Das letzte Unterrichtsfragment im Geschichte-Leistungskurs war irgendwas mit Weimarer Republik. Unspannend. Aber juhu! Jetzt kommen die Nazis! Wenn vorsichtige Menschen heute über Hitler und seine bösen Onkel sprechen, dann fühlen sie sich innerlich dazu gezwungen, mindestens ein abwertendes Adjektiv oder besser noch: einen ablehnenden Nebensatz hinterher zu schmeißen. Damit auch ja niemand auch nur auf die Idee kommt, dass man Hitler nicht mindestens so scheiße findet wie den Nebenmann. (Äh, ich meinte natürlich wie sein Nebenmann.) Beispiel. „Schwanzlutscher, Juden und Behinderte wurden in Konzentrationslager gesteckt. Das mit den Juden hätte aber echt nicht sein müssen!“, oder „Yo, 1933 hat der Arschloch-Hitler mit seiner verfickten Scheiß-Partei NSDAP die Wahl gewonnen, voll uncool; ich hätte ja das gewählt, was Sie auch gewählt hätten, Herr Lehrer. Wie alt sind Sie eigentlich? Durften Sie 1933 schon wählen? Stimmt es eigentlich, dass in der Hitlerjugend untereinander Pornoheftchen aus besetzten Gebieten getauscht hat?“ oder natürlich den Klassiker „Obwohl er Autobahnen auf- und Arbeitslosigkeit abgebaut hat, war Hitler nicht so sympathisch wie Roland Koch, weil er Österreicher war“.
Witzig war auch, als im letzten Jahr zwei Leute im Deutschkurs nicht wussten, was der Holocaust war. Die meinten das ernst! Und man bedenke: ich wohne im Westen!
(links Guido im Jahr 1984, rechts Matthias ein paar Jahre später.)
Ich will diese Facebookscheiße nicht mitmachen. Nur um Fotoalben meiner Schwester ansehen zu können und wirklich nur deswegen habe ich ein Profil dort. Kein witziges Profilbild, keine bescheuerte Gruppe und ich weiß nicht, was es da sonst noch alles gibt, das ich nicht mache. Trotzdem habe ich dort zwanzig offene Freundschaftsanfragen. So viele Freunde habe ich nicht mal im echten Leben, geil! Ist ja auch egal. Jeden Montag gucke ich mit meiner Oma „Wer wird Millionär?“ und manchmal weiß ich sogar was. Sie kauft oft so Kaffeebonbons, ich habe den Namen vergessen, aber die sind echt prima. Ich weiß nicht genau, ob da wirklich Kaffee oder Koffein oder irgendwas Belebendes drin ist, aber haha, ich bin auch so schon ein aufgewecktes Kerlchen, zwinker zwinker. Es gibt auch Bonbons mit Cappuccino-Geschmack, aber Cappuccino ist totaler Quatsch, das ist ja wie Biermischgetränke. Eigentlich sind ja auch Kaffeebonbons Quatsch, aber Thermoskannen sind scheißeschwer.
Oft sind „beim Jauch“, wie Oma immer so nett sagt, junge Studenten, die ganz genau wissen, was sie mal werden wollen und wo sie das ganze Geld reininvestieren wollen. Komisch, noch nie hat jemand gesagt, dass er das Geld gnadenlos versaufen oder verjuxen will; ich glaube, dass die alle lügen. Dann sagt Oma, dass ich mir mal ein Beispiel an den fleißigen Studenten nehmen soll, weil die so fleißig und Studenten sind. Aber Lügner sind doof. Wenn ich mal beim Jauch bin und reich werde, werde ich wahrheitsgemäß sagen, dass mein Gewinn in Blödsinn investiert wird. Außer ich bin montags dran, dann muss ich wahrscheinlich lügen: weil dann guckt ja Oma zu.
Vor fast etwa ziemlich genau einem Jahr habe ich an dieser Stelle auf die immer noch tolle kanadische Band The Wind Whistles aufmerksam gemacht. Und die sind auf dem Netlabel mit dem netten Namen „aaahh records“. Dort gibt es immer wieder schöne und kostenlose Musik, zum Beispiel auch eine feine EP der Schwedin Emilie Lund. Aber um die soll es hier nicht gehen. Denn ich habe neben diesen zwei guten Künstlern auch noch eine sehr gute Band gefunden, die ich hier jetzt mal aus reiner Nettigkeit vorstellen möchte: Uniform Motions.
Uniform Motions sind drei junge Franzosen, die nicht nur Musik machen, sondern auch prima zeichnen und illustrieren können (was mich an Chad VanGaalen erinnert, aber das nur so am Rande). So gibt es nicht nur Musik, sondern auch ein Comicbuch und selbstkreierte Videos. Für jedes Lied je ein Comic bzw. Video! Und das alles „natürlich“ gratis – wobei man auch einen symbolischen Preis für dieses Stück Kunst zahlen kann. Tolle akkustische und nachdenkliche Musik, die untrennbar mit dem Visuellen verbunden ist. Passend also der Titel des diesjährigen Debüts: „Pictures“. Einen Nachfolger gibt es auch schon („Life“), erhältlich über die Bandhomepage. Außerdem habe ich gelesen, dass der Grafikdesigner Renaud Forestié bei Live-Auftritten der Band simultan zur Musik kleine Zeichnungen erstellt und diese an die Wand projiziert. Wie superkuhl ist das denn? Eine Deutschlandtour ist aber leider noch nicht geplant, während ich diese Zeilen schreibe.
Ich hasse es, Musik mit adäquaten Adjektiven und Vergleichen zu umschreiben, daher könnt ihr mir vielleicht einfach den Gefallen tun und das hier supi finden:
Uniform Motions – Falling Off Trees (MP3)
Also braucht ihr jetzt nur noch den wichtigen Link, den ihr bitte auch ausnahmslos alle anklicken sollt: zum kostenlosen Album „Pictures“ mit all seinen Comics, Videos und Tönen bei aaahh records. Applaus!
Sonst kam er immer pünktlich, zumindest relativ. Heute kommt der Bus Richtung Hauptbahnhof relativ unpünktlich. Ich und all die anderen Schulkinder (manche davon waren bestimmt Erstklässler, die nennt man hier gerne „I-Dötzchen“, aber ich habe diesen Ausdruck lange nicht mehr gehört, ist das noch aktuell?) wissen, dass die eigentlich vorgesehenen Anschlussbahnen und -busse für uns nicht mehr erreichbar sind. Und bis zur vorletzten Haltestelle hat man als Oberstufenschüler nie einen Sitzplatz und steht Arsch an Arsch mit irgendwelchen Siebtklässlern. Es wird keine Rücksicht genommen auf wenig Schlaf und Hausaufgaben, die man im Sitzen vielleicht noch schnell auf den Block kritzeln möchte. Meistens spielen die kleinen Kinder mit ihren Handys herum. Sie machen dann Fotos, wobei fast immer irgendeiner dabei ist, der unbedingt nicht fotografiert werden will und sich deswegen versteckt, oder sie spielen beknackte Minispiele. „Als ich so alt war wie ihr, da waren diese Teile noch so groß wie Ziegelsteine! Und auch so schwer!“ möchte ich zurufen, aber ich bin zu müde und ach, sollen sie doch. Mit meinem Handy kann ich nur Solitaire spielen. Zwei Grundschüler mit langen Haaren unterhalten sich über das gestrige Spiel des KFC Uerdingen und über den Einsatz von Stürmerstar Ailton. Sie waren nicht da, aber beim nächsten Spiel wollen sie unbedingt hin. „Ailton ist noch fetter als früher und läuft im ganzen Spiel sicher nicht mal einen Kilometer, knipsen wird der aber bestimmt noch!“ will ich als Dauerkartenbesitzer fachkundig mitteilen, aber ich bin zu müde; Kaffee wäre jetzt was Feines.
Beim Erreichen des Bahnhofs muss ich feststellen, dass bereits in fünf Minuten die Physiklehrerin meine Anwesenheit überprüfen würde; verdammte Scheiße, aber egal. Noch vier Minuten bis zur nächsten Bahn, da ist also noch ein bisschen Zeit für Lektüre und Kaffee holen drin. Habe die Bahn dann doch verpasst. Zum Glück fahren zwei Bahnen zu meiner Schule, komme dann nur mit einer Viertelstunde Verspätung zu Physik. Der Kaffee am Bahnhof schmeckt übrigens nicht so toll. „Hallo! Tschuldigung! Bus hatte Verspätung!“ und dann setze ich mich neben Félix. Félix schreibt man mit diesem Strich über dem E, da besteht er drauf. Er dachte, ich würde schwänzen. Ich? Quatsch! An der Tafel steht Irgendwas, ich schreibe es ab. Dann fällt einer in der ersten Reihe vom Stuhl. Er hat sich nicht wehgetan, also darf ich darüber lachen. Gut, dass der Bus doch noch gekommen ist. Danach weiter Physikzeug. Physik ist wie Latein. Ohne den Kaffee vom Bahnhof wäre ich längst eingeschlafen. Félix gibt mir den Tipp, früher ins Bett zu gehen. So oder so, morgen früh, 7:24 Uhr, Bushaltestelle, ich werde da sein!
Herr W. vom Geschichts-LK, falls sie hier mitlesen: es könnte sein, dass ich ein paar Minuten später zum Unterricht erscheine. Das dient dann aber nur meiner Aufmerksamkeit, weil Bahnhofskaffee. Sie wissen schon; der, der nicht so gut schmeckt.
Und wenn ihr mal wieder richtig laut lachen wollt, könntet ihr euch die hiesigen Rezensionen mal durchlesen:



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