Durchgeplantes Düdeldüdeldü

Ich bin ein Mann der Strukturen. Mein Körper hat Struktur, meine Texte haben Struktur und wenn ich das alte Stilmittel der Aufzählungen bemühe, dann nenne ich immer exakt drei Dinge, weil jede gut strukturierte Aufzählung das so macht. Eins, zwei, drei; ene, mene, mu und Glumanda, Glutexo, Glurak; zum Beispiel. Doch die schönste Struktur der Weltgeschichte der Strukturen habe ich in meinen Alltag eingewebt. Denn, wenn ich nicht gerade fremde Städte oder Bühnen mit meiner Anwesenheit beehre, halte ich mich strikt an einen auditiven Plan, den ich mir selbst ausgedacht habe, weil ich so verdammt kreativ bin. Die Spannung steigt, mein Plan geht so: Ich höre jeden Tag nur eine einzige Musiksparte. Abwechselnd und vorbestimmt. Stichwort: Fatalismus statt musikalisches Durcheinander! Um es zu konkretisieren: Mein Kalender gibt mir also vor, was ich höre. Was konventionellen Erdenbürgern außergewöhnlich ungewöhnlich erscheinen mag.

Schließlich ist anzunehmen, dass die meisten Leute nur das hören, was sie auch hören wollen. Aber so bin ich nicht. Ich brauche strenge Zwänge und obskure Strukturen, sonst langweile ich mich und das muss ja wirklich nicht sein, schließlich bin ich, wie bereits erwähnt, kreativ und zudem ein reisender Bühnenpoet. Die Leute zahlen bisweilen Geld dafür, nur um mich zu sehen und zu hören. Was ich verstehen kann. Schließlich liegt auch in meinem Zimmer stets ein Hut auf dem Boden, damit ich mir, wenn ich mich wieder einmal selbst gut unterhalten habe, einen kleinen Obolus zukommen lassen kann. Was zwar auch wieder sehr kreativ ist, jedoch kann man davon nicht leben, ich lande meistens bei plus/minus null. Doch ich schweife ab.

Montag.
Die Woche soll gut starten, deswegen ist der Montag auch der Tag für richtig, richtig gute deutsche Musik mit tollen Texten und virtuos gespielten Instrumenten, abseits der bis zum Klang-Tod mit platten Metaphern penetrierten Dienstleistungs-Schnulzen, die einem sonst so aus dem Radio ins Ohr geschwabbelt kommen. An dieser Stelle ein unherzliches: Fick dich, Tim Bendzko! Wenn Worte deine Sprache wären, dann hättest du vielleicht auch mal was zu sagen, stattdessen spülst du nur abgehangene Plattitüden in deine Texte, du singende Spülmaschine, du! Montags höre ich also nur sehr selten etwas.

Dienstag.
Um dann wieder zu guter Laune zu gelangen, ist der Dienstag der Tag der Musiker, die in ihren Texten deutsch und englisch mischen dürfen, weil sie es können. Sprich: Am Dienstag höre ich nur „Ja, Panik“. Die kommen aus Österreich und wohnen jetzt in Berlin. Österreichische Künstler, die irgendwann nach Berlin ziehen und dort dann erfolgreich werden. Hm. Dazu fallen mir absolut keine Witze und Vergleiche ein. Übrigens, ihr 2011er-Album „DMD KIU LIDT“ ist eines der besten Alben der letzten Jahre. Ernsthaft jetzt. Muss ja nicht immer alles Halligalli und hihihi sein hier.

Mittwoch.
Auch nicht am Mittwoch. Im Gegenteil. Ich mag Alliterationen, daher heißt dieser Tag bei mir nur „Melancholie-Mittwoch“. Traurige Songs über Liebe und so ein Gedöns. Ich mache mir dann eine heiße Tasse Schokolade (Milka, Sorte „Kuhflecken“), setze mich vor den Fernseher bei eingelegter Kaminfeuer-DVD und weine ein bisschen. Ja, ich weine. Das muss man doch mal zugeben! Ich weine. Manchmal bitterlich, manchmal süß-sauer, aber immer: zurecht. Ehrliche Tränen am Nachmittag. Auch ich habe eine romantische Seite in mir, so wie Bücher von Charles Bukowski.

Donnerstag.
Oh, Kontrastprogramm: Volksmusik. Überschwemmung der gespielten guten Laune. Akkordeons, ahahah, ist das euer Ernst? Volksmusik ist die ur-deutsche Flut, vor der uns selbst Noah nie retten würde. Hm, Volksmusik am Donnerstag. Möglicherweise ist diese Regel vom Abendprogramm des mitteldeutschen Rundfunks beeinflusst. Ja, das kann sein. Gut, dass ich donnerstags fast nie zu Hause bin.

Freitag.
Geilo, Wochenende! Natürlich muss ich freitags etwas Fetziges hören. Heavy Metal! Meine Haare wachsen pro Tag kurioserweise etwa um sieben Zentimeter, was wahrscheinlich ein lustiger Gendefekt ist. Er zwingt mich dazu, jede Woche zum Frisör zu gehen. Aber natürlich nur an Samstagen, damit ich an Metal-Freitagen noch wuchtig meine gigantische Haarpracht durch die Lüfte gleiten lassen kann. Es kommt vor, dass ich an Freitagen auf manche Menschen verstörend wirke. Aber das ist okay. Wie gesagt, obskure Strukturen finde ich total töfte.

Samstag und Sonntag verzichte ich komplett auf Musik. Der Mensch muss auch verzichten können. So wie dieser Text. Er hat kein Ende. Er geht immer weiter und wiederholt sich. Jede Woche. Ständig. Das kann anstrengend sein. Immerhin hat er eine gute Struktur.

Der Philofant

Mal Nachrichten

Guten Abend, meine Damen und Herren.

Hamburg.
Bei einer zunächst harmlos wirkenden Grundsatzdiskussion über Ethik, gleichgeschlechtliche Fortpflanzung und die Zukunft von süßem Kaffee-Gebäck starben bei einer Studentenfete in Hamburg-Altona zu später Stunde etwa zwölf Millionen Gehirnzellen. Darunter drei deutsche. Finanziell von uns abhängige Experten gehen davon aus, dass der bereits mehrfach vorbestrafte und pervers hoch besteuerte Alkohol im Spiel gewesen sei. Bestärkt wird diese These durch den selbst für Studenten ungewöhnlich beißenden Mundgeruch einiger Opfer. Zeugen berichten zudem von sehr schlechter Musik, die bis tief in die Nacht sogar noch in der Nachbarwohnung vernommen werden konnte. Akut tatverdächtig seien, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, der widerliche Whiskey von „netto“, diverse Produkte mit dem Etikett „Karlskrone“ und eine kanadische Kapelle namens „Nickelback“. Doch auch ein terroristischer Hintergrund könne zu diesem frühen Zeitpunkt der Ermittlungen noch nicht ausgeschlossen werden.

Die Staatsanwaltschaft warnt aus diesem Anlass vor allem dumme Menschen dringlich davor, durch den Konsum von Pseudorockmusik und billigem Alkohol das eigene Denken weiter einzuschränken. Die Gesellschaft habe schon genug doofe Heinis, die sich bei „Starbucks“ über große grüne Strohhalme und das kostenlose WLAN-Netz freuen würden. Es wird empfohlen, sich in Zukunft bei anbahnenden Diskussionen in geselliger Runde auf bewährte Dinge wie Party-Pumpernickel und Leitungswasser zurück zu besinnen. Dies würde die Gesprächskultur in Deutschland nachhaltig verbessern, außerdem schmecke Pumpernickel entgegen der landläufigen Meinung hervorragend und rege den Stoffwechsel angenehm an. Des Weiteren prüfe der Ermittlungsausschuss derzeit, inwieweit der Band „Nickelback“ mithilfe der Genfer Konventionen das Veröffentlichen von Langspielplatten außerhalb Kanadas verboten werden könne. Deutschen „Nickelback“-Fans bliebe dann zwar nur noch die Möglichkeit des Imports, aber das würden die beiden wohl noch schaffen, so der Sprecher weiter.

Auch ein Prominenter Befürworter dieser Maßnahme steht parat: Finanzminister Wolfgang Schäuble prangerte an, die Jugend solle sich lieber wieder auf richtigen Rock ‚n‘ Roll besinnen. Schließlich käme auch er nur bei ehrlichen Rockern wie Deep Purple oder Led Zeppelin so richtig in Fahrt. Überdies könne er das Spirituosen-Sortiment von Edeka empfehlen, das wäre „relativ günstig und vor jeder CDU-Ratssitzung ein echter Hit“, so Schäuble auf seiner Facebook-Fanseite. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle ließ bereits verlauten, ihm würde dies gefallen.

Hören Sie dazu nun einen Kommentar unserer estnischen Putzhilfe:
„Mul on väga hea meel olla televisioonis. Teiselt puuetega inimeste WC-s ei ole WC-paberit ei ole enam. Tere, emme! Üks, kaks, kolm, näkileib.“

Nachdenkliche Worte in einer Zeit, die viele Menschen unsicher werden lässt. Lesen Sie zusätzlich auch unser großes Online-Spezial auf www.irgendwasmitnachrichten.de: „Rockmusik und Schnaps – was die 68er unserer Jugend voraus hatten (und was nicht, Stichwort putzige Katzenvideos auf YouTube)“. Das Wetter fällt heute aus, die Sonne hat keinen Bock.

Guten Abend.

Im Badezimmer

Vielleicht lügt Musik nicht

Mitte der Neunziger. Wir zwei saßen im Auto, sind irgendwo hingefahren und haben Frank Zappa gehört. Genauer gesagt, „Joe’s Garage“:

It wasn‘t very large
There was just enough room
to cram the drums
In the corner over by the Dodge

„Joe’s Garage“ ist ein Song über einen Typen, der mit seinen Kumpels Rockmusik in einer dreckigen Garage macht. Plötzlich werden die Jungs um Joe mit ihrer Musik erfolgreich und berühmt. „Joe ist Englisch für Johannes“, hast du mir erzählt und mich dann gefragt, ob wir die nächste Ausfahrt nehmen sollten, damit ich Pipi machen kann. Ich habe mit dem Kopf geschüttelt und weiter der Musik gelauscht. Ohne, dass ich auch nur ein weiteres Wort des Textes verstehen konnte, dachte ich: „Joe’s Garage“ ist dann ja wohl mein Song. Ich wollte Trommler werden in einer Rock ‚n‘ Roll-Band. So wie Joe. Freunde hatte ich, eine Garage und Instrumente hätten sich sicher auch irgendwie auftreiben lassen. Bis dahin würde ich eben mit Stiften und Löffeln auf allem herum trommeln, was sich nicht schnell genug retten könnte. Ich glaube, für genau diese Situationen hat man Federmäppchen und kleine Schwestern.

Aber was ist letztlich aus meiner Musikkarriere geworden? Nichts. Meine Schwester ließ ich – was das betrommeln angeht – in Frieden, rudimentäres Gitarre spielen lernte ich erst spät mit siebzehn Jahren. Um es dann schnell wieder aufzugeben, weil du mir zwar einen guten Musikgeschmack, aber kein musikalisches Talent vererbt hast. So wurde aus mir dann doch kein zweiter Jimmy Page, nicht mal ein dritter oder wenigstens tausendster. „Stairway to Heaven“ werde ich niemals covern können. Immerhin, die Akkorde für ein fetziges „Im Frühtau zu Berge“ könnte ich bestimmt auch heute noch jederzeit greifen. Es sind ja auch nur drei: D7, G und C. Fallera, fallera.

Doch darum dreht es sich hier nicht, so wie es damals schon nicht darum ging, wirklich ein Schlagzeuger zu werden. Es geht nur darum, im Leben einen Traum zu haben. Wo auch immer der herkommt. Einfach nur das machen, was einem Spaß macht. Der scheinbar unerfüllbare Wunsch vieler Menschen: den monotonen Alltag gegen ein polyfones Füllhorn voller Abwechslung tauschen. Mal hier, mal da und welcher Tag morgen ist, weiß man erst, wenn man Zeitung gelesen hat. Wenn man so will, lebe ich derzeit so. Offiziell bin ich arbeitslos, inoffiziell jedoch ein freier Autor für mich selbst. Wodurch ich genug Zeit habe, um Texte zu schreiben und sie deutschlandweit zur allgemeinen Belustigung auf Kleinkunstbühnen oder in Kneipen vor Unbekannten vorzutragen. Ich bin quasi eine ewige Ein-Mann-Band und Worte sind mein einziges Instrument.

Mal lauschen die Leute meinen Kompositionen konzentriert, manchmal warten sie nur auf das Ende des Textes, um sich ein Bier holen zu können. Es ist immer anders. Nicht jeder Satz sitzt und vielleicht sind nicht alle meine Gedanken so klug und neu, dass ich hunderte Kilometer dafür fahren müsste, um sie zu teilen. Trotzdem gibt es am Ende jeder meiner Texte Applaus. Mal lauter, mal leiser, mal nur aus Höflichkeit. Mehr kann ich nicht verlangen. Und ob ich Kunst bin oder mache, ob ich unterhalte oder nerve, sollen von mir aus andere entscheiden, wenn sie denn unbedingt wollen. Ich mache nur das, was auch Joe getan hat.

Am Ende seines, na ja, unseres, Liedes zerbricht seine Band übrigens am Erfolg und Diversem. Joe schwört der Musik endgültig ab und nimmt eine Arbeitsstelle als Bäckerlehrling an. Niemand kann sagen, ob es bei mir nicht auch irgendwann so laufen wird. Erst recht konntest du es damals nicht, als du mir diesen Song im Auto vorgespielt hast, ohne Hintergedanken, einfach nur so, weil er dir gefiel. Mehr als zehn Jahre später lasse es jetzt darauf ankommen, dass es bei mir irgendwie klappt. Weil ich nichts Anderes kann. Weil ich nichts Anderes will. Aber ob ich auch von dir Applaus erhalten würde, das würde ich gern erfahren können. Ich kann es aber nicht und daran haben wir beide keine Schuld. Und das ist vielleicht das Schlimmste daran.

Guess you only get one chance in life
To play a song that goes like…

Klatsch klatsch, klatsch, klatsch, klatsch.

[Zitate aus „Joe’s Garage“ von Frank Zappa]

Vom Tag, an dem Schabrina Sick mit mir Kaffee trinken war

„Und? Sag mal! Wie war es gestern beim traditionellen Solinger Pfingst-Wett-Melken der trächtigen Zierkühe?“

„Ach du, der blasierte Bauer Balduin hat uns alle mal wieder tüchtig gefoppt, indem er sich auf den Rücken gelegt und mit Fingern und Zehen gleichzeitig gemolken hat, GLEICHZEITIG! MIT FINGERN UND ZEHEN! Dieser Frechdachs! Ich sag dir: Wenn eine Kuh mehr als vier Zitzen hätte, würde er doch auch noch Bauchnabel und Popoloch zum Melken verwenden, irgendwie, dieser doofe Baldiun! Hach, ich finde ihn so ungut! SO ungut!“

„Oh, das klingt ja nicht besonders töfte.“

„War es auch nicht! Untöfte war das! Die Hölle auf Erden, sag ich dir, DIE HÖLLE!“

Ich sitze auf einer Parkbank und werde unfreiwillig Zeuge dieses Dialogs. Eigentlich müsste man „Hörer“ des Dialogs statt „Zeuge“ sagen, doch weil die beiden Euter-Amigos beim Erzählen so prächtig und unkoordiniert gestikulieren wie zwei Meerschweinchen in der Mikrowelle, passt hier auch „Zeuge“ ganz gut. Ich mag es, wenn nicht nur Beine, sondern auch Arme tanzen dürfen. Das sollte es häufiger öffentlich geben: Tanzen für Arme. (Hier könnte Ihr Studentenparty-Witz stehen.) Eine putzige Entenfamilie watschelt vorbei, ich träufle großherzig ein wenig Fanta auf den Boden. Der kleinste Enterich nippt fröhlich daran. Ich schütte noch ein wenig mehr Fanta herunter, sodass sein Federkleid ein wenig klebrig und gelb wird. In meinem Kopf spielen sich leckere Bilder ab: gebackene Ente mit Fanta-Geschmack. Mhmmm.

Und dann mache ich etwas wahrlich Verrücktes: Ich denke über das vorhin Gesagte nach. Dabei kreisen meine Gedanken aber nicht um den Bauern Balduin oder die, zugegeben, etwas seltsamen Pfingst-Traditionen im bergischen Land, nein. Vielmehr bedenke ich, dass die Floskel „Hölle auf Erden“ hier völlig falsch verwendet wurde. Ist es denn wirklich so schlimm, wenn jemand anders cleverer war – selbst wenn er „Balduin“ heißt und es um den maximalen Milchertrag geht? Nö. Das ist Neid. Neid ist menschlich, also irdisch, also existent, also auch nicht die Hölle. Ich stehe auf, um sachgemäß und eloquent auf den linguistischen Fehler aufmerksam zu machen.

„IHR KNALLKÖPPE! IHR SEID DOCH KOMPLETT WACKELPUDDING IN DER BIRNE! Und passt auf. Ich sag euch zwei Zitzenzuzlern mal was. Wenn man Mario Kart spielt und in der letzten Kurve wird man von einem blauen Panzer von Platz eins verdrängt; wenn man in einem Buch einen japanischen Namen liest und sich diesen nicht übersetzen lassen kann, weil man diese geschnörkelten Zeichen nicht auf seiner Tastatur findet; wenn man auf einem Konzert ist und vor einem halten dreißig Idioten ihre Kamerahandys hoch, DAS ist die Hölle auf Erden! Und nicht euer provinzielles Kuhtitten-Problemchen da! Melkt eure Kühe doch mit dem Mund, dann muss euch wenigstens niemand mehr reden hören! Was ihr da für Unsinn erzählt, ist doch wahr.“

Sage ich, verneige mich staatstragend und setze mich zurück an meinen Platz, als sei nichts gewesen. Meinen hochgradig intelligenten Vortrag haben die Adressaten schweigend über sich ergehen lassen. Umso gespannter war ich, wie ihr Gespräch dann weiter verlaufen würde. Ich lauschte:

„Sag mal, warst du mal auf einem Konzert, wo die dann da so mitgefilmt haben?“

„Nö.“

„Ich auch nicht. Ich bin nur mal beim ZDF-Fernsehgarten gewesen, aber da durften wir selber nicht filmen, da durften wir nur fröhlich gucken und im Takt klatschen.“ (er macht das Klatschen vor, aber falsch, nämlich auf 1 & 3)

Hm. Mein kleiner Diskussionsversuch ist also verpufft. Die kleine Fanta-Ente schüttelt sich und läuft witzig watschelnd seiner Familie hinterher. Und ich stelle fest: die Hölle auf Erden ist, wenn man nichts gebacken bekommt.

Freund von Klischees und funkelnden Jacken

In Tante Gerdas Tanzcafé ist heute großer Ü50-Abend. Das heißt für Bernd: raus aus den Adiletten, rein in die alte Glitzerjacke. Sie glitzert und funkelt wie damals, als man ihn landauf landab nur den „Boogie-Bernd“ nannte und Parties noch Feten hießen. Früher, da war Bernd der Held in seinem Freundeskreis. Schließlich war er der Älteste und kam so immer am einfachsten an die drei wichtigsten Drogen: Zigaretten, Schnaps und Frauen. Jetzt, in 2012, ist wenig Heroisches geblieben. Nicht der Zahn der Zeit hat an ihm genagt, es war wohl eher ein komplettes Gebiss. Sein Gewicht hat sich verdoppelt; sein Äußeres ähnelt längst einem überdimensionalen, geplatzten Fußball, aus dem Arme und Beine so mitleidig und beiläufig herauslauern wie Salzstangen aus einem Mettigel.

Bernd hat ein Problem: er altert. Er altert jedoch nicht so gut wie manch ein Super Nintendo-Spiel oder ein Led Zeppelin-Album, nein. Vielmehr altert er eben, wie es Menschen leider meistens tun: unwürdig. Wenn das Leben ihn gezeichnet hat, dann ist es ein verdammt beschissener Maler. Es ist längst nicht mehr alles Bernd, was glänzt. Doch er flüchtet sich gern zurück in diese wilde Zeit von damals, die Siebziger, ach Gottchen waren die dufte! Bernd stopft seine Füße in fesche Lederschuhe und macht sich glitzernd auf zu Tante Gerdas Tanzcafé.

Am Eingang steht ein gelangweilt durch die Straßen blickender Taxifahrer. Als Bernd eintreten will, wird er gefragt, wie lange er bleiben wolle. Bis er umfalle, antwortet Bernd. Der Taxifahrer entgegnet: „Sagen wir, halb zwölf?“, Bernd schüttelt nur den Kopf und betritt stumm das Tanzlokal. An der Wand ein Plakat zur Veranstaltung: „Ü50 – auch altes Eisen kann sich biegen“. Drinnen angekommen erklingt Musik. John Paul Young, „Love is in the Air“. Bernd ist auf dem Weg zur Theke und wippt dabei lustig im Takt. Er bestellt sich ein Bier. Ein richtiges Bier. Eins ohne Zitronen, Äpfel, Kirschen, Grapefruit und all diesem Obstzeug, kurz: eins, bei dessen Geschmack Hopfen und Malz noch nicht verloren sind. Bernd mag es als Filou der alten Schule eben klassisch. Dann guckt er. Und guckt. Und guckt. Auf der Tanzfläche bewegen sich rund zwanzig rüstige Körper, die meisten unfreiwillig komisch und: allein. Selbst die großzügig parfümierten Damen. Riechen kann man ihre Bemühungen aber auch so. 4711 is in the Air. Liebe nicht.

Und dann wird gezappelt.

Wackel, du Wackelpeter, klapp die Achseln auf und zu!
Tanz, du Tanzmarie, rock den Rock und stepp den Schuh!

Wenn man zwischen den Songs ganz genau hinhört, kann man ganz leise ein paar Knochen knirschen hören. Bernd hingegen vernimmt etwas Anderes: „Boogie-Bernd! Da ist BOOGIE-BERND!!“, ruft ertönt es aus einer Ecke. Irgendjemand nimmt dies zum Anlass, am CD-Player auf Lied zwölf zu schalten. Es scheint unausweichlich. Baccara, „Yes Sir, I can Boogie“. Das ist Bernds Stichwort! Er stolpert in die Mitte des Raumes, wo er von roten und grünen Lampen ausleuchtet wird. Boogie, Boogie, all night long! Seine Glitzerjacke reflektiert jeden Lichtpartikel und wenn man den eigenen Kopf auf die Seite legt, lässt sich Bernd in seiner Glitzerjacke nur schwerlich von der Discokugel unterscheiden. Boogie, Boogie, whole life long! Seine dem fortgeschrittenen Alter geschuldete, etwas krude Interpretation des Boogie gefällt den Anwesenden ganz gut. Boogie, Boogie, Bernd hat’s im Blut! Sie klatschen und freuen sich und wähnen sich zurück in 1977.

Die kompletten vierzig Sekunden lang. Der Song läuft weiter, Bernd braucht eine Pause. Um ihn herum bildet sich eine begeisterte Kölnisch Wasser-Duftwolke. Seine alten Fans sind auch seine neuen Fans, auch wenn es immer noch alte Fans sind. Anders gesagt: Er hat es eben immer noch drauf! Die Legende Boogie-Bernd lebt. Weil sich eben auch altes Eisen noch ein bisschen biegen kann.

Bernd schaut auf seine Uhr. Es ist halb zwölf. Er setzt sich ins Taxi und fährt nach Hause.

Exklusive Vorschau: So wird 2012!

Frohes Neues! Oder so.