, die niemand kennt. Der sehr gute Erich Kästner soll einmal gesagt haben: „Die Eierschecke ist eine Kuchensorte, die zum Schaden der Menschheit auf dem Rest des Globus unbekannt geblieben ist.“ Ich denke, dass dieser Satz auf seinen Hauptsatz reduziert werden kann. Die Eierschecke ist eine Kuchensorte. Der Satz wäre viel gemütlicher, jegliches Konfliktpotential wäre futschikato und die Dresdner könnten sich wieder auf andere Exklusivitäten berufen: Frauenkirche, Hygiene-Museum, Sächsisch. Ich wette, dass mindestens jeder vierte Dresdner eine Aufregungsorgie lostritt, wenn er mal über den Stadttellerrand hinausblickt und in einem, hm, sagen wir mal Berliner Kaffeehaus sitzt: schau mal, Heiko, die Berliner kennen zwar leckere Kuchen, aber nur wir haben die Eierschecke. Heiko würde hinzufügen: ein Jammer! Noch größere Idioten würden sicher auch noch den drittdümmsten Satzanfang Westeuropas bemühen: in der DDR war nicht alles schlecht; wir hatten schließlich Eierschecke (und Kati Witt). Zweitdümmster Satzanfang übrigens: Man darf ja wohl noch sagen, dass. Der Erstdümmste ist meiner gruseligen Jugend geschuldet: Es war einmal. Märchen konnte ich nie leiden, sie klangen für mich immer wie Bibeltexte. Buch Grimm, Kapitel vier, Vers neun: und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Als ob.

Eierschecke schmeckt bestimmt gar nicht so schlecht, kann ich nicht beurteilen. Noch nie war ich in Dresden. Nur einmal kam ich mit Dresdnern in Berührung, als ich 2004 versehentlich mit den Fußballfans von Dynamo Dresden den Aufstieg in die zweite Bundesliga feierte und mich neben einem Radiomenschen wiederfand, der mir ein Mikrofon an den prepubertäten Mund presste. Und, kleiner Mann, du hast extra die weite Reise nach Krefeld angetreten, um den Aufstieg von Dynamo mitzuerleben? Nein, äh, ich komme von hier und drücke den Gastgebern die Daumen. Er war daraufhin verwirrt, ich war verwirrt und auch die Radiohörenden daheim sowieso. Dafür möchte ich mich nun mit leichter Verspätung entschuldigen. Dennoch bin ich unschuldig am Abstieg, der im Folgejahr sicher ganz andere Gründe hatte (zu wenig Punkte, zu viele Gegentore, falsche Kuchen). Ich weiß es nicht, so wie ich auch nicht weiß, wofür die Abkürzung „PVC“ steht. Dennoch komme ich tagtäglich prima mit Fußböden zurecht. Unwissenheit sorgt unselten für die schönsten Geschichten. Karneval 2000, als BSE (noch so eine unbekannte Abkürzung, aber es handelt sich dabei um Rinderwahn) gerade seinen Popularitätshöhepunkt hatte, aß ich eine Bratwurst und dachte daraufhin, dass ich sehr bald sterben müsste. Ich weinte stundenlang mein Panzerknackerkostüm voll. Natürlich lebe ich immer noch, aber sterben werde ich irgendwann, da bin ich mir relativ sicher. (Und jetzt mache ich das, was sehr gute Kolumnisten immer tun; nämlich den letzten Satz in Einklang mit dem Tenor des Textes zu bringen.) Aber bevor ich sterbe, muss ich unbedingt noch Eierschecke probieren; guten Appetit!

Romantisch

Nur sechs Tage in der ewigen Stadt Rom: da braucht man einiges an Glück in seinem Reisetrolly, um in der Stadt, in die alle Wege führen, ein wenig Spannung und Erlebnis abzugreifen. Was sind schon sechs Tage in Rom; nichts natürlich, ein Pups vielleicht. Gepupst wurde schon viel in Rom. Aber dennoch traf ich an mancher Ecke ein paar unfreiwillige Fotomodelle und biete sie dem Leser dieser Zeilen nun zum Dialog an. Lasst Bilder nicht nur sprechen – unterhaltet euch mit ihnen! Nett wie ich bin, hier ein paar potentielle Gesprächspartner:


Tourireisebus irgendwo zwischen Via Paradiso und Via Clementine
Rom hat gar keine Einwohner, zumindest blieben sie mir im Verborgenen. Überall Touristen und Fotografierende, über die ich jedoch nicht herfallen kann, da ich mich aus dieser Gruppe nicht ausschließen kann. Wir sehen hier in der Bildmitte ein eindeutig asiatisches Gruppenmitglied. Seine Augen sind angestrengt von der Suche nach Sehens- und Fotografierwürdigkeiten, aber da er die Kamera gekonnt in der rechten Hand hält, wird er sicher in diesem Moment sein Fotoalbum durchblättern und freundlicher schauen als in diesem unglücklichen Augenblick. Viele tolle Fotos wird er gemacht haben – ich möchte jedoch nicht auf den Hinweis verzichten, dass seine Motive mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf tausend Postkarten besser in Szene gesetzt worden sind. Sprich: seine Bilder sind für alle anderen Menschen nutzlos. Ganz im Gegensatz zu meinen. Menschen, die Sachen fotografieren, fotografieren, ist vielleicht auf der ganzen Welt einmalig und ein genialer Einfall (vielleicht). Desweiteren sei erwähnt, dass die Kopfhörer, die unser zufällig fotografierter Mensch undekorativ trägt, nicht für den Mp3-Player-Einsatz (oder irgendetwas anderes außer Ärgern) taugen.


Trinkwasserspendender Trinkwasserspender
Schade: Leitungswasser schmeckt in Rom nach Leitung. Deswegen haben die alten Römer kleine Trinkbrunnen erbaut, an dem sich kosten- und problemlos leere Plastikflaschen befüllen lassen. Diese zwei Menschen hier nutzen das Wasser auf ihre ganz eigene Art jedoch als Mittel zum Säuberungszweck. Links die Dame, die ein wenig Unsicherheit bei sich trägt und vorsichtig zum Fluss greift. Was ist dort in ihrem Sichtfeld? Wir werden es nie erfahren; außer, es handelt sich bei der Dame um eine Leserin dieses Blogs. Die Chance darauf ist etwa 8,33333333 × 10(hoch minus 9). Trinkwasserdame, melde dich oder lass es sein. Der Berufsrömer rechts im Bild braucht sich übrigens nicht zu melden, weil er nervend um die Sehenswürdigkeiten gewandert ist und dort auf Touriverarschungstour war. Wer fünf Euro für ein Bild mit diesem Strolch bezahlt, melde sich bitte auch nicht.


Beliebige Brücke am grünen Fluss (Tiber)
Obacht, liebe Betrachter! Im Bild ein echter Romprofi. Denn: er hat es geschafft, alleine zu sein. Ein unbezahlbarer Luxus in der überfüllten Touribucht Rom. Außerdem trickst er gekonnt Mutter Natur aus und entgeht der Macht der Sonne, in dem er sich einfach eines Schattens bedient. Clever, clever! Doch Achtung, was mag links sein? Etwas bedrückt schaut der Mützenmann dorthin, möglicherweise droht ein rosenverkaufender Inder. Aber liebe Inder, ihr seht doch, der Herr befindet sich bereits in einer Situation, die romantischer nicht sein könnte! Scheiß auf Rosen! Er ist glücklich, so lasst ihn in Ruhe! Rom kann wohl doch schön sein, nur lässt man es so oft nicht. Schade. Beste Grüße an den Fotografierten.


Auch diese Menschen mussten sich im Vatikan der Schweizer Garde präsentieren
Auch im Urlaub muss man nicht auf Deutsche verzichten, im Gegenteil. Deutsche Rentner waren häufig Teil zufälliger Begegnungen. Mürrisch und misstrauisch repräsentiert die alte Dame der Reisegruppe 8 am linken Bildrand diese riesige Touristengruppe. Dabei sollte sie sich freuen, denn nur wenige Minuten später traf sie auf einen Menschen, die der liebsten Menschengruppe der Deutschen angehört: den Deutschen. Papst Benedikt sprach nämlich am vergangenen Mittwoch zu uns Erdenbürgern und die Dame und ich, wir waren dabei. Der Papst hatte einen witzigen roten Sonnenhut auf und las eine Geschichte vor, sechsmal, in sechs verschiedenen Sprachen. Ein Ereignis, auf das sich die Unbekannte aus Reisegruppe 8 ruhig hätte freuen dürfen.


Im Vatikanmuseum ist viel Altes
Kommentar entfällt


Nahe Villa Borghese
Auch Romtouristen sehnen sich nach langer Warterei, Staunerei und Fotografiererei bisweilen nach Spaß und Jux. Überdurchschnittlich intelligente Menschen haben dafür spezielle „Fun Moving Points“ errichtet, an denen es möglich ist, ein unterdurchschnittlich langsames Gefährt zu leihen. Es riecht ein wenig nach Abzocke, aber dieser Vorwurf ist unberechtigt, denn im Leben ist nichts umsonst, lehrte mich einst mein Großvater, als ich ihm berichtete, dass sogar so lebensnotwendige Dinge wie Brötchen und Taschenkalender Geld kosten.

Und mit dieser ewigen Weisheit schließt das Fotoalbum. Rom war okay, aber anstrengend. Das hätte ich auch billiger haben können: ein Spaziergang durch den Forstwald ist auch okay, aber entspannend. Auch wäre es nicht von Nachteil gewesen, wenn ich vor dem letzten Tag gemerkt hätte, dass „gracias“ in Italien die falsche Vokabel ist, sich zu bedanken. Nun weiß ich es, grazie Roma!

Zufällig fotografierte Menschen [1]


Heute: Bochum, Hauptbahnhof

Fünf zufällige Raucher im Raucherbereich des Bochumer Hauptbahnhofs. Im Vordergrund sehen wir einen rotjackigen Mann mit wenig Haar und viel Demut, denn er hat seine Kippen bereits in Wattenscheid weggequalmt. Dem sehenden Betrachter wird zudem auffallen: der Lederjackenmensch am linken Bildrand verfehlt die gelbe Rauchereckenkennzeichnung deutlich um vier Zigarettenlängen.

Ob dachlos oder nicht, die Luft fliegt dir um’s Gesicht

Die Überpünktlichkeit des Busfahrers ermöglicht mir die Gelegenheit, vor dem obligatorischen Schwänzen des donnerstäglichen Physikunterrichts noch einen Schwenk in die Innenstadtrandgebiete zu machen. Wie ich dort so spazierend eine Zigarette qualme und mir erlaube, an meiner Abiturzulassung zu zweifeln, da entscheidet sich meine Aufmerksamkeit für einen Ausflug auf den Boden. Dort hatte sich ein offensichtlich Obdachloser in eine Wolldecke gekauert. Er schläft den traurigen Schlaf der Nutzlosen. Seine kleine Decke ist dabei derart bemitleidenswert, dass sie einen eigenen Bettelpappbecher verdient hätte. Dreck, Löcher und der unaufhaltsame Großstadtsmog wohnten ihr bei. Wäre die Decke ein Lebewesen mit Verstand und Gestalt, so trüge sie der eigenen Armseligkeit angemessen ein trauriges, aufgebendes Gesicht. Sie wäre sich ihrem Schicksal bewusst – wohl nur ein pervers großer Zufall könnte sie retten und ihr eine löcherstopfende, warme Zukunft schenken. Ja, diese Decke gehört seinem Besitzer zurecht. Welch seltener Gedanke; zuletzt, so recherchiere ich, muss ich ihn in der Grundschulzeit gedacht haben, als ich im Kinderzimmer meines langweiligsten Grundschulfreundes Martin eine Bettdecke von Bayern München vorfand. Ich freue mich über so viel vom Obdachlosen angeregte Geistesaktivität – meine Physiklehrerin erreichte Vergleichbares nur dann, wenn sie voller Pathos über den deutschen Erfindergeist referierte – und lasse mich diesen Gedankenstrom fünfzig Cent kosten. Der Pappbecher dankt, stellvertretend für seinen ruhenden Eigentümer.

Schlafend verdient der Obdachlose dort nun also sein Geld, reich werden wird er damit dennoch nicht werden; unabhängig davon, über wie viele Jahreszeiten er den Winterschlaf noch ausdehnen konnte. Es ist mir übrigens wichtig, bewusst von einem „Obdachlosen“ zu sprechen und nicht die Bezeichnung „Penner“ zu wählen, die deutschlandweit synonym für eben diese zumeist unfreiwillige Lebensverkürzungsmaßnahme verwendet wird. So wie es Gründe dafür gibt, dass der Maler und Lackierer eben nun Maler und Lackierer geworden ist und beispielsweise nicht als Flugbegleiteter oder Theologe arbeitet, so hätte mein schlafender Freund gewiss auch eine Erklärung für die Tatsache, dass er zwischen von Hunden und Säufern vollgepissten Wänden übernachtet. Bei seiner Erklärung müsste man zwar auf witzige Zufälle und die Zufriedenheit im Gesicht verzichten. Aber wer nur schöne Geschichten hören will, der soll anderorts nach ihnen suchen. Für derlei Juhu und Tralala bieten sich prinzipiell Familienfeste und öffentlich-rechtliche Volksmusiksendungen an. Und da sich beides, ungeachtet meines fast objektiven Urteils, Scheiße zu sein, in unverständlicher Beliebtheit suhlt, möchte ich beim Schönegeschichtenhörenwollen mitterweile schon von einem Volkssport sprechen. Tut mir leid, Schlafender, den Weg zum Glück geht die Gesellschaft wohl freiwillig ohne dich.

Und du, du träumst gerade von einer hübschen Frau, die dir Kinder und zu Weihnachten Classic Rock-Sampler schenkt. Von schönen Klamotten, deren Preisschilder du derzeit noch vom Boden aufsammelst und studierst. Von einem Urlaub, meinetwegen auch nur innerhalb Deutschlands, das Erzgebirge soll so schön sein. Du träumst von einem schnellen Auto und häufigem Volltanken. Von warmen Mahlzeiten und Zeitungsabonnements. Und du träumst von einer Wolldecke, die grinst und wärmt. Ich wünsche dir viel Glück, du schlafender Riese. Und stelle fest: am meisten lernt man im Physikunterricht, wenn man ihn vermeidet.

Ihr erkennt mich am Bauch

Hurrajuhu! Erst zum zweiten Mal in der Geschichte meiner Geschichten werde ich meine Werke live und direkt vor Publikum vorlesen – und ihr seid ausnahmsweise alle eingeladen! Zwar werden Stammleserinnen die dort zu erwartenden Texte bereits kennen, da ich sie im Laufe des Jahres auf diesen Seiten veröffentlich habe. Aber ich habe es mir nicht nehmen lassen, ein paar zusätzliche Pointen und Satzzeichen einzubauen. Außerdem sage ich „ficken“, „Scheiße“ und „Okapi“. Beim Eintreten bitte einen Fünfeuroschein zwischen Zeige- und Mittelfinger bereit halten, sonst kommt ihr nicht hinein. Zudem bitte ich darum, ausschließlich an den dafür vorgesehenen Stellen zu lachen.
Und da das Ganze auch noch ein Poetry Slam ist, darf man sich nicht nur auf mich freuen, sondern auch auf (vorraussichtlich) sieben andere Nasen. Ich hoffe, ich überstehe die Vorrunde, denn dann käme der Text mit „Furunkel“ zum Vortrag. Drückt mir also die Daumen; ich kann ja nicht, muss vorlesen. Bis Sonntag!

Wo und wann?
Jules Papp
Königstraße 153
47798 Krefeld
26.09.2010 / ab 19 Uhr

Mehr Informationen:
http://www.poetryslamimpapp.blogspot.com/
http://www.myslam.net/de/poetry-slam-calendar/event/4123

Nachtrag, 27.09.:
Hurra, Dank an alle, die dort waren. Bin Zweiter geworden und habe sogar Geld dafür bekommen. Das ist gut. Demnächst wieder – sollte sich was ergeben, werden die Termine rechts unten hinzugefügt! Bereits in Planung: Ende Oktober in Neuss.

Der tausendjährige Hasselhoff

Nanu, wer schaut denn da so muskulös und fröhlich in die Kameralinse, ohne zu merken, dass sein Orangensaftglas Sekundenbruchteile nach dem Foto überlaufen wird? Es ist David Hasselhoff, die geile Peinlichkeitskoryphäe. Mit seinen Krausellocken, seinem unfassbar männlichen Körper und nicht zuletzt seiner großartigen Sopranstimme rettete er die DDR, Ertrinkende vor dem Tod und in „Knight Rider“ sogar sprechende Autos vor der Abwrackprämie. Wenn all die gemeinen Gerüchte stimmen, hatte Hasselhoff in diesem Lande mehr sehr viele Fans. Mehr als die ihm zustehenden drei oder vier. Unmöglich! Wie konnte das passieren? Im Geschichtsunterricht rätseln diejenigen, die zu seinem Karrierehöhepunkt gezeugt worden sind: er soll die Unzufriedenheit der Menschen ausgenutzt haben. Außerdem soll er clevere Propagandaminister (RTL, Pamela Anderson, Helmut Kohl) an seiner Seite gewusst haben. Zudem vermittelten seine Muskeln ein nicht mehr gekanntes Gefühl von Stärke. Ein Mann des Volkes eben! Genau das, was Deutschland zu dieser Zeit brauchte. Heute distanziert sich die Plebs: man habe ja gar nicht gewusst, dass da noch so viel Scheiße folgen würde! Und „Looking For Freedom“ haben nur die Nachbarn gekauft!

Doch nun ist alles zu spät: der Ruf Deutschlands ist auf lange Zeit ruiniert. Noch immer glauben vier Viertel aller Amerikaner, dass alle Deutschen David Hasselhoff lieben. Immer wieder versuchen die Deutschen, die Hasselhoffaffinität zu leugnen. Wöchentlich hängen die großen Elektronikmärkte die Verkaufscharts aus Amerika in ihren Geschäften auf, damit sich der Kunde im CD-Regal nicht vergreift. Lady Gaga, Rihanna und Eminem fliegen so mit zweiwöchiger Verspätung auf die höchsten Positionen in den VIVA Top 100, damit, falls ein Amerikaner mal versehentlich vorbeizappt, der Eindruck gewonnen wird, auch die Deutschen würden angesagte, coole Musik hören. Verzweifelt auch die mittelalte Frau, die mir auf dem Trödelmarkt ein spannendes, historisches Relikt aus dem Hasselhoff’schen Fundus für symbolische fünfzig Cent verkaufte: „Body Watch – Mein ganz persönliches Fitnessprogramm“ aus den frühen Neunzigern. Doch blättern wir doch gemeinsam ein paar Stunden in dem bunten Gutelaunebuch:

Auf 98 Seiten erklärt hier der Meister selbst, wie man es schafft, supercool und toll zu werden. Orangensaft und zu enge grüne T-Shirts mit Hosenträgern sind da nur zwei Tipps. „Liebe Freunde!“ schreibt er gleich zu Beginn. Schnelles Ankuscheln an den Leser; Wahnsinn, ein cleverer Menschenverführer, dieser Hasselhoff. Scheint ja doch ein netter Kerl zu sein. Anschließend zwei Seiten bescheidene Lobhudelei:

„Als ich noch ein Kind war, träumte ich davon, einmal ein Rock-Star zu sein. Ich hätte mit jedem gewettet, dass ich es schaffe. Und ich habe es geschafft. Dann träumte ich davon, einmal ein berühmter Schauspieler zu werden. Ich habe es geschafft!“ (Seite 7)

Respekt! Einer, der sich durchbeißt! Kein Wunder, dass die Berliner Mauer keine Chance gegen Muskeldavid hatte! Es folgen viele wichtige, bisher unausgesprochene Weisheiten. Joggen ist gesund. Wasser trinken ist gesund. Skateboarden ist cool. Muskeln sehen tierisch geil aus. Klimmzüge sind männlich. Fotos im Whirlpool steigern die Buchauflage Woher wusste Hasselhoff das alles? Üblicherweise bekommen Menschen die Weisheit doch erst gleichzeitig mit den grauen Haaren. Aber wer denkt, dass der schlaue David deswegen immerzu froh war, der täuscht sich:

„Es half mir wenig, dass ich bei den Girls recht gut ankam, denn das förderte erst recht den Neid meiner Klassenkameraden.“ (Seite 19)

Der endgültige Beweis: ja, ein feiner Kerl, dieser David! Hallo Jugendliche und Junggebliebene der 90er, ich kann euch alle verstehen! Prima, der Hasselhoff, wirklich prima! Und auch hier eine Erklärung dafür, wie er es schaffte, das geteilte Deutschland wieder zusammenzupuzzeln: mit neidischen Heinis hatte er bereits in seiner Jugend einige Erfahrungen gemacht.

In seinem Buch erklärt der Chefdenker dann noch ein bisschen, wer und was ihm alles dabei hilft, Welt und Universum zu retten: Disziplin, grenzenloser Wille, Heinz Altieri. Altieri war zu dieser Zeit Hasselhoffs Fitnesstrainer, aber noch schöner ist es, wie dem Leser dieses Faktum mittels einer Bildunterschrift untergejubelt wird:

„Fitnesstrainer Heinz Altieri. Er bringt David „in Form“.“ (Seite 24)

(Weil ich keine Lust mehr habe, überspringen wir ein paar Seiten und finden uns am Ende des Buches wieder:) Und jetzt, wo David dank Sport und Orangensaft „in Form“ ist, kann er endlich auch so tun, als wäre er ein echter Rettungsschwimmer. Im hinteren Teil des Buches warten dann also die schönsten Aufnahmen des Ausnahmemenschen Hasselhoffs auf weibliche und homosexuelle Leser: David joggt und schwimmt sinnlos (und oberkörperfrei) durch Malibu! Gewiss könnte ich auch diese Fotos abfotografieren, aber wer am halbnackten Hasselhoff interessiert ist, soll sich die Hasselhoffbibel selber kaufen. Aber nachher nicht wieder so tun, als wärt ihr unschuldig! Don‘t hassel the Hoff! Vielleicht hat die Nachbarin ja noch ein Exemplar unter dem Ehebett. Oder ihr Ehemann.

Danke für alles, David Hasselhoff!

Verzweifeltes Kleinstadttrinken

Und wie ich da so alleine am Tresen saß, da kam ein Stammgast und stellte Stammgastansprüche. Es sei sein Platz, auf dem ich hier säße und wenn ich ein Problem damit hätte, dann könnten wir vor die Tür gehen und er war zudem auch tätowiert und Menschen mit Tattoos sind statistisch gesehen im Normalfall stärker als ich. Ein langer Satz, eine kurze Reaktion: ich räumte meinen Platz und spielte ein bisschen Verständnis vor. Mein Bier schmeckte nun nicht mehr so gut. Ich bin doch auch jede Woche mindestens einmal hier, wie lange dauert es denn noch, bis auch ich einen festen Platz habe und Kneipentouristen von meinem Sitz verscheuchen kann? Ist es nur die Zeit, die vergehen muss? Aber Zeit rumbekommen ist doch keine Leistung, ein Stammplatz darf keine Dauerrumsitztrophäe sein! Naja, vielleicht erstmal eine rauchen. Der dahinten hat immer Gras mit, der ganze Puff hier riecht immer nach dem Zeug. Was ich nicht verstehe: wieso hängt in dieser Kneipe an der Decke ein Ventilator? Diese dreiblättrigen Rotordinger, wie man sie sonst nur in US-Filmen sieht, glaube ich, weiß nicht so genau. Das Geruchsgemisch aus Haschisch, Bier und Nikotin kann sich nicht an der Decke absetzen, sondern schwirrt unfreundlich über die Köpfe der Trinkenden. Ist das gesund? Soll mir auch egal sein, ich wünsche mir stattdessen ein Musikstück: „Lightning Blue Eyes“ von Secret Machines. Ein Brecher von einem Song! Der Wirt versteht nicht, was ich will und spielt Billy Talent. Arschloch. He, Arschloch, gib mir noch ein Pils! Ja, ein großes!

Klingeling, mein Handy vibriert. Geil, eine SMS! Freunde! Ich lese: „ey du ficker wir pokern in der ritterstraße 48 komm ma vorbei wir brauchen gelt“ Geld mit t, hohoho, Humor! Ich bin ein außerordentlich schlechter Pokerspieler, deswegen fragen sie mich ja immer nach meinem Erscheinen. Bevorzugt dann, wenn ich mit hoher Wahrscheinlichkeit Hochprozentiges in mich hinein gekippt habe. Die Gefahr eines Ausversehensieges des mittelreichen Säufers besteht dann zwar natürlich immer noch, aber sie ist verschwindend gering, weil sie mich immer verarschen, wenn es um den Wert meiner Karten geht. Ich werde immer Letzter, lege mich dann aufs Sofa, trinke, gröle und kotze, bis ich rausgeworfen werde. Irgendwo erbärmlich, aber ich pokere halt gerne. Poker riecht so nach großen Gewinnen und Coolness. Ritterstraße, wo ist die denn nun wieder, Scheiße. Ich frage einen Alten. Alte Menschen sind sehr schlau und haben die Pokerlounge-App in ihren Kopf eingebaut. Sie kennen alle Straßen dieser Stadt, wissen aber nicht, wo in der nächstgrößeren Stadt der Bahnhof ist. In ihrer Heimatstadt liegengebliebene Versager. Freunde und Verwandte alle tot oder ausgewandert. Die Frau ist nicht mehr so schön wie früher und liegt bereits schlafend zu Hause und hat komische Furunkel am Fuß. So möchte ich nicht enden. Die Ritterstraße ist nur vier Straßen weiter, hinter der großen Fleischerei, wo früher eine Krawattenfabrik war. Soso. Nö, ist mir zu weit. Ich habe Lust auf eine Versagergeschichte und lasse mir eine erzählen.

Ohhh, schade, er ist bei seiner Arbeitsstelle rausgeflogen, weil er ein Alkoholiker war und ist. Dann ging er in Frührente und verschuldete sich auf einer Kaffeefahrt. Hahaho, Klieschee, mein alter Freund, da bist du wieder und bestätigst dich! Dreimal verheiratet war er und fremdgegangen ist er regelmäßig und dann war es vorbei mit dem Frohsein. Und nun sitzt er hier neben mir, würgt sein halbes Leben heraus. Er hat wenig erreicht und dabei nichts geschafft. Respekt. Wir freunden uns an, hoffentlich stirbt er mir nicht so schnell weg, denke ich mir. Vier Stunden später kommt eine weitere SMS: „arschloch wir wissen eh wo du bist du elender krüppel wir kommen gleich vorbei halt uns plätse frei“. Plätze mit s, clever. Dann bis gleich, der Stammgast hat seinen Platz sowieso längst geräumt! Cheers, auf uns!

Einzimmerwohnung auf der Schlossallee

Ein Bekannter von mir hat neuerdings angefangen zu rauchen, wohl vom Fehlgedanken geleitet, dass sich seine gesellschaftliche Position dadurch verbessere. Auf seine erste weggequalmte Schachtel Marlboro war er so stolz, dass er die Zigarettenstummel gesammelt und samt Schachtel aufgehoben hat. Falls mal Gäste kommen: seht her, ich rauche! Wahrscheinlich hat er auch mit einem Taschenmesser das Datum des Erstrauchens in die Packung geschnitzt. So ein Unfug. Ich habe doch auch nicht den Bierdeckel aufgehoben, auf dem mein erstes Bier stand. Oder das Kondom vom ersten Mal. Ich nenne ihn jetzt „Ersterfahrungsammelmessi“. Ersterfahrung-Sammel-Messi. Schönes Wörtchen. Doch ratzfatz zum nächsten Termin auf meiner Kurzgeschichtenschnipselagenda: Zugfahren. Es hat Gründe, weswegen hier derzeit häufiger vom Zugfahren erzählt wird, sehr gut sind die Gründe sogar. Es klingt so wunderbar touristisch, wenn der digitale Fahrbegleiter sagt „In Kürze erreichen wir Lünen Hauptbahnhof!“. Als wären wir Fahrgäste ein großes, fröhliches Reisekollektiv auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten und Stadtranderholungen. Wenn Sie nun in Fahrtrichtung rechts schauen, sehen Sie die neue Zugverspätungsanzeige, erbaut 2009 von Rüdiger Grube! Beachten Sie auch die kulinarischen Genüsse, die unser Weingummiautomat für Sie bereit hält! Und die jungen Fahrscheinkontrolleurinnen servieren bunte Informationsbroschüren namens „Wunderschönes Westfalen“ und kostenlose Cocktails.

Auch sehr schön: das Bahnpropagandaheftchen „bahn mobil“. Hier geben sich Bahnberichte und Nichtmeldungen die Hand, verschmelzen miteinander und bilden so eine konsumentenfreundliche Journalismussymbiose. Man erfährt, wie nett die Bahn ist („Tausend neue Auszubildene bei der Bahn! Kinder sind unsere Zukunft und Bildung ist voll wichtig!), wie supernett die Bahn ist („Fensterplatz im ICE? Kein Problem, kostet aber!“) und nebenbei noch ein paar witzige Geschichten von hier und drüben. Wusste ich vorher, dass es in Ostdeutschland noch Ostseegebiete gibt, in denen Zwangsnudismus herrscht? Nein, wusste ich natürlich nicht, aber natürlich bin ich ein großer Freund der Freikörperkultur, wenn auch nur im eigenen Hause und selten. Ein Sodokurätsel bietet das Blättchen ebenfalls und wer ein fieser Fahrgast ist, der kann ja einfach eine einzige, aber absichtlich falsche Zahl in das Rätselquadrat hineinschreiben; zur Unfreude des Sitzplatznachfolgers. Zu gewinnen gibt es eine Bahncard 25. Hab ich schon. Schade.

Jazztagebuch

Meine kleine Cousine freute sich sehr, als ich ihr zum sonntäglichen Frühstück eine Jazz-CD anbot. Spontan teilte sie ihre Begeisterung mit einem Notizzettel:

Gummibärchen in der Mikrowelle

Ich schieße Kastanien gegen Hauswände und begrüße den Herbst mit ein bisschen trotziger Fröhlichkeit. Nebenbei knuspere ich „Mjölk“-Knäckebrot von Wasa auf den Bordstein. Hinter mir flattern die Tauben und wissen die schwedische Vollkornkost zu schätzen. Interessant zu wissen: in anderen Ländern ist Knäckebrot nicht rechteckig, sondern rund. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bemerke ich zwei Taubstumme, die sich in Zeichensprache unterhalten. Klopf, klopf, gestikulier! Mir kommt in den Sinn, dass Taubstumme gar nicht flüstern können. Schreien auch nicht. Sprechen auch nicht, haha. Herrje, meine Gedanken wieder, unnett von mir. Zudem scheint den zwei mitteljungen Menschen aufgefallen zu sein, dass ich sie belausche. Obwohl, auch dieses Verb ist wohl unpassend gewählt, daher neuer Versuch: Zudem scheint den zwei fast alten Menschen aufgefallen zu sein, dass ich sie beobachte. Sie gucken ein bisschen böse. Ich fühle mich entlarvt, stelle das Krümelknuspern ein und überlege, wie ich mich aus dieser misslichen Lage befreien könnte. Objektiv betrachtet sind sie im recht: sie unterhalten sich gemütlich und vertrauensvoll, teilen wahrscheinlich ein paar Erlebnisse. Und ich, ich glotze sie an, denke böse Dinge und füttere zwanglos wilde Tauben. Kurz: ich bin der Arsch. Will ich aber nicht sein. Ich überlege, schwanke zwischen Daumen hochhalten und Winken und entscheide mich fürs Winken. Ich grinse dumm und entschuldigend, den rechten Arm bewege ich dabei reichlich ungelenk im kalten Septemberwind. So verzeiht mir doch, ich wollte nicht stören oder diskriminieren, ich finde euch doch prima! Wirklich!

Zurecht verabschiedet sich die gute Laune, die Kastanien kicke ich mit mir selbst hadernd mit der Pieke in den Straßenablauf. Ein blaues Polizeiauto fährt an mir vorbei; nehmt mich mit, nehmt mich doch mit! Würde ich aufhören, die Musik meines Lieblingskünstlers zu hören, wenn ich erführe, dass er rechtsradikales Gedankengut in sich trägt? Nein, nein, was für eine Quatschfrage, ich sollte mich anderweitig ablenken. Außerdem ist Bob Dylan kein Nazi. Bob Dylan ist prima. Weil ihn die Zeit überholt hat, sieht er heute zwar mehr nach CDU aus, aber früher, als er noch wirklich gute Musik komponiert hat, da war er doch eher SPD. In der SPD sind keine Nazis und wenn hier auch nur einer „Thilo Sarrazin!“ brüllt, kann ich für viel garantieren, aber nicht für inneren Frieden. Schalom.

Der Mond ist zu schwach

Ich frage mich, ob jede deutsche Großstadt jemanden damit beauftragt hat, am frühen Abend die Straßenlaternen anzuknipsen – oder ob dies elektronisch erledigt wird. Sollte es diesen Beruf wirklich geben, dann wäre ich gern der Straßenlaternenanknipser meiner grauen Stadt. Niemand wird mir ausreden können, dass die Vorstellung, Verantwortung für all das Erhellende im Dunkel zu tragen, nicht einfach wunderbar ist. Das kleine Arbeitszimmer käme ohne Schnickschnack aus. Reduziert auf Fenster, ein paar wichtige Knöpfe und eine Kaffeemaschine. All die Kieselsteinwege hätte man im Blick und dann ginge es darum, abzuwägen. Würden sich zwei alte Schulfreunde noch wiedererkennen, wenn sie sich nun zufällig begegnen würden? Kann man sich noch auf die Parkbank setzen und einen heiteren Roman lesen? Schaffst es der Greis noch, auf den Boden zu sehen, um mit seinem Holzhelfer keine Schnecken oder Nashornkäfer zu zerquetschen? Gewiss, ein bisschen Stress wäre tagtäglich mein Kumpane: schalte ich das Licht zu früh ein, verschwende ich kostbaren Strom und die Leute würden rufen „Oh, so eine Verschwendung, der kostbare Strom!“. Warte ich zu lange, sind es dieselben, die dann aber mitzuteilen wüssten: „Hülfe, Hülfe, ich kann nichts mehr sehen, ja macht doch mal einer was!“. Und Schludern wäre strengstens verboten, da die Menschen das Licht lieben. Die Gesellschaft braucht es wie jährliche Fußmassagen, Überraschungsbeilagen in Cornflakes-Packungen oder Blondinenwitze. Und jetzt möge keiner sagen, dass diese Vergleiche humpeln und hinken. Ich bin mir sicher; würde ich meine Arbeit als Straßenlaternenanknipser nicht fehlerfrei und sympathisch erledigen, käme es ganz schnell zu einem Blitzcomeback der Montagsdemonstration.

Die Straßenlaternenlichtjünger hätten dann alles dabei: Trillerpfeiffen, grimmige Gesichter und die charakteristischen Plakate und Hochhaltschilder, auf denen dann witzig-freche Sätze und Forderungen stehen würden. Meine Fantasie hat spontan ein paar mögliche Plakatsprüche auf Lager: „Das Licht der Welt droht zu erlischen – in der Goethestraße ist es schon soweit!“ oder „Nachtsicht ist besser als Nachsicht“ oder „Dunkelheit tötet!“ oder „Mehr Glühwürmchen für unseren Bezirk!“ oder „Da geht uns (k)ein Licht auf!“ oder „Du Straßenlaternenhorst, wir wollen Lichter!“ oder „Leck uns doch am Arsch! Oder kannst du ihn nicht mehr sehen?“ (ein paar vulgäre Demonstranten sind schließlich immer dabei!). Herrje, was ich da so aus meinem Zylinder zaubere. Aber zu brenndenen Fakeln und bösen Leserbriefen in Lokalzeitschriften muss es natürlich nicht kommen. Konzentration am Arbeitsplatz wäre gefordert – und für den Stress hätte ich ja Kaffee. Und ja, von mir aus wäre der Kaffee meine einzige Vergütung für diese wunderbare Arbeit. Zu Beginn könnte mir ja der Vorgänger mit ein paar Tipps den Weg zum richtigen Lampenanknipsen ausleuchten. Ab wann gefährdet eine Straßenlaterne nicht mehr den gemütlichen Blick auf den Sonnenuntergang? Oh, Verzeihung, diese Frage nach dem richtigen Knopfdruck stelle ich nun zum wiederholten Male, aber sie ist nun einmal die Quintessenz des schönsten Berufs der Welt. Knips, Licht an.

Wie automatisch reißen die Menschen die Arme in die Luft, können ihr Alltagsglück kaum fassen und erfreuen sich am neuen Sichtgewinn. Ich schaue ihnen rauchend beim Freuen zu. Und der Straßenlaternenanknipser sprach: es werde Licht. Knips.

Kein Sitzplatz im Regionalexpress nach Münster

Um mich wieder daran zu erinnern, wieso ich zum dritten Mal innerhalb einer Woche in diesem Zug sitze, krame ich eilig ihr Foto aus meiner Tasche hervor. Was folgt, ist ein Lächeln.

Auch mag ich die deutsche Bahn. Zugverspätungen sind nicht so häufig, wie drittklassige Kabarettisten es gerne hätten und die ach so lustigen englischen Durchsagen bekomme ich im Regionalexpress nach Münster nicht zu hören; der Ansagemann spricht hier nur Deutsch. Nächster Halt: Bochum-Wattenscheid. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Bisher haben mich Züge noch immer dahin gefahren, wo es besser war – das weiß ich sehr zu schätzen. Der Herr neben mir riecht sehr stark, ich wünsche mir spontan einen Schnupfen oder eine Nasennebenhöhlenentzündung, aber auch das gehört zum Zugfahren dazu. Dass sein Körper Beachtung einfordert und seine Schweißdrüsen schreien „Hey, hier, seht und riecht! Dieser Körper wurde gefordert und genutzt, ganz fleißig war sein Wirt! Riecht der Arbeit Lohn!“ – geschenkt. Irgendwann stinkt einjeder. Aber bitte verzeiht mir, dass ich nun selbst zum dritten Todesurteil der Bahnfahrtberichterstattung gegriffen habe: der Beschreibung der Mitfahrenden. Viele sind der Meinung, sie hätten auf ihrer Reise den verrücktesten Sitznachbarn der Sitznachbarngeschichte getroffen, aber natürlich irren sie. Eine Dame, die sich beim Einstieg in Mülheim an der Ruhr für einen Rülpser nicht entschuldigt hat, ist nicht nacherzählenswert. Auch wenn besagte Dritteklassekabarettisten ihr Programm gerne ebenso eröffnen. Hey Zwechfelle, kennt ihr das, wenn ihr im Zug sitzt und dann hört da so ein Rotzlöffel laut mit seinem Handy Musik? Sprotzaarrghhuuuuh. Ich möchte nicht, dass jemand, der Geld von mir erhält, nur Dinge erzählt, die ich schon kenne. Ein bestätigtes Klischee unterhält nur beim Selbstentdecken.

Ich wühle noch ein bisschen in meiner Tasche, teste die Reaktion auf ein langsames Öffnen der Colaflasche. Zischhh. Der Effekt verpufft, alle um mich herum sind mit der eigenen Trostlosigkeit beschäftigt. Niemand hustet, keiner diskutiert über Sarrazin und ich bin allein. Kratze mich kurz am Kopf, dann im Schritt, beendet wird das Rundumkratzen schließlich am dreitätigenbärtigen Hals. Kratz kratz, grübel grübel. Im Zugmülleimer suche ich spontan das Glück, finde es aber nicht, wie so oft. Werfe ein zerknülltes Papierknäul hinein. Wühle dann in meinem Kopf nach zeitvertreibenden Gedanken. Überlege, ob ich die Welt retten soll oder die Welt vor mir. Was soll ich aus mir machen? Beschließe einen Mittelweg. In zahlreichen Gesprächen mit Älteren habe ich erfahren, dass ich noch ganz am Anfang meines Lebens stehe und manch eine Tür auf mich warten würde. Ich kann nur hoffen, dass mich der glückliche Zufall an einem guten Tag besucht, sonst verschlafe ich ihn und bleibe auf ewig lebensgeschichtenlos. Doch manchmal, da klingelt der Zufall bereits an meiner Tür, noch seltener öffne ich sie dann sogar und begrüße ihn freundlich den Gast mit einem flotten Spruch. So krame ich wieder ihr Foto hervor. Ja, richtig fühlt es sich an und gut. Gleich aber brauche ich es nicht mehr, dann steige ich aus. Ja, aussteigen ist dort schöner als Einsteigen.

Schön, wenn man liebt, was Sven Regener einem gibt

Das Video ist „nur“ ein Puzzle von Szenen aus „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“, doch neben dem Soundtrack kann ich auch den Film uneingeschränkt für eure DVD-Sammlungen vorschlagen. Früher habe ich mal gesagt, dass ich zwar wüsste, dass Element of Crime gute Musik machen würden, ich mich aber zu jung dafür fühle. Alteleutemelancholiescheiß und so. Nun finde ich den aber ziemlich knorke. Und das kann ich schön mit einem Zitat aus oben genannten Film garnieren: „Ich bin zu alt für mein Alter“. Mist?

Mein Nachbar, die Bestie

Hallo Gesellschaft. Verzeihung. Ich muss jetzt kurz gute Launen und grinsende Gesichter gefährden, aber bitte das hier mal angucken:

Schon eine Leistung, Herr Rechtsanwalt, wenn der schrecklichste Mensch bei „Markus Lanz“ mal nicht der Gastgeber selbst ist. Und ich möchte die Nazikeule heute ausnahmsweise mal nicht schwingen, aber was die Dame da am Ende des Beitrages zeigt, ist ebenfalls sehr gruselig.

Mer­ce­des­nacht­ge­wandgewinnspielergebnisverkündung

Ich schlüp­fe in mein sil­ber­nes Mer­ce­des­nacht­ge­wand, lege mich in mein eta­gen­lo­ses Hoch­bett und schaue hin­aus auf die Fel­der und end­li­chen Wei­ten.

Die Älteren erinnern sich sicher: dieser Satz stammt aus der sehr, sehr guten Kurzgeschichte „Wale ändern nichts, sonst wären sie verboten“. Angeregt durch einen Kommentar von Charlotte, die von mir verlangte, doch einmal das „Mer­ce­des­nacht­ge­wand“ zu malen, rief ich zu einem Wettbewerb auf: ich kann nicht zeichnen, deswegen sollten meine treuen, künstlerisch hochbegabten Leser diese Aufgabe übernehmen. Und nun, nun verkünde ich feierlich und nicht ohne Stolz das Ende dieses Wettbewerbs! Die beste (und bisher einzige) eingesandte Zeichnung hat gewonnen! Sie stammt von Charlottes Schwester, deren Namen mir leider nicht bekannt ist. Sie heißt vielleicht Anne oder Lisa oder Rosemarie, aber das sind nur Vermutungen – reiche ich aber noch nach. Bis dahin feiern wir alle gemeinsam das Gewinnerbild des Mercedesnachgewands! Glückwunsch! Der Preis bleibt zwar geheim, ist aber auf dem Weg. Ich schwöre! Gute Nacht.


(hier klicken für große Ansicht)

(Übrigens sind alle Leser hiermit dazu aufgerufen, zu jedem meiner Texte irgendwas zu malen oder zu basteln. Würde mich freuen. Meine Kurzgeschichten bieten sicherlich genug Vorlagen. Gibt dann vielleicht auch Preise, zum Beispiel ganz viel Geld, eine witzige CD oder meine alte Handynummer. Viel Glück und Danke! Zeichnungen, Liebesbriefe und Ähnliches bitte wie gewohnt an zeno91@gmx.de)

Im Sozialismus hätten immer alle genug zu rauchen

Es roch nach Hund. Ist dies der Großstadtgeruch oder bin ich hier falsch? Das schlechte Wetter erschwerte mir den Fußweg zu meiner Arbeitsstelle ein wenig, doch ich fühlte mich davon nicht gestört. Im Gegenteil. Der Wind föhnte meine ungekämmten Haare zu einer schicken Frisur, die ich lediglich ab und an durch einen Blick in die Schaufenster korrigieren musste. Man hätte fast vermuten können, ich hätte geduscht. Zigarettensuchtbedingt legte ich eine Pause ein und stellte mich unter. Seit ein paar Tagen rauche ich Pall Mall. Neulich sah ich einen französischen Film, der doppelt so alt war wie ich – und dort hatten die Darsteller Zigaretten, die doppelt so dick zu sein schienen wie die, die ich in viel zu kurzen Intervallen aus meiner teuren, roten Packbox fummelte. Außerdem war rauchen damals noch cool und sogar die schönen Frauen taten es. Schnell wusch ich den Neid von mir, suchte Ablenkung. Rechts neben mir ein Meer aus Klingelschildern. Allerweltsnamen, türkische Namen, zwei bemitleidenswerte Familien mit Doppelnamen, ein Lichtschalter. Links von mir ein Geschäft mit Hochzeitskleidern. Teuer, weiß, unansehnlich. Französinnen aus den 60ern hätten sich darauf nicht eingelassen. Ich schaute in den Laden hinein. Eine runde, ungesunde Frau saß auf einem Holzschemel und starrte in den Regen. Eine gemütliche Arbeit: meistens rumsitzen, manchmal Frauen in Kleidern sagen, dass sie gut aussehen. Zu ihr hat das wohl lange niemand mehr gesagt. Ich klopfte, winkte aufmunternd und weil die Hochzeitskleiderfrau mich nicht auf einen Kaffee einlud, fütterte ich ihren Briefkasten mit einem Zigarettenstummel. Die Arbeit ruft, ich muss dem Ruf folgen.

Vor zehn Minuten hätte ich im Büro erscheinen müssen. Der Herr mit dem Zwirbelbart und die Dame mit der Handtasche aus Schmetterlingsflügeln sitzen bestimmt bereits auf ihren Ledersesseln, reißen Briefe auf und murmeln Sachen wie: „Na, wo wohl der Herr Fleur bleibt, vielleicht hat der Wind ihn fortgeweht, ahaha!“ oder „Verspätet sich mal wieder; hat wohl seine Hose nicht gefunden!“. Ich verachte sie aber nicht nur für ihren Humor. Wie sie mich jeden Tag nur durch ihre Blicke wissen ließen, dass sie es kaum erwarten können, dass man mich rauswerfe und ich mich endlich zu den Bahnhofspennern legen müsste. Natürlich ahnen sie nicht, dass die Bahnhofspenner die richtigen Gewinner beim Verlieren sind. Zwirbelbart und Handtaschendame würden alles dafür geben, wären sie auch einmal nur so frei1. Manchmal wünsche ich mir, die beiden würden im Lotto gewinnen und dann den Job schmeißen. Sie könnten dann in die Karibik und Skifahren in Österreich und Golf spielen mit Prominenten und Handtaschendame könnte ihre klobigen Finger mit einer Mandarinennagelfeile schönschmirgeln. Dann wäre Besserung in Sicht, aber auch nur vielleicht, denn sicher würden die zwei durch ähnlich Gestrickte ersetzt. Der Hass hat viele Gesichter. Ich wäre schon mit einem einzigen zufrieden.

Völlig nass vom Geplästere2 erreiche ich mit einer gemütlichen Verspätung das lausige, graue Büro. Handtaschendame rührt in ihrem Fencheltee, Zwirbelbart legt seine Briefe beiseite und lacht mich an: „Na, Fleur, Regenjacke nicht gefunden?“ Leider doch, Zwirbelbart, leider doch.

  1. Frei nach: Rocko Schamoni - Gegen den Staat (Du siehst die Penner dort am Hauptbahnhof / Sie leben frei und ihnen kommt keiner doof / Traurig fährst du im Benz an ihnen vorbei / Du würdest alles geben / wärst auch nur einmal so frei)
  2. plästern“, Krieewelsch für „regnen“

Immer wieder Müll

Lalala ist das neue Lalelu

Jazz, Jazz, Jazz, yeah; Jazz finde ich grundsätzlich ganz gut. Gestern Abend war Jazz. Heute aber ist Alltag in E-Mol. Für die leeren Bierflaschen benötige ich vier große REWE-Tüten. Da sich in vielen Flaschen noch ein ungetrunkener Halbschluck befindet, sammelt sich an den Tütenböden eine cremige Suppe aus Restgebräu und Speichel. Ich würde mir sofort einen Chemiebaukasten kaufen, wenn dieser mir speichelanalytisch dabei helfen würde, die Nichtaustrinker des billigen Krefelder Bieres ausfindig zu machen. Der Baukastenriese „Kosmos“ könnte diese Marktlücke füllen und endlich eine Experimentebox für Erwachsene auf den pulsierenden Chemiebaukastenmarkt bringen. Darin enthalten: ein Promilletester, basierend auf Alufolie und Schwefel. (Wie das genau funktionieren könnte, weiß ich nicht, ich habe Chemie nach der neunten Klasse abgewählt.) Auch dabei: eine Backanleitung für Dinkelplätzchen, die im weiblichen Körper für eine Schwangerschaft sorgen. Und mein Speicheltest für Restgebräu jeder Art, der wäre natürlich auch im Chemiebaukasten für Erwachsene dabei, klar. Selbst wenn man Dinkel unlecker findet oder nur austrinkende Freunde hat, ich bin mir sicher, dass ich hier gerade eine Marktlücke aufgespalten habe. „Kosmos“ würde, höhö, astronomisch viel Geld damit verdienen und auch das Image des Chemiebaukastens wäre endgültig gerettet. Denn jeder weiß, dass nur Arschlocheltern ihren Kindern das „große Kosmos-Chemielabor „zumuten. Damit der Kleine nicht dauernd Super RTL guckt, sondern auch mal was Lehrreiches macht, jaja; auf geht’s, Jugend-Forscht-Gewinner von 1973, rettet die Kinderspielzeugwelt! Aber es ist nun mal so, dass Pipetten, Siedestäbe und Messbecher für Neunjährige so interessant sind wie Bausparverträge. Und Neunjährige, die das anders sehen, gucken meiner Ansicht nach viel zu wenig Super RTL.

Herrje, jetzt bin ich sehr weit von der eigentlichen Geschichte weggedriftet. Die Älteren werden sich erinnern: ursprünglich ging es in diesem Text mal darum, wie ich Pfandflaschen wegbringen wollte. Und es dann auch tat, so wie es eine alte Marotte von mir ist, Dinge, die ich begonnen habe, auch zu Ende zu führen. Jeder hat eben so seine Macken; manch einer lutscht Zuckerwürfel, ich mache Sachen zu Ende. Und so schlenderte ich mit vier großen REWE-Tüten in zwei Armen die Straße herunter und bemühte mich, in Jogginghose und dreckigem T-Shirt nicht allzu sehr auszusehen wie jemand, der aussieht wie einer, der regelmäßig in Jogginghose und dreckigem T-Shirt vier große REWE-Tüten voll mit leerem Bier wegbringt, was sehr schwierig ist, wenn man Jogginghose, dreckiges T-Shirt und vier große REWE-Tüten voll mit leerem Bier trägt. (Satz des Jahres.) Ich tauschte die Flaschen gegen einen Zettel ein, den ich dann an der Kasse bei REWE-Fachkraft Günther gegen Geld weitervertauschen konnte, welches dann in dickmachendes Essen investiert worden ist. Ich fühlte mich ein wenig wie Hans im Glück. Und das Glück, ich schien ihm ein guter Wirt gewesen zu sein: auf dem Rückweg fand ich eine kleine Pappschachtel, mit zwei Zigaretten und einem Feuerzeug in sich. So ein witziger Zufall, exakt so eine hatte ich auf dem Hinweg verloren. So konnte ich mich zu Hause entspannt und beglückt der Couch hingeben, wo ich nun immer noch liege. Ein bisschen Musik wäre jetzt fein. Jazz! Jazz, yeah; Jazz finde ich grundsätzlich ganz gut.

Astrein alt sein

Mit 83 Jahren hat man noch Träume: unvernünftige Weltreisen mit der Aida machen. Später sterben als die eigene Schrumpelehefrau. Sex mit Haustieren. Überregionale Bingoturniere gewinnen. Einmal bei „Wetten dass…?“ nicht einschlafen. Einen Rollator beim Kreuzworträtsel gewinnen. Und natürlich das Allerwichtigste: in Würde altern. Ich habe bereits alles hinter mir, nur, weil ich so ein Dusel bin, ein bisschen verkehrt: ich hatte Sex mit meiner Schrumpelehefrau und bin dabei nicht eingeschlafen. (Immerhin.) Die Weltreise habe ich mit dem Rollator gemacht. Und beim Kreuzworträtsel habe ich nur die Teilnahme an einem Bingoturnier gewonnen. Yeah. Nur „Wetten dass…?“ ist leider nicht in Würde gealtert, sondern ist immer noch so spannend wie früher, zum Beispiel in 1985, 1993 oder 2001. Habe ich jetzt alle Traumpartikel außergewöhnlich witzig miteinander verklebt? Die Haustiere fehlen noch, hm. Und die Aida. Und sterben. Vielleicht können dann ja einfach alle Haustiere auf ein Aida-Traumschiff gefrachtet werden, wo dann im Kollektiv an Seeübelkeit sterben; hab eh kein Haustier. die kacken immer überall hin, können nicht mal richtig reden und teilweise können sie nicht mal Purzelbaum. Oder soll „Wetten dass…?“ sterben? Es ist mir inzwischen so egal, ich gucke sowieso kein Fernsehen mehr, sondern nur noch aus dem Fenster. Manchmal kommt die Nachbarin aus ihrer Butze und bringt den Müll in die Mülltonne. Vorgestern um 13:28 Uhr, gestern um 18:53 Uhr. Ich halte das in einer Tabelle fest, man hat sonst nichts zu tun.

Ich kann beispielsweise seit etwa zwanzig Jahren nicht mehr masturbieren. Meine künstliche Lunge aus Plastik verhindert den Genuss von Zigaretten und Nikotinpflaster sind auch nicht so dufte, außerdem tun die beim Entfernen immer weh und reißen mir die Haare aus. Meine wertvollen Haare! Meine wertvollen Haare, sie verdecken sonst so charmant meine aufkeimenden Leberflecke. Ins Kino kann ich auch nicht mehr gehen, dort ist es mir zu laut und die jungen Leute schmeißen sich immer so brutal mit Popcorn um sich, dass ich, als Kriegskind, unweigerlich an fliegende Panzer und unmodische Tarnkappen denken muss. Schauderhaft. Ja, so war das. Hoffentlich gibt es nie wieder Krieg! Und wenn es dann doch sein muss (z.B. wegen Ressourcenknappheit oder schlechtem TV-Programm), dann bitte ohne Volkssturm, so bliebe ich nämlich wenigstens von dem ganzen Scheiß verschont. Gewiss, natürlich, jaja, herrje und einszweidrei; mir ist selbstverständlich bewusst, dass man mich wegen solchen zweifelhaften Meinungen uncool finden könnte, aber: ich habe diese Meinungen gut recherchiert. Ich bin in mich gegangen und kann bestätigen: sie sind tief in mir fest mit Gewissen und Milz verknotet und somit wahr. Es tut mir leid. Außerdem widerspricht man alten Leuten nicht, sonst ist man eine blöde Funz und hat keinen Respekt vor dem Alter bzw. Alten. Früher war ich übrigens mal Journalist.

Und nun? Nun sitze ich in meiner Jodhpurhosen und meinem grünen Fleeceunterhemd auf meiner Couch und überlege, ob es das alles wert war. Ich weiß es nicht, liebe jungen Leute. Aber eins weiß ich auf alle Fälle: Altern geht tierisch auf den Arsch, selbst wenn man nicht auf ihm sitzt, sondern was Anständiges tut. Hätte ich drauf verzichten können, sollen, müssen? Morgen werde altere ich schon wieder und zwar um ein ganzes, vertrödeltes Jahr. Und! Soll ich halt! Was soll der Geiz, auf geht’s, Weltreise! Sex! Bingoturnier! Plastiklunge. Ach, verdammter Corpus.

Gedankliche Outtakes

Wie es wohl wäre, wenn meine Kurzgeschichten in Familien als vorgelesenes Gutenachtleckerli für die Kleinsten eine kuschlige Herberge finden würden? Würde das die Kinder versauen oder bekämen sie dann frühestmöglich einen Sinn für augenfreundliche Wortwahl in den Tornister des Lebens gepackt? Wie ist das eigentlich, schreibe ich nur Scheiß oder ist das alles in Maßen doch ganz okay? Zu dumm, dass ich meine Texte am Computer schreibe, denn das traurige Bild, das zweitklassige Autoren zu seiner Zeit hatten (viele mittelmäßige Ideen = mit zerknüttelten Ideen gefüllter Papierkorb), kann ich nicht gleichwertig ersetzen. Ein mittelguter Text wird heute entweder zwischengespeichert (und danach nie wieder angerührt) oder mit der Taste, die einen Pfeil nach links zeigt, eliminiert. Der Leser wird sich kaum ausmalen können, wie viele halbfertige Anfänge und ungeschriebene Enden hier auf der Festplatte digital Staub fangen. Nie an die Öffentlichkeit gelangen wird zum Beispiel ein Glückwunsch an Helmut Kohl zu seinem achtzigsten Geburtstag (Entlarvender Auszug: „Aber eigentlich wollte ich ja was zu Helmut Kohl sagen. Mir fällt aber jetzt nichts mehr ein.“). Auch durchgefallen: meine Geschichte über Pfandflaschen („Ich ekel mich vor sehr wenig Dingen und auch ein bisschen Plörre in einer Plastiktüte kann mir nix. “). Schade, auch folgende Frage wird nie erklärt werden: „Welchen Sinn ergibt die Erwähnung des Fluglotsen?“. Denn sie befindet sich in einem falschen Umfeld, sprich, ein paar Satzstaffetten, die mir dann doch nicht gefallen haben.

Eine weitere Auswahl an Sätzen, die den falschen Wohnort haben:

„Ich möchte ihn vergleichen, bevorzugt mit Jesus!“
„Haben Tiere eigentlich Sexfetische? Treffen sich Hund und Ente heimlich nachts im Park? Gibt es pädophile Elefanten?“
„Liebe Leser, ihr merkt: Nazis, Witze über Namen und sexistische Anspielungen: ich habe wirklich absolut keine Ahnung, worüber ich schreiben soll. Ich bin quasi der SPIEGEL, nur als Blog.“
„Vuvuzelas sind übrigens sehr gut.“
„Sie ist so düster und nebelig, uuuuaaahhuuuuuah!“

Und mit diesem intimen, fast sogar persönlichen Einblick in die weiterhin unverschämterweise unentgeldliche Arbeit eines aufstrebenden Bloggers entlasse ich euch in den wohlverdienten Feierabend.

Wale ändern nichts, sonst wären sie verboten

Kurz nach dem Duschen ist man für einen ganz kurzen Moment der sauberste Mensch der Welt. Schön, wenn man ab und an mal besonders besonders ist. Wie üblich habe ich beim Duschen meine leeren Wasserflaschen befüllt, um Geld zu sparen – herrje, mag man denken, aber du musst doch die Rechnungen für den imsenen Wasserverbrauch tragen und dann rechnet sich das gar nicht, kurz, du bist ein blöder Heini! Aber natürlich ist dem nicht so. Vor einiger Zeit erspielte ich mir durch mein mühsam angeeignetes Wissen über Kirchturmspitzengerüste in bergischen Gebieten (die sind dort sehr verbreitet und ich hatte mal eine Dokumentation darüber gesehen, die zwar nicht gut, weil langweilig war, aber Grundsätzliches wurde prima vermittelt) einen kostenlosen lebenslangen Wasserkonsum – ich muss nur die Rechnungen an den Gewillspielaustragenden schicken und dann übernimmt er sie. Manchmal nehme ich mir vor, das Rechnungeneinschicken zu vergessen, um die Preistiftungsfirma nicht in die finanzielle Unwetterkatastrophe rutschen zu lassen. Man merkt: der Reichtum hat mich nicht verdorben, ich bin weiterhin ein adretter, freundlicher Mensch – so wie ich auch die Intervalle meiner Körperpflegemaßnahmen weiterhin gering halte, obwohl ich mir eine wöchentliche Dusche inzwischen ja durchaus leisten könnte. Meine Körpergerüche möchte ich nicht missen. Ich habe sie lieben gelernt, man gewöhnt sich nach langer Zeit eben auch an Pestizide, Parasiten und Bazillen gewöhnt. Wenn man einmal Kopfläuse hat, dann will man sie eben nicht mehr vertreiben.

Beim Frühstück ist es vergleichbar, aber ähnlich. Ich konsumiere dann in Tee aufgeweichtes Knäckebrot, wie ich es früher in meiner Jugend immer tat. Das mag mich von dem Großteil der Frühstückenden abkaspeln und in Hotels moniere ich deswegen auch stets das Fehlen meiner favorisierten Teesorten. Diese variieren von „Vanille küsst Mango“ bis hin zu „Pfefferminzengtanz“ und „Genusseuropameisterschaft der Trockenfrüchte“. Und beim Teeverzehr betreibe ich für mein armseliges Leben gern ein wenig Kurzstreckenfantasiererei, heißt, ich denke mir ganz abstruse Szenarien in fremden Ländern und unter verwirrenden Umständen. Ein Okapi, welches unglücklicherweise in Sibieren geboren wird und deswegen innerhalb von Sekunden den Kältetod stirbt – bitter, hart, so kann die Realität eben manchmal sein. Es haben nicht alle so viel Glück wie ich und für diese Erkenntnis brauche ich nur meinen Kopf auf den Boden zu drehen, wo mein kleinwüchsiger Haushälter meine Schuppen aufsammelt. Ein Gast meines Hauses meinte mal, ich könnte froh sein, dass der kleine Putzschlumpf nicht auch noch schwarz wäre, sonst könnte man mich als Rassisten beschimpfen – keuchend musste ich schmunzeln, ich sei natürlich kein Rassist, ich interessiere mich nicht mal für Politik. Außerdem stelle ich generell hier keine Neger ein, die können woanders putzen.

Zwölf Uhr mittags, mein Tag neigt sich dem Feierabend zu. Ich schlüpfe in mein silbernes Mercedesnachtgewand, lege mich in mein etagenloses Hochbett und schaue hinaus auf die Felder und endlichen Weiten. Mein Leben ist fabelhaft. Schnell noch stelle ich meinen Wecker auf übermorgen ein, lege dann noch rasch meinem Putzliliputaner einen Fünfer auf den Teller vor meiner Toilette, damit er sich morgen neue Kippen ziehen gehen kann. Wie gesagt, ich bin ein netter Kerl.

Kurswechsel bei den Linken

[gefunden von Annika]

Was ich mag ist scheiße

Ich ging also weg vom Einkaufsparadies, wo all die Gutverdiener die Gutverdieneratmosphäre genossen und ihre bunten Hemden in der Sonne badeten. Eine neue Hose konntet ihr mir aufschwatzen, zugegeben, aber euren Kontostand frönen könnt ihr gewiss auch ohne mich! Ich suchte verzweifelt nach Bier und Zigaretten und Isolation. Musste ich mich doch rasch noch von dem Schock erholen, der mich ereilte, als ich in meiner rechten Hand eine Tüte von Tommy Hilfiger entdeckte. Schreck! Oh! Schnell am überfüllten McDonald’s vorbei, kein Sitzplatz frei. Moralisch nicht einwandfreies Fressen kommt an. Aber da kann ich mir auch ruhig an das eigene Knie fassen: wie alt wohl das Kind war, das meine Hilfigerhose genäht hat? Wieso habe ich so ein Gutverdienerfamilienglück? Ich brauche das doch gar nicht. Ich verjuxe das Geld für Kultur und Ungesundes, Nützliches kommt mir nicht in die Tüte. Aber eine Hilfigerhose. Ich bin immer noch ganz verwirrt! Wie konnte das passieren. Ich bin doch ein cooler, alternativer Zausel, oder nicht? Ich muss schnell wieder in meine pseudoreaktionäre Scheinwelt; wo ist mein Bier, wo sind meine moralisch einwandfreien Zigaretten.

Zwölf Uhr mittags, ich will eigentlich noch gar kein Bier. Kommt vielleicht auch nicht an. Machen die Holländer links und rechts von mir ja auch nicht. Hier säuft man wohl erst später. Kaffee ist auch cool. Ich trinke jetzt Kaffee. Eigentlich ist die Hose ja vollkommen okay. Ein Mensch mit Polohemd und Modelfreundin kommt vorbei; mir fällt wieder ein, dass ich gerne woanders wäre. Und sie? Wo ist sie eigentlich? Geht es ihr gut? Ob ich sie anrufen soll? Ich vermisse sie, weil ich ihr all das glaube, was ich an mir selbst immer kritisch hinterfrage. But all I can do is be me – whoever that is. Der Kaffee schmeckt mir wirklich und McDonald’s ist wirklich scheiße. Das Gute ist, dass ich weiß, dass es mir auch ohne Hose gut geht. Es gibt Dinge, die kann man nicht ändern. Für alles andere gibt es die Pubertät. Hihi, ich bin so ein Idiot.

Der Fisch fängt im Meer an zu stinken

Ich werde mich erst dann endgültig erwachsen fühlen, wenn ich für einen bestimmten Zeitraum – sagen wir zwei, vier oder hundert Monate – nicht zwecks Alterskontrolle meinen Personalausweis vorzeigen musste. Rauchen lässt die Haut altern, zusätzlich rasiere ich mich nur in willkürlich und verrückt verteilten Intervallen. Eigentlich müssten mich Supermarktkassiererinnen, zufällig Angerempelte und Grundschüler bei jeder Gelegenheit siezen. Tun sie aber nicht. Möglicherweise liegt es an meiner geringen Körpergröße, ich bin nur etwa 5,74147 Fuß groß. Gern erkläre ich diesen Umstand so: ich bin ein tierisch fauler Mensch, der es mag, wenn die Stunden nicht nur im Schlaf liegend vorbeiziehen. Daher ist es nur logisch, dass Gott (Anmerkung für Nihilisten und Atheisten: an dieser Stelle darf geschmunzelt werden.) mir auch einen faulen Körper geschenkt hat. Mein Körper hat sich nicht mehr gestreckt, als er muss. Man kann auch mit 175 Zentimetern über den Dingen stehen und im Buchhandel die Bücher der Autoren mit A-D als Anfangsbuchstaben greifen. Heute sah ich viele Menschen, die kleiner waren als ich und auch welche, die größer waren als ich. Das geht wahrscheinlich vielen so, aber ich führe mir dies zur Beruhigung immer wieder vor Augen. Es geht nicht allen Personen so, man denke nur an die Persönchen in Liliput aus „Gullivers Reisen“. Oder an die Schlümpfe. Oder an Peter Maffay. Oder an Kim Jong-Il; aber an den soll man eigentlich nicht so viel denken, weil er der böseste Mensch der Welt ist, vielleicht. Soll er doch von mir aus sein, Dieter Bohlen kann eben auch nicht jeden Preis bekommen.

Das Lebensziel ist, das lustigste Buch der deutschsprachigen Welt zu schreiben. Ich habe die Bücher von Otto Waalkes und Loriot gelesen, von Heinz Strunk und auch von Helge Schneider, Max Goldt und Johann Wolfgang von Goethe. (Tommy Jaud zähle ich nicht, weil ich nichts lese, was meine Tante witzig findet – aber seine Fernsehproduktionen „LiebesLeben“ und „Zwei Weihnachtsmänner“ kann ich jedem ernsthaft empfehlen.) Gewiss, die waren alle relativ zwergfellgefällig (herrliche Wortneuschöpfung, null Googletreffer, Heureka!), aber heute erwarb ich aus reinem Aktivismus das Buch vom okayen Olaf Schubert: „Wie ich die Welt retten würde, wenn ich Zeit dafür hätte“. Nicht, dass ich die Welt retten wollen würde, dazu habe ich gar keine Lust und mein absatzeinleitendes Lebensziel ist ja schon schwierig genug. Aber die ersten 25 Seiten des Buches waren dermaßen lustig, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben im Bus nicht über Fahrgäste lachen musste. Hinweis an alle Freizeitbiographen: kauft euch das Schubert-Buch und dann wisst ihr, wie mein Humor ist. Kauft es euch vielleicht auch einfach so. Und falls Olaf Schubert diese Zeilen hier liest: Olaf, du schuldest mir für diese Lobhudelei noch fünf Euro. Und vielen Dank für das Höherlegen der Latte wegen des witzigsten Buch der deutschsprachigen Welt. Vielleicht klaue ich ja einfach von Schubert, Strunk und Schiller für das witzigste Buch der Welt zusammen – und werde der (oder sagt man hier „die“? Vielleicht liest Bastian Sick ja auch mit.) männliche Helene Hegemann.

Aber Eile, Eile, bald bin ich nicht mehr 18 Jahre alt und dann wird das nichts mehr. Schubert, Sick, Hegemann, Maffay, Gott, Gulliver: bitte alle mal bei mir melden. Sonst werde ich eben Steuerberater, Dachdecker und Tagedieb und das wollt ihr nicht.

Der tanzende erhobene Zeigefinger

Was ihr nun seht, liebe Freunde, ist ein Video eines Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz. Er tanzt mit seinen Enkeln und Urenkeln zu „I Will Survive“. Ich verneige mich, ziehe meinen Hut und sende Applaus. Das hier ist nicht makaber und erst recht nicht falsch; im Gegenteil: es läuft mit offenen Armen auf einen zu.

Du hast gelogen, als wir das Geld sammelten

Aktuell runzelt sich meine Stirn ganz gut. Altbekannte Gesichter singen marode Lieder mit neuen Strophen und altem Refrain. Geschwätz im Vier-Vierteltakt. Zwitscher, zwitscher. Lala, lelu. Singt doch mal einen Hit. Komponiert spontan die Revolution. Haut die Gassen! Vom Leben gezeichnet sein ist Kunst. Und guck mal da, deine alten Freunde. Und guck mal da, ein Einkaufswagen. Und guck mal da, ein Entmüdungsbecken. Dort kann man liegend wach werden und fühlt sich, als schwämme man in kaltem Kaffee. In zehn oder tausend Jahren werden diese Becken in jeder Wohnung vorinstalliert sein, denn die Menschen werden immer müder, schlafen teilweise sogar schon unterbewusst beim Essen oder Katapultieren. 52 Wochen Winterschlaf, nur unterbrochen von Weihnachten. Da geht man heraus, winkt allen Menschen und geht dann wieder. Wenn Jesus und Gott das so geplant haben, dann sind sie blöde Heinis. Wahrscheinlich aber sind wir die Dummen. Jesus mochte alle Menschen. Ich winke nie.

Heute kündigte sich ein Gewitter an, aber kein metaphorisches, sondern ein wetterliches. Ich setzte mich auf eine Bank und verbrauchte die mitgebrachte Geduld sehr sparsam. Schließlich wurde ich nass. Ich grinste den Himmel an, während sich die Blitze gerecht auf mein linkes und rechtes Blickfeld aufteilten. Das war schön. Mehr gibt es nicht zu berichten. Vielleicht noch das hier: Norderney ist sehr schön, fahrt da mal alle hin.

Liegend umgefallen

Und dann war da noch dies und das und die Dings ist jetzt wieder mit dem Bums zusammen und hast du schon gehört? Joa. Ein Kerl kommt vorbeigestolpert, erzählt, dass er sei voll sei und dann zählt er noch auf, was er alles getrunken hat und dann fällt er um. Meine Sitznachbarin lacht und macht ein Handyfoto. Ich beobachte die Szenerie, bis sie sich auflöst. Wir sind nun wieder da, wo wir vorher waren. Menschen mit Coolheitszwang, diversen Profilneurosen und ich hoffe wohl weiterhin vergeblich auf eine witzige Anekdote von links oder rechts. Hier wollte ich nie sein. Trunkenes Lallen. Gleich kommt das gelbe Auto, sammelt ein paar Körper ein und fährt sie zurück an den Anfang. Ich bin mit dem Fahrrad. Wenn ich es jetzt noch mit dem Fahrrad nach Hause schaffe, werde ich wohl den Wikipediaeintrag von „Weltwunder“ editieren und mit meiner heldenhaften Rückreise ergänzen müssen. Die Gespräche in meinem Gehörradius entwickeln sich in Richtung Saufgeschichten. Wer kotzt ist früher nüchtern und später Inhalt von Geschichten. Macht doch alle was ihr wollt. Um meine Sympathie in der Runde kümmere ich mich nun nicht mehr, auf den Spinat zwischen ihren Zähnen weise ich sie nicht hin. Ich lasse mir eine Zigarette schenken und ein Bier zapfen. Wieso man mich überhaupt dabei haben wollte. Ich tanze nicht auf Tischen. Ich begeistere mich nicht fürs Lästern. Aber ich nicke alles ab. In zehn Jahren bin ich Randnotiz. Es ist windig und die Aschenbecher fliegen weg. Flaschen fallen um, zerspilttern und die Meute springt auf, kreischt und tritt sich die Füße blutig. Kehrblech, Pflaster, Aufregung. Alles rauscht vorbei, die Menschen drehen sich und werden weniger. Ich würde gern mehr sein. Dann bin ich hier wohl falsch. Ich lasse mir nichts anmerken, rausche und drehe schließlich doch mit. Kollektives Verlieren. Ich bin dabei. Komm, lasst uns Verlierer sein! Erfolg schwitzt.

what do you want?

anybody?

any objection?

Komm doch mal zu einem Kaffee zu mir

Reiche Leute können ganz spaßige Dinge tun. Zum Beispiel bei Amazon für etwa neun Euro Kinderschokolade bestellen. Naja. Ich habe festgestellt, dass Rauchen das vielleicht schwierigste Hobby der Welt ist – abgesehen von Bungee-Jumping, Karohemden und Rasenmähen von mir aus. Zigaretten machen immer nur Ärger, wie Ehefrauen, höhö. Wenn man eine Zigarette in Gesellschaft raucht, kann man viel Geld darauf verwetten, dass mindestens einer nölt: rauchen ist ungesund, teuer, stinkt und ist sowieso total uncool, weil nur Rockstars und Kneipenbewohner das dürfen. Von mir aus sind das alles mindestens Halbwahrheiten, aber viel schlimmer ist: nichtrauchen macht nervig. Furchtbarer ist dann nur noch, wenn man keine Zigaretten hat. Dann kratzt man die letzten Centstücke aus Sofaritzen, leiht sich bei Oma Geld (offiziell für ein belegtes Brötchen oder Duschcreme) und zwischendurch dreht man spontan ein bisschen durch. Wer auch immer Drogen erfunden hat, er hat es sicher gut gemeint. Wer hätte ahnen können, dass Gott dem Menschen einen Strich durch die Kippenrechnung gemacht hat? Lunge plus Zigarette gleich früher Tod, vorher Raucherlunge und soziale Ächtung. Man kann also davon ausgehen, dass Gott Nichtraucher ist/war. Obwohl er unsterblich ist und so keinen qualvollen Tod durch Lungenkrebs fürchten muss. (Was passiert eigentlich, wenn Gott einen Krebstumor bekommt? Verzieht der sich dann aus Ehrfurcht einfach wieder? Zaubert Gott ihn weg? Kennt Gott ein Heilmittel gegen Krebs und hat uns noch nichts davon verraten?) Aber ein schöner Gedanke: Gott sitzt mit anderen Göttern (z.B. Fußballgott, Elvis Presley, dem Erfinder des Fernsehens) rauchend irgendwo herum und dann kommt ein Nichtrauchergott vorbei und nölt. Das ist dann doch Gotteslästerung, oder? Jesus hat übrigens bestimmt gekifft. Es gibt doch das Klischee, dass Langhaarige immer Kiffer sind und vielleicht hat das bei Jesus seinen Ursprung. Ich weiß es nicht.

Bei den Fragen „Wie geht es dir?“ und „Warum hast du dich nicht mehr gemeldet?“ lügen etwa 102% aller Menschen regelmäßig. Das prangere ich an. Daher hier mein ehrliches Antwortpaar: es geht mir schlecht bis gut und ich habe mich nicht mehr gemeldet, weil du mir mit deinem iPod touch, deinem Lachen an den falschen Stellen und den Anekdoten zu deiner Hydrokulturbepflanzung tierisch auf den Sack gegangen bist. Außerdem rauchst du nicht und nölst. So. Ich geh jetzt gucken, ob die Sonne wieder da ist.

(Zusatzbonuslink: http://www.amazon.de/gp/product/B000VZ37A4/ref=s9_simh_gw_p21_i4?pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_s=center-2&pf_rd_r=184KB0N66TPH7XQS89T4&pf_rd_t=101&pf_rd_p=463375173&pf_rd_i=301128)

Hurra! Hurra! Der nicht.

[Bildquelle: Spiegel.de]

(Und es sei mir noch erlaubt, anzumerken, dass die LINKE mit ihrer Enthaltungswelle im dritten Wahlgang eindeutig gezeigt hat, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis sie eine wählbare politische Alternative sind. Die SED-Labereien bekommen jetzt hektargroßen Nährboden, wie doof kann die LINKE eigentlich sein. Bäh. Ich hätte übrigens Gauck gewählt. Wenigstens hatte Martina Gedeck ihren Spaß.)

Are we just yolks?

Le voyage dans la lune

Es war mal wieder ein spaßiger Tag auf dem Mond gewesen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob man überhaupt von einem Tag sprechen kann. Denn ich flog so schnell, dass ich die Zeit überholt habe, so dass ich letztlich nur wenige Erdenminuten unterwegs war. Doch das würde nun zu weit führen. Meine Reise tat ich allein. Mondreisen sind erstaunlich unpopulär, nie möchte jemand mitfliegen, immerhin gibt es dadurch während des Flugs nie Stau. Weil ich schon so oft auf dem Mond gewesen bin (und der Mond leider nicht so viele Sehenswürdigkeiten bietet wie zum Beispiel Rom, Hannover oder New York), muss ich mir immer wieder was Neues zum Zeitvertreib einfallen lassen. Einmal nahm ich einen großen Granitfelsen mit und habe den dann dank Schwerelosigkeit ein bisschen hin und her geschossen, das war ganz witzig. Ein anderes Mal habe ich meine Gitarre mitgenommen und springend „Man on the Moon“ von R.E.M. gespielt. Ich würde gern mal ein Konzert auf dem Mond geben, aber wie bereits erwähnt, ist es dort ziemlich menschenleer (nur ein einziges Mal traf ich den urlaubenden Schauspieler Matthias Matschke, bekannt durch „Pastewka“, „Ladykracher“ und seinen Wikipedia-Eintrag) und in fast jeder Fußgängerzone Eurasiens hätte ich mehr Publikum als auf dem Mond. Doch der Mond als Location hat ein ganz besonderes Feeling, in wenigen Jahren wird er ein echter Insidertipp sein. Darauf verwette ich meine Kronkorkensammlung!

Viele Filme haben versucht, den wunderbaren Ausblick, den man hat, wenn man auf der Mondoberfläche spazieren geht, einzufangen. Zum Beispiel der Filmklassiker „Die Reise zum Mond“ von Georges Méliès aus dem Jahre 1902, dem ich folgendes Wort widme: Applaus! Was für Vorstellungen die Leute damals noch von Mond und Mondreise hatten – und schade, dass wahrscheinlich kaum ein Darsteller im Film, geschweige denn Méliès selbst, den ersten Mondbesuch des Menschen im Jahre 1969 miterlebt haben wird. Aber mal ehrlich, selbst Neil Armstrong und Buzz Aldrin wissen einen Scheiß über den Mond. Wie oft waren die zwei Angeber denn auf dem Mond? Ich weiß nicht mal, ob sie häufiger als ein einziges Mal dort waren. Und sagt jemand, der mal für einen Tag in Köln war und sich den Dom angeguckt hat, dass er sich in Köln super auskennt? Nein. Eben. Ich war schon so oft auf dem Mond, ich darf mir erlauben, mich einen Kenner (oder Auskenner) des Mondes zu nennen. Würde Marco Polo einen Mondreiseführer erstellen, wäre ich der erste Ansprechpartner. Geheimtipp: nach dem dritter Krater links und dann auf die Erde gucken. Ganz viele kleine Kontinente und Länder; sogar Russland, ganz winzig!

Sonnenbrand im Gesicht

Mein Praktikum zum Gabelstabelfahrer verläuft ausgesprochen und ausgeschrieben gut. Jeden Tag lerne ich neue Kniffe, seit heute kann ich rückwärts fahren und „Seven Nation Army“ hupen. Passend zur Deutschlandfahne, die der Sohn meines Chefs mit Fingerfarben auf die Seite des gelben Seitenstaplers gemalt hat. Praktisch: er brauchte nur schwarze und rote Farbe, gelb war ja schon da. Zum Glück regnet es derzeit auch nicht, deswegen hält die Deutschlandlakierung gewiss auch noch bis zum Ausscheiden der DFB-Elf. Mein Chef ist ein sehr geselliger, bärtiger Mensch und obwohl er sehr reich ist (er besitzt Lacoste-Hemden und zwei Handys), hat er sich bei der Betriebsgründung seiner Gabelstabler GmbH gegen Gabelstapler mit Elektromotor entschieden. Und für Gabelstapler mit Benzinantrieb. Das ist derzeit gut, weil altmodische Gabelstapler mit Benzinantrieb nicht in geschlossenen Räumen rumfahren dürfen und so bin ich jeden Tag an der frischen Luft. Die Leute freuen sich immer, wenn ich mit tonnenschwerer Last an ihnen vorbeifahre und unbeschwert winke – hoffentlich lachen sie nicht über meinen grünen Overall oder über meine lustige Betriebskappe (bzw. Betriebscäppi, bzw. Betriebsbaseballcap, bzw. betrieblich geförderte Kopfbedeckung mit Werbezweck), sondern freuen sich ernsthaft über meinen freundlichen Gruß. An dieser Stelle fällt mir ein, dass ich wieder eine Frisur brauche, ich schwitze mit meinen langen Haaren inzwischen Pfützen mit beachtlichem Durchmesser. Derzeit bin ich unreinlicher als ein wilder Pinkelhund. Ob das zum harten Bauarbeiterleben dazugehört wie Ich könnte mir einen Zopf binden, aber das sieht so komisch aus. Wenn ich mal auf einer einsamen Insel wohne, werde ich mir einen Oberlippenbart wachsen lassen; will wissen, wie das aussieht. Eine der drei Dinge also, die ich mit auf eine einsame Insel mitnehme würde: Ganzkörperspiegel. Merke ich mir, Leute ohne Gesprächsansatz wollen sowas immer wissen.

In den Fünfzehnminutenpause, in der die meisten Gabelstablerkollegen drei Zigaretten rauchen und Sodokus lösen, schreibe ich immer Gedichte über mein Leben. Gestern kam ein besonders Schönes heraus, es heißt „Ich bin ein Gabelstaplerfahrer“. Und das geht so:

Ich bin ein Gabelstaplerfahrer, yeah!
Mein Beruf gefällt mir sehr,
ich verdiene gutes Geld,
weswegen er mir gefällt.

Mein Beruf, der ist so cool,
und ja gar nicht schwul,
ich mache brumm brumm,
und Radladerfahrer sind dumm.

Wirklich gut. Ich lese meine Gedichte niemandem außer meiner Mutter vor, aber später will ich damit mal mein Geld verdienen. Es gibt in unserer heutigen Zeit viel zu wenig gute Dichter, mir fällt zumindest keiner ein und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass wir früher in der Schule mal ein Gedicht von jemandem gelesen haben, der nicht schon seit Monaten oder sogar Jahren tot ist. Zeit also für eine neue Generation. Morgen bin ich aber erstmal in Rommerskirchen, schwere Last von A nach B fahren. Danach stehe ich bereit, liebe Deutschlehrer!

Tööööör!

Gerade auf 3sat. Habe den 1ö1. Teil nicht gesehen, aber 1ö2 ist prima.

They Don‘t Care About Us

Bei Süddeutsche.de kann man derzeit schreiben, was alle interessiert: „Wo waren Sie, als Michael Jackson starb?“. Ich dachte mir, man könnte der Redaktion ja mal mit einer Quatschantwort zeigen, was man von so einer Quatschfrage hält, aber huch, nun bin ich „Beitrag 57″.

Scheinbar ist den Leuten bei der SZ egal, was die Leute da so schreiben – hauptsache man bekommt eine neue Klickstrecke gebastelt. Pfui.

Mathe kann ganz schön geil sein

Heute Matheklausur zurückbekommen: mangelhaft. Oh. Aber seht her, was T. heute von meiner Mathelehrerin bekommen hat! Eine…

Neue Fachmänner braucht das Land

[Dank an Anna!]

Ich spiele trotzdem mit den Schmuddelkindern

Der beste und lächerlich einfachste Trick bei Trödelmärkten ist, die Verkaufsstände möglichst bei Abwesenheit der Sonne aufzusuchen. Viele Verkaufsstandmenschen schlafen dann noch und wenn man sie nun weckt, haben sie kein Interesse am Handeln und legen den Preis besonders niedrig an, damit ich, der Aufweckende, schnell wieder geht und der eigene Schlaf weitergeführt werden kann. Clever, was? Auf diese Weise habe ich heute geschätzt fünfzig Cent gespart, außerdem bin ich jetzt schon fast neun erlebnisreiche Stunden auf den Beinen, obwohl erst Mittag ist. Der Mensch schläft etwa ein Drittel seines Lebens, ich hingegen möchte nicht noch mehr Zeit verschlafen. Bekannt ist sicherlich die alte Faustregel „Kaufe niemals Schwimmflossen auf dem Trödelmarkt, sonst werden deine Füße eitern und schimmeln!“, aber weil ich Nachsicht spannender finde als Vorsicht, habe ich es dennoch gewagt: für einen Euro wanderten um fünf Uhr morgens zwei grüne Schwimmflossen in meinen Besitz. Am Nachmittag hätte ich sicherlich mehr dafür bezahlt. Morgen reise ich zum Nil und probiere sie aus!

Wenig später erreichte die Sonne unsere Erdhalbkugel und ich benötigte ein Frühstück. Eine Zigarette war mir dafür nicht genug, ich genehmigte meiner Lunge eine zweite. Ich las gerade in meinem neuen Franz Josef Degenhardt-Buch (fünfzig Cent), als ich die zweite Kippe auf den Kieselsteinboden warf – und ein Polizeimensch in meine Richtung trabte.

Was haben Sie da gerade gemacht?“
„Ich weiß, ich weiß; Körnerbrötchen und Orangensaft wären ein besseres Frühstück gewesen, Herr Polizist, aber Sie wissen doch, wie das ist. Der nächste Supermarkt beginnt mit seiner Verkauferei erst in zwei Stunden.“
„Und dann schmeißen Sie die aufgerauchte Zigarette einfach so auf den Boden? Unsere Mülleimer haben rund um die Uhr geöffnet.“
„Hehe, ein gelungener Scherz, Herr Polizist! Ich verstehe Ihren Unmut, aber sehen Sie, ich wollte mir ja einen Aschenbecher kaufen. Mir gefiel ein Jonnie Walker-Aschenbecher sehr, er sah nach Stil aus und ich war auch im Begriff, ihn zu erwerben, aber trotz des Trödelmarkttricks wollte die Verkäuferin sechs Euro dafür haben! Da musste ich ablehnen. Sie kennen doch den Trödelmarkttrick mit dem frühen Aufstehen und so weiter?“
„Ich bitte Sie höflichst darum, ihre Zigarettenstummel in den Mülleimer zu werfen. Schönen Tag noch.“

Polizisten sind ganz nette Menschen, doch manchmal haben sie nichts Wirkliches zu tun und dann tun sie mir leid. Für uns Normalbürger ist es schön, wenn keine großen Verbrechen geschehen, aber wenn sich ein Polizist nur mit Kleinstbagatellen beschäftigen muss, lebt er unzufrieden und unausgefüllt. Was ist ein Hüter des Rechts ohne Unrecht?
Dann fand ich bei meiner Trödelmarktvisite noch ein Diddlmaus-Puzzle mit fünfhundert Teilen. Das hatte ich auch früher mal besessen. Natürlich hatte ich großes Interesse an einem Kauf, mein eigenes Puzzle habe ich im Verlauf eines Umzugs leider weggeworfen. Ich hätte gern wieder dieses Puzzle, denn es gibt weniger sinnvolle Möglichkeiten, seine Freizeit zu verschwenden, zum Beispiel Mandalas oder Vuvuzelas. Doch zuvor musste ich prüfen, ob alle fünfhundert Teile noch beisammen waren. Habe also gezählt, drei fehlten. Nö, dann nicht.

WM-Rätseln mit BILD.de

Jetzt, gerade, in dieser Sekunde und vielleicht auch noch in zwei danach: ein schönes Rätsel auf BILD.de. Bin noch am Knobeln.

Notes Of A Dirty Young Man

Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, kann es nur noch vorwärts gehen. Das ist beruhigend. Auf dem Weg zur gegenüberliegenden Wand finden sich zahlreiche Geschenke, zum Beispiel verklebte Kaugummis, ungelesene Zeitungen und Haarspangen. Ich hielt neulich die Hundeleine zu locker und dann ist der Hund weggelaufen. Er kam bis heute nicht mehr zurück, doch das ist okay; auch ein Hund darf machen was er will. Bastian Schweinsteiger hat gestern übrigens wirklich sehr gut gespielt. Aber das gehört hier nicht hin und her. Erzählen möchte ich noch von meinem Donnertag, an dem ich kurz davor war, das Gesamte zu verstehen. Leider störte mich dann ein Telefonat. Schade. Mein Freitag war dann nicht so ereignisreich, ich entsorgte ein paar abgelaufene Fruchtjoghurts; zwei davon mit Himbeergeschmack, weil Himbeeren lecker sind. An besagtem Tage konnte ich zudem ein Eiswürfelgerät aus Plastik erwerben. Wasser gefällt mir im flüssigen Zustand nicht so sehr, ich habe gern etwas zu tun und lutsche deswegen für mein Leben gern eisiges Würfelwasser. Davon hat man auch länger was, gerade jetzt, in der Warmzeit. Eine perfekte Überleitung zu dem, was ich am Wochenende getan habe: da habe ich versucht, meinen Körper vor der wetterbedingten Wärme zu schützen, indem ich am Tag geschlafen und nachts meinen üblichen Kram gemacht habe. Dieser Versuch muss als gescheitert in mein Notizbuch geschrieben werden, da mein obligatorischer Samstageinkauf von den Öffnungszeiten der Supermärkte verhindert worden ist. Der normale Konsument glaubt vielleicht gar nicht, wie teuer Milch ist, wenn man ihn an einer Tankstelle ersteht. So wurde es am Sonntag ein geldintensives Müsli. Alles in allem hatte ich aber dennoch ein schönes Wochenende. Hauptgrund dafür ist, dass die Postkarte, die ich mir beim Urlaub im Nachbarort selbst geschrieben hatte, nach zweiwöchiger Wanderung endlich angekommen ist. Schöne Grüße aus Mönchengladbach!

Nicht jedes Gespräch ist Unterhaltung

Und einmal, da machte ich alles verkehrt und dachte darüber nach, ob es Ursachen gegeben hatte und wieso. Wie unklug. Augen zu und durch ist besser als Augen zusammenkneifen und dem Elend in die Augen sehen. Denn das Elend ist hässlich und grell. Zum Glück fand ich in einer Kiste ein altes Schreibdokument, eine Art Tagebucheintrag und ich amüsierte mich sehr über den Inhalt, obwohl er in einer sehr dunkleren Nacht aufgeschrieben worden ist. Der größte Idiot ist immer man selbst, man muss sich nur immer mal wieder daran erinnern. Ich lachte laut, sah aus dem Fenster, ob ich Nachbarn aufgeweckt hatte und weil draußen nur ein paar Katzen ungestört auf Mülleimern tanzten, entschied ich mich spontan für gute Laune. Eine Bob Dylan-Platte lag immer noch auf dem Plattenspieler, ich hatte wohl lange keine Platte mehr gehört, weil meine iTunes-Musiksammlung einfach viel einfacher zu handhaben ist. Einfach heißt aber nicht gemütlich. Schallplatten haben Flair. Ich ließ die Nadel auf der Rille von „Desolation Row“ herunter, suchte meine Zigaretten, spielte ein bisschen mit dem Lichtdimmer und als alles angerichtet war, genoss ich einfach die Momente. In Unterhose auf dem Boden liegen ist oft eine gute Idee. Mit geschlossenen Augen, natürlich, denn, das wissen wir, sonst droht das Elend. Schade, dass kein Alkohol im Kühlschrank war, aber es war alles auch so schon mehr als okay. Dann genoss ich die Momente zu sehr und schlief ein. Als ich am nächsten Mittag aufwachte, hatte mein Teppich einen neuen Brandfleck. Zu blöd zum Rauchen! Da war er wieder, der Idiot. Ich hatte mich wieder erfolgreich an ihn erinnert! Also erneut lachen, es ist eben doch alles lustiger als man denkt. Was hatte ich eigentlich nochmal verkehrt gemacht? Erstmal ein Kaffee.

Europe – The Final Countdown

Hallo Johannes,

Wir haben eine Anfrage auf dauerhafte Löschung Deines Kontos erhalten. Dein Konto wurde deaktiviert und wird innerhalb der nächsten 14 Tage dauerhaft gelöscht.

Wenn Du die Anfrage auf dauerhafte Löschung Deines Kontos nicht gestellt hast, folge dem untenstehenden Link, um diese zu widerrufen:

http://www.facebook.com/account_delete.php

Danke,
Das Facebook-Team

Guten Morgen! [3]

Ein Nachgezwitscher

Eine Elster ist gestorben. Sie hatte es im Leben scheinbar nicht weit gebracht. Man hatte von ihr erwartet, dass sie die Familientradition weiterführen solle und zwar als diebische Elster. Diebstahl, das Steckenpferd fast aller Elstern. Naturgegebene Tradition. Doch unsere Heldin hatte ihre moralischen Bedenken gegen das Stehlen von fremdem Eigentum. „Lasst doch die Raben oder die Wölfe stehlen, wir müssen doch nicht jede Scheiße mitmachen!“ hatte sie immer gesagt. Petitionen hatte sie gegründet, vierzehn Vorträge hatte sie gehalten; leider blieb die Resonanz gering und ihr Kampf muss als erfolglos angesehen werden. Eine öffentliche Beerdigung wird es indes nicht geben, ihre Verwandten und Bekannten hatten sich von unserer gefiederten Freundin entfernt, nachdem sie ihre eigene Einstellung zum elster’schen Handwerk entwickelt hatte. Die Zahl ihrer Mitstreiter war gering, die Presse berichtete kaum über ihre Aktionen – größere Medienpräsenz brachte ihr nur ein Auftritt in einer Radiosendung zum Thema „Elstern in Polen – da staunt sogar der Mensch!“. Zudem starben bereits im Frühjahr zwei ihrer engsten Vertrauten einen qualvollen Hungertod. Ein dritter starb im Kampf mit einer Krähe. Trotz aller Rückschläge blieb die Elster zu Lebzeiten stets lebensfroh und optimistisch, bis dann am gestrigen Tage ein Unglück ihr junges Leben viel zu früh beendete.

Unsere Elster war fliegend auf dem Weg zum Sport, als sie hinter sich ein begrüßendes „gräh!“ vernahm und ihren Kopf nach hinten drehte, um nachzusehen, wer ihr dort einen schönen Tag wünschten wollte. Es war ihr Verehrer. Sie hatten sich auf einer Demonstration kennengelernt und anschließend unter großer Mithilfe befreundeter Brieftauben romantische Briefe getauscht. Er hatte ihm Sinn, sie zum Essen in einer Buche einzuladen, doch dazu sollte es nicht kommen. Vor flatternder Erregung und grähender Ablenkung flog unsere Außenseiterelster in ein Windrad. Dass diese Dinger aber auch so langsam beim Stromerzeugen sein müssen. Ruhe in Frieden, Elsterdame!

Ein Wortspiel wie „fetter Fehler“ wäre mir jetzt zu blöd

Ich wollte eigentlich nur meinen Bus erwischen, doch Rainer Callmund gab in einem mir bis heute unbekannten Krefelder Modehaus eine Autogrammstunde und weil ich ein lustiger Type bin, konnte ich mir das nicht entgehen lassen. Zwanzig Minuten Anstehen bei Schlagermusik und neben Damenhosen. „Wat sollich druff schreibe?“, quetsche mich Calli aus. „Jacques, bitte.“ Das hat dann aber nicht so geklappt:

Ich klärte ihn auf und diktierte ihm meinen Namen (bzw. „Jacques“). Hat beim zweiten Versuch alles geklappt. Toll. Er freute sich noch darüber, dass ich hieße wie irgendeinen Rennfahrer, aber den kannte ich nicht und es war nicht Jacques Villeneuve, denn den kenne ich. Ich holte mir anschließend ein paar Drinks und der heutige Abend wird sicher prima.

Gute Blogeinträge brauchen keine Überschrift

Wenig Leute lesen im Regen, weil sie denken, dass das falsch wäre. Natürlich liegen sie alle daneben. Gewiss, die Seiten werden nass und man darf nicht langsam lesen, sonst werden sie zu nass. Man muss es einfach nur richtig tun. Dann ist es gut. Ich hatte Geld auf dem Konto und kaufte mir ein Buch von Charles Bukowski, schon wieder. Ich zahlte mit Karte. Der Bus in meine Richtung kam noch nicht und ich stieg in ein Café ab, gönnte mir einen Kaffee. Ich saß dort nur zwanzig Minuten und Bukowski bumste, soff und kotze vor sich hin. Zwischendurch wünschte sich eine Frau irgendeinen Kuchen, hauptsache lecker, und Bukowski kaufte ihr zwei Stücke, damit sie aus einem der beiden wählen konnte. Er war eben doch ein prima Typ, der Buk. Der Kaffee war nicht besonders lecker und ich verpasste den nächsten Bus trotzdem. Ich sah, wie Leute ihre Regenschirme aufspannten und setzte mich auf einen großen, nassen Stein. Niemand außer mir schien sich über den Regen zu freuen; wo sind die Regenkinder, die sich an ihm erfreuen und herumspringen und Pfützen suchen? Immer, wenn ich aufsah, sogen die Bukowskiseiten zuviel Wasser in sich auf und würde ich Bücher zweimal lesen, könnte ich auf diese Weise erkennen, wann ich eine Lesepause gemacht habe. Offensichtlich gehöre ich zu den Menschen, die es gut finden, wenn ihre Bücher gelesen aussehen. Ich sehnte mich nach einem guten Getränk.

Leider hörte der Regen unangekündigt auf, das Buch verschwand in meiner Tasche und ich überlegte, ob ich mir eine Meinung dazu bilden sollte, dass Horst Köhler als Bundespräsident zurückgetreten war. Ich hatte davon erfahren, als ich im Wartezimmer des Plasmazentrums auf meinen Untersuchungstermin gewartet habe. Man konnte mir kein Blut abnehmen, weil ich einen zu hohen Puls hatte. Das lag weniger an Köhlers Rücktritt, sondern eher daran, dass die Blutplasmafrau mir zuvor die dicken Spritzen gezeigt hatte, die sie mir später in die Pulsadern rammen wollte. Ich bin ein Weichei, vielleicht. Weicheier dürfen aber prinzipiell Blut spenden, im Gegensatz zu Schwulen und Schwangeren. Ich bin weder noch. Morgen gehe ich wieder hin, trinke dann aber vorher einen Kaffee, nicht erst danach. Wieso dürfen Schwule, die nachweislich kerngesund sind, kein Blut spenden? Weil sie ab und zu mal einen Penis im Arsch haben? Ich finde das nicht okay. Trotzdem spende ich (nicht so kerngesunder, heterosexueller Jungspund ohne Anzeichen einer Schwangerschaft) dann hoffentlich ab nächster Woche mein wertvolles Blutplasma; ich brauche das verdammte Geld.

Der Eintrag endet unspektakulär damit, dass ich in den Bus einstieg und ein Nutellatoast aß.

Guten Morgen! [2]

[Quelle: Pixelio.de]

Viva la Eurovision (Nachtrag: Viva Lena!)

Ich bin ein sehr großer Freund des Eurovision Song Contests. Es fällt mir regelmäßig schwer, meine Begeisterung für diesen Wettbewerb glaubhaft rüberzubringen und weil ich ja sowieso so lustiger Schelm bin, halten das viele für einen Scherz meinerseits. Hehe, der Johannes, der Spaßvogel. Nein. Allen habe ich heute abgesagt; ich werde mir heute die komplette Show ansehen. Ich habe mir auch schon fast alle Beiträge bei YouTube angesehen, dazu verfolge ich den sehr sehr guten Oslog von Niggemeier und Heinser. Wieso? Ich versuche das jetzt mal anhand des irischen Beitrages von 2008 zu erklären, der damals leider bereits im Halbfinale ausgeschieden ist. Nicht erschrecken, bitte.

Das ist Dustin the Turkey, vergleichbar vielleicht mit Bernd dem Brot, nur bissiger. Und Dustin nimmt in diesem bescheuerten Song so unfassbar viel auf die Schippe: alte, irische Eurovision-Beiträge (Johnny Logan, zweifacher Sieger in den 80ern), den (erstmals beim Songcontest 1994 als Pausenaufführung präsentierten) „Riverdance“, die angebliche Ostblockmafia und natürlich nicht zuletzt sich selbst. Der Beitrag ist einfach nur Quatsch, tanzbarer Unfug mit dem ausgestreckten Mittelfinger. Ihr könnt uns alle mal am Arsch lecken, wir wollen Party! Wenn ich in diesem Video die vielen, vielen Flaggen sehe und wie die Leute einfach nur gemeinsam feiern, dann glaube ich, dass der Eurovision Song Contest genau so sein sollte. So ist er aber nicht. Der eigene Beitrag wird vor allem von den Massenmedien in einer unfassbaren Omnipräsenz in den Himmel gelobt, den osteuropäischen Ländern wird Punkteschieberei vorgeworfen (ob sich in Aserbaidschan jemand darüber beschwert, dass Spanien dem deutschen Beitrag regelmäßig 12 Punkte zukommen lässt, weil Mallorca?) und wenn das zweite Halbfinale, bei dem deutsche Zuschauer nicht stimmberechtigt waren, erstmals live im deutschen TV – wenn auch nur auf einsfestival – übertragen wird, dann gibt es trotzdem noch Leute, die sich darüber beschweren.

An sich ist es ja schon merkwürdig, dass bei der größten Musikveranstaltung der Welt nicht die jeweils besten Sänger des Landes auftreten. Aber auch das macht nichts. Mir reicht es, wenn da „irgendwer“ auf der Bühne steht und mich möglichst noch in Landessprache singend ein bisschen unterhält. Im zweiten Halbfinale sind in diesem Jahr acht Länder mit englischen Beiträgen weitergekommen, dazu Israel (Hebräisch) und, okay, Irland mit einem englischen Titel. Damit sind im Finale nur fünf von fünfundzwanzig Songs nicht auf Englisch, der serbische Beitrag mischt Serbisch mit Englisch. Das ist doch irgendwie: doof. Denn so ist der belgische nicht vom georgischen Beitrag zu unterscheiden. Ich bin dagegen, diese Entwicklung wieder mit straffen Regeln aufzuhalten (1966-72, 77-98 gab es sie) ; die Länder sollen bitte selber merken, dass der Contest zu einem großen Musikmatscheinheitsbrei verkommt. Man erhofft sich, durch das Singen in Englisch bessere Siegeschancen zu haben und so rückt das Gewinnen in den Vordergrund – für eine Unterhaltungssendung sicher nicht förderlich.

Daher bin ich auch so froh darüber, dass Deutschland in diesem Jahr Lena Meyer-Landrut ins Rennen schickt. Ich brauche sie hier nicht mehr mit den inflationär gebrauchten Adjektiven (süß, frech, toll) anpreisen, wer ein guter Mensch ist, weiß, dass sie wunderbar ist (auch wenn ihr Song nur so mitteltoll ist). Sie verkörpert genau diese egal-naive Spaßhaltung, die ich mir für die gesamte Show wünschen würde: tut keinem weh und macht Laune. Und wenn diese okayen Stücke dann noch mit Blödsinn wie dem Dustin-Beitrag garniert werden würden, dann wäre ich auch nicht der einzige Freund dieser Veranstaltung. Oder guckt das außer mir noch jemand? Und damit ich mich heute Nacht besser fühlen kann, hier meine Tipps:

Sieger: Aserbaidschan, Belgien oder Serbien
Außenseiterchancen: Deutschland, Frankreich und Armenien (ihr werdet sehen, wieso.)
Letzter Platz: England oder Dänemark

Auf ganz viele wehende Fahnen, tolle Musik (hehe.) und zwölf Punkte aus Spanien! Viva la Eurovision!

Nachtrag:
Ach du Scheiße, Lena!! Ich erinnere mich noch sehr gut an das letzte Jahr, wo man schon überall lesen konnte, dass man doch aufhören sollte mit dem Song Contest, weil Punkteschieberei und blablabla. Jetzt viele westeuropäische Länder weit vorne und Deutschland hat gewonnen. Unfassbar. Genugtuung! Freude! Lena! Habe übrigens für Belgien angerufen (Spanien und Zypern waren auch prima). Aber wen interessiert das. Lena!! Toller Abend. Prost!

Im Newsletter steht nur Altes

Eine Stunde lang im Kreis laufen oder um den Häuserblock. Ist doch vollkommen okay. In der Innenstadt sieht man viele Menschen, die unsympathische Dinge machen müssen, weil sie Geld brauchen. Beispiel. Ein Afrikaner sitzt mit lustigem Hut und Gitarre vor einem Modegeschäft für Besserverdiener und spielt „Let it be“ von den Beatles. Er spielt es zehn Minuten lang. Leider kann er nicht besonders gut Gitarre spielen. Leider konnte er sich den Text nicht komplett merken und er baut deswegen witzige Fantasieworte (Afrikaans?) in den Song ein. Dafür ist seine Stimme recht gut; aber singen können die Neger ja sowieso alle, schnappe ich am Wegesrand auf. Ja, außerdem haben die alle einen riesigen Penis. Ist doch schön, wenn man sich auf Klischees verlassen kann, sie ersparen einem viele Lästigkeiten. Drei kleine Kinder springen vorbei, gucken sich den Musikanten an und werfen ihm trotzdem Wechselgeld in die Gitarrenaufbewahrungskiste. Von dem Geld kann sich Herr Musik nun ein Brötchen aus der Backfabrik kaufen oder er spart noch ein wenig, dann kann er sich im iTunes-Store ein neues Lied kaufen. Vorschläge: „Kumba Ya“, „Yesterday“ oder „Satellite“. Oder er kauft sich einen neuen Hut, aber davon rate ich ab, sein alter ist gut. Ich erledige auch meine Pflicht als netter Kerl und spende ihm zweiundfünfzig Cent.

Eine junge Dame kreuzt den Weg. Sie trägt bunte Werbung mit sich und verschenkt diese an ausgewählte Probanten. Zur Eröffnung kostet jede Frisur nur zehn Euro; da nehm ich doch direkt zwei, höhö. Fünf Meter weiter Richtung Westen sieht man drei auf den Boden geworfene Werbezettelchen. Ein Wegwerfer hat dabei eine Pfütze getroffen, abstrakte Kunst, fast. Wäre ich eine Taube, würde ich jeden Tag auf McDonald’s kacken. Einfach so. Tauben sind super und wer das Gegenteil behauptet, ist nur neidisch auf die taub’schen Privilegien. Ich geh dann mal wieder nach Hause, wie immer.

Wie es in Werden war

Gestern habe ich Kultur in der Kulturhauptstadt 2010 konsumiert. Essen hat sich mal das „Pfingst Open Air Werden“ ausgedacht. Ganz viele Musikmachende und Musikhörende haben das gut gefunden und sind erschienen. Und weil es rechnerisch nicht sein kann, dass alle meine Leser bei der diesjährigen Auflage anwesend waren (ich habe zudem keinen von euch gesehen), hier ein paar witzige Anekdoten und, zur Auflockerung, auch ein paar unwitzige.

Weil ich mir noch keinen Führerschein gekauft habe, begann die lange Reise am Hauptbahnhof. Ich öffnete mein zweites Bier, rauchte meine dritte Zigarette und platzierte mich auf einer Sitzgelegenheit vor dem Gebäude; eintreten konnte ich nicht, da mich „Rauchfreier Bahnhof“-Schilder böse angesehen haben. Neben mir saß ein alter Mann mit alter Jacke und alter Stimme und alten Geschichten. Er erzählte mir, dass er als kleiner Junge halb aufgerauchte Zigaretten auf Bahngleisen eingesammelt hat, weil er kein Geld für richtige Kippen hatte (möglicherweise fand er es aber auch unheimlich geil, sich wie eine Taube im Sekundentakt am Gleis zu bücken, aber diesen Gedanken behalte ich für mich). Um eine Zigarette bat er mich und natürlich ging ich diesem Wunsch nach. Unangenehm war mir, dass er mich dafür mit unvernünftig viel Kleingeld bezahlen wollte. So einer bin ich nicht, aber er bestand darauf und dann war ich doch so einer; auch, weil ich gestern Abend mein letztes Geld versoffen hatte. Ich klopfte ihm zum Abschied auf die Schulter und jetzt sind wir Freunde. Später war ich dann irgendwann in Essen-Werden und Entschuldigung für diesen Zeitsprung, aber ich muss ja auch mal zur Sache kommen.

Gisbert!In Essen-Werden stand ich lange in einer Warteschlange, dann begrüßte ich Sicherheitsmenschen, die sympathisch ungenau arbeiteten und drei Bierflaschen in meiner Tasche übersahen. Und dann war da noch dieses schöne Gewässer, wahrscheinlich die Ruhr, und da schwammen ein paar Leute drin, Gedichtegutfinder dürfen sich diese Umgebung als „Idylle“ vorstellen. Auf der Bühne war ein Kollektiv namens „BEAT!BEAT!BEAT!“ und die waren wahrscheinlich gut, aber ein ausführliches Urteil überlasse ich anderen, habe nur eine Komposition mitbekommen. Dann habe ich ein paar Menschen zur Seite geschoben (manche davon waren wirklich hübsch, die schob ich dann weniger aggressiv), damit ich Gisbert zu Knyphausen (siehe Bild rechts oder hier) aus naher Nähe sehen kann. Der zappelige Ansagemensch, der zwischen den Künstlern eine Beatbox (größster Scheiß überhaupt, übrigens) war, kündigte ihn mit „Hier die Band ‚Gisbert von Kryphausen‘!“ an und da war ich froh, dass der gute Gisbert doch noch nicht so berühmt geworden ist, wie ich befürchtet hatte. Während „Flugangst“ und vor „Kräne“ musste ich aus Versehen pinkeln. Bei ausnahmslos allen Liedern musste ich aus Versehen mitsingen. Mehr will ich jetzt hier nicht vom Gisbert erzählen, aber denkt euch einfach ganz viele Superlative: er ist immer noch der Beste. Applaus.

Es waren ganz viele Menschen anwesend, der Großteil jünger als das (in diesem Jahr neunundzwanzig Jahre alt gewordene) Festival und manche bedeckten ihre Körper mit Bandshirts. Bandshirts sieht man immer nur bei Musikereignissen, das prangere ich an. Übrigens ist die Population von T-Shirts mit unwitzigen Sprüchen („Ich bin wegen dem Bier hier“) stark steigend, ich hasse diese Menschen und ihr könnt mich alle mal. Was man auf einem Festival niemals machen darf, ist sich rauchend irgendwo hinzusetzen. Alle neun Sekunden kommt jemand und schnorrt. Den Ersten fand ich noch amüsant, weil mir spontan „Nein, verzeih, ich bin Nichtraucher“ einfiel, aber die anderen dürfen sich neben die Witzshirtträgern in der Hassreihe stellen. Dann kamen Friska Viljor auf die Bühne, die ich Anfang des Jahres schon als okaye Liveband erlebt hatte und so nutzte ich die Zeit sinnvoll(er) und tat rumlaufend so, als würde ich jemanden suchen. Bewegung tat mir gut, die Wirkung des Alkohols lies nach und mein leeres Portmonee hinderte mich daran, diesen Umstand zu ändern. Ich setzte mich an einen Baum (ich behaupte, dass es eine Birke war, aber das ist geraten) und schrieb Kokolores in mein Moleskine-Notizbüchlein. Dabei wurde ich überraschenderweise nicht doof angeguckt. Wenn man an einem Ort ist, an dem man Sachen machen kann, die man gut findet, ohne dass man dabei doof angeguckt wird, dann ist man da, wo es richtig ist.

Bonaparte!Bonaparte (siehe Bild links, Abb. ähnlich) hätte ich schon letztes Jahr auf dem Melt sehen können, wenn ich die nicht verpennt hätte. Ihr Auftritt auf dem „Pfingst Open Air Werden“ war voll von Masken, Komischkeiten und nackter Haut. Das war gut so, denn die Musik war überraschend öde. Aber Schweinsmützen, Babyköpfe und sich langsam entkleidende Tänzerinnen machten das wett. Einmal drehte ich mich um, um in die Gesichter der geschätzt zwei Millionen Leute hinter mir zu sehen und da waren eine Menge Leute dabei, die vor lauter Sex und Kunst auf der Bühne nicht wussten, ob sie masturbieren oder applaudieren sollten. Weil Massenwichsen nur in Pornos und Kreisen, in denen ich nie verkehren (haha!) werde, existiert, haben aber alle in die Hände geklatscht und die Hosen anbehalten, zum Glück. Mehr Musik konnte ich mir danach leider nicht mehr angucken, denn die restlichen zwei Bands spielten irgendeinen Metalscheiß, den bitte andere gut finden sollen. Ich spazierte zum Ausgang, traf auf dem Weg E., sagte ihr nett „Hallo!“, sie malte mir was in mein Moleskine-Notizbüchlein und gab mir Eistee. Im Gewühl habe ich verpasst, ihr „Tschüss!“ zu sagen, aber sie wird mir verzeihen. Fantastischerweise war eine Dosenbierverkäuferin auf dem Weg zur Bahn und ich tauschte das Stunden zuvor vom netten Geschichtenerzähler erhaltene Klimpergeld gegen eine Dose unleckeres Regionalbier. So schließt sich der Kreis, dachte ich mir. In der Bahn spielten ein paar Indiekids „Stadt-Land-Fluss“ und wussten nie einen Fluss. Niemand kennt viele Flüsse, deswegen entscheidet sich bei „Stadt-Land-Fluss“ auch immer bei „Fluss“, wer gewinnt. Flusswissen ist goldenes Wissen, die restlichen Kategorien benötigen nur Spontanwissen.

Sapperlot, da gab es ja doch einiges von meinem großartigen Ausflug nach Essen zu erzählen. Ich lege mich dann mal auf meine überforderten Ohren. Gute Nacht.

Guten Morgen!

(aus dem Film „Factotum“, der auf dem gleichnamigen Roman von Charles Bukowski basiert. Applaus!)

Wenn man von einem deutschen Song auf einmal die originale, englische Version hört und von dessen Existenz vorher nichts gewusst hat, muss man sich sehr wundern

Ich organisierte eine große Fete, doch niemand kam. Die Einladungskarten vergessen. Fehler im Detail und schon ist die ganze liebevolle Planung im Arsch. Konfetti macht nur in Gesellschaft Sinn, wenn überhaupt. Zum Glück kam im Fernsehen was Spannendes, z.b. Skispringen. Ist also auch alles nicht so dramatisch und schließlich schon vier Jahre her. Und weil ja niemand außer mir anwesend war, kann mich logischerweise auch niemand an diesen peinlichen Zwischenfall erinnern. Wie gut. Darauf erstmal ein Glas Rotwein, den ich zwar nicht mag, aber ich bin derzeit dabei, mich an Rotweingeschmack zu gewöhnen, weil Rotwein cool ist und wenn ich mal in die Situation komme, Helmut Karasek oder Uwe Seeler in einem teuren Restaurant zu treffen, dann möchte ich mich auch mit Rotweintrinken profilieren. Hellmutt „Helle“ Karasek und Uwe „Uweeeee“ Seeler mögen Rotwein auf alle Fälle. Eigentlich finde ich die beiden ja nicht so toll, sondern eher egal, aber das muss dann ja nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. „Sieh mal, Frau Seeler (ich weiß ihren Namen nicht, aber vielleicht Anita oder Gitte), der Herr dort drüben trinkt Rotwein, gewiss ein netter Herr, lass uns auch einen bestellen!“ sagt Uwe („Uweeee“) Seeler dann. Was witzig wird, weil Herr Seeler nicht bemerken wird, dass man durch den Einschub den Eindruck gewinnen könnte, dass er einen „netten Herrn“ bestellen wolle – und nicht Rotwein. Aber Frau Seeler kennt ihren heterosexuellen Mann, sie wird den Ober um einen kirschroten Cerasuolo di Vittoria bitten. Jaja, so wird das sein.

Hoffentlich gewöhne ich mich schnell an Rotwein, Uwe Seeler ist schon dreiundsiebzig Jahre alt. Hellmuth („Helmut“) Karasek ist sogar noch zwei Jahre älter. Als ich geboren worden bin, hatten beide schon diese witzigen Lachfalten an den Augenseiten. Und sie mochten schon Rotwein, ich nur Muttermilch. Kurios! (Anmerkung: nach dieser Feststellung hat sich der Autor dieser Zeilen ein Nutellabrot geschmiert und währenddessen das Textverfassen eingestellt. Für den weiteren Verlauf [sofern noch einer ergänzt wird] gewiss unerheblich, aber falls logische Lücken entstehen sollten, findet der Leser in dieser Klammer den Grund dafür.) So, ich gehe jetzt eine Runde im Park spazieren. (weitere Anmerkung: mir ist nichts mehr eingefallen und der Text endet sogar ohne Pointe oder rhetorische Frage. Kein gutes Zeichen. Tut mir leid. Bis später.)

(nur falls jemand zu fragen gedenkt: die Überschrift spielt auf „Sacco und Vanzetti“ von Franz-Josef Degenhardt bzw. „Here’s To You“ von Joan Baez an.)

Alltag ist nur eine Metapher

Ich gieße mir unvernünftig viel Kaffee in den Hals und nehme den Weg zu meiner Linken. Gestern Museum, heute Tierpark. Auf dem Weg dorthin treffe ich zwei mir bekannte Menschen, aber da sie mich nicht grüßen, ignoriere ich sie spontan. Ich stolpere unglücklich über meinen eigenen gelben Simpsonsrucksack. Ich breche mir einen beliebigen Knochen, der zur Fortbewegung aber nicht zwangsläufig benötigt wird, zum Glück. Ein Mann mit Hut kommt mir entgegen und völlig ohne Not frage ich ihn, wo denn der Tierpark sei. Er verbessert mich, man sage hier nicht „Tierpark“, sondern „Zoo“, achso. Wo ist denn der Zoo? Dahinten. Gut, danke. Haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich? Ja. Hier. Gut, danke. Tschüss, schönen Tag. Ebenso. Und er hatte recht, der Tierpark heißt hier Zoo. Ich kaufe eine rabattierte Eintrittskarte. Das Abenteuer beginnt. Ich knipse mit meiner Polaroidkamera den Eingangsbereich und winke dabei hastig der Eintrittskartenverkäuferin, weil sie mit ihren blonden Haaren rattenscharf aussieht. Ein Bild ist äußert gelungen, sie guckt sogar fast in meine Richtung. Geil. Das Bild rahme ich mir später ein.

Dann füttere ich die Springmäuse mit Popcorn aus dem Supermarkt, bis mich eine Zoofrau darauf aufmerksam macht, dass Springmäuse kein Popcorn vertragen und die ihr das Zeug nachher auf die Arbeitskleidung kotzen. Ich verbessere sie, man sagt nicht „kotzen“, sondern „speien“ oder „übergeben“. Sie wird sauer und sagt in meine Richtung noch bösere Sachen als „kotzen“. Was für eine blöde Kuh. Ich verschenke mein Popcorn also an die Okapis im Nebengehege. Es war eine gute Idee, noch eine Tüte Haribo als Proviant einzupacken. Die Springmäuse und ich verspeisen innerhalb von wenigen Minuten alle Goldbären; schöne Momente, wir sind nun Freunde. Ich knipse zum Abschied Erinnerungsfotos und gebe den putzigen Tieren den Tipp, der Pflegerin auf die Arbeitskleidung zu kotzen, wobei ich bewusst „kotzen“ sage, weil die Springmäuse ohnehin schon verzogen sind und jede Hoffnung für sie verloren ist. Ich lege den Mäusen ein Polaroidfoto vor die Nase, zwei kämpfen darum, wer es futtern darf, eine gewinnt (natürlich). Ein wunderschönes Naturereignis. Im Nebengehege werfen ein paar Affen mit Scheiße.

Der hiesige Zoo hat einen großen Kinderspielplatz mit Klettergerüsten und großzügigen Schaukelanlagen. Dort kann man die heutzutage seltene Spezies „Heranwachsende Menschen“ beobachten, füttern und diffamieren. Ich zeige mit dem Finger auf ein dickes Kind in einer Rutsche und weise darauf hin, dass man, wenn der Fettsack stecken bleibt, ein ziemlich großes Problem habe und ein paar Mütter lachen heimlich über meine Anmerkung, der dicke Junge weint. Er versteht wohl nichts von Selbstironie, man muss auch über sich selber lachen können, naja. Themawechsel. Seit zwei Monaten hat der Zoo zwei neue Tiger aus einem Land, in dem es Tiger gibt (ich weiß gerade nicht, welches Land das sein könnte, aber auf jeden Fall nicht Polen, da war ich schon mal und die haben keine Tiger.). Tiger sind sehr langweilige Tiere und sie reagieren auch nicht auf Zuruf. Auch die Kängurus wollen nicht auf mich hören, als ich „Langweilig, fickt mal!“ ins Gehege rufe. Ich werde wütend und zertrete mutwillig eine Ameise, die aber sowieso nicht zum Zooinventar gehörte, glaube ich. Sie war also quasi „Gastarbeiter“, haha.

Zum Abschluss meines Ausfluges kaufe ich mir noch ein Stieleis und schmeiße meinen Stiel zu den Fischen, weil ich hoffe, dass ein außergewöhnlich dummer Fisch daran erstickt. Nach fünf Minuten Warterei ist immer noch niemand tot und so stolpere ich nach zwei Stunden Zoo wieder nach Hause. Ich ziehe mein Polaroidbild von der blonden Eintrittskartenfrau hervor und hole mir genüsslich einen runter, danach stecke ich Fertiggericht in die Mikrowelle. Mein Telefon klingelt, es ist Mutter, ich hebe nicht ab. Ein wirklich anstrengender Tag, morgen guck ich lieber wieder Fernsehen.

There and Elsewhere


Listening to „You Talk All Night“ makes me feel sick and ashamed of myself, but in a good way – as if from this point on all things will be pure, an example that life can be as innocent as it used to be.
-Kev Kharas

My Sad CaptainsYou Talk All Night (mp3)

[vom sehr sehr guten Album „Here and Elsewhere“, das ihr euch bitte kauft, wenn ihr meine Freunde seid.]

Daily Mail vom 17. Januar 1967

Ich entwirre gerade ein Wollknäul. Nein, das ist gelogen, aber „Knäul“ ist einfach ein viel zu schönes Wort, um es hier unverwendet zu lassen. Um ehrlich zu sein, habe ich in den letzten zehn Minuten geschätzt fünf Probehefte bestellt, von der „jungen Welt“ sogar ein dreiwöchiges, kostenloses Probeabo. Ich fahre nicht selten eine Dreiviertelstunde Bus am Tag und wenn die Verlage so nett sind, mir für lau irgendwas zum Lesen zu schicken, dann sag ich nicht nein, sondern ja. Man muss aber aufpassen, manchmal hat man dann noch ein ungewolltes Abonnement an der Backe. Aber ich habe aufgepasst. Zum Glück haben meine Kostenloshefte alle einen anderen Verlag; ich käme mir ganz schön blöd vor, wenn ich wüsste, dass da eine Praktikantin sitzt und „Sieh mal einer an, der Herr F. schon wieder, bestimmt ein arbeitsloser Vollhonk!“ sagt, denn ich bin kein Vollhonk.

Wenn ich ein Heft fertig gelesen habe, schmeiße ich es natürlich nicht sofort weg. In meinem Zimmer hängen in jeder Ecke fantastisch-viele Zeitungsschnipsel, wahnwitzige Überschriften und phänomenal-geile Bilder. Auf meinem Plattenspieler steht (wie einfallsreich) „Ich will Musik“ (Intro), an meiner Tür hängt „Guido Westerwelle: Unbeliebtester Deutscher“ (Spiegel) und über meinem Schrank wohnt die taz-Seite, die auch über diesem Beitrag hier hängt. Und die rauchenden Franzosen, die kennt ihr ja schon.

Fünf neue Mitglieder pro Sekunde

Facebook ist nicht so toll. Nicht toll ist ebenfalls, dass Michael Ballack bei der Weltmeisterschaft nicht spielen kann, weil der Spieler von Chelsea im FA-Cup-Finale gegen Portsmouth vom Deutsch-Ghanaer Kevin-Prince Boateng verletzt worden ist. Was hat Facebook jetzt damit zu tun? Naja.
82.000.000 gegen Boateng!!!!, Boateng du Arschloch!!!! und ähnliche Gruppen mit vielen Ausrufezeichen.

Und dann muss man sich auch noch darüber ärgern, dass man lesen gelernt hat:

Ach herrje.
Ähnliche „Meinungen“ liest man aktuell überall, wo das Thema Kevin-Prince Boateng diskutiert wird. Vor dem Schlafengehen werde ich wohl ein bisschen Kuchen und Gebäck zu mir nehmen, damit ich noch gepflegt kotzen kann. Und wenn jetzt jeder mittelmäßig begabte und geistig limitierte Fußballspieler auf diese perverse Art und Weise im Internet beleidigt wird, schmeiße ich meinen Laptop aus dem Fenster.

HE-HE-123

Viel zu wenig gelobt werden unsere deutschen Autokennzeichen. Das hat sich vor vielen Jahren wirklich ein ziemlich schlauer Mensch ausgedacht, das mit den Autokennzeichen. Man kann in unserem Land immer schnell lesen, aus welcher Stadt jemand in die weite Welt ausgebrochen ist. B, HH, KR, M und so weiter, unvernünftig toll, wenn man bedenkt, dass in vielen anderen Ländern einfach irgendeine sinnfreie Kombination aus Buchstaben und Zahlen die Kennzeichen bewohnen. Sympathische, deutsche Bürokratie. Äußert unansehnlich sind übrigens die gelben Kennzeichen aus z.B. Holland, da haben wir es hier viel besser. Trotzdem ist Deutschland in der Kategorie „Schöne Autokennzeichen“ leider nur Vizeweltmeister, hinter Dänemark. In Dänemark gibt es – je nach Steuerklasse, Lust und Laune – verschiedene Farben für Autokennzeichen, zum Beispiel weiß, gelb und rot. Zumindest war das im April 2001 so, wie man hier lesen kann und weil diese Geschichte so schön ist, werde ich ganz bestimmt nicht recherchieren, ob die Dänen dieses schöne System inzwischen reformiert haben. Rote Kennzeichen! Und blaue gibt es auch! Vielleicht wandere ich mal nach Dänemark aus, da wohnen nicht viele Menschen und wenn man mal welche herumfahren sieht, dann kann man direkt am Kennzeichen erkennen, ob jemand Wichtiges an einem vorbeifährt.

Trotzdem mache ich meinen Führerschein noch nicht, später vielleicht, aber gewiss nicht in absehbarer Zeit. Ich bin viel zu müde und uninteressiert im Moment. Morgens einen Kaffee exen, dennoch im Bus fast wieder einschlafen und dann unterwegs noch irgendwo einen „Coffee to go“, oder, wie eine ganz lustige ältere Dame neulich gesagt hat „einen Kaffee Togo“. Hehehe, alte Menschen sind so goldig. Die Sonne geht unter, ich geh kaputt und morgen früh bastelt mich der liebe Gott wieder zusammen. Nach dem Aufstehen erstmal eine Laola-Welle vor dem Spiegel, toll gemacht, Gott. Ich bedanke mich ein weiteres Mal. Gibt es eigentlich Zahnpasta mit Kaffeegeschmack? Oder Kaffee, der die Zähne reinigt? Und: wie oft kann man eigentlich ein Glas kleben, bis es endgültig zersprungen ist?

Hey, little gentleman, having a good time, I hope?

Talk Talk Talk (ohne Sonya Kraus)

Carsten trinkt ein Glas warme Milch und zählt die Striche auf seinem kleinen Schreibblock. Siebenundzwanzig. Siebenundzwanzig! Carsten lehnt Alltag kategorisch ab. Dieses Schicksal teilt er mit vielen Menschen. Morgens aufstehen ist Scheiße, muss aber. Dem Busfahrer seine Monatskarte zeigen ist Scheiße, der Arsch kann sich auch mal Gesichter merken. Im Supermarkt von einer fetten Kassiererin auf seinen Einkauf angesprochen werden ist Scheiße, gib mir einfach mein Wechselgeld und wieso dauert eine Stornierung eigentlich immer so lange. Carsten hatte vorgestern eine unheimlich gute Idee. Er wollte per Strichliste zählen, mit wie vielen Menschen er an einem einzigen Tag gesprochen hat. Ob Geschäftliches (Carsten macht irgendwas mit Computern, da redet man selten, chatten zählt nicht.), Privates oder Triviales: jedes real geführte Gespräch geht mit in die Wertung ein. Er musste natürlich überlegen, ab wann eine Kommunikation ein Gespräch ist. Ein Gespräch ist, wenn Carsten die zwei Rollen einer Kommunikation (Hörer und Sprecher) beide ausgefüllt hat. Es ist einigermaßen schwierig, diese Definition hier in Schriftform verständlich zu machen, aber Carsten und der Autor dieser Zeilen wissen, was gemeint ist. Also egal.

Er positionierte also den prominent im ersten Satz platzierten, kleinen Schreibblock in seiner Hosentasche und ging den Tag an, als wäre es ein ganz normaler. Ha! War es natürlich nicht. Man muss sich Carstens Tag folgendermaßen vorstellen: er sagt in der Bäckerei „Guten Morgen!“, der Bäckermensch grüßt mit den gleichen Worten zurück, dann kauft Carsten sich die BILD und nach dem Verlassen der Backstube kommt heimlich der Block aus der Tasche. Naja. Ich glaube, das Prinzip ist klar. Viel mehr gibt diese Idee auch nicht her, das Nacherzählen ist langweiliger als das Gespräche zählen. Sapperlot, wozu dann der Quatsch? Einfach so, wieso nicht. Niemand rechtfertigt sinnlose Statistiken. Man führt sie. Mhh, lecker, warme Milch. Carsten denkt so: wenn er morgen in der Straßenbahn sitzt, wünscht er sich, dass ihn möglichst niemand anspricht, damit er in aller Ruhe gar nichts machen und rausgucken kann. Aber am großen Statistiktag hat er sich darüber gefreut, dass er zwischen Haltestelle Borkenhof und Haltestelle Borkenhof II (was für dämliche Fantasienamen, haha, ich bin so genial.) nach der Uhrzeit gefragt worden ist. Es war 11:43 Uhr. Wahnsinn. Etwa zwei Minuten später dann der Strich im Block. Großartig. Vielleicht sollten alle Menschen auf statistische Gesprächejagd gehen, bringt Laune. Und wird nie, bzw. nach zehn Minuten langweilig.

Eigentlich, wenn ich mal nachdenke, machen junge Leute ja heute mindestens Vergleichbares bei Facebook und ähnlichen unsozialen Netzwerken. Ich schreibe irgendwem auf die Pinnwand und freue mich, wenn er oder sie zurückschreibt. Einem „Hi, wie geht’s?“ folgt ein „Gut und dir?“, dann ein „Cool und was machst du so?“ und nach dem „Ach, nichts, ich chille nur.“ ist das Gespräch auch schon vorbei. Und dann sucht man jemand anderen; je mehr Freunde und Facebookpinnwandeinträge, desto toller ist man. Wie toll ist eigentlich Carsten? Eigentlich wollte ich ja noch ein bisschen über Carsten erzählen, aber auch Carsten gibt als bescheuerter Strichlistenführer mit PC-Fachwissen einfach nicht so viel mehr her als seine komische Zählidee. Also ich persönlich würde nicht lange mit ihm erzählen. Aber warme Milch, gute Idee, eigentlich. Auf jeden Fall besser als das mit dem Schreibblock. Bis später dann, Leser.

Hehehehehehehehe, ätsch!

Scrapple From The Apple

Es ist große Apfelmesse. Jährlich treffen sich hunderte von Apfelfans und teilen ihre Apfelanekdoten und Zuchttipps. In diesem Jahr entschied sich das Komitee für Göppingen als Schauplatz. Es handelt sich bei diesem Großereignis nicht bloß um ein regionales Juxereignis, vielmehr sprechen wir hier von einem multikulturellen Fest. Außerdem weiß jedes Kind, dass es ganz viele tolle Apfelsorten gibt und man die ohne fachmännische Hilfe gar nicht auseinanderhalten halten kann und dafür ist diese Veranstaltung. So reisen aus fast allen wichtigen Ländern der Welt (z.B. Ungarn oder Peru) zahlreiche Menschen an, feiern gemeinsam und essen Apfelringe, Apfelkuchen oder Äpfel. So auch unser Held Magnus Äppleson aus Norwegen. Magnus enstammt einer Familie mit traditionsreicher Apfelhistorie; sein Urgroßvater beispielsweise gewann dreimal in Folge die Apfeltauchen-Europameisterschaft – danach verstarb er auf tragische Art und Weise, aber vergessen wir dieses längst verjährte Unglück und machen einen Sprung in die Gegenwart. Denn in diesem Jahr wird Magnus eine erfreulice Ehre zuteil: er wird zur Eröffnung der Apfelmesse die Diskussion „Kartoffel: gesunder Erdapfel oder fiese Knolle?“ leiten.

Die Idee dieser obskuren Debatte hat ihren Ursprung auf dem letztjährigen Treffen in Ljubljana. Dort forderten Apfelaktivisten („Apfelfront“) aus Nepal, dass die Kartoffel als offizieller Verwandter des Apfels akzeptiert werden müsse und dementsprechend mindestens eine Informationstafel, wenn nicht sogar einen eigenen Stand auf der Apfelmesse verdiene. Zuspruch erhielten die Aktivisten damals bereits aus Indien und Polen, doch eine endgültige Klärung dieser Frage wird erst in diesen Tagen im Rahmen von Magnus‘ Diskussionsrunde erwartet. Als weitere Höhepunkte des diesjährigen Apfelfestes freuen sich die Messebesucher bereits auf das Apfelkernweitspucken (Dienstag, 19 Uhr, Halle 3), witzige Äpfel-Birnen-Vergleiche am Mittwoch und natürlich auf den abschließenden Freitags-Auftritt der tollen Sängerin Fiona Apple. Die Stadt Göppingen lädt herzlich alle Freunde des Apfels ein, der Eintritt beträgt zehn Euro – darin enthalten ist ein 5€-Gutschein für apple.com. Doch es wird ausdrücklich darum gebeten, auf dem Messegelände dämliche Anmerkungen wie „Tja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“, „Na hoffentlich endet dieses Fest nicht mit einem Sündenfall, hehe!“ oder „Da ist wohl der Wurm drin!“ in jeglicher Hinsicht und Sprache zu verzichten. Wortspiele sind nämlich unheimlich beknackt. Apfellige Bemerkungen über kulturbewusste Apfelliebhaber auch.

Außerdem ist Holger Apfel (NPD) hiermit offiziell von der Veranstaltung ausgeschlossen. Blödmann! Allen anderen viel Vergnügen.

Quite fishy in here, isn‘t it?

Super: Mario World!

Bei Super Mario besiegt man seine Gegner dadurch, dass man ihnen auf den Kopf springt. Dann verschwinden die Feinde und man kann weiter von links nach rechts springen. Ein naheliegender Gedanke ist doch, diese Idee ins Reale zu übertragen. Ungeliebte kleine Menschen und Kinder hätten dann sicher ein Problem, aber besonders lustig sähe es doch aus, wenn Kriege auf diese Weise geführt werden würden. Kriege haben derzeit ein ziemlich schlechtes Image, trotzdem werden überall immer wieder welche angefangen. Verrückt! Aber was könnte man diese Schlachten durch diese Mario-Methode aufwerten: witzige Nintendomusik, möglicherweise noch rot-blaue Mariokostüme und dann hätte man bei der Tagesschau auch wieder ein bisschen mehr Spaß. Vor allem die Kinder! Die Tagesschau wird dann endlich zur Familiensendung! Zum TV-Ereignis für alle! Krieg in irgendwo, haha, guck mal, wie lustig das aussieht! Juhu!

Außerdem stelle man sich vor, wie einfach man nun beispielsweise Asien erobern könnte. Die sind doch alle so klein, da drüben! Man müsste einfach nur noch Menschen über 1,90 m in die Bundeswehr einberufen und dann übt man fleißig, wie man aus dem Stand zwei Meter hochspringen kann. Trampolin statt Teufelskopfstreitkolben! (Der Teufelskopfstreitkolben ist übrigens eine zeremonielle Waffe aus Indien und Persien.) Und Napoleon hätte man auch nicht erst in Waterloo besiegt! Zudem habe ich ja bereits im zweiten Satz darauf hingewiesen, dass besiegte Gegner sich einfach auflösen. Ohne Blut. Ohne unschöne Körperreste. Keine Schweinerei, die hinterher irgendwer aufräumen müsste.

Krieg ist ja echt keine so tolle Erfindung. Super Mario schon. Wieso also nicht einfach beides verbinden? Mister Obama (1,85 m), übernehmen Sie!

Mal was Schönes

Und weil ich nett bin, hier noch zwei wunderbare Downloads:
Hans Unstern - Paris (mp3)
Ja, Panik - Paris (Hans Unstern-Cover) (mp4)

„1000 Wege zum Faschismus“

Am gestrigen Abend gastierten Guido Westerwelle, Andreas Pinkwart und unbedeutende FDP-Regionalpolitiker im Krefelder Seidenweberhaus. In der Innenstadt hängen daher seit Wochen gelb-blaue Plakate, die die Bevölkerung zu dieser Veranstaltung einluden – auch die Regionalpresse verbreitete, dass diese Wahlkampfveranstaltung „öffentlich“ und „kostenlos“ sei. Natürlich wollte auch ich in die neoliberale Hölle besuchen – jeder weiß, dass ich eine Schwäche für Spaßparteien und Realsatire habe. Ich habe mir sogar Edding, titanic und Mohnbrötchen (lecker!) mitgenommen. Doch nö.

Eine halbe Stunde vor Beginn spazierten wir (G., L. und ich) über den Theaterplatz vor dem Seidenweberhaus. Zahlreiche Polizisten mit ganz vielen schicken Sternen auf der Jacke, ein Informationsstand der Deutschen Kommunistischen Partei und ein paar Demonstranten in „spätrömisch-dekadenter“ Bekleidung (Toga, Lorbeerkranz). Ich ging in Richtung Eingang und hatte natürlich keine Zweifel daran, dass mir der Eintritt verwehrt werden würde. Ich sagte „Hallo!“ und der Türsteher „Nein, kein Einlass“. Ich begann eine Diskussion darüber, wieso ich ohne Nennung von Gründen von einer öffentlichen Veranstaltung ausgesperrt würde, da spazierten nach und nach auch immer wieder Leute in den Saal. Hier selektierte die Security sehr grob: alte Leute wurden einfach durchgewunken und Leute, die jünger waren als siebzig, die mussten wenigstens noch ihren FDP-Mitgliedsausweis parat haben. Der Großteil der „Ausgeschlossenen“ war entweder jugendlich (Jung- und Erstwähler!) oder nicht im Anzug. Später bekam ich zu hören, dass der Saal nun voll sei und nur noch FDP-Mitglieder hineingelassen würden.

Ich kann nachvollziehen, wenn sich der Veranstalter Gedanken darüber macht, dass niemand randaliert oder die Sicherheit des ja doch nicht so unwichtigen Guido Westerwelle gefährdet. Doch darum ging es gestern nicht.

So wendete ich mich an die Polizei. Die sprach davon, dass die FDP nur von ihrem Hausrecht Gebrauch mache, der Securitydienst nur seinen strengen Anweisungen folge und man hier machtlos sei. Ein Polizist gab an, dass er diese Selektion ebenfalls als „extrem falsch“ ansehe, aber er könne eben wie seine Kollegen nichts dagegen tun.

Also wendete ich mich an die Presse. Drei Männlein mit gelb-blauen Presseschildchen erzählten mir, sie seien vom WDR und es wäre ihre Aufgabe, ein paar schöne Jubelbilder von Guidos Rede für die Wahlsondersendung am Sonntag zu drehen. Als ich erwähnte, dass man ja auch über die diffamierende Selektion der Anwesenden berichten könne, fügte er hinzu: es sei heute die einzige Aufgabe, ein paar schöne Jubelbilder zu drehen. Mit meiner Geschichte solle ich doch zu den Printmedien gehen, der WDR sei für sowas nicht zuständig. Öffentlich-rechtliches Fernsehen 2010. Was war eigentlich nochmal Journalismus?

Nur wenige der Leute, die abgewiesen worden sind, blieben auf dem Gelände – es war wie Freitagabend vor der Disco. Du kommst rein, du nicht. Du trägst Sandalen, Tschüss. Bei einer öffentlichen Wahlkampfveranstaltung. Um uns herum standen Mitglieder der NRW-LINKEN und die konnten uns berichten, dass sie selbst vor einiger Zeit NPD-Mitglieder den Eintritt zu einer linken Veranstaltung gewähren mussten, das sei gesetzlich so. Einer sagte, er werde den Securitydienst verklagen. G. sagte, er fühle sich nun wie ein Hund. Ich sagte, man müsse nicht die Veranstaltung vor mir schützen, sondern mich vor dem Grundgesetz. Und einer schrieb mit Kreide „1000 Wege zum Faschismus“ auf den Boden.

Was ich gestern erlebt habe, hat mein Demokratieverständnis und Freiheitsdenken zutiefst eingeschränkt. Ich dachte wirklich, ich hätte das Recht, mir anzuhören, was ein paar Politiker zu sagen haben, doch nun habe ich erlebt, wie manchen Leuten der Zugang wegen Äußerlichkeiten verwehrt wurde. Es wurden bewusst nur die Leute hineingelassen, die das abfeiern würden, was die FDP-Wichtigmänner zu sagen hatten. Wen haben die Worte von Westerwelle und Pinkwart erreicht? Hauptsächlich alte Leute und FDP-Mitglieder. Hatten diese Leute es nötig, sich anhören zu müssen, was sie längst wissen? Oder hätte man besser Leute hineingelassen, die das Gesagte noch nicht kennen oder möglicherweise auch noch kritisch hinterfragen würden? Ach, was rege ich mich eigentlich darüber auf. Alle sind sie zufrieden mit dem gestrigen Abend. Westerwelle und Co. haben nur Leute getroffen, die mit ihnen kuscheln wollten, das Publikum durfte „ihren Guido“ sehen und die Presse, nun ja:

RP-Online

(RP-Online hat die Überschrift inzwischen geändert.)

Bisher mochte ich die FDP einfach nur nicht. Nun habe ich endlich einen Grund, sie zu hassen.

Nicht uncool drum betteln, oder: warum Pinguine nicht fliegen können

In Neuseeland gibt es ein mittelgroße Gruppe von Menschen, die für ihr Leben gern Pinguinschnitzel verspeisen. Eine ziemlich knifflige Angelegenheit, denn Pinguine wandern selten nach Neuseeland aus; daher wird dort in jedem Monat durch ein aufwendiges Verfahren (Schnick-Schnack-Schnuck ohne Brunnen, bis drei) jemand ausgelost, der zum Südpol reisen und Pinguine jagen muss. Die Neuseeländer pflegen diese Tradition schon seit tausenden von Jahren, daher verfügen sie inzwischen über die nötige Erfahrung, die die Einreise der Pinguine zumeist garantiert. Es gab bereits Monate, in denen sie komplett auf Pinguinfleisch verzichten mussten – im erfolglosen Juni 1957 beispielsweise starben in der neuseeländischen Stadt Dunedin rund fünf Prozent der Einwohner an Hunger. Normal sind vier. Glücklicherweise spielt ihnen heutzutage die industrielle Entwicklung in die Karten, denn wie man sich denken kann, ist es inzwischen deutlich einfacher, den Südpol zu erreichen und die Pinguine fristgerecht zu liefern. Früher schnitt man den Magen der Pinguine auf, um dort zwei Pfund Salz hineingießen zu können, wodurch das Pinguinfleisch über die tagelange Reise hinweg frisch gehalten werden sollte. Heute kann man auf diese Maßnahme verzichten, ein guter, neuseeländischer Jäger schafft es innerhalb von sieben Tagen zum Südpol und zurück.

Leider gab es in den letzten Monaten immer mehr Leute, die dieses wirklich schöne Ritual zu stören versuchten. Tierschützer, Antifa-Männlein und Touristen. Diese Menschen haben nicht verstanden, dass der Neuseeländer zu seinem Lebensglück ab und an ein Stück Pinguin essen muss. Für die Pinguine zwar ein wenig suboptimal, aber so ist nun mal das Leben, Leute. Eingangs habe ich ja bereits das Auslosungsverfahren der Neuseeländer angesprochen, mit dem ermittelt wird, wer zum Südpol reisen muss. Witzigerweise haben die Pinguine auch ein solches Ritual: die hundert Pinguine mit den größen Genitalen messen sich in einem Wettrennen und die fünfzig Langsamsten müssen nach Neuseeland. Wir Menschen sagen ja immer, die Größe eines Penis sei wichtig und so ist es eben auch in der Tierwelt. Nur dass hier große Penisse nicht von Vorteil sind. Diese Wettrennen sind immer ein ziemliches Ereignis am Südpol, was vor einigen Jahren auch der Discovery Channel herausgefunden hat: er hat sich die Vermarktungsrechte an den Rennen gesichert und überträgt jeden Monat live. Die Rennen werden zeitlich so gelegt, dass sie in Neuseeland zur besten Sendezeit ausgestrahlt werden können. So können die Leute dort quasi live mitverfolgen, welche Tiere sie eine gute Woche später essen dürfen.

Verrückt. Fast so, als hätte ich mir das alles nur ausgedacht.

Bass, Bass!

In einem Hochhaus sollte man nicht „Licht“ heißen

Er liegt in der Nachtigallstraße. In zwei Stunden ist hell und morgen ist Montag. Der Linfield FC ist neuer nordirischer Meister, die Freude ist groß, juhu. Wo liegt die Verbindung zwischen ihm und dieser Sportmeldung? Lasst es mich so erklären: bei „Malen nach Zahlen“ ist es unheimlich schwer, den Zeichner ein „E“ malen zu lassen, weil man dort den gleichen Weg mehrmals gehen müsste, was den Reiz abtötet. Würde ich also nun versuchen, den Zusammenhang zwischen Linfield und ihm zu erklären, so wäre ich auf einem „Malen nach Zahlen“-Bild wahrscheinlich sogar ein Vielfach-E, also besonders unmöglich und kniffelig, möglicherweise wäre ich das Wort „Erdbeere“. Der Mensch strebt stets danach, Antworten auf die absurdesten Fragen zu finden; gelernt haben wir dies bei Quizsendungen. Die einzige, endgültige Antwort wird abgelöst vom matschigen Antwortenpotpourri. Im Fokus steht die Suche nach der Antwort, nicht die Beantwortung der Frage. Hier muss man differenzieren: bereits die deutsche Sprache tut dies, denn hätten Suche und Beantwortung die selbe Bedeutung, hätte der liebe Gott nicht zwei Wörter dafür verwendet, denn der liebe Gott war ein sehr sparsamer Mensch. Nur ein einziges Kind („Jesus“) zu haben war in der dermaligen Zeit zum Beispiel äußert unüblich, was möglicherweise darauf schließen lässt, dass er von außergewöhnlicher Hässlichkeit oder Homosexualität geprägt war. Auf dieses Thema möchte ich aber nicht weiter eingehen, Christen sind bei sowas äußert sensibel.

Kehren wir zurück zum Liegenden auf der Straße. Ich beschließe just in diesem Moment, dass ich diese kleine Geschichte mit einem positiven und versöhnlichen Ende versehen möchte. Zuvor muss ich leider anmerken, dass der Liegende auch ein Toter ist. Es hat ihn erwischt, der Sensemann hat ihn besucht, er hat den Löffel abgegeben. Doch, und nun darf sich der Leser getröstet fühlen, er hatte Glück im Unglück, denn was kann es für eine Eintagsfliege Schöneres geben, als am einzigen Lebenstag einen Sonntag zu erwischen! Hurra! Der kleine Fliegenfreund musste heute nicht zur Arbeit! Und deswegen konnte er sich auch das entscheidende Meisterschaftsspiel des Linfield DC ansehen! Er war dabei, er hat alles gesehen! Live im Stadion! Was für ein kurzes, aber doch so erfülltes Leben.

(die großartige Überschrift habe ich bei Daniel geklaut.)

Wenn man den Gürtel enger schnallt, entzündet sich die Haut in unschöner Weise

Unfreundlichkeit im Affekt. Klingt ganz gut und hat noch keine Google-Treffer. Ein sensationeller Titel für die Autobiografie eines für seine Unnettigkeit bekannte Person. Ich befinde mich in einem Einkaufszentrum. Selbstbewusst spaziere über eine Rolltreppe und verlasse mich dabei nicht auf das Rollen, sondern nutze die Rolltreppe in ihrer eigentlichen Funktion. Als Treppe. Doppelte Geschwindigkeit, halbe Anstrengung. Der Herr vor mir verfügt nicht über dieses Wissen, lässt sich dumm hochfahren und blockiert so meinen schnellen Weg in die dritte Etage. Ich rolle meine Zeitschrift zusammen und vollkommen nachvollziehbar patsche ich sie dem langsamen Kerl auf den Hut. Der Herr schreckt auf, ruft etwas wie „Huch!“ oder „Sapperlot!“ und ruft innerhalb von Sekundenbruchteilen die Polizei. Dann komme ich ins Gefängnis oder an den Galgen. Ganz klar: der Herr auf der Rolltreppe könnte nun meinen Titel für seine Autobiografie verwenden. Er handelte zu schnell, ließ sich nicht aufklären. Es war sein Fehler gewesen; seine fehlende Kenntnis über das korrekte Nutzen von Kaufhausrolltreppen wurde letztlich mir zum Verhängnis, obwohl ich nichts Unrechts getan habe. Es hätte alles ganz anders kommen können müssen. Es könnte alles ganz anders gemusst worden sein. Es müsste alles ganz anders gekommen sein. Die deutsche Sprache kann ganz lustig sein. Auch wenn der Begriff „Rolltreppe“ natürlich unheimlich bescheuert ist. Man rollt nicht, man fährt. Fahrtreppe. Irre ich mich oder ab es da nicht sogar mal ein Kapitel von Bastian Sick in einem seiner Klugscheiß-Genitivtod-Bücher?

Lasst uns über Berge tanzen

(Gastbeitrag von Sockenblog-Moritz)

Vorwort: Nachdem Johannes mir freundlicherweise angeboten hat, seinen Blog mit einem Beitrag zuzumüllen, habe ich lange überlegt. Schreibe ich etwas über die FDP oder doch über Hitler? Und wie wär’s mit DSDS? Schon nach kurzem Überlegen stand für mich jedoch fest, dass es nur ein Thema geben kann, dem ich mich in diesem Eintrag widme und zwar die Musik. Denn die Musik, die der Johannes hier veröffentlicht, ist geil und super und sowieso, aber das, was es im Folgenden zu hören gibt, ist das mindestens auch. Oder so.
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and I must admit that I was a bit scared

Kate Nash ist in einen Topf voller Schminke gefallen. Ich wette, sie wurde geschubst.

Wahre Größe beginnt bei Einmeterachtzig

Ich habe mir mal eine Tasche gekauft, für zwei Euro in einem Eineuroladen. Sie ist zu hässlich, um sie der breiten Öffentlichkeit zuzumuten, aber es passt ein bisschen was rein. Und in einer Zusatztasche der Tasche war ein quadratisches Dings und heute schien es mir an der Zeit, herauszufinden, was das weiche Quadratteil denn genau sei. Ich faltete es auf und es war: eine Damenbinde. Eine weitere Enttäuschung erwartete mich beim Plattenladen meines wertvollen Vertrauens: meine Bestellung (die neue Gisbert zu Knyphausen-Vinyl, natürlich) ist noch nicht da und ich muss noch ein paar Tage darauf warten. Weil der Vertrieb noch irgendwas aus irgendwo mitschicken will. Geht aber im Moment nicht, weil Ejafjallaslökull. Ich hege starke Zweifel, ob der komische Kultvulkan (BILD.de) wirklich so heißt; habe mal versucht, den Namen aus dem Gedächtnis heraus zu schreiben. Und ich dachte, dass die Flugzeuge jetzt wieder arbeiten dürfen. „Diese Woche kam gar nichts; keine einzige Platte!“, sagt der Plattenladenmensch. „Heute geht aber auch gar nichts, ich mache mir jetzt erst mal ein Bier auf!“, sage ich. Heute ist der Welttag des Bieres und des Buches, kein Witz. Das muss gefeiert werden, vielleicht. „Das Leben ist schwer, aber man muss lernen, es zu meistern“, hat Heinz Strunk mal gesungen. Heinzer, du bist so unheimlich schlau.

Braucht jemand eine Damenbinde der Marke „Tena“?

Where ever we go, we celebrate!

Piraten finde ich pauschal doof, so wie ich früher schon Cowboy und Indianer nicht leider konnte. Solche Leute stecken bei mir alle in der gleichen Schublade; da wo auch Johnny Depp seit dieser Trilogie dieses Piratenscheißfilms steckt. Aber Seefahrer an sich sind okay. Schiffe sowieso. Und deswegen werden wir jetzt gemeinsam mit der sensationellen irischen Band The Pogues (mit dem sensationell kaputten Shane MacGowan!) und ihrem Welthit „Thousands Are Sailing“ von Dublin aus nach Amerika emigrieren. (Irgendein Heini hat bei YouTube ein paar Fotos aus seinem Irlandurlaub zusammengepuzzelt und die Bilderserie dann mit diesem Lied unterlegt. Und das ist nicht so unspannend wie es sich anhört. Ich hätte jetzt gern Urlaub.) And we dance! Alle Landratten, die das doof finden, brauchen nicht mitsegeln. Ihr könnt euch ja nächstes Karneval wieder als Piratcowboyindianer verkleiden. Alle Mann und Frau an Deck! Ahoi!

Poposex und Poesie, wie Funny so schön singt

Keine sauberen Socken mehr. Frische Socken treffen erst wieder am Nachmittag ein, aber noch ist es viel zu früher Morgen und Leute warten auf einen, weil man ein Referat über Parasiten vortragen muss und Referate immer extrem spannend sind, zumindest bekommt man danach immer Applaus und jeder weiß, dass es für Scheiße keinen Applaus gibt; ich schweife ab. Lösungsansätze für das Sockenproblem: a) neue Socken kaufen b) Stinkesocken anziehen c) Socken irgendwie waschen. Variante b) fällt weg, weil kein vernünftiger Mensch freiwillig riecht wie Käse und man selbst bei Ablehnung von a) und c) die neue Idee „d) Socken weglassen und Sandalen anziehen (oder Flip-Flops!)“ entwickelt. Variante a) fällt zumindest in meinem Fall weg, denn ich bin Schüler und Geld wird in meinem Alter noch für Unsinn ausgegeben, nicht für Nutzgegenstände. Ich kaufe zum Beispiel in unregelmäßiger Regelmäßigkeit unterwegs Fresszeug, obwohl zu Hause kostenlose Nahrungsmittel herumstehen, -liegen und -sitzen. (Nanu, wird sich der Leser jetzt wundern, was für Lebensmittel sitzen denn? Mir ist nichts eingefallen, klingt aber lustig.) Was für Geldverschwendung! In Afrika verhungern Kinder und die Bänker haben auch nicht mehr so viel Geld wie 2004! Ich bin aber dazu gezwungen. Das sind die Gene. Die Pubertät. Sushi statt Socken. Achso, ja, Socken.

Man ist jetzt sicher interessiert an meiner Lösung des Problems: ich habe doch noch ein paar Socken im Schrank gefunden. Alles unspektakulär gelöst. Die meisten Probleme lösen sich auf diese Weise. Aber die wirklich interessanten Probleme sind ja sowieso die, die sich zäh in die Länge ziehen. Deswegen berichtet die Tagesschau ja auch nur über Vulkane oder Friedensverhandlungen in irgendwo und nicht über Mehrzad Marashi oder eben: Socken.

(die Überschrift hat wie gewohnt nichts mit dem Inhalt des Eintrags zu tun spielt (und das ist ungewohnt!) auf ein Lied von Funny van Dannen an. Schöne Grüße an dieser Stelle an Moritz vom Sockenblog, weil Socken.)

Blur, Alter! ALTER!!! Blur!!

In den Neunzigern musste man sich entscheiden: Oasis oder Blur? Gallagher oder Albarn? Cigarettes & Alcohol oder Coffee & TV? Heute hat man es einfacher, man kann einfach beide supi finden und wird deswegen nicht geboxt. Oasis habe ich letztes Jahr zweimal live gesehen (1 & 2), Blur leider nicht, weil die sich dafür entschieden haben, ihre Revivalkonzerte in London statt Krefeld stattfinden zu lassen. Sei es drum. Die Gallaghers haben sich endgültig zerstritten und sitzen in diesem Moment irgendwo rum und sind besoffen. In fünf Jahren raffen sie sich dann wieder zusammen und geben Revivalkonzerte (in London). Dabei war „Dig Out Your Soul“ so ein prima Stück Musik. Aber auch Albarn trifft doofe Entscheidungen: trotz riesigem Erfolg des Comebacks wird es wohl kein neues Bluralbum geben, ohhhhh. Schade, ernsthaft. Immerhin konnte man sich zur Aufnahme eines neuen Songs namens „Fool’s Day“ hinreißen und weil der extrem geil ist, sollt ihr den auch mal hören.

Einfach bei http://blur.co.uk/ einen Namen („Noel Gallagher“, hahahahahaha, witzig.) und eine E-Mail-Adresse erfinden und dann geht es los. Sie können es immer noch! There’s no other way.

Das Licht ist aus, fast.

Das obrige Bild habe ich am 27.02.2010 geknipst und ich habe die Glühbirne immer noch nicht ersetzt. Nur zwei Lampen erhellen meine Butze. „Butze“ ist übrigens ein schönes Synonym für „Zimmer“. „Butze“ habe ich als tolles Wort erstmalig wahrgenommen bei irgendwas von Heinz Strunk, der auf dem Bild links oben zu sehen ist. Mein Chef hat auch mal Butze gesagt, aber ich weiß noch nicht, ob das Wort dadurch sympathischer wird oder eher nicht. Heute ist mir aufgefallen, dass das englische Wort „stuff“ deutsch ausgesprochen ein feine Umschreibung für „Zeug“ wäre. Ich werde dieses Wort nun etablieren. Der Kerl, der sich quer durchs Bild streckt, ist Max. Max macht es wie 99,96 % unserer Mitbürger und liest diesen Blog nicht. Dennoch sei er an dieser Stelle mal gegrüßt. Hallo Max!

Ich habe einen Drehlichtschalter; sprich, ich kann die Stärke der Glühlampen durch Drehen justieren und habe ganz viele tolle Ausleuchtungsmöglichkeiten. Nicht nur doof an oder aus. Eine großartige Erfindung. Sollte es dafür einen weltbekannten Erfinder geben, ist der zwar wahrscheinlich tot, aber wenn ich hier schon abwesende Leute grüße, dann kann ich mich sicher auch bei Toten bedanken. Danke, danke, danke! Und wenn man den Schalter ein bisschen weiter dreht, ist es auch fast so hell wie mit drei Glühbirnen. Faulheit siegt!

Ich gebe euch Gänsehaut!

Ich habe jetzt etwa fünf verschiedene Blogeinträge bzw. -geschichten angefangen, aber alle verworfen, weil mir letztlich doch keine gut gefiel. Das ärgert mich sehr, aber folgende Themen sind (aus verschiedenen Gründen; Hauptgrund: Kreativitätsblockade) unter anderem durchgefallen: Abseitsfallen im echten Leben, „Bitte nicht im Stehen pinkeln“-Karikaturen, der Dinslakener Stadtteil Hiesfeld. Dann eben nicht. Es hätte so spaßig sein können. Stattdessen hier jetzt die Band „Gänsehaut“ mit ihrem Welterfolg „Karl der Käfer“. Er wurde nicht gefragt. Und dann hat man ihn fortgejagt. Skandal. Rettet die Wälder! Rettet die Käfer! Rettet alles!

Wenn Eberhard Waechter gewusst hätte, was er nie mehr wissen wird.

Und wie sie alle applaudieren. Unterschiedliche Frequenzen, dennoch gemeinsam. Dem Mann mit Frack in der achten Reihe hat es eigentlich gar nicht so gefallen, aber er möchte seine Frau mit dieser Meinung nicht enttäuschen. Sie fand es auch nicht so toll, spielt aber die Erfreute. Die Karten beim Preisausschreiben gewonnen, die vornehme Kleidung bei Verwandten geliehen und die Meinung der Allgemeinheit angepasst. Ein Besuch der Oper ist nicht ihr Stil, lieber Popcornkino. In der Oper gibt es nicht zu essen. Vielleicht gilt das nicht für alle Opern, aber für diese. Der Frackmann schaut auf seine Uhr, aber heimlich, denn sie ist weder teuer noch chic. Ein korpulenter Kulturfreund hat es bemerkt, denkt sich aber nichts dabei. Frackmanns Frau fühlt sich gut, vor allem fühlt sie sich zugehörig. Für wenige Stunden ist sie Teil der Besseren. Der Kultivierten. Sie erkennt nicht die Banalität dieses Gedankens. Zwanzig Leute rufen „Zugabe!“; Frackmann ruft mit, weil er weiß, dass das Ensemble diesem Wunsch nicht nachgehen kann oder will. Die Darsteller suhlen sich in diesen letzten Momenten in der unechten Begeisterung der Menge, man winkt dem Publikum letztmalig zu und muss die Bühne dann räumen. In zwanzig Minuten kommen die Putzmänner. Hier putzen nur Männer, weil der Intendant es lustig findet zu sagen, er habe Putzmänner in seiner Oper. Für seinen feinen Humor wird er überregional sehr geschätzt.

Frackmann will gehen und zwar nach Hause, aber Frau will noch fein essen gehen, we